Götz Spielmann: „Oktober November“

November 8, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kino mit Peter Simonischek, Ursula Strauss und Sebastian Koch

Peter Simonischek, Sebastian Koch Bild: © coop 99/Spielmannfilm

Peter Simonischek, Sebastian Koch
Bild: © coop 99/Spielmannfilm

Nach seiner oscarnominierten „Revanche“ kommt dieser Tage Götz Spielmanns neuer Film „Oktober November“ ins Kino, starbesetzt mit Ursula Strauss, Peter Simonischek, Sebastian Koch, Johannes Zeiler und Samuel Finzi. Die Kamera führte Martin Gschlacht. Inhalt: In einem kleinen Dorf in den österreichischen Alpen steht ein ehemaliger Gasthof. Vor vielen Jahren, als es noch Sommerfrische gab, ein stattlicher Betrieb. Zwei Schwestern sind hier groß geworden. Sonja lebt nun in Berlin, sie ist Schauspielerin geworden, sehr erfolgreich, ein Fernsehstar. Die Karriere ging sehr schnell, sie ist erst Anfang dreißig. Sie hat viel erreicht in ihren noch jungen Jahren – doch etwas scheint ihrem Leben zu fehlen. Sie hält zu den Menschen Distanz, wie um sich zu schützen. Sie durchlebt Phasen von Traurigkeit. Außerhalb ihrer Arbeit und Professionalität wirkt sie immer ein wenig verloren. Heimatlos. Ihre Schwester Verena, etwas älter, hat das Dorf nicht verlassen. Nach dem Unfalltod der Mutter lebt sie mit Mann und Kind in ihrem Elternhaus, das nun viel zu groß ist für die wenigen Bewohner. Doch Verena ist nicht so genügsam, wie es scheint. In ihrer heimlichen Liebesaffäre mit dem Arzt der Gegend zeigt sich ungelebte Leidenschaft, Sehnsucht nach einem anderen Leben. Und auch der Vater der beiden Schwestern lebt in dem großen Haus. Ein alt und mürrisch gewordener Patriarch. Seine Frau gestorben, das Gasthaus seitdem stillgelegt. Es ist Herbst, ein schöner Oktober, die Blätter am Baum hinter dem Haus sind schon bunt verfärbt. Da bringt ihn ein schwerer Herzinfarkt in Todesnähe. Ein neues Kapitel beginnt. Doch gibt es noch ein Geheimnis, das ihn bedrückt, eine Sache, die noch erledigt werden muss. Er weiß, dass er nun handeln muss, denn er hat nicht mehr lange Zeit …

Götz Spielmann über …

… das Thema des Films: Es ist immer schwierig, das zu intellektualisieren, weil eigentlich die wirklich großen Fragen größer sind als die Sprache und größer als das Denken. Aber wenn ich versuche, das in Gedanken zu sagen, würde ich sagen, die Frage nach Identität ist diezentrale Frage des Films. Das wird untersucht anhand einer Geschichte, anhand von Figuren, anhand von Lebensläufen. „Wer bin ich? Bin ich das, was ich sein will? Warum bin ich so, wie ich bin? Bin ich das, was ich sein kann?“ Wie gesagt, wir reden über Geschichten, aber hinter Geschichten stehen ja auch, glaube ich, hauptsächlich Fragen, die mit Hilfe dieser Geschichten untersucht werden und vielleicht sogar beantwortet auf der Ebene des Erzählens. Darum ist auch das Sterben eine, für diese Geschichte so wichtige Sache, die Frage nach dem „Wer wir sind“, was in gewisser Weise auch die Frage nach „Was ist der Grund unseres Daseins, was ist der Sinn?“ ist. Das klingt sehr platt, wenn man es in Worte fasst, aber es ist doch eine sehr fundamentale Frage für die Menschen. Die Frage kann man sich nur sinnvoll stellen, wenn man gleichzeitig die größte Gewissheit immer im Leben hat, in diese Frage einbezieht, nämlich, dass dasLeben endlich ist, das wir sterben. Das ist der Zusammenhang.

… das Risiko der gewählten Erzählform:  Der Film hat keinen herkömmlichen Plot, der die Geschichte führt und leitet. Es ist sozusagen episches Erzählen, aber ohne den Aufwand, den episches Erzählen normalerweise hat. Es ist ein bisschen wie episches Kino als Kammerspiel, kann man sagen. Das ist etwas, was ganz eigen ist und wo es nicht Regeln und Gewissheiten gibt. Wo es auch sehr viel schwieriger ist, Spannung und Intensität herzustellen für den Zuschauer.

