Houchang Allahyari: Online-Retrospektive

Februar 1, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 80. Geburtstag im Filmarchiv Austria

Houchang Allahyari. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

„Als ich ins Land kam, gab es nie solche Probleme, wie heute. Wir waren Exoten, das ja, aber deswegen auch gut behandelt. Die Leute waren nett und hilfsbereit, ich hatte nie das Gefühl, dass ich ein Ausländer bin. Diese Ausländer-Sache ist langsam gekommen und immer mehr geworden“, sagt Houchang Allahyari im Gespräch mit mottingers-meinung.at. und fragt sich wie uns: „Wo ist diese Freundlichkeit geblieben?“ (Das ganze

Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=31182 anlässlich seines Films „Ute Bock Superstar“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31289). Heute feiert einer der unermüdlichsten und außergewöhnlichsten Filmemacher – und Psychiater – seinen 80. Geburtstag. Von 5. Februar bis 18. März widmet ihm das Filmarchiv Austria eine Online-Retrospektive. „Houchang Allahyari verkörpert meine Vorstellungen vom orientalischen Ideal, bei dem Familie und Individuum, Tradition und Weltoffenheit, Glaube und Wissenschaft keine Gegensätze bilden, sondern eine elastische Einheit sind«, so Schauspieler und Regiekollege Karl Markovics anlässlich der Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Wien im Jahr 2012.

1941 in Teheran geboren, kommt Allahyari als junger Mann nach Österreich, um Medizin zu studieren und Filme zu machen. Seit Mitte der 1980er-Jahre entsteht so – mit unbeirrbarem Schaffensdrang und oft unabhängig produziert – ein beachtenswertes Werk, in dem er sich selten um Publikumserwartungen sorgt, sondern mehr um die Menschen, die im Zentrum seiner Arbeit stehen. Für Allahyari ist sein Geburtstag deshalb kein Grund zu feiern – nicht aus Angst vor dem Alter, der Jahreszahl oder gar COVID-19, sondern weil der Umtriebige das Gefühl hat, dass ihm bei den vielen Projekten, die er im Kopf hat, allmählich die Zeit davonläuft.

Zwei neue Filme sollen dieses Jahr Premiere haben. „Der eine heißt ,Goli Ja‘ über ein Mädchen, das keines sein darf und den ich in Afghanistan und Iran gedreht habe. Ich hoffe, dass der Film nach mehreren Verschiebungen nun endlich im März oder April Premiere haben kann. Und der zweite ist mein Episodenfilm ,Seven Stories about Love‘, der vielleicht in einem halben Jahr in die Kinos kommen könnte“, so Allahyari zur APA.

Nach seiner Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie betrieb Allahyari eine Ordination, war als Neurotraumatologe und Psychiater im Lorenz-Böhler-Krankenhaus tätig und arbeitete daneben 20 Jahre lang für das Justizministerium in Haftanstalten als Psychiater für Drogenabhängige. Und noch heute hat er seine eigene Wahlarztpraxis in Wien.  Doch während er an verschiedenen Kliniken und vor allem Strafanstalten wirkt, reift in ihm auch der Wunsch, Filme zu machen. Auf für damalige Verhältnisse extrem innovative Weise bringt er beides in einem Therapieansatz zusammen und ruft mit seinen Schützlingen eine Filmgruppe ins Leben.

Geboren in Absurdistan, A 1999. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Fleischwolf, A 1990. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

I Love Vienna, A 1991. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Die verrückte Welt der Ute Bock, A 2010. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Seine Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit lässt Allahyari bis heute in seine Filme einfließen: Von „Borderline“ bis zu „Der letzte Tanz“ – mit Erni Mangold in der gewagten Rolle einer Alzheimerpatienten, die eine intime Beziehung mit einem jungen Zivildiener beginnt, erzählen sie von zerbrechlichen Außenseitern, die in völlig unvorbereitet mit einem System konfrontiert werden, das sich aus Repressionen und Brutalität speist, und die so buchstäblich durch den „Fleischwolf“ gedreht werden.

Das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen macht Allahyari ebenso regelmäßig zum Thema seiner Werke. Seine schwarze Komödie „I love Vienna“ mit einem jungen Michael Niavarani war 1991 der erfolgreichste österreichische Film und wurde als Kandidat für den Auslandsoscar eingereicht. Auch mit „Höhenangst“ über einen Häftling, gespielt von Fritz Karl, der in einem Dorf ein neues Leben beginnen will, erlangt er internationale Aufmerksamkeit. Heimische Filmprominenz wie Josef Hader und Karl Markovics wirkt daraufhin in der Produktion „Geboren in Absurdistan“  aus dem Jahr 1999 mit, in der eine österreichische und eine türkische Familie in einem Krankenhauszimmer aufeinandertreffen.

