Reopening der Kunsthalle Krems am 1. Juli

Juni 30, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Abstract Painting bis zur sakralen Installation

Gerhard Richter: Frau in Hollywoodschaukel 196-3, 1968. ACT Art Collection Siggi Loch. Courtesy Richter Images. Bild: © Gerhard Richter 2017 (0131)/ Jens Ziehe

Im entkernten Foyer der Kunsthalle Krems empfing der neue künstlerische Direktor Florian Steininger Freitagvormittag ein Grüppchen Auserwählter, um ihnen seine drei Ausstellungen für das spektakuläre Reopening am 1. Juli zu präsentieren. Im Sommer 2016 wurde das Haus für ein Jahr geschlossen, nun ist die Sanierung abgeschlossen, Zeit für die Wiedereröffnung. Deren Glanzstück ist – und damit gleichsam die erste große Themenschau der neuen Leitung – die Ausstellung „Abstract Paiting Now! Gerhard Richter, Katharina Grosse, Sean Scully …“

Steininger selbst hat die Schau kuratiert, abstrakte Malerei ist seine Sache seit mehr als 20 Jahren, schon in seiner Diplomarbeit hat er sich mit ihr beschäftigt – mit Schwerpunkt aufs Österreichische. Diese Kennerschaft zeichnet den Rundgang mit ihm aus – wenn Steininger erklärt und anschaulich macht, ist es tatsächlich so, als sprächen die Bilder zu einem. „Wie er denn ans Werk ginge“, will einer der Rundgänger von Steiniger wissen. Dessen sophistische Antwort: „Ich bau‘ mir im Kopf die Ausstellung vor, damit ich sehe, wie die Werke miteinander können.“

Die Schau beginnt im Oberlichtsaal mit Gerhard Richters „Frau in Hollywoodschaukel“ aus dem Jahr 1968, das in Korrespondenz mit Werken von Herbert Brandl und Erwin Bohatsch gesetzt ist. Etwa 60 künstlerische Positionen umfasst die Ausstellung, deren „historische Basis“ die kommenden Entwicklungen nach dem von Richter und Sigmar Polke getragenen Abstrakten Expressionismus sind. In Österreich haben sich Tendenzen der neuen Abstraktion entwickelt, die ein selbstverständliches größeres Ganzes mit den internationalen Positionen bilden: Ab den 1980er-Jahren stehen konzeptuelle neugeometrische Arbeiten von Ernst Caramelle, Gerwald Rockenschaub und Heimo Zobernig neben Farbfeldmalereien von Erwin Bohatsch, Herbert Brandl, Hubert Scheibl und Walter Vopava. Darauf folgen in der Ausstellung jüngere Positionen, die das Projekt Abstraktion bis heute in voller Bandbreite fortführen.

Erwin Bohatsch: Ohne Titel, 2015. Courtesy Erwin Bohatsch. Bild: Jorit Aust

Wade Guyton: Ohne Titel, 2010. Sammlung Stolitzka, Graz. Bild: Nick Ash

Katharina Grosse tauscht den klassischen Pinsel gegen die Airbrushpistole und kreiert irisierende colour fields. In der modernen Malerei galt das Ornament als Verbrechen, als nutzlose Schlacke der autonomen Kunst. In der stilpluralistischen Postmoderne findet es in der Abstraktion bei Ross Bleckner und Philip Taaffe wieder einen Platz. Der erweiterte Abstraktionsbegriff schließt auch Natur und Landschaft in Form neoromantisch-expressiver Farbfelder wie jener von Per Kirkeby ein. Bei Sean Scully paaren sich Konstruktiv-Geometrisches und malerische Atmosphäre in einer Synthese von Ratio und Emotion. Spiritualität und geometrische Abstraktion in der Nachfolge von Kasimir Malewitsch und Barnett Newman sind bei Helmut Federle essenzielle Kriterien.

