Theater in der Josefstadt: Der Gott des Gemetzels

Mai 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschlechterkampf und Ehekriege

Das Handy ist hin, die Männer föhnen, die Frauen jubeln: Judith Rosmair, Susa Meyer, Michael Dangl und Marcus Bluhm. Bild: Moritz Schell

Wie über den Kokoschka-Katalog gekotzt wird, und warum das Handy in der Tulpenvase landet, man hat das alles schon gesehen. Ein mitwisserisches Publikum amüsiert sich prächtig, ein Kichern schon, bevor die Pointe losbricht – Yasmina Rezas böse, kleine Komödie „Der Gott des Gemetzels“ ist in der Regie von Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt angekommen.

Diesmal sind es Susa Meyer und Michael Dangl, die als Ehepaar Reille die Eltern Houillé, Judith Rosmair und Marcus Bluhm, besuchen, um Abbitte zu leisten. Ersterer Sohn Ferdinand hat der Zweiteren Sprössling Bruno im Park zwei Zähne ausgeschlagen, die Erwachsenen treffen sich in der Wohnung des „Opfers“ zu Friedensverhandlungen. Der Akt kindlicher Aggression wird zum Auslöser für alles Weitere. Denn Reza zeigt mit ihrem satirischen Kammerspiel auf, wie dünn der Firnis der Zivilisiertheit ist. Man hört im Stück regelrecht, wie er aufblättert und absplittert, geht’s noch los mit Begrifflich-, landet man bald bei Handgreiflichkeiten, und Fischer hat diese Einrisse genüsslich, die Situationskomik unter dezentem Einsatz von groteskem Slapstick inszeniert.

Finstere Seiten kommen ans Licht. Michael Dangl gibt den Rechtsanwalt Alain ruppig-blasiert, wenig interessiert er sich für Familienangelegenheiten, wenn’s für ihn doch gerade darum geht, einen verbrecherischen Pharmakonzern aus der Bredouille zu befreien. Er ist ein cooler Krieger in der Welt der großen Geschäfte, der mitten auf dem Schlachtfeld den Kuchen der Feinde mampft, sich in deren Bad sogar duscht und ab und an sein verächtlich grunzendes Lachen hören lässt.

Marcus Bluhm – er ist ab kommender Spielzeit als fixes Ensemblemitglied am Haus engagiert – hat als cholerisch-kumpelhafter Haushaltswarenhändler Michel wiederum den geliebten Hamster der Tochter „abgeschafft“, weil ihm vor den possierlichen Nagetieren graust. Rosmairs politisch korrekte Schriftstellerin Véronique trifft auf Meyers desillusionierte Vermögensberaterin Annette, Mittelklasse auf Upper Class, und wie immer bei Reza wirkt Alkohol als Katalysator, um den Motor auf Touren zu bringen und im Idealfall sogar zu überdrehen.

Ein solcher ist in der Josefstadt jedenfalls gegeben. Vier großartige Schauspieler stehen einander mit ihrem wohldosierten Komödiantentum gegenüber, blitzschnell erfolgen die Wechsel vom Geschlechterkampf zu den jeweiligen Ehekriegen, die Bündnispartner verraten einander für einen Witz, die Männer träumen Bubenfantasien, die die Frauen naturgemäß nur belächeln können, doch brechen die Koalitionen in Sekunden und es beginnt die paarweise Zerfleischung. Dann wieder ein provisorischer Boden über dem Abgrund: Smalltalk, Schöntun, ein Seien-doch-wenigstens-wir-vernünftig.

Vor allem Susa Meyer beherrscht die Kunst zwischen diesen Aggregatzuständen zu wechseln. Und auch Judith Rosmair changiert als Véronique zwischen bemühter Toleranz und allmächtiger Verachtung, wunderbar die Momente, in denen sie aus dem Weltverbesserungsmodus entgleist. An der Josefstadt zeigt sich „Der Gott des Gemetzels“ einmal mehr als Klassiker des gehobenen Boulevards, ein Abend zum Immer-wieder-gern-Sehen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=6&v=KQbOu5gdhtE

www.josefstadt.org

  1. 5. 2018

Regisseur Michael Sturminger im Gespräch

Mai 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei Juni-Premieren in Perchtoldsdorf, danach ein neues Musiktheaterprojekt mit John Malkovich

Ein Sommernachtstraum: Andreas Patton verwandelt sich in Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Ein Sommernachtstraum: Andreas Patton verwandelt sich in Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

40 Jahre Sommerspiele Perchtoldsdorf, das ist ein guter Grund das Theater zu feiern. Intendant Michael Sturminger inszeniert zu diesem Anlass Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. Doch bevor der Komödienklassiker ab 29. Juni im neu gestalteten Burghof aufgeführt werden wird, zeigt der Regisseur als Gastspiel seine Arbeit vom Stadttheater Klagenfurt: „Der Gott des Gemetzels“ mit seinem späteren „Oberon“ Andreas Patton und Burgschauspielerin Sabine Haupt. Premiere dieser Produktion ist bereits am 13. Juni im Neuen Burgsaal. Ein Gespräch über den Geschlechterkrieg oben und unten, Geld und die Gunst des Publikums, und ein neues, Sturmingers viertes Projekt mit Schauspielstar John Malkovich: „Call me God“ – der Monolog eines abtretenden Diktators:

MM: 40 Jahre Sommerspiele Perchtoldsdorf, das dritte Jahr der Intendanz Michael Sturminger. Was haben Sie bisher gelernt?

