Colette

Januar 3, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Frau schreibt sich den Weg frei

Colette arbeitet an den „Claudine“-Romanen: Keira Knightley. Bild: © Filmladen Filmverleih

In diesem Winter der Schriftstellerinnen-Biopics glänzt Wash Westmorelands „Colette“, der am Freitag in den Kinos anläuft, wie ein Solitär. Vom Drehbuch voll brillanter Dialoge, Westmoreland schrieb es noch gemeinsam mit seinem später verstorbenen Ehemann Richard Glatzer, über die wunderbaren historischen Settings bis zum geistreich-ironischen Spiel der Protagonisten stimmt an diesem üppigen Kostümdrama rundum alles.

Westmoreland feiert mit seinem Film die Opulenz der Dekadenz, die Zeit ist die Jahrhundertwende, der Schauplatz Paris, und versteht es, in diesem Lebensgefühl die Emanzipationsgeschichte einer der erfolgreichsten Autorinnen Frankreichs zu verpacken. Als diese brilliert Keira Knightley in einer Art, dass sie The Playlist schon als Oscar-würdig pries.

„Colette“ konzentriert sich auf deren Anfangsjahre. Später wird die Verfasserin erotischer Literatur noch Nackttänzerin am Varieté sein, wird „La Vagabonde“ und das zum Musical adaptierte „Gigi“ schreiben, wird mit Männern wie Frauen verkehren, wird sie sich mit Nazis treffen, um ihren dritten Ehemann, einen jüdischen Perlenhändler, aus Gestapohaft freizubekommen, wird die katholische Kirche, die ihr Werk schon früh auf den Index setzte, ihr die Bestattung verweigern, weshalb ihr die Regierung, als erster Frau überhaupt, ein Staatsbegräbnis ausrichtet, wird sie von Marcel Proust bis Simone de Beauvoir vielzitiert sein, wird der Platz vor der Comédie-Française ihren Namen tragen …

Im Film lernt man Sidonie-Gabrielle Claudine Colette zunächst als Mädchen vom Lande kennen, als naturverbundenes Temperamentsbündel, dem der doppelt so alte und schwer selbstverliebte Henry Gauthier-Villars im Elternhaus in der Bourgogne den Hof macht. Man wird einander erst im Heu treffen, dann heiraten, wofür der Bräutigam sogar auf sein beträchtliches Erbe verzichtet, und Westmoreland ist weise genug, Colettes Zauber, der zu diesem Entschluss führte, nicht durchzudeklinieren, sondern sich ganz auf die Strahlkraft seiner Hauptdarstellerin zu verlassen. Klar, dass Knightley die Verwandlung vom unbedarften Wildfang zur Sensation der Pariser Salons mit Verve nimmt.

Hochzeitsfeier mit Familie: Fiona Shaw, Robert Pugh, Keira Knightley und Dominic West. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit dem Kennenlernen von Missy verändert sich Colette: Keira Knightley. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dominic West spielt Gauthier-Villars, genannt „Willy“, als gewitzt-charmanten Schwerenöter, so theatralisch wie eine Shakespeare-Figur, als König in seinem Reich der exaltierten, extravaganten Selbstdarsteller, für den diverse Amouren zum Alltag gehören. Nie ist er um ein Bonmot verlegen, doch tatsächlich leidet Willy, der als Literat wie als Theater- und Musikkritiker einen vorzüglichen Namen hat, an chronischer Schreibblockade, gegen die er sich eine Herde Ghostwriter hält. „Literatur-Fabrikant“ nennt er sich spöttisch selbst, und Colette, in der er beträchtliches Talent entdeckt, wird einer seiner „Geister“. Als ihr autobiografischer Debütroman über „Claudine“ zum Bestseller wird, schließlich daraus eine Buchreihe, schließlich eine ganze Markenwelt von Parfums bis Accessoires, streift natürlich Willy – aufgrund seines Dandytums notorisch pleite – Ruhm und Geld ein. Ohnedies sprächen die gesellschaftlichen Regeln der Zeit gegen eine Frau als Schöpferin dieses frivolen Fräuleins.