Die Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit erlangt Allahyari dann mit dem Kinodokumentarfilm „Bock for President“, den er gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch Allahyari dreht und der 2010 mit dem erstmals vergebenen Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wird. Der Film begleitet die Flüchtlingshelferin Ute Bock, Allahyaris Ex-Schwägerin, zwei Jahre lang bei ihrer Arbeit und stellt neben ihrem unermüdlichen Engagement für Asylsuchende die Situation von Flüchtlingen in Österreich in den Mittelpunkt.

Mit „Die verrückte Welt der Ute Bock“ und „Ute Bock Superstar“ folgten zwei Fortsetzungen. 2013 entsteht „Robert Tarantino“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5512, dieser ein „Rebel without a Crew“, der gegen alle Widerstände in Wien einen No-Budget-Trash-Horrorfilm angelehnt an die Arbeiten seiner Vorbilder Robert Rodriguez und Quentin Tarantino drehen will.

Die Liebenden von Balutschistan, A 2017. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Der letzte Tanz, A 2014. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Höhenangst, A 1994. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Rote Rüben in Teheran, A 2016. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion

„Bei allen Unterschieden in der Dramaturgie haben alle Filme mit mir und meiner Umgebung zu tun, behandeln Themen, die ich in der einen oder anderen Art erlebt habe. Ein weiterer Aspekt ist die Menschlichkeit“, sagt Allahyari. „Houchang Allahyari ist bis heute Optimist. Der Gewalt gegen die Schwachen setzt er das unerschütterlich Gute entgegen: Sie sind nicht alleine auf dieser Welt, weil es Menschen gibt, denen ihr Schicksal nicht gleichgültig ist. Wenig überraschend sind diese Menschen häufig Ärzte oder Pfleger – jedenfalls sind ihnen Wesenszüge wie Eitelkeit oder Egoismus fremd“, so Filmarchiv-Austria-Kurator Florian Widegger.

In den jüngst vergangenen Jahren hat Allahyari nach langer Zeit seine erste Heimat wieder besucht und sie auch filmisch auf unterschiedlichste Weise erforscht. So wandte sich der Polystilist mit „Die Liebenden von Balutschistan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23791) gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch wieder dem Dokumentarfilm zu und zog durch den Nahen Osten. „Rote Rüben in Teheran“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727 ) heißt Allahyaris gemeinsam mit Tom-Dariusch entstandener Dokumentarfilm über den Iran, das heißt eigentlich: dessen Menschen, und der für den einen den ersten Besuch nach mehr als 40 Jahren Abwesenheit, für den anderen die erste Reise ins Familienherkunftsland bedeutete.

Was nicht nur Fragen über „Fremdsein“, zu Identität, Mentalität und deren Unterschieden in neue Zusammenhänge setzt. Irgendwann im Film erzählt Houchang Allahyari eine Anekdote aus seiner Schulzeit. Seine Mitschüler und er hatten nasse Tücher an die Zimmerdecke geworfen, um dem Direktor einzureden, dass es in die Klasse regnet. Der Bluff hat funktioniert, man wurde nach Hause geschickt, aber bog schon an der nächsten Ecke ab, um sich im Kino „Et Dieu… créa la femme“ mit Brigitte Bardot anzusehen. Heute gibt es diese Teheraner Straße der Lichtspielhäuser nicht mehr, nur leere Ruinen …

Den Lockdown hat der Regisseur unter anderem für die Vorbereitung der Online-Werkschau genützt: „Ich hatte Zeit, meine alten Filme zusammenzusuchen und für die Retrospektive im Filmarchiv digitalisieren zu lassen. Ich war zwar daheim, habe aber viel gearbeitet. Und: ich finalisiere gemeinsam mit meiner Tochter ein neues Buch. Mir war also keine Sekunde langweilig.“

Die Filmliste:

5. bis 12. Februar: Der letzte Tanz, Houchang Allahyari, A 2014 / 12 bis 18. Februar: Fleischwolf, Houchang Allahyari, A 1990 / 19. bis 25. Februar: I Love Vienna, Houchang Allahyari, A 1991 / 26. Februar bis 4. März: Höhenangst, Houchang Allahyari, A 1994 / 5. bis 11. März: Geboren in Absurdistan, Houchang Allahyari, A 1999 / 12. bis 18. März: Die verrückte Welt der Ute Bock, Houchang Allahyari, A 2010, und  Die Liebenden von Balutschistan, Houchang Allahyari, Tom-Dariusch Allahyari, A 2017.

www.filmarchiv.at

  1. 2. 2021

Albertina: Alfred Seiland. Retrospektive

Juni 12, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Fotoreise von den USA bis in den Iran

Alfred Seiland: Truro, Massachusetts, USA, 1979. Privatbesitz © Alfred Seiland

Die Albertina widmet dem österreichischen Fotografen Alfred Seiland ab 13. Juni eine umfassende Ausstellung. Alfred Seiland ist einer der ersten österreichischen Fotografen, der sich zur Gänze der Farbfotografie verschrieben hat. Im Mittelpunkt seines Werkes steht die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kulturräumen: von der Ost- und Westküste der USA über das Gebiet des antiken Römischen Reiches bis Österreich und dem heutigen Iran.

