Colette

Januar 3, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Frau schreibt sich den Weg frei

Colette arbeitet an den „Claudine“-Romanen: Keira Knightley. Bild: © Filmladen Filmverleih

In diesem Winter der Schriftstellerinnen-Biopics glänzt Wash Westmorelands „Colette“, der am Freitag in den Kinos anläuft, wie ein Solitär. Vom Drehbuch voll brillanter Dialoge, Westmoreland schrieb es noch gemeinsam mit seinem später verstorbenen Ehemann Richard Glatzer, über die wunderbaren historischen Settings bis zum geistreich-ironischen Spiel der Protagonisten stimmt an diesem üppigen Kostümdrama rundum alles.

Westmoreland feiert mit seinem Film die Opulenz der Dekadenz, die Zeit ist die Jahrhundertwende, der Schauplatz Paris, und versteht es, in diesem Lebensgefühl die Emanzipationsgeschichte einer der erfolgreichsten Autorinnen Frankreichs zu verpacken. Als diese brilliert Keira Knightley in einer Art, dass sie The Playlist schon als Oscar-würdig pries.

„Colette“ konzentriert sich auf deren Anfangsjahre. Später wird die Verfasserin erotischer Literatur noch Nackttänzerin am Varieté sein, wird „La Vagabonde“ und das zum Musical adaptierte „Gigi“ schreiben, wird mit Männern wie Frauen verkehren, wird sie sich mit Nazis treffen, um ihren dritten Ehemann, einen jüdischen Perlenhändler, aus Gestapohaft freizubekommen, wird die katholische Kirche, die ihr Werk schon früh auf den Index setzte, ihr die Bestattung verweigern, weshalb ihr die Regierung, als erster Frau überhaupt, ein Staatsbegräbnis ausrichtet, wird sie von Marcel Proust bis Simone de Beauvoir vielzitiert sein, wird der Platz vor der Comédie-Française ihren Namen tragen …

Im Film lernt man Sidonie-Gabrielle Claudine Colette zunächst als Mädchen vom Lande kennen, als naturverbundenes Temperamentsbündel, dem der doppelt so alte und schwer selbstverliebte Henry Gauthier-Villars im Elternhaus in der Bourgogne den Hof macht. Man wird einander erst im Heu treffen, dann heiraten, wofür der Bräutigam sogar auf sein beträchtliches Erbe verzichtet, und Westmoreland ist weise genug, Colettes Zauber, der zu diesem Entschluss führte, nicht durchzudeklinieren, sondern sich ganz auf die Strahlkraft seiner Hauptdarstellerin zu verlassen. Klar, dass Knightley die Verwandlung vom unbedarften Wildfang zur Sensation der Pariser Salons mit Verve nimmt.

Hochzeitsfeier mit Familie: Fiona Shaw, Robert Pugh, Keira Knightley und Dominic West. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit dem Kennenlernen von Missy verändert sich Colette: Keira Knightley. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dominic West spielt Gauthier-Villars, genannt „Willy“, als gewitzt-charmanten Schwerenöter, so theatralisch wie eine Shakespeare-Figur, als König in seinem Reich der exaltierten, extravaganten Selbstdarsteller, für den diverse Amouren zum Alltag gehören. Nie ist er um ein Bonmot verlegen, doch tatsächlich leidet Willy, der als Literat wie als Theater- und Musikkritiker einen vorzüglichen Namen hat, an chronischer Schreibblockade, gegen die er sich eine Herde Ghostwriter hält. „Literatur-Fabrikant“ nennt er sich spöttisch selbst, und Colette, in der er beträchtliches Talent entdeckt, wird einer seiner „Geister“. Als ihr autobiografischer Debütroman über „Claudine“ zum Bestseller wird, schließlich daraus eine Buchreihe, schließlich eine ganze Markenwelt von Parfums bis Accessoires, streift natürlich Willy – aufgrund seines Dandytums notorisch pleite – Ruhm und Geld ein. Ohnedies sprächen die gesellschaftlichen Regeln der Zeit gegen eine Frau als Schöpferin dieses frivolen Fräuleins.

