Volksoper: Meine Schwester und ich

April 7, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Charme, Schuh und Millionen

Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, hat ein Auge auf ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot geworfen: Lisa Habermann und Lukas Perman. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerade als man dachte, mehr geht nicht, ging’s erst richtig los. Mit Tempo, Temperament und Tollheit, nach der Pause im zweiten Akt, was daran liegen mag, dass nun die beiden Hits zu hören sind, „Ich lade Sie ein, Fräulein“ und „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“, definitiv aber mit Herbert Steinböck zu tun hat, der als glückloser Schuhhändler Filosel ein kabarettistisches Kabinettstück liefert. Und mit Johanna Arrouas, die als seine von einer Karriere als Revuegirl träumende Angestellte Irma wohl die beste Leistung des Abends bietet.

An der Volksoper hatte in der Regie von Direktor Robert Meyer Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ Premiere, beinah muss man sagen, eine Neuentdeckung, ist die musikalische Klipp-Klapp-Komödie doch nicht nur erstmals am Haus zu sehen, sondern liegt die letzte Wiener Inszenierung mehr als vier Jahrzehnte zurück. Zur Zeit der Uraufführung 1930 war das Werk ein Riesenerfolg, was es nun – siehe Schlussapplaus – auch an der Volksoper zu werden verspricht, mit dem der Komponist gleichsam das Genre der Kammeroperette erfand. Ein feines Spiel im intimen Rahmen, kleines Orchester, weder Chor noch Ballett – wobei Robert Meyer und Dirigent Guido Mancusi diese Vorgabe auf ganz wunderbare Weise verwässern.

Im Gerichtssaal fängt es an. Das angedachte Traumpaar Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, und der Musikwissenschaftler Dr. Roger Fleuriot begehren die Scheidung. Doch der Richter will erst die Geschichte der beiden hören, bevor er ein Urteil spricht. Und so findet sich die Justiz rückversetzt in der Pariser Bibliothek der Prinzessin wieder, wo Roger beauftragt ist, den Bestand neu zu ordnen. Längst hat die millionenschwere Dolly ein Auge auf den mittellosen Akademiker geworfen, aber der scheut die Standesunterschiede und hält an seinen Vorstellungen von einer „schicklichen Ordnung“ fest. Als Roger nach Nancy abreist, um dort eine Professur an der Universität anzutreten, erfindet Dolly in Panik eine Schwester, der er ein Päckchen mitbringen soll.

Lukas Perman mit dem fabelhaften Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schuhhändler Filosel und Kunde Monsieur Camembert bemühen sich eifrig um Dolly: Herbert Steinböck, Lisa Habermann und Georg Wacks. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Eine beim Vater in Ungnade gefallene, nunmehrige Schuhverkäuferin, die Dolly selbstverständlich bis aufs Haar gleicht. Als Roger auf die in Geneviève verwandelte Dolly trifft, verliebt er sich im Moment, muss er dem vermutet einfachen Mädel gegenüber doch keine Minderwertigkeitskomplexe haben. In Filosels Laden kommt aber auch, schäumend vor Eifersucht, Dollys ungarischer Verehrer Graf Lacy de Nagyfaludi an – wie praktisch vom Plot, dass Dolly ihn Irma zuführen kann, deren Feuer der Magyar sofort erliegt. Die Paare finden sich, Champagner und Geld fließen, doch ist längst nicht alles Gold, was glänzt – und so erscheint erneut das Gericht, um eine Entscheidung über Dollys und Rogers Ehe zu treffen …

Meyer hat ein Ensemble versammelt, das punkto Gesang, Schauspiel und Tanz kaum Wünsche offen lässt, das sich mit Verve ins verrückte Treiben wirft, und dabei niemals die Komödiantik Richtung Klamauk überdreht. Ausstatter Christof Cremer stellt erst einen eleganten Art-déco-Salon auf die Bühne, später ein pastelliges Schuhgeschäft, alles atmet 1930er-Jahre, auch die ebenfalls in der Farbskala Rosé bis Magenta gehaltenen Kostüme. In diesem Setting brillieren die Darsteller, die freilich den von Benatzky verlangten „Singschauspielern“ stimmlich meist weit überlegen sind. Hausgast Lukas Perman, derzeit auch am Raimund Theater in „I Am From Austria“ zu sehen, überzeugt mit seinem Charme und seinem angenehmen Kavaliertenor, interpretiert eine Walzermelodie wunderschön Wienerisch, und meistert mit Witz die Wandlung Rogers vom tollpatschigen Gelehrten zum liebestrunkenen Draufgänger.

