Wien Museum: Österreichische Riviera

November 13, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Wien entdeckt das Meer

Grado-Aufenthalt einer Familie, 1912 Fotopostkarte Sammlung Peter König, Wien

Grado-Aufenthalt einer Familie, 1912
Fotopostkarte
Sammlung Peter König, Wien

Ab 14. November ist im Wien Museum die Ausstellung „Österreichische Riviera. Wien entdeckt das Meer“  zu sehen. Bereits in den vergangenen Jahren widmete sich das Wien Museum auch „Wiener“ Orten, die außerhalb des Stadtgebietes liegen: Der Neusiedlersee als das „Meer der Wiener“ war ebenso Thema einer Ausstellung wie das einst mondäne Strombad Kritzendorf. Nun geht die Reise weiter – via Südbahn an die Adria, wo im 19. Jahrhundert die „Österreichische Riviera“ touristisch „kolonisiert wurde. Sie erlebte ihre erste Blütezeit zwischen 1890 und 1914, also gerade einmal ein knappes Vierteljahrhundert lang. Zu ihren Zentren zählten Orte wie Abbazia, Triest und Grado, aber auch südliche Küstenstädte wie Split und Dubrovnik. Den unterschiedlichen Destinationen entsprachen auch verschiedene Konzepte von Tourismus: Während am Anfang ausschließlich Kuraufenthalte standen, entwickelte sich in der Folge familientauglicher Massenbetrieb oder Entdeckertourismus. Der Ausstellungparcours folgt dem Prinzip einer Rundreise, wobei jeweils dann bestimmte Regionen in den Blickpunkt rücken, wenn sie in der Entwicklung des Adriatourismus eine wichtige Rolle einnehmen. Gezeigt werden etwa 450 Objekte, darunter unveröffentlichte Fotografien aus Istrien und Dalmatien zur Jahrhundertwende, bisher nicht gezeigte Objekte aus den Sammlungen des Wien Museums, Einrichtungsgegenstände aus Hotels, zeitgenössische Fremdenverkehrswerbung sowie Kunstwerke, u. a. von Egon Schiele, Rudolf von Alt oder Albin Egger-Lienz. Zahlreiche Museen ausder Region (Triest, Rijeka, Split, Opatija, etc.) stellen Leihgaben zur Verfügung. So sehr historische Postkarten der „k. k. Riviera“ heute nostalgische Assoziationen hervorrufen, so ernst waren einst die Hintergründe für das Entstehen touristischer Infrastruktur: Denn die ersten Besucheraus Österreich waren kranke oder geschwächte Menschen, die sich von der Meeresluft und dem Salzwasser Heilung und Stärkung erwarteten. Neben den wenigen Reichen, die sich einen Kuraufenthalt leisten konnten, waren es vor allem tuberkulöse Kleinkinder, die bereits seit den 1870er Jahren an die Küste geschickt wurden (die Hospize waren meist abgeschottet vom Umfeld). Rund um die Kranken als primäres Zielpublikum entstand eine umfassende medizinische Infrastruktur, auch die Bezeichnung „Riviera“ dürfte im Zusammenhang mit dem Gesundheitstourismus entstanden sein: Metereologische Messungen hatten gezeigt, dass das Klima jenem der berühmten französischen Riviera ähnlich ist. Zu den geografischen Gemeinsamkeiten zählen eine felsige Küste und klimaregulierende Wälder, immergrüne Strauchvegetation und exotische Pflanzen wie Eukalyptus oder Mimosen.

Mit „österreichische Riviera“ wurde zunächst nur der Küstenabschnitt bei Abbazia/Opatija beworben, touristische Protagonisten wie das Schifffahrtsunternehmen Österreichischer Lloyd erweiterten den Begriff aus Marketinggründen. Um 1900 pries man damit bei der Weltausstellung in Paris bereits die gesamte Küste bis ins südliche Dubrovnik (Ragusa), die 1904 erstmals erscheinende „Österreichische
Riviera-Zeitung“ zählte auch die flachen Sandstrände im nördlichen Grado dazu. Die touristische Erschließung konzentrierte sich auf die Küstenorte, während das Hinterland ausschließlich Versorgerfunktion hatte. Österreichische Investoren brachten die Architekten der Hotels ebenso mit wie die Zahlkellner, auf den Speisekarten fanden sich österreichische Spezialitäten, die Kurkapellen spielten Walzermusik. „Kurkommissionen“ oder Verschönerungsvereine, die aus den Tourismuseinnahmen finanziert wurden, übernahmen oft Aufgaben, die üblicherweise von den Gemeinden bestritten wurden (Straßenreinigung, öffentliche Beleuchtung etc.), und sorgten so für die
relative Autonomie der Tourismuszentren. Abbazia ist ein Paradebeispiel für die gezielte touristische Erschließung von Wien aus. 1889 vom Kaiser zum ersten heilklimatischen Kurort an der k. & k. Küste erhoben, profitierte es – wie viele Orte in der Region – vom Bau der Südbahnstrecke nach Rijeka, die nahe Abbazia vorbeiführte. Wie schon am Semmering spielte die Südbahngesellschaft unter ihrem Direktor Friedrich Julius Schüler durch Investitionen im Ort eine wesentliche Rolle. Das noble Seebad mit seinen historistischen Hotels, den Promenaden und Parks lockte Mitglieder der Kaiserfamilie, Adelige aus ganz Europa und das Großbürgertum an. Daneben gab es auch unscheinbare kleinere Ortschaften, in denen einfache Pensionen mit hochtrabenden Namen um Gäste zu werben begannen. Es folgte eine weitere Ausdifferenzierung des touristischen Angebots: Während etwa Abbazia für seine Winter-Kuraufenthalte bekannt war, entwickelte sich Grado mit den flachen Sandstränden zum Familien-Badeort für den Sommer. Eine Sonderrolle kam der kleinen, einst wegen der Malaria „unbewohnbaren“ Insel Brioni zu. Sie wurde vom Industriellen Paul Kupelwieser erworben und zur Ferienkolonie für gehobenes Publikum ausgebaut, mit Hotels, submariner Wasserleitung, exotischen Pflanzen und Tieren (u. a. Affen, Antilopen und Flamingos) sowie einem reichen Freizeit– und Sportangebot (Tennis, Segeln etc.).
Je weiter man entlang der Küste in den Süden man kam, desto geringer wurden die österreichischen Einflüsse (abgesehen von den großen Städten wie Split/Spalato oder Dubrovnik/Ragusa). Damit änderte sich auch die Blickrichtung der Gäste. Man war auf Entdeckungen aus, suchte in Dalmatien nach antiken Sehenswürdigkeiten und byzantinischen Einflüssen, erfreute sich an der ungebändigten Natur und am „Exotischen“. Ein Reiseführer pries die „eigenartige Bevölkerung, in deren Adern griechisches, römisches, slawisches und osmanisches Blut fließt und die darum zu den interessantesten Völkern des Erdballs zählt“. Der akribischen Erforschung des Gebietes durch Ethnografen, Kunsthistoriker und Archäologen folgten interessierte Laien, allerdings kam es auch zu Irritationen. Beschwerden über das ungewohnte Essen, unkomfortable Quartiere oder die angeblich feindselige Bevölkerung standen auf der Tagesordnung. „Auf die Dauer hier zu bleiben, möchte keinem Menschen von all den Liebhabern dieses Landes einfallen, außer er wird gezwungen“, notierte Katharina von Bukowska von Stolzenburg, die Gattin eines Geologen, in ihr Tagebuch. Auch die zunehmenden politischen Spannungen konnten nicht ausgeblendet werden, so wurden Bürgermeister Karl Lueger und seine Delegation 1909 in Spalato/Split von Demonstranten ausgepfiffen, wofür der dortige Bürgermeister entschuldigend „auswärtige, fremde Elemente“ verantwortlich machte. „Das Verhältnis der Großstädter zur Küste und ihren Städten blieb insgesamt fragil, distanziert und widersprüchlich. Interessanterweise entwickelten sich die Beziehungen dort am
dauerhaftesten, wo sie am flüchtigsten und oberflächlichsten blieben – im Tourismus“, so Nadia Rapp-Wimberger und Christian Rapp, die die Ausstellung im Wien Museum kuratieren.
Bevor die Ära der „Österreichischen Riviera“ mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende ging, manifestierte sie sich noch in der großangelegten Adria-Ausstellung, die 1913 im Wiener Prater stattfand. In dem Themenpark war ein 40 Meter hoher Campanile ebenso nachgebaut wie die engen Gassen von Abbazia, ein künstlicher See sorgte für Meeresflair und in einem nachgebauten Riesendampfer konnte man speisen wie im Urlaub. Mehr als zwei Millionen Besucherinnen und Besucher kamen. Das Megaprojekt bildet das bemerkenswerte Schlusskapitel der äußerst facettenreichen Beziehung Wiens zum Süden und schließt den Ausstellungsrundgang ab. „In jüngster Zeit nahmen Spurensuche und neu tradiertes Wissen, aber auch die kulturgeschichtliche Erforschung der Region merkbar zu – in Österreich ebenso wie in Kroatien. Unsere Ausstellung steht also auf einer breiten und aktuelle Forschungsbasis“, so Direktor Wolfgang Kos. Dementsprechend breitgefächert seien die Fragestellung in Ausstellung und Katalog (Czernin Verlag). „Die Bedeutung der militär-politischen Aneignung und verkehrstechnischen Erschließung der oberen Adria wird ebenso thematisiert wie die entscheidende Rolle der Medizin bei der Propagierung von Kurorten wie Abbazia, die ästhetischen Blickverschiebungen ebenso wie die von Wien ausgegangene ethnografische Erkundung einer der ärmsten Regionen der Habsburger-Monarchie.“

Wien, 13. 11. 2013