Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

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  1. 1. 2018

Schauspielhaus Wien: Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence

März 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vertrauen wir auf die Muschel!

Hier wird die (halb-)nackte Wahrheit über die Macht und die Ohnmacht der Finanzmärkte ausgesprochen: Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Zeiten wie diese fordern von der Kunst Radikalität. Und die radikalste Form, radikal zu sein, ist einfach Spaß zu haben. Lachen ist gut fürs Gehirn, das haben Gelotologen kürzlich, Kabarettisten schon vor fast 140 Jahren festgestellt – dass mit Humor alles besser geht, auch politische Botschaften an das Publikum zu bringen. Nele Stuhler und Frank Rößler haben sich für ihr jüngstes Projekt diese Methodik einverleibt.

Die beiden Berliner, ihres Zeichens zwei Drittel der Performancegruppe FUX, legen mit „Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence“ ihre erste Arbeit in Österreich, genauer: im Schauspielhaus Wien, vor. Es ist das Markenzeichen von FUX, bestehende Bühnenformate durch eigene Filter zu schicken und so zu etwas Neuem umzuwandeln. Die Arbeiten bewegen sich stets an der Schnittstelle von Sprech-, Musiktheater und Tanz, und nie fehlt es ihnen an Witz, Un- und Zweieindeutigkeit, Plattitüde und Übermut. Dies alles, um Zweifel an Bestehendem zu schüren und die Suche nach Unkonventionellem einzuleiten. Handeln statt mit dem Weltgeschehen hadern, ist die Devise, die an die Zuschauer weitergereicht wird, denn die Verhältnisse, sie sind schon so.

Apropos, Devise: Sie ist Teil des neuen FUX-Programms. Stuhler und Rößler haben die Achse Berlin-Wien geschlossen, indem sie beschlossen sich mit zwei Großen der Kleinkunst zu befassen – Karl Farkas und Erwin Piscator. Von ersterem entliehen sie die Doppelconférence, das Spiel des G’scheiten mit dem Blöden, von zweiterem seine Vision der politischen Revue und seinen Anspruch, ein „Trommelfeuer gegen die Passivität der Zuschauer“ zu entfachen.

„Menschen machen falsches Geld, und das Geld macht falsche Menschen“, ist ein berühmtes Farkas-Zitat. Es könnte als Motto über diesem Abend stehen, befassen sich die Texte doch mit den Mechanismen der Marktwirtschaft und dem Fehlverhalten von Finanzmärkten. Zwischen dem kaputt gegangenen Kommunismus und dem an die Grenzen seiner Kapazität gehenden Kapitalismus, muss es ein Drittes geben, sagen Stuhler und Rößler, und jonglieren lustvoll mit Alternativkonzepten und zeitgeistigen Schlagworten wie „Sharing Economy“ und „Open Source Project“ oder „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und „Bargeldloser Zahlungsverkehr“.

Als treue Epigonen der beiden Godfathers of Performance switchen sie dabei zwischen Dys- und Utopien, changieren ihre Szenen zwischen skurril und surreal, verwenden sie alle gültigen Mittel von Klavierimprovisation und Bauchrednernummer bis zum Neudichten von aktuellen Schlagern. Da reimt sich Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ plötzlich auf „soziale Marktwirtschaft“, der Britney-Spears-Hit wird zu „Oops!…I paid it again“, Tokio Hotel singen „Nach dem Konsum“ und Bob Marley reggaet „No Money, No Cry“. Die Kostüme von Aleksandra Pavlovic erscheinen wie aus dem Cabaret Voltaire entliehen, und eindeutig Dada ist auch ihr Bühnenbild samt Showtreppe. Sketch reiht sich an Sketch, und weil’s um Geld und Güter, nicht aber um Güte geht, enden die Nummern per Blackout.

Von wegen Plastikgeld – endlich wird die Kunststoffmuschel als Zahlungsmittel entdeckt: Steffen Link, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Geschäfte und Profit machen sich am besten im Whirlpool. Darin als organisches Polymer: Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Simon Bauer und Steffen Link. Bild: © Matthias Heschl

Auf die Bühne gehoben wird das alles vom fabelhaften Schauspielhaus-Quartett Vassilissa Reznikoff, Simon Bauer, Steffen Link und Sebastian Schindegger. Mit spielerischer Leichtigkeit und doch hochkonzentriert sprechen sie die komplexesten Texte im Chor, Kanon oder Quodlibet; sie springen, blitzdichten, singen, geben abwechseln den spöttischen Verweigerer der Zu- und Umstände, heißt: den Frotzler, und stellen einmal mehr die Qualität des Ensembles unter Beweis, wenn es darum geht, mit entsprechend Hintersinn auch noch den größten Nonsens zu servieren. Schließlich gilt es den DAZ, den dümmsten anzunehmenden Zuschauer, dort abzuholen, wo er ist, im Un/Sinn, und ihn nicht mit endlosem Intellektuell-Quabla über die Krise als Normalzustand der Finanzwelt zu überfordern.

Apropos, Nonstop: Nicht nur Farkas und Piscator treten als Figuren auf, sondern auch Dieter Hallervorden, von Steffen Link eins a stimmimitiert. Der populäre „Palim Palim“-Sketch des Komikers ist gleichsam das Herzstück der „Frotzler-Fragmente“, und es ist ein Riesenspaß, wie er sich von Runde zu Runde mehr verändert, wie sich erst der Kaufmannsladen in die Europäische Zentralbank, dann der Kaufmann in Mario Draghi und schlussendlich die Tüte Pommes Frites in TLTRO II verwandeln. Ex-Investmentbanker Rainer Voss versucht verzweifelt die Filmdokumentation mit und über ihn, „Masters oft the Universe“, vorzustellen, kann aber kaum zu Wort kommen.

Die Heidenreich-Brüder Stefan und Ralph haben zwar mehr Erfolg, ihr Buch „Forderungen“ anzupreisen, doch scheitert Stefan an der Erklärung seines „Matching Algorithmus“, weil Ralph das Buch nicht gelesen hat … So heiter geht’s entlang der Menschheit monetärer Höllenfahrt, von der uneigennützig-naiven Gemeinschaft über die Entdeckung von Eigentum und ergo Tauschhandel bis zur Vergabe von Krediten und ergo dem dessen Zinsen geschuldeten Schulden machen. Der Wert der Dinge wird zum Lebewesen und lässt sich entsprechend verwöhnen, und weil das alles mit irgendjemandes Mittel bezahlt werden muss, lautet der Aufruf: Vertrauen wir auf die Muschel! Die ist, weil ja bargeldlos, selbstverständlich aus Plastik, und kann in Ermangelung fremder Federn auch als Showfächer Verwendung finden, wenn es gilt, den Abend Revue passieren zu lassen.

Am Ende also von Jubel, Trubel, Inszenierungsanarchie klatschte ein begeistertes Publikum nicht nur im Takt der Songs, sondern spendete auch so großzügig Applaus, dass Erwin Piscator ob so viel Zuschaueraktivität sicher erfreut gewesen wäre. Bleibt, noch einmal Karl Farkas zu zitieren: Schau’n Sie sich das an!

gruppefux.de

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Wien, 12. 3. 2017

Schauspielhaus Wien: Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!

Februar 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken

Die Handhabung der Gurke entscheidet darüber, wer Herr und wer Sklave wird: Gabriel Zschache, Kenneth Homstad und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

In Skandinavien längst ein Star, stellte sich die norwegische Theatermacherin Lisa Lie nun im deutschsprachigen Raum erstmals mit einer Arbeit vor. Am Schauspielhaus Wien hob sie „Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!“ auf die Bühne, ein Abend, wie immer im Kollektiv entwickelt, eine freie Assoziation, eine Improvisation zum Mythos des Nürnberger Kellerkinds.

