Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2019/20

Juni 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die transkulturelle Gesellschaft präsentieren

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2019/20 vor. Bild: Schauspielhaus Wien

Intendant Tomas Schweigen und sein leitender Dramaturg Tobias Schuster stellten heute Vormittag den Spielplan des Schauspielhaus‘ Wien für die kommende Saison 2019/20 vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber präsentierte die Zahlen der laufenden – und obwohl Schweigen und Riesenhuber von der bis dato erfolgreichsten Spielzeit des Theaters zu berichten wussten, von Einladungen zu den Mühlheimer Theatertagen übers Münchner Festival radikal jung bis zu den

Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin, alarmierten sie bereits eingangs mit drohenden Finanzierungsproblemen, eine Situation, zu der die beiden konkret allerdings erst nach ersten Einblicken in die Produktionen zu sprechen kamen. Und so freute sich Schweigen über den Coup, zur Saisoneröffnung am 28. September mit dem gefeierten Duo Vinge/Müller zwei der momentan gefragtesten Künstler der Theaterszene, von der Welt als „die irrsten Theatermacher der Welt“ vorgestellt, deren Aufführungen auch schon mal zwölf Stunden dauern, in denen Vinge Eigenurin trinkt oder anales Action Painting vorführt, für eine Inszenierung am Haus und damit ihre erste Produktion in Österreich gewonnen zu haben. „Vegard Vinge und Ida Müller gehörten zu den prägendsten Mitstreitern von Frank Castorf an der Volksbühne, und werden das unter René Pollesch wieder sein“, so Schweigen zur Uraufführung von deren Projekt.

Er selbst bringt dann am 13. November Édouard Louis‘ Roman Im Herzen der Gewalt als österreichische Erstaufführung auf die Bühne. Der 1992 geborene Shootingstar der französischen Literatur gilt auch als wichtige politische Stimme, und ist einer, der an der Schnittstelle von fiktionaler Literatur und Sozialwissenschaft schreibt. Das autobiografische Buch, in dem sich die Hauptfigur mit einer von Xenophobie, Rassismus und Homophobie durchzogenen Gesellschaft konfrontiert sieht, nennt Tobias Schuster ein „sprachgewaltiges, düsteres Weihnachtsstück“, eskaliert doch am Weihnachtsabend ein schwuler One-Night-Stand zur Vergewaltigung, nach der, so Schuster, „Édouard erfahren muss, wie Polizei, Ärzte, Freunde, sogar die Schwester auf die Gewalttat reagieren“. Mit dieser Arbeit knüpft das Schauspielhaus an Schweigens Inszenierung von Das Leben des Vernon Subutex 1+2 an (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33148), die wiederaufgenommen werden wird – und Tomas Schweigen die Gelegenheit bot, auf Ab- und Neuzugänge im Ensemble hinzuweisen, ist doch Vassilissa Reznikoff bereits nach Mannheim gewechselt, während Steffen Link nach der Hauptrolle in „Im Herzen der Gewalt“ nach München übersiedelt.

Dafür kommt fix Clara Liepsch, die bereits im „Vernon Subutex“ spielt, und Til Schindler: www.tilschindler.com. Fortgesetzt wird die Zusammenarbeit mit dem oberösterreichischen Erfolgsautor Thomas Köck, heuer zum zweiten Mal in Folge Gewinner des Mühlheimer Dramatikerpreises, der am 11. Jänner nach der Nestroypreis-nominierten Arbeit „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“ (Rezension und Link zum Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=27228) erneut in gemeinsamer Regie mit Elsa-Sophie Jach seine Kronlandsaga um den Bauernbefreier Hans Kudlich fortgesetzen wird. Nach „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23658) heißt der Text zur Uraufführung nun Kudlich in Amerika, geht der in Wien zum Tode Verurteilte doch wie tatsächlich in die Vereinigten Staaten, nur dass er bei Köck zum texanischen Öl-Magnaten wird – womit über den Roh/Stoff ein weites Gedankenfeld zu Kapitalismus, Kriegstreiberei und Klimakollaps eröffnet ist.

Anna Marboe, dies Jahr mit „Oh Schimmi“ im Nachbarhaus heftig akklamiert, übersiedelt auf die große Bühne und inszeniert das jüngste Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, Angstbeißer von Wilke Weermann, ein zwischen Horror und schwarzem Humor changierender Drogentrip, oder wie es Tobias Schuster sagt, „eine Art Hipster-,Trainspotting‘, bei dem sich ein Freundeskreis in eine Albtraumwelt voller Halluzinationen und Gewaltfantasien verirrt.“ Uraufführung ist am 27. Februar. Mit dem Arbeitsatelier geht die Kooperation von uniT Graz und Schauspielhaus weiter. In diesem Jahr erarbeiten die Autorin und Soziologin Ewelina Benbenek und Regisseur Florian Fischer ein gemeinsames Rechercheprojekt, eine Diskussion darüber, wie eine transkulturelle Gesellschaft im Wechselspiel von Bühne und Publikum präsentiert werden kann, ein Ansatz, eine Analyse, die, wie Tomas Schweigen befindet, auf alle kommenden Produktionen zutrifft, nach der Untersuchung des Status Quo Europas in dieser Saison sozusagen das neue Spielzeitmotto. Tragödienbastard wird am 4. April uraufgeführt. Miroslava Svolikova schreibt, zugeschnitten auf das Schauspielhaus-Ensemble, ihr neues Stück RAND, das Schweigen zum Abschluss der Saison Ende April uraufführen wird.