Seine dokumentarischen Fotografien bestechen durch ihre ausgewogenen Farbabstufungen bei größtmöglicher Schärfe, die sich über alle Bildebenen erstreckt. Die Albertina präsentiert in dieser Ausstellung fünf seiner umfangreichen Serien. In seinen Aufnahmen gibt Seiland den Bildeindruck wieder, den er selbst bei der Aufnahme vor Ort hatte – aufgrund der durchgehenden Bildschärfe sind alle Bildelemente gleichwertig, vom nächsten Vordergrund – zum weitesten Hintergrundmotiv.

Alfred Seiland: Jupitertempel, Damaskus, Syrien, 2011. Besitz des Künstlers © Alfred Seiland

Alfred Seiland: Proleb, Österreich, 1981. Albertina, Wien © Alfred Seiland

Alfred Seiland: Wildwood, New Jersey, USA, 1983. Albertina, Wien © Alfred Seiland

Ab 1975 reist Alfred Seiland wiederholt in die USA, wo er den Aufstieg der Farbfotografie als Kunstfotografie miterlebt und sich bereits 1979 entschließt, nur mehr in Farbe zu arbeiten. Bis in die 1970er-Jahre hatte die klassische Kunstfotografie schwarz-weiß zu sein: Die Farbe war bis dahin aufgrund ihrer Verwendung in der Werbe- und Modefotografie für die künstlerische Fotografie verpönt. Für seine früheste Serie „East Coast – West Coast“ (1979 – 1986) entstehen in den USA exakt komponierte, atmosphärisch dichte Aufnahmen, die spezifische Licht- und Raumsituationen wiedergeben.

Es ist dasselbe Amerika der Neonschilder, der weiten Landschaften und Straßen, die die amerikanischen Wegbereiter der Farbfotografie wenige Jahre zuvor aufgenommen hatten. Seiland fotografiert bewusst an den gleichen Orten wie seine großen Vorbilder der jüngsten amerikanischen Farbfotografie Joel Meyerowitz, Stephen Shore und William Eggleston. Im Unterschied zu den Amerikanern begegnet der Europäer Alfred Seiland einer ihm kulturell fr emden Landschaft. Er entwickelt eine zutiefst eigenständige Blickweise auf ihm geradezu exotisch anmutende Motive wie riesige Werbetafeln, Neonschilder oder Motels.

Angeregt durch Aufträge für Magazine, beginnt Alfred Seiland, sich genauer mit dem Thema Österreich auseinanderzusetzen. Mit der Werkgruppe „Österreich“ entstehen zwischen 1981 und 1995 Arbeiten, die weder einen nostalgischen noch einen auf andere Weise verklärenden Blick auf das eigene Land werfen. Die Fotografien zeichnen sich vielmehr durch eine realistische, ungeschminkte Wiedergabe der Wirklichkeit aus. Für eine international vielfach ausgezeichnete Kampagne der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“) fotografiert er zwischen 1995 und 2001 berühmte Persönlichkeiten in aufwendigen Inszenierungen, die genau auf die Abgebildeten zugeschnitten sind.
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In einem 2006 begonnenen Zyklus widmet sich Alfred Seiland der Gegenüberstellung von historischen Stätten und zeitgenössischem Leben auf dem Gebiet des antiken Römischen Reiches und beleuchtet so das Spannungsverhältnis von Antike und Gegenwart. Aus dieser bisher mehr als 130 Aufnahmen zählenden Werkgruppe „Imperium Romanum“ hat sich die neueste Serie über den Iran von heute entwickelt, die in dieser Retrospektive erstmals präsentiert wird.
12. 6. 2018

Filmmuseum: Christian Petzold Retrospektive

April 1, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit „Yella“, „Barbara“ und „Phoenix“

"Phoenix" mit Nina Hoss und Nina Kunzendorf, 2014. Die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden, die mit neuer Intentität herausfinden will, ob ihr Mann sie verraten hat. Bild: © Christian Schulz

„Phoenix“ mit Nina Hoss und Nina Kunzendorf, 2014. Eine Holocaust-Überlebende will mit neuer Identität herausfinden, ob ihr Mