Salzburger Festspiele: Das Jedermann-Gespräch

Juli 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Allegorie der heutigen Gesellschaft

Verena Altenberger und Lars Eidinger. Bild: © SF/Anne Zeuner

Wenn Lars Eidinger mit Beginn der Salzburger Festspiele am 17. Juli den Domplatz als Jedermann betritt, sieht er sich nicht als der sterbende reiche Mann des Untertitels, er tritt auf als Allegorie der heutigen Gesellschaft. „Ich bin der privilegierte, toxische Mann und stelle mich selbst in Frage“, so der Schauspieler. Das Stück stehe einem Shakespeare in nichts nach und werde oft falsch verstanden. „Zu Unrecht!“, sagt Lars Eidinger. Sein Leben lang habe er es sich erträumt einmal den Jedermann zu

geben. Nun, da die Proben seit mehr als drei Wochen laufen, fühle er sich „dermaßen glücklich“. Viel Spaß am Proben und Spielen bedeute für ihn auch viel Kapazität zu haben und es nicht als Anstrengung zu empfinden. Dass er in dieser Produktion auf Augenhöhe mit Angela Winkler und Edith Clever spielen darf, sei keine Selbstverständlichkeit für ihn: „Manchmal denke ich, das kann gar nicht wahr sein.“

Im Sommer in Salzburg zu arbeiten, das war für Angela Winkler eigentlich keine Option. Doch dann kam das Angebot, als Mutter im „Jedermann“ zu spielen. „Als ich gehört habe, dass Lars Eidinger meinen Sohn spielt und auch Edith Clever im Ensemble ist, habe ich zugesagt“, sagt die Schauspielerin. Das Ensemble bezeichnet sie als „Familie“, die erste Probe auf dem Domplatz habe sie als unglaubliche Freiheit empfunden: „Ich habe sehr meine Naturliebe gespürt, ich konnte den Himmel sehen, habe Vögel und die Glocken gehört und das als sehr sinnlich wahrgenommen.“

Bei der ersten Probe auf dem Domplatz habe sie als Tod noch zu wenig Boden unter den Füßen gespürt, meint hingegen Edith Clever. Sie beschäftige sich in der Vorbereitung viel mit dem Bühnenraum und in dieser ersten Probe reichte das Spektrum von taghell und geblendet bis zur Dunkelheit. Die Art des Auftritts sei für sie auch ein wichtiges Thema: „Der Tod kommt plötzlich und ist da. Man will ihm vielleicht entkommen, aber am Ende muss man einen Weg finden, mit ihm umzugehen. In meinem Alter habe ich mich natürlich schon viel mit dem Thema beschäftigt, aber man lernt nie das Geheimnis zu ergründen.“

Edith Clever. Bild: © SF/Matthias Horn

Anna Rieser. Bild: © Stefan Klüter

Mavie Hörbiger. Bild: © Irina Gavrich

Nein, das Stichwort „Haare“ nerve sie nicht, erklärt die neue Buhlschaft Verena Altenberger. Vor Kurzem hat sie sich für die Rolle einer Krebskranken eine Glatze rasiert. „Ich mag die Debatte“, sagt sie. „Denn es ist einfach völlig egal, wie die Haare der Darstellerin der Buhlschaft aussehen.“ Bei der ersten Probe allerdings hat sich die Salzburgerin zuerst einmal in die letzte Reihe gesetzt und das Geschehen beobachtet. „Dann habe ich mich aber sehr schnell sehr wohl gefühlt auf der Bühne.“ Die Buhlschaft habe sie nie als Klischee-Frau empfunden, das Emanzipatorische sei der Rolle eingeschrieben. Ihr erster Instinkt sei gewesen, das Leid dieser Frau darstellen zu wollen, die Abhängigkeit vom Jedermann zu zeigen und sie aus den Fesseln zu befreien.

Etwa ab dem vierten Tag der Proben habe sich dieses Bild allerdings gewandelt. „Das war eine unnötige Suche, denn die beiden sind ein gleichberechtigtes Paar im Moment, in dem sie zusammen auf der Bühne stehen.“ Altenberger ist mittlerweile fest überzeugt, dass das Paar sich liebt. Ob sie ein Traumpaar sind? – Eidinger schreitet ein und formuliert es lieber als „Abrechnung mit dem Traumpaar und mit der Romantik“: „Es geht nicht um Versprechungen für die Zukunft, sondern um ganz reale Versprechungen im Hier und Jetzt.“

Der Teufel wird mit Mavie Hörbiger zum ersten Mal weiblich besetzt. „Das bedeutet mir insofern etwas, dass ich mir wünsche, dass es danach unerheblich ist, ob Schauspielerin oder Schauspieler die Rolle übernehmen“, sagt der Burgtheater-Star. Es sei eine Komiker- und gleichzeitig eine tragische Rolle, denn der Teufel hat bereits mit seinem Auftritt verloren, in dem ihm der Weg verwehrt wird. Auch der Glaube ist in diesem Jahr mit Kathleen Morgeneyer weiblich besetzt. „Nach dem zu suchen, was uns begleitet, was aber ungern ausgesprochen wird, das ist meine Aufgabe als Glaube“, sagt sie. Ohne Transzendenz sei es schwer für den Menschen zu existieren. „Ich glaube nicht, dass es ohne geht. Denn allein, dass wir alle geboren wurden, ist ein Wunder.“ Ob es einen wirklichen Kampf zwischen Glaube und Teufel geben werde, könne sie noch nicht verraten: „Für mich existiert zwischen den beiden eher eine große, fast erotische Anziehung.“

Michael Sturminger, Anna Rieser, Bettina Hering, Edith Clever, Mirco Kreibich, Tino Hillebrand, Gustav Peter Wöhler, Jörg Ratjen, Verena Altenberger, Lars Eidinger, Angela Winkler, Kathleen Morgeneyer, Anton Spieker und Mavie Hörbiger. Bild: © SF/Anne Zeuner

Gustav Peter Wöhler und Tino Hillebrand sind bereits im vergangenen Jahr als Dicker und Dünner Vetter aufgetreten. „Uns gibt es nur zu zweit“, sagt Tino Hillebrand. Doch, was die beiden auf der Bühne zeigen, sei in diesem Jahr etwas völlig Anderes als in den vergangenen Jahren. „Es macht Spaß, komisch zu sein“, sagt Gustav Peter Wöhler. Er erzwinge die Komik allerdings nie, sondern sie entstehe bei ihm oft einfach. Anton Spieker übernimmt die Rolles als Jedermanns guter Gesell. Er empfinde Lars Eidinger als Gesamtkunstwerk und tollen Kollegen, mit dem er sehr sensibel spielen könne. Jörg Ratjen, der den armen Nachbar spielt, habe erst im Probenprozess gemerkt, wie gut er das Stück wirklich finde. Er verriet, dass er in einer Art Gruppenkörper auf der Bühne zu sehen sein wird.