Das die Regisseurin, wie sie auch im Programmheft-Interview sagt, gar nicht so sehr interessierte. Vielmehr geht es ihr um das gesellschaftliche und politische Rundherum, in größerem Kontext um jene Ausgestoßenen, die ebendieses bleiben müssen, weil die Aufnahme der „wilden Kinder“ ins Gemeinwesen dessen Gleichgewicht stören würde. Peter Handkes Hauser-Text diente als erste Grundlage, doch weil ihr untersagt wurde, Fremdstellen einzufügen, ging Lie bald eigene Wege.

Die vom gesprochenen Wort weg ins Gestische, ins Mimische, ins Getanzte führen. Lie weiß das weite Brachland zwischen Schauspiel und Tanz mit ihrer Performance zu füllen, ihre Mittel dazu sind Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken. Und auch, wenn sich einem auf den ersten Blick einiges an dieser provokant enigmatischen Aufführung nicht erschließt, was nebenbei sehr passend ist, wird Kaspar Hauser doch in seiner Grabinschrift als „Rätsel seiner Zeit“ bezeichnet, sind die Bilder bestechend und das Ensemble erstklassig.

Der norwegische Schauspieler Kenneth Homstad fügt sich in eine Versuchsanordnung mit Jesse Inman und Gabriel Zschache, er auch Regieassistent am Haus, weil Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen auf den Mehrwert seiner Mitarbeiter setzt, und Vassilissa Reznikoff. Ihr gehört der Auftakt, ein Monolog von Kaspars mutmaßlicher Mutter, der badischen Prinzessin Stéphanie de Beauharnais. Reznikoff gibt die Blaublütige als eifersüchtig Liebende, als besorgt Trauernde. Sie zitiert aus den Briefen, die beim Findling gefunden wurden: „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“, und dafür steigt sie auf die höchste Stelle jenes Objekts, das Maja Nilsens Bühnenbild darstellt.

Ein Kletterbaum im Menschenzoo. Den alsbald eine Horde Urmenschen erklimmt, in Fell gekleidet mit Pavianarsch, einer von ihnen betraut mit der Sisyphos-Aufgabe, ein gutes Dutzend Gurken zu den anderen zu bringt. Das Kürbisgewachs wird zum geistigen Grundnahrungsmittel; nur wer es aus der Plastikfolie zu befreien weiß, wird zum Herrenmensch, wer versagt bleibt Sklave. Nachahmung, sieht man, ist hier ein sicherer Erfolgsgarant.

Wer sich im Rokoko-Kleid zivilisiert gibt, entscheidet, wer in den Keller muss: Kenneth Homstad, Jesse Inman und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Am Ende Ausdruckstanz in hautfarbener Unterwäsche: Gabriel Zschache, Jesse Inman, Kenneth Homstad, Vassilissa Reznikoff und die nackte Existenz. Bild: © Matthias Heschl

Man kultiviert sich, nennt sich George und Gladys und feiert eine Teeparty mit aus Knetmasse geformten Tassen, übt im Rokoko-Kostüm Unterdrückung aus, tanzt den Weltuntergang mit Totenkopfmaske und in hautfarbener Unterwäsche. Wer bei der Selbstzivilisierung nicht mithalten kann, ist gefickt, heißt: Opfer jeglicher Art von Gewalt – auch sexueller. Dies wird in einigen Szenen durchaus explizit dargestellt, aus der Menschwerdungsorgie wird Gesellschafts/Bildung wird die Geburt der Kunst.

Diese eine schwere, schmerzhafte. Eine Gegenüberstellung der Sprachohnmacht gegen die Allmacht alles Körperlichen, die Schauspieler dazu im Intensivspielmodus. Eine Balletteinlage dient als Ausrede einander blutig schlagen zu dürfen. Dass Kunst „etwas ist, das absolut nichts darstellt, sondern etwas ist, über das man nachdenken kann“, heißt es dazu im knappen Text. Und: „Es geht nicht darum, die Zähne zusammenzubeißen, es geht darum, den Mund aufzumachen.“ Nach nicht ganz zwei Stunden entlässt einen Lisa Lie mit diesen Erkenntnissen (?) in die Nacht. Die Menschlichkeit sitzt im Keller, die Aufklärung ist nur ein Saunafetzerl über der Scham, es in 200.000 Jahren Existenz nicht in höhere Stockwerke geschafft zu haben.