Michael Sturminger: Dass man wenig Spielraum hat und viel Geld verdienen muss. Die Subventionen sind knapp, und im Vergleich zu 2001, wo ich das erste Mal in Perchtoldsdorf inszeniert habe, nicht einmal mehr die Hälfte wert. Damals haben wir richtig gute Gagen zahlen können, jetzt müssen wir mehr als 50 Prozent erwirtschaften und haben eine Gemeinde, die sehr streng schaut, dass wir keinen Groschen zu viel ausgeben. Es gibt viele, die uns begeistert unterstützen, aber auch solche mit dem Was-brauch‘-ma-des-Gesicht, zwei Parteien also, und wir brauchen tatsächlich auch Unterstützung von außen, damit den Perchtoldsdorfern klar wird, dass sie da eine Institution haben.

MM: Sie kommen in Europa viel herum. Ist dieses Herabschauen auf den hauseigenen Kulturbetrieb nicht eine generelle Tendenz?

Sturminger: Ja, das hat für mich in Italien begonnen, wo der Berlusconismus befunden hat, dass er Theater nicht mehr braucht. Bei uns beginnt das alles erst. Denn niemand in der Politik lebt mehr vor, dass Theater etwas wert ist, dass Theater Werte vermittelt. Man muss doch vor allem jungen Leuten erklären, dass Theater nicht etwas ist, das man macht, wie die dritte Urlaubsreise im Jahr, wenn sich’s mit dem Geld ausgeht, gut, wenn nicht, dann eben nicht. Sondern, dass Theater den Mensch zum Menschen macht. Weil es ihn zwingt, sich mit Verstand und Gefühl Themen auszusetzen, das persönliche Spektrum zu erweitern, neue Dinge kennenzulernen. Theater ist ein Kennenlernen der Welt. Wenn das zur Disposition steht, verlieren wir alles, was unser Zusammenleben ausmacht und werden engstirnig und intolerant.

MM: Wie hoch ist Ihr Budget?

Sturminger: Alles in allem 575.000 Euro. Das klingt nicht schlecht, aber wenn man die Kosten für die Bühne bedenkt, die Anmietung der Tribüne, mehr als die Hälfte der Ausgaben sind Steuern … da bleibt für Schauspielergehälter nicht viel übrig. Dabei hatten wir vergangenes Jahr beinah 10.000 Zuschauer.

MM: Darunter auch sehr viele junge. Überall wird bejammert, dass man junge Leute nicht ins Theater bringt, Sie haben gegen diesen Trend ein Projekt ins Leben gerufen: Theater macht Schule.

Sturminger: Man muss die jungen Leute informieren, aber auch hören, und das tun wir. Wir laden sie zu den Proben ein, bieten eine Werkeinführung, und lassen dabei aber die Jugendlichen zu Wort kommen. Wir machen auch Einführungen für alle vor der Vorstellung, da waren vergangenes Jahr jeden Abend mehr als 150 Leute, also ein Viertel unseres Publikums. Wir gestalten dicke Programmhefte, weil wir Streber sind, und den Zuschauern vermitteln wollen, was wir nicht alles wissen, und die kommen so gut an, dass wir sie vergangenes Jahr nach zweieinhalb Wochen nachdrucken mussten. Das alles funktioniert, weil wir total auf die Leute zugehen. Hoffentlich kriegen wir so ein Stammpublikum zusammen. Wenn ich denke, welch tolle Schauspieler hier einmal begonnen haben, Gerti Drassl, Franziska Hackl, Gregor Bloéb …  ich wünsche mir ein Theaterpublikum, das in zehn Jahren irgendwo in einer österreichischen Bühne sitzt, einen Star sieht und sagt: Jesses, kannst dich erinnern, wie der in Perchtoldsdorf angefangen hat.

Der Gott des Gemetzels: Andreas Patton, Franziska Hackl, Sabine Haupt und Roman Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Der Gott des Gemetzels: Andreas Patton, Franziska Hackl, Sabine Haupt und Roman Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Gastspiel im Neuen Burgsaal: Patton, Haupt und Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Erstmals ein Gastspiel im Neuen Burgsaal: Patton, Haupt und Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

MM: Damit zu den diesjährigen Aufführungen: Zum ersten Mal gibt es heuer eine eigenständige Produktion im Neuen Burgsaal: „Der Gott des Gemetzels“ mit Andreas Patton, Sabine Haupt, Franziska Hackl und Roman Blumenschein. An drei Terminen ab 13. Juni.

