Burgtheater: Der Revisor

September 9, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo Hermanis draufsteht, ist Hermanis drin

Dietmar König (Postmeister), Franz J. Csencsits (Doktor der Armenanstalt), Dirk Nocker (Bürger), Martin Reinke (Vorsteher des Krankenhauses und Armenasyls) Hermann Scheidleder (Bürger), Falk Rockstroh (Richter), Michael Maertens  (Bürgermeister) Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dietmar König (Postmeister), Franz J. Csencsits (Doktor der Armenanstalt), Dirk Nocker (Bürger), Martin Reinke (Vorsteher des Krankenhauses und Armenasyls) Hermann Scheidleder (Bürger), Falk Rockstroh (Richter), Michael Maertens (Bürgermeister)
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich „Der Revisor“ am Burgtheater. Zur Saisoneröffnung ein Etikettenschwindel, denn, Premiere ja, einer quasi Wiederaufnahme, hatte Alvis Hermanis, damals noch lettischer Wunderknabe, Gogols Groteske doch schon 2002 an seinem Jaunais Rīgas teātris in Riga inszeniert. Da veränderte sich diese Stadt gerade rasend schnell. Kapitalismus hieß der neue Heilsbringer: Die Balten wollten EU werden und das grau gewordene Mütterchen Russland ins Altenheim abschieben. Hermanis stellte ein Museum auf die Bühne, eine heruntergekommene Werksküche, echte Hühner und unförmige Menschen. „Kommunismus“ atmete es aus jedem abgefuckten Kostüm. Der real existiert habende Sowjetmensch war plötzlich eine bedrohte, ergo schützenswerte Theaterfigur. 2003 wurde Hermanis mit dieser poetischen Arbeit auch im Westen berühmt – und der erste Preisträger des mittlerweile aus Sponsorabsprungsgründen wieder zu Grabe getragenen Young Directors Projekt der Salzburger Festspiele. A Shooting Star was born. Mehr als zehn Jahre später lässt sich feststellen: Hermanis hat seine Kantine konserviert. Also Remake! Daher wohl auch das energische Kopfschütteln auf Nachfragen, ob die Tatsache, dass ein Korruptionsstück … hihihi … eine aufgeführte Intrige … hahaha … ausgerechnet an diesem Haus … hohoho … Hermanis verweigert sich wie immer und diesmal ganz besonders schlüssig, weil Neues ja fehlt, der aktuellen Zeit. Er mag’s lieber verweht-verstaubt.

Was wurde im Wiener Saisoneröffnungsreigen nicht alles über diese Produktion geraunt. Von „Ein Wahnsinniger, vierdreiviertel Stunden!“ über „Fad!!“ bis „Na, da hast nix versäumt.“ Wo Hermanis draufsteht, ist Hermanis drin. Schon anlässlich „Eine Familie“ erklärte er in einem MM-Interview, seine Landleute wären enttäuscht bis aufgebracht, würde man sie nach nur 90 Minuten aus dem Theater werfen, daher dauerten seine Abende geringfügig länger. In „Platonov“ ließ er die Schauspieler bis zur Unhörbarkeit wispern, in „Das weite Land“ schickte er Chicagoer Gangster, bekannt begeisterte Bergwanderer, in die Dolomiten. Kinder, diesmal gibt’s wie gesagt wenigstens echte Hühner auf der Bühne. Und bis zum Überquellen versiffte Toiletten, auf denen nichtsdestotrotz konstant Platz genommen werden muss. Hermanis, der Humorpächter. Auch die vielbemurmelte, weil zu lange stumme Auftaktszene ist zu verschmerzen. (Da hat an der Burg schon einmal eine zwanzig Minuten lang wortlos gebügelt. Weil damals die Kritik von der falschen Seite kam, hat die richtige heftigst applaudiert.) Es ist schwer bis unmöglich, Hermanis vorzuwerfen, dass er Hermanis ist.

Weh tut, dass das beste Ensemble der Welt nicht aus seiner Kauzstarre kommt. Schon vorher hätte man sagen können, wer wie katzbuckeln, naiv lispeln, tragikomisch die Hände werfen, den Hüfteinknick üben wird – und sie haben’s alle genau so getan. Geschah diese virtuose Selbstverwaltung eigentlich mit oder ohne Sanctus des Regisseurs? Warum gerät Komödie an der Burg in der Regel knallchargig? Herrschaftszeiten, kann einer die Türen aufreißen und durchlüften? Oder ist diese Arbeit ein subtiles Signal an die Politik, dass mit Subventionsgeldern in der Höhe von vorgestern nur Theater von vorvorgestern gemacht werden kann?