Mirco Kreibich wird in einer neu geschaffenen Doppelrolle als Schuldknecht und Mammon agieren und findet in der Kombination durchaus Verbindungen. „Jedermann verwehrt dem Schuldknecht den Schuldschein und klammert sich später am Mammon fest, um nicht allein in den Tod gehen zu müssen“, sagt er. An seiner Seite spielt Anna Rieser, mit Kay Voges neu ans Volkstheater Wien gekommen und bereits in dessen Produktion von Thomas Bernhards „Theatermacher“ aufgefallen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46859) Des Schuldknechts Weib. Sie habe sich schon in ihrer Kindheit gewünscht, einmal live auf dem Domplatz spielen zu können. Dieser Wunsch erfüllt sich nun. Und wie geht man am Ende aus dem Stück heraus? „Es geht um die Frage ‚Wer bin ich‘“, so Lars Eidinger. Es habe etwas Tröstliches, am Ende bei sich selbst anzukommen und sich mit allen Fehlbarkeiten zu erkennen. „Darin liegt totale Schönheit.“

Lars Eidinger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=46992

Verena Altenberger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=47002

www.salzburgerfestspiele.at

10. 7. 2021

Volkstheater: Der Theatermacher

Mai 27, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas. Bernhard. Dekonstruktion

Der Theater-Blutwursttag war manchem im Publikum nicht Blunzn: Uwe Rohbeck, Nick Romeo Reimann, Anna Rieser und Anke Zillich. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

„Was hier / in dieser muffigen Atmosphäre“, das ist seit 35 Jahren des Publikums liebstes Thomas-Bernhard-En­t­rée, in launiger Runde längst zum Zitat geworden, und man erinnert sich: Traugott Buhre, Kirsten Dene, Josefin Platt, Martin Schwab, Bibiana Zeller, der sprachlos seine Hängebäckchen schwabbeln lassende Hugo Lindinger. „Als ob ich es geahnt hätte“, brachte der neue Volkstheaterdirektor Kay Voges, wie’s alle antretenden Intendanten tun, seine

bühnenerprobte Inszenierung vom „Theatermacher“ mit nach Wien. Gestern Dortmund, heute V°T, übermorgen …? … Fotzbach. Hatte man auch schon überlegt, diese Rezension zu titeln. Oder: Thomas. Bernhard. Auslöschung. Ein Zerfall. Doch das ist ja aus dessen Prosa, und mit seinem „Mein Gott / nicht einmal zum Wasserlassen / habe ich diese Art von (Gast-)Häusern betreten“, fährt Andreas Beck den ersten Lacher ein, denn – Text-Bild-Schere – das Volkstheater glänzt derart in seiner frischrenovierten Pracht, dass es eine Freude ist. Von wegen Utzbach wie Butzbach, die zum House Warming angetretene Truppe wird sich damit arrangieren müssen, dass Wien sich für den Theaternabel der Welt hält.

Immerhin: Voges und Team wurden freundlicher empfangen, als ihre VorgängerInnen, bis auf ein paar vehemente Buh-Rufer gab’s viel Applaus, vor allem absolut verdient für die Darstellerinnen und Darsteller. Der Rest wird die Geister scheiden, in jene, die jedes Bernhard’sche Wort für sakrosankt halten, und jene, die dem postmodernen Dekonstrukteur und notorischen Theatertechnikinnovator Kay Voges bereit sind, auf seinem Weg zu folgen. Die zuletzt verloren gegebene Schlacht ums Stammpublikum – tja, man wird sehen. Leicht konsumierbar ist, was zu erwarten war, jedenfalls nicht.

Zum Atemanhalten also die Frage, ob’s und wie’s den – schon wieder – deutschen Theatermachern gelingen wird, den urösterreichischen Nestbeschmutzer über die Rampe zu bringen. Und die erste Dreiviertelstunde wird man tatsächlich im Alles-Roger-Glauben gehalten. Die Bühne von Daniel Roskampf ist eine Baustelle, wie‘s das Dortmunder Schauspielhaus weiland war. Sichtbeton, Staub, eine Sprinkleranlage, zwei Rolltore, vier Feuermelder, fünf Notbeleuchtungen, neun Feuerlöscher. Alles sehr vorschriftsmäßig.

Auch Andreas Beck, ein Bär (den’s später aus der Requisite geben wird) von einem Mann, der den Bruscon ohne die üblichen Mimen-Mätzchen anlegt, mit funkelnder Sprache und glasklaren Schimpftiraden, hinter denen die Gefährlichkeit der Verzweiflung lauert. Kongenial an seiner Seite Uwe Rohbeck als wieselflinker, spindeldürrer Wirt des „Goldenen Hirschen“, in dessen Tanzsaal der Staatsschauspieler mit seiner Sippschaft seine selbstverfasste Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ aufführen will.

Jeder darf Bruscon sein: N. R. Reimann. Bild: © N. Ostermann / Volkstheater

Anke Zillich, hi.: Uwe Rohbeck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

und Punk Anna Rieser. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Beck ist ein mächtiger Bruscon, der sich dessen überschnappende Suada auf der Zunge zergehen lässt. Zu den Schwerfälligkeitsmenschen, den Inkompetenzschmierern, der hustenden Gattin, den untalentierten Kindern, dem Machtmenschen Feuerwehrhauptmann Attwenger, im Saal sitzend, „seltsam verwachsene Menschen, hässlich, mit Masken, wahrscheinlich eine Seuche, Schweinepest“, fügt er andere hinzu: „Intendantenpipi, Intendanten- pimmel“, „Ist doch alles zu, nur bis 22 Uhr offen“, „Die nächsten 14 Tage werden entscheidend sein“. Und etwas stutzig macht hier der queere Wirt und wie er seinen enormen Gast studiert, ihn kopiert. Warum das alles?

Weil sich hier das Rad der Geschichte unablässig dreht, nach ein wenig Verdi beginnt alles von vorne, die Theaterwiederholungsqual, die lebenslängliche Theaterkerkerhaft. Oben am Portal leuchtet von neunen nun die Zahl zwei auf, jahaha, so oft wird’s revolviert werden, „Was hier / in dieser muffigen Atmosphäre“. Runde zwei ist schneller, härter, schnoddriger. Beck spielt mit verschärftem Tempo, gelockerter Zunge und würzt den Text mit mehr und mehr improvisiert-aktuellen Anspielungen.

Ein Eisbär, dessen Augen rot glühen, wird auf die Bühne geschoben und schließlich, um deutlich zu machen, wer der wichtigste Theatermacher im Lande ist: eine Hakenkreuz-Parodie. Die eingegipsten Arme von Sohn Ferruccio, Nick Romeo Reimann, verdoppeln sich von eins auf zwei. Wieder bei der Frittatensuppe angekommen, geht’s zur #3, Beck und Rohbeck tauschen die Rollen, die beiden ein grandioses Komödiantenduo und der spillerige Rohbeck im Nadelstreif eindeutig ein Kay-Voges-Lookalike. Wohingegen Beck nun der denkbar schlechteste Stichwortgeber ist, körperlich ein Rohbeck hoch3, der dem hippelig hampelnden Hochkulturgenius hinterherhinkt.

Das beiläufige „Heute ist Blutwursttag“ wird zum Minimelodram, nicht jeder auf den Rängen goutierte die dazu servierten Hakenkreuz-Tutus. Wie auch immer, Beck und Rohbeck werden dem Wiener Prädikat Publikumsliebling wohl nicht mehr entgehen. Und weiter geht’s zur Leuchtziffer vier unterm Castorf’schen Räuberrad. Nun wird Sohnemann Reimann zum hellblau-gestreiften Theatermacher und singt den Bruscon-Text im grausigen Musicalton, während Andreas Beck als voll vergipster Sohn im Elektrorollstuhl herumfährt. Das Tempo beschleunigt sich weiter, die Späße werden gröber.

Tauschen alsbald die Rollen: Andreas Beck und Uwe Rohbeck. Bild: © Birgit Hupfeld / Volkstheater

So stellt man sich den Theatermacher vor: Uwe Rohbeck. Bild: © Birgit Hupfeld / Volkstheater

Andreas Beck, Anna Rieser, Nick Romeo Reimann und Eisbär. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Nick Romeo Reimann und im Ganzkörpergips Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Danach rast das Ensemble bei den Nummern 5 bis 8 in die Abgründe eines Albtraums, in dem die Mutter, Anke Zillich, die Theaterhölle dirigiert. Sie und Tochter Sarah, die herrlich koboldhafte Anna Rieser als Macho-Punk, den Busen mit schwarzen Klebestreifen ausgeixt und die Schrift „Fickt die Väter“ auf dem Jackett tobt sie durch die Zuschauerreihen, sind jetzt die Theatermacherinnen und verkehren alle Machosprüche in ihr Gegenteil: „Mit Männern Theater zu machen ist eine Katastrophe.“ Das ist das ultimative Gendern der Kunst. So manche freut’s, so mancher, der Herr hinter einem etwa, reagiert, als hätte es wer gewagt, die Bibel umzuschreiben.

Theaterblut fließt am Blutwursttag, die Spielregeln zwischen dies- und jenseits der Bühnenrampe, diese „jahrtausendealte Perversität, in die die Menschheit vernarrt ist“, löst sich auf in chaotische Effekte. Die Theatertechnik zieht ein Register nach dem anderen. Harte Beats, rotierende Scheinwerfer, wirbelnde Schriftprojektionen von Schimpfwörtern, verzerrte Stimmen. Nebel und horrorbunte Farben fluten die Bühne, an den Wänden schlängeln sich grandiose halluzinogene Videos von Mario Simon.

Dass die Echoräume des Bernhard’schen Stücks sich verschoben hätten, wo heute doch jede und jeder seine Rants und rückkoppelnden Empörungsschleifen in den Social Media loswerden könne, beschreibt Kay Voges seine Arbeit. Sein Performance-Parforceritt ist eine Tiefenbohrung sowohl in Text als auch zeitgenössische Theatergeschichte, von Apostel Peymann zu Zertrümmerer Castorf, von Musical-Kitsch zu aktionistischem Feminismus, von Diskurstheater zu toxischer Männlichkeit. Ein Horror. Ein Horror, der nicht ohne sich stetig schneller drehenden Empörungsspirale, theatraler Selbstironie und kritischer Selbstbefragung abgeht. Wie noch Schauspiel, wie Volkstheater machen im post-post-post-Zeitalter?

Voges fördert zutage, was Bernhard heute und für alle Zeiten ausmacht. Eine Aktualität, die in den Eingeweiden der Theaterhäuser rumort, und Voges sticht mitten hinein ins Schweizerhaus-Stelzenfett* der hiesigen Bernhard-Verehrung. Nun heißt es gespannt sein auf Lucia Bihlers, sie die Hausregisseurin der Berliner Volksbühne, Version der „Jagdgesellschaft“ am Akademietheater. Prognose: So frisch, provokant und kontroversiell wie im Jahr seines 90. Geburtstages hat man den mittlerweile Salonklassiker Thomas Bernhard auf heimischen Bühnen lang nicht mehr gesehen.

[Anm.: www.youtube.com/watch?v=hh4haKOmm68]

www.volkstheater.at

  1. 5. 2021

Raimundspiele Gutenstein: Brüderlein fein

Juli 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch als Choleriker mit sensibler Seele

Im Kampf mit seinen Dämonen: Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Joachim Kern

Ferdinand Ochsenheimer, Schiller-Star, Bühnenbösewicht, gefeiert am k. k. Hoftheater zu Wien, war also das große Vorbild. Lernt das Publikum unter Lachen, wenn Johannes Krisch ochsenheimerisch grimassiert, outriert, den Körper einmal um die eigene Achse schraubt – doch sein Ferdinand Raimund trotzdem nicht ans Burgtheater engagiert wird. Einige Szenen später, da ist Raimund schon die Wiener Volkstheater-Berühmtheit, den zu sehen

die Leute um die Häuserblocks Schlange stehen, wird er seinen Schauspielern jedes Extemporieren, jedes übertriebene Agieren verbieten. Der Dramatiker war nicht nur der beste Darsteller seiner Werke, sondern auch ein moderner Regisseur, der Disziplin und Texttreue einforderte. Dies nur eines der Dinge, die man in Felix Mitterers Raimund-Bioplay „Brüderlein fein“ über den Zauberpossen-Dichter erfährt, dessen Uraufführung Donnerstagabend bei den Raimundspielen Gutenstein mit Standing Ovations für Autor, Inszenierung und Ensemble endete. Intendantin Andrea Eckert hatte Mitterer als ausgewiesenen Experten fürs Historisch-Biografische mit dem Stück beauftragt, das nun chronologisch entlang Raimunds Leben und Schaffen verläuft, unterfüttert von Stück-im-Stück-Sequenzen und auch allerhand Zauberhaftem.

Auf den durch den Zuschauerraum wandernden Zuckerbäckerlehrling, der im Burgtheater in den Pausen Brezeln verkauft, und dort sein theatrales Erweckungserlebnis hat, folgen derart Fee Rosalinde und Nymphe Lidi – Figuren aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ -, die das Jungtalent mit allen Begabungen segnen, die es sich ersehnt. Mitterer erzählt im Zeitraffer von den wichtigsten Momenten, der Lebensliebe zur Kaffeehausbesitzerstochter Toni Wagner, der Ehe mit Schauspielkollegin Luise Gleich, die ihm ein Kind des Fürsten Kaunitz unterschob, zeigt Probenarbeit und Aufführungen und das Durchfallen von „Moisasurs Zauberfluch“ im Theater an der Wien. Der Name Nestroys irrlichtert durchs Geschehen, der große Rivale, der es hellhörig verstand, auf den Zug der Zeit aufzuspringen, schließlich das Hobellied statt des Pistolenschusses. Mitterer, seines Zeichens selbst Volksstückeschreiber, fährt seinen bewährten Mix aus Gelehrigkeit und Geschichtswissen auf, sein Drama wie immer durchsetzt von heiteren Episoden, und wenn der Tiroler über den Wiener sagt, er wäre ihm ein Bruder geworden, so glaubt man das aufs Wort.

Genialischer Dritter im Bunde ist Johannes Krisch, der Burgtheaterschauspieler auf Landpartie, der Ferdinand Raimund als den „leidenden Humoristen“ darstellt, als den ihn Zeitgenosse Carl Ludwig Costenoble einmal bezeichnete, Costenoble, der 1832 über Raimund in seinem Tagebuch vermerkte: „Der wird noch toll oder bringt sich um.“ Krisch, mit Hund Ariel als wuschelige Handpuppe, gibt den Komödianten, der so gern Tragöde sein wollte, in all seinen Extremen. Egal, ob ihm gerade rührselig ums Herz oder der Sinn nach kindlichem Überschwang ist oder „da Gache“, heißt: der Jähzorn, mit ihm durchgeht, gelingt Krisch das Psychogramm eines manischen Fieberkopfs, eines Cholerikers mit sensibler Seele, dessen Abstürze in die Depression, ins Hypochondrische für alle Beteiligten verheerend sind.

Liebeswerben bei Toni Wagner: Anna Rieser und Johannes Krisch mit „Hund“ Ariel. Bild: © Joachim Kern

Mutter Wagner ist darob nicht erfreut und erteilt „Trottoirverbot“: Eduard Wildner. Bild: © Joachim Kern

Therese Krones als „die Jugend“: Lisa Schrammel und Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Landpartie mit dem Freund Johann Landner: Johannes Krisch und Gerhard Kasal. Bild: © Joachim Kern

Nach der Pause zunehmend von Raimunds Dämonen getrieben, läuft Krisch zur Hochform auf, und eine schöne Idee ist, dass ihm Ariel im Zwischenmenschlichen als warnendes Gewissen zur Seite steht. Am Ende wird dieser Raimund, überzeugt, sich mit Tollwut infiziert zu haben, von Fabelwesen mit Hundsköpfen umzingelt werden … Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin stellen all das mit wenigen Mitteln auf die Bühne, Versatzstücke, ein Fenster, ein Alkovenbett, eine Gefängniszelle, werden rasant rein- und rausgeschoben, die Kostüme sind mit Reif- und Gehrock angedacht biedermeierlich. Tommy Hojsa begleitet die Handlung auf dem Akkordeon.

Aufgerieben wird Krischs Raimund zwischen den beiden Polen Luise Gleich und Antonie Wagner. Larissa Fuchs spielt erstere durchtrieben und berechnend, sie umgarnt den Dichter mit ihrem sinistren Plan der Eheschließung und ist gleichzeitig ebenfalls Opfer, des Fürsten Kaunitz, aus dessen Fängen es kein Entrinnen gibt. Krisch hat mit Fuchs starke Szenen. Wenn ein ganzes – imaginäres – Publikum ihm unter Buh-Rufen „G’heirat‘ wird!“ befiehlt, wenn er die untreue Gattin später während einer Vorstellung quer durch den Theatersaal jagt und würgt, da verbinden sich Verzweiflung und Furor und Volksstückewitz aufs Feinste. Fuchs hat zum Schluss noch einen feinnervigen Auftritt, als heruntergekommene Akteurin, die den Ex vergebens um ein Engagement anfleht.

Anna Rieser ist eine anrührende Toni Wagner, verständnisvoll, verzeihend, zu Raimunds Leidwesen kein Naturkind, sondern insektophobisch, was Rieser mit großem Vergnügen ausspielt, auch Raimunds Stimme der Vernunft, die ihn mahnt, künstlerisch bei dem zu bleiben, was er am besten kann und was sein Publikum schätzt – eine Einmischung in seine Belange, die sich der Egomane von der „Sitzkassiererin“, wie er sie schimpft, verbietet. Dennoch werden die beiden einander vor der Mariensäule in Neustift am Walde statt des dem Geschiedenen verbotenen Eheversprechens einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schwören. Lisa Schrammel bleibt als Therese Krones, diese immerhin die gefeiertste Schauspielerin ihrer Zeit, deren exaltierter Lebensstil ihr einen frühen Tod bescherte, zu sehr im Hintergrund, singt aber als „Jugend“, Krones‘ berühmte Hosenrolle in „Der Bauer als Millionär“, im Duett mit Krisch glockenklar das „Brüderlein fein“.

Sein Jähzorn bringt Ferdinand Raimund ins Gefängnis: Johannes Krisch, Tommy Hojsa, Eduard Wildner als Fürst Kaunitz, Reinhold G. Moritz als Josef Gleich, Larissa Fuchs als Luise Gleich. Bild: © Joachim Kern

Neun Rollen teilen sich drei Schauspieler: Gerhard Kasal ist unter anderem als Soproner Theaterdirektor Christoph Kunz und als Johann Landner zu sehen, Raimunds Freund und lebenslange Stütze. Reinhold G. Moritz spielt den schlitzohrigen Theatermacher und Schwiegervater Josef Gleich, den sterbenden, seinen Sohn verfluchenden Vater Raimund und brillant den für seine Spontaneinfälle berüchtigten „Agent aller heiteren Charaktere“, wie ihn Adolf Bäuerle einmal nannte, Friedrich Korntheuer.

Eduard Wildner erscheint zum Gaudium des Publikums als übellaunige Mutter Wagner und erteilt Raimund „Hausverbot, Fensterverbot, Trottoirverbot“; Wildner gibt gefährlich jovial auch den Fürsten Kaunitz, wegen dessen sexueller Lust auf Kinder ihm Luise Gleich vom Vater „als Gespielin verkauft worden“ war. Ein Schicksal, das, so stellte sich heraus, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog, 200 andere minderjährige Mädchen mit ihr geteilt haben.

Zum Ende eben „Der Verschwender“, Hobellied, und Mitterers Hommage an den Uraufführungs- und Raimunds Sehnsuchtsort, wenn er den Todgeweihten sagen lässt: „Begrabt‘s mich in Gutenstein, ja nicht in Wien“. Das ist freilich allemal einen Extra-Applaus wert. Mit „Brüderlein fein“ ist Felix Mitterer eine kitsch- und klischeefreie Vita-Verdichtung Ferdinand Raimunds gelungen, die zwischen plastischen Szenen und poetischen Passagen changiert, und Hauptdarsteller Johannes Krisch alle Register seines großen schauspielerischen Könnens ziehen lässt. Neben Mitterer galt ihm vor allem, der sich in gekonntem Alt-Wiener Dialekt in einen rappelkopfschen Wahn hineinwütet, der Jubel. Den die beiden Arm in Arm genossen.

Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=33961

www.raimundspiele.at

  1. 7. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Intendantin Andrea Eckert und Autor Felix Mitterer im Gespräch

Juli 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch spielt Ferdinand Raimund in der Mitterer-Uraufführung „Brüderlein fein“

Andrea Eckert. Bild: © Janine Guldener

Kein Stück von, sondern eines über Ferdinand Raimund zeigen die Raimundspiele Gutenstein dieses Jahr. Intendantin Andrea Eckert hat keinen Geringeren als Autor Felix Mitterer um dies Stück gebeten, das das tragische Leben des großen Dramatikers und Schauspielers zum Inhalt hat. Uraufführung von „Brüderlein fein“ ist nun am 11. Juli – und das Publikum kann versichert sein, unbekannte Seiten Raimunds kennenzulernen. Den Dichter spielt der auch unter der Direktion Martin Kušej dem Burgtheater erhalten bleibende Johannes Krisch. Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch:

MM: Wie kam es zu Ihrer Überlegung, in Gutenstein dieses Jahr kein Stück von Ferdinand Raimund zu spielen, sondern eines über ihn zu initiieren?

Andrea Eckert: Der Gedanke kam mir sehr bald, nachdem ich bei den Raimundspielen als Intendantin begonnen hatte. Ich finde es wunderbar, dass es diese eindeutige Widmung der Spiele, sich ausschließlich mit Raimund-Werken zu befassen gibt, daran halte ich auch hundertprozentig fest, aber die Anzahl der Stücke ist begrenzt. Nicht nur deshalb dachte

ich mir, es wird Zeit, einmal über ihn zu erzählen, sondern auch, weil ich das Leben von Ferdinand Raimund zutiefst bewegend, bestürzend und ergreifend finde. Die wenigsten Leute wissen Genaueres darüber – kennen nur seinen spektakulären Selbstmord. Wenn ich von Raimund als Schauspielstar spreche, der die Wiener Theater füllte und für den Zuschauer um die Häuserblocks Schlange gestanden sind, um ihn auf der Bühne zu sehen, ein Mensch, der so leidenschaftlich und gleichzeitig so trostlos war, bekam ich nur ein „Ah so?“ zurück.

MM: Und so begann die Suche nach einem Dramatiker?

Eckert: Ich habe intensiv nachgedacht, wer das sein könnte, und da ich Felix Mitterer vom Dorothea-Neff-Stück „Du bleibst bei mir“ am Volkstheater kannte, da ich auch viele seiner anderen Stücke, zum Beispiel seinen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ an der Josefstadt gesehen hatte, war ich entschieden: Ich frag‘ ihn! Er war damals quasi mein Nachbar, weil wir im Weinviertel ein Haus haben. Er war anfangs zurückhaltend und hat liebenswürdiger Weise andere Kollegen vorgeschlagen, die’s schreiben sollen, ich habe allerdings nicht nachgelassen, bis er endlich Ja sagte. Er hat in erstaunlich kurzer Zeit eine Rohfassung geschrieben, und ich war von Anfang an begeistert, weil ich gemerkt habe, was er mir später auch bestätigt hat, dass er eine tiefe Beziehung, fast eine Seelenverwandtschaft, zu Raimund gefunden hat. Man merkt dem Stück an, dass hier eine Begegnung zwischen zwei Dichtern stattfindet, und ich bin glücklich, aber auch sehr aufgeregt, denn natürlich ist diese Uraufführung ein Experiment, ein, wie ich finde, für die Raimundspiele Wesentliches.

Felix Mitterer: Ja, nach der Dorothea Neff ist der Kontakt zwischen Andrea Eckert und mir aufrecht geblieben, wir haben uns in Niederösterreich auch öfters gesehen. Als sie mich wegen des Stücks gefragt hat, kannte ich von Ferdinand Raimund nur die Zauberpossen, die halt so gespielt werden, aber dann habe ich mich mit seiner Biografie beschäftigt und hab‘ ihn liebgewonnen, und dachte mir, das Leben dieses Mannes muss unbedingt auf die Bühne – und so habe ich zugesagt.

MM: Wie haben denn die Gutensteiner auf dieses Ansinnen reagiert?

Mitterer: Gut, glaub‘ ich. Ich bin ja immer wieder draußen und schaue mir Inszenierungen an, ich habe auch alles besichtigt, was mit Raimund zu tun hat, bis zum Grab auf dem Bergfriedhof. Na, und jetzt bin ich selber da gelandet, in einem Sommerfrischegebiet, so schön und lieblich, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte, sag‘ ich als einer, der aus den schroffen Tiroler Alpenhöhen kommt.

Eckert: Der Bürgermeister von Gutenstein, Michael Kreuzer, ist auch der kaufmännische Direktor der Raimundspiele. Ich habe meinen Plan mit ihm besprochen, er denkt natürlich kaufmännisch und erwartet sich einiges. Und es ist ja auch etwas Spektakuläres, es ist eine Welturaufführung, sie wird vom ORF aufgezeichnet. Darüber bin ich auch sehr glücklich, denn das ist für die Raimundspiele schon etwas Besonderes. Und wie der Kartenvorverkauf zeigt, folgt uns unser Publikum auf diesem Weg, etwas Neues zu sehen.

MM: Felix Mitterer hat seinem Werk den Titel „Brüderlein fein“ …

Mitterer: „Brüderlein fein“, obwohl er’s gar nicht fein mit sich selbst hatte.

MM: … nach dem berühmten Lied aus „Der Bauer als Millionär“ gegeben, in dem „die Jugend“ auftritt und „das hohe Alter“. Handelt das Mitterer-Stück auch „von der Wiege bis zur Bahre“?

Eckert: Nicht von der Wiege an, aber von seinen Anfängen, er kam ja aus sehr armen Verhältnissen, die Eltern sind früh gestorben, und so hat er als Bub Brezeln im Burgtheater verkauft, so hat er seine Leidenschaft fürs Theater gefasst. Das ist keine Anekdote, sondern das war so. Mit einem Brezelverkauf im Publikum beginnt auch unser Stück, dann geht’s weiter mit der Liebe und den Leidenschaften, mit den Erfolgen und Misserfolgen – chronologisch bis zum Ende.

Mitterer: Ich behandle die wichtigsten Ereignisse seines Lebens. Das beginnt mit dem Anbieten von Desserts und Limonaden aus der Manufaktur des Hofzuckerbäckermeisters Jung auf der Freyung, wobei er am Burgtheater sein Erweckungserlebnis hatte, geht weiter wie Raimund von der Fee Rosalinde aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ seine literarische Begabung erhält, bis zu den bekannten Erfolgen. Die große Tragödie des Ferdinand Raimund war ja, dass er immer der große Tragöde sein und am Burgtheater aufgeführt werden wollte. Er war kein glücklicher Mensch, ein Hypochonder, der sich selbst aber als solchen erkannt hat, und je erfolgreicher, je depressiver. Mein Stück ist aber keine Tragödie, sondern eine Tragikomödie, und ich hoffe so, wie der Raimund es heute auch geschrieben hätte. In trockener Verzweiflung und als Liebeserklärung an die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Felix Mitterer. Bild: © Joachim Kern

MM: Herr Mitterer hat als Regieanweisung vorgegeben, „man möge sich an der damaligen Ausstattungspraxis orientieren“. Wie tun sich Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin damit?

Eckert: Die Mittel, die es zu Raimunds Zeiten gegeben hat, bringen Gutenstein jedes Jahr in die Bredouille. Wir sind finanziell kein reiches Festival, wir haben nicht einmal eine Drehbühne, geschweige denn eine Versenkung, wir können Raimund auch keine feuerspeienden Vulkane auf die Bühne stellen, wie er es in seinen Regieanweisungen schreibt. Wir arbeiten also mit dem, was uns zur Verfügung steht, und zu meinem großen Glück machen wir das mit einem künstlerischen Team, das sehr viel Fantasie hat.

Mitterer: Geh, man muss doch nur mit Papier und Pappendeckel hantieren, so wie damals. (Er lacht.)

Eckert: Nicole Claudia Weber und Vanessa Achilles-Broutin haben jedenfalls einen wunderbaren Weg gefunden, wie man rasche Verwandlungen ohne großen Aufwand, größtenteils durch die Darstellung der Schauspieler verwirklichen kann, ohne, dass unser Theater „Armes Theater“ wird. Die Inszenierung wird ästhetisch sehr speziell sein und alle Notwendigkeiten des Stücks bedienen.

MM: Denn die Darsteller sind fast alle mehrfach tätig, sowohl als eine real existiert habende Person als auch als Raimund’sche Bühnenfigur. Das heißt, Sie zeigen streckenweise Theater auf dem Theater?

Eckert: Stimmt. Das Ensemble spielt ja in Raimunds Stücken, es werden auch Proben gezeigt, während derer man sieht, welch moderner Regisseur Raimund auch war, einer, der unglaublich auf Text gehalten hat, und sehr streng mit seinen Schauspielern war. Es gibt sogar das Gerücht, dass er tätlich wurde, wenn’s ihm nicht gepasst hat. Er war ein sehr jähzorniger Mensch.

Mitterer: Der Raimund hat jede zweite Woche ein neues Stück geschrieben und rausgeschossen, weil ihm die von den anderen zu schlecht waren. Er war Schauspieler und übernahm auch die Regie, er war der erste, der darauf Wert legte, dass die Darsteller mit gelerntem Text auf die Probe kommen, das war damals gar nicht üblich, aber seine Strenge hat ihm recht gegeben, die Leute sind ins Theater g’rennt.

MM: Apropos, Gerüchte: Es gibt eine Polizeiakte, in dem festgehalten ist, er hätte seine Ehefrau Luise Gleich „auf eine wahrhaft unmenschliche Art“ misshandelt.

Eckert: Ferdinand Raimund war ein Künstler, und in seinen Lieben so extrem wie im Theater. Er konnte mit Betrug sehr schlecht umgehen, das kann ich verstehen. Er wurde von den Damen mitunter nicht gut behandelt. Schön finde ich es nicht, aber ich gestehe ihm zu, dass er mitunter ausgerastet ist. Man muss auch nicht alles glauben, was im Polizeiakt steht. Tatsache ist, dass er im Foyer der Josefstadt einmal einer Geliebten, die ihn betrogen hat, mit einem Stecken nachgerannt ist und damit zugeschlagen hat, und dann auch ins Gefängnis gekommen ist.

Mitterer: Mitten während der Vorstellung hat er sie quer durch den Zuschauerraum verfolgt und auf sie hingeprügelt.

Eckert: Trotzdem war er seiner großen Lebensliebe Toni Wagner bis zu seinem Ende in gewisser Weise treu.

Mitterer: Er war ein Fieberkopf, er hat sich immer bis zur Raserei verliebt. Und die Luise Gleich ist ihm ja schwanger untergeschoben worden. Die war von ihrem Vater dem Alois von Kaunitz wegen dessen sexueller Lust auf Kinder „als Gespielin verkauft worden“. Das erfuhr Raimund aber erst 1822, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog. Jetzt muss man sich vorstellen, er stand mit dieser Soubrette, seiner Braut auf der Bühne, und wurde ausgepfiffen, weil das Publikum von ihm verlangte, zu heiraten. Die Toni Wagner war Kaffeehaustochter und ihre Eltern komplett gegen die Beziehung, weshalb die beiden auch nur vor der Mariensäule in Neustift am Walde einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schließen konnten. Toni war auch bei Raimunds Selbstmord Zeugin, er wollte noch testamentarisch für sie sorgen, aber sie ist später völlig verarmt gestorben.

MM: Als Theaterkind der mittleren bis späten 1970-Jahre muss ich gestehen, dass ich mit Raimund lange Zeit wenig anfangen konnte. Die Aufführungen waren mir zu lieblich, zu süßlich, zu viele rosa Rüschen, wenn ich das so sagen darf – bis endlich Regisseurinnen und Regisseure herangewachsen sind, die die dunkle Seite seiner Zauberpossen erkannt und bedient haben. Was meinen Sie, hat sich punkto Aufführungspraxis und Rezeption gewandelt?

Eckert: Diese Zauberwelt, die eine ganz große Poesie und sehr viel Humor hat, das finde ich bei Raimund ganz wesentlich, und auch im Stück von Felix Mitterer so schön herausgearbeitet, existiert ja. Trotzdem, wie Sie sagen, gibt es dahinter auch eine genaue Sicht auf die Menschen. „Der Diamant des Geisterkönigs“ beispielsweise ist sogar ziemlich brutal. Auch „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ ist ein in dieser Hinsicht erstaunliches Stück. Raimund zeigt einen Kosmos verschiedenster Charakterzüge, auch die unangenehmen, die grauslichen. Das muss man sehen, aber nicht draufhauen. Insofern hat sich die Aufführungspraxis sicher geändert.

Mitterer: Mir ist es auch so gegangen. Als Tiroler Bub kannte ich Raimund-Inszenierungen nur von Fernsehaufzeichnungen, und die waren mir viel zu zuckersüß. Aber es gab auch Ausnahmen, immer wenn die Hörbigers spielten, das fand ich damals schon gigantisch.

MM: Lassen Sie uns über die Besetzung sprechen: Johannes Krisch ist natürlich der Glücksfall als Ferdinand Raimund. Wie haben Sie ihn gewonnen?

Eckert: Lassen Sie es mich so sagen: ich habe mich sehr um ihn bemüht. Es ist ein ganz wesentlicher Teil meiner Aufgabe, eine Besetzung zusammenzustellen, an die ich glaube. In diesem Fall steht und fällt das Stück mit der Figur des Raimund. Ich habe Johannes Krisch das Stück geschickt, ich habe ihm schon vergangenes Jahr eine Rolle angeboten, aber er hat mich freundlich versetzt wegen Dreharbeiten oder etwas anderem. In diesem Fall hat er mich am nächsten Tag zurückgerufen, und war offensichtlich vom Stück und der Rolle so begeistert, dass er mir zugesagt hat. Das ist großartig, weil er quasi seine sommerliche Drehzeit diesmal uns geschenkt hat.

Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Moritz Schell

Larissa Fuchs als Luise Gleich, Johannes Krisch und Anna Rieser als Toni Wagner. Bild: © Moritz Schell

MM: Die Damen im Ensemble sind …?

Eckert: Anna Rieser ist Toni Wagner. Sie feiert große Erfolge am Landestheater Linz, ist dort ein echter Publikumsliebling, und ich denke, dass sie mit ihrem Charme und gleichzeitiger Herbheit eine ideale Toni ist. Larissa Fuchs ist die Frau von Johannes Krisch und ist besetzt als Raimunds Ehefrau Luise Gleich, die beiden haben am Berliner Ensemble gemeinsam „Liliom“ gespielt, Larissa Fuchs die Julie, das war ganz fabelhaft. Luise Gleich ist bei Felix Mitterer eine extrem vielschichtige Figur, ich finde diese beiden Frauen und wie Raimund zwischen ihnen aufgerieben wird, herzzerreißend. Lisa Schrammel vom TAG spielt Therese Krones und wird das berühmte „Brüderlein fein“ singen.

MM: Edu Wildner ist wieder mit dabei …

Eckert: Natürlich. Er verkörpert nicht nur den Wüstling Fürst Kaunitz, sondern auch die Mutter Wagner, eine wunderbare Rolle. Gerhard Kasal von der Josefstadt spielt Johann Landner, Raimunds Freund und lebenslange Stütze, Reinhold G. Moritz unter anderem den zwielichtigen Vater von Luise Gleich, der, wie schon gesagt, seine Tochter an Kaunitz verkauft hat, und Theaterdirektor und Stückevielschreiber war – ich glaube, es sind mehr als 100.

Mitterer: Die Besetzung ist perfekt. Ich freue mich, dass sie alle das Stück so mögen, und es, wie ich vorhin sagte, mit trockener Verzweiflung spielen. Das macht es komödiantisch, obwohl die Geschehnisse ja nicht komisch sind.

Nachmittagsstimmung. Bild: © Kern Jochi

Das Theaterzelt am Abend. Bild: © Karl Denk

MM: Sie wirken dies Jahr nicht auf der Bühne mit?

Eckert: Nein, es gibt in dem Stück keine Rolle für mich. Ich war die letzten Monate ohnehin mehr als ausgelastet mit meinen beiden Burgtheaterengagements, und diese Uraufführung aus der Taufe zu heben, ist kein leichter Job. Ich bin hier Intendantin und trage letztlich die Verantwortung für das künstlerische Ergebnis. Das nehme ich sehr ernst. Ich sitze bei jeder Probe, mache meine Anmerkungen, manchmal Verbesserungsvorschläge. Ich könnte dieses Jahr gar nicht daneben auch noch spielen. Das wäre fahrlässig. Trotzdem bin ich natürlich während der Festspielzeit präsent, es wird einen Chansonabend mit dem Titel „Damenwahl“ geben, an dem ich Wienerlieder, französische, englische und jüdische Lieder singen werde, begleitet von Tommy Hojsa, Otmar Klein und Lenny Dickson. Den Abend haben wir mit großem Erfolg bereits in Wien gespielt und jetzt freuen wir uns auf Gutenstein. Am zweiten Spieltag der Saison führe ich ein Gespräch mit Felix Mitterer und bin wöchentlich Gastgeberin bei den Literaturprogrammen, zu denen ich Erika Pluhar, Emmy Werner und Michael Köhlmeier eingeladen habe.

MM: Das Ende von Ferdinand Raimund wird sehr dezent abgehandelt.

Eckert: Felix Mitterer war wichtig, dass von Raimund an diesem Abend nicht der Selbstmord, der Schuss in den Mund bleibt, er wollte, dass sein Werk, seine Poesie das letzte Wort haben. Daher endet das Stück mit dem „Hobellied“ – „Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt Ade“ und nicht mit seinem furchtbar traurigen, qualvollen Suizid.

Mitterer: Raimunds tagelangen Todesqualen wollte ich wirklich nicht beschreiben. Seltsam, diese Angst, an Tollwut zu erkranken! Und dann wurde er von seinem eigenen gebissen und hat ihn erschlagen. Dabei war er ein großer Hundeliebhaber und hat immer einen Hund gehabt …

MM: Zum Schluss gefragt: Frau Eckert, Sie waren, wie Sie vorher erwähnten, nun zwei Mal am Burgtheater zu sehen, als Frau Sidonie Knobbe in „Die Ratten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521) und mit Markus Meyer im Kasino in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33364)

Eckert: … es war für mich wunderschön und wichtig, in dieser Stadt wieder als Schauspielerin vorzukommen, und ich habe gemerkt, dass sich das Publikum freut, mich wieder zu sehen. „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ war innerhalb von zwei Stunden ausverkauft. Insofern waren diese Produktionen ein Heimkommen, und ich kann Karin Bergmann nur tausend Mal danken, dass sie mir beide Rollen anvertraut hat, die großartige Erfahrungen waren, die Arbeit mit Andrea Breth wirklich etwas Besonderes, das Tanzstück, wo ich so gerne tanze … Das alles war einfach ein riesiges Glück.

MM: Aus dem sich Weiteres ergeben hat?

Eckert: Bis jetzt nicht. Das ist kein Problem, mein Beruf lässt mich schon nicht verkommen. Ich bin total entspannt und keine, die wartet, dafür bin ich viel zu ungeduldig. Wenn’s kein Angebot gibt, erfinde ich mir eine Arbeit, drehe einen Film oder gebe einen Chansonabend, mache selber etwas. Im Herbst mache ich einen Kinofilm in Deutschland und komme bei der nächsten Staffel der „Vorstadtweiber“ als „Greta Morena“ ins Fernsehen, eine Dame, die von der Münchner High Society zurück aufs Wiener Gesellschaftsparkett wechselt. Ich habe immer Arbeit, meistens zuviel. Nur nach der Bewerbung um die Leitung des Volkstheaters 2003 und der Nestroy-Gala, bei der ich mich gegen schwarz-blaue Regierung ausgesprochen hatte, gab’s einen Moment, da war’s wirklich kompliziert. Das war beruflich katastrophal, vor allem beim ORF, der über Jahre kein Drehangebot für mich hatte. Aber es ging weiter, und aus dieser Erfahrung schöpfe ich heute die Zuversicht, es ging und es geht sich immer aus.

Mitterer: Ja, so ist es, gell. Ich habe für die Tiroler Volksschauspiele Telfs „Verkaufte Heimat“ geschrieben, das wird am 25. Juli uraufgeführt und ist ein historisches Stück, das im Jahr 1939 spielt, als die Südtiroler die Option hatten, der Musolini- oder der Hitler-Propaganda zu glauben, also italienische Staatsbürger zu sein oder ins Deutsche Reich zu gehen. Das wird in einer der Südtiroler-Siedlungen aufgeführt, die in ganz Tirol sukzessive abgerissen statt als Kulturgut erhalten werden. Dann kommt am 14. August in Schwaz die Uraufführung von „Silberberg“, wo’s darum geht, wie Kaiser Maximilian den Bergbau an die Fugger verkauft hat. Und dann schreibe ich wieder was für die Josefstadt.

MM: Und da nun das Wort Volkstheater gefallen ist, darf ich fragen, ob Sie den designierten neuen Direktor Kay Voges kennen?

Eckert: Nein, ich fand ihn in allen Interviews sehr sympathisch. Ob er die richtige Mischung für das Volkstheater finden wird, werden wir sehen. Ich hoffe es sehr, weil mich der doch oft sehr schüttere Besuch dort bekümmert. Ich finde, das Volkstheater ist ein wunderbares Haus, und ich wünsche ihm von Herzen alles, alles Gute.

www.raimundspiele.at

6. 7. 2019