Volksoper: Robert Meyer präsentiert die Saison 2020/21

Mai 27, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wir lassen uns von #Corona nicht entmutigen“

Bild: © Volksoper Wien

„Am 10. März um 11 Uhr Vormittag haben wir noch ,My Fair Lady‘ vor einem begeisterten jungen Publikum gespielt. Doch während der Vorstellung erreichte uns die Nachricht, dass ab sofort sämtliche Veranstaltungen mit mehr als einhundert Personen untersagt sind. Es war ein

Schock für uns alle – Solistinnen, Solisten, Chor, Orchester und Bühnenarbeiter waren wie gelähmt. Aber niemand hätte geglaubt, dass diese Vorstellung die letzte der Spielzeit sein würde“. Mit diesen Worten beginnt Volksopern-Direktor Robert Meyer seine Präsentation der Saison 2020/21. Fest entschlossen, sich von Ungewissheiten nicht entmutigen zu lassen, ist Meyer bereit, das Haus „zum ehestmöglichen Zeitpunkt“ wieder zu öffnen. Vorgesehen ist dafür fürs Erste der 6. September – mit Volksopernfest und Eröffnungskonzert.

„Müssten wir unsere Produktionen für 2020/21 unter ein Motto stellen, würde dieses wohl lauten: ,Die Hoffnung stirbt zuletzt'“, so Meyer weiter. „Es ist fast beängstigend, zeugt aber von der dauernden Gültigkeit großer Bühnenwerke, wie der Reigen unserer Premieren Antworten auf die gegenwärtige Krisensituation gibt, ohne dass wir diese zum Zeitpunkt der Planungen voraussehen konnten.“ Worauf sich Meyer bezieht, sind die Highlights des vielfältigen Programms: „Dort irgendwo draußen wartet die Welt …“, so träumt das Mädchen Charity Hope Valentine, in deren Namen sich Mitgefühl, Hoffnung und Liebe vereinen, in dem Musical „Sweet Charity“.

Am 13. September soll Broadway-Ikone Bob Fosses Vision nach Federico Fellinis Film „Die Nächte der Cabiria“ Premiere haben, ein Projekt, für das Fosse einerseits keinen Geringeren als den populären Dramatiker Neil Simon, andererseits den bis dahin relativ unbeachteten Komponisten Cy Coleman gewann. Dessen farbenreich-mitreißende Partitur, die zwischen klassischem Broadway-Sound, Jazz, Gospel und frühem Pop oszilliert, attestiert der Legende Fosse bis heute ein glückliches Händchen. Cy Colemans größter Hit dieses Musicals „Big Spender“ führt in jenes New Yorker Halbwelt-Milieu, dem die Titelheldin Charity Hope Valentine entspringt – eine junge Frau, die trotz herber Enttäuschungen den Glauben an das Gute im Menschen nie aufgibt.

Mit „Sweet Charity“ begeht die Volksoper ihre Saisoneröffnung 2020 und gleichzeitig die Erstaufführung des Werks am Haus. Mit Lorenz C. Aichner am Pult und in der Regie von Johannes von Matuschka schlüpft Lisa Habermann in die Rolle der süßen Charity. Pamina und Tamino stellen sich in Mozarts Meisterwerk „Die Zauberflöte“ gemeinsam allen Prüfungen. Nun laden zur Premiere am 17. Oktober Henry Masons Neuinszenierung und die musikalische Neueinstudierung durch Anja Bihlmaier zu einem frischen Blick auf diesen Fixstern des Volksopern-Repertoires ein. In der Verdi-Oper, die konzertant in Franz Werfels deutschsprachiger Nachdichtung präsentiert wird, unterliegen die Hauptpersonen hingegen in tragischer Weise der „Macht des Schicksals“.

Werfel hat nicht nur eine höchst poetische Übertragung geschaffen – Alvaros große Arie, „La vita è inferno all’infelice“, beginnt hier mit den Worten „Die Welt ist nur ein Traum der Hölle“ -, sondern auch wirkungsvoll in den Ablauf eingegriffen: So erklingt die berühmte Ouvertüre erst nach dem schicksalhaften Pistolenschuss, der Leonores Vater tötet und sie von ihrem Liebsten trennt. Von ihrem rachsüchtigen Bruder Carlos gehetzt, flüchtet Leonore in ein Kloster und wird erst im Sterben wieder mit Alvaro vereint sein. Premiere wird am 7. November, der Dirigent Jac van Steen sein. Die Leonore singt Melba Ramos.

Die Macht des Schicksals: Melba Ramos. Bild: © Johannes Ifkovits

Sweet Charity: Lisa Habermann. Bild: © Andrea Peller

Into the Woods: Juliette Khalil. Bild: © Johannes Ifkovits

Kaum eine menschliche Gabe ist zur Bewältigung schwieriger Zeiten wichtiger als der Humor – und der wird in Franz von Suppés Operette „Der Teufel auf Erden“ großgeschrieben. Als Nachtrag zu den Feierlichkeiten von Suppés 200. Geburtstag bietet das Haus nun ab 5. Dezember diese reizvolle Rarität: Der Teufel ist aus der Hölle verschwunden! Höllenknecht Ruprecht wird beauftragt, ihn auf Erden zu suchen. Dort gesellt sich mit dem Engel Rupert ein ungleicher Weggefährte zu ihm. Ein Nonnenkloster im 17. Jahrhundert, eine Kaserne im 19. Jahrhundert und eine Tanzschule im Heute sind die Stationen der atemlosen Fahndung nach dem Höllenfürsten.

