Burgtheater: Liebesgeschichten und Heiratssachen

April 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Schweinsgalopp durchs Nestroy-Stück

Nicht nur Ex-Fleischhauer Stefan Raab hat ein fahrbares Sofa: Regina Fritsch als Lucia Distel und Gregor Bloéb als Florian „von“ Fett. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach der Jubel-Trubel-Heiterkeit beim Schlussapplaus zu urteilen, hat sich das Burgtheater mit dieser Aufführung einen sicheren Publikumsliebling geschaffen. Regisseur Georg Schmiedleitner inszenierte Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ – und der Abend ist wirklich saukomisch. Die Wortwahl sitzt wie der berüchtigte Bolzen im Kopf, ist der Protagonist der Biedermeier-Posse doch ein ehemaliger Fleischselcher, der sich zum reichen Particulier emporgeschlachtet hat:

Florian Fett, neuerdings mit einem „von“. Aus diesem Umstand kann Schmiedleitner beinah drei Stunden lang Gags, Klamauk und Kalauer produzieren. Da ist eine Situation saugefährlich und ein Brief – Schriftstücke werden per rosa Plüschferkel befördert – natürlich mit Sauklaue geschrieben. Da kurvt der Hausherr mit einem fahrbaren Sofa durch sein Schloss, weil auch Stefan Raab war, bevor er endgültig privatisieren konnte … na? … na? – richtig, ein Metzgergeselle. Im Schweinsgalopp geht’s so durchs Nestroy-Stück.

Für dieses Verwechslungsliebesspiel mit drei Paaren, zwei Vätern und einem schlimmen Schlitzohr hat Volker Hintermeier eine Bühne erdacht, die sich mit den amourösen Eskapaden der Figuren im Kreis dreht. Stätten der Handlung sind ein desolates Salettl/Bar mit rotierendem roten Herz auf dem Dach, in dessen Dachboden die Band haust; der Fett’sche Salon mit Wappensau und jenen Plastikplanen als Vorhängen, die im fleischverarbeitenden Betrieb Hygienevorschrift sind; ein Mobilklo als Zufluchtsörtchen; und ein Plantschpool mit beleuchtbaren Kitsch-Flamingos. Alles atmet hier neureich oder guter Geschmack lässt sich nicht kaufen, ein sarkastisches Augenzwinkern, das Su Bühler bei ihrer Zuckerlfarbwahl und der Ausstattung der Kostüme fortsetzt – und das der Inszenierung insgesamt gutgetan hätte.

Die Wirtin hat Verständnis für die Standesdünkel des Marchese: Elisabeth Augustin und Dietmar König. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Flirt vor Flamingos: Martin Vischer wirbt in Schwyzerdütsch um Stefanie Dvoraks Ulrike. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schmiedleitner nämlich setzt aufs Outrieren als alleiniges Stilmittel. Der laute Vollgas-Lustig-Modus in den er geschaltet hat, überschmettert allerdings die leisen Töne des revolutionsbegabten Autors, seine Zwischenbemerkungen, das Halbgesagte wie das Angedeutete. Was dem Abend fehlt, ist die Nestroy’sche Doppelbödigkeit, die spöttische Subtilität, mit der der große Wiener Dramatiker seine abgeschriebenen Plots verfeinerte.

Die in die Blödheit eines Fett eingeschriebene Bösartigkeit, die lauernde Gefährlichkeit eines Nebel, das beunruhigende Unbehagen darüber, dass Intriganten, Emporkömmlinge, Wirtschaftsliberalisten … in dieser Welt das Sagen haben. Und dass sich daran von 1843 bis heute nichts geändert hat.

Was die Nestroy’schen Figuren betrifft, so gestaltet sie hier jeder nach seiner Façon und seinen Fähigkeiten in der Farce. Die Charaktere werden manchen zur Karikatur, manchmal zur Knallcharge. Gregor Bloéb ist eine – pardon, aber im Zusammenhang passend – Rampensau. Er weiß, wie er sich die Lacher abholt, wenn er seinen Florian Fett im goldenen Protzanzug mit einem vulgären Zu-Viel-An-Allem versieht.

Oder den selbstverliebten Tölpel im Versuch, alles französisch auszusprechen, nicht nur gestelzt daherreden, sondern auch wie auf Stelzen stolzieren lässt. Als Fett lässt sich’s freilich gut aufgesetzt agieren, mit einem Wort: Bloéb rockt die Burg! Regina Fritsch überzeichnet die Fett-Verwandte Lucia Distel noch stärker. Die Brille-Locken-Pillbox-Kombination, die ihr Su Bühler verpasst hat, gehört eigentlich verboten, harmoniert aber perfekt mit dem von der Vornehmheit in einen Proletenslang kippenden Ohrenschmerzorgan, wenn etwas nicht nach dem Distel’schen Willen geht.

Marie-Luise Stockinger und Stefanie Dvorak sind als Fanny und Ulrike zwei richtige Trutschn ohne besonderen Tiefgang, nur Alexandra Henkel darf als Kammerkätzchen Philippine einen eigenen Kopf und Mut zur Koketterie haben und beides auch einsetzen. Elisabeth Augustin bleibt als Wirtin zum Silbernen Rappen weitgehend unauffällig, und warum Peter Matić als ihr Wirt als tätowierter Punk-Rocker auftreten muss, hat sich, seiner Darstellung nach zu urteilen, auch ihm selbst nicht erschlossen.

Der Gewinner des Till-Lindemann-Lookalike-Contests: Markus Meyer als Nebel, Peter Matic (hi.) gibt den Rappen-Wirt als Punk-Rocker. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Vielleicht soll er ja in der Aufmachung zu Markus Meyer passen, dessen Zechpreller und Heiratsschwindler Nebel daherkommt, wie der Gewinner eines Till-Lindemann-Lookalike-Wettbewerbs. Der Nebochant Nebel, das ist bei Nestroy der Distel-Umgarner, der Fett-Um-den-Finger-Wickler, der Spielmacher und Drahtzieher – und gerade in dieser doch eigentlich Paraderolle bleibt der stets so großartige Markus Meyer seltsam blass. Ja, er macht gekonnt den Blender und Poser.

Und schrammelt auch auf der E-Gitarre. Doch weder kommen ihm die aphorismenhaften Aussprüche seiner Figur geschmeidig über die Lippen, noch scheint er am ohnedies auf zweimaligen Einsatz beschränkten Coupletgesang Freude zu haben. Martin Vischer als Kaufmannssohn Anton, Christoph Radakovits als dessen adeliger Freund Alfred und Dietmar König als wiederum dessen Vater, Marchese Vincelli, und Robert Reinagl in den Rollen diverser Bedienter sind immerhin fürs eine oder andere Kabinettstückchen gut. Der Basler Vischer probiert’s erst gar nicht mit einem ihm fremden Dialekt, sondern bleibt beim vertrauten Schwyzerdütsch. Er gibt einen herrlich korrekt-verklemmten Eidgenossen, während Radakovits das blaue Blut vor Leidenschaft in den Adern kocht.

Königs Marchese ist über die misera pleps, aus deren Klauen er seinen Sohn befreien zu müssen glaubt, ausschließlich eines – mit Taschentuch vorm Mund – angewidert. Und wenn der Vornehme stolpert und stürzt, oder ihm ins Gesicht gefurzt wird, oder seine Kehle wegen des Hausbrand des Wirten in Flammen steht, dann toben die Leut‘. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, alles dreht sich, alles bewegt sich – Zuschauer, was willst du mehr? Irgendwas mit Sinn – Tief-, Hinter-, Fein-? Na alsdann!

www.burgtheater.at

Wien, 14. 4. 2017

Kasino des Burgtheaters: dosenfleisch

September 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Hirn klebt quasi auf der Straße

Dorothee Hartinger (beate) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Dorothee Hartinger (beate)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Percussionistin Katharina Ernst beginnt am Schlagzeug. Ihr Rhythmus wird den Abend begleiten, wird das Wortwuchtgewummere bestimmen. Herzschlag, bis das Herz aussetzt. Wenn das „dosenfleisch“ in seiner Blechbüchse zu Tode kommt.