Sturminger: Das ist eine Produktion vom Stadttheater Klagenfurt, wir könnten uns eine eigene ja gar nicht leisten, dafür habe ich kein Budget mehr. Die Aufführung ist fantastisch, hat auch sehr gute Kritiken und vier tolle Schauspieler, deshalb traue ich mich das im Jubiläumsjahr. Florian Scholz und das Stadttheater Klagenfurt sind uns gegenüber sehr großzügig. Wenn wir etwas Gewinn machen sollten, kriegen sie auch was ab, wenn nicht …

MM: Geschlechterkampf oben und unten – war das eine programmatische Überlegung?

Sturminger: Jetzt, wo Sie’s sagen (er lacht) … nein … ich hatte einfach diese sehr schöne Produktion, als ich das geplant habe, wusste ich vom „Sommernachtstraum“ noch nichts. Ich mag diese Inszenierung einfach so gern, dass ich sie dem Perchtoldsdorfer Publikum zeigen wollte. Nun passt es natürlich ausgezeichnet, der Ehekrieg auf allen Spielplätzen.

MM: Denn am 29. Juni folgt „Ein Sommernachtstraum“ nach dem „Sturm“ 2015. Wird das eine Shakespeare-Pflege oder ist es Zufall?

Sturminger: Naja, zu 40 Jahren Sommerspiele dachte ich, ich will ein Stück über Theater-auf-dem-Theater machen. Ich wollte heuer auch wieder einen populären Titel, vielleicht können wir uns dann kommendes Jahr was trauen.

MM: Die Bühnenlösung wird neu sein? Die ersten Bilder schauen sehr unkonventionell aus.

Sturminger: Das Publikum sitzt heuer im Kreis um die Bühne, im Hintergrund bleibt die Burgruine. Ich will zeigen, wie man ins Theater immer mehr hineinstolpert. Wenn der Abend beginnt, sind wir alle noch bei Sinnen, wenn der Abend endet, haben wir die Normalität, die Rationalität verlassen, haben Dinge erlebt, die wir so nicht erwartet haben, die uns aus dem Tritt bringen, aber hoffentlich als Menschen kompletter machen. Ich will ja jetzt gar nicht so viel verraten, aber wir fangen an, wie Besucher der Sommerspiele und casten uns ein Ensemble zusammen. Das Ensemble verführt die Zuschauer mitten hinein in die Zauberwelt des Theaters, es nimmt sie mit auf eine Reise, das ist der Plan.

MM: Aber was wollen Sie erzählen? Den „Sommernachtstraum“ hat jeder x-Mal gesehen. Was daran ist wichtig?

Sturminger: Wir wollen Mut machen, sich als ganzer Mensch zu begreifen, und Begrenzungen nicht zu ernst zu nehmen, ich glaube, es ist das, was Shakespeare erzählen will. Es geht um Perspektivenänderung. Sich finden, indem man sich selbst verliert. Im Kern des Stücks sind die Schauspieler, und die sind wir, und sie werden uns über 400 Jahre Menschsein und dass sich daran nichts geändert hat, erzählen. Und wir wollen natürlich gemeinsam ein Fest feiern, darum geht’s ja auch im „Sommernachtstraum“, um ein Hochzeitsfest. Das Stück ist ein Hoch-Leben-Lassen des Theaters – und daher für ein Jubiläum so geeignet.

Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Theater macht Schule: Das Ensemble geht mit dem jungen Publikum in Tuchfühlung. Bild: Lalo Jodlbauer

Theater macht Schule: Das Ensemble geht mit dem jungen Publikum in Tuchfühlung. Bild: Lalo Jodlbauer

Schauspieler und Musikant: Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

MM: Sie haben sich wieder ein feines Ensemble zusammengestellt. Wie versammeln Sie Ihre Truppe um sich?

Sturminger: Es sind einige, die schon vergangenes Jahr dabei waren, und einige, die ich noch nicht kenne, diese Challenge brauche ich. Ich suche für jeden eine Rolle, mit der er gefordert ist, damit sich alle drauf freuen. Andreas Patton und Veronika Glatzner spielen Oberon und Titania beziehungsweise Theseus und Hippolyta, die Handwerker sind Nikolaus Barton, Markus Kofler und Raphael Nicholas, der natürlich Akkordeon spielen wird. Markus Kofler als Squenz ist sozusagen unser „Regisseur“, der auch für das Fest verantwortlich ist. Bei den jungen Schauspielern habe ich lange gesucht, mich jetzt für Jan Hutter, Julia Richter, Sophie Aujesky und Benjamin Vanyek entschieden. Ich habe versucht, vier Leute zu finden, die nicht so typische junge Schauspieler sind, sondern „Typen“, ein wenig seltsam, ein wenig spleenig. Ich finde das sehr förderlich für junge Schauspieler, wenn sie nicht der kleinste gemeinsame Nenner von allem sind, sondern etwas besonderes.