Um dem, wie Suppé-Biograf Hans-Dieter Roser schreibt, „fröhlichen, musikalisch-anspruchsvollen Ganzen“ neue Prägnanz zu verleihen, hat Alexander Kuchinka den ursprünglichen aktuell-zeitkritischen Ansatz pointiert ins Heute übertragen. Der mit fantasievollen Produktionen mehrfach Volksopern-bewährte Ausstatter-Regisseur Hinrich Horstkotte inszeniert, am Pult Alfred Eschwé, als Ruprecht und Rupert sind Robert Meyer und Christian Graf zu sehen. Stephen Sondheims Musical „Into the Woods“ erzählt von Mut und Zusammenhalt in der Grenzsituation des gefahrenreichen dunklen Waldes, von Urängsten, verkörpert in Hexen und Riesen. Im März 2020 vollendete Stephen Sondheim sein 90. Lebensjahr. Nach „Die spinnen, die Römer!“ und „Sweeney Todd“ nimmt die Volksoper nun am 13. März zum dritten Mal ein Musical des Giganten in den Spielplan.

Auch in dem 1987 uraufgeführten „Into the Woods“ vereinen sich Klugheit, Witz und musikalische Eleganz in ganz besonderer Weise. Es sind Großteils wohlbekannte Figuren, die man in den Märchenwald begleitet: Rotkäppchen begegnet auf dem Weg zur Großmutter dem Wolf, Aschenputtel verliert den Schuh und findet ihren Prinzen. Der Bäcker und seine Frau kämpfen gegen den Fluch der bösen Hexe an, um ihren Herzenswunsch nach einem Kind zu erfüllen. Die Geschichten verschränken sich, allgemeine Zufriedenheit führt … in die Pause. Doch was passiert mit Märchengestalten eigentlich nach dem Happy End? Das erfahren die Zuschauer im zweiten Teil dieses modernen Meisterwerks, … denn auch Erwachsene brauchen Märchen! Dirigent ist James Holmes, die Regie von Olivier Tambosi, Robert Meyer tritt als Erzähler/Geheimnisvoller Mann auf – und DrewSarich als böser Wolf.

Das Thema von Brittens letzter Oper, „Death in Venice“, das Über/Leben in Zeiten einer Cholera-Epidemie, muss nicht weiter auf Aktualität untersucht werden. Thomas Manns 1912 erschienene Novelle, dieser Erzählung von Genie und ästhetischem Empfinden, Obsession, Homoerotik und Tabu faszinierte nicht nur Luchino Visconti, der den Stoff 1971 verfilmte, sondern auch Benjamin Britten, der 1973 mit seiner letzten Oper eines seiner dichtesten und abgründigsten Werke schuf. In einer Inszenierung des schottischen Regisseurs David McVicar, die in atemberaubender Weise die Atmosphäre Thomas Manns aufnimmt und meisterhaft widerspiegelt, wird das Werk nun erstmals an der Volksoper aufgeführt. Am Pult wird Gerrit Prießnitz stehen, den Gustav von Aschenbach singt Rainer Trost. Premiere ist am 17. April

Auch das Wiener Staatsballett, ab sofort unter der Leitung von Martin Schläpfer, präsentiert drei Premieren an der Volksoper, von denen Meyer eine besonders herausgreift: „In Brahms’ ,Ein Deutsches Requiem‘ singt die Solistin Worte, die uns Mut geben: ,Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.'“ Johannes Brahms schuf mit seinem op. 45 eine der ungewöhnlichsten Versionen der Totenmesse: Über alle Grenzen von Religionen, Konfessionen und Nationen wollte er sich erheben und hätte im Titel entsprechend „recht gern auch das ‚deutsch‘“ fortgelassen und „einfach den ‚Menschen‘ gesetzt“. Mit Martin Schläpfers Ballett kommt eines der international erfolgreichsten Werke des neuen Wiener Staatsballett-Direktors am 30. Jänner an die Volksoper.

Hollands Meister: Fitzka, Pokorný, Severi und Yuko Kato. Bild: © Tillmann Franzen

Der Teufel auf Erden: Robert Meyer und Christian Graf. Bild: © Johannes Ifkovits

Promethean Fire: Yuko Kato und Calogero Failla. Bild: © Tillmann Franzen

Davor vereint unter dem Titel „Hollands Meister“ die erste Premiere des Wiener Staatsballetts am 20. September drei Werke der ehemaligen Leiter des Nederlands Dans Theaters, mit dessen Gründung 1959 in der Geschichte des Balletts ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. „Skew-Whiff “ bedeutet so viel wie „windschief“ und setzt der Fantasie, verschiedenste Fortbewegungen spielerisch auszuprobieren oder aus unsanften Stürzen erhebend komische Situationen zu machen, keine Grenzen: ein großer Spaß des Choreographenduos Sol León & Paul Lightfoot. Hans van Manens Beethoven-Ballett „Adagio Hammerklavier“ ist dagegen in seiner Konzentration und Klarheit ein sublimes Meisterstück. Und Jiří Kylián schuf mit seiner „Symphony of Psalms“ zu Strawinskis gleichnamiger Komposition ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts. In seiner charakteristischen temporeich-fließenden Bewegungssprache entfaltet er eine faszinierende spirituelle Architektur.