Es wäre nun ein leichtes gewesen, diese Ehe als Ausbeutung zu brandmarken, in der Willy, was wirklich so passiert ist, seine Frau täglich für Stunden einsperrt, damit sie produziert. Doch Westmoreland, und mit ihm Knightley und West, gehen subtiler vor. Colette und Willy inszenieren sich, stilisieren sich zum Powerpaar. Wests Willy ist nicht nur von bestechender Virilität, sondern auch von einer unverblümten Ehrlichkeit, die ihn mit so mancher Sünde davonkommen lässt, weil viele, auch Colette, seinem Sog nicht widerstehen können. Knightleys Colette sieht anfangs durchaus die Vorteile der Verbindung zu Willy, nie ist sie sein Opfer, sondern wird zur gewandten Salonlöwin, zur Liebhaberin beider Geschlechter, dies durch Willys ausdrückliche Ermunterung. Man hält sich einen Cercle an Gespielinnen und Gespielen, und Mann wie Frau beginnen eine Affäre mit der amerikanischen Waffenhändlersgattin Georgie Raoul-Duval, eiskalt dargestellt von Eleanor Tomlinson, was zu familiären Turbulenzen führt.

Westmoreland nimmt sich die Zeit, dies alles darzulegen, er widmet sich der Ambivalenz des Künstlerdaseins, und dass er seine Message in der Konvention schöner Bilder rüberbringt, bedeutet nicht, dass er über Colettes Subversion, ihren Nonkonformismus, die Kontroversen rund um sie, zu wenig zu sagen hätte. Die Verwandlung, die Loslösung von Willy, die Einforderung ihres Rechts auf Anerkennung als Autorin wie auf ein selbstbestimmtes und selbstverwirklichtes Leben kommt mit dem Kennenlernen von Missy. Die großartige Denise Gough spielt die Marquise Mathilde de Belbeuf, die klassische Gendernormen infrage stellt, indem sie sich als Mann kleidet und gibt, was sie sich als Tochter eines Halbbruders von Napoleon III. leichthin leisten kann. Auch Colette beginnt, Hosen zu tragen. Und: Sie schreibt sich sozusagen den Weg frei.

Ganz und gar Lebemann: Der nichtsahnende Willy lässt sich von seinen Fans feiern: Dominic West. Bild: © Filmladen Filmverleih

Detailgetreu nach Fotografien stellt Westmoreland den Auftritt der beiden Frauen im Moulin Rouge 1907 nach, wo sie sich in der Pantomime „Rêve d’Égypte“ auf offener Bühne küssen. Es kommt zum Schmeißen von verrottetem Gemüse, zur Schlägerei, zum Polizeieinsatz. Und wieder ist Willy Drahtzieher des publicityträchtigen Skandals …

Mit „Colette“ ist Wash Westmoreland ein Film gelungen, in dem er mit Scharfsinn, Humor und Wärme über Sexualität und Geschlechterklischees sinniert. Es ist nicht zu viel, zu sagen, man merke dem Ergebnis an, wie sehr ihm das Thema persönlich am Herzen liegt. Allein, dass er das Projekt nach dem ALS-Tod seines Partners zu Ende gebracht hat, nötigt einem Respekt ab.

dcmworld.com/portfolio/colette/

  1. 1. 2019

Kammerspiele: Acht Frauen

November 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod steht ihnen gut

Die Damen werden handgreiflich: Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Susa Meyer, Silvia Meisterle, Swintha Gersthofer und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

Suspense so geschmeidig in Chansons umzusetzen, das muss einem erst einmal gelingen. Franz Wittenbrink führt nun an den Kammerspielen der Josefstadt très français vor, wie’s geht. Er hat für Herbert Föttingers Neuinszenierung der Krimikomödie „Acht Frauen“ die Bühnenmusik komponiert. Mal darf frech gejazzt werden, mal eine zum Tango sinnlich sein, immer psychogrammatisch entlang des jeweiligen Typus und seiner besonderen Charakterzüge.

Die Damen des Ensembles beweisen solcherart nicht nur ihr schauspielerisches Können, sondern entpuppen sich als wahre Showtalente. Pauline Knof als ungebetener Gast Pierrette legt eine sexy Einlage hin, von der man nicht ahnte, dass derlei in der Charakterdarstellerin schlummert.