MM: Das ist sicher einer der Vorzüge von Sommertheater, dass man sich sein Team selbst zusammenstellen kann, und nicht wie beim Stadttheater aus dem bestehenden Ensemble zu wählen hat.

Sturminger: Ja, und auch das Team liebt das, einmal in ganz neuen Konstellationen arbeiten zu dürfen. Da ist niemand dabei, weil er muss, weil er vor 19 Jahren unvorsichtigerweise einen Ensemblevertrag unterschrieben hat, da ist jeder dabei, weil er will. Das schweißt unglaublich zusammen. Alle sind mit großer Begeisterung und irrsinnig kollegial bei der Sache.

MM: Sie planen außerdem nach „The Infernal Comedy“ und „The Giacomo Variations“ ein neues Projekt mit John Malkovich?

Sturminger: Es heißt „Call me God“, was angeblich ein Zitat von Idi Amin ist, der auf die Frage, wie man ihn denn ansprechen soll, sagte: Just call me God. Wir zeigen es nächstes Jahr beim Eröffnungsfestival der Hamburger Elbphilharmonie, dann kommt’s nach Wien, Luxemburg, Amsterdam, und so weiter. Es ist ein Stück, das einen abtretenden Diktator porträtiert, und es kombiniert Schauspiel, mit dem großen Instrument der Macht, der Orgel.

MM: Womit dann der Dritte im Bunde, Martin Haselböck, ins Spiel kommt.

Sturminger: Genau, beim dritten Teil der Trilogie haben wir diesmal kein Orchester, sondern Martin Haselböck an der Orgel. Das Textbuch ist wieder von mir, wobei, die letzte Szene fehlt mir noch. Ich wollte das schon lang machen, vor drei Jahren, aber dann kam uns der Casanova-Film dazwischen (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=13305)

MM: Malkovich und Sie, das wird eine Liebe fürs Leben …

Sturminger: Wir haben eine echte Arbeitsliebe. Ich habe ihm gesagt, er soll sich gut überlegen, ob er das machen will, denn wir hatten unzählige Vorstellungen mit den anderen beiden Stücken, rund um den Globus, und wir werden diesen Sommer auch wieder nach Kanada und in die USA fahren, aber er sagte. Ja, ja, ja. Also machen wir’s.

MM: Fehlt nur noch Malkovich in Perchtoldsdorf.

Sturminger: Vielleicht bringe ich ihn als Gast zur Premiere. Wir werden sehen, ob wir das schaffen.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.sturminger.com

Wien, 18. 5. 2016

Akademietheater: Bella Figura

April 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Unterhaltungswert der Langeweile

Der Abend gestaltet sich zäh: Sylvie Rohrer, Joachim Meyerhoff, Caroline Peters, Kirsten Dene und Roland Koch Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Der Abend gestaltet sich zäh: Sylvie Rohrer, Joachim Meyerhoff, Caroline Peters, Kirsten Dene und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Es ist schon so. Wenn sich alle ein wenig mehr angestrengt hätten, hätte das eine runde Sache werden können. Eine berührende Tragikomödie, und das wäre aus der Feder der Yasmina Reza schon was gewesen. Doch der Ansatz verreckt im Ansatz. Dieter Giesing hat am Akademietheater „Bella Figura“ inszeniert, zweifellos eines der schwächeren Stücke der Erfolgsautorin.

Was weniger daran liegt, dass sie einmal mehr more of the same serviert, das war ja abzusehen, sondern daran, dass sich dieses same nicht entwickelt. Die Exposition ist gleichsam der Handlungshöhepunkt, danach herrscht Stillstand. Der Welt größte Dramatikerin hat sich diesmal zu sehr auf die Kraft ihrer geschliffen witzigen Dialoge verlassen, und in diesem Sinne ist der Abend doppelt zum Lachen, weil sich trotz der üblichen Perlenreihenkette an Bonmots die Langeweile ausbreitet. Über deren Unterhaltungswert kann man geteilter Meinung sein.

Der Plot ist schnell erzählt. Zwei Seitenspringer rasen im gelben Sportwagen an: Andrea ist alleinerziehende Apotheken-Assistentin mit mittelschwerer Medikamentensucht und einem gerüttelt Maß an Maßlosigkeit, sobald Champagner perlt. Boris kämpft mit Firmenbankrott und Prozesswelle und will dieses Leid durch die Lust einer verbotenen Nacht lindern. Doch vorm Nobelrestaurant fährt er eine ältere Dame über den Haufen. Nix passiert, aber Aufregung. Der Sohn und dessen Lebensgefährtin rauschen an – und sie ist just die beste Freundin von Boris‘ Ehefrau. Der Rest ist Raus- und Rumreden. Mit jeder Sekunde schwindet die Hoffnung auf einen gepflegten Infight der Reza-Bourgeoisie, auf deren kuriose gegenseitige Ausbremsmanöver und ihre bekannt zielsichere Eskalationsdramaturgie mit den bekannt routinierten Tempiwechseln. Giesing setzt nicht mehr und nicht weniger in Szene, als die vorgegebenen dramaturgischen Anweisungen, als wäre seine Arbeit ein Klon der Schaubühnen-Ostermeier-Produktion aus dem Vorjahr – ein Regiereinfall.