Bei Brice Marden und Lee Ufan speichert der Pinselstrich als Zeichen des meditativen Akts das Geistige in der Kunst. Diese Ernsthaftigkeit und diese Konzentration auf Geist und Bild sind auch in den monochromen Gemälden von Marcia Hafif, Joseph Marioni und Günter Umberg anzutreffen. Eine Art Schlusspunkt der Ausstellung setzt Wade Guyton mit seinen minimalistischen Streifenbilder, die er nicht mehr per Hand malt, sondern von einem Tintenstrahldrucker erzeugen lässt.

Tobias Pils: Untitled

Tobias Pils: Untitled, 2017. Kunsthalle Krems. Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln, Galerie Eva Presenhuber, Zürich, Galerie Capitain Petzel, Berlin und Tobias Pils. Bild: Jorit Aust

Für die Zenrale Halle hat der aktuell sehr angesagte Kunstwelt-Darling Tobias Pils eine Malerei-Installation gefertigt. Das Atrium ist endlich der Tageslichtraum, als der es angedacht war. Ursprünglich von Adolf Krischanitz als solches konzipiert, war die Glasdecke die vergangenen Jahre hindurch abgedeckt und der Raum mit Kunstlicht erhellt.

Pils widersetzt sich der Logik des Raumes, indem er ausgerechnet die frontale Glaswand, die von der Rampe aus Einblicke in die Halle gewährte, für seine Installation „Untitled“ beansprucht. Ein Fuß am unteren Bildrand ermöglicht den Einstieg ins Bild. Neben flächigen Formen sowie Linien- und Gitterstrukturen, sind Maschen und Wimpern zu sehen, Füße und Gitter treffen auf opake Flächen, Lasuren oder verwaiste Zonen. Im Zusammenfallen von Figürlichem und Ornamentalem liegt die Quintessenz der Malerei von Tobias Pils: Beim schrankenlosen Aufblättern seiner Empfindungen im Malprozess wird das Intimste nach außen gekehrt, bis zu dem Punkt, an dem das Persönliche Allgemeingültigkeit erlangt. An diesem Punkt ist es dann auch möglich, drei Schwangere im Rapport des Frieses zu befrieden.

Sébastien de Ganay: Transposition and Reproduction

Mit der Dominikanerkirche gewinnt die Kunsthalle Krems 2017 noch einen zusätzlichen Ausstellungsort. Der Fokus liegt hier auf raumbezogenen Projekten in der gotischen Sakralarchitektur. Als erstes wird dort ein Installations-Projekt des in Österreich lebenden französischen Künstlers Sébastien de Ganay zu sehen sein. Alle Objekte, die de Ganay dafür entworfen hat, zeugen von seiner Auseinandersetzung mit den Grenzen zwischen Kunst und Leben. Spektakulär ist die zentrale Bodenarbeit, die fast das ganze Mittelschiff der Kirche ausfüllt. Schwarzweiße Zementfliesen, zu einem monumentalen Rechteck verfugt, zitieren die Bodenfliesen der gotischen Kathedrale Notre-Dame in Amiens. Dieses berühmte Bodenlabyrinth war ein symbolischer Ort für Pilger, die nicht nach Jerusalem pilgern konnten.

De Ganays Arbeit, die man betreten darf, ist einerseits ein riesiges minimalistisch geometrisches „Bild“, verweist aber auch auf die jahrhundertealte kirchliche Tradition. Im langgestreckten Chor hat der Künstler die Form der Pfeiler des Mittelschiffs in acht unterschiedlich hohe Aluminiumskulpturen übertragen. Sie bilden einen imaginären Säulengang, sind in ihrer Hermetik und schimmernden Oberfläche aber auch autarke Objekte. Ein Aspekt, der in mehreren Arbeiten auftaucht, ist das Verschwinden, das Entschwundene, die Absenz. „Look it’s Jesus“: Durchaus mit Humor verweist die Video-Präsentation der Anfangssequenz aus Federico Fellinis „La dolce Vita!“, bei der eine Christusstatue an einem Hubschrauber hängend durch die Luft fliegt, auf den aus der (Dominikaner-)Kirche verschwundenen christlichen Content.