Lisa Habermann ist eine bemerkenswert quirlige Dolly/Geneviève, die wiewohl ohne Standesdünkel, sehr wohl weiß, wie man unter Einsatz von Geld seinen Kopf durchsetzt. Julia Koci legt ihre Gesellschafterin Henriette als kokettes Geschöpf an. Guido Mancusi führt das Orchester von Slowfox über Tango bis Shimmy zur Hochform, Andrea Heil hat dafür schwungvolle Choreografien ausgearbeitet, doch Benatzky wäre nicht Benatzky, hätte er nicht mit Augenzwinkern die Kollegen der Zunft aufs Korn genommen. So finden sich in „Meine Schwester und ich“ nicht nur parodistisch-opernhafte Passagen wie Irmas „Aber Filosel …“, sondern wird auch die große Silberne Operette persifliert, vor allem die damals beliebte Ungarntümelei – in der Figur des Lacy-bácsi.

Schuhverkäuferin Irma schockiert Filosel mit ihren Revuegirl-Allüren: Herbert Steinböck und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Doch der heißblütige Graf Lacy de Nagyfaludi verfällt ihr sofort: Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss gestaltet das heißblütige Blaublut großkariert und mit dezentem Akzent, und hat mit Lisa Habermann und „Um ein bisschen Liebe dreht sich das Leben“ und Johanna Arrouas und „Ach, wie süß ist die Liebe“ zwei der hervorragendsten Auftritte der Aufführung. Gemeinsam mit Herbert Steinböck als atemlos-schusseligem Filosel entzündet sich ein Feuerwerk an guter Laune. Alles an diesem Abend ist, um im Französischen zu bleiben, super sympathique. Nicolaus Hagg wird vom Gerichtspräsidenten zu Dollys treuem Faktotum Charly, Georg Wacks ist als Monsieur Camembert ein Kunde, den man ungern – nomen est omen – Fußbekleidung anprobieren lässt.

Bleibt, die vier Damen und vier Herren des Jugendchors zu erwähnen, um deren kleine Rollen als Beisitzer, Bedienstete, Revuetänzer das Benatzky-Personal aufgepeppt wurde, und deren Namen sträflicherweise nicht auf dem Programmzettel ausgewiesen sind. Wenn sich so der Nachwuchs des Hauses präsentiert, braucht man sich um die künstlerische Zukunft der Volksoper keine Sorgen zu machen. Bravo!

Leading Team und Darsteller im Gespräch; www.youtube.com/watch?v=F5_WXlFaruw  www.youtube.com/watch?v=DpToLeKwei8        www.volksoper.at

  1. 4. 2019

Herrschaft der Niedertracht: Robert Misik im Gespräch

März 29, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kurz ist der Mann mit dem gewissen Nichts“

Robert Misik. Bild: © Helena Wimmer

Nach einem Jahr türkisblauer Koalitionsregierung geht Publizist Robert Misik mit deren Protagonisten, ihren Ideen und dem politischen Zeitgeist, der nun weht, ins Gericht. Wie konnte sich der „neue Stil“, der weltweit auf dem Vormarsch zu sein scheint und den die österreichische Mitte-Rechts-Regierung für sich reklamiert, durchsetzen und wie gelangt er zu den verblüffend hohen Zustimmungsraten? Robert Misik im Gespräch über sein kürzlich im Picus Verlag erschienenes Buch „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“:

MM: Inhaltlich kann dieses Gespräch nur eine Überforderung werden, gibt es doch täglich etwas Neues zu berichten über diese Regierung. Lassen Sie uns bei der von ihr angekündigten Auflösung der Identitären beginnen: Sie selber haben bereits angemerkt, dass eine solche rechtsstaatlich problematisch sei, und auch Vereinsrechtsexperte Maximilian Kralik sieht sie als unwahrscheinlich. Ist das nicht ein weiteres Blendmanöver, eine Angelegenheit, die im Nichts versickern wird, wie die Prüfung der Burschenschaften?