Mit der Premiere „Promethean Fire“ präsentiert das Wiener Staatsballett am 15. Mai zwei herausragende Künstler des American Modern Dance: Paul Taylor und Mark Morris. Taylors „Promethean Fire“ soll als direkte Reaktion auf die Anschläge von Nine-Eleven entstanden sein. Und wenn der Choreograph diese konkrete Assoziation später auch wieder zurückzog, so liegt doch eine katastrophische Grundstimmung im Raum: Konflikte brechen aus, Emotionen stoßen aufeinander – am Ende siegt jedoch die Hoffnung in diesem bewegenden Tanzdrama.

Mark Morris bringt dagegen mit seinem wunderbaren Humor neun Beaux auf die Bühne: schöne Männer, echte Kerle, aber auch Kumpel, Kavaliere und unschuldige Engel. Zugleich ist „Beaux“ aber auch ein in seiner Leichtigkeit höchst anspruchsvolles, luzides „Musizieren mit dem Körper“. Der kräftigen Modern Dance-Sprache der beiden Amerikaner antwortet Martin Schläpfer mit zwei Miniaturen: subtile, in feinen Farben leuchtende Bewegungsstudien, ein Programm, das an den äußeren Rändern des Prometheus-Motivs angesiedelt ist, zwischen Hybris und Menschlichkeit, Katastrophe und Schönheit, Schöpfung und Vergänglichkeit.

Im Kasino am Schwarzenbergplatz zeigt die Volksoper am 14. Juni die Österreichische Erstaufführung der berühmtesten Liebesgeschichte der klassischen arabischen Literatur: „Leyla und Medjnun“ in einer Inszenierung von Ruth Brauer-Kvam. Leyla liebt den melancholischen Dichter Medjnun, doch dieser liebt die Liebe an sich. Trennung, Verbannung, eine erzwungene Heirat und ewige Sehnsucht sind ihr Los. Und so ahnt Leyla, dass sie als Geliebte in der Welt von Medjnuns Versen keinen Platz haben wird … Detlev Glanerts Oper wurde 1988 bei der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater uraufgeführt.

Die Komposition besticht – inspiriert von ihrem Sujet – durch ihre lustvolle Synthese von Orient und Okzident, ergänzt sie doch ein klassisches Kammerorchester durch das orientalische Saiteninstrument Ud. Literarische Basis des Werkes ist die gleichnamige Erzählung des persischen Autors Nizami aus dem 12. Jahrhundert. Sagt Glanert: „Es hat einmal jemand behauptet, die Musik ließe sich unterscheiden in Kopf-, Herz- und Bauchmusik. Darf ich in Anspruch nehmen, alle drei zu wollen?“, und Robert Meyer abschließend: „Liebe, Hoffnung, Zusammenhalt – das sind, ohne übermäßiges Pathos zu bemühen, die Botschaften unseres Spielplans.“ Seine Herzensangelegenheit für diese so nahe-ferne Zukunft: „Möge das Publikum, das ist mein inständiger Wunsch, in den Genuss dieses Spielplans kommen!“

Direktor Robert Meyer. Bild: © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

TIPP: Heute Abend stellt Volksopern-Chef Robert Meyer auf ORF III, 19.45 Uhr, in „Kultur Heute Spezial“ der Spielplan der Saison 2020/21 vor. Statements zu den geplanten Produktionen geben Regisseurin Ruth Brauer-Kvam und Regisseur Henry Mason, Chefdramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz, Dirigent Alfred Eschwé sowie der künftige Leiter des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer. Lisa Habermann, Julia Koci und Caroline Frank singen außerdem „There’s gotta be something better than this“ aus der Eröffnungspremiere „Sweet Charity“.

www.volksoper.at           Video: www.youtube.com/watch?v=WgFINKhqJ78

27. 5. 2020

DARUM online – Ausgang: Offen

Mai 21, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod ist definitiv eine Wienerin

Victoria Halper und Brigitte Zolles. Bild: DARUM

Das junge Wiener Performancekollektiv DARUM, bereits mit seiner ersten Produktion „Ungebetene Gäste“ für den Nestroy-Spezialpreis 2019 nominiert (Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=32445), hat sich für seine aktuelle Arbeit „Ausgang: Offen“ #Corona-bedingt auf das Medium Film verlegt. Ursprünglich als begehbare Installation in verlassenen Büroräumlich- keiten geplant, führt einen die

Kamera nun via www.nachtkritik.de durch den Gebäudekomplex am Kempelenpark. Hinter zehn Türen lauert das Lieblingsthema des DARUM-Leading-Teams Laura Andreß, Victoria Halper und Kai Krösche – der Tod, und als Vorstufe dazu: das Sterben. Derart totentanzt der Betrachter durch dustere Kabinette, die Koproduktion mit WUK performing arts, heißt es eingangs, sei auch am besten in einem ebensolchen abgedunkelten anzusehen. Ein – und sei er noch so virtueller – Spaziergang ist das nicht für eine, die vor einer Woche fast maukas gegangen wär‘. Hoffnung, Verlust, Ohnmacht steht auf den Schildern zu den Pforten der Wahrnehmung, die sich öffnen werden.

Dahinter ein Universum der Vergänglichkeiten, aus dem statt dem eigenen das Kameraauge die (Selbst-) darstellerinnen und -darsteller zu kaum auszuhaltender Intimität zoomt. Von wegen scheene Leich, Fruchtbarkeitssymbol Feldhase aus Untersuchungsraum eins wird schon in Besprechungszimmer zwei seine Löffel abgegeben haben, inmitten eines Vanitas-Stillleben auf einst reich gedeckter, jetzt verwüsteter Tafel, zwischen medizinischen Befunden tonlose Zeichen der Verwesung, Essenreste, verdorrte Rosen, das einzig Lebendige – Maden bis zum Magenheben.

Der Tod ist definitiv eine Wienerin. Nicht nur, weil einen Victoria Halper als eine Art Sensenfrau am Einlass abholt, die meisten der Begegnungen sind weiblich. Zwischen Monitoren und MR-Bildern erzählt Dr. Sophie Zwölfer vom ambivalenten Verhältnis einer Ärztin zum Tod, ist doch der Kampf gegen diesen Feind ihr Dienstgeber – „du brauchst ihn, weil ohne ihn wärst du schließlich überflüssig“. Die meisten Patienten, sagt sie, hätten keine Angst vor dem ex und hopp Tod, sondern vor langem Siechtum und qualvollem Sterben, und sie unterscheidet Selbstmordpatienten, bei denen der Körper sein Leben nicht aufgeben will, von denen, deren Geist sich mit aller Kraft gegens Abtreten wehrt. Ein Arbeits-“alltag“, der genau das nie sein kann.

Sophie Zwölfer. Bild: DARUM

Jasmin Kreuzer. Bild: DARUM

Caroline S. Bild: DARUM

Emma Wiederhold. Bild: DARUM

Wie der von Jasmin Kreuzer, der Bestatterin und Sterbebegleiterin, die ihre Besucher im Sarg empfängt. „Die schauen nicht mehr, die Toten. Da ist nichts mehr hinter ihren Augen. Alles leer“, beantwortet sie die mutmaßlich auch live gestellte Frage, wie sie es mental und emotional verkraftet, die vielen Gesichter des Todes zu sehen. Das wahre Antlitz der Hinterbliebenen werde ihr offenbar, meint sie, und als sie Schminktipps für Verstorbene gibt, bekommt „Ausgang: Offen“ jene Skurrilität, die man an DARUM schon kennt und schätzt.

„Ausgang: Offen“ ist ein großartiger Tabubruch in einer Stadt, die wie keine zweite Euphemismen fürn Gwigwi hat, in der sich das Goldene Wienerherz einen Kasperl holt, in der, wer a Bankl reißt si d’Schleifn gibt, bevor er an Foahschein firn Anasiebzga löst. Der Zentralfriedhof, Jedermanns liebstes Freizeitparadies, von Wolfgang Ambros mit einer Hymne besungen, und unvergessen die deutsche TV-Doku, in der Roland Neuwirth „Ein echtes Wienerlied“ extremschrammelte, und der Untertitelung zum „… jetzt tuat eam ka Bah mehr weh …“ ein endlich von seinen Schmerzen erlöster Baum einfiel.

Aber, apropos: So viel musikalisches „Haaallo!“ um den Gevatter auch gemacht wird, so sehr wird seine Realität an die Ränder von jedes einzelnen Wirklichkeit gedrängt, Hospitium kommt heutzutage von Hospiz, und in dieses Sicht- und Spürbarmachen des Unausweichlichen stößt DARUM mit seinem experimentellen Hybrid zwischen Film und intensiver 1:1-Performance vor. Auf Grundlage zahlreicher Gespräche mit reanimierten Personen, unheilbar Kranken, Sterbenden, Angehörigen und solchen, die beruflich mit Sterbenden und Toten zu tun haben, – und die zum Großteil als sie selbst auftreten -, holen Halper, Andreß und Krösche das tief in den Seelen Vergrabene hervor ins Bewusstsein.

Franz Hammerbacher. Bild: DARUM

Ihre Produktion im Assoziationsspielraum zwischen Thomas Bo Nilsson und Romeo Castellucci versteht das Performance-Trio als „ein Angebot, dem Unbegreiflichen mit einer Ahnung zu begegnen und dem Tod aus unmittelbarer Entfernung und sicherer Nähe ins Auge zu blicken“. Ein solches „Signa“-l ist auch der Raum „Verlust“, aus dem man schreckliches Weinen hört, doch einem der tröstende Eintritt verboten wird. Im Krankenzimmer „Die Ohnmacht“ liegt Robert N. als im Wortsinn Maschinenmensch.

„Die Rückkehr“ bezieht sich auf Autor Franz Hammerbachers Nahtoderfahrung nach einem Autounfall auf dem Prager Autobahnring. Ein beunruhigender Ausblick in eine vielfarbige Finsternis, die den Betroffenen mit dem Gefühl des Kontrollverlusts zurückgelassen hat. „Aufprall, Stille, Schmerz, Sirenen, Stille“, so schildert er’s – und den „Lass‘ los“-Sog, der ihn seither zum Kopfschütteln seiner Freunde nicht mehr loslässt. Denn am Ende des Tunnels für Hammerbacher kein Licht …

Die 84-jährige Caroline S. ist per Laptop und unter Bildstörungen aus „dem Heim“ zugeschaltet, und berichtet, wie einen der Sudden Death in Geldnöte bringen kann, die elfjährige Emma Wiederhold, und das ist von allen Erlebnissen am schwersten zu ertragen, erzählt vom Ultraschalltermin, bei dem der Tod ihres noch ungeborenen Bruders festgestellt wurde, von seiner dennoch „Geburt“ und einem ersten/letzten In-den-Armen-Halten, „als würde er schlafen“, der längst bei Schlafes Bruder weilt.

„Ich gestehe es, ich wollte tot sein. Aber nach einiger Zeit habe ich auf einmal einen Finger bewegt. Und ich habe mir gedacht: Wenn ich das kann, kann ich alles andere auch“, sagt Brigitte Zolles, die an der schweren Lungenkrankheit COPD leidet und die sich dennoch und im Wissen um ihre baldige Endlichkeit vorgenommen hat, das Leben zu genießen. „Der Weg“, eine Spritztour mit Victoria Halper am Steuer, ist eine kurze Liebeserklärung an das Leben. „Jede Minute genießen, einfach glücklich sein und atmen“, gibt einem Frau Zolles als Rat mit auf ebendiesen. Dann dreht sich die Kamera – und Schock. So viel makabrer Haunted-House-Horror-Humor muss sein! Was bleibt sind blühende Kirschbäume und ein Polaroid.

www.darum.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=bDI7TY92O20&feature=youtu.be

Weitere Streamingtermine: 27. und 30. Mai, ab 20.30 Uhr auf www.wuk.at

21. 5. 2020

Das Beste fürs Patschenkino: 15 Filmtipps zum Streamen

Mai 6, 2020 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Meisterwerke von Jim Jarmusch bis Martin Scorsese

Suspiria: Mia Goth und Dakota Johnson. Bild: Courtesy of Alessio Bolzoni / Amazon Studios

Immer noch sind die Lichtspielhäuser #Corona-bedingt geschlossen, und kein Ende in Sicht. mottingers-meinung.at hat deshalb fünfzehn aktuelle Hochkaräter ausgewählt, die derzeit in diversen Online-Videotheken angeboten werden. Hier die Streaming-Tipps:

Suspiria. Seit Luca Guadagnino als Teenager Dario Argentos „Suspiria“ gesehen hat, wollte er seine eigene Version davon machen. Kein Remake, sondern eine Cover

Version ist es geworden, so seine Hauptdarstellerin Tilda Swinton – die hier mindestens zwei Rollen spielt – über das fulminante, packende und einzigartige Filmfeuerwerk. Ein visuelles Fest mit mitreißenden Tanzszenen, einem betörenden Soundtrack von Radiohead Thom Yorke, einem wunderbaren Ensemble – Dakota Johnson als Berliner Tanz-Stipendiatin mit düsterem Geheimis und Bildern voll atmosphärischen Horrors. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BY6QKRl56Ok

The Irishman. Großmeister Martin Scorsese und sein jüngstes Mafiaepos: Auftragskiller Frank Sheeran erinnert sich an die Zeiten, als er zum Nr.#1-Problemlöser von Big Boss Russell Bufalino avancierte und 1975 auf den korrupten Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa angesetzt wurde. Robert De Niro, Joe Pesci, Al Pacino – noch Fragen? Die Gang mal frisch aus dem CGI-Jungbrunnen, mal im Original, und stets einen originellen Spruch parat. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=WHXxVmeGQUc

Roma. In seinem 70er-Jahre-Drama fängt Alfonso Cuarón mit fast schmerzlicher Schärfe das Lebensgefühl in einer gutbürgerlichen Familie im Mexico City jener Jahre ein. Das wahre Drama erlebt allerdings deren Kindermädchen, die sich mit erschütternd stoischer Selbstverständlichkeit in ihre Klassenzugehörigkeit fügt. Mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet, erhielt der Film als erste Netflix-Produktion Chancen auf Anhieb drei Oscars. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=6BS27ngZtxg

Paterson. Heißt sowohl der von Adam Driver dargestellte Charaker, als auch die Stadt in New Jersey, in der er als Busfahrer arbeitet und daneben Gedichte an die kleinen Dinge des Lebens verfasst. Dieses ein ruhiger Fluss, das heißt: es wäre einer, hätte er nicht die quirlige Laura an seiner Seite. Mit dieser verschrobenen Ode an die Monotonie des Alltags zeigt sich Filmemacher Jim Jarmusch wieder einmal in Höchstform. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=32exBSNsaBw

Marriage Story: S. Johansson, A. Driver. Bild: © 2019 Netflix

Togo: Willem Dafoe. Bild: © Disney

Beautiful Boy: T. Chalamet, S. Carell. Bild: © Amazon Studios

Hell or High Water: C. Pine, Jeff Bridges. Bild: Lorey Sebastian

Marriage Story. Und noch einmal Adam Driver, diesmal in einer Tragikomödie von Noah Baumbach. Off-Broadway-Regisseur Charlie und sein Bühnenstar Nicole stehen vor dem Ende ihrer Ehe. Verläuft die Scheidung anfangs noch gesittet, bricht ein erbitterter Fight aus, als sich die zukünftige Ex Unterstützung von einer Anwältin holt. Scarlett Johansson und Laura Dern brillieren als Damendoppel in diesem Rosenkrieg, den sie so gar nicht als wehmütiges Postmortem einer gescheiterten Romanze führen. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BHi-a1n8t7M

The Report. Adam Driver, die dritte. US-Senatsmitarbeiter Daniel Jones wird die entmutigende Mammutaufgabe übertragen, interne Ermittlungen zu Inhaftierungs- und Vernehmungspraktiken der CIA durchzuführen. Dabei „stolpert“ er über deren „erweiterten Verhörmethoden“ nach den Anschlägen vom 11. September, brutal, unmoralisch und außerdem ineffektiv, Folter wie Waterboarding, Anketten in sogenannten Stresspositionen und laute Heavy-Metal-Musik zum Mürbemachen. Seine Vorgesetzte, die demokratische Senatorin Dianne Feinstein legt daraufhin Barack Obamas Stabschef einen 6700-Seiten-Report vor. So geschehen am 9. Dezember 2014. Sehenswert. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=x79Gf4cJDDE