... die Herausforderung für die Schauspieler:  Ich glaube, dass die Schauspieler in vielleicht höherem Maße als im herkömmlichen
Erzählen mit ihren Figuren immens vertraut sein müssen, da ihr Agieren, ihr Spielen nicht aus der Handlung heraus schlüssig ist, sondern aus dem Wesen der Figur nur schlüssig gemacht werden kann, müssen sich vor allem die Schauspieler eine ganzandere Souveränität und Intensität mit ihren Figuren erarbeitet haben.
… Peter Simonischeks Rolle: Bei Menschen, die wirklich an den Rand des Sterbens kommen, weiß man, dass sich für sie nachher das Leben ganz entscheidend geändert hat. Sie bekommen oft fast etwas Heiliges. Sie haben einen anderen Blick aufs Leben, eine andere Freude am Leben. Wahrscheinlich deswegen, weil sie keine Angst vorm Sterben mehr haben. Das ist eine Erfahrung, die man schauspielerisch fast nicht fassen kann. Dieses Glück, diesen Frieden, diesen Glauben ans Leben zu spielen – das war, glaube ich, eine große Herausforderung und dann auch noch das Sterben selbst. Das ist ja ein Mysterium. Jemanden zu spielen, der in Agonie liegt, halb noch hier, halb schon wo anders, das sind Zustände, die man aus seiner Lebenserfahrung im Allgemeinen nicht beziehen kann. Das war sehr intensive Vorbereitung und Arbeit auch vom Peter, sich das zu erarbeiten, darin eine Glaubwürdigkeit für sich selbst zu finden als Schauspieler. Das ist ja das Wichtige, dass sich Schauspieler selbst die Figur glauben, dann werden sie auch glaubwürdig sein und authentisch für andere, dann wird es lebendig und intensiv.
... die besondere Dynamik innerhalb des Teams: Was auch so spannend war, das sind ganz verschiedene Menschen, auch ganz verschiedene Schauspieler, die für sich verschiedene Methoden, verschiedene Herangehensweisen haben. Das war unglaublich spannend und lustvoll, diese so verschiedenen Persönlichkeiten in eine Gemeinsamkeit zu verschmelzen. Das konnte auch nur deswegen gelingen, weil sie alle mit ganz großer Offenheit und Neugier füreinander, für die anderen, in diese Arbeit gegangen sind. Das war etwas Großartiges, wie die Schauspieler füreinander gespielt haben. Nicht nur miteinander, sondern füreinander. Das war wirklich in ganz hohem Maße das Ideal des Ensembles, was da in diesem Film gelungen ist. Ich denke sehr gern daran zurück.

Wien, 8. 11. 2013

Interview mit Cornelius Obonya und Rupert Henning

Februar 8, 2013 in Bühne

 Schlagabtausch auf höchstem Sprachniveau

Im Wiener stadtTheater Walfischgasse spielen Cornelius Obonya und Rupert Henning in Anthony Shaffers „Revanche“.

Um Irrtümer vorwegzunehmen: Hier handelt es sich um keine Götz-Spielmann-Interpretation. Zwar wäre dessen 2009 oscarnominierter Film „Revanche“ durchaus für die Bühne geeignet, im Wiener stadtTheater Walfischgasse spielen Cornelius Obonya und Rupert Henning aber „Revanche“ – von Anthony Shaffer. Premiere ist am Mittwoch.Auch das erfolgreiche Broadway-Stück hat im Kino Geschichte geschrieben. Mit zwei Verfilmungen: 1972 als „Mord mit kleinen Fehlern“ mit Sir Laurence Olivier und Michael Caine, und 2007 als „1 Mord für 2“. Wieder mit Michael Caine, der in die Olivier-Rolle aufgerückt ist, und Jude Law.KampfIn der Walfischgasse sind nun Cornelius Obonya als erfolgreicher Krimiautor Andrew Wyke und Rupert Henning als arbeitsloser Schauspieler Milo Tindle zu sehen. Letzterer hat ein Pantscherl mit der Schriftstellersgattin, weshalb ihn Ersterer zum Gespräch bittet. Aus dem verbalen Schlagabtausch wird ein erbitterter Kampf, und … mehr bitten die Herren nicht über ihren Abend zu verraten … außer:
„Shaffers Stück ist einer der seltenen Fälle, wo jeder Satz schillert und glänzt“, schwärmt Henning. „Es hat eine schrecklich lustvolle Tiefe, es folgt Wendung auf Wendung. Wir können da beim Spielen so schön spielen.“ „Revanche“, sagt Obonya, sei wie „kleine Weihnachten“ – umso mehr, da als Dritte im Bunde seine Frau Carolin Pienkos Regie führt.
Vom bekannten Konzept „älterer Mann fordert jüngeren Liebhaber“ hat man sich leicht getrennt. Obonya: „Das erschien uns heute zu stereotyp. Für uns ist es wesentlich interessanter eine soziale Schieflage zu zeigen, wo einer nach oben gerutscht ist, und einer anderer das nicht schafft. Das ist das heutige Europa.“
„Wobei“, ergänzt Henning, „der toughe, eloquente Autor schnell kapiert, dass Tindle, wenn auch beruflich erfolglos, kein Jausengegner ist.“Es folgt: Eine wilde Debatte über eine reine Seele, die korrumpiert wird, die Butterseite des Lebens und die Frau als Prestigeobjekt. So, bestätigt Pienkos, war’s täglich bei der Probenarbeit. Diskussion und Widerspruch – bis die Regie (also sie) die Letztentscheidung trifft. Gelächter.
Ob man weitere gemeinsame Pläne hegt?
Henning (und an dieser Stelle umarmt oder würgt ihn Obonya): „Wenn wir uns nicht vor lauter Zuneigung umbringen, gibt’s bestimmt Fortsetzungen.“

In den Fußstapfen von Michael Caine

Februar 8, 2013 in Bühne

Bis ans Messer: Obonya und Henning (rechts)
02.03.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/7

Obonya & Henning geben einander „Revanche“

Cornelius Obonya und Rupert Henning zeigen im stadtTheater Walfischgasse ein wahres Katz-und-Maus-Spiel.

Wenn ein Verführer den anderen führt, fallen beide in die Grube. Diese behutsame Bearbeitung eines Bibelspruchs muss als Auflösung genügen. Allzu viel über den Ausgang von Anthony Shaffers zynischer Krimikomödie „Revanche“ zu verraten, wäre sträflich.

Am Wiener stadtTheater Walfischgasse spielen Cornelius Obonya und Rupert Henning den „well-made“ Thriller, dem zwei Verfilmungen (mit Laurence Olivier, zwei Mal Michael Caine, Jude Law) zu Weltruhm verhalfen. Und sie spielen ihn großartig. Mit aufgestelltem Kamm sozusagen.

Obonya gibt Andrew Wyke. Ein arroganter, eitler Krimi-Autor, der seine Bestseller – auf allen Cover sein Konterfei – im ganzen Haus ausgestellt hat.
In dieses lädt er den mittellosen Schauspieler Milo Tindle, dargestellt von Rupert Henning, zur Aussprache. Tindle hat dem Statussymbol-Fetischisten sein wichtigstes entwendet.
Er hat ein Pantscherl mit dessen Frau. Das heißt: Er sagt, sie seien „verliebt“. Ein Stichwort, auf das Obonya die Gesichtszüge entgleisen lässt. Ein Genuss, wie er den Verführer der Gattin durch Klasse zu deklassieren versucht. Das ist pure provokante Bosheit.
Aus der sich ein Katz-und-Maus-Spiel entwickelt, in dem die Rollen von Jäger und Gejagtem mehrmals wechseln. In dem der verbale Schlagabtausch zum realen wird, bis schließlich ein Messer und eine Pistole mit von der Partie sind.

Jede Pointe sitzt

Regisseurin Carolin Pienkos inszeniert das punktgenau. Jede Pointe sitzt; jeder Schuss ein Treffer; jede aus Todesangst geschwitzte Träne quillt glaubwürdig.
Wyke macht Tindle ein verführerisch-unseriöses Angebot. Er soll „als Einbrecher“ den Safe leeren, ihm blieben Schmuck und Geliebte, dem Gehörnten die Versicherungssumme.
Alles Finte, alles Betrug.
Als reine, nun korrumpierte Seele läuft Henning zur Hochform auf. Wird zum ebenbürtigen Gegner. Wird von der Leiche zum Polizisten zur Respektsperson. Tindle kann schon spielen. Und das Spiel geht in den dritten Satz.
Der ist neu. Homophil.
Der Schreiber lädt den Schauspieler zum Bleiben ein. Muss Mann Muse sein? Dann lieber ab in die Grube