Es wäre nun ein leichtes gewesen, diese Ehe als Ausbeutung zu brandmarken, in der Willy, was wirklich so passiert ist, seine Frau täglich für Stunden einsperrt, damit sie produziert. Doch Westmoreland, und mit ihm Knightley und West, gehen subtiler vor. Colette und Willy inszenieren sich, stilisieren sich zum Powerpaar. Wests Willy ist nicht nur von bestechender Virilität, sondern auch von einer unverblümten Ehrlichkeit, die ihn mit so mancher Sünde davonkommen lässt, weil viele, auch Colette, seinem Sog nicht widerstehen können. Knightleys Colette sieht anfangs durchaus die Vorteile der Verbindung zu Willy, nie ist sie sein Opfer, sondern wird zur gewandten Salonlöwin, zur Liebhaberin beider Geschlechter, dies durch Willys ausdrückliche Ermunterung. Man hält sich einen Cercle an Gespielinnen und Gespielen, und Mann wie Frau beginnen eine Affäre mit der amerikanischen Waffenhändlersgattin Georgie Raoul-Duval, eiskalt dargestellt von Eleanor Tomlinson, was zu familiären Turbulenzen führt.

Westmoreland nimmt sich die Zeit, dies alles darzulegen, er widmet sich der Ambivalenz des Künstlerdaseins, und dass er seine Message in der Konvention schöner Bilder rüberbringt, bedeutet nicht, dass er über Colettes Subversion, ihren Nonkonformismus, die Kontroversen rund um sie, zu wenig zu sagen hätte. Die Verwandlung, die Loslösung von Willy, die Einforderung ihres Rechts auf Anerkennung als Autorin wie auf ein selbstbestimmtes und selbstverwirklichtes Leben kommt mit dem Kennenlernen von Missy. Die großartige Denise Gough spielt die Marquise Mathilde de Belbeuf, die klassische Gendernormen infrage stellt, indem sie sich als Mann kleidet und gibt, was sie sich als Tochter eines Halbbruders von Napoleon III. leichthin leisten kann. Auch Colette beginnt, Hosen zu tragen. Und: Sie schreibt sich sozusagen den Weg frei.

Ganz und gar Lebemann: Der nichtsahnende Willy lässt sich von seinen Fans feiern: Dominic West. Bild: © Filmladen Filmverleih

Detailgetreu nach Fotografien stellt Westmoreland den Auftritt der beiden Frauen im Moulin Rouge 1907 nach, wo sie sich in der Pantomime „Rêve d’Égypte“ auf offener Bühne küssen. Es kommt zum Schmeißen von verrottetem Gemüse, zur Schlägerei, zum Polizeieinsatz. Und wieder ist Willy Drahtzieher des publicityträchtigen Skandals …

Mit „Colette“ ist Wash Westmoreland ein Film gelungen, in dem er mit Scharfsinn, Humor und Wärme über Sexualität und Geschlechterklischees sinniert. Es ist nicht zu viel, zu sagen, man merke dem Ergebnis an, wie sehr ihm das Thema persönlich am Herzen liegt. Allein, dass er das Projekt nach dem ALS-Tod seines Partners zu Ende gebracht hat, nötigt einem Respekt ab.

dcmworld.com/portfolio/colette/

  1. 1. 2019

Volksoper: Der Opernball

Februar 18, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Charmelos statt schamlos

Kristiane Kaiser als Angelika, Sieglinde Feldhofer als Helene, Ursula Pfitzner als Margarete, Helga Papouschek als Palmyra, Kurt Schreibmayer als Theophil, Marco Di Sapia als Paul, Almira Elmadfa als Henri und Carsten Süß als Georg. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Gleich zu Beginn wird der running gag via Bühnenansage verkündet: Weil die Staatsoper heuer auslässt, findet „Der Opernball“ in der Volksoper statt. Nun, gar so stolz braucht man auf die Neuerwerbung nicht zu sein. Axel Köhlers Inszenierung, die die ursprünglich in Paris stattfindende Handlung nach Wien verlegt, wirkt eher wie ein ziemlich ordinäres Gschnas.