Robert Misik: In dem Fall sehe ich es anders, weil die Sache für die Regierung, insbesondere die FPÖ, sehr unangenehm ist, weil es nicht nur um personelle Verstrickungen mit den Identitären geht, sondern auch um ideologische. Diese Idee vom großen Austausch, in diesem Phantasma, wir würden hier durch Demografie ausgerottet und müssen daher Angst haben, steckt auch die FPÖ tief drinnen. Wenn solche Formulierungen sich nun auch im Manifest dieses Massenmörders in Neuseeland finden, ist man natürlich peinlich berührt, weil man auf eine Art und Weise mit etwas verbunden ist, das Menschenleben gekostet hat, heißt: wo die Verhetzung durch diese mörderische Ideologie von jemandem wörtlich genommen wird. Deswegen muss man sich distanzieren von den Identitären und sie prüfen. Natürlich ist das eine Blendgranate, und das ist gut so, weil es nicht die Aufgabe der Regierung ist, in einem rechtsstaatlichen System Vereine zu verbieten. Das ist die Aufgabe der zuständigen Behörden, und am Ende des Tages auch des Gerichts. Ich will von einem Bundeskanzler nicht hören, dass irgendetwas verboten ist. Das ist nicht sein Job.

MM: In Ihrem aktuellen Buch „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“ nehmen Sie sich kein Blatt vor den Mund. Der Text ist sehr angriffig, an etlichen Stellen sogar polemisch zu nennen. Geschah das getreu der Redensart, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört?

Misik: Eine polemische Sprache, eine Angriffslust auch in der Formulierung, ist nicht unbedingt ein grober Keil, sondern ein bestimmter Gestus. Ich habe, um bei der Stilistik des Buches zu bleiben, Karl Marx und Kurt Tucholsky gelesen, all diese großen Polemiker des Pamphletismus, um mich beim Schreiben inspirieren zu lassen und in einen bestimmten Sound zu kommen – und mich, getreu des Brecht-Mottos, lax in Fragen des geistigen Eigentums zu sein, bei ihnen auch schamlos bedient. Ich glaube, dass das notwendig ist, denn dieses bedächtige Hin und Her, einerseits, andererseits, die nüchterne Sprache des Analysierenden, ist etwas anderes, als die politische Streitschrift. Und eine Streitschrift sollte es ein.

MM: Diese Streitschrift fällt nicht in die Kategorie Satire. Wie leicht kann man da geklagt werden.

Misik: Es ist relativ wenig drinnen, das geklagt werden kann, das kann man nur bei Beleidigungen und Falschbehauptungen, und so etwas habe ich nicht geschrieben. Allerdings stimmt es, die FPÖ klagt gerne, selbst in Fällen, wo sie nicht gewinnen kann. Wie man am Fall des Herrn Strache gegen Rudi Fußi sieht, und seiner Behauptung, dass ein echtes Foto gefälscht ist. Man kann jeden Unsinn klagen, da ist die FPÖ ganz geübt darin. Bei meinem Buch, denke ich, werden sie’s eher bleiben lassen, denn müsste ich in der Praxis das beweisen, was ich geschrieben habe, einen größeren Gefallen könnten sie mir gar nicht tun.

MM: Der Kabarettist Thomas Maurer hat in einem seiner Programme die Frage gestellt, wie viel Toleranz man gegenüber den Intoleranten aufbringen müsse. Was meinen Sie?

Misik: Das ist eine schwierige Frage, weil sich damit auch die Frage stellt, von welchen Menschen wir da reden. Ich brauche keine Toleranz gegenüber einer Regierung der Intoleranten zu haben. Bei Menschen, die vielleicht angesteckt sind, von einigen Motiven davon, Angst um die Zukunft, Angst um das Leben in der Stadt, da muss ich nicht den Inhalten gegenüber tolerant sein, den Menschen gegenüber aber sehr wohl. Mit denen dann in ein Gespräch zu kommen und Meinungen auszutauschen, ist wichtig. Abgesehen davon, dass nicht jeder, der nicht meiner Meinung ist, mein Gegner ist.

MM: So, wie Sie mit der gegenwärtigen Regierung ins Gericht gehen, möchte ich Sie fragen: Muss man ein Wahlergebnis nicht zur Kenntnis nehmen?

Misik: Ein Wahlergebnis muss man zur Kenntnis nehmen, man muss generell gesellschaftspolitische Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen. Nur, das hindert mich nicht daran, zu versuchen, diese Wirklichkeit zu verändern. Das ist ja der Sinn von Opposition in einer Demokratie: Sie muss die Regierung vom ersten Tag an bekämpfen und versuchen, dieses Wahlergebnis und diese Mehrheitsverhältnisse wieder zu verändern. Gerade bei der jetzigen Regierung gibt es ein großes Fragezeichen der Legitimität dieses Wahlergebnisses, denn die Überschreitung der Wahlkampfkosten ist keine Kleinigkeit gewesen. Wenn jemand statt sieben Millionen 13 Millionen ausgibt, dann ist das eine grobe Verzerrung der Grundlagen, so dass man die Rechtmäßigkeit des Wahlergebnisses zumindest diskutieren kann.

MM: Orten Sie so etwas wie eine wahre Stimmung im Land?

Misik: Die wahre Stimmung gibt es nicht. Es gibt keine Volksstimmung, weil es kein Volk, sondern nur eine Bevölkerung gibt. Es gibt verschiedenste Bevölkerungsgruppen und Milieus, die auf verschiedenste Weise ticken. Es ist immer ein Amalgam von Stimmungen, die die einzelnen Menschen, die einzelnen Gruppen haben. Wenn wir an der Oberflächlichkeit pro Regierung, contra Regierung bleiben, einem Fehlschluss erliegen, weil weder die Anhänger der Regierung noch die, die ihren Ansichten ein bisschen zuneigen, allesamt Rassisten, Ausländerfeinde, Menschen mit Hartherzigkeit sind, noch sind die anderen vollkommen das Gegenteil. Es gibt eine große Grauzone in der Mitte, in der viele sagen, diese Gehässigkeit, diese Politik der Niedertracht geht mir zu weit, aber ich verstehe schon, im Jahr 2015 haben wir uns mit den Flüchtlingen übernommen, heißt: dass in der Mitte der Bevölkerung beide Motive in einer Person schlummern können. Die wahre Stimmung im Land besteht eher aus diesem und vielen anderen Mischungsverhältnissen.

MM: Interessant, dass Sie das sagen. Der Soziologe Heinz Bude hat bei der Leipziger Buchmesse gerade gesagt, die so genannte Mitte gibt es nicht, sie ist eine Illusion, die es nie gegeben hat.

Misik: Das glaube ich ja auch, aber das heißt aber noch lange nicht, dass wir in der Gesellschaft nur aus zwei Menschenschlägen bestehen, die einen 100%-ig rechts, die anderen 100%-ig links. Nun kann man sich natürlich die Frage stellen, was diese Kategorisierungen heute für Wahlentscheidungen überhaupt noch bedeuten und inwieweit sie relevant sind. Es gibt definitiv Leute, die der Meinung sind, sie erhalten den Sozialstaat und die da oben richten sich’s, was eher eine sozialdemokratische Haltung wäre, und die gleichen Leute haben in Sicherheitsfragen oder Diversityfragen eher Haltungen, die wir als rechts bezeichnen würden. Na, was ist dann eine solche Person? Das ist ganz schön kompliziert.

MM: Ein ganzes Kapitel Ihres Buches widmen Sie Bundeskanzler Sebastian Kurz. Sie bezeichnen ihn unter anderem als Künstliche Intelligenz. Was meinen Sie damit?

Misik: Kurz hat hohes Talent, das ist unbestritten, sonst hätte er es nicht so weit gebracht. Seine Talente liegen, könnte man sagen, im Intrigantentum, positiv formuliert in der Bildung einer Seilschaft, einer verschworenen Prätorianergarde, die schon, als er noch „nur“ ein Ministeramt hatte, sich auf die Übernahme von allem vorbereitet hat. So zielstrebig mit einer Gruppe, die an einem Strang zieht und auch weiß, wo sie hin will, habe ich noch nie einen Politiker agieren sehen. Und das eigentlich, ohne dass es irgendwo rumpelt. Das zweite Talent ist, dass Kurz für nichts steht. Als er als Integrationsminister in diese Regierung gekommen ist, war er der junge Mann, der seine Partei symbolisch entlüftet hat, der von Willkommenskultur gesprochen hat. Das hat er glaubhaft verkörpert, bis er auf die Idee gekommen ist, dass, wenn er das Gegenteil behauptet, ihm das politisch nützlicher ist. Und auch das hat funktioniert, und zwar permanent umwölkt von Slogans, die nichts aussagen. Der Wahlkampf, der inhaltlich überhaupt nichts aussagte, war diesbezüglich der Höhepunkt. Das heißt, Kurz ist geradezu genial darin, nichts zu repräsentieren, außer offen für alle Projektionen zu sein. Deswegen nenne ich ihn ja auch, und das kann man zynisch oder auch gemein nennen, den Mann mit dem gewissen Nichts. Er ist einer, der versucht, so wenig wie möglich an Eigenschaft zu repräsentieren, und stattdessen offen zu sein für die Zuschreibungen von allen. Kurz hat diese Rolle immer perfekt gespielt. Wenn man ihm zuhört, hat man nie das Gefühl, da ist irgendein Satz nicht auswendig gelernt, da ist irgendeine Äußerung authentisch. Er redet wie ein Roboter.

MM: Wie steht’s um seine Machtpolitik hinter den Kulissen? Siehe die Kurz nachgesagten Verquickungen mit Investor René Benko.

Misik: Diese Verbandelung mit der Wirtschaft beherrscht Kurz als ÖVP-Schüler sehr gut. Aber über die Geschichte Kurz-Benko weiß man noch zu wenig, als dass ich da schon etwas analysieren möchte. Nicht zuletzt, da Benko es sich zum eigenen Vorteil gern mit vielen gutstellt – und was er mit der Kronen Zeitung vorhat: keine Ahnung? Oder mit dem Kurier.

MM: Sie besprechen auch den Umstand, dass es den privaten Sebastian Kurz nicht gibt, im Gegensatz zu H.C. Strache, der uns an seinem Vaterglück teilhaben lässt, oder dem neuerdings öffentlich frühstückenden Innenminister Kickl.

Misik: Wenn Kickl im Radio frühstückt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ist das auch eine Medieninszenierung. Was an Kurz interessant ist, ist, dass er diszipliniert ist, und das, was an ihm echt ist, nie nach außen dringen darf. Es wird schon irgendwas echt an ihm sein, es wird einen privaten, authentischen Kurz geben, nur hat den in der Öffentlichkeit noch niemand zu Gesicht bekommen.

MM: Wie kann man mit diesem Konzept reüssieren? Die Leute wollen doch in der Regel den Menschen hinter dem Macher erspüren, einen Schlüssellochblick auf die Mächtigen erhaschen.

Misik: Ja, das ist eine interessante Frage, in einer Zeit, in der auch Authentizität so hoch gehandelt wird, warum ein Politiker, der so unauthentisch ist, so gut funktioniert. In Wirklichkeit weiß jeder Zuseher, Kurz spielt eine Rolle und er spielt sie gut. Es gibt vielleicht eine Art Hochachtung vor dieser Professionalität, vor jemandem, der das durchzieht, ohne jemals zu stolpern und ohne jemals links oder rechts zu schauen.

MM: Es gibt einen Punkt in Ihrem Buch, mit dem ich nicht d’accord gehe. Sie bezeichnen den Innenminister als überfordert. Ist es nicht so, dass Herbert Kickl der Chefideologe, der Stippenzieher, und als solcher unantastbar ist.

Misik: Auch Kickl macht das, was er sein will, nämlich der Unruhestifter, der durch irrwitzige Forderungen die Unique Selling Proposition der FPÖ hervorkehrt, was gar nicht so einfach ist, nachdem ihnen die ÖVP die Hälfte des Wahlprogramms geklaut hat, hervorragend. Das hat schon eine Professionalität. Auf der anderen Seite führt er ein schwieriges Ministerium, und da ist er nicht erfolgreich, da misslingen ihm die Dinge dauernd. Den BVT so zu zerschlagen, dass es eine Staatsaffäre wird, und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss am Hals zu haben, da gehört was dazu.

MM: Was wurde eigentlich aus der SPÖ?

Misik: Die SPÖ hat kurzfristige und langfristige Probleme. Das kurzfristige ist, dass sie aus der Regierung in die Opposition gekommen ist, was immer schwierig ist, weil du Politiker hast, die geschult sind, Regierungsarbeit zu machen, Ministerien zu administrieren, und die nicht die Rolle des angriffigen Underdogs positiv übernehmen. Das braucht eine Zeit, sich darauf einzustellen. Das langfristige Problem der SPÖ ist, dass ihre Anhängerschaft in zwei Milieus zerfallen ist, die früher eine Allianz waren: die unteren Mittelschichten, die ehemalige Arbeiterklasse, und die urbanen, liberalen Bürgerlichen. Aufgrund dessen hat sich auch eine Art Fraktionskampf entwickelt, auf der einen Seite die Vorstadt-, die Proletariats-Sozialdemokraten, auf den anderen die moderne Sozialdemokratie – sehr sehr versimpelt gesagt. Derartige Fraktionskämpfe werden zu Machtkämpfen, da werde Wunden geschlagen, bis sich am Ende alle gegenseitig hassen. Das gärt in der SPÖ schon länger, und das alles zusammen führt zu dem Zustand, in dem die SPÖ zurzeit ist. Dazu kann man negativ sagen, das ist die Abwärtsspirale aus der es kein Entrinnen mehr gibt, oder positiv, das ist eine andere Lage: Es gibt eine neue Vorsitzende, einen neuen Wiener Bürgermeister, der nächstes Jahr lebenswichtige Wahlen zu schlagen hat, man wird sich also zunehmend zusammenraufen. Man wird sehen, man weiß es nicht. Es ist zu früh, um da jetzt Prognosen abzugeben.

MM: Ist Frau Rendi-Wagner eventuell zu vornehm, um sich gegen die diversen Zurufer aus den Bundesländern zu wehren?

Misik: Das glaube ich nicht. Wenn ein Landeshauptmann aus dem Burgenland dauernd gegen die in Wien keppelt, dann nützt ihm das im Burgenland. Aber auf Bundesebene kann er damit nichts erreichen. Der Nummer eins das Leben schwer zu machen, ist etwas ganz anderes, als die Nummer eins zu sein.

MM: Trotzdem ist es eine Kunst, den Gemeindebau so ziemlich komplett zu verlieren. Was rennt da falsch?

Misik: Zum einen trauen diese Menschen der SPÖ nicht mehr zu, dass sie ihre ökonomischen und materiellen Bedingungen verbessert. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, die SPÖ-Politiker sind vom Lebenskulturellen her nicht mehr ihre Leut‘, sondern die kommen aus einer anderen Welt. Diese Menschen haben das Gefühl, ihnen hört niemand mehr zu, ihre Interessen vertritt niemand, sie werden gesellschaftlich abgehängt, und das führt zu einem populistischen Moment, wenn einer kommt, der sagt, ich bin einer von euch, ich bin gegen die da oben, dann rennt man dem eher nach, sogar dann, wenn es einem eigentlich gar nicht so schlecht geht – und umso mehr, wenn man das Gefühl hat, zunehmend an den Rand gedrängt zu sein.

MM: Ihr Buch beinhaltet auch eine ziemlich harsche Medienschelte. Was konkret werfen Sie der österreichischen Presse vor?

Misik: Dass man in der Berichterstattung über eine bestimmte Angelegenheit nach zwei Monaten das Gefühl hat, das ist doch eh Normalität. Schluss mit der Dauerempörung, bleiben wir doch cool! Diese Haltung, die eine menschliche ist, führt dazu, dass man Dinge als gegeben nimmt, von denen man es nicht dürfte. Das betrifft im Prinzip jeden, doch bei den Kolleginnen und Kollegen von den Medien ist es besonders fatal, weil die eigentlich die Aufgabe hätten, die Regierung mit oppositioneller Verve zu verfolgen, und nicht, sich an sie anzubiedern. In diesem generellen Mechanismus gibt’s noch ein paar, die sich diesbezüglich besonders hervortun, und noch dazu dabei mitmachen, der Opposition nachzustellen, statt der Regierung nachzustellen. Auch da gibt es so eine Art Korpsgeist, man dürfe sich als Journalisten nicht gegenseitig kritisieren. Ich pfeife auf diesen Korpsgeist, den gibt es für mich nicht, das ist ja absurd.

MM: Hat diese Kniefallberichterstattung mit der Macht der Regierungsinserate und deren aktueller Verschiebung Richtung genehm berichtender Medien zu tun?

Misik: Die Inseratengeschichte spielt sicher eine Rolle, dass Medien, die ohnedies regierungstreu sind, mit Inseraten belohnt werden, während die, die regierungskritisch sind, mit Inseratenentzug bestraft werden. Alleine wissend um die Möglichkeit, dass das passieren könnte, führt ja das schon zu einem Anpassungsdruck. Dass in einem kleinen Land wie Österreich, in einer Zeit der Printkrise, das Ganze noch einmal ärger ist, ist logischerweise klar. In Deutschland können sich kritische Medien allein durch Wirtschaftsinserate von der Regierung unabhängig machen, in Österreich ist jeder finanziell zumindest ein bisschen abhängig von den Regierungsinseraten.

MM: Welche Position nehmen Sie als freier Journalist da ein – Gewissen der Nation, Aufdecker, Aufrüttler?

Misik: Freier Journalist zu sein, ist nur noch ein ganz kleines Spielbein von mir. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge, kuratiere Veranstaltungen, mache Ausstellungen, Theaterstücke … Ich bin als Autor sicher einer der unabhängigsten, da ich so diversifiziert arbeite. Ich brauche mir weder um Medienkonzerninteressen noch politische Anpassungen große Gedanken zu machen, wenn mich wer nicht mehr will, bricht mir halt ein Teil meines Einkommens weg, den ich mir woanders wieder reinhole. Das gibt mir eine wahnsinnige Freiheit, die mich nur meiner persönlichen politischen Haltung verpflichtet hält.

MM: Wie wurde Ihr Buch denn bis dato rezensiert?

Misik: Nicht sehr. Die taz hat berichtet. Der Standard auch. Manches wird vielleicht noch kommen. Aber bei bestimmten Medien gibt es sicher so etwas, wie ein Totschweigen des Buchs, eine ganz kleine Verschwörung, darüber nicht zu schreiben.

MM: Ein Fazit aus dem, was sie geschrieben haben: Ist der Zug nun abgefahren oder nicht?

Misik: Der Zug ist nie abgefahren. Wir sind ein demokratisches Land mit einer Bevölkerung, der man diese Demokratie noch nicht ausgetrieben, die man nicht eingeschüchtert hat. Wir sind nicht Ungarn. Wir können aber Ungarn werden, ohne Zweifel. Nur ist Kurz nicht Orbán, Strache wäre Orbán. Wir haben eine schiefe Ebene etabliert, indem wir nun diese Regierung haben, die alles zur Delegitimierung der parlamentarischen Opposition, der zivilgesellschaftlichen Opposition tut. Sie tut alles, damit kritische Stimmen aus der Öffentlichkeit tendenziell verschwinden, damit die Medien auf Linientreue getrimmt werden …

MM: Was bleibt dann als Positives an diesem Land?

Misik: Dass es ganz viel Widerstand gibt. Die Wiener Bevölkerung ist grosso modo in Opposition. Es gibt Demonstrationen jeden Sonntag in Vorarlberg, die Caritas wehrt sich, es gibt viele Leute, die in einer Art positiver Kampfeslaune gegen diesen politischen Stil sind. Ich glaube, dass das irgendwann zu einem Kippeffekt führen muss. Die Leute werden für blöd verkauft, sie sind es aber nicht, sie durchschauen dieses Schüren von Hass, dieses Aufganseln, dieses Verbreiten simpler Wahrheiten. Das werden die Menschen bald satt haben, und wissend, dass die Wirklichkeit etwas Komplexes ist, wieder die komplexen Antworten hören wollen. Wir werden uns noch wundern, wie schnell die Menschen das satt haben werden.

TIPP: Am 1. April um 19 Uhr lädt das Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog (www.kreisky-forum.org) zur Diskussion über das „System der Niedertracht“. Mit Robert Misik sprechen Balazs Csekö, Politologe, Journalist und Blogger, Lorenz Gallmetzer, Journalist und Buchautor, und Susanne Hofer, gf. Bundesjugendvorsitzende des ÖGB.

Die Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32356          www.misik.at          www.picus.at

29. 3. 2019

Robert Misik: Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!

März 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein österreichisches „Empört Euch!“

Nach einem Jahr türkisblauer Regierung platzte Robert Misik der journalistische Kragen. So lässt sich sein aktuelles Buch, eine schmale Streitschrift, erklären. „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“ heißt sie und liest sich, wie im Furor zu Papier gebracht – kämpferisch, provokativ, um deftige Worte nicht verlegen. Misik, bekannt als engagierter linker Intellektueller, geht mit der derzeitigen Staatsspitze hart ins Gericht. Er veranschaulicht deren geplanten Komplettumbau der Republik, die um sich greifende „Selber schuld“-Mentalität und wie diese den Abriss des Sozialstaats bedingt.

Und, nein, Misik denkt nicht, dass man ein Wahlergebnis einfach so zur Kenntnis nehmen muss, wenn er über „die Berufsparanoiden in Regierungsämtern“ und den „Klassenprimus der Diffamierung“ schreibt. Er diagnostiziert einen Konkurrenzkampf der Koalitionäre, einen „Überbietungswettbewerb darin, wer der schlimmere Finger, der autoritärere Typ, die fieseste Figur ist, wer wüster die Opposition attackiert, wer glaubwürdiger verkörpert, Ausländer zu sekkieren, Flüchtlinge abzuschrecken, Migranten zu quälen“. Und, nein, nach der Lektüre dieses Buches ist es nicht so, dass man tief und fest schlafen kann.

Für den neuen Stil macht Misik Bundeskanzler Sebastian Kurz hauptverantwortlich, dem er ein komplettes Kapitel widmet, in dem er ihn „Kunstfigur“, „Roboter“, „eine ganz eigene Form der Artificial Intelligence“, „eine Figur ohne Eigenschaften, der Mann mit dem gewissen Nichts“ nennt. Womit Misik einen Typus beschrieben haben will, der keinen anderen erkennbaren politischen Willen zu haben scheint, als den, die Verkörperung des Zeitgeists zu sein – weshalb er punkto Umfrage-Ergebnissen naturgemäß durchgängig oben sein muss. Mit einer Propaganda, die er selbst nicht glaube, stehe Kurz für „die Kapitulation der Bürgerlichkeit und ihrer Werte.“ Begriffe wie Anstand, Moral, Verantwortungsgefühl seien diesem System längst abhanden gekommen.

Dass diese Übung gelingt, ortet Misik auch als Verantwortung „der Bück- und Kniefallredakteure“, er, der seit Jänner diesen Jahres seinen Videoblog nicht mehr auf Standard online veröffentlicht, berichtet von der Einschüchterung von Journalisten, dem Austausch von Chefredakteuren und einer Inseratenpolitik, die sich Richtung zu Willen seiender Medien verschiebe. Die Verquickungen sind evident, den meisten Wirbel bis dato gab es um Rekrutierungsinserate für die Polizei in einem einschlägig rechten Wochenblatt, davor über ein E-Mail des Innenministeriums an die Landespolizeidirektionen, Infos für namentlich genannte kritische Medien zu beschränken. An diese floss im dritten Quartal 2018 auch kein Geld aus dem Werbeetat des BMI.

Für Befürworter dieser gesellschaftlichen Entwicklungen hat Misik das Wort „Lumpenbourgeoisie“ parat, und erläutert im Jargon der Sozialwissenschaft die „rohe Bürgerlichkeit“ als den sadistisch-masochistischen Gemütszustand jener Kleingeister, die stets von der Angst zerfressen sind, vor Selbstmitleid zerfließende Spießernaturen, die den Parolen folgen wie das Schlachtvieh seinem Schlachter. Zwischen Demokratien und Diktaturen, so Misik, beschleiche einen langsam die Ahnung, „dass es auch Grauzonen gibt“. Dass die etablierten Linksparteien in ihrem Bemühen um die Wählerinnen und Wähler versagt haben und weiter versagen, wird aber auch Robert Misik beglaubigen müssen.

In einem höchst emotionalen Schlussplädoyer wendet er sich ergo direkt an die Leserinnen und Leser: „Empört euch. Gebt nicht klein bei. Leistet keinen vorauseilenden Gehorsam. Seid nicht feige, seid mutig. Haltet nie die Mitte, wenn die Mitte Richtung Rohheit rutscht.“ Die neue Politik funktioniert, weil sie eine Angstkultur nutzt. Diese muss man beargwöhnen, aber nicht fürchten.

Über den Autor: Robert Misik, geboren 1966, ist Journalist und politischer Schriftsteller und schreibt regelmäßig für die Berliner tageszeitung, die Berliner Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Wiener Falter. Zahlreiche Preise, etwa der Bruno-Kreisky-Förderpreis, 2010 Journalist des Jahres in der Kategorie Online. 2009 Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik. Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen im Picus Verlag „Was Linke denken“ (2015), „Ein seltsamer Held“ (2016) und, zusammen mit Christine Schörkhuber und Harald Welzer, „Arbeit ist unsichtbar“ (2018). 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.

Picus Verlag, Robert Misik: „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“, Sachbuch, 144 Seiten.

Robert Misik im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32551           www.misik.at          www.picus.at

FS-Misik Spezial Folge 586: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=6d657jhcnAg

  1. 3. 2019

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

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