Kaspar Hauser kam am 14. Dezember 1833 mit einer tödlichen Stichwunde im Haus seines Lehrers Georg Friedrich Daumer an. Wurde er Opfer eines Attentats oder verletzte er sich wegen abnehmenden öffentlichen Interesses an seiner Person selbst? Zu dieser Arbeit lässt sich abschließend jedenfalls sagen, dass Erkenntnis offenbar doch nicht immer was mit Auskennen zu tun haben muss. Lisa Lies „Kaspar Hauser“ feiert den Sieg des Unkonventionellen über die Konvention und die Konformität. Was das betrifft, ist das Schauspielhaus Wien ohnedies the place to be.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zkJCIbXvb5M

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Wien, 2. 2.2017

Wiener Festwochen: Città del Vaticano

Mai 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Freie Assoziation mit Falk Richter

Bild: © Matthias Heschl

Gabriel da Costa, Vassilissa Reznikoff und Christian Wagner. Bild: © Matthias Heschl

Den Moment des Abends hat ganz am Ende Performer Gabriel da Costa, der beschlossen hat mit seinem Lebenspartner und seiner Immer-noch-Lebensgefährtin die Elternschaft zu dritt zu wagen. Er liest seinen Brief an den ungeborenen Sohn vor. In dem wünscht er ihm ein Leben in einem Europa ohne Grenzen. Da Costa meint das so buchstäblich wie metaphorisch. Ob das möglich sein kann, man weiß es nicht.

Schon davor gibt es diese starke Szene, die sieben Darsteller und ihr Bild der Tochter Agenors, ein Bild vergangener Kriege und untergegangener Terrorregime, eine Sequenz über Verfolgung, Folter und darüber, dass auch von hier einmal Flüchtlinge in eine bessere Welt wollten. Und schon wird wieder Position geprobt. Vassilissa Reznikoff ist ein Mädchen, das ohne Panikattacken vor Anschlägen in einem Café sitzen will, während der junge Mann – Johannes Frick – aus der Banlieue findet, reiche Innenstadtbewohner würden zu Recht in die Luft fliegen. Ein AfD-Fan holt sich auf Frauke Petry einen runter, eine Action, bei der Christian Wagner alles Heil in seine rechte Hand legt. Und schließlich Steffen Link. Er sagt etwas zu Österreich. Natürlich ist der Wahlsonntag ein Thema. Hierzulande sind die Hofers ja bekanntlich berühmte Freiheitskämpfer.

Davon hätte man gerne mehr gesehen. Als Diskurs einer gut ausgebildeten, angeblich emanzipierten, sich selbst aber bis zur Ohnmacht reflektierenden Generation. Ihre gegenwärtige Orientierungslosigkeit. Ihr „Können oder Nichtkönnen“ mit einem Kontinent, den sie allmählich zu gestalten beginnen sollten. Ihre Vorstellung von Zukunft und wie ihnen der Weg dorthin zu bereiten ist. Aber! Falk Richter hat beschlossen etwas über die „Città del Vaticano“ zu erzählen. Wobei der Titel genauso Ettikettenschwindel ist, wie der Umstand, dass sich seine Inszenierung im Rahmen der Wiener Festwochen eine Uraufführung nennt. Nach zwei Arbeitsphasen bei der Biennale di Venezia 2015 bezeichnen Richter und sein Choreograf Nir de Volff ihr Projekt am Schauspielhaus nämlich als „öffentlichen work in progress“ – womit es sich anscheinend jeder Kritik zu entziehen sucht, weil: bitte! noch nicht fertig.

Der Schein trügt nicht. Was hätte das nicht alles werden können. Eine Auseinandersetzung mit einem Zeitsymptom, das lieber Angst schüren als Antworten suchen will. Eine Hinterfragung eines Wertekatalogs, den sogar Angela Merkel auf ihrer Webseite bemüht, wenn es um „die“ und „uns“ geht. Man darf annehmen, dass der historische Jesus so ausgesehen hat, wie die Männer vor denen wir uns im Flugzeug fürchten, sagt Link, und dies dazu der bezeichnendste Satz. Die Auseinandersetzung mit der Kirche und ihrem die ihr zugehörigen Gesellschaften bestimmenden Kanon bleibt in der Untiefe stecken. Stattdessen die einer Freikirche geschuldeten Pubertätstraumata und Kerzlschluckeranekdoten, teilweise höchst amüsant, ja das Publikum lacht laut, aber, Travnicek … Eindeutig fehlt diesem polyglotten Seelenstriptease die rotweißrote Farbe, das Brachialbarock-Katholische. Wir leiden, aber lustvoller und mit weniger Larmoyanz. Das erste Wunder Jesu ist die Wandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana, und daran halten wir uns fest in Ewigkeit Amen. Punsch im Bauch & Rausch-Goldengel an den Christbäumen.

Bild: © Matthias Heschl

Choreografie von Nir de Volff. Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Vassilissa Reznikoff und Steffen Link, Telmo Branco und Gabriel da Costa. Bild: © Matthias Heschl

So aber moderiert Tatjana Pessoa die Eh-schon-wissen-Anklagen gegen den Vatikan. Von Knabenmissbrauch bis kirchlicher Geldwäsche. In konzentrischen Kreisen – ups, das ist ja das Schauspielhaus-Logo – widerkäut die Truppe more of the same. Freie Assoziation mit Falk Richter! An manchen Stellen so intolerant wie jene, denen man den Vorwurf daraus strickt. Und unter Missachtung der Tatsache, dass der neue Firmenchef ohnedies versucht, Licht in all die Dunkel zu tragen, während der Angegiftete in Castel Gandolfo vor sich hin vergreist. Die Jungschargruppe formiert sich zum Diskussionskränzchen über „Schwule in Frauenkleidern“. Die Homophobie der Kirche ist im Schwerpunkt der Aufführung, bezüglich der Diskriminierung der Frau bleibt einem da nur ein: Heiliger Sebastian, bitt‘ für uns! Der postdramatische Protest, an manchen Stellen so nervös, dass man der Performance ein Frankie-goes-to-Hollywood „Relax“ wünscht, schrammt schon die Grenze zur Peinlichkeit, weil: stell‘ dir vor du willst erregen, aber die Zuschauer schert das einen feuchten … In Wien also kein Anzeichen von „FEAR“; dass der Abend trotzdem rüberkommt, ist die Leistung eines Ensembles, das mit seiner überbordenden Spielfreude wie unter Strom steht.

Die Suche nach Identität, mit der sich Richter in seinen Arbeiten sonst vorrangig beschäftigt, muss diesmal aber wegen Erfolgslosigkeit abgeblasen werden. Sie bleibt hier nur ein kindlicher Versuch, der ins Nichts verpufft. Tatsächlich schmerzhaft intensiv sind an diesem Abend nur die von Nir de Volff choreografierten Tanzszenen, ganz ausgezeichnet ausgeführt, mit den Schauspielhaus-Ensemblemitgliedern Reznikoff und Link als vollintegrierte Partner. Frick und Wagner überzeugen ihrerseits in zwei sehr sarkastischen Karikaturen als Schauspieler, Telmo Branco präsentiert sich als wunderbarer Tänzer. Das Schönste an „Città del Vaticano“ ist es, dieser multidisziplinär agierende Truppe bei der Arbeit zuzusehen. Die Akteure charakterisieren in vieler Hinsicht genau diese Grenzüberschreitung, die ein neues Europa ausmachen sollte. Was den Rest betrifft, kann man mit dem guten Gewissen aus der Vorstellung gehen, immerhin 25 Euro für die gesehene Gruppentherapie im Opferstock hinterlassen zu haben.