Vor allem im zweiten Akt nahmen Köhler und seine Ausstatter Timo Dentler und Okarina Peter die Übersiedlung vom Haus am Ring an den Gürtel allzu wörtlich, und zollten der ehemals sündigen Meile mit einem seltsamen Etablissement Tribut. Doch selbst hier geht’s statt schamlos nur charmelos zu. Es ist erstaunlich, das sonst so elegant frivol agierende Volksopern-Ensemble darstellerisch so hilflos zu sehen.

Aber der Reihe nach. Hebt sich der Vorhang, sieht man etwas, dass ein elegantes Wiener Loft sein soll, tatsächlich aber wie die Innenausstattung eines Luxusdampfers anmutet. Durch ein Bullauge ist das Riesenrad – und damit Wien – zu erkennen. In dieser Pappenstiel’schen Wohnung treffen nun neben dem Besitzerehepaar die Wimmers, die Schachtelhubers, deren Neffe Henri und Haushaltshilfe Helene aufeinander. Die Herren haben Amouren im Kopf, die Frauen stellen Fallen in Form von rosa Dominos. Billetten laden zum Ball, das Verwirr- und Verwechslungsspiel beginnt: „Gehen wir ins Chambre séparée“ …

Die musikalische Nummer vom One-Hit-Wonder Richard Heuberger. Mehr als diesmal wär‘ aber allemal drin gewesen, doch mangelt es der Regie völlig an Ideen (außer, dass man E-Mails auf Laptop und Handy liest), sei’s Ironie oder auch die Möglichkeit für Parodie. So holpern man hölzern durch den ersten Akt, der gefühlt viel länger ist, als die Uhr hergibt. Danach Nachtclub mit Pinups und Kojen fürs Tête-à-Tête, die wie weibliche Rundungen aussehen. Aus einem „Erlebniskeller“ strömen SM- und Crossgenderpärchen. Das hat mit Opernball so viel zu tun, wie Schnellimbiss mit Haubenrestaurant. Für den dritten Akt geht es zurück auf den Dampfer. Der nimmt nun zwar etwas Fahrt auf, als sich die Verwicklungen entwirren, doch insgesamt ist kaum mehr was zu retten.

Vor dem „Chambre séparée“: Ursula Pfitzner als Margarete, Sieglinde Feldhofer als Helene und Carsten Süß als Georg: Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das gilt auf fürs Musikalische. Dirigent Alfred Eschwé beginnt zwar fröhlich-schmissig, doch irgendwann hat er beschlossen, es nur noch krachen zu lassen. Lyrische Momente gehen ihm komplett unter. Unter den Solistinnen und Solisten erfreuen Amira Elmadfa als Henri mit ihrem schönen Mezzo und ihrer Spielfreude, Sieglinde Feldhofers silbrig glänzender Sopran als quicksilbrige Helene und Marco Di Sapia, der als Paul Wimmer auch für Komödiantik sorgt.

Der übrige Cast (Kristiane Kaiser, Carsten Süss, Ursula Pfitzner, Martina Dorak) bleibt blass, Boris Eder, als Oberkellner Philipp ein aufgelegtes Gustostückerl, lässt man erst gar nicht ins Spiel kommen. Erfreulich ist ein Wiedersehen mit den Volksopern-Urgesteinen Helga Papouschek und Kurt Schreibmayer als Palmyra und Theophil Schachtelhuber. Am Ende gab es freundlichen Applaus ohne große Bravo-Rufe, für die Regie ein paar kräftige Buhs.

www.volksoper.at

  1. 2. 2018

Bronski & Grünberg: Richard III.