Sébastien de Ganay: Amiens Floor, 2017. Bild: © Studio Sébastien de Ganay, Drohnenfotografie: Rio Liovic / Ebo Rose

Sébastien de Ganay: Candle, 2017. © Studio Sébastien de Ganay, Bild: Simon Veres

De Ganay versteht es meisterhaft, die Stille und Kontemplation des Raums in seiner Installation aufzufangen. Oder wie Kurator Andreas Hoffer sagt: „Er füllt mit seinen Objekten die Leerstellen des säkularisierten Raums.“ Zu diesen Objekten gehören riesige Kerzen in Form der Dominikanerkirche, Beichtstühle, die mittels Briefschlitz zu Wunschstühlen werden. Man kann hier tatsächlich Gebete oder Wünsche deponieren. Und Fußmatten mit ausgestanzter Dominikanerkirche. Hoffer: „De Ganay nennt sie sein ,Matthäus 10:14′: Und wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus von demselben Haus oder der Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen.“ Zweifellos ist die Installation ein Höhepunkt des Reopenings.

Neu: Videotour

Die Kunsthalle Krems entwickelte für die aktuellen Ausstellungen gemeinsam mit dem Netzwerk CastYourArt ein neues, audiovisuelles Vermittlungsangebot. Kurze Videos laden das Publikum ein, sich in Ausstellungsthemen zu vertiefen, und geben Einblick hinter die Kulissen. Gemeinsam mit Künstlern und Kuratoren blickt man fachkundig und kurzweilig auf die Ausstellungsinhalte. Atelierbesuche bei Suse Krawagna und Jakob Gasteiger führen das Publikum vom Ausstellungsort zu den Orten der künstlerischen Produktion. Direkt in den Ausstellungen der Kunsthalle Krems und Dominikanerkirche sind die Videos informative Wegbegleiter. Für die Vor- und Nachbereitung stehen sie auf der Webseite der Kunsthalle Krems allen Besuchern kostenlos zur Verfügung.

Zur Person Florian Steininger: www.mottingers-meinung.at/?p=16178

www.kunsthalle.at

30. 6. 2017

21er Haus: Daniel Richter – Lonely Old Slogans

Februar 1, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemalte Gesellschaftskritik

Daniel Richter: Alles Ohne Nichts, 2006-2007. Bild: Tatintsian Collection, © Jochen Littkemann, Berlin / © Bildrecht, Wien 2017

Die Frage, wie Kunst auf politische, soziale und mediale Realitäten reagieren kann, bildet den Ausgangspunkt für das künstlerische Schaffen Daniel Richters. Er hinterfragt die Möglichkeiten der Malerei ebenso radikal wie das gegenwärtige Weltgeschehen. Unter dem Titel „Lonely Old Slogans“ zeigt das 21er Haus ab 3. Februar erstmals eine umfassende Werkschau des deutschen, in Wien lebenden Malers. Der Überblick folgt mit 52 Arbeiten Richters Entwicklung von den frühen farbintensiv- abstrakten Gemälden bis heute.

Sein Œuvre teilt sich grob in drei Schaffensperioden. Als der Künstler in den frühen 1990er-Jahren zu malen begann, wurde die Malerei in Europa als ein Medium erlebt, dem man weitgehend mit den Mitteln der Ironie, Distanz und Zerlegung begegnete. Richter aber näherte sich dem Genre ganz direkt mit einer Fülle von expressiven Formen und Farben. Den so entstandenen dichten, abstrakt-ornamentalen Gemälden setzte er um die Jahrtausendwende großformatige, figurative und narrative Bilder einer gesellschaftspolitischen Wirklichkeit entgegen. Sie sind bühnenhaft aufgebaut und erzählen Geschichten über die Widersprüchlichkeiten dieser Zeit. Die Arbeiten machten Richter in der jüngeren Generation deutscher Maler zu einer berühmten und gefeierten Figur. Die Werke dieser zweiten Schaffensphase sind auch der Kern der Ausstellung. Mit seinen jüngsten Arbeiten kehrt Richter teilweise zurück zur Abstraktion. Er hat erneut eine neue Bildsprache entwickelt und reizt in sehr reduzierter, fast choreografischer Form die Möglichkeiten der Malerei aus. Seine Kunstwerke erinnern nun an den amerikanischen abstrakten Expressionismus.

Daniel Richter: Erinnerungen an S.O.36, 2009. Bild: Igal Ahouvi Art Collection, © Jochen Littkemann, Berlin / © Bildrecht, Wien 2017

Daniel Richter: Lonely Old Slogan, 2006. Bild: Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg, © Bildrecht, Wien, 2017

Daniel Richter ist ein politisch motivierter Maler, nicht nur wegen seiner Herkunft aus der linksautonomen Hamburger Punk-Szene, sondern vor allem aufgrund der Aufmerksamkeit und des kritischen Blicks, die er seinem Publikum abverlangt. Die Bildtitel – die Lonely Old Slogans – machen es dem Betrachter einfacher und schwerer zugleich. Manchmal scheinen sie das Geschehen präzise zu beschreiben, dann positionieren sie sich wieder Dada-artig am Rande des Verständlichen. So sprengen Richters Bilder den Rahmen ihrer Bedeutung und versuchen jenen Un-Geist der Gegenwart einzufangen, der vom Verschwinden der großen politischen Utopien gekennzeichnet ist.

www.21erhaus.at

Wien, 1. 2. 2017

TAG: Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring

Oktober 9, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verkleinerungsform von Lessings Ideendrama

Der eine Ring vervielfältigt sich: Emese Fay, Georg Schubert und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Der Eine Ring vervielfältigt sich: Emese Fay, Georg Schubert und Elisabeth Veit im Three-Stooges-Modus. Bild: © Anna Stöcher

Es ist schließlich also Sultan Saladin, der die Ringparabel erzählt. Sie ist dem Nathan nicht neu, wie übrigens kaum etwas, das an diesem Abend passiert. Recha wird, durch die drei abrahamitischen Religionen gereicht, erst Atheistin, dann Terroristin. Am Ende, statt stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen, fackelt sie den Palast ab.

Solcherart ist der Religionsringelreihen, den Autor Thomas Richter als seine Arbeit an Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ vorlegt. „Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring“ heißt sie, uraufgeführt im TAG, und tatsächlich bleibt die große Frage nach dem Mehrwert dieser Neuschreibung unbeantwortet. Richter bleibt so nahe am Original, er präsentiert um nichts mehr als eine Verkleinerungsform des Lessing’schen Ideendramas, ein 90-minütiges Trivialdramolette, für das er das Schauspiel Richtung Schwank dreht. Eine Linie, eine Ziellinie, lässt sich weder am Text noch an der Regie von Dora Schneider ausmachen.

Das ist als vertane Chance durchaus bejammernswert. Denn da wäre mit Courage um einiges mehr drin gewesen. Das Thema, von Lessing vorgegeben, die Verwandten im Glauben, die sich gegenseitig die Köpfe ein- und abschlagen, ist aktuell das weltpolitisch brisanteste, warum wer welchen Krieg führt und mit welchen Propagandamitteln er ihn als heilig anpreist. Es macht zu fassungslos, ist zu erklärungsnotständig, als dass es anno 2016 und mit beinah 240 Jahren mehr Geschichte im Nacken, diese ein ewiges Ringen um Verständigung und Frieden, nicht gegolten hätte „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ neu zu erfragen.

Gut durchgekaute Brocken wie Werte und Wahrheit müssen den Speichelleckermündern entrissen, die Segnungen des Vernunftglauben Aufklärung, dieser abendländischen Abgrenzungsvokabel, end/gültig definiert und das Trugschlusswort Toleranz seines wohlklingenden Glanzes entkleidet werden. Liegen dann die Begrifflichkeiten nackt und bloß, kann Lessings „Nathan“ gern ein Lustspiel mit Amme sein. So aber bleiben Handschuhpantomime, ein wenig Ausdruckstanz und Slapstick ziemlich allein übrig.

Wie ein Synonym für die Inszenierung steht das Bühnenbild von Alexandra Burgstaller, eine spannende Metallstangenkonstruktion, als wär sie erdacht entlang des Bibelspruchs „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“, die Räume arrangieren, freigeben und versperren könnte, aber als dreidimensionale Spielfläche zu wenig genutzt wird.

Recha in Diskussion mit Saladin: Elisabeth Veit und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

„Terroristin“ Recha wird am Ende Saladins Palast abfackeln: Elisabeth Veit und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

Der Tempelherr verachtet den Juden Nathan: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Der Tempelherr verachtet den Juden Nathan: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Das TAG-Ensemble, Jens Claßen, Emese Fay, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit, agiert selbstverständlich auf dem üblichen hohen Niveau. Claßen stellt einen zärtlich-weisen und dennoch im Wiedererweckungswunsch seines Bruders Assad verblendeten Saladin dar. Nicholas‘ Tempelherr ist ein stolzer christlicher Gotteskrieger und als solcher so unverständig präpotent, wie’s der ferne Westen im Nahen Osten seit jeher ist. Eine vorzügliche Daja ist Emese Fay. Wie sie, als ihr ihr Antisemitismus nicht mehr opportun erscheint, den christlich-jüdischen Schulterschluss gegen den Islam versucht, denn Konfessionsfeindbild muss sein, und dies als ebenso beklemmendes wie witziges Kabinettstück gestaltet, das ist die Verve, die man der ganzen Aufführung gewünscht hätte.

Die Schlüsselerzählung, die Ringparabel, wird bei Richter/Schneider zum running gag, eingeschobene Szenen, ausgeführt von allen Darstellern, die abwechselnd als die drei Söhne des Alten agieren. Ihre Namen, Ham, Ram, Bam, lassen allerdings Assoziationen zu, die sie nicht erfüllen. Vielmehr wird sich verbal und körperlich brutal abgewatscht wie bei The Three Stooges, die lächerlichen Moe-Perücken passen auch zu diesem Eindruck, und das umfangreiche Geräuscharsenal, das auf das Publikum abgefeuert wird.

Die Ringe vermehren sich, am Ende ist’s ein ganzer Kübel voll. Was wohl weltläufig bedeuten soll, dass vom Freimaurer- über den Scientology- bis zu Saurons Ring jedes Bekenntnis keine Berechtigung hat. Lessings Schluss „Alle positiven und geoffenbarten Religionen sind folglich gleich wahr und gleich falsch“ und damit die Universalität seines – von Richter nunmehr in Schutt und Asche gelegten – Versöhnungsgedankens können sich aus dem Inhalt eines Holzeimers freilich nicht erklären. Und so geht’s den Zuschauern punkto Verwirrung und Zuversicht wie den Brüdern. Man applaudiert. Aber nirgendwo findet sich ein Testament.

Trailer: vimeo.com/185632587

dastag.at

Wie, 9. 10. 2016

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ein Sommernachtstraum

Juni 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine exemplarisch gelungene Shakespeare-Inszenierung

Erwachen nach einen Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Erwachen nach einer Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Die Frage kam off the records vor einigen Wochen schon auf. Ob man hierzulande jemals eine rundum geglückte Aufführung vom „Sommernachtstraum“ gesehen hätte? Am Burgtheater, bei den Salzburger Festspielen? Jetzt ja, in Perchtoldsdorf. Dort zeigt Intendant und Regisseur Michael Sturminger zum 40-Jahr-Jubiläum der Sommerspiele eine exemplarische Inszenierung von Shakespeares Liebesverwirrspiel.

Es scheint fast, als wäre es ihm gelungen, die mittelalterliche Burg auf die Insel des britischen Barden zu transferieren, mitten hinein in dessen Zauberwald, so sehr stimmig sind die Bilder, der Tonfall, die Atmosphäre. Alles flirrt und neckt sich. Und auch, dass Sturminger für die diesjährige Premiere erstmals ein Bühnenrund mit drei es umschließenden Zuschauertribünen aufstellen ließ, verstärkt den Eindruck dieses Theater-„Globe“.

So zieht’s einen mitten hinein in den Probenprozess. Die Arbeit ist nämlich gar nicht fertig. Markus Kofler tüfelt noch an der tief tragische Komödie von Pyramus und Thisbe. Er ist ein zunehmend genervter Squenz, der eine wie einem Monty-Python-Sketch entsprungene Truppe in Szene setzen soll, großartig etwa Nikolaus Barton als Zettel-Pyramus, Michael Pogo Kreiner, der als Flaut zur lispelnd tippelnden Thisbe wird, und Raphael Nicholas, der als Schnock den Löwen geben soll. Der Adelssitz in Athen hat Sturminger weniger interessiert, er hat einen Hang zu den begeistert laienspielenden Handwerkern, und wenn er im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt, das sei so, weil „sie“ ja schließlich „wir“ sind, dann entstehen angesichts der wie immer fast vollzählig erschienenen Perchtoldsdorfer Honoratioren im Publikum ganz neue Assoziationen im Kopf.

Erst ist's nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner und Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Erst ist’s nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner gibt alles, Regisseur Squenz alias Markus Kofler erschreckt das. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte kommt zur Aufführung: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Kofler rückt den Spiegel immer näher heran. Einen Theseus sucht er, und eine Hippolyta, den Oberon samt dessen Titania. Da muss er erst Überzeugungsarbeit leisten, muss bitten um Besetzungsvorschläge für sein Mitmachtheater, bis sich aus den Sitzreihen Andreas Patton und Veronika Glatzner melden. Sie temperamentvoll das Abendtascherl schmeißend, weil demnächst ja Königin und sowieso Amazone, er qualifiziert sich intellektuell hochwertig – mit Schillers „Glocke“. Das sagt schon viel aus über die Paarläufe, denen man in den kommenden drei Stunden folgen wird, darüber, was da so schief hängt zwischen Mann und Frau, von fehlender Befriedigung bis ergo kein Seelenfrieden. Sturminger gebraucht gerade so viel Zote als Zunder, dass sich daran die eigene Fantasie entfachen lässt.“Das ist Regie, das sind Ideen, das ist Abstraktion!“, klingt einmal Squenz‘ inszenatorischer Freudenschrei, und damit gibt Kofler gleichsam das Motto des Abends vor.

So wohldosiert semitransparent wie Sturmingers Arbeit sind die Kostüme von Renate Martin und Andreas Donhauser, die mehr erhoffen, weil erahnen lassen, feines Spinngeweb und zerrissenes Netz. Nur Oberon steht seiner New-Age-Queen in schwarzem Leder wie ein alter Rock’n’Roller gegenüber, die Attitüde passend zum Outfit. Von Martin und Donhauser ist auch die Bühne, leer bis auf bisweilen Titanias Brokatbett; mit Einbruch der Dunkelheit zeichnen magische Lichtkreise auf dem Boden den Darstellern den Weg.

Die sind aufs Vorzüglichste gewählt. Allen voran die vier jungen Liebenden Hermia und Lysander, Helena und Demetrius, die Julia Richter und Benjamin Vanyek, Sophie Aujesky und Jan Hutter mit viel Spiellust mit Leben füllen. Man hat das Quartett auch schon blutleer gelassen, doch wie hier um die Liebe, die Hände und miteinander gerungen wird, ist große Klasse. Und natürlich geht’s dabei mehrmals statt zwischen Bäumen durch die Zuschauerreihen hindurch. Karl Walter Sprungala ist sowohl der Puck als auch Hermias Vater Egeus, in beiden Fällen jedenfalls ein Geist, der stets das Böse will, als ersterer ein hinreißender, possenreißender Derwisch, der nicht nur die Handlung, sondern auch die Musik durcheinander bringt. Dabei werden die von Michael Pogo Kreiner beigesteuerten, elisabethanisch angehauchten Sphärenklänge unter seinem Zweitnamen dargeboten, das Ensemble versammelt sich dazu als „Robin Goodfellow & The Orchestra Of The Enelvement“. Nikolaus Barton ist als Zettel ein begnadeter Selbst/Darsteller, ein g’schaftlhuberischer Kleinstädter, der den Eselsschweif vorne trägt. Nur einer, der sich so lieb hat wie er, kann an „seine schöne Männlichkeit“ glauben.

Andreas Patton als Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Andreas Pattons Oberon ist ein alter Rock’n’Roller; die Attitüde passt zum Outfit. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Sturminger hat seine Schauspieler präzise geführt. Von ihm angeleitet entlocken sie Shakespeares fein ziselierten Charakteren noch die leisesten Zwischentöne übers Zwischenmenschliche. Nur eine kleine Andeutung etwa ist es, wenn Hippolyta zu ihrem erzwungenen Hochzeitsfest in einem wie ein Kettenhemd rasselnden Abendkleid erscheint, Theseus wiederum kann bis zur Weißglut des Eugeus‘ die Hermia nicht von der Helena unterscheiden, was ficht’s den Fürsten auch an? Es endet, wie es enden muss, auf der Bühne wird endlich ein Theater gemacht. Die Handwerker dürfen ihre Produktion präsentieren, die Blumendroge findet sich plötzlich in Hippolytas Händen, so kann’s gehen Richtung Happy End, und Eugeus enttarnt sich als Puck. Die Elfen haben die Menschen gespielt oder es war umgekehrt.

Das ist ein Stoff, aus dem auch Träume sind – ein wundersamer Abend in wunderbarer Kulisse. Die sehr gelungene Neuübersetzung dieser Sommernachtsfiktion von Angelika Messner und Martina Theissl ist als Text im Programmheft abgedruckt.

Michael Sturminger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19980

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Wien, 30. 6. 2016

Wiener Festwochen: Città del Vaticano

Mai 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Freie Assoziation mit Falk Richter

Bild: © Matthias Heschl

Gabriel da Costa, Vassilissa Reznikoff und Christian Wagner. Bild: © Matthias Heschl

Den Moment des Abends hat ganz am Ende Performer Gabriel da Costa, der beschlossen hat mit seinem Lebenspartner und seiner Immer-noch-Lebensgefährtin die Elternschaft zu dritt zu wagen. Er liest seinen Brief an den ungeborenen Sohn vor. In dem wünscht er ihm ein Leben in einem Europa ohne Grenzen. Da Costa meint das so buchstäblich wie metaphorisch. Ob das möglich sein kann, man weiß es nicht.

Schon davor gibt es diese starke Szene, die sieben Darsteller und ihr Bild der Tochter Agenors, ein Bild vergangener Kriege und untergegangener Terrorregime, eine Sequenz über Verfolgung, Folter und darüber, dass auch von hier einmal Flüchtlinge in eine bessere Welt wollten. Und schon wird wieder Position geprobt. Vassilissa Reznikoff ist ein Mädchen, das ohne Panikattacken vor Anschlägen in einem Café sitzen will, während der junge Mann – Johannes Frick – aus der Banlieue findet, reiche Innenstadtbewohner würden zu Recht in die Luft fliegen. Ein AfD-Fan holt sich auf Frauke Petry einen runter, eine Action, bei der Christian Wagner alles Heil in seine rechte Hand legt. Und schließlich Steffen Link. Er sagt etwas zu Österreich. Natürlich ist der Wahlsonntag ein Thema. Hierzulande sind die Hofers ja bekanntlich berühmte Freiheitskämpfer.

Davon hätte man gerne mehr gesehen. Als Diskurs einer gut ausgebildeten, angeblich emanzipierten, sich selbst aber bis zur Ohnmacht reflektierenden Generation. Ihre gegenwärtige Orientierungslosigkeit. Ihr „Können oder Nichtkönnen“ mit einem Kontinent, den sie allmählich zu gestalten beginnen sollten. Ihre Vorstellung von Zukunft und wie ihnen der Weg dorthin zu bereiten ist. Aber! Falk Richter hat beschlossen etwas über die „Città del Vaticano“ zu erzählen. Wobei der Titel genauso Ettikettenschwindel ist, wie der Umstand, dass sich seine Inszenierung im Rahmen der Wiener Festwochen eine Uraufführung nennt. Nach zwei Arbeitsphasen bei der Biennale di Venezia 2015 bezeichnen Richter und sein Choreograf Nir de Volff ihr Projekt am Schauspielhaus nämlich als „öffentlichen work in progress“ – womit es sich anscheinend jeder Kritik zu entziehen sucht, weil: bitte! noch nicht fertig.