Reza selbst setzt diesmal weniger auf skurrilen Krawall und lautstarkes Gedöns, als man’s von ihr sonst kennt, aber sie kann ihre diesbezüglichen Ideen nicht ausführen. Ein Beispiel: Die überrollte Yvonne, angelegt als verdrehte Alte vom Dienst, führt auch ein geheimes Alzheimer-Tagebuch, das zufällig von Andrea geborgen wird. Was hätte sich daraus entwickelt können an zart versteckter Verzweiflung, ein liebevoller Kommentar über das Menschsein und die damit verbundenen Sehnsüchte, über Werden, Wollen und Nicht-Vergehen-Wollen. Doch Reza lässt das Notizheftchen in die Restauranttoilette plumpsen, wohin sich Andrea und Boris zwecks Sex zurückgezogen haben. Beide begrinsen die unzusammenhängenden Einträge und geben ihr feuchtes Fundstück der Besitzerin zurück. Aus. Eine Enttäuschung.

Schon fließen die Nerventropfen: Joachim Meyerhoff und Caroline Peters Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Schon fließen die Nerventropfen: Joachim Meyerhoff und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Auch die Schauspieler machen nicht durchgängig gute Figur. Man hat sich zwar auf die gedrosselte Temperatur eingelassen, doch mit dem sinkenden darstellerischen Thermometer das für den Reza-Boulevard überlebensnotwendige Temperament eingebüßt. Die Bühne ist wie ein Kaltblüterterrarium kurz vor dem Winterkoma. Die Pointe bewegt sich träge vorwärts und, ja, werte Zuschauer, da kommt sie und trifft und sitzt und … uff … erledigt. Mitunter beschleicht einen das Gefühl, man befinde sich in einem Ibsen. Wobei das völlig falsch ist, weil man auf psychologische Feineinstellungen und ausgefeilte taktische Manöver im Geschlechtergrabenkampf vergeblich wartet.

Joachim Meyerhoff gibt den Boris, doch hat sich ihm die wie auch immer geartete „Sexyness“ eines Verkäufers von Veranden mit Seitenwänden nicht erschlossen. Der begnadete Mime hat sich am alterwürdigen Burgtheatervirus angesteckt, es ist mittlerweile wurst, ob er „Ist ein Arzt anwesend?“ nachfragt oder aus einem seiner Bücher vorträgt, er findet für alles Gesagte nur noch genau eine Tonlage. Ach, diese entsetzliche Lücke, auch wenn die militanten Verehrerinnen jetzt eine Fatwa verhängen, wahr muss wahr bleiben: Da ist einer von seiner eigenen Virtuosität besoffen. Joachim Meyerhoff spielt derzeit Joachim Meyerhoff wie er Joachim Meyerhoff spielt. Man glaubt ihm weder blankliegende Nerven noch andere Neurosen.

Caroline Peters hat als Andrea eigentlich den besten Part, das vulgäre Kontrastmittel zum dekadent Meeresfrüchte schmausenden Mittelstand, die einkommensschwache Guerrillera mit dem Herzen am rechten Fleck, und das gelingt ihr auch gut, dieser aufreizende Sarkasmus im Gegenteil zum selbstmitleidigen Mann. Doch, dass da auch eine Mutter ist, die ein Tränen trocknendes Telefonat mit ihrer Tochter führt, deren Teddy in der Waschmaschine ein Beinchen eingebüsst hat, verliert sich zwischen Gags um Schlampenkleidchen und Insektensprays. Trotzdem ist die Peters mit ihrem Gegeneinander-Ausspiel eine der Erfreulichkeiten des Abends.

Kirsten Denes Yvonne ist eine Kautzin, betulich nervig und tendenziell dement, doch versteht sie mehr, als die meisten ihr zutrauen wollen. Mit kleinen Spitzen und staubtrocken vorgetragenen Frechheiten würzt sie das Geschehen. „Ich ertappe mich oft dabei, dass ich so tue, als sei alles friedlich“, sagt sie neckisch ins Streitgespräch der anderen. Oder „Irgendwo lauert immer ein Happy End“, dies der Silberstreif fürs Publikum. Die Dene turnt mit alterskomödiantischer Leichtigkeit über die ihrer Rolle zugeschriebenen Peinlichkeiten hinweg, sie hat sich eine Kunstfigur geschaffen, die jeden Satz mit viel „Huch!“ und „Hach!“ seinem Ende entgegenschraubt. Das heißt: in lichte Höhen schraubt, denn alles Gesagte endet eine Oktave höher als begonnen und damit gleichsam als sei’s eigentlich eine Frage. Über Gott und die Welt und die Menschen darin. Welch eine Performance. Kirsten Dene zeigt märchenhaft schön, wie man Stroh zu Gold spinnen kann.

Das Alzheimer-Notizbuch ist in die Toilette gefallen: Caroline Peters, Kirsten Dene, Roland Koch und Joachim Meyerhoff Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Das Alzheimer-Notizbuch ist in die Toilette gefallen: Caroline Peters, Kirsten Dene, Roland Koch und Joachim Meyerhoff. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sylvie Rohrer ist, als bessere Hälfte der biederen Paarung Françoise und Eric, dagegen seltsam inexistent. Ohne die Ausrede gelten zu lassen, dass ihre Rolle die konturloseste ist, hätte man von ihr mehr erwartet.

Mehr Widerstand, mehr Aufbegehren, mehr Emanzipation, eine Entwicklung dieses erst mutlosen Moralapostels. Doch auch ihre Françoise wurde von ihrer Schöpferin im Stich gelassen: an der einen Stelle, als sich die Frauen allein und unter zunehmendem Alkoholeinfluss, dieses ja das Reza-Motiv, an der Bar sammeln, und man denkt, Andrea setzt ihr nun den Kopf zurecht und Françoise erkennt die Vergeblichkeiten in ihrer vergeudeten Existenz – nichts. Und wieder nichts.

Der Typ gegen den sich Françoise endlich durchsetzen sollte, ist Eric. Und Roland Koch erweist sich einmal mehr als Ausnahmeschauspieler. Kaum einer ist im Burgensemble dieser Tage wandlungsfähiger als er. Er schlüpft, was prinzipiell Grundvoraussetzung wäre, für jede neue Aufgabe in eine neue Haut. Diesmal in die eines selbstgefälligen Klugschwätzers und obergescheiten Muttersöhnchens, das ist brillant und heiter anzuschauen, wie Koch aus der Zuschreibung der immer wieder Stecken-im-A**llerwertesten-Charaktere das Maximum herausholt. Wie er mit Andrea flirtet und bei Auftritt Françoise den Rückwärtsgang einlegt, wie er herumquängelt, weil keiner die sündteure Schneckenplatte aufessen mag, hat schließlich alles Geld, sein Geld gekostet, das ist der Kleingeistbürger, wie man ihn kennt und nicht liebt.

Ansonsten lotet Stéphane Laimé die Abgründe, die sich hier auftun hätten können, am besten aus. Sein hyperrealistisches Bühnenbild besticht mit einem Beinahe-echt-Aquarium und einem Beinahe-echt-Feuerwerk, und zeigt als letztes, als Boris das Wasser endgültig bis zum Hals steht, den Himmel in Unterwasserstimmung. Ein magischer Moment an einem geheimnislosen Abend, an dessen Ausgang man sich bereits beim Ausgang nicht mehr erinnern kann. Nur eines ist sicher: Das waren die längsten 90 Minuten dieser bisherigen Theatersaison.

www.burgtheater.at

Wien, 14. 4. 2016

Volkstheater: Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“

Oktober 3, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fabelhaftes Fremdschämen

Dominik Warta, Günther Wiederschwinger, Anja Herden, Birgit Stöger Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dominik Warta, Günther Wiederschwinger, Anja Herden, Birgit Stöger
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Inszenierung beginnt im Foyer. Mit Büchertisch und Hinweis auf eine Signierstunde mit Nathalie Oppenheim und ihrem preisgekrönten Roman „Das Land des Überdrusses“. Das Volkstheater beginnt seine Bezirkstour, neu ist der Premierenort Volx/Margareten, der endlich einer Bestimmung zugeführt ist und mit dem Theaterzauber seiner hinreißenden Abgefucktheit glänzt, mit der österreichischen Erstaufführung von Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“.

Eine weitere sprachspielerische pièce bien faite der Erfolgsautorin, die um eine Leerstelle kreist. Diesmal ist es kein weißes Bild und keine Knabenprügelei, sondern ein Literaturabend. Die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin Nathalie Oppenheim lässt sich zu einer Lesung samt Diskussion hinsinken. Aus diesem Auftritt im Licht einer provinziellen Scheinöffentlichkeit wird eine dramatische Situation, wird die komische Situation. Der Reza-Faktor errechnet sich bekanntlich aus der Gleichung Unsympath plus Alkohol ist gleich Eskalation. 

Wobei Regisseur Sebastian Kreyer diese Klausel elegant aushebelt. Er macht aus dem Stück Boulevard eine melancholische Komödie. Viel spielt sich in Zwischentönen ab, viel ausschließlich mimisch. Rezas Schablonen entwickelt Kreyer zu fein ziselierten Figuren, die an den emotionalen Kampfschauplätzen gegen einander antreten. Die darstellerische Turbotaste wird auch, aber nur selten gedrückt. Spannend ist, dass man keinen der Charaktere wirklich leiden mag. Andererseits ist jeder ihrer Standpunkte nachvollziehbar. Es macht den Reiz dieses Abends aus, dass man gedanklich mal auf der einen, dann auf der anderen Seite steht. Bis am Ende die eine Lichtgestalt enttarnt ist.