Oktober 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mordsspaß mit dem Monster

Sympathy for the Devil: Josef Ellers macht aus Richard III. einen charmanten Verführer. Bild: © Philine Hofmann

Es gibt viele gute Gründe, warum Shakespeare-Aficionados sich die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg nicht entgehen lassen dürfen, und es gibt einen sehr guten Grund – namens Josef Ellers. Der 29-jährige Klagenfurter gibt einen „Richard III.“ wie ihn sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Verschmitzt, falsch und verräterisch, um Verständnis, ja um Mitleid heischend, da unschuldig „ums schöne Ebenmaß verkürzt“, und mehr als gewillt, den Dreckskerl aufzuführen. Das Ziel heißt Krone, dafür werden Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ellers wischt alle möglichen Vorbilder, die Wien schon gesehen hat, scheint’s unbekümmert aus dem Blickfeld. Er macht auf charmanter Manipulator, und buckelt dabei im Wortsinn wie ein treuer Diener des Staates; statt A-part-Sprechen setzt er aufs Beiseitegrinsen, macht sich so das Publikum zum Komplizen, und tatsächlich, man hat Sympathien für diesen gerissenen Teufel. Der hat Witz, der hat Charisma, man hat einen Mordsspaß mit dem Monster. Und endlich einen Richard, bei dem verständlich ist, warum die diversen Witwen der von ihm Gemeuchelten auf ihn fliegen …

Helena Scheuba ist als Regisseurin und Übersetzerin für diese tadellose Inszenierung verantwortlich, mit der das Bronski & Grünberg seine zweite Saison eröffnete. Auf der Rückwand hat Bühnenbildner Daniel Sommergruber den „Schummelzettel“ angebracht, die Stammbäume der Geschlechter Lancaster und York. Auf einen Blick erklärt sich wer mit oder warum gegen wen, während Richard, das rote Farbkübelchen in der Krüppelhand, blutrünstig und mit Malerpinsel die Namen derer streicht, die er bereits gefällt hat. Ganz am Rande steht – Richmond, und darunter hängt sein Schwert.

Elizabeth schwört ihre Verbündeten ein: Johanna Rehm mit Sophie Aujesky und David Jakob. Bild: © Philine Hofmann

Schwarze Tränen und Verwünschungen für Richard: David Jakob als Königin Margaret. Bild: © Philine Hofmann

Wie überhaupt jeder Figur eine Requisite zugeteilt ist. Sophie Aujesky, Johanna Rehm und David Jakob nehmen sie von den jeweiligen Haken, verwandeln sich blitzschnell in den nächsten Charakter. Das tolle Dreiergespann schlüpft in alle weiteren Rollen, stattet zwei Dutzend Nebenfiguren mit oder ohne Rückgrat, mit übler Gesinnung oder nobler Haltung aus – ob Mann oder Frau ist egal. Und so ist Sophie Aujesky unter anderem ein großartig wütender Eduard, ein ehrenwerter Lord Hastings und eine angewiderte und dennoch leicht um den Finger gewickelte Anne (deren Name auf der Wand entsprechend die Seiten wechselt).

David Jakob brilliert vor allem als Richards Mann fürs Grobe, Buckingham, und als parzenhafte, schwarze Tränen weinende Königin Margaret. Außerdem ist er der im Tower ermordete Bruder George. Johanna Rehm ist eine verzweifelt rasende Elizabeth, ein angstvoller Stanley, und schließlich der ruhmreiche Richmond – inklusive beeindruckendem Schwertkampf mit Ellers‘ Richard. Rehm und Aujesky können auch ihre Slastickqualitäten ausspielen, sei’s als tollpatschige gedungene Mörder, in dieser Szene ist Scheubas Arbeit echtes Shakespeare’sches Volkstheater, oder als präpotent aufsässiges Prinzenpaar, zwei echte Früchtchen, die den Onkel wegen seiner Behinderung verspotten. Ihre Abschlachtung markiert Aujesky als mit dem Feuerzeug spielender Tyrell einfach, indem sie ihre Papierkrönchen anzündet. Zwischen solch symbolhaften, mitunter trashigen Szenen läuft Popmusik zu Liebe, Macht, Schuld.