Der Schein trügt nicht. Was hätte das nicht alles werden können. Eine Auseinandersetzung mit einem Zeitsymptom, das lieber Angst schüren als Antworten suchen will. Eine Hinterfragung eines Wertekatalogs, den sogar Angela Merkel auf ihrer Webseite bemüht, wenn es um „die“ und „uns“ geht. Man darf annehmen, dass der historische Jesus so ausgesehen hat, wie die Männer vor denen wir uns im Flugzeug fürchten, sagt Link, und dies dazu der bezeichnendste Satz. Die Auseinandersetzung mit der Kirche und ihrem die ihr zugehörigen Gesellschaften bestimmenden Kanon bleibt in der Untiefe stecken. Stattdessen die einer Freikirche geschuldeten Pubertätstraumata und Kerzlschluckeranekdoten, teilweise höchst amüsant, ja das Publikum lacht laut, aber, Travnicek … Eindeutig fehlt diesem polyglotten Seelenstriptease die rotweißrote Farbe, das Brachialbarock-Katholische. Wir leiden, aber lustvoller und mit weniger Larmoyanz. Das erste Wunder Jesu ist die Wandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana, und daran halten wir uns fest in Ewigkeit Amen. Punsch im Bauch & Rausch-Goldengel an den Christbäumen.

Bild: © Matthias Heschl

Choreografie von Nir de Volff. Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Vassilissa Reznikoff und Steffen Link, Telmo Branco und Gabriel da Costa. Bild: © Matthias Heschl

So aber moderiert Tatjana Pessoa die Eh-schon-wissen-Anklagen gegen den Vatikan. Von Knabenmissbrauch bis kirchlicher Geldwäsche. In konzentrischen Kreisen – ups, das ist ja das Schauspielhaus-Logo – widerkäut die Truppe more of the same. Freie Assoziation mit Falk Richter! An manchen Stellen so intolerant wie jene, denen man den Vorwurf daraus strickt. Und unter Missachtung der Tatsache, dass der neue Firmenchef ohnedies versucht, Licht in all die Dunkel zu tragen, während der Angegiftete in Castel Gandolfo vor sich hin vergreist. Die Jungschargruppe formiert sich zum Diskussionskränzchen über „Schwule in Frauenkleidern“. Die Homophobie der Kirche ist im Schwerpunkt der Aufführung, bezüglich der Diskriminierung der Frau bleibt einem da nur ein: Heiliger Sebastian, bitt‘ für uns! Der postdramatische Protest, an manchen Stellen so nervös, dass man der Performance ein Frankie-goes-to-Hollywood „Relax“ wünscht, schrammt schon die Grenze zur Peinlichkeit, weil: stell‘ dir vor du willst erregen, aber die Zuschauer schert das einen feuchten … In Wien also kein Anzeichen von „FEAR“; dass der Abend trotzdem rüberkommt, ist die Leistung eines Ensembles, das mit seiner überbordenden Spielfreude wie unter Strom steht.

Die Suche nach Identität, mit der sich Richter in seinen Arbeiten sonst vorrangig beschäftigt, muss diesmal aber wegen Erfolgslosigkeit abgeblasen werden. Sie bleibt hier nur ein kindlicher Versuch, der ins Nichts verpufft. Tatsächlich schmerzhaft intensiv sind an diesem Abend nur die von Nir de Volff choreografierten Tanzszenen, ganz ausgezeichnet ausgeführt, mit den Schauspielhaus-Ensemblemitgliedern Reznikoff und Link als vollintegrierte Partner. Frick und Wagner überzeugen ihrerseits in zwei sehr sarkastischen Karikaturen als Schauspieler, Telmo Branco präsentiert sich als wunderbarer Tänzer. Das Schönste an „Città del Vaticano“ ist es, dieser multidisziplinär agierende Truppe bei der Arbeit zuzusehen. Die Akteure charakterisieren in vieler Hinsicht genau diese Grenzüberschreitung, die ein neues Europa ausmachen sollte. Was den Rest betrifft, kann man mit dem guten Gewissen aus der Vorstellung gehen, immerhin 25 Euro für die gesehene Gruppentherapie im Opferstock hinterlassen zu haben.

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Wien, 22. 5. 2016