Der Inhalt von Robert Thomas‘ Text ist bekannt: Auf einem französischen Landsitz, abgelegen und eingeschneit, findet die Vorweihnachtsstimmung ein jähes Ende, als der Hausherr mit einem Messer im Rücken tot aufgefunden wird. Den „Acht Frauen“, Verwandten wie Bediensteten, erschließt sich bald, dass die Mörderin unter ihnen zu suchen ist. Jede hatte ein Sträußchen mit dem Verstorbenen auszufechten, Motive gibt es ergo genug, aber keine Alibis. So beginnt ein scheinheiliges Intrigenspiel, in dem scheinbar aufgeschreckte Hühner sich als skrupellose Erbschleicherinnen erweisen, tablettensüchtige Dramaqueens gegen eiskalte Königinnen der Nacht antreten, und mehr dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, als der Mischpoche lieb sein kann.

Föttinger dämpft in seiner Arbeit den Schenkelklopfimpuls, der durchaus als Gefahr im Stück lauert. Zu sagen, er hätte daraus eine subtile Satire gemacht, wäre für den amüsanten, doch – nicht zuletzt aufgrund Ece Anisoglus uninspiriertem Grauen-Haus-Bühnenbild und Birgit Hutters elegant gestrigen Kostümen – etwas antiquiert wirkenden Abend wohl etwas viel. Doch der Regisseur kann sich auf seine Komödiantinnen verlassen, die wissen, wie sarkastisch geht, wie man Zwischentöne und Spitzen setzt und so Zwietracht sät. Föttinger gibt ihnen den Raum, sich in allen Facetten schillernd zu entfalten. Dass in seiner Interpretation die Fallhöhe vom vermeintlichen Familienidyll zur lügendurchtränkten Täterinnensuche gering ist, ist eine Entscheidung, die es anzunehmen gilt.

Das Verhältnis der Frauen untereinander ist von Beginn an ein brüchiges, die Worte zwischen ihnen fallen streitsüchtig und gereizt, es kommt nicht nur einmal zu Handgreiflichkeiten. Man ärgert sich über die Hysterie und Hypochondrie der anderen, vor allem aber über Mamys „Wunderheilung“. Als diese glänzt Marianne Nentwich. Die langgediente Josefstädterin ist von der Gaby, die sie in einer Aufführung 2004 noch spielte, zur Gabys-Mutter-Rolle avanciert, und sie macht sich sichtlich einen Spaß daraus, immer dann aus dem Rollstuhl zu hüpfen, wenn es Spannenderes zu tun gibt, als auf den Nerven der anderen spazieren zu fahren. Die Gaby ist nun Susa Meyer, die von gutbürgerlicher Hausherrin blitzschnell auf bitterböse und bissig umzuschalten weiß.

Silvia Meisterle als kesses Kammerkätzchen Louise. Bild: Sepp Gallauer

Susa Meyer, Silvia Meisterle, Sandra Cervik und Swintha Gersthofer. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof beweist als mondäne Pierrette ihr Showtalent. Bild: Sepp Gallauer

Swintha Gersthofer und Anna Laimanee, sie in ihrem ersten Engagement neu am Haus, gestalten die Töchter Susanne und Catherine zwischen teenageraufsässig und jungdamenhaft. Dass Sandra Cervik in die Figur von Gabys Schwester Augustine schlüpft, ist ein Glück. Cervik macht aus der altjüngferlichen, verbiesterten Giftspritze ein Kabinettstück, mit Hingabe tut sie deren Verdächtigungen und Vermutungen und Vorstellungen von korrektem Verhalten kund, bis sie mit Verve das Entlein in einen Schwan verwandelt. Pauline Knof schließlich als letztes Mitglied der skandalösen Sippe spielt Gabys Schwägerin Pierrette als mondäne Lebefrau.

Isabella Gregor und Silvia Meisterle sind als Köchin Madame Chanel und Dienstmädchen Louise zu sehen, nach außen hin resigniert-ergeben, aber durchaus mysteriös die eine, verführerisch kess und nur widerwillig gehorchend die andere. Insgesamt lässt sich über die Darstellerinnen sagen: Der Tod steht ihnen gut. Nach Drehungen und Wendungen, Manipulationen und unsauberen Machenschaften, und dem wahren Satzfragment „Wenn wir Frauen doch nur besser zusammenhielten“, wird die Tat zweieinhalb Stunden später enttarnt. Sollte es jemanden geben, der tatsächlich keine Ahnung hat, wie’s geschehen ist – anschauen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2A9t_C2x54s

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018

Burgtheater: Glaube Liebe Hoffnung

September 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unwirklicher Totentanz in einer total leeren Unterwelt

Elisabeth am Ende: Andrea Wenzls brillante Darstellung beherrscht Michael Thalheimers Inszenierung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein schwarzes Loch, das auf einen Lichtpunkt zuläuft, als wär‘ der ein Heilsversprechen am Himmel. Dass sich dieses nicht erfüllen wird, versteht sich – bei Ödön von Horváth. Regiegenie Michael Thalheimer hat dessen „Glaube Liebe Hoffnung“ am Burgtheater inszeniert, und beschreitet auch mit dieser Produktion weiter seinen Weg der kühlen, strengen Reduktion. Horváths Definition seines Dramas als „kleinen Totentanz“ nimmt er dabei wörtlich.

Thalheimer hat sich von Olaf Altmann einen in seiner Totalität erschreckend leeren Raum als Bühnenbild anlegen lassen, darin die Sterblichen als aufgescheuchte Schatten, um sie nichts als Einsamkeit und Seelennot. Eine Unterwelt, eine Prosektur, in der Thalheimer gewohnt präzise seine Sektion der menschlichen Abgründe vornimmt. Alle, so scheint es, die Präparatoren, die Schupos als Arm des Gesetzes, die Arbeitsgeberin Prantl, die Frau Amtsgerichtsrat, nicht zuletzt Alfons, operieren hier am lebenden Leichnam Elisabeth. Wollen deren Innerstes bloßlegen, bloßstellen, ausstellen, was sie schließlich selbst besorgt, bedrängt von Gaffern sogar noch beim bekannten Ende im Wasser. Glaube verloren, Liebe verraten, Hoffnung versiegt. Nicht einmal im Hingehen ist Herzensruh.

Dass Horváths im Rezessionsjahr 1932 erschienenes Stück heute so aktuell klingt, ist gesellschaftlich nicht gerade beruhigend. Diesbezügliche Zwischentöne braucht es gar nicht erst zwanghaft in Szene zu setzen. Da hat also eine mitten im Wohlfahrtsstaat die Stellung verloren, benötigt nun Geld für ihre neue Arbeit, heißt: einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein, und die neue Arbeit fürs Geldverdienen. Ein Teufelskreis, dessen Rotieren Elisabeth mit ihrem Mantra „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen“ aufhalten will. Andrea Wenzl mit ihrer seltenen Aura verleiht ihr Gesicht und Gestalt, sie dominiert das Geschehen mit ihrer spröd-zerbrechlichen Darstellung dieser am ganzen Körper bebenden, mitunter zu Deep Purple und Led Zeppelin auch headbangenden Elisabeth, mit ihrem Stets-auf-der-Hut-Sein und dem Miederwarenmetier als Sehnsuchtsort.

Die Arbeitgeberin ist unzufrieden: Christiane von Poelnitz als Irene Prantl mit Alexandra Henkel als Frau Amtsgerichtsrat. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ohnmacht angesichts des Selbstmords: Christoph Radakovits als zweiter Schupo, Marcus Kiepe als Vizepräparator, Stefan Wieland als dritter Schupo, Falk Rockstroh als Präparator und Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Um sie die Grausamkeit als Groteske, die Horváth’schen Charaktere als hässliche Fratzen, grelle Karikaturen, ausgestattet mit einer immer wieder höhnischen Heiterkeit. „Entschuldigens, aber jetzt muss ich lachen“, ist noch so eine Spruchformel der Elisabeth, wenn sie sich als Opfer brutaler Begierden dagegen verwehrt, ein „Ding“ zu sein. Die Wenzl lässt sie dabei so tob- wie sehnsüchtig aus einer schmerzlich-schrecklichen Fallhöhe stürzen, wird von einer 60-köpfigen Statisterie immer wieder beinah überrannt, eine „völkische“ Vervielfachung der Figuren, eine Menschenhydra, mal in Polizeiuniform, mal in blutverschmierten Präparatorenkitteln, die den einzelnen als Spielball der Mehrzahl der Mächtigen ausweist.

Der erbarmungslose Ringelreihen rund um Elisabeth ist hochkarätig besetzt, etwa mit Branko Samarovski als an Leib und Seele versehrtem Oberpräparator oder Peter Matić als an den von ihm abgeurteilten Schicksalen desinteressiertem Amtsgerichtsrat. Christiane von Poelnitz und Alexandra Henkel sind als Irene Prantl und Frau Amtsgerichtsrat vulgär-schrille Schreckschrauben, sensationslüstern die eine, immerhin knapp vor Schluss anteilnehmend die andere. Sie alle betonen in ihrem Spiel das Distanziert-Artifizielle, die Unnatur ihrer im Lichtkreis zappelnden Leut‘.

So, wie es Thalheimer als Konzept für seinen Abend vorgegeben hat, agieren auch Michael Masula als Oberinspektor, Christoph Radakovits und Stefan Wieland als Schupos oder Tino Hillebrand als „tollkühner Lebensretter“. Hermann Scheidleder verkörpert mit Hingabe den Invaliden, der sich mit Irina Sulavers ohne Unterlass kopfnickender Maria bitter über die Aussetzer im Sozialsystem beklagt. Als Vizepräparator überzeugt Marcus Kiepe, als Baron mit dem Trauerflor Robert Reinagl, als Vergewaltiger Eltz Daniel Jesch. Falk Rockstroh ist als Präparator derjenige, der zumindest zwei Mal Herz zeigen darf. Der Taubenfütter, der erst das Geld leiht, dann für die Betrugsanzeige sorgt und schließlich ob des mitangesehenen Suizids zusammenbricht.

Liebe mit Ablaufdatum: Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer und Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bleibt Merlin Sandmeyer, der als Schupo Alfons Klostermeyer eine Glanzleistung hinlegt. Angelogen wegen Elisabeths vierzehntägigem Arrest, versteht er es in Windeseile sich der Verliererin zu entziehen. Seine sogenannte Liebe hält vor seinen Ehrbarer-Bürger-Standesdünkeln nicht stand. Sandmeyer spielt diesen ichbezogenen, unempathischen Unsympath an seinen besten Stellen so nüchtern und bar jeder Gabe zur Selbstreflektion, dass es einen schaudert.

Dass dieser Alfons, in Wahrheit nicht mehr als ein um Autorität ringender Hänfling, mit seinem selbstmitleidig sich wiederholendem Satz „Ich habe kein Glück“ das letzte Wort hat, ist für diese Aufführung symptomatisch. Man weiß um die, die das eigene Schicksal endlos bejammern und blind sind für die Not des Nachbarn. Wer von sich selber glaubt, am Leben zu leiden, kann einen anderen umso leichter zugrunde gehen lassen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018

Schauspielhaus Wien: Die Hauptstadt

September 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Menasses Inside-Brüssel-Roman als Bühnensatire

Die Fädenzieher im Hintergrund: Steffen Link als Romolo Strozzi und Jesse Inman als schweinsköpfiger Attila Hitegkuti. Bild: © Matthias Heschl

Man könne, so dachte man, mit der Umsetzung von Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646) auf der Bühne nur in Schönheit scheitern. Zu viele Protagonisten, viel zu viele verzwirbelte Handlungsstränge, als dass ein solches Unterfangen gelingen könnte. Falsch gedacht.

Am Schauspielhaus Wien zeigen Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, beide für die Bühnenfassung des Texts verantwortlich, wie’s geht. Sie haben die Essenz dieser Europa-Satire exemplarisch destilliert, und behandeln in knackigen zwei Stunden Menasses große Themen – vom scheint‘s undurchdringlichen Dickicht der EU-Bürokratie über die grotesk-intrigante Beamtenschaft und auf eigenstaatlichen Standpunkten beharrenden Politiker bis zum nicht klein zu kriegenden Geist des Nationalismus.

Dieser entzündet sich diesmal an einem eigentlich für ein Prestigeprojekt gedachten Papier: Weil die Europäische Kommission unter Imageproblemen zu leiden hat, soll die Generaldirektion für Kultur zum 50. Geburtstag derselben einen Festakt organisieren. Ergo macht man sich in der ungeliebten, vernachlässigten Abteilung Gedanken um ein mögliches Motto – und landet bei Auschwitz. Das Vernichtungslager der Nazis als Motor der Gründung der Europäischen Union, geschuldet einem Niemals Vergessen! und einem Nie mehr wieder! Ein entsprechender Plan wird ausgearbeitet und rundgemailt – und schon bricht die Hölle los, brechen alte Gräben auf. Die Beamten darin Aufrechterhalter eines Status quo, ohne Vorstellungskraft für die Zukunft, die Politiker festgezurrt an ihr Modell des Nationalismus als Identifikationsobjekt für ihre jeweils wahlberechtigen Bürger.

Bihler verlegt das Geschehen in eine von Josa Marx gestaltete Bar wie aus grünem Onyx. Darin tummeln sich seltsame, kafkaeske Gestalten, die Gesichter weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, aber fesch glänzend in Schale, die ganze untote Brüsseler Beamtenschaft. Viel Pantomimisches läuft hier ab, ein Zombietanz, ein Gespensterballett, immer wieder Stasis, Zeitlupe, dann Zeitraffer-Bilder, Zuckungen wie von Insekten, die gegen Flammen fliegen. Der Zeremonienmeister in dieser Szenerie ist Bardo Böhlefeld als diabolischer Barmann. Er ist gleichsam Erzähler wie Spielleiter, eine Art Maschinenmensch mit zunehmender Funktionsstörung. Unheimlich, wie er um die anderen Figuren schleicht, wie er Vanitas-Videos, ein verrottendes Stillleben mit Milch und Motte, an die Wand werfen lässt, bis ihm selbst schließlich wortwörtlich der Saft ausgeht.

Der diabolische Spielmacher und seine Beamtenfiguren: Jesse Inman, Bardo Böhlefeld und Sophia Löffler. Bild: © Matthias Heschl

Brüsseler Zombietanz: Simon Bauer, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Antiheld des Ganzen ist Simon Bauer als Martin Susman, ein schwermütiger, ein österreichischer Mensch ganz am Rande des Machtzentrums, aufgerieben zwischen den Begehrlichkeiten seines Bruders, der den Jüngeren als Lobbyist für seine Schweinezucht-Interessen instrumentalisieren will, und denen seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou, die eigentlich auf dem Sprung zum nächsten Karriereschritt wäre, der aber nicht kommen mag, so lange sie in der „Kultur“ vor sich hin dümpelt.

Bauer stattet seinen Susman mit einer augenrollend komischen Verzweiflung aus, Sophia Löffler macht aus Fenia eine flirrende Person, die um vermeintlich höher Gestellte verlegen umhertänzelt, während sie ihre eigene Truppe mit harschem Kommando führt. Ständig arbeitet es in ihrem um „Visibility“ bemühten Gesicht, aber ach, der Pragmatismus … Jesse Inman darf als Susmans begrenzt enthusiastischer Kollege Bohumil Smekal Elvis singen (muss sich aber gleichzeitig wegen der Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten grämen), und als Attila Hitegkuti Fenias Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Schließlich Steffen Link, der sich als Fenias Liebhaber Frigge zähnebleckend geschmeidig macht, und als Florian Susman zum typisch hiesigen Funktionär, bevor er als Kabinettchef Romolo Strozzi – dieser cool in güldenen Frauenkleidern und auf High Heels – Fenias Plänen die Fäden zieht. Bihler zeigt Robert Menasses heiter bis wolkige Liebeserklärung an die große Idee Europa als Brüsseler Spitzen. In genau jenen Zerrbilder und Klischees, die für etliche die unelastischen EU-Eingeweide ausmachen. Viel ließe sich über die Aufführung am Schauspielhaus noch sagen. Böhlefeld etwa berichtet über den im Buch überaus wichtigen David de Vriend, einen Holocaustüberlebenden, der nun in einem Altersheim seinem Lebensabend entgegendämmert. Kommissar Émile Brunfaut und dessen Mörderjagd fehlen, was verständlich, aber schade ist, weil seine Geschichte direkt mit der de Vriends zu tun hat. Die Sau, die Menasse leitmotivisch durch seinen Roman laufen lässt, eine Metapher für eine ganze Breite ideologisch geprägter Europabilder, taucht im Schweinsgalopp der Inszenierung immer wieder nur kurz auf.

