Kammerspiele: Was ihr wollt

April 28, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Weil ich ein Mädchen bin …

Helden in Strumpfhosen: Markus Kofler, Matthias Franz Stein, Alexander Strömer, Dominic Oley, Tamim Fatal, Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: © M. Schell

Wer hätte gedacht, dass sich im Josefstädter Ensemble derart viele herrliche Dragqueens verstecken? Auf die man noch dazu nur neidisch sein kann, weil – nackte Männerbrust hin oder her – wow, gibt es da sexy Beine zu sehen … In den Kammerspielen der Josefstadt zeigt Regisseur Torsten Fischer Shakespeares „Was ihr wollt“ in (bis auf Maria Bill als melan- cholischem Clown) männlicher Besetzung. Der Kniff passt zum britischen Barden, durfte doch zu dessen Lebzeiten keine Frau auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen. Fischers gemeinsam mit Herbert Schäfer erstellte modernisierte Textfassung sprüht nur so vor Bonmots und Pointen.

Ist an den passenden Stellen derb, an den richtigen elegisch. Die Darsteller scheuen mitunter auch vor tief aus der Klamottenkiste geholtem Klamauk nicht zurück, und sind in ihrem Spiel in dieser irrwitzig wortwitzigen Romantic Comedy dergestalt stark, dass selbst ein gutgetrimmter Dreitagebart der Illusion keinen Schaden zufügen kann. Und wenn’s die Helden in Strumpfhosen gar zu bunt treiben, unterbricht die Bill als Botin aus einem weniger leichten Leben in den hochemotionalsten Momenten und singt Astor Piazzola.

„Rinascerò“ nach dem mit Tamim Fattal und Ljubiša Lupo Grujčić mehrsprachig erlittenem Schiffbruch, „Los Pájaros Perdidos“ wenn Herzen brechen, „Oblivion“ hat sie selbst übersetzt. Tango Argentino, Tango Nuevo, Musik vom Rio de la Plata, die hier Krzysztof Dobrek am Akkordeon und der Geiger Aliosha Biz alternierend mit Nikolai Tunkowitsch interpretieren. Allein diese Augenblicke sind den Besuch der Vorstellung wert und wurden vom gestrigen Publikum auch mit Szenenapplaus bedankt.

Die Handlung ist tatsächlich sehr geschlechterfixiert: In Illyrien schmachtet Herzog Orsino nach der Hand der Gräfin Olivia, die sich jedoch in der Trauer um den hingeschiedenen Vater und Bruder ergeht. Da stranden die Zwillinge Viola und Sebastian an der Küste, allerdings im jeweiligen Glauben das andere Geschwister sei ertrunken. Viola verkleidet sich als Jüngling „Cesario“ und tritt in die Dienste Orsinos. Beauftragt mit dessen Liebeswerben entbrennt Olivia für den „jungen Mann“.

Rehrl, Niedermair und von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Ach, armer Rehrl! – Ich kannte ihn: Mit Clownin Maria Bill. Bild: © Moritz Schell

Dick und Doof: Robert Joseph Bartl und Matthias Franz Stein. Bild: © M. Schell

Alldieweil versuchen Olivias Onkel und Trunkenbold Sir Toby und Kammerkätzchen Maria den um Olivia werbenden, reichen, aber dümmlichen Sir Andrew auszusackeln; der Olivia besitzen und die Schluckspechte ausmerzen wollende Haushofmeister Malvolio wird per Intrige zum Narren gemacht, Stichwort: Komm‘ im gelben Höschen, dann zeig ich dir mein Möschen. Sebastian erscheint. Orsino und Olivia fighten um den schönen Knaben, der sich zum Glück als zwei vom jeweils angemessenen Sexus entpuppt. Ende gut, Torsten Fischer, denn der Regisseur demontiert die altväterische Ordnung. Immerhin Sir Toby heiratet Maria. Das alles ereignet sich auf der reinweißen Bühne der Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos. Vorne gibt es einen Spalt für freiwillige und unfreiwillige Abgänge.

Julian Valerio Rehrl spielt niemals travestiehaft, sondern subtil Viola/“Cesario“ und Sebastian, als zweiterer ein burschikoser Haudrauf, als erstere von einer Delikatheit und Zartheit, die nicht nur den Herzog verwirrt. Als solcher bleibt Claudius von Stolzmann hinter seinen Möglichkeiten, die blass geschminkten Gesichter müssen ja nicht in ebensolches Agieren ausarten, mag aber auch sein, dass man von seinem fulminanten Mackie Messer immer noch in der Weise eingenommen ist, dass jede andere Rolle dagegen bis auf Weiteres …

Claudius von Stolzmann, Julian Valerio Rehrl. Bild: © M. Schell

Die Schiffbrüchigen, Mi.: Rehrl als Viola. Bild: © Moritz Schell

Martin Niedermair als liebestrunkene Olivia. Bild: © Moritz Schell

Dominic Oley als verhöhnter Malvolio. Bild: © Moritz Schell

Martin Niedermair ist ganz großartig als beständig am Rande der Hysterie wankende Olivia, die Lady ein Fashion Victim im schwarzen Reifrock und mit extravaganten Hüten – und in Strapsen hinreißend! Alexander Strömer gibt lustvoll die rachsüchtige Kammerzofe Maria (im Rockabilly-Kleid), die mit Sir Toby, Sir Andrew und Ljubiša Lupo Grujčić als Diener Fabian jenen sinistren Plan gegen Malvolio schmiedet. Wobei Robert Joseph Bartl als nie nüchterner Sir Toby und Matthias Franz Stein als „Ich will nach Hause“ wimmernder Sir Andrew als Doubles von Laurel und Hardy – inklusive Saloontänzchen zu „Jerusalema“ – auftreten: Zwei Herren dick und doof. „Er liebt Verkleidungen und Rollenspiele“, sagt Sir Toby über Sir Andrew. Na dann.