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Wien, 22. 5. 2016

Schauspielhaus Wien: Strotter

Mai 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spaziergang durch die Science Fiction

Bild: ©Susanne Einzenberger

Sinistre Gestalten strottern nächtens einmal um den Schauspielhaus-Block. Bild: ©Susanne Einzenberger

Das Bemerkenswerte ereignet sich an der Kreuzung Wasagasse/Berggasse. Da nimmt die Untergrundbewegung erstmals direkten Kontakt mit dem Grüppchen Fußgänger auf, will es auf seinen, auf den richtigen Weg locken – und erstaunlich, wie viele Menschen in diesem Spiel mit Illusionen trotzdem den Computeransagen aus dem Kopfhörer gehorchen und falsch abbiegen. Dabei steht auf den kleinen Straßenkarten, die einem eben zugesteckt wurden, doch ausdrücklich: Nicht auf die Stimme hören! So obrigkeitsgehorsam, also? Ein Mitläufer des Systems? Von der wiedergängerischen „Vernunft“ gleichgeschaltet? Diese Erfahrung bleibt allerdings der einzige Prüfstand, auf den man in dieser Produktion gestellt wird.

Das Schauspielhaus Wien begibt sich, der Tradition von Andreas Beck folgend, mit seinem Theater hinaus auf die Straße. „Strotter“ heißt der 75-minütige postapokalyptische Spaziergang durch die Science Fiction, zu dem Autor Thomas Köck und Intendant und Regisseur Tomas Schweigen laden. Inhalt ist, wie bei 99,9 Prozent aller Dystopien, die Menschheit hat sich und den Planeten fertig gemacht, ein totalitäres Regime die Macht übernommen, aber ein paar letzte Eigenständler leisten Widerstand. Köck, der vielgehypte Freidenker, hat vorweg als erste das Publikum von der Diktatur des Dramatikers errettet. Heißt: Er reißt etliches an, formuliert wenig aus, mag sein, er findet das waahnsinnig enigmatisch, mag sein, es ist ihm mehr nicht eingefallen, vielleicht hatte er auch einfach nicht so viel Zeit. Aber das hier ist ja Mitgrübel-Theater für Erwachsene und, ein Glück, aufs eigene Hirnkastl immerhin Verlass.

Und während Ray Bradbury und Philip K. Dick mit den Wachowski-Geschwistern Ringelreihen tanzen, geht’s vorbei an Wirtshaus und Tagesspa, um die zu begaffen, die sich verzweifelt in Resten von Zivilisation suhlen, auf den Gesichtern der Bridgeclub-Damen ist deutlich „Schon wieder die üblichen Irren!“ zu lesen, während man von THX 1138  angeleitet durch die Scheibe starrt; man bekommt im Hinterhof des Sigmund-Freud-Museums bedeutungsschwer Bier aus einem Müllcontainer serviert und … Was? Handlung? Ah ja, so etwas gibt’s in Ansätzen auch. Nur, dass THX 1138 hier nicht Robert Duvall, sondern Sophia Löffler ist, die streng genommen Omm zu sein hätte, aber … Was? Wie verwirrt? Na, man weiß ja, wie’s am Ende war. George Lucas ging mitten in der schönsten Verfolgungsjagd das Budget aus, weshalb der Flüchtige … und aus. Wie sich die Schicksale der Kreativköpfe vom Alsergrund bis zum Marin County doch offenbar gleichen.