Mit Witz und Charme geht Anja Herden an die Nathalie heran. Sie spielt die Verweigerung einer Künstlerin, die ihr Werk nicht mit ihrem Wesen verglichen haben will. Sie spielt die Frage: Wie sehr darf man sich allein gehören? Die medial durchleuchtete Menschheit opfert ihre Privatheit auf dem Altar des Like-Fäustchens – was, wenn man einer Widerständlerin begegnet? Nathalie wird von Bibliothekar Roland eingeladen; die Literaturkritikerin Rosanna soll mit ihr ein Interview führen. Dominik Warta und Birgit Stöger vertreten die beiden Reza-Prinzipien der Annäherung: Man kann nur Hofnarr oder Henker des Künstlers sein. Man kann der Autorin entweder in den A**llerwertesten treten oder kriechen. Zu schreiben, Yasmina Reza hätte sich in ihrer Protagonistin …, geht nicht bei einem Stoff, der gerade um dieses Thema kreist. Jedenfalls meidet auch Reza, den Kopf durch die Allerweltstür zu stecken. Nathalie hingegen wirft sich der Meute gleichsam zum Fraß vor. Matrjoschka-ähnlich geht es um eine Schriftstellerin, die einen Roman über eine Schriftstellerin schreibt, deren Buch „Ihre Version des Spiels“ heißt.

Was Wunder also, dass Stögers Rosanna gleich in den Anekdoteninfight geht. Mit ihrem Auftritt, wie sie her-vor-rag-end sagt, ist klar, dass der Hühnerkampf begonnen hat. Rosanna macht auf unangenehm investigativ. Ihr haben schließlich schon größere kein Interview gegeben. Frau ist ja Fachfrau. Wunderbar, wie die Klugschwätzerin haarscharf an den Antworten ihrer Gesprächspartnerin vorbeifragt, und dabei mit strengem Blick durch die rote Brille das Einverständnis des Publikums einholen will. Je insistierender, je süffisanter, bald zynischer Nathalie. Die Versuche, die Sache mit Humor zu nehmen, werden krampfhafter. Sie zupft an ihrem engen Kleid. Augen rollen. Herdens Contenance leidet zunehmend an Gesichtsmuskelzerrung. Peinlich, wenn auf der Bühne über, statt mit einem gesprochen wird. Wenn eine andere einem sagt, wie man eigentlich ist. Und doch versteht man auch Rosanna. Nichts ist mühsamer, als wenn der Künstler den Mund nicht aufkriegt. Sich in den Nimbus der Unnahbarkeit einwebt. Ihr Satz, Nathalie glaube wohl ihre Bücher verkauften sich ohne dafür zu werben, hat etwas sehr Wahres. Ihre Getroffenheit, wenn Nathalie eine Textstelle über eine Mutter im Altersheim liest, macht deutlich, dass auch Rosanna eine Geschichte jenseits ihrer professionellen Schroffheit hat.

Fabelhaft zum Fremdschämen ist Dominik Wartas Roland, fabelhaft, wie er das Interview erden, während Rosanna damit abheben will. Ein Laiendichter, der die Profiautorin gleich mit seinem Werk überfährt. Ein sich selbstbeweihräuchernder Ver-Sprecher. Ein Schleimer und Schmeichler, man möchte sich unterm Sitz verkriechen. Warta ist auch ein wenig stummfilmhafter Slapstick gegönnt. Doch wie seine Mitstreiter stellt er das Komische seiner Figur niemals vordergründig komisch dar. Darin liegt das Komödiantische dieser Arbeit. Alle sind cool. Dieser Humor steigt einem ins Hirn und brennt dort wie zu schnell gegessenes Eis. Letztlich ist Roland inmitten der Eitelkeit der beiden Frauen ein Seelchen; er wird den zwischenmenschlichen Triumph davontragen. Seine Gedichte sind tatsächlich anrührend … Bleibt Günther Wiederschwinger als Bürgermeister. Das dritte Tierchen, ein echter Auskenner, der der Autorin im Augenblick mitteilt, dass er ihr Buch verstanden hat. Wenn Lächeln reden könnte. Wiederschwinger als der Typ Politiker, der Kultur zur Imagepolitur verwendet, rundet das Quartett ab. Und eilt als erster ins Foyer zurück, um Gilbert Bécauds „Nathalie!“ zu singen.

