Robert Misik: Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!

März 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein österreichisches „Empört Euch!“

Nach einem Jahr türkisblauer Regierung platzte Robert Misik der journalistische Kragen. So lässt sich sein aktuelles Buch, eine schmale Streitschrift, erklären. „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“ heißt sie und liest sich, wie im Furor zu Papier gebracht – kämpferisch, provokativ, um deftige Worte nicht verlegen. Misik, bekannt als engagierter linker Intellektueller, geht mit der derzeitigen Staatsspitze hart ins Gericht. Er veranschaulicht deren geplanten Komplettumbau der Republik, die um sich greifende „Selber schuld“-Mentalität und wie diese den Abriss des Sozialstaats bedingt.

Und, nein, Misik denkt nicht, dass man ein Wahlergebnis einfach so zur Kenntnis nehmen muss, wenn er über „die Berufsparanoiden in Regierungsämtern“ und den „Klassenprimus der Diffamierung“ schreibt. Er diagnostiziert einen Konkurrenzkampf der Koalitionäre, einen „Überbietungswettbewerb darin, wer der schlimmere Finger, der autoritärere Typ, die fieseste Figur ist, wer wüster die Opposition attackiert, wer glaubwürdiger verkörpert, Ausländer zu sekkieren, Flüchtlinge abzuschrecken, Migranten zu quälen“. Und, nein, nach der Lektüre dieses Buches ist es nicht so, dass man tief und fest schlafen kann.

Für den neuen Stil macht Misik Bundeskanzler Sebastian Kurz hauptverantwortlich, dem er ein komplettes Kapitel widmet, in dem er ihn „Kunstfigur“, „Roboter“, „eine ganz eigene Form der Artificial Intelligence“, „eine Figur ohne Eigenschaften, der Mann mit dem gewissen Nichts“ nennt. Womit Misik einen Typus beschrieben haben will, der keinen anderen erkennbaren politischen Willen zu haben scheint, als den, die Verkörperung des Zeitgeists zu sein – weshalb er punkto Umfrage-Ergebnissen naturgemäß durchgängig oben sein muss. Mit einer Propaganda, die er selbst nicht glaube, stehe Kurz für „die Kapitulation der Bürgerlichkeit und ihrer Werte.“ Begriffe wie Anstand, Moral, Verantwortungsgefühl seien diesem System längst abhanden gekommen.

Dass diese Übung gelingt, ortet Misik auch als Verantwortung „der Bück- und Kniefallredakteure“, er, der seit Jänner diesen Jahres seinen Videoblog nicht mehr auf Standard online veröffentlicht, berichtet von der Einschüchterung von Journalisten, dem Austausch von Chefredakteuren und einer Inseratenpolitik, die sich Richtung zu Willen seiender Medien verschiebe. Die Verquickungen sind evident, den meisten Wirbel bis dato gab es um Rekrutierungsinserate für die Polizei in einem einschlägig rechten Wochenblatt, davor über ein E-Mail des Innenministeriums an die Landespolizeidirektionen, Infos für namentlich genannte kritische Medien zu beschränken. An diese floss im dritten Quartal 2018 auch kein Geld aus dem Werbeetat des BMI.

Für Befürworter dieser gesellschaftlichen Entwicklungen hat Misik das Wort „Lumpenbourgeoisie“ parat, und erläutert im Jargon der Sozialwissenschaft die „rohe Bürgerlichkeit“ als den sadistisch-masochistischen Gemütszustand jener Kleingeister, die stets von der Angst zerfressen sind, vor Selbstmitleid zerfließende Spießernaturen, die den Parolen folgen wie das Schlachtvieh seinem Schlachter. Zwischen Demokratien und Diktaturen, so Misik, beschleiche einen langsam die Ahnung, „dass es auch Grauzonen gibt“. Dass die etablierten Linksparteien in ihrem Bemühen um die Wählerinnen und Wähler versagt haben und weiter versagen, wird aber auch Robert Misik beglaubigen müssen.

In einem höchst emotionalen Schlussplädoyer wendet er sich ergo direkt an die Leserinnen und Leser: „Empört euch. Gebt nicht klein bei. Leistet keinen vorauseilenden Gehorsam. Seid nicht feige, seid mutig. Haltet nie die Mitte, wenn die Mitte Richtung Rohheit rutscht.“ Die neue Politik funktioniert, weil sie eine Angstkultur nutzt. Diese muss man beargwöhnen, aber nicht fürchten.

Über den Autor: Robert Misik, geboren 1966, ist Journalist und politischer Schriftsteller und schreibt regelmäßig für die Berliner tageszeitung, die Berliner Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Wiener Falter. Zahlreiche Preise, etwa der Bruno-Kreisky-Förderpreis, 2010 Journalist des Jahres in der Kategorie Online. 2009 Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik. Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen im Picus Verlag „Was Linke denken“ (2015), „Ein seltsamer Held“ (2016) und, zusammen mit Christine Schörkhuber und Harald Welzer, „Arbeit ist unsichtbar“ (2018). 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.

Picus Verlag, Robert Misik: „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“, Sachbuch, 144 Seiten.

www.misik.at          www.picus.at

FS-Misik Spezial Folge 586: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=6d657jhcnAg

  1. 3. 2019

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

Burgtheater: Karin Bergmann zieht Bilanz

Januar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Neuer Premierentermin von „Die Stühle“ ist am 13. März, Joachim Meyerhoff schreibt seinen ersten Theatertext

Burg-Herrin Karin Bergmann und der neue kaufmännische Geschäftsführer Robert Beutler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dass sie die Medien, als sie 2014 nach Matthias Hartmann ihr Amt antrat, unter anderem „Trümmerfrau“ nannten, wo Krisenmanagerin angebracht gewesen wäre, das kann Karin Bergmann heute bereits unter Anekdote verbuchen. Freitagvormittag lud die Burgtheater-Direktorin, deren Zeit – als erste Frau – an der Spitze der größten Sprechbühne im deutschsprachigen Raum mit der laufenden Saison endet, ein, Rückblick auf ihre Ära und Ausblick auf die kommenden Premieren zu nehmen.

Von einer „schwierigen Ausgangssituation“ im März vor fünf Jahren mag Bergmann durchaus sprechen, sie, die sich im oft genug von Cholerikern und Egozentrikern besetzten Chefsessel stets um Diskussionskultur und Sachlichkeit bemühte. Mit ihrer unkomplizierten, unprätentiösen Art, Devise: Probleme angehen, statt deren Lösung anderen anzuschaffen, hat sie mehr bewirkt, als mancher ihrer Vorgänger. Etwa, um beim Thema Geld zu beginnen, einen Kreis von Förderern ins Leben gerufen, die die Burg auf ein solides finanzielles Fundament stellten. Jüngst erst, referiert Robert Beutler, neuer kaufmännischer Geschäftsführer des Burgtheaters und bei dieser Gelegenheit von Bergmann offiziell vorgestellt, habe man ein Legat über 75.000 Euro von einem Abonnenten erhalten.

„Ich habe ein Haus mit Schulden übernommen und übergebe ein Haus mit Rücklagen“, sagt Bergmann. „Rücklagen für künstlerische Belange und separiert davon Rücklagen für die Renovierung des Kasinos.“ Dass das Publikum ihre Spielpläne so begeistert mittragen würde, hätte sie sich allerdings „in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können“. Neben den großen klassischen Stoffen verschrieb sich die Burg unter Bergmann der Autorenpflege, weshalb sich die Anzahl der Ur- und Erstaufführung mit 41 seit 2014 sehen lassen kann.

Stolz ist die Hausherrin auf ihre Entdeckung und Förderung von Ewald Palmetshofer, Thomas Köck, Ferdinand Schmalz, dessen „jedermann (stirbt)“ ein außerordentliches Theaterereignis ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28390), Wolfram Lotz oder Miroslava Svolikova, das Nach-Wien-Holen von hier wenig bekannten Regisseuren wie Herbert Fritsch, Jette Steckel oder Christian Stückl, ganz besonders, betont sie, „auf die Peter-Handke-Uraufführung ,Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18269), die posthume Würdigung von Wolfgang Bauers ,Der Rüssel‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28808) und Maja Haderlaps ,Engel des Vergessens‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14710)“ – das demnächst vom Akademietheater ans große Haus übersiedelt.

Engel des Vergessens: Elisabeth Orth, Gregor Bloéb und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Unschuldigen und „Ich“ – Christopher Nell. Bild: Monika Rittershaus

Mephisto: Nicholas Ofczarek, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Medea: Steven Scharf, Caroline Peters, Mavie Hörbiger, Quentin Retzl und Wenzel Witura. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jeden Abend 1700 Karten an die Zuschauerinnen und Zuschauer bringen zu müssen, das ist keine leichte Aufgabe, um so mehr freut Karin Bergmann ihre Bilanz von beinah zwei Millionen Besuchern, mehr als 45 Millionen Euro aus Ticketeinnahmen und einem Eigendeckungsgrad von 27 Prozent. Die fünf beliebtesten Inszenierungen dieser Spielzeit, gerankt nach Sitzplatzauslastung, sind: „Mephisto“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29498) mit 98 Prozent, „John Gabriel Borkman“ mit 97,8 Prozent, „Medea“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048) und „The Who and The What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977) mit je 96 Prozent und „Der Besuch der alten Dame“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28967) mit 94 Prozent.

Kommende Premieren:

Was an Highlights bis zum Sommer noch zu erwarten ist, auch darüber wollte Karin Bergmann berichten. So folgt etwa als nächstes, am 23. Februar, am Akademietheater die Uraufführung von Fiston Mwanza Mujilas „Zu der Zeit der Königinmutter“, inszeniert von Philipp Hauß, mit Gertraud Jesserer, die sich, so Bergmann, mit so viel Verve in das Experiment wirft, „dass sie neuen und viel mehr Text vom Autor geschrieben gekommen hat“. Tags darauf folgt an der Burg „Hiob“ in der Regie von Christian Stückl und mit Peter Simonischek als Mendel Singer. Claus Peymanns Inszenierung von Ionescos „Die Stühle“, verschoben wegen einer Verletzung von Maria Happel, hat einen neuen Premierentermin: Es ist der 13. März am Akademietheater. Andrea Breth beschäftigt sich an der Burg für den 27. März mit Hauptmanns „Die Ratten“ und bringt dazu Johanna Wokalek ans Haus zurück. Und an einem noch nicht exakt festgelegten Termin im April wird Joachim Meyerhoff seinen ersten Theatertext präsentieren, „Land in Sicht“, den er am Akademietheater auch selber auf die Bühne heben wird.

www.burgtheater.at

25. 1. 2019

Colette

Januar 3, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Frau schreibt sich den Weg frei

Colette arbeitet an den „Claudine“-Romanen: Keira Knightley. Bild: © Filmladen Filmverleih

In diesem Winter der Schriftstellerinnen-Biopics glänzt Wash Westmorelands „Colette“, der am Freitag in den Kinos anläuft, wie ein Solitär. Vom Drehbuch voll brillanter Dialoge, Westmoreland schrieb es noch gemeinsam mit seinem später verstorbenen Ehemann Richard Glatzer, über die wunderbaren historischen Settings bis zum geistreich-ironischen Spiel der Protagonisten stimmt an diesem üppigen Kostümdrama rundum alles.

Westmoreland feiert mit seinem Film die Opulenz der Dekadenz, die Zeit ist die Jahrhundertwende, der Schauplatz Paris, und versteht es, in diesem Lebensgefühl die Emanzipationsgeschichte einer der erfolgreichsten Autorinnen Frankreichs zu verpacken. Als diese brilliert Keira Knightley in einer Art, dass sie The Playlist schon als Oscar-würdig pries.

„Colette“ konzentriert sich auf deren Anfangsjahre. Später wird die Verfasserin erotischer Literatur noch Nackttänzerin am Varieté sein, wird „La Vagabonde“ und das zum Musical adaptierte „Gigi“ schreiben, wird mit Männern wie Frauen verkehren, wird sie sich mit Nazis treffen, um ihren dritten Ehemann, einen jüdischen Perlenhändler, aus Gestapohaft freizubekommen, wird die katholische Kirche, die ihr Werk schon früh auf den Index setzte, ihr die Bestattung verweigern, weshalb ihr die Regierung, als erster Frau überhaupt, ein Staatsbegräbnis ausrichtet, wird sie von Marcel Proust bis Simone de Beauvoir vielzitiert sein, wird der Platz vor der Comédie-Française ihren Namen tragen …

Im Film lernt man Sidonie-Gabrielle Claudine Colette zunächst als Mädchen vom Lande kennen, als naturverbundenes Temperamentsbündel, dem der doppelt so alte und schwer selbstverliebte Henry Gauthier-Villars im Elternhaus in der Bourgogne den Hof macht. Man wird einander erst im Heu treffen, dann heiraten, wofür der Bräutigam sogar auf sein beträchtliches Erbe verzichtet, und Westmoreland ist weise genug, Colettes Zauber, der zu diesem Entschluss führte, nicht durchzudeklinieren, sondern sich ganz auf die Strahlkraft seiner Hauptdarstellerin zu verlassen. Klar, dass Knightley die Verwandlung vom unbedarften Wildfang zur Sensation der Pariser Salons mit Verve nimmt.

Hochzeitsfeier mit Familie: Fiona Shaw, Robert Pugh, Keira Knightley und Dominic West. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit dem Kennenlernen von Missy verändert sich Colette: Keira Knightley. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dominic West spielt Gauthier-Villars, genannt „Willy“, als gewitzt-charmanten Schwerenöter, so theatralisch wie eine Shakespeare-Figur, als König in seinem Reich der exaltierten, extravaganten Selbstdarsteller, für den diverse Amouren zum Alltag gehören. Nie ist er um ein Bonmot verlegen, doch tatsächlich leidet Willy, der als Literat wie als Theater- und Musikkritiker einen vorzüglichen Namen hat, an chronischer Schreibblockade, gegen die er sich eine Herde Ghostwriter hält. „Literatur-Fabrikant“ nennt er sich spöttisch selbst, und Colette, in der er beträchtliches Talent entdeckt, wird einer seiner „Geister“. Als ihr autobiografischer Debütroman über „Claudine“ zum Bestseller wird, schließlich daraus eine Buchreihe, schließlich eine ganze Markenwelt von Parfums bis Accessoires, streift natürlich Willy – aufgrund seines Dandytums notorisch pleite – Ruhm und Geld ein. Ohnedies sprächen die gesellschaftlichen Regeln der Zeit gegen eine Frau als Schöpferin dieses frivolen Fräuleins.

Es wäre nun ein leichtes gewesen, diese Ehe als Ausbeutung zu brandmarken, in der Willy, was wirklich so passiert ist, seine Frau täglich für Stunden einsperrt, damit sie produziert. Doch Westmoreland, und mit ihm Knightley und West, gehen subtiler vor. Colette und Willy inszenieren sich, stilisieren sich zum Powerpaar. Wests Willy ist nicht nur von bestechender Virilität, sondern auch von einer unverblümten Ehrlichkeit, die ihn mit so mancher Sünde davonkommen lässt, weil viele, auch Colette, seinem Sog nicht widerstehen können. Knightleys Colette sieht anfangs durchaus die Vorteile der Verbindung zu Willy, nie ist sie sein Opfer, sondern wird zur gewandten Salonlöwin, zur Liebhaberin beider Geschlechter, dies durch Willys ausdrückliche Ermunterung. Man hält sich einen Cercle an Gespielinnen und Gespielen, und Mann wie Frau beginnen eine Affäre mit der amerikanischen Waffenhändlersgattin Georgie Raoul-Duval, eiskalt dargestellt von Eleanor Tomlinson, was zu familiären Turbulenzen führt.

Westmoreland nimmt sich die Zeit, dies alles darzulegen, er widmet sich der Ambivalenz des Künstlerdaseins, und dass er seine Message in der Konvention schöner Bilder rüberbringt, bedeutet nicht, dass er über Colettes Subversion, ihren Nonkonformismus, die Kontroversen rund um sie, zu wenig zu sagen hätte. Die Verwandlung, die Loslösung von Willy, die Einforderung ihres Rechts auf Anerkennung als Autorin wie auf ein selbstbestimmtes und selbstverwirklichtes Leben kommt mit dem Kennenlernen von Missy. Die großartige Denise Gough spielt die Marquise Mathilde de Belbeuf, die klassische Gendernormen infrage stellt, indem sie sich als Mann kleidet und gibt, was sie sich als Tochter eines Halbbruders von Napoleon III. leichthin leisten kann. Auch Colette beginnt, Hosen zu tragen. Und: Sie schreibt sich sozusagen den Weg frei.

Ganz und gar Lebemann: Der nichtsahnende Willy lässt sich von seinen Fans feiern: Dominic West. Bild: © Filmladen Filmverleih

Detailgetreu nach Fotografien stellt Westmoreland den Auftritt der beiden Frauen im Moulin Rouge 1907 nach, wo sie sich in der Pantomime „Rêve d’Égypte“ auf offener Bühne küssen. Es kommt zum Schmeißen von verrottetem Gemüse, zur Schlägerei, zum Polizeieinsatz. Und wieder ist Willy Drahtzieher des publicityträchtigen Skandals …

Mit „Colette“ ist Wash Westmoreland ein Film gelungen, in dem er mit Scharfsinn, Humor und Wärme über Sexualität und Geschlechterklischees sinniert. Es ist nicht zu viel, zu sagen, man merke dem Ergebnis an, wie sehr ihm das Thema persönlich am Herzen liegt. Allein, dass er das Projekt nach dem ALS-Tod seines Partners zu Ende gebracht hat, nötigt einem Respekt ab.

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  1. 1. 2019