Jesse Inman ist als Max so ein Flüchtling, entweder er aus der Zukunft oder das Publikum aus der Vergangenheit, das werden wir nicht verstanden haben müssen, jedenfalls er durch ganz Europa, und nun sucht er im Café Berg seine Freundin Anna alias Vassilissa Reznikoff, die Teil einer kommenden oder gewesenen Résistance ist, rage against the machine, von denen zwei die Zuschauer immer wieder umhüpfen, um die message an den Mann zu bringen. Weil, wo Schauspielhaus drauf steht, auch Schauspielhaus drin zu sein hat. Sebastian Schindegger und Steffen Link schildern sich hin und weg über die Manipulation der Massen, die Klimakatastrophe, ideologische Lügen inklusive der des Kapitalismus, und den Tod des Humanismus, weil Menschsein als Modell passé ist. Eine sich abmühende Endzeitdemo mit „Wacht auf!“-Transparenten, in einem Kellerloch dann Zeitungsausschnitte über Baschar al-Assad und E. T. und die Angst diverser Space Monkeys, über Mülldeponien und tödliche Mikroben und H. C. als letzten gewesenen Bundeskanzler.

„Wenn der Mensch aus der Geschichte lernt, dann dass alles immer schlimmer wird und die Ausreden schlechter“, heißt es. Nur bedeutet das nicht, dass die Komplettliste aller Anklagepunkte die Argumente präziser und schärfer werden lässt. Köck knallt einem ein Was-auf-diesem-Planeten-alles-schief-läuft-Quodlibet vor den Latz, huch, als ob man’s nicht gewusst hätte, und eigentlich ist die Analyse des Tatbestandes hier expliziter als seine Bestandsaufnahme. Stop trying to hit me and hit me. Und apropos, Matrix und so weiter, das Ganze endet in einer grindigen Fleischhauerei inmitten von virtuellem Fliegengesumm, weil im Keller ein paar Cryo-Untote gelagert sind, denen THX 1138 eine schöne, nein: nicht neue, sondern eben alte 2010er-Welt vorgaukelt. Denn damals wäre Veränderung noch möglich gewesen, aber wir haben’s ja vergeigt und werden daher nun auf unsere Zukunft vorbereitet.

Sebastian Schindegger und Steffen Link. Bild: ©Susanne Einzenberger

Sebastian Schindegger und Steffen Link: Wer einen Cryo-Schlafplatz kauft, … Bild: ©Susanne Einzenberger

Sebastian Schindegger. Bild: ©Susanne Einzenberger

… endet in einer grindigen Fleischhauerei: Sebastian Schindegger. Bild: ©Susanne Einzenberger

Draußen, also im Kopfhörer, Geschrei und Sirenen, „Des solltma verfilmen“, flüstert ein Wanderkamerad ins nebelige Halbdunkel, und somit kein Wunder, dass während rundum übers Theater-Desinteresse eines jüngeren Publikums gejammert wird, das Schauspielhaus sich diesbezüglich kaum beschweren kann – siehe auch „Cellar Door“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18916).

Wie’s ausgeht? Ehrlich jetzt? Das liegt bei progressiven Theatermachern wie Tomas Schweigen doch immer beim Betrachter. Mit Gruselspaß und Abenteuergänsehaut halt. Außerdem ist in Wien irgendwann Sperrstund‘. Mehr gibt’s nicht zu sagen. Mehr hat anscheinend auch keiner zu sagen. Dabei hätt‘ man durchaus mehr vertragen. Daran kränkelt die Arbeit von Köck und Schweigen nämlich, dass man immer denken muss, da wäre noch was Größeres drin gewesen, eine Explosion statt dieses Interruptus. Nur Mut, euer Publikum hält was aus! Das Tannhäuser Tor steht uns offen! Max Winter bespielsweise, der vom Austrofaschismus verbotene Journalist und Sozialreformer hat eine Reportage über die Strotter verfasst, „Ein Strottgang durch Wiener Kanäle“, in der er beschreibt, wie gesellschaftliche Randexistenzen ihr unteriridisches Leben fristen müssen. Darüber könnte man mal einen Theaterabend machen. Das wäre hochaktuell, von wegen working poor und der sich immer schneller ausbreitenden Armut in Österreich. Ah so, sein Vereintes-Europa-Roman „Die lebende Mumie“, der war … auch? Wirklich? Wo? Wie auch immer: We’ll be back.

www.schauspielhaus.at

Wien, 7. 5. 2016