Ein gelungener Auftakt für das Volkstheater in den Bezirken. Einer, der Lust auf mehr macht. Intendantin Anna Badora setzt hier auf ein ambitioniertes Programm. Es folgen Uraufführungen: Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“, Pia Hierzeggers „Die Fleischhauer von Wien“ und Thomas Glavinics erstes echtes Theaterstück „Mugshot“.

www.volkstheater.at

Noch ein Autor in Nöten: www.mottingers-meinung.at/?p=14443

Wien, 3. 10. 2015

Kammerspiele: KUNST

Februar 21, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein flotter Dreier

Martin Zauner (Yvan), Herbert Föttinger (Serge), André Pohl (Marc) Bild: © Erich Reismann

Martin Zauner (Yvan), Herbert Föttinger (Serge), André Pohl (Marc)
Bild: © Erich Reismann

André Pohl, Herbert Föttinger und Martin Zauner machen „KUNST“. Das haben sie vor 18 Jahren schon einmal gemacht. Nun spielt die Originalbesetzung der österreichischen Erstaufführung erneut Yasmina Rezas Stück, und, kam das Trio damals auf hundert heftig beklatschte Vorstellungen, braucht man nicht zu orakeln, um festzuhalten: Es könnten diesmal noch mehr werden. Das Premierenpublikum in den Kammerspielen war nämlich höchst entzückt. Zu Recht. Denn nicht nur, dass Rezas Text nichts an Witz und Charme eingebüßt hat, sind die Darsteller sogar noch besser, noch prägnanter geworden. Gereift wie der edle Wein, den Serge seinen Gästen kredenzt. In „KUNST“ geht es zumindest vordergründig um ebendiese. Serge, Dermatologe der High Snobiety, hat sich ein sündteures, monochromes Bild gekauft. Weiß mit weißen Streifen. Diese „Scheiße“ kann ihm sein Kumpel Marc, der Misanthrop, nicht durchgehen lassen. Es gibt Streit. In dem Papierwarenverkäufer Yvan, wie immer um Ausgleich zwischen den Parteien bemüht, zu vermitteln versucht. Und schon steht eine lebenslange Freundschaft auf dem Prüfstand. Wegen nichts. Oder?

Pohl ist ein herrlicher Marc. Ein Wahrheitsfanatiker, der höflich sein will, aber es trotz allem Sich-auf-die-Zunge-Beißens nicht kann. Pohl changiert zwischen zynisch und süffisant, zwischen spöttelnd und überheblich. Und ist eigentlich doch nur in Sorge um Serge, mit dem er glaubt nicht mehr Lachen zu können. Den Serge gibt Föttinger, beruflich ein Macher, wie es schon sein Tonfall ausweist, ein Liebender, wenn es um Bilder geht, bald ein gekränkter Unverstandener. Die Sorge ums Lachen gibt er an Marc zurück, wie sich überhaupt die beiden Charaktere in ihrer Verschiedenheit allzu ähnlich sind. Mit heiligem Eifer versuchen Pohl und Föttinger den jeweils anderen von ihren Ausschauungen zu überzeugen. Das endet naturgemäß im seelischen und körperlichen Infight – köstlich: Föttinger und Pohl in der denkbar ungeschicktesten Rangelei, so patschert werden wohl nur zwei Akademiker handgreiflich. Das muss naturgemäß explodieren, sobald die Debatte persönlich wird. Denn freilich ist das Gemälde bald nur noch Ablenkung von den wirklich wichtigen Themen. Es geht um Tieferliegendes, um die Frage nach dem Bestand von Freundschaft, um die Frage ob und was man dem anderen zu noch zu sagen hat nach all den Jahren. In diesem Sinne ist „KUNST“ auch eine Liebesgeschichte. Einerseits der drei Männer untereinander (ausgedrückt etwa in einer kleinen Geste, in der Föttinger ausgespuckte Olivenkerne der anderen mangels Tellerchen einfach in die Hand nimmt), andererseits erfährt man in ihren Emotionsausbrüchen, was in den Jahrzehnten dazwischen lag. Von Hochzeiten  bis Scheidungen. Föttinger versteht es, einen anzurühren. Fast möchte man zu ihm sagen: Alles wird wieder gut.

In den Mittelpunkt des Abends spielt sich allerdings Martin Zauner als Yvan. Zauner ist der König der Tragikomiker. Wahrhaftig ein trauriger Clown, sympathisch-zerstreut. Geil darauf, das Streitobjekt, das Bild zu sehen, dennoch eingeklemmt zwischen den Positionen. Wie ein Kind zwischen Vater und Mutter wird Yvan zwischen Marc und Serge hin- und hergeschickt, um sich die Erlaubnis für seinen nächsten Satz abzuholen. Doch er emanzipiert sich in diesem flotten Dreier. Kein Wunder, dass dieser Identifikationsfigur die Herzen aus dem Zuschauerraum zufliegen. „KUNST“ ist ein großartiges Schauspielerstück mit drei formidablen Rollen. Regisseur Folke Braband hat es perfekt getimt, gekonnt die vielen kleinen Gesten, die entgleisenden Mimiken in Szene gesetzt. Silvia Merlo und Ulf Stengl schufen dazu ein monochromes Bühnenbild. Grau mit grauen Mustern. Eine Bestätigung der Ironie: Da wäre das weiße Bild sogar noch ein Farbtupfer gewesen. Denn dem geht’s am Ende an den Kragen. Oder? In den Kammerspielen ist jedenfalls eine entzückende Inszenierung mehr zu sehen. Für den Abend gibt es nur eine gültige Beschreibung: Liebenswert!

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Wien, 21. 2. 2014