Togo. Willem Dafoe in einem Wettlauf gegen die Zeit und das Wetter. Als im alaskischen Städtchen Nome im Winter 1925 die Diphtherie ausbricht, müssen ein Hundeführer und sein Leittier per Hundeschlitten schleunigst das Heilmittel herbeischaffen. Regisseur Ericson Core erzählt sein Survivaldrama nach einer tatsächlich stattgefunden habenden Rettungsmission. Der Norweger Leonhard Seppala und sein Hund Togo übernahmen dabei den gefährlichsten Teil der Tour. Spektakuläre Actionszenen und Taschentuchalarm, was will man mehr? Bei Disney+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HMfyueM-ZBQ

Casting JonBenét. Zu Weihnachten 1996 wurde die sechsjährige JonBenét in ihrem Elternhaus in Boulder, Colorado, ermordet. Bis heute ist dies Verbrechen ungeklärt. Was natürlich den wildesten Spekulationen Tür und Tor öffnete – zumal es sich beim Todesopfer um ein kleines Mädchen handelte, das barbiehaft zurechtfrisiert und in nationalfarbene Rüschen gepackt eine ganze Reihe Little-Miss-Wahlen gewonnen hatte. Regisseurin Kitty Green lud für ihren doku-fiktionalen Film Menschen aus JonBenéts Umfeld zum „Casting“ für einen freilich nur fiktiven Spielfilm ein. Und lässt sie ihre Sicht auf die Ereignisse schildern und – schauspielern. Das Ergebnis ist so experimentell wie verstörend. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-KMEOaMCJss

Hala: G. Viswanathan. Bild: © Courtesy of Sundance Institute

Roma: Marina de Tavira. Bild: Carlos Somonte

The Irishman: Robert De Niro und Al Pacino. Bild: © Netflix 2019

Casting JonBenet: Hannah Cagwin. © Netflix 2017

Beautiful Boy. Basierend auf dem Buch des New York Times-Autors David Sheff und seines Sohnes Nic spielt Steve Carell in Felix Van Groeningens Film den besorgten Vater des Crystal-Meth-abhängigen Sprösslings. Timothée Chalamet ist als Nic von schmerzhafter Eindringlichkeit, der Jungstar agiert, als ob sein Leben davon abhänge, wechselt Stimmungen in Sekunden, raunt, lallt, weint und zeigt die körperlichen und geistigen Veränderungen eines Süchtigen mit beinahe gespenstischer Präsenz. Ein Drogendrama nicht in irgendwelchen Slums, sondern gemäß der realen Geschichte in einem Wohlstandsghetto. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=y23HyopQxEg

Hala. Die 17-jährige Hala, eine Amerikanerin mit pakistanischen Wurzeln, kämpft darum, ihre Wünsche und Sehnsüchte mit ihren familiären, kulturellen und religiösen Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Bald aber trägt sie sie ein Geheimnis mit sich herum, das ihre traditionell denkenden Eltern in Aufruhr versetzen würde, wenn’s denn herauskäme. Geraldine Viswanathan im Film von Minhal Baig – ein Muss! Bei Apple TV+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=4aS-qGHH6E0

Die zwei Päpste. Anthony Hopkins und Jonathan Pryce brillieren in Fernando Meireilles‘ Drama als Päpste Benedikt XVI. und Franziskus, zwei Pontifexe ganz unterschiedlicher Art im hintersinnig-witzigen Dialog über Gott und die Welt und die Kirche. Regisseur Meireilles entwirft großartige Bilder und Szenarien, wie sie vielleicht gewesen sein könnten. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=otP0z24W1yg

Hell or High Water. Um ihre Ranch vor dem finanziellen Ruin zu retten, werden zwei Brüder zu Outlaws. Der ungestüme Tanner Howard und sein jüngerer Bruder Toby beginnen einen Raubzug durch Texas, keine Bank, keine Postfiliale ist vor ihnen sicher, bis sie schließlich sogar einen Treuhandfonds anlegen können. Grandiose Loserstory mit Chris Pine, Ben Foster und Jeff Bridges als Texas Ranger. Regisseur David Mackenzies setzt mit seinem Neo-Western statt auf sinnlosee Schießereien auf eine souveräne Dramaturgie und ausgearbeitete Charaktere. Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=JQoqsKoJVDw

Systemsprenger: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Systemsprenger. Bei Neflix. Filmkritik: Lauter Schrei nach Liebe

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst.

Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“

Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert. Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, spielt die Benni. Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=34792

The Big Sick: Kumail Nanjiani. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

The Big Sick. Bei Amazon. Filmkritik: Multi-Kulti Love Story

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner

Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.  Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders. Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben.

Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten. Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will … Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27314

Beasts of No Nation: Idris Elba. Bild: Netflix

Beasts of No Nation. Bei Netflix. Filmkritik: Der Tod als Kindergesicht

Es gibt dieses 15-minütige Gemetzel. Da ist Agu schon unter Drogen gesetzt und setzt die Machete ein, wie’s und wo’s geht. Köpfe fliegen und Hände, und die Röcke von Frauen bei den Vergewaltigungen. Regisseur Cary Fukunaga rechtfertigt die gezeigten Grausamkeiten mit der Feststellung, der Krieg sei grausamer als jeder Film über den Krieg. Die Message hätte dieses Gemetzel nicht gebraucht, man versteht schon.

Aber die erste große Filmproduktion des Onlineanbieters Netflix will auf Hollywood machen. Irgendwo zwischen „Inglourious Basterds“ und „Gesichter des Todes“. Hier hat der Tod ein Kindergesicht. „Beasts of No Nation“ ist ein Film über Kindersoldaten in Afrika. Nach Angaben des sogenannten Machel-Berichts der UNO gibt es derzeit etwa 20.000 kämpfende Kinder im Alter zwischen neun und 18 Jahren. Olara Ottuno, der UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, schätzt, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen Kinder zu Invaliden wurden und zehn Millionen Kinder schwere seelische Schäden davontrugen. „Beasts of No Nation“ ist ein wichtiger Film. Er basiert auf dem 2005 erschienen Debütroman von Uzodinma Iweala mit dem Titel „Du sollst Bestie sein!“ Der erschütternde Text ist eine Zusammenfassung von Schilderungen real gewesener Kindersoldaten, die Iweala „verstehen, nicht entschuldigen“ will.

Agu, Darstellerentdeckung Abraham Attah wurde in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet, flieht in den Dschungel nachdem seine Familie abgeschlachtet wurde. Die Terrormiliz des Commandante greift ihn halbverhungert auf, Agu ergibt sich den Umständen. Kinder und Jugendliche sind in der Regel leichter zu rekrutieren als Erwachsene. Sie suchen Schutz, hoffen, ihre Existenz zu sichern, wollen soziale Anerkennung und möglicherweise ein Machtgefühl, das sie als Unbewaffnete nie hätten. Manche sinnen auf Rache, weil ein Feind Angehörige ermordet hat. „Sie zu töten war nicht schwer“, sagte der damals 15-jährige Sylvère in weltweiten Interviews, nachdem er von der UNO aus den Fängen der burundischen Hutu-Rebellenorganisation FNL befreit wurde. „Wer hat dieses Ding hierher gebracht?“, fragt der Commandante. Und man weiß nicht, ob das „Ding“ Agu ist oder der ganze Krieg. Idris Elba spielt den Anführer mit der lässigen Eleganz eines Brad Pitt als Lieutenant Aldo Raine … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=15922

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  1. 5. 2020

 

Volkstheater online: Die rote Zora und ihre Bande

April 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht stand Pate für die Heldischen Lausbuben

Die rote Zora und ihre Bande: Tobias Resch, Hanna Binder, Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Luka Vlatković. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Die rote Zora und ihre Bande“ aus dem Herbst 2018 dran – kostenlos zu streamen bis 20. April, 18 Uhr, auf www.volkstheater.at, dann wieder am 2. und 3. Mai. Inszeniert hat Robert Gerloff, der bereits in den Bezirken eine entfesselte „Stella“-

Version (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810) geboten hatte, und nach Titelrolle I Schauspielerin Hanna Binder auch in Titelrolle II besetzte. Das Ergebnis ist eine rundum geglückte, beglückende Bühnenfassung mit Balkanmusik und Bert Brecht, denn definitiv standen das Volkstheater-Ideal wie auch Erwin Piscators Proletarisches Theater bei der Produktion Pate.

Zwischen dem Hotel Zagreb und der Pekara/Bäckerei wird nicht nur im p.c.-Selbstversuch „serbokroatisches“ Reisfleisch serviert, sondern eine ordentliche Portion politischer Ansagen – Kapitalismuskritik, Solidarität als zwischenmenschliches Grundprinzip, Widerstand gegen Korruptions- und Freunderlwirtschaft, ein Plädoyer für die gesellschaftliche Integration sozialer Außenseiter … all das hatte der in Schweizer Emigration lebende Autor Kurt Kläber schon in seinem 1941 unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichten Jugendbuchklassiker angelegt.

Nun packt Gerloff ein paar mit Gelächter und Szenenapplaus aufgenommene Seitenhiebe auf Zwölfstundentag vs bedingungsloses Grundeinkommen drauf, führt die Witzchen aber dankenswerterweise auf einer popkulturellen Meta-Ebene fort, etwa, wenn die Heldischen Lausbuben ganz Gentlemen im Versteck ihre Fight-Club-Regeln deklamieren, so dass die Aufführung für Kinder und ewig solche Gebliebene ein Vergnügen ist. Ein Spaß – jedoch durchbrochen von Szenen großer Ernsthaftigkeit, in denen das Schicksal der Zora-Bande daran erinnert, dass es unweit von Senj auch anno 2020 unbegleitete Minderjährige gibt.

Hanna Binder und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Angriff der Gymnasiasten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vlatković, Binder und Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine wahre, der deutsch-schweizerische Arbeiterdichter lernte auf einer Jugoslawienreise das Mädchen und ihre Mitstreiter kennen, und Hanna Binder spielt den Rotschopf als richtiges Rotzmensch, dessen – keineswegs nur für Heranwachsende gesunder – Aufruf zum zivilen Ungehorsam als lautes Indianergeheul übers kroatische Küstenstädtchen schallt. Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Tobias Resch begleiten die pubertierende Partisanin als ihr „Uskoken“ Nicola, Pavle und Ðuro. Eine queer-feministische, linke Eingreiftruppe gegen den Neoliberalismus, wobei Ðuro unter den Getreuen der zwiespältige Charakter ist, ist ihm das eigene Überleben doch Kampf genug.

Weshalb die Aufnahme des eben erst verwaisten Fischdiebs-aus-Hunger Branko notgedrungen zu Konflikten in der Viererbande führt. Luka Vlatković, der dieser Tage eigentlich live in Imre Lichtenberger Bozokis „Horses“ im Werk X-Petersplatz auf der Bühne stehen sollte, gestaltet den Branko als erst arglosen Gerechtigkeitsträumer – bis ihn eine kalte, brutale Welt seine Gedanken zur Faust ballen lässt. Dort wo die Ärmsten von den Armen stehlen, entwickelt er eine Robin-Hood-Sicht auf die Dinge, so dass das Tischgebet der Zoraisten „Lieber Gott, danke für nichts“ immerhin in ein, wenn auch moll-tönendes „Wir stehen zusammen“ münden kann – die Musik dazu von Imre Lichtenberger Bozoki, Susanna Gartmayer und Vladimir Kostadinovic.

Fürs temperamentvoll dargebotene Treiben lässt Bühnenbildnerin Gabriela Neubauer diese im Handumdrehen die Räume wechseln, vom Senjer Hauptplatz zur Burgruine zu Gorians Fischerhütte, schreit auf zweiterer Turm ein Uhu, hält Binder die entsprechende Klebertube in die Höhe, aber die schönste Szene ist ein Thunfisch-Ballett zwischen Wellen und Meeresufer, mit dem der Fang die erfolgreichen Angler feiert. Mit hohem Tempo werden auch die Kostüme gewechselt, Ruck-zuck-Umzüge, da viele im Ensemble mehrere Rollen stemmen.

Claudia Sabitzer ist neben Marktstandlerin und Müllerin auch der Bäcker Čurčin, der die Bande mit altbackenem Brot versorgt, „der gute Mensch von Senj“ sozusagen, war die Sabitzer doch diese Saison schon der Brecht’sche aus Sezuan (Regie ebenfalls Robert Gerloff, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, das nächste Mal gestreamt am 30. April). Stefan Suske schlüpft ins Tevje-Outfit des alten Gorian, ein friedliebender Philosoph dessen, was schon überholt schien, doch sich am Leben erhält, weil der Augenblick seiner Verwirklichung versäumt ward – um an dieser Stelle Adorno zu bemühen, und als solcher ein Seelenverwandter des von Gábor Biedermann verkörperten Polizisten Begović.

Das Thunfisch-Ballett vor Gorians Fischerhütte. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Günther Wiederschwinger und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch nächtens sucht ganz Senj die rote Zora und ihre Bande. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser oft genug Opfer des Zora-Slapsticks, da er von Ausbeuter Karaman – herrlich herrisch: Steffi Krautz mit Schnauzer und Wohlstandswampe – und dessen Bonze Bürgermeister – Günther Wiederschwinger mit Frack und Zylinder – zum Amtshandeln angehalten wird. Derart zwischen Pathos, Parodie und Parole geht’s im Ninjaschritt durchs Geschehen, gesungen werden der Geier-Song „Seid zur Freundschaft bereit“ aus dem Disney-Dschungel- buch und „Der schöne Sigismund“ aus dem „Weißen Rössl“, anklingen die Winnetou-Melodie und Ennio Morricones „The Good, the Bad and the Ugly“-Theme beim Trio-Auftritt Krautz, Biedermann, Wiederschwinger.

Die wahren Gegner Zoras in der faschistoiden Volksgemeinschaft sind aber die Gymnasiasten, mit denen man in Dauerfehde liegt, von Gerloff/Neubauer – wohl weil das bildungsferne Feindbild, wer viel lernt, hält sich für was Besseres, hier nicht zieht – als Burschenschafter in kornblumenblauer Wichs gekennzeichnet. Nach einem Marillendiebstahl des Korps beginnt die Zora-Bande einen Rachefeldzug gegen die Großkopferten und ihre Rich Kids, die Verwahrlosten ziehen gegen die Vermögenden, und als Gorian seine kleine Bucht an die von Karaman befehligte Fischfangindustrie abtreten soll, eskaliert die Situation. Mehrheitsgesellschaft, fuck you!

Der Song, der jetzt ertönt, „Das Meer erhebt sich, die Wellen steigen, mächtig wie die Bora ist die rote Zora“, Bora = ohne Vorwarnung plötzlich tobender Fallwind, klingt nun wirklich nach Brecht-Weill. „Könnt ihr selber denken?“, fragen die Uskoken denn auch Brecht’isch ins Publikum. Denn der Schluss kommt anders als im Roman, wo die Kinder nach Fürsprache Gorians von verschiedenen Kleinstädtern, Bauer, Bäcker, Fischer, auf- und in die Lehre genommen werden. Bei Gerloff gründet sich die Bande flugs neu – als Jungunternehmerkollektiv. „Keine Chefs, keine Befehle, keine Aktionäre“, frohlocken sie am Ende über ihr Selbstbestimmmungsrecht. Da hatte ihnen noch keiner gesagt, dass der Kunde beziehungsweise Auftraggeber um nichts weniger ein König ist.

Christine Nöstlingers feuerrote Friederike verläuft sich warum-auch-immer auf der Suche nach der Katze Kater nach Senj. Was insofern schade ist, da der Abend die Zuschauer bis dahin wahrlich intellektuell nicht unterfordert hatte, die Regie nun aber offenbar denkt, der dreißig Jahre älteren, weniger bekannten, eine hierzulande höchst berühmte Schwester in Frisur und Geiste zur Seite stellen zu müssen. Egal, weil: Jubel und Applaus. Und wenn sie nicht gestorben sind, start-upen sie noch heute …

www.volkstheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=3_K8sm11n-s&t=6s

  1. 4. 2020

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020