Fischer versteht es, Shakespeare zu aktualisieren, ohne sich zu weit von ihm zu entfernen und doch überkommene Geschlechterrollen aufzuzeigen. Bisexualität auszuleben ist in dieser Welt kaum mehr kontroversiell, dagegen kann man als Mann immer noch misogyne Frauenbilder propagieren. Ein Beispiel: Nicht einmal die frauenfeindliche Tirade des Herzogs  – „Frauen haben kleinere Herzen als Männer“ – kann Violas Gefühle trüben. Allein für Orsino dauert es etwas länger, sich diese einzugestehen, muss er sich doch damit abfinden, sich vermeintlich in einen Mann verliebt zu haben.

Alexander Strömer als Kammerzofe Maria, Bartl und Stein. Bild: © M.Schell

Szenenapplaus: Die Bill singt Astor Piazzolla. Bild: © Moritz Schell

Mit gefälschtem Brief getäuscht: Dominic Oley als Malvolio. Bild: © Moritz Schell

Wer darf wen wie berühren? Was darf wer zu wem sagen? „Ich glaub, du musst mal wieder flachgelegt werden“, meint Sir Toby zu Nichte Olivia – das klingt von einem an den anderen männlichen Schauspieler adressiert schon ganz anders. Zu all diesen Irrungen und Wirrungen gehört ebenso Markus Koflers Seemann Antonio, der Sebastian rettete und bei Fischer als Flüchtlingsschlepper auftritt. Anno 2022 haben Liebeschwüre, Umgarnungen und Küsse zwischen Männern einen anderen, Vienna-Pride-Subtext als vielleicht ums Jahr 1600.

„Ich konnt‘ Euch so nicht lassen: mein Verlangen, / Scharf wie geschliffner Stahl, hat mich gespornt, / Und nicht bloß Trieb zu Euch / Auch Kümmernis, wie Eure Reise ginge … / Bei diesen Gründen / Der Furcht ist meine will’ge Liebe Euch / So eher nachgeeilt!“, so Antonio. Bleibt als einziger Vertreter toxischer Männlichkeit Dominic Oley als moralinsaurer, alsbald um Contenance ringender Malvolio, als der sich Oley jede nur denkbare Blöße gibt. Und immer wieder fällt, von verschiedenen Figuren gesagt, ein: Macht doch, was ihr wollt. Fazit: Das Publikum, darunter zwei Reihen ukrainischer Schülerinnen und Schüler, lachte bis beinah das Zwerchfell barst. Empfehlung: Schauen Sie sich das an!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QI9FYFf0bQQ           www.josefstadt.org

28. 4. 2022

Theater in der Josefstadt: Rechnitz (Der Würgeengel)

Januar 16, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tanz der Nazi-Vampire

Sona MacDonald. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „Zu Asche, zu Staub“, den Hit aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“, wo ihn die mysteriöse Severija performte: „Du bist dem Tod so nah / Und doch dein Blick so klar / Erkenne mich, ich bin bereit / Und such‘ mir die Unsterblichkeit …“ Sprechen wird Sona MacDonald nicht, sie bleibt beinah zwei Stunden ohne Sprechtext, bevor sie am Ende vor dem Vorhang Zeugnis ablegt. Bis dahin ist die glatzköpfige Schönheit der

Geist der Vergangenheit, eine Endzeitdiva, eine Vampirin (der Eindruck bestätigt sich, als sie einmal Tamim Fattal in den Hals beißt) – eine Spiegelung jener Gräfin Margit Batthyány, auf deren burgenländischem Schloss in der Nacht vom 24. auf den Palmsonntag 25. März 1945 ein Gefolgschaftsfest stattfand. Die Rote Armee rückt näher, da will man sich einmal noch amüsieren, und so lösen sich kurz vor Mitternacht 15 Personen von der Party, um im Kreuzstadl 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter zu erschießen, zu erschlagen, zu verscharren – das Massengrab wurde bis heute nicht gefunden. Dies Massaker hat Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ dramatisch aufbereitet. Wie stets hat sie eine Textfläche verfasst, Botinnen und Boten berichten vom Vorgefallenen, widersprechen sich, wissen’s auch nicht so genau.

Seit der Uraufführung durch Jossi Wieler 2008 hat man „Rechnitz“ nun schon einige Male gesehen, und die meisten Inszenierungen hangelten sich an der Wieler-Arbeit entlang. Jetzt hat Regisseurin Anna Bergmann, die an der Josefstadt schon „Fräulein Julie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15214) und „Madame Bovary“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28773) realisierte, einen ganz anderen, außergewöhnlichen Blick auf das Werk geworfen. Sie hat zum einen die Botinnen und Boten zu Typen gemacht: ein Waffenmeister, ein SS-Mann, ein Nazi-Bonze, ein Priester, eine Society-Lady, Köchin, Magd, Chauffeur, Fleischhauer, Oliver Rosskopf als der örtliche Gestapo-Führer Franz Podezin, Götz Schulte als Gutsverwalter Hans Joachim Oldenburg, Dominic Oley als Ehemann Graf Ivan Batthyány …

In der Szene „Eine Vorstadtsiedlung“ hat sich schon die Ur-Wiener Nachkriegsgemütlichkeit breitgemacht. Mit Käsekrainern am Kugelgrill und Robert Joseph Bartl als populistischem Politiker samt Rauhaardackel, der sein „So sind wir nicht“ erklärt, und hofft, „dass die bloß nix ausgraben“. Oder Dominic Oley, Oliver Rosskopf und Götz Schulte als den „Hiesiegen“, denen die bekannte Textstelle: „Es können nicht alle Opfer sein!, jemand muss auch Täter sein wollen, bitte melden Sie sich, wir brauchen jeden Täter, den wir kriegen können, denn dann können wir uns selbst dazurechnen, ohne dass man es merkt …“ nachgeboren, unschuldsvermutend von den Lippen perlt.

Tamim Fattal und Michaela Klamminger. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „El male rachamim“. Bild: © Philine Hofmann

MacDonald, Elfriede Schüsseleder und Michaela Klamminger. Bild: © P. Hofmann

Dies der Bergmann zweiter Streich, ihre Spielfassung gliedert den Text in vier Bilder, „Das Fest“, „Die Dienstbotenküche“, „Das Massengrab“, eben „Eine Vorstadtsiedlung“ und einen Epilog für die MacDonald – doch wenn man eine derart grandiose Sängerin an der Seite hat, wäre es eine Schande sie nicht singen zu lassen. Bühnenbildnerin Katharina Faltner hat ein sich drehendes Rundpodest gebaut, die oftmals gewechselten Kostüme sind von Lane Schäfer, in der Mitte Sona MacDonald in Gottesanbeterinnen-Grün, und rund um sie shaken und schütteln sich die Zombie-Blutsauger im Danse Macabre. Tanz der Nazi-Vampire! Ein erstes der folgenden überwältigenden Bilder. Ein Näherrücken-Lassen des Publikums an die Banalität des Bösen, wird doch die Jelineck’sche abstrakte Distanz, die reflexive Ruhe ihrer „Boten“ zum Geschehen durch diese Spielart bis zu einem gewissen Grad ausgehebelt.

Agiert wird intensiv und expressiv. Jede Szene hält für jede Darstellerin, jeden Darsteller – außer MacDonald – eine neue, albtraumhafte Karikatur bereit. Elfriede Schüsseleder ist mal Professorin, mal Köchin, Michaela Klamminger mal Fernsehmoderatorin, mal Magd. Tamim Fatal ist mal Fleischhauer mit blutiger Schürze, dann anrührend das Mordopfer Nikolaus W., dem fröhlich ein Grab geschaufelt wird, in dem der „hohle Mensch“, entleibt seiner Menschenwürde, dem Nichterinnern anheimgegeben, lebendigen Leibes versinken möge. In der Dienstbotenküche singen alle gemeinsam „Is schon still uman See“. Dann senken sich von oben an ein Schlachthaus gemahnende Plastikplanen herab, hüllen die Manege des Grauens ein. Durch die rotmilchigen Folien sieht man einen nackten Männerkörper an einem Fleischerhaken, er zappelt, windet sich, stöhnt.

Das Ensemble beim Untotentanz. Bild: © Michaela Mottinger

Jagdgesellschaft: Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Michaela Klamminger und Oliver Rosskopf. Bild: © Philine Hofmann

Götz Schulte, Dominic Oley, Robert Joseph Bartl und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald, Tamim Fattal, mit den Schaufeln: Götz Schulte und Dominic Oley. Bild: © Philine Hofmann

Es naht die Zeit der Abschüsse. Sona MacDonald, die brillante Performerin kann auch Oper. Zu „Wie nahte mir der Schlummer“ und „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen“ aus dem „Freischütz“ kommt die Flinte zum Einsatz. Drei Notenzeilen, drei Mal Anlegen – KlickKnall. In einem fulminanten letzten Auftritt findet Sona MacDonald endlich ihre Sprechstimme, da steht das Schloss schon in Flammen, um die Beweise zu vernichten, und der Daimler zur Flucht bereit. „Ertrage mich jetzt, liebes Land“, fordert die Kriegsverbrecherin von den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Dann die MacDonald auf großer Leinwand, ein stiller Schluss nach all dem vor wütendem Zynismus bebenden Remmidemmi. Sie wandert über den Rechnitzacker zum Kreuzstadl, unterwegs liest sie sterbliche Überreste der Opfer auf, es sind nur noch Knochenfragmente. Auf der Bühne bettet sie sie auf einen Tallit. Sie singt „El male rachamim“, ein Gebet für Begräbnisse, Gemeuchelte der Shoa und dieser Zeiten auch Terroropfer. Welch eine Aufführung, welche ein eindringlicher Appell gegen kollektives Schweigen und lautstarkes Verdrängen. Einmal wirft Elfriede Schüsseleder den Satz in die Arena: „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“ Das ist zwar aus Brechts „Arturo Ui“, deswegen nicht weniger wahr.