Am Ende ihrer Politikeransprachen, dem Verbalduell Richard vs Richmond, folgt der Waffengang, Richards Name der letzte, der von den Siegern genussvoll gestrichen wird. Zweieinhalb Stunden dauert die Aufführung im Bronski & Grünberg, jede Minute davon spannend. Als nächstes will das Team um Kaja Dymnicki und Alexander Pschill mittels Crowdfunding einen „Rigoletto“ auf die Beine stellen. Von „Richard III.“ gibt es noch zehn Vorstellungen bis 10. Dezember.

www.bronski-gruenberg.at

5. 10. 2017

Der todkranke Eduard wütet über Richards Ränkespiel: Sophie Aujesky mit Johanna Rehm. Bild: © Philine Hofmann

Buckingham macht sich zu Richards Handlanger: David Jakob und Josef Ellers. Bild: © Philine Hofmann

Monsieur Pierre geht online

August 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Pierre Richard ist ein anrührender Internet-Cyrano

Monsieur Pierre macht Alex zu seinem jüngeren Alter Ego: Pierre Richard und Yannis Lespert. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Alle Jahre wieder entzückt das französische Kino mit einer hinreißenden Sommerkomödie. 2017 heißt sie „Monsieur Pierre geht online“, ist der grandios bewährte Mix aus leichtfüßiger Elegance und schwerer Melancholie, und ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. Monsieur Pierre, das ist kein Geringerer als Pierre Richard.

Regisseur und Drehbuchautor Stéphane Robelin hat dem großen Blonden nach dem Erfolg von „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ diese Rolle auf den Leib geschrieben. Und Pierre Richard, dieser lebenslange Pierrot, füllt sie mit Schwärmerei, mit zärtlicher Zerstreutheit – und mit der Unfähigkeit sich gegen die Unbilden des Lebens zu wehren. Sein Monsieur Pierre ist im besten Sinne ein sanftmütiger Schalk. Außerdem fast ein Poet. Im Internet. Die Story hat viel mit Edmond Rostands Cyrano gemein. Nur, keine Sorge, gibt es hier ein märchenhaftes Happy End für alle.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch ein Interesse. Der Witwer schaut tagein, tagaus alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau an. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und in seiner Trauer. Da schmiedet Tochter Sylvie (Stéphane Bissot) einen sinistren Plan: Der Lover ihrer Tochter Juliette (Stéphanie Crayencour), ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora (Fanny Valette). Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings/Briefe abschickt. Dass das alles nicht gutgehen kann, ist klar. Am Ende verliebt sich auch Alex, der die Körperlichkeiten dieser ménage à trois zu schultern hat, in Flora. Und zwischen den beiden Männern bricht der Konkurrenzkampf los …

Monsieur Pierre stellt seine junge „Geliebte“ der Familie vor: Pierre Richard, Stéphane Bissot, Stéphanie Crayencour und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Das Schlafzimmer teilen allerdings Flora und Alex: Yannis Lespert und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Stéphane Robelin gelingen ein paar großartige Szenen. Pierre Richard, verlegen wie ein Schulbub beim ersten Rendezvous, das gar nicht er bestreiten wird. Weshalb er das Date erst mit dem Feldstecher beobachtet, später vom Nebentisch im Restaurant aus. Wunderbar, wie der alte Anbeter den jungen in seine Biografie drängt, und der beginnt diese auszuschmücken. Wobei aus dem faden Verwaltungsbeamten ein abenteuerlustiger Vulkanologe wird. Fabelhaft Stéphane Bissot und Stéphanie Crayencour, als Pierre, bislang der Fremdkörper in der Familie, doch nun treibt sie die Neugier herbei, ihnen die junge „Geliebte“ beim Frühstück vorstellt:

Fanny Valette als Flora, die tatsächlich glaubt, Pierre wäre Alex‘ schrulliger Großvater. Das ist Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence – ohne jemals plumb zu sein. Wie diese Situation für etliche Minuten durch Fehldeutungen in der Schwebe bleibt, ist zwar komplett unrealistisch, aber extrem unterhaltsam.

Monsieur Pierre skypt immer noch mit Juliettes Lieblings-Ex-Verlobtem, und der anonym gehaltene Alex muss nun daneben sitzen und sich anhören, wie die Familie dem Verflossenen nachweint. In schwermütigen Tagträumen lässt Robelin seinen Pierre eng umschlungen mit dessen toter Frau tanzen; in weniger bekümmerten imaginiert er die Treffen mit diversen Dating-Damen. Die Fantasie führt bis zu einer Konfrontation von Pierre und Alex, einander gegenüber vor einem Toilettenspiegel. Ist das echt oder von Pierre bloß erdacht? Wer derart lyrische Momente erschafft, der darf auch eine Szene, wie diese schreiben: Telefonkonsultation, weil am Computer gerade gar nichts geht. Alex: Haben Sie das Fenster geöffnet? Pierre steht auf und tut ebendieses …

Pierre Richard ist ein anrührender, aber auch kauziger Internet-Cyrano. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Dass Pierre Richard in jeder Minute des Films als wieder zum Leben erweckter Kauz schimmert wie ein wertvoller Edelstein, ist klar. Um nichts steht ihm aber auch sein Filmpartner Yaniss Lespert nach. Hierzulande bis dato unbekannt, erfreut sich der 28-Jährige in Frankreich als Darsteller in der TV-Serie „Fais pas ci, fais pas ça“ großer Beliebtheit.

Als Alex ist er ein würdiges Pendant in dieser seltsam sich entfaltenden Freundschaft zu Monsieur Pierre, ebenfalls ein Weißclown, allerdings ohne Ambitionen, ein erfolgloser Antriebsloser mit Dackelblick, dessen gar nicht so tief verborgener Widerspruchsgeist ihn gesellschaftliche Normen aber ignorieren und an sein schriftstellerisches Talent glauben lässt. Lange Zeit scheint er keinerlei Ziel zu haben, scheint sich das Szenario um ihn herum fast ohne sein Zutun zu entwickelt – und genau deshalb kann sich der Humor des Films emporschrauben, kann sich sein Charme entwickeln.

Mit Volldampf steuern Robelin und seine Darsteller so dem überdrehten Finale entgegen. Höhepunkt der Absurdität ist die Enttarnung, wenn Flora mit Pierre spricht, während sie aber Alex meint. Eine Sequenz, in der man sich wahrlich unter die Cadets de Gascogne versetzt fühlt. Als Motto des Films kann aber ein Zitat des unsterblichen (und Pierre Richards Freundes) Jacques Brel gelten: Man braucht viel Talent, um nicht erwachsen zu werden. Voi­là, c’est ça!

www.monsieur-pierre-geht-online.de

10. 8. 2017

Volkstheater: Kasimir und Karoline

März 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bananen, Geplärr und Banalitäten

Big Karoline is watching you: Rainer Galke als Kasimir, Birgit Stöger und Stefanie Reinsperger auf der Lichterkettenleinwand. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater hatte Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer Inszenierung von Philipp Preuss Premiere, und das Erstaunen daran ist, dass einen die Aufführung seltsam unberührt lässt. Preuss, der in der Regel für einen Aufreger, zumindest für einen Kopfschüttler gut ist, schafft es diesmal nicht über die Echauffiertheitshürde – ja, nicht einmal über die Aufmerksamkeitsschwelle. Mit Kasimir möchte man nur eins sagen: Das ist mir wurscht.

Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist es die abgepauste Ästhetik des Abends, zum anderen sind es die Banalitäten und das Geplärr, die einen die Scheuklappen dichtmachen lassen. Auf der Bühne herrscht vor allem Trubel, ein Tohuwabohu, in dem die leiseren Horváth-Töne untergehen. So kann man diesem Autor nicht beikommen, so plakativ, so wenig subtil. Schreien statt Inhalt ist keine Lösung, das ist auf der Bühne wie im Leben so.

Denn derart bleibt nichts von Horváths scharfer Analyse des durchökonomisierten menschlichen Zusammenlebens, nichts von seinem Bericht über die Arbeit als Statussymbol und die Not derer, die keine mehr haben – oder was immer Preuss aus dem übervollen Themenkonvolut des Volksstücks zu erzählen nicht gelungen ist.

Dass fortwährend die urbayrische Oktoberfestkost Bananen gefuttert wird, macht die Sache nicht besser. Preuss hat das Stück ganz nach Horváths Vorgabe „in unserer Zeit“ angesiedelt. Die Krise ist dem Kapitalismus systemimmanent, was 1932 galt, gilt 2017 noch immer, nur das Wiesnzelt ist einem Karussell aus Lichterschnüren gewichen. Einem Multimediaspektakel mit Videos und kitschigem Soundteppich, erdacht von Ramallah Aubrecht, Konny Keller und Richard Eigner, das zum Labyrinth für die Darsteller wird. Davor und vor allem darin nämlich tummelt sich die Spaßgesellschaft, die Herrschaften und das Volk. Im Innern spielt sich’s ab, dem Außen bleibt nur das Cinemascope. All das sieht man bei Castorf (oder auch bei Pollesch) schon seit Jahrzehnten so – dass wichtigste Teile der Handlung in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfinden und nur per Livekamera ins Publikum transportiert werden.

Und noch in einer anderen Sache folgt Horváth-Debütant Preuss dem Altmeister aus Berlin: Er fügt Fremdtexte als inszenatorische Rufzeichen ins Stück ein, Konsumismuskritiker Guy Debords 1967 erschienene „Gesellschaft des Spektakels“, als realsozialistischer Dialog schrill performt von den beiden Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria alias Seyneb Saleh und Nadine Quittner, und einen Auszug aus Horváths prophetischem Antikriegsroman „Ein Kind unserer Zeit“. Luka Vlatkovic tritt blutbesudelt und armamputiert als der Soldat auf, der auf einem Jahrmarkt des Jahrs 1938 die Liebe sucht.

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Rainer Galke, Birgit Stöger und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Und er sitzt und sitzt; im Hintergrund die Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria: Rainer Galke, Seyneb Saleh und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Unter den Darstellern sind es Sebastian Klein als Schürzinger, Kaspar Locher als der Merkl Franz und Birgit Stöger als dem Merkl Franz seine Erna, die am ehesten Horváth spielen, brutal und ungekünstelt und doch mit der vom Schöpfer ihrer Figuren verlangten Überhöhung ins Stilisierte. Birgit Stöger ist überhaupt die Erfreulichkeit des Abends. Wie sie sich stoisch in ihr Schicksal und dem Merkl Franz seinen Schlägen fügt, ist sie die perfekte beschädigte Antiheldin. Thomas Frank sitzt als dämonischer, halbverbrannter Schaustellerkönig wie die Spinne im Neonnetz, kommt aber, da ans unvermeidliche Mikrophon gebunden, darin kaum zum Spielen, Michael Abendroth und Lukas Holzhausen sind verlässlich solide als Rauch und Speer. Ihre Ressentiments über die Jugend rülpsen die beiden übersättigten „Besseren“ ins Publikum. Dies einer der gelungeneren Regieeinfälle des Abends.

Als „Kasimir und Karoline“ hat sich Preuss Rainer Galke und Stefanie Reinsperger auserkoren, zwei klasse Schauspieler – und umso mehr tut’s weh, dass die Regie mit ihnen nichts anzufangen weiß. Das Kraftwerk Reinsperger wird aufs übliche Gestenrepertoire zurückgeworfen; ihre Karoline ist eine Wutbürgerin, und Reinsperger berserkert sich ergo durch die Rolle. Zur resignierten Verzweiflung Kasimirs wiederum ist Preuss nicht mehr eingefallen, als Galke beinah die ganzen zwei Stunden lang regungslos und, so weit durch Striche möglich, schweigsam an der Rampe sitzen zu lassen.

Sein Kasimir ist weder Kleinbürger noch Proletarier im Sinne von „aller Länder vereinigt euch“, und wenn Karoline an ihm einen „Terroristen“ erkennt, so ist dieser hier maximal ein Schläfer. Verschenkte Möglichkeiten allüberall. Immerhin: Mit ihrer Bemerkung, man wäre „zu schwer für einander“, sichert sich die Reinsperger den Lacher des Abends. Einen schmerzhaften. Einen zum Fremdschämen. Andererseits: Auch das ist mir wurscht.

www.volkstheater.at

Wien, 18. 3. 2017