Das neue Ensemblemitglied Clara Liepsch (li.) in „Das Leben des Vernon Subutex 1+2“; mit Steffen Link, Simon Bauer, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Anna Rot. Bild: © Matthias Heschl

Die Kronlandsaga um Bauernbefreier Hans Kudlich wird fortgesetzt: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff als die Brüder Hans und Hermann Kudlich. Bild: © Matthias Heschl

Am Wochenende nach der Saisoneröffnung veranstaltet die Schule für Dichtung unter der Leitung von Fritz Ostermayer wieder ein zweitägiges Musik- und Literaturfestival, diesmal unter dem Motto Gebenedeit sei die Wut deines Leibes, bei dem neben unter anderem Christoph Grissemann, Antonio Fian und Maja Osojnik auch Oswald Wiener einen seiner raren Auftritte absolvieren wird. Auch eine Kooperation mit dem Theater KOSMOS Bregenz ist wieder vorgesehen, mit der Produktion Das Optimum des jungen Wiener Dramatikers Mario Wurmitzer in der Regie von Maria Sendlhofer. Uraufführung ist am 31. Oktober im Nachbarhaus.

Erfreut zeigten sich Tomas Schweigen und Matthias Riesenhuber zum Schluss über die aktuellen Zahlen, die ein kontinuierlich steigendes Interesse des Publikums bei dessen sinkendem Alter ausweisen. Riesenhuber: „Die Auslastung liegt bei 85 Prozent, das sind knapp 21.000 Zuschauerinnen und Zuschauer seit September 2018, wobei der Anteil des Publikums unter 30 Jahren bei mehr als 50 Prozent liegt.“

Durch verschiedene Umstrukturierungs-, Sparmaßnahmen und einen gesteigerten Aboverkauf sei außerdem eine Budgetentlastung von etwa 45.000 Euro erfolgt, an Kooperationsmitteln habe man an die 100.000 Euro eingenommen. Trotz dieser erfreulich klingenden Situation sprachen die beiden Geschäftsführer eine deutliche Warnung aus.

Die fehlende Valorisierung komme einer jährlichen Kürzung des Budgets, letztmals erhöht 2009 und derzeit bei 1,515 Millionen Euro von der Stadt Wien und 380.000 Euro vom Bund, um durchschnittlich 40.000 Euro gleich. Die Subventionskürzung des Bundes um 20.000 Euro seit 2019 werde man, so Riesenhuber, mit einer Erhöhung der Ticketpreise um zehn Prozent auszugleichen versuchen. Ob unter diesen Umständen ab 2021 das Schauspielhaus seine Aufgabe als progressives Autorinnen- und Autorentheater, das international Beachtung findet, noch in gewohnter Form wahrnehmen wird können, erklärten Schweigen und Riesenhuber für fragwürdig.

www.schauspielhaus.at

24. 6. 2019

Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2018/19

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Status Quo eines gemeinsamen Europas erheben

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2018/19 vor. Bild: Giovanna Bolliger

Den Weg eines politisch engagierten, ästhetisch und inhaltlich avancierten Autorentheaters mit einer großen Vielfalt unterschiedlicher Regiehandschriften will man am Schauspielhaus Wien auch in der kommenden Saison fortbeschreiten. Tomas Schweigen, künstlerischer Leiter, der seinen Vertrag soeben bis 2023 verlängerte, und Tobias Schuster, leitender Dramaturg, stellten heute den neuen Spielplan vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber resümierte die Ergebnisse der vergangenen Saison. Man wolle vor allem, so Schweigen, jene Reihe an Inszenierungen fortsetzen, die sich mit dem Status Quo und der Zukunft Europas beschäftigen, und ein Plädoyer für ein liberales Europa abgeben.

Los geht’s entsprechend am 26. September mit der österreichischen Erstaufführung von Robert Menasses „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646).  In „Punk & Politik“, der Eröffnungspremiere Schweigens im Herbst 2015, war Robert Menasse in einem Video zu sehen und schilderte seinen Plan eines Brüssel-Romans. Drei Jahre später beginnt mit dessen Dramatisierung die Saison: ein spannendes, humorvolles, melancholisches, ein wichtiges Werk für diese polarisierte Zeit. Regie führt Lucia Bihler, die sich 2016 mit ihrer bildstarken Inszenierung von Schnitzlers „Der grüne Kakadu“ am Haus vorstellte. Die Premiere der „Hauptstadt“ ist gleichzeitig der Startschuss zum Eröffnungsfestival „melancholie im september – survival of the weakest“, das in Partnerschaft mit der Schule für Dichtung umgesetzt wird. Thematisiert wird ein Gemütszustand, so tragi- wie -komisch, und zu sehen ist unter anderem das „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ aus Zagreb.

