Schauspielhaus Wien Die Wohlgesinnten

Oktober 7, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Auenland

Thiemo Strutzenberger, Steffen Höld, Maurizio Rippa Bild © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Thiemo Strutzenberger, Steffen Höld, Maurizio Rippa
Bild © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Das Schauspielhaus Wien brachte Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten in einer von Antonio Latella, der auch als Regisseur am Werk ist, und Federico Bellini dramatisierten Fassung zur Urauffuhrung. Littell, Amerikaner mit französischem Pass, verfasste im Jahr 2006 dieses heiss diskutierte, 1400 Seiten lange Buch, dessen Titel von Aischylos Eumeniden entliehen ist, und das mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Seit Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker hat kein Buch, das sich mit der Shoa beschäftigt, für so viel Aufsehen gesorgt wie Littells. Hymnischer Beifall begleiten das Erscheinen des Werks  ebenso wie vernichtende Kritik. Was die Gemuter so erregte … Littell schrieb seinen Roman über den deutschen Vernichtungsfeldzug in Osteuropa aus der Sicht eines Täters. Es ist der zynische Jurist Dr. Max Aue, der als Mitglied des Sicherheitsdienstes und SS-Offizier bei den schlimmsten Verbrechen des Nationalsozialismus zusieht. Littell mixt Fakt und Fiktion. „Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist.“ So beginnt der Prolog („Toccata“) des Autors, der zugleich den antik/philosophischen Anspruch des Werkes definiert – bereits mit diesem ersten Satz hat sich Littell den Vorwurf der Hybris strenger Kritiker eingehandelt. Der Erzahler selbst nennt sich  „Erinnerungsfabrik“. Er beteuert, dass die Aufzeichnungen „frei von jeglicher Reue sein werden … Ich habe meine Arbeit getan, mehr nicht“ – ein Schlag in die Magengrube anderer Rezensenten. Akribisch flicht Littell die organisatorischen Strukturen von Wehrmacht, Reichssicherheitshauptamt, KZ-Lagerverwaltungen, Befehlsketten der SS und vieles mehr in sein Epos ein.  „…ihr seid nicht besser“, deklamiert schließlich der spätere Spitzen-Fabrikant Aue. Aua.

Die szenische Erfassung dieses Monstrums kann nun als Vieles bezeichnet werden. Als mutiges Unterfangen. Als Neu/Andersinterpretation. Als Missverstandnis. Dies alles beginnt beim Hintergrundvideo. Eine Auenlandschaft. Die Banalitat des Buhnenbilds. Drei Schauspieler, Thiemo Strutzenberger als Max Aue, Steffen Hold als Thomas Hauser, Barbara Horvath als Una und in anderen Rollen, spielen um ihr Leben. Seltsam. Noch nie hat man die fabelhaften Darsteller Strutzenberger und Horvath so wortundeutlich erlebt. Wer uber den Roman nicht dissertiert hat, bleibt auf der Strecke. Wer ist jetzt wann genau wo … „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“, der Satz aus Dantes Inferno passt zum Buch wie zur Aufführung, er wird auch zitiert wie vieles andere … Dazu begleitet der italienische Countertenor Maurizio Rippa das Spiel mit einer Art barockem Psychogesang – und hat seinen unheimlichsten Moment, als er leise ins Mikro zischt: Gas. Ausserdem schiebt er einen Scheinwerfer kreuz und quer uber die Buhne. Auch das wird seinen Grund haben. Ein bisschen Verhorlampe, um das Publikum zu blenden, muss schon sein.

Strutzenberger, dessen Theaterstuck Queen Recluse uber die Schriftstellerin Emily Dickinson im November am Haus uraufgefuhrt wird, und Hold spielen Aue und Hauser wie Faust und Mephisto. Wie Wladimir und Estragon des Grauens. In ubergrossen Sakkos. Warten auf Wolf. Hold, wie immer punktgenau, ist ein begnadeter Pragmatiker, verkorpert die zynische Beamtenmentalitat des Dritten Reichs. Tanzelnd unterstreicht er die Kunstlichkeit des Buches. Fabelhaft sein Temperamentsausbruch, als sich die Wehrmacht verbietet an den SS/Totungsaktionen teilzunehmen. Da will sich wer jetzt schon reinwaschen und ihn am Schluss im Regen stehen lassen … Gottes einzige Entschuldigung ist, dass er nicht existiert. Fur Strutzenbergers uber weite Strecken des dreieinhalbstundigen Abends regungs/teilnahmslos sitzenden Aue, diese nicht anders als allegorisch zu verstehende Figur, hat sich die Regie was einfallen lassen. Und das kann bekanntlich gefahrlich sein. Weshalb Strutzenberger mit Fieberblick, am Rande des Wahnsinns, den Moralisten gibt. Und genau das ist Aue nicht. Er ist ein Philosoph des Bosen, Fleisch gewordenes Zitatenschatzkastlein, ein belesener Pseudointellektueller, ein Feigling, ein Raushalter, ein Bonvivant. Kein Humanist. Nicht einmal, als er vorschlagt, die Essensrationen in den KZs zu verbessern, tut er das aus Menschlichkeit, sondern, um die Arbeitsleistung der Geschundenen zu erhohen. Und wenn er bei Massenexekutionen wegschaut, dann nicht aus Mitleid, sondern, weil ihm graust. Warum mussen die sich auch anscheissen, bevor sie gemeuchelt werden.

Pfui, also wirklich. Ob diese Auffuhrung zum Aushalten ist, muss jeder Zuschauer fur sich entscheiden. Klingt jetzt nach Ausrede ist aber so. War auch beim Roman nicht anders. Ein Experiment ist auf alle Falle zu erleben. Ein Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ausser in der Pause zu gehen, was der eine oder andere tut. Eine Grenzerfahrung. Und eine solche sollte man sich ab und zu vielleicht gonnen.

www.schauspielhaus.at

Wien, 6. 10. 2013