Schwamm drüber. Ein Hoffnungsschimmer ist am Horizont: Georg Schmiedleitner mit Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“ am Akademietheater.

www.burgtheater.at

Wien, 9. 9. 2015

Gregor Bloéb goes Burg

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Karl Kraus zu Maja Haderlap

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich)
Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb wird auch in dieser Spielzeit am Burgtheater zu sehen sein. Nach seinem Erfolg als Optimist in Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ www.mottingers-meinung.at/?p=10169 (Wiederaufnahme der Koproduktion mit den Salzburger Festspielen aus dem vergangenen Sommer: 17. September), versucht er sich in der Uraufführung von Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“. Premiere ist am 8. September am Akademietheater.

Wieder führt Georg Schmiedleitner Regie; gemeinsam mit der Autorin hat er auch die Bühnenfassung erstellt. Haderlaps 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichneter Debütroman ist eine Familiengeschichte und die Geschichte der Kärntner Slowenen. Erinnert wird eine Kindheit in den Kärntner Bergen. In ihrem Buch beschwört Haderlap die Gerüche des Sommers herauf, die Kochkünste der Großmutter, die Streitigkeiten der Eltern und die Eigenarten der Nachbarn. Erzählt wird vom täglichen Versuch eines heranwachsenden Mädchens, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Zwar ist der Krieg vorbei, aber in den Köpfen der slowenischen Minderheit, der die Familie angehört, ist er noch allgegenwärtig. In den Wald zu gehen, hieß eben „nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln“ , es hieß, sich zu verstecken, zu flüchten, sich den Partisanen anzuschließen und Widerstand zu leisten. Wem die Flucht nicht gelang, dem drohten Verhaftung, Tod, Konzentrationslager. Die Erinnerungen daran gehören für die Menschen so selbstverständlich zum Leben wie Gott.  Erst nach und nach lernt das Mädchen, die Bruchstücke und Überreste der Vergangenheit in einen Zusammenhang zu bringen und aus der Selbstverständlichkeit zu reißen – und schließlich als kritische junge Frau eine Sprache dafür zu finden …

Erste Probenfotos lassen erwarten, dass Schmiedleitner mit seiner Inszenierung die sinnlich-poetische Atmosphäre des Erinnerungsromans auf die Bühne zu bringen versteht. Bloéb spielt den Vater, Petra Morzé die Mutter, Elisabeth Orth die Großmutter. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind das Junge und das Alte Ich. Weitere Rollen verkörpern Sven Dolinski, Sabine Haupt, Michael Masula, Rudolf Melichar und André Meyer.

Saisonstart ist an der Burg am 4. September. Alvis Hermanis inszeniert dafür Gogols „Der Revisor“. Die Besetzung ist naturgemäß first class, mit Fabian Krüger als vermeintlichem Revisor und Maria Happel und Michael Maertens als Bürgermeisterpaar. Gregor Bloéb bleibt auch dem Theater in der Josefstadt, wo er als Jägerstätter www.mottingers-meinung.at/?p=4764 anrührte, erhalten. Er steigt ab 12. September wieder als Felix MitterersDer Boxer“, Johann „Rukeli“ Trollmann www.mottingers-meinung.at/?p=13581 , in den Ring.
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www.burgtheater.at

Wien, 17. 8. 2015

Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Juli 4, 2013 in Bühne

Witzfiguren einmal ernst genommen

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz Bild: Barbara Palffy

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz
Bild: Barbara Palffy

Mit Gogols „Der Revisor“ verabschiedet sich Barbara Bissmeier als Intendantin der Sommerspiele Perchtoldsdorf. Christine Wipplinger führte Regie in dem nach einer Puschkin-Anekdote (der Dichter wurde in einer Provinzstadt tatsächlich einmal für einen geheimen Moskauer Beamten gehalten) 1835 verfassten Stück. Und sie tat es mit Verve und Augenzwinkern und mit historischen Kostümen. Weil man Korruption und Bestechung dieser Tage ja kaum mehr kennt, oder? Die Verhältnisse, sie sind nicht so, wenn die Motten ein Irrlicht umschwirren … Und so gelang es Wipplinger einerseits das Groteske an Gogols Satire herauszukitzeln, andererseits seine Honoratioren, allesamt Witzfiguren, sehr ernst zu nehmen. Lachen mit Köpfchen (statt Schenkelklopfhumor) ist an diesem Abend angesagt. Dazu beglückte die Regisseurin mit perfektem Komödien-Timing. Und: Die prächtige Perchtoldsdorfer Burg war wieder als wichtiger Teil der Kulisse (Bühnenbild: Erich Uiberlacker) im Spiel. Die neue Übersetzung von Andrej Iwanowski lässt zwischen den Zeilen auch Zotiges zu.

Raphael von Bargen gibt den „Revisor“ Chlestakow, Sven Dolinski seinen Diener Ossip. Einer ein größeres Schlitzohr als der andere leben sie zwischen Streit und Subversion. Wobei Ersterer vom hochtrabenden Hochstapler in Sekundenschnelle zu weinerlich-wehleidig changieren kann, wenn er sich enttarnt glaubt, während sich die Loyalität des Zweiteren in Grenzen hält, so lange finanzielle Zuwendungen in seine Tasche fließen. Beide liefern ein Kabinettstück ab, vor allem Dolinski, der seinem Ossip völlig neue Farben gibt.

Das zweite Traumpaar des Abends sind I Stangl und Horst Heiss als Gutsbesitzer Bobtschinski und Dobtschinski, ein Duo wie weiland Laurel und Hardy. Dann natürlich die gewichtigen Männer: Fritz Hammel ist ein bösartig katzbuckelnder, cholerischer Stadthauptmann, der nicht seine mit wenig Intelligenz gesegnete Truppe an die Kandare nehmen muss, sondern auch Frau (Petra Strasser) und Tochter (Katharina Haudum), die sich alsbald um die Zuneigung des Feschak Chlestakow in den Haaren liegen bzw. an diesen ziehen. Oliver Huether ist ein selbstgerechter, sich seiner zwischen Aktenbergen verborgenen Sache sehr sicherer Richter; Georg Kusztrich ein ängstlicher Armenanstaltsverwalter, setzt er doch auf die Devise: Wozu Medizin? Wen die Natur nicht heilt, den holt Gott eben zu sich … Ein Panoptikum menschlicher Grauslichkeiten, das Wipplinger da auf die Bühne stellt. Und zwar so, dass die „Anfütterung“ des vermeintlichen Revisors durchaus für Erheiterung sorgt. Am Schluss ist der, sattgefressen und die Taschen voller Geld, schon wieder unterwegs – aber das Unheil für die Stadt, in der jeder Dreck am Stecken hat, noch nicht zu Ende …

Wieder einmal sieht man in Perchtoldsdorf also Unterhaltung mit Haltung. Mit Niveau. Bissmeiers Nachfolger, Michael Sturminger, will diesen erfolgreichen Weg 2014 mit „Das Kätchen von Heilbronn“ fortsetzen.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/barbara-bissmeier-und-michael-sturminger-im-gesprach/

Von Michaela Mottinger

Wien, 4. 7. 2013

Barbara Bissmeier und Michael Sturminger im Gespräch

Juni 27, 2013 in Bühne

Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Barbara Bissmeier Bild: Barbara Palffy

Barbara Bissmeier
Bild: Barbara Palffy

Barbara Bissmeier verabschiedet sich mit Gogol Satire (Premiere ist am 3. Juli) von Perchtoldsdorf. Ihr Nachfolger als Intendant wird Michael Sturminger. Ein Gespräch:

MM: Sie verlassen Perchtoldsdorf als Intendantin. Warum jetzt der Abschied? Überwiegt das lachende oder das weinende Auge?

Barbara Bissmeier: Ach, im Moment bei diesen Wetterkapriolen das lachende. Es wird schön sein, nicht jeder Juli zum Himmel zu schauen ob er weint, ob man die Leute in den unterirdischen Saal scheuchen muss. Dem Juli ein bissl entspannter entgegen zu sehen, darauf freue ich mich schon. Ich hab’s wahnsinnig gern gemacht, aber es halt eine Nervengeschichte. Was ich immer mochte war, dass wir mit den Kollegen eine Superfamilie sind. Ich bin nicht die Chefin, ich bin eine von ihnen, ich gehöre zur Truppe und bin halt die „Oberhex’“ – durch mein Alter und durch meine Tätigkeiten verstehe ich halt relativ viel von Theater. Und dadurch und durch meinen Mann (den Burgtheaterschauspieler Joachim Bissmeier) kenne ich viele Kollegen auch privater. Das ist einfach sehr, sehr gut.

MM: Warum nun zum Abschluss „Der Revisor“?

Bissmeier: Das ist eine lustige Geschichte. Es hatte mich unsere jetzige Regisseurin Christine Wipplinger eingeladen, mir in Kobersdorf den „Eingebildeten Kranken“ anzuschauen. Ich hatte von ihr schon Arbeiten gesehen, denn ich bin  ja unentwegt unterwegs, und habe diese weibliche Hand schon zu schätzen gewusst. Ich fand die Inszenierung fulminant mit Fritz Hammel und Petra Strasser, die heuer bei uns spielen. Wir sind nachher ins Reden gekommen, was gemeinsam zu machen, was anzudenken, und ihre erste Idee war „Der Revisor“. Der steht bei mir schon ganz lang auf der Wunschliste. Christine hat ein Jahr in Moskau gelebt, hatte dort auch einen Freund, der uns jetzt das Stück neu übersetzt hat. Sie hat einen speziellen Umgang mit dem Stoff, erklärt uns bei jeder Silbe, wie man sie richtig ausspricht. Die Frau hat einfach a guate Pratzn.

MM: Raphael von Bargen spielt die Titelrolle. Wessen Idee war das?

Bissmeier: Meine. Natürlich. Ich kenne ihn ja. Er hat mit meinem Mann im „Woyzeck“ gespielt, beide waren für den Nestroypreis nominiert. Über den Raphael bin ich sehr froh, weil er eine Mordsspiellust hat, unentwegt anbietet, zeigt und macht, und die anderen gehen drauf ein. Es sind die Proben schon so lustig, weil sie so eine Spielfreude haben und so gern miteinander spielen. Egal, ob bei der Riesenhitzewelle, die wir hatten, oder bei Regen.

MM: Sie haben immer Sommertheater mit Anspruch gemacht, mit Haltung. Das ist Ihnen offensichtlich ein Anliegen.

Bissmeier: Absolut. Mein lieber Mann zerwuzzelt sich immer, wenn ich mich aufrege, wenn jemand das Wort Sommertheater erwähnt. Er sagt: Ich spielt’s doch im Sommer, also ist es Sommertheater. Aber für mich ist der Begriff so mit Schenkelklopfkomödien besetzt und genau das wollte ich nicht. Perchtoldsdorf ist auch ein anderer Ort. Wir sind vor den Toren Wiens, unser Publikum gehen ins Burgtheater, in die Josefstadt … die schätzen diesen Anspruch. Weltliteratur mit guten Schauspielern. Und wenn es von der Gemeinde so angenommen wird, wenn wir die erste Riege an Schauspielern da haben, dann habe ich etwas richtig gemacht. Wir haben einen sehr guten Ruf in der Theaterlandschaft. Das ist mir sehr wichtig.

MM: Das stimmt. War’s dadurch immer einfacher, diese Schauspielstars nach Perchtoldsdorf zu bringen?

Bissmeier: Oh ja, das kann ich schon sagen. Wenn man anruft und sagt: ‚Hallo, Bissmeier …’ und die Antwort ist: ‚Jö!’, da hat man schon einen anderen Zugang. Begonnen habe ich ja mit Dr. Löhnert, der nicht aus dem Metier ist, sondern Rechtsanwalt mit großer Liebe zu den Künsten. Als er mich gefragt hat, ob ich’s mit ihm mache, hab’ ich nicht lange nachgedacht. Ich habe ihm drei Regisseure vorgestellt, er hat sich den Sturminger, der jetzt mein Nachfolger wird, ausgesucht. So haben wir begonnen mit „Geschichten aus dem Wienerwald“. Als erstes habe unseren Uraltfreund Branko Samarovski gefragt, ob er den Zauberkönig spielen will. Wenn du einen seriösen Namen hast, ist es leichter ein tolles Ensemble zusammen zu kriegen. So folgten Karl Markovics als Oskar, Gerti Drassl als Marianne, Erni Mangold als Großmutter, Brigitte Krenn als Mutter … Andreas Lust war der Alfred … eine sehr schöne Inszenierung. Im zweiten Jahr haben wir „Was ihr wollt“ gemacht,  wieder mit dem Karl, der Gerti, Georg Friedrich, der dann auch beim „Tartuffe“ dabei war, und Gregor Bloéb als Sir Toby Rülp im Kilt  – und da gab’s eine Fechtszene, bei der Gregor der Kilt heruntergerissen wird. Und unterm Kilt trägt man … no … Das war sehr lustig.