Bleibt Professor Alois Erhart, der zweite Österreicher im Setting, gespielt von Sebastian Schindegger, und bereits im Roman eine faszinierende Figur. Wie ein Fremdkörper tritt er immer wieder dann in Erscheinung, will er sich offenbaren, wenn die anderen mit „wichtigen Geschäften“ beschäftigt sind. Ein sympathisch-tollpatschiger Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Thinktank über die Zukunft der Union eingeladen. Den sprengt er ob des dargebotenen Schwachsinns mit einer Rede, in der er seine Sorge formuliert, Europa könnte derzeit von Politikern gemacht werden, von denen der europäische Grundgedanke so weit weg ist, wie eine gute Kinderstube. Dem lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen nichts hinzufügen. Auf der Schauspielhaus-Bühne wird indes mit Robert Menasse weiter diskutiert werden über dieses als nachnationale Gemeinschaft gedachte Gebilde, geboren aus einem europäischen Wahnsinn, den jetzt viele wieder für normal halten.

www.schauspielhaus.at

  1. 9. 2018

Der Hauptmann

Juni 7, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine mörderische Köpenickiade

„Hauptmann“ Willi Herold (Max Hubacher) mit seinen Untergebenen Freytag (Milan Peschel) und Kipinski (Frederick Lau). Bild: © Julia M. Müller

Zweiter Weltkrieg, 1945, Deutschland. Trompetenkakophonie zur Menschenjagd. Die eigenen Leute verfolgen einen desertierten Soldaten. Dem gelingen Verstecken und Flucht, bevor er in einem stehengelassenen Dienstfahrzeug eine Hauptmannsuniform findet. In wenigen Minuten mutiert der ausgehungerte, entkräftete Willi Herold vom Gehetzten zum Aufhetzer.

Nichts erstaunt ihn selber mehr, aber als dann noch der von seiner Truppe getrennte Freytag demütig vor ihm setzt, um sich dem neuen Kommandanten anzuschließen, ist die Tarnung perfekt. Mit strammen Befehlston lässt sich Herold nun von seinem eben rekrutierten Untergebenen chauffieren. So beginnt Regisseur Robert Schwentkes in schwarzweißen Bildern gehaltener Antikriegsfilm „Der Hauptmann“, der am Freitag in die heimischen Kinos kommt. Die mörderische Köpenickiade ist über weite Strecken eine wahre Geschichte. Der 19-jährige Rauchfangkehrerlehrling Herold wurde dank Dienstgraderschwindelung vom einfachen Gefreiten zum „Henker vom Emsland“. Schauspieler Max Hubacher stellt das glaubhaft dar, wenn er sein in Todesangst verzerrtes Gesicht zur kühlen „Herrenmenschen“-Miene gefrieren lässt. Kleider machen Mörder. Wenig später schon ist Herold ein Kriegsverbrecher.

Auf seiner Fahrt durchs kriegsgebeutelte Nirgendwo liest der Scharlatan immer mehr Soldaten auf, angeblich von ihren Einheiten versprengt, in Wahrheit aber Deserteure wie er selbst, die angesichts des Hauptmanns die Flucht nach vorne antreten. Bald ist die Leibgarde, später das Schnellgericht Herold zusammengestellt. Frederick Lau brilliert als Gegenspieler Kipinski, der Herold zu durchschauen droht, und doch lieber den Mund hält, weil ihn der Hasardeur mit den Drahtseilnerven seinen Sadismus ausleben lässt. Großartig wie Laus Kipinski sowohl latente Befehlsverweigerung als auch Bewunderung für Hubachers Herold und dessen Chuzpe ins Gesicht geschrieben steht.