Anna Bergmanns Trauerarbeit, die der Jelinek ihr Debüt an der Josefstadt bescherte, überzeugt durch Klugheit, Einfallsreichtum und großem Respekt vor dem Werk der Literaturnobelpreisträgerin. Bergmann hat Jelinek gelesen, neu gelesen. Das exzellente Ensemble, dass sich in seinen Rollen immer wieder selbst erschießt, nur um als Wiedergänger um die nächste Ecke zu biegen, denn solcherart weiß Jelinek, weiß Bergmann stirbt nicht aus, tut das Übrige. Es mag dies der Beginn der etwas anderen Jelinek-Rezeption sein. Und nachdenklich auf dem Nachhauseweg sinniert man über den Spießrutenlauf beim Hinweg zum Theater. Samstag war’s, Corona-Maßnahmen- und Impfgegner-Demonstration am Ring. 27.000 Teilnehmende samt rechtem, nein: nicht Rand, rechter Mitte am historisch missbrauchten Heldenplatz. Und auf dem Podium kreischend geifernd … tja, ja …

www.josefstadt.org           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ahb-OZfVFrs

  1. 1. 2022

Burgtheater: Die Ärztin

Januar 8, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine brillante Fortschreibung des Professor Bernhardi

Die Ärztin vor dem Tribunal einer TV-Talkshow: Sophie von Kessel, Bless Amada, Zeynep Buyraç und Gunther Eckes. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Sich in Wien an eine Schnitzler-Fortschreibung zu wagen, da mag die Angelegenheit andernorts noch so bejubelt worden sein, ist ein Wagnis. Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat gewagt und gewonnen. Icke, von der Orestie bis „Onkel Wanja“ bekannt für diese Arbeitsweise, hat sich den „Professor Bernhardi“ als Vorlage für sein Stück „Die Ärztin“ hergenommen, die hervorragende Übersetzung ins Deutsche stammt von Christina Schlögl.

Entstanden ist so die hochintelligente, hochenergetische, am Ende mit viel Applaus bedankte deutschsprachige Erstaufführung am Burgtheater. Mit einem sich die Seele aus dem Leib spielenden Ensemble, Leib und Seele ja sozusagen die Metareflexion des Dramas, angeführt von der famosen Sophie von Kessel, doch gab’s auch einige – zumindest für einen selbst – neue Gesichter zu entdecken: den in Togo geborenen Bless Amada, seit dieser Spielzeit am Haus, den deutsch-ghanaischen Theater- und Filmschauspieler Ernst Allan Hausmann. Sandra Selimović kennt man unter anderem aus dem Kosmos Theater und dem Werk X, wo auch Zeynep Buyraç künstlerisch verwurzelt ist.

Skurril mutet im Kontext an, wie schubladendenkend Buyraç von den Medien als „erste türkischstämmige Burgtheaterschauspielerin“ präsentiert wurde, ist derlei doch genau das, was Icke nicht will. Icke hält sich in Wien ans erprobte Konzept seiner 2019-Uraufführung am Londoner Almeida: Cross-Casting sowohl was Geschlecht als auch Hautfarbe betrifft. Erst aus den Dialogen entschlüsselt sich, wer hier Mann/Frau, Schwarz/Weiß ist, und diese Erkenntnisse sind allemal für Überraschungen gut – und über allen thront Teresa Müllner am Schlagwerk, die zweieinhalb Stunden lang, auch in der Pause, für Atmosphäre sorgt, einem Herzschlag, einer Hektik, die sich zum Crescendo steigert, einem sanften Vibrieren der Becken für die wenigen stillen Momente.

Die Story, die sich im mit London identen, da ebenfalls von Hildegard Bechtler besorgtem Bühnenbild abspielt, ist auf den ersten Blick nicht allzu weit von Schnitzler entfernt: Professor Ruth Wolff, P.W. – böser Wolf witzeln ihre Kollegen anfangs noch, verweigert einem Priester den Zutritt zu einem an einer Sepsis nach Abtreibung sterbenden Mädchen. Lange ist Wolff wie Bernhardi im Original überzeugt, dass sie es sich leisten könne, sich aus den Querelen und Machtspielen herauszuhalten. Worin sie sich täuscht. Das Ganze gerät zum Skandal, Wolff, die säkulare Jüdin, ins Kreuzfeuer der Kritik. Hier wendet sich das Blatt von 1912, denn Wolff, Leiterin einer prestigeträchtigen Alzheimer-Klinik und -Forschungseinrichtung, muss sich jäh die Frage stellen lassen, ob sie etwas gegen das Christentum oder, denn der Pfarrer ist einer, gegen Schwarze habe, ob sie eine Rassistin sei.

Sophie von Kessel als spitzzüngige Ruth Wolff. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Mit Maresi Riegner, oben am Schlagwerk: Teresa Müllner. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Sandra Selimović als Lebenspartnerin Charlie und Sophie von Kessel. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Entlang dieser Bassline entwickelt Icke seinen Bernhardi 2.0. Themen wie Postenschacher, Religion gegen Wissenschaft, wobei die eine Seite um nichts weniger fanatisch ist, als die andere, das Ringen darum, wer über Ethik und Moral zu werten habe, scheinen als epochenübergreifende Praxis auf. Darüber hinaus allerdings verhandelt „Die Ärztin“ eine toxische „Identitätspolitik“, dies der neue Kampfbegriff für die Zuordnung von Menschen zu einer bestimmten Gruppe. Verhandelt „Die Ärztin“ Zuschreibungen in einer Welt, in der auch Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft zum gesellschaftspolitischen Stolperstein werden können.

Sie fühle sich keiner Gruppe zugehörig, sagt Ruth Wolff denn auch mehrmals. Da ist der Shitstorm längst über sie hinweggefegt, hat sie die selbstgerechte Political Correctness der Social Media Communities längst erfahren, „ich trende“ sagt sie dazu, sitzt sie bereits im Fernsehstudio dem Tribunal der Talkshow „Im Ring“ gegenüber, wo sie sich der in einen Topf geworfenen Ressentiments bald nicht mehr erwehren kann – ihre Gegenüber etwa eine Abtreibungsgegnerin, ein Aktivist „mit Schwerpunkt postkoloniale Theorie“ oder die Leiterin einer „nationalen Aktionsgruppe zur Bekämpfung unbewusster Vorurteile“, das hat schon Witz.

Von Kessel agiert in diesem Diversitätsdilemma als spitzfindige, scharfzüngige Ruth. Das Paradoxon ihrer Performance heißt: eiskalt emotional. Ickes Text ist, was man im Englischen witty nennt, und wofür es keine adäquate Übersetzung gibt: geistreich, galgenhumorig, die Sarkasmen zugespitzt zu Satzpfeilen, jede Medisance ein Treffer, und ja, darüber wird im Saal gelacht. „Hexe in Weiß“ nennt sich Ruth als die Hexenjagd, die mediale Hinrichtung im digitalen Zeitalter beginnt. Ihr Leitsatz „Es ist vorbei, wenn es eine Leiche gibt“, wird sich schlussendlich als radikale, das Publikum atemlos zurücklassende Lösung anbieten.

Als Ruths Gegenspieler, der nationalistische, antisemitische Professor Roger Hardiman, kommt Zeynep Buyraç zum Zug, sie gestaltet mit Verve einen schlauen Intriganten und Zyniker. Einen Karrierestrategen, der niemals die Contenance verliert, will er für alle, für allem für sich doch nur das Beste. Einen Machtmenschen, der weiß, wie er mit einem Minimum von Anstrengung dominieren und sich dabei auch noch amüsieren kann. Derlei Figuren kennt man aus der hiesigen Politik. Und apropos: Stacyian Jackson gibt die Gesundheitsministerin, vormals Ruths Assistenzärztin, die es mit dem Kalkül einer Politikerin versteht, ihr Fähnlein nach dem Wind der öffentlichen Meinung zu hängen.

Philipp Hauß, Bardo Böhlefeld, Melanie Sidhu, Ernest Allan Hausmann, Gunther Eckes, Bless Amada und Sophie von Kessel. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Intrigant Hardiman übernimmt das Team: Gunther Eckes, Bardo Böhlefeld, Zeynep Buyraç, Melanie Sidhu und Ernest Allan Hausmann. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Stacyian Jackson als Gesundheitsministerin, Sophie von Kessel und Ernest Allan Hausmann. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Ähnliche Ansprüche, unterschiedliche Anschauungen: Sophie von Kessel und Philipp Hauß. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Bless Amada spielt den loyalen, weiß-jüdischen Dr. Michael Copley, Ernest Allan Hausmann macht aus Klinik-Grandseigneur Professor Brian Cyprian einen herrlich cholerischen Charakter. Bardo Böhlefeld im Herrenanzug ist erst Krankenhaus-Pressesprecherin Rebecca, dann der Talkshow-Moderator. Gunther Eckes als katholisch geifernder Dr. Paul Murphy und Melanie Sidhu als Assistenzarzt Junior machen sich ob der Krise übers wirtschaftliche Überleben des Krankenhauses Gedanken, auch diesen aktuellen Aspekt der Ökonomie um jeden Preis bringt Icke ein.

Philipp Hauß ist mal als schwarzer Pfarrer, mal als bigotter Vater des verstorbenen Mädchens zu lesen, ein Vater, dem sich die Schwangere offensichtlich nicht anzuvertrauen traute. Wie stets überzeugt Hauß mit seiner ruhigen, überlegten Art zu spielen. Ihn auf der Bühne zu sehen, ist immer ein Gewinn. Die anderen agieren wie auf einem Pulverfass, Sophie von Kessel hält den ganzen Abend die Lunte in der Hand und beeindruckt auf ihrem Weg von der selbstbewussten Medizinerin hin zur gebrochenen Existenz.

Die Situationen eskalieren, die Entgleisungen nehmen zu, zum Feindbild wird die weiße, jüdische Frau. Management stellt sich gegen Menschlichkeit und der Ministerin Definition von Opportunismus lautet „offen und transparent sein“. Auch einen Seitenhieb auf Covid-19-Debatten verkneift man sich nicht, wenn Bless Amada festhält: „Menschen, die lieber sterben, als technischen Fortschritt anzunehmen – Menschen, die sich vor jeder neuen Idee fürchten, worauf ich nur sagen kann: ‚Sterbt ruhig, wenn ihr wollt, aber meine Kinder werden geimpft'“.

Im Gegensatz zur aggressiven Klinikwelt, scheint Ruth daheim eine heile zu haben. Mit Nachbars-Transkind Sami aka Maresi Riegner und Sandra Selimović als Lebensgefährtin Charlie. Umso mehr schockiert, als sich bei einem finalen Besuch des Pfarrers und dem gemeinsamen Versuch, die wissenschaftliche und die religiöse Weltanschauung auf einen Nenner zu bringen (und wieder Schnitzler: von allen Figuren sind sich der Gottesmann und die Klinikchefin am nächsten, braucht’s doch für beiden Professionen Mitgefühl, Idealismus und Glaubensstärke), Charlies Rolle enträtselt. Beglückt, benommen, betroffen, macht man sich zur 22-Uhr-Sperrstunde auf dem Nachhauseweg.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=9LyWkpdtyu4          www.burgtheater.at          roberticke.com

TIPP: Am 13. Jänner um 18.45 Uhr spricht Sophie von Kessel im Online-Talk-Format „Werk im Fokus“ des Burgtheaters über „Die Ärztin“. Live auf Zoom. Die Teilnahme ist kostenlos. Der Link geht an alle Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten.

8.1. 2022

Volksoper: Roxy und ihr Wunderteam

September 12, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

So sexy kann Fußball sein

„Roxy“ Katharina Gorgi und ihr Wunderteam. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schon zur Ouvertüre muss das Runde ins Eckige. England gegen Ungarn, das ist Brutalität! Am Ende steht’s 3:2 für die Gäste vom Kontinent, die Nationalelf feiert im Nobelhotel, da stürmt ins Zimmer des Teamkapitäns Gjurka Karoly eine Braut, die sich nicht traut, Roxy auf der Flucht vorm unterbelichteten Verlobten – und die frohgemute Mannschaft beschließt, das britische Fräulein ins Trainingslager an den Plattensee zu retten.

Womit an der Volksoper zur Saisoneröffnung ein schwungvoller Gute-Laune-Abend beginnt, der das Premieren-Publikum zu begeistertem Jubel und Applaus veranlasste. Andreas Gergen hat Paul Abrahams Revueoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ inszeniert, und Dirigent Kai Tietje lässt das Volksopernorchester zwischen Attack Speed im Big Band Sound und magyarisch-melancholischen Klängen taktieren – Abraham hat sozusagen von Charleston bis Csárdás komponiert -, dass es eine Freude ist. Eine Freude sind auch der nicht nur gesanglich, sondern auch tänzerisch talentierte Jugendchor des Hauses als Schülerinnen eines Mädchenpensionats und eine Handvoll durchtrainierter Herren als anfangs leichtgeschürzte Fußballer, diese später auch heiß als Feuerwehrmänner, Stichwort: The Full Monty.

Im tausend Stückeln spielenden, ohne Rot-Weiß-Grün-Folklore funktionierenden Bühnenbild von Sam Madwar, unter anderem ein senkrechtes Fussballfeld, stimmigen Videos von Andreas Ivancsics und ebensolchen Kostümen von Aleksandra Kica, geht’s leichtfüßig durch zweidreiviertel höchst unterhaltsame Stunden. Das Ensemble dribbelt flink durch tumultuöse Geschehen, in dem ganz klar Peter Lesiak als Tormann Jani Hatschek II der Spielmacher ist. Wie er in den ausgetüfelten Choreografien des früheren John-Neumeier-Studenten Francesc Abós mit „Roxy“ Katharina Gorgi singt, swingt, steppt, ein Highlight ist der „Black Walk“, das muss man gesehen haben, Violinsolistin Gorgi, die nicht nur mit neckischem Charme, sondern wie ein Prímás auf der Geige spielt.

„Das Wunderteam“, dieser Begriff hat hierzulande beinah mythischen Charakter. 1931 besiegte die österreichische Nationalmannschaft in Berlin den im Wortsinn großen Bruder Deutschland mit einem sensationellen 6:0. Auf dem Platz Mittelstürmer „der Papierene“ Matthias Sindelar, Tormann-Beau Jani Hatschek und „der Blade“ Karl Sesta. Es dräute das Jahr 1933 und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, der Wiener Fußball verabschiedete sich aus der Weltgeschichte im legendären „Anschluss-Spiel“ 1938, in dem Sesta einen widerständigen 2:0-Treffer schoss.

Katharina Gorgi und Jörn-Felix Alt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Marco Di Sapia und Michael Havlicek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil, Christoph Wagner-Trenkwitz und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sport ist Politik, das macht die Figur des Baron Szatmary, Marco Di Sapia als Präsident der Fußballmannschaft deutlich, der stets bestrebt ist, seine Verbindungen nach Berlin zu verbessern, und den Gjurka bescheidet, er werde sich noch umschauen, wo er landet, wenn er nicht bald zur Parteilinie passe. Als dieser Gjurka ist Jörn-Felix Alt dem Sindelar nachgezeichnet, ein introvertiertes Elegiebürscherl, das vom Temperamentsbündel Roxy zum Dumdududum des James-Bond-Themas überrannt wird.

„Gibt es denn niemanden, der mir beim Ausziehen helfen will?“, bleibt, als Roxy aus ihrem Hochzeitskleid schlüpfen will, beileibe nicht die einzige schlüpfrige Bemerkung und frivole Doppeldeutigkeit im Text von Alfred Grünwald und Hans Weigel. Gorgis und Alts Musical-Stimmen kommen nicht aus der größten Tiefe des Resonanzraums, haben aber den Zug zum Tor. Anfangs lampenfiebrig ein wenig schwächelnd, legt sich das, sobald die beiden merken, wie sehr sie mit ihrem sympathischen Auftritt beim Publikum punkten.

Spielentscheidend ist sowieso der Mannschaftsgeist. Das Volksopern-Team ist für die musikalische Kurzpass-Komödie in guter Kondition, Jakob Semotan als Arpad Balindt, Oliver Liebl als Géza Alpassy, Martin Enenkel als Laczi Molnar, Kevin Perry als Aladar Kövess und Maximilian Klakow als Jenö Körmendy. Verfolgt werden die Fußballer von Roxys schottischem Onkel Sam Cheswick, Robert Meyer grandios komisch als geiziger Mixed-Pickles-Produzent, der sich mit dem abservierten, ergo weinerlichen Bräutigam Bobby Wilkins, Matthias Havlicek mit warmtimbriertem, elegant geführtem Bariton die schönste Stimme der Aufführung, nach Ungarland aufmacht.

Julia Koci und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek und Katharina Gorgi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dort hat der Wirrwarr gewaltige Dimensionen angenommen. Baron Szatmarys Gutsverwalter, Thomas Sigwald mit seiner bald von allen persiflierten Klage „Das muss Kovacs passieren!“, hat das Herrenhaus, in dem die Elf sich fürs Rückspiel fit machen soll, ohne Wissen seines Herrn einem Mädchenpensionat als Urlaubsquartier vermietet. Klar, dass die Damen einziehen wollen, Julia Koci als züchtige und züchtigende Direktorin Aranka von Tötössy in Breeches und mit Reitgerte und Wirbelwind Juliette Khalil als deren rotzfreche Problemschülerin Ilka Pirnitzer.

Bald ist die Stimmung „Party! Party!“ – „Lass Dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donaunixen“ wird enthusiastisch intoniert, Lesiak und Khalil finden sich als hinreißendes, elanvolles Buffo-Paar, die „Paprikablume“ und der Goalkeeper-Beau, doch nicht nur „Vintage-Box“ (Semotan für „alte Schachtel“) Aranka, sondern auch Spielverderber Gjurka wollen das tolle Treiben per Schlusspfiff abblasen. Um ihn zu ärgern gibt sich Roxy als Szatmarys Verlobte aus, der sich an der Augenweide ohnedies nicht sattsehen kann, was Gjurkas Herz brechen und ihn zur Schnapsflasche greifen lässt.

Die zweite Halbzeit nach der Pause befördert das Ganze in den Turnsaal des Mädchenpensionats, herrlich hier Gernot Kranner als alkoholisierter, konjunktivischer Pedell Miksa, der die ihre Liebsten aufsuchenden Sportler einen nach dem anderen als Handwerker verkleidet vorlässt – dies eine der vergnüglichsten Szenen in Hausdebütant Gergens Regie. Die höheren Töchter kriegen Hausarrest und können nur der Übertragung von Radioreporter Christoph Wagner Trenkwitz lauschen, ein Kabinettstück, doch als die Budapester Helden nach der ersten Spielhälfte im Rückstand sind, beschließen die Schülerinnen Richtung Stadion auszubüchsen.

Katharina Gorgi und die Mannschaft auf dem Platz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Peter Lesiak, Jörn-Felix Alt, Georg Prohazka, Oliver Floris und Kevin Perry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek, Josef Luftensteiner und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gernot Kranner, Julia Koci, Robert Meyer, Thomas Sigwald und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der moderaten Modernisierung von Gergen und Wagner-Trenkwitz werden auch der Entstehungszeit des Werks anhängende Songs wie „Handarbeit“, der das Hitler-Ideal Heimchen am Herd ohnedies parodistisch preist, der Stricklieseln „Handarbeit“ für den Gatten – zwinkerzwinker! – per Chair Dance zur Burlesque-Nummer. Tatsächlich stricken die Schülerinnen jenen langen Schal, mit dem sie sich später abseilen werden. Und nennt sich Roxy einen „kleinen, hübschen Fußball“, so ist das einfach als Versuch zu deuten, zu Gjurka unter Verwendung einer ihm vertrauten Sprache endlich durchzudringen.

Punkto Tagesaktualität wird der Ball zumeist flach gehalten. Umso mehr auffällt Robert Meyers Couplet des Cheswick, in dessen letzter Strophe er nestroyanisch nörgelt, wie übel ihm von Operette würde, denn „wahre Kunst sieht anders aus!“ Welch einen Beer, den er dem Publikum da aufbindet. Im Schlussbild der vereinten Paare, Roxy und Gjurka, der sich als zivilberuflicher Chemielaborant entpuppt und dessen Konservenlack ex machina für den Schotten-Onkel patent/Patent genug ist, Ilka und Hatschek II, Cheswick und Aranka, auf deren Sparsamkeit der Fabrikant hofft, und schließlich, weil jeder T(r)opf einen Deckel findet, Bobby und Pensionat-Schülerin Ilonka aka Stefanie Mayer, weht statt der ungarischen als OrbánKritik die Regenbogenfahne.

„Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper ist die Steilvorlage für einen unterhaltsamen Musiktheaterabend. Eine Empfehlung an alle Operettenfans und Freundinnen und Freunde des klassischen Musicals. Lasst uns diese letzte von Robert Meyer verantwortete Saison bis zum letzten Spieltag auskosten!

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=iu6TVZ1TBvk          Regisseur Andreas Gergen, Diriget Kai Tietje, „Roxy“ Katharina Gorgi und Tormann „Hatschek II“ Peter Lesiak im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=cuBOtYXU-j4          Roxys Wunderteam und Rapid-Legenden im Match gegen den Wiener Sport-Club: www.youtube.com/watch?v=LGa9txFPapI           www.volksoper.at

  1. 9. 2021

Wiener Festwochen – Nature Theater of Oklahoma: Burt Turrido. An Opera

August 28, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Folkslied von der toten Erde

Bild: © Jessica Schaefer

Ein Schiffbruch, eine letzte bewohnbare Insel, Liebe, Tod und unbefleckte Empfängnis – das sind nur einige der Komponenten, aus denen das Nature Theater of Oklahoma einmal mehr ein Spektakel – nun: komponiert. Die auf übermütige, überbordende, überfordernde Produktionen eingeschworene Performance-Truppe rund um Kelly Copper und Pavol Liška hat sich für ihre jüngste Bühnen- dekonstruktion nämlich des Formats Oper angenommen.

„Burt Turrido. An Opera“ heißt diese Spätvorstellung der diesjährigen Wiener Festwochen, zu sehen noch am 29. und 30. August im Theater Akzent, und es gibt für beide Termine noch Karten, und wer Gefallen an vier Stunden Country-Western-Klima-Apokalypse zu finden vermag, der sollte sich den Abend keinesfalls entgehen lassen. Die New Yorker Szeneavantgardisten, wie immer changierend zwischen Dada und Gaga, singen ein Folkslied von der toten Erde, was weniger mit Gustav Mahler denn mit Richard Wagner zu tun hat, an dessen „Fliegenden Holländer“ inhaltlich zu orientieren die Sich-zur-Schau-Steller immerhin behaupten.

Im Line-Dance-Gleichschritt tänzeln drei Hillbilly-Geister über die verbliebenen Bretter, die deren Welt bedeuten, eins der Gespenster rettet einen Schiffbrüchigen vorm Ertrinken nach Banana-Island. Die -republik enttarnt sich tatsächlich als solche, das jüngste Gericht ist sozusagen der tägliche Überlebenskampf um den letzten Bissen Brot, auf dieser Insel, die den einzig besiedelbaren Ort nach der globalen Klimakatastrophe markierte.

Flugs wird der Seemann zum Gefangenen gemacht. „Are you jealous / Of a slave? / A silly thing / For a king …“ Doch warum Ressourcen teilen? Weshalb einem Klima-/Flüchtling beistehen? Das nach dem mysteriösen Zirkus in Franz Kafkas „Amerika“-Fragment benannte Ensemble entwirft im hohen, mit blaubemalten Schwungtüchern und Sperrholzbändern simulierten Wellengang ein Zerrbild für Zeitgenossen, die an Seh-Krankheit leiden, und wie schamlos fröhlich Gesellschaftskritik sein kann, zeigt sich im Folgenden.

Bild: © Jessica Schaefer

Bild: © Jessica Schaefer

Inmitten kitschiger Kulisse, pathostriefender Exzentrik und Robert M. Johansons Fahrstuhlmusik-Fiddles landet „Burt Turrido“ im absurdesten Honky Tonk ever. Sorry, dass einem Rodgers und Hammerstein durch den Kopf spuken, aber ständig wabert Herzschmerz, sehnsüchtige oder nicht erwiderte Liebe durchs wildromantische Setting. „Oklahoma!“ wortwörtlich, Nonsens mit gewaltig Hintersinn, alles ganz fabelhafte Hausmacher-Art, respekt- und grenzenlos, wie man’s zuletzt beim mittlerweile legendären Jelinek-Projekt „Kinder der Toten“ beim steirischen herbst erlebt hat.

Dass das Anti-Elysium zustande kam, ist übrigens der Generosität des Schauspiel Frankfurt zu danken, wo eine Aufführung des Auftragswerks fürs Festival „Frankfurter Positionen“ COV19-bedingt ausfallen musste, man der Truppe aber dennoch Haus und Werkstätten zur Verfügung stellte, um ihr Vaudeville samt seinem Strand voller Plastikmüll in Fischernetzen, einer Meeresbrühe von vergifteten Fischen und Dutzenden Totenpuppen – all jene, denen das rettende Ufer zur verbotenen Zone deklariert wurde – zu fertigen (Bühne: Luka Curk, Kostüme: Anna Sünkel).

Fußnote zum Insel-Bild: Als Kelly Copper und Pavol Liška am Libretto schrieben, versuchte Trump gerade, Grönland samt seinen Gas- und Ölreserven zu ergattern, etwa im Tausch gegen Costa Rica. Kein politischer Eisbrecher – die Antworten aus Nuuk und Kopenhagen auf das Kaufangebot des US-Präsidenten waren unmissverständlich …

Die Darstellerinnen und Darsteller Gabel Eiben, Anne Gridley, Robert M. Johanson, Bence Mezei und Kadence Neill teilen sich auf die Figuren Emily, das selbsternannte Königspaar Karen und Bob sowie Joseph, Karens verflossenen Liebhaber, der in einem Verlies neben einem Berg von Leichen dahinvegetiert, und dem gestrandeten Fremdling „Burt Turrido“ auf – und naturgemäß sind sie alle großartig, vor allem aber Gabel Eiben mit seinem bauschigen Backenbart und Bence Mezei in den vorstellbar knappsten Jeans-Hotpants, der sich noch dazu als flinkfüßiger Schuhplattler-Profi erweist.

Komponist Johanson, der schon bei „Life and Times“ – 2009 im Kasino des Burgtheaters – die preisgekrönte Musik beisteuerte, ist ein grotesk grausamer König Bob, Anne Gridley seine stets neue Opfer fordernde Schreckschrauben-Königin. Und wahrhaft ist die Sache mit dem gitarrenlastigen Nashville Sound und den Klavierballaden eine Königsidee – dies wohltönend-wehmütige, letztlich lakonische Erzählen Armer-Leute-Storys von Unentrinnbarkeit und Schicksalsergebenheit in der Larger-than-Life-Behauptung des Genres Oper.

Was Wunder, landen am Ende noch Aliens, auf dass ein Kindlein geboren werde, das auf einem Narwal lachend-brabbelnd in die Zukunft reitet. „Burt Turrido. An Opera“ ist eine opulente Show, die mit Augenzwinkern tagesaktuelle Themen aufmischt, in der Zart und Zynisch sich die Hände reiben, den unsympathischen Figuren zum Trotz hochsympathisch – und mit einem Hoffnungsschimmer wie einer Songzeile der Carter Family … there’s a silver linin‘ behind every cloud …

www.festwochen.at          Trailer: www.youtube.com/watch?v=ghisQIJFiJQ           oktheater.org

  1. 8. 2021