Am 8. November folgt „Schlafende Männer“. Martin Crimp ließ sich für sein jüngstes Stück vom gleichnamigen Gemälde von Maria Lassnig inspirieren und spielt mit zahlreichen Referenzen aus dem Wiener Aktionismus – Regie bei der österreichischen Erstaufführung dieser surrealen Zimmerschlacht, die sich „vom Beziehungsdrama zum Horrorstück mit blutigem Ende“ steigert, führt Tomas Schweigen. Franz-Xaver Mayr begibt sich – nach seinem Ausflug ans Burgtheater – mit Enis Maci, die eben erst ex aequo mit Thomas Köck von Theater heute zur Nachwuchsautorin des Jahres 2018 gekürt wurde, in eine Zusammenarbeit im Rahmen des „Arbeitsateliers“: Sie arbeiten an Macis‘ neuem Stück „Autos“, ein Kammerspiel in ebendiesen, ein Familienthriller um Verrat, Herkunft und Rassismus. Die Uraufführung ist am 12. Jänner. Elsa-Sophie Jach inszeniert das diesjährige Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, „Sommer“ von Sean Keller. Schweigen: „Es spielt im Jahr 3000, in dem die Menschheit gespalten ist in eine Weltraumkolonie und Gefangene in einer Zeitschleife, die immer wieder die 2000-Jahre durchleben.“ Uraufführung ist am 9. Februar.

Auf den 7. März fällt der Auftakt zur zweijährigen Serie „Was ihr wollt“, die „nicht Shakespeare, sondern Fragen der politischen Teilhabe und der politischen Willensbildung“ behandeln wird, so Schweigen. Gemeinsam mit der Gruppe FUX, die sich 2017 mit „Frotzler-Fragmente“ am Haus vorgestellt hatte, und dem Theater Oberhausen erhielt das Schauspielhaus Wien den Zuschlag der deutschen Kulturstiftung des Bundes für diese Kooperation; als erstes Projekt wird FUX am Schauspielhaus Wien die Inszenierung „Was Ihr wollt: Der Film“ realisieren – ein Dokumentarfilm, der live auf der Bühne entsteht. Es folgt am 26. April die österreichische Erstaufführung von Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex 1 + 2“ in der Regie von Tomas Schweigen. In den Buchbestsellern wechselt ein bankrotter Ex-Plattenladenbesitzer die Wohnungen und WGs seiner Freunde, um sich mietfrei über Wasser halten zu können. Ein Gesellschaftspanorama, das als eine der großen literarischen Analysen des Rechtsrucks in Europa gilt und zwischen anarchischem Witz und tieftraurigen Momenten hin und her springt.

Miroslava Svolikova, Gewinnerin des Hans-Gratzer-Stipendiums 2016, wird in diesem Jahr mit dem AutorInnen-Preis der Theaterallianz ausgezeichnet. Im Juni wird die Uraufführung von „Der Sprecher und die Souffleuse“ in einer Kooperation mit dem Grazer Theater am Lend im Rahmen der Theaterallianz am Schauspielhaus Wien zu sehen sein. Eine politische Farce um die Albtraumsituation, dass eine Theatervorstellung beginnen soll, aber die Schauspieler fehlen. Wer hat jetzt das Recht, die Bühne zu entern? Kleinere Produktionen im Nachbarhaus und eine Reihe von Specials und Gastspielen runden das Programm ab. Aus diesen hervorzuheben: „Café Bravo“ von Felix Krakau über die berühmt-berüchtigte Jugendzeitschrift (Uraufführung: 31. Oktober) und das Coming-of-Age-Stück „Oh Schimmi“ von Teresa Präauer, eine Kooperation mit dem Bregenzer Theater Kosmos (Premiere: 24. November).

Der  neue kaufmännische Leiter und Geschäftsführer Matthias Riesenhuber berichtete schließlich, dass das Geschäftsjahr 2017 mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen werden konnte. Für das laufende Jahr rechne er damit, die Vorjahreszahlen erneut zu erreichen, vielleicht sogar zu übertreffen. Die Besucherzahlen sind über die vergangenen Jahre stabil geblieben, die Auslastung lag weitgehend konstant zwischen 75 und 80%. Die durchschnittliche Zuschauerzahl pro Vorstellung konnte um 8% gesteigert werden. Weiterhin ist der Zuspruch beim Publikum unter 30 Jahren zunehmend und liegt bei mehr als 50 %, wie im Frühjahr eine aktuelle Besucherumfrage ergeben habe. Neu und unter der Schirmherrschaft von Rudolf Scholten ist „HausfreundIn in Gold“: Um 299 Euro für einen, 499 Euro für zwei Personen, erhält man Eintritt zu allen Vorstellungen inklusive der Premieren und Ermäßigungen in einigen umliegenden Lokalen.

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7. 9. 2018