SA-Mann Schütte (Bernd Hölscher) will das Kommando über das Lager. Bild: © Julia M. Müller

„Bunter Abend“: Herold (Max Hubacher), Gerda (Britta Hammelstein), Schütte (Bernd Hölscher) und Kabarettist Kuckelsberg (Samuel Finzi). Bild: © Julia M. Müller

„Die Lage ist immer das, was man daraus macht“, ist Herolds Leitspruch. Um die Mägen voll zu bekommen, lügt er einem Gastwirt etwas von Entschädigungszahlungen für die erlittenen Plünderungen durch Fahnenflüchtige vor, bald aber steht’s an, das erste Todesurteil zu sprechen und zu vollstrecken. Dies der Moment der vollkommenen Entmenschlichung. Ein Regime, das auf Angst und Terror fußt, sagt Schwendtke, macht solche Situationen, in denen niemand nachdenkt, keiner hinterfragt, und so das nicht einmal besonders raffinierte Blendwerk gelingen kann, erst möglich.

Herolds Wagemut wächst, auf Widerstand stößt er nicht. So gelangen er und seine Mannen ins Strafgefangenenlager Aschendorfermoor, wo Diebe und Deserteure auf ihre Hinrichtung warten. Und weil vom „von ganz oben / Führerbefehl“ gesandten Offizier eine Direktive bezüglich der aus allen Nähten platzenden Baracken erwartet wird, schlägt die Befehlsgewalt mit aller Macht zu. Mehr als 100 Häftlinge haben der reale Herold und seine Leute in acht Tagen brutal erschossen. In von ihnen selbst ausgehobenen Gruben und bei perversen „Bunte-Abend“-Spielen.

Ein nazideutsches Militärgericht ließ den machttrunkenen „Rächer der deutschen Ehre“ zunächst laufen, „weil das Land derzeit so durchsetzungsstarke Männer braucht“, erst die Briten richteten Herold 1946 schließlich hin. Schwendtke zeigt das Lager als hierarchisch bestimmten Behördendschungel, in dem die Rechte nicht weiß, was die Rechte tut. Bernd Hölscher als SA-Mann Schütte und Waldemar Kobus als Lagerleiter Hansen matchen sich um Kompetenzen, wichtig ist, dass man fürs Massaker eine schriftliche Bewilligung von der Justizbehörde hat, schließlich will man alles, nur keine verwaltungstechnische „Sauerei“. Samuel Finzi als duckmäuserischer Kuckelsberg und Wolfram Koch als ehrenhafter Schneider geben zwei inhaftierte Kabarettisten, die beim Schergenvergnügen wenig erfolgreich um ihr Leben spielen. Britta Hammelsteins Schütte-Verlobte Gerda will zum Spaß nämlich auch einmal schießen.

Das Schnellgericht Herold zieht durch Görlitz. Bild: © Julia M. Müller

Kameramann Florian Ballhaus hat für diese letzten Tage der Hitler-Herrschaft Endzeitstimmungsbilder gefunden. An drastisch gezeigten Gräueln wird der Zuschauer nicht geschont, am heftigsten die minutenlange Erschießungsszene der Gefangenen und die Sequenz, in der Schütte schlussendlich von einer britischen Fliegerbombe effektvoll zerfetzt wird. Ein wenig zu holzhammrig fällt das Ende der Geschichte aus:

Da ist das Schnellgericht Herold nämlich im Heute angelangt, in Görlitz, wo es Passanten drangsaliert und ihnen Wertgegenstände abnimmt. Ein „Er ist wieder da“-Einfall, der nicht notwendig gewesen wäre, um zu verdeutlichen, dass die Ewiggestrigen immer noch fröhliche Urständ feiern. „Der Hauptmann“ wäre auch ohne diesen expliziten Querverweis als Film stark genug.

www.derhauptmann-film.de

  1. 6. 2018