Ferdinand Schmalz, Autor mit steirischem Lebensmittel-Punkt, seinen Erstling nannte er „am beispiel der butter“, sein nächstes Stück „der herzerlfresser“, da wird eine Frauenleiche mit herausgebissenem, das heißt: ohne Linksorgan gefunden, eröffnet mit „dosenfleisch“ die neue Saison am Kasino. Endlich wieder wird der beste Theaterraum des Burgimperiums bespielt. Die Regiearbeit von Carina Riedl wurde bei den Berliner Autorentheatertagen uraufgeführt, nun folgte die Übernahme nach Wien. Riedl, besser gesagt: Bühnenbildnerin Fatima Sonntag, gestaltet einen Spielraum aus Metall und Neon, da rein setzt sie Schmalz‘ Protagonisten.

Aufgefahrene in einer Autobahnraststätte. „dosenfleisch“ meint ja nicht nur Konserveninhalt, sondern auch das blutende Innere der Blechkarossen, wenn sie sich in der dortigen Todeskurve zu Schrott zerquetschen. Ein Versicherungsinspektor, rolf (Tino Hillebrand), besessen von Verkehrsunfallspuren, untersucht das Phänomen, das sich von der Raststätte aus perfekt überblicken lässt. der fernfahrer (Daniel Jesch) muss wegen einer desaströsen Karambolage hier Halt machen. Frustriert über den erzwungenen Stillstand, beobachtet er durch seine Windschutzscheibe das nächtliche Geschehen. beate, die Betreiberin der Raststation (Dorothee Hartinger), teilt ein dunkles Geheimnis mit jayne, einer schönen, autoaggressiven Fernsehschauspielerin (Frida-Lovisa Hamann), die süchtig ist nach Hochgeschwindigkeit. Beide Frauen sind tatkräftige Spezialistinnen für inszenierte, mitunter tödliche Autounfälle.

Schmalz verleiht der Sprache Fliehkraft. Sie, der eigentliche Star des Abends, schwadoniert sich kurvengängig vom Hundertsten ins Tausendste, jeline(c)kisch, Sie machens alle, er staffiert mit seinen wunderbaren Wortneuschöpfungen seine Figuren aus. Jesch etwa entwickelt als fernfahrer in seinem Auftrittsmonolog aus dem schönen Begriff „Fleischnebel“ eine Poetik des Insektengatschs auf der Windschutzscheibe. Stimmsicher satzschlängelt er sich durch seine Kadaver-Ode an den Fernverkehr. Inmitten dieser Kalauereien entwickelt sich eine Art von Krimihandlung. Hartinger und Hamann staksen in knöchelbrecherischen Extrem-Highheels und mit kreischfarbenen Perücken umher und verströmen Aggression, Thelma-und-Louise-Air, weil sie doch vom Lebensleerlauf gleich in die Fünfte schalten wollen. Da ist Hillebrands rolf, der genug hat von Autoerotik, natürlich ein gutes Opfer. Auch er wird den Weg allen Fleisches gehen …

Riedls Choreografie dieses Ausdruckstanzes bleibt unter cool und stahlhart. Sie lässt sich nicht zur angeheiterten Horrorshow verführen, was am Ende irgendwie ein bisschen schade ist. Mehr subversiver Splatter, etwas mehr Fleisch hätte dem „dosenfleisch“ nämlich gut getan, dieser verkappt hirnigen, hochphilosophischen Analyse des Weltblechschadens. Das Hirn klebt quasi auf der Straße. „Die Welt ist alles, was der Unfall ist“, dieses Zitat Ludwig Wittgensteins ist ergo dem Text vorangestellt. Im Kasino ist aber trotz sich quatschig quatschender Muskelmasse kein Crash passiert. An Verkehrsberuhigung ist an der Burg auch nicht gedacht. Im Februar inszeniert Claus Peymann das Stück des bekennenden Nichtautofahrers Peter Handke: „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“.

www.burgtheater.at

www.dieschmalzette.at

Mehr Burg-Kritiken:

„Der Revisor“ www.mottingers-meinung.at/?p=14630

„Engel des Vergessens“: www.mottingers-meinung.at/?p=14710

Wien, 22. 9. 2015