 MM: Was würden Sie in all diesen Jahren als  größten Erfolg sehen?

Bissmeier: Die baulichen Maßnahmen, die Wetterunabhängigkeit durch den Saal unter dem Burghof. Früher saß ich wie die Parze am Rand, um rechtzeitig eingreifen zu können, wenn’s zum Tröpfeln anfängt. Künstlerisch: Die „Geschichten aus dem Wienerwald“, weil wir das wirklich aus dem Nichts auf die Beine gestellt haben. Dann meine erste alleinige Produktion, der „Hamlet“ mit Florian Teichtmeister und Christian Brandauer, der am Klavier seine Kompositionen gespielt hat. Da wurde während der Proben gerade umgebaut, und der arme Florian hat sein „Sein oder Nichtsein“ neben der Betonmischmaschine gesprochen. Da gab’s eine Vorstellung da gingen neben Silvia Meisterle, die die Ophelia war, die Blitze nieder. Ich sag nachher zu ihr: ‚Ich hab’ mich so um dich gefürchtet, hattest du keine Angst?“ Und sie antwortet: ‚Warum? Was wäre ein schönerer Theatertod?’ Das als Drittes: Der „Macbeth“ aus dem Vorjahr mit Dietmar König, Alexandra Henkel und ihren Buben.

 MM: Was hätten Sie gerne noch umgesetzt?

Bissmeier: „Richard III.“ hätte ich gerne gemacht. Aber das kommt vielleicht ja noch, ich hätte drei Aspiranten, die’s gerne spielen würden. 2014 steht einmal „Das Käthchen von Heilbronn“ auf dem Programm vom Michael Sturminger.

 MM: Und: Was ich Ihnen nicht glaube ist, dass Sie Ihre Theaterleidenschaft jetzt nur mehr als Zuschauerin ausleben werden.

Bissmeier: (Sie lacht.) Ich werde heuer 70. Ich habe vier Enkelkinder, die wissen noch nicht, wie oft ich sie künftig ins Theater schleppen werde. Außerdem spielt mein Mann nächste Saison wieder an der Burg  im „König Lear“ mit Klaus Maria Brandauer. Aber Sie haben Recht: Ich komme ja von der Kinderoper, vom Musiktheater, Ioan Holender hat mich damals geholt und dann eingespart, es wird mich vielleicht wieder in diese Richtung ziehen. Herr Holender hat mir einen Brief geschrieben, wie sehr er unsere Aufführungen schätzt. Er kommt heuer auch.

MM: Ist Perchtoldsdorf ein einfaches Pflaster, um Theater zu machen?

Bissmeier: Sie lieben das Sommertheater sehr, sie unterstützen es sehr. Sie sind ein wenig vorsichtig, was die Finanzen betrifft. Jetzt wurde es zunehmend ein bissl schwieriger, weil sie, da sie ja der Veranstalter sind, ins Künstlerische eingreifen wollten. Da muss ich mich manchmal wehren, damit das Merkantile nicht überwiegt. Aber wie gesagt: Sie stehen sehr dahinter, auch mit Sachbeiträgen, haben ein Infocenter errichtet, sie unterstützen, wo’s geht. Leidenschaft zum Theater haben sie.

MM: Ihr Nachfolger ist Michael Sturminger.

Bissmeier: Wir kennen einander sehr lange. Ich habe ihn durch meinen Mann kennen gelernt. Als ich dann gefragt wurde, Kinderoper zu machen, habe ich Holender vorgeschlagen, ihn als Regisseur zu nehmen. So haben wir das „Traumfresserchen“ gemacht. Aus den Zeichnungen von Michaels Kindern haben wir damals das Bühnenbild gemacht. Er hat eine Wahnsinnsgeduld und eine Hartnäckigkeit und eine Freundlichkeit und eine sanfte Art, aber ihn kann nichts so leicht aus den Pantinen kippen. Eines Tages nun ruft mich der Sturminger an und fragt: ‚Stimmt das, du hörst auf?’ Und ich: ‚Wenn’s dich wirklich interessiert, wäre das wunderbar. Du kennst die Gegebenheiten, den Ort, die Leute – perfekt!’ Das war’s.

MM: Herr Sturminger, was hat Sie daran gereizt, die Perchtoldsdorfer Intendanz anzunehmen?

Michael Sturminger: Die Perchtoldsdorfer Sommerspiele haben mir drei wunderbare Sommer mit  sehr erfreulichen Produktionen beschert. Wenn ich an die ‚Geschichten  aus dem Wienerwald‘ oder ‚Was ihr wollt‘ mit wunderbaren Schauspielern wie Branko sSamorovsky, Gerti Drassl, Karl Markovich, Gregor Bloéb und  Georg Friedrich denke, oder an ,Tartuffe‘ mit Markus Hering und Dorothee  Hartinger, dann freue ich mich schon auf die nächsten Jahre.

MM: Frau Bissmeier hat die Latte hoch gelegt. Man sah hier immer anspruchsvolles Theater, nie seichte Sommerkomödien. In welche  Richtung wollen Sie – schon Pläne/Ideen?

Sturminger: Barbara hat mich als Referentin des Intendanten Löhnert nach Perchtoldsdorf gebracht, sie ist also direkt schuld daran, dass ich jetzt – hoffentlich ganz in ihrem Sinne – ihr Nachfolger sein werde.

MM: Sie haben sogar das Herz von John Malkovich schmelzen lassen. Wie wird sich Ihre neue Aufgabe auf Ihre anderen Arbeiten auswirken? Holen Sie die Weltstars nun nach Niederösterreich?

Sturminger: Ich hoffe absolut interessante und talentierte Schauspieler nach Perchtoldsdorf bringen zu können, die Schauspieler waren auch in den vergangenen Jahren oft die wichtigsten Argumente um nach Perchtoldsdorf zu kommen. Bei ‚Was ihr wollt‘ hatten wir eine fantastische russische Filmschauspielerin namens Chulpan Khamatova als Viola. In diesem Sinne wollen wir so weitermachen. Ich denke aber,  dass die deutsche Sprache in Perchtoldsdorf wohl die Grenze für unsere internationalen Ausflüge definieren wird.

Der Revisor: Es spielen u. a. Raphael von Bargen, Sven Dolinski, Fritz Hammel, Petra Strasser, Oliver Huether, Georg Kusztrich und I Stangl. Regie: Christine Wipplinger.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 27. 6. 2013

Brillante Gogol-Groteske am Volkstheater

März 23, 2013 in Bühne

Die Rocky Horror Revisor Show

Volkstheater Der Revisor

Günther Wiederschwinger, Matthias Mamedof, Alexander Lhotzky, Marcello de Nardo, Günter Franzmeier, Thomas Kamper
Bild: © Lalo Jodlbauer

Eine acht Meter lange, steil emporsteigende Treppe. Das fordert den Nacken der Zuschauer ebenso wie die Knie der Darsteller. Oben: Ein güldener Rundbogen mit Vorhang. Zirkusatmosphäre: In unserer nächsten Abteilung sehen Sie …

Regisseur Thomas Schulte-Michels (gleichzeitig verantwortlich für Bühnenbild und Textfassung) hat dem Volkstheater Wien einen „Revisor“ beschert, der seinesgleichen sucht. Und – zumindest derzeit – nicht zu finden sein wird. Denn der Theatermacher, der für seine Interpretation von Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ am Haus mit einem „Nestroy“ ausgezeichnet wurde, hat Nikolaj Gogols Groteske auf die Spitze getrieben. Dass man am Räderwerk dieser köstlichen Korruptionskomödie die Schrauben noch weiter anziehen kann, ist eine Kunst, die nicht jedermann beherrscht.

Gogol persifliert in seinem 1835 erschienenen Stück „Der Revisor“ eine Anekdote, die Puschkin tatsächlich passiert ist: Chlestakow, ein unwichtiger St. Petersburger Beamter, wird von den Honoratioren einer Kleinstadt für den scharfen Hund gehalten, den man seit Langem erwartet. Weil in dieser Provinzverwaltung jeder gern die Hand aufhält – und das ja irgendwann auffliegen musste. Also wird Chlestakow mit Wein, Weibern und Schmiergeld überhäuft, bis ihm – eigentlich seinem Diener Ossip – die Verwechslung dämmert …

Gern und oft wird das an den heimischen Theatern gespielt (kommenden Sommer in Perchtoldsdorf mit Raphael von Bargen als Revisor). Und gern und oft ist Chlestakow ein Schlaumeier, ein Durchschauer, ein Einsackler, der … hihihi … mit den Dorftrotteln wie mit Marionetten spielt.

Nicht so der großartige Marcello de Nardo. Er hat sich eine unverwechselbare Figur aus dem Stoff geschneidert. Keinen „Teufel“, höchstens einen armen, ängstlichen, einen Tor, zunehmend alkoholisiert – und damit zunehmend ein angeberischer Aufschneider. Köstlich, wenn er lallt, wie nett hier jeder zu ihm sei, während vom Bürgermeister bis zum Postmeister alle seinen Sturz über die Treppe zu verhindern suchen (den liefert dafür Günther Wiederschwinger in einem beinah Hollywood’schen Stunt). In dieser Form ist der Chlestakow für de Nardo eine Paraderolle, in der er neben seinen darstellerischen, mimischen auch seine clownesken Fähigkeiten ausspielen kann.

Die Treppe: Sie dominiert das Agieren des durchwegs auf Hochtouren laufenden Ensembles. Auf ihr wird gestolpert, getanzt, gekrochen, stolziert, alles gefährlich schnell. Schulte-Michels hat das perfekt getimt. Die Schauspieler schonen sich nicht. Furcht vor blauen Flecken ist nicht das Thema des Abends. Eine gute Kondition schon eher. Doch geht einem einmal die Luft aus, ist sogar diese Atemlosigkeit ein vom Regisseur gewünschter Effekt. Schließlich … muss … hier … ja … jeder … schauen … wo … er … bleibt.

Die „Würdenträger“, die Schulte-Michels auf die Bühne stellt, sind Gespenstergestalten, skrupellos, gruselig geschminkt, in unsauberen Untergatten (Kostüme: Tanja Liebermann). Vor allem Günter Franzmeier als buckeliger, langzotterter Bürgermeister erinnert an Frank’n’Furters Höllendiener Riff Raff (so kam’s zur Überschrift dieser Rezension). Erwin Ebenbauer gibt den Kreisrichter als Geck mit Zylinder. Alexander Lhotzky und Claudia Sabitzer können als Schulinspektor nebst Gattin nicht mehr als ein paar Blumen und viel mundgeruchiges Geschwätz offerieren. Thomas Kamper ist ein dämonischer Hospitalverwalter, der seine Kranken vor der Inspektion „entfernt“ hat, Rainer Frieb ein herrlich dümmlich-stotternder, aber am Ende den Irrtum aufdeckender Postmeister. Matthias Mamedof zeigt als Gutbesitzer wieder einmal, dass er ein herzhafter Komödiant ist, so wie Christoph F. Krutzler als Polizist. Susa Meyer und Andrea Bröderbauer als Bürgermeistersgattin und –tochter (die auch noch zur betrogenen Braut wird) sind von herrlicher Schlampenhaftigkeit. Eine Schreckschraube in Kreischgelb und eine Babyspinne in Damisch-Türkis. Wie es sich in jedem guten Zirkus gehört, spielen sie das Publikum an, beziehen es in ihre erotischen Überlegungen mit ein. Jede braucht Rat, wie sie den hohen Rat in ihr Bett kriegt.

Eine kleine, sehr feine Rolle hat Till Firit als Chlestakows Diener Ossip. Auch er beherrscht das Clownsein. Nur ist er der Kluge. Und daher widerspenstig, wie jeder Untergebene, der intelligenter ist, als sein Vorgesetzter. Immerhin rät er rechtzeitig zum Aufbruch …

Also: Viel Applaus, viele Bravos.

Das Volkstheater ist diese Saison the place to be. Das beweist das Team um Michael Schottenberg mit dieser Produktion einmal mehr.

www.volkstheater.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ECewrK4iaRM&list=UUb640SHy2IYBJQ3d3QBhgYQ&index=2

www.mottingers-meinung.at/interview-mit-marcello-de-nardo

www.marcellodenardo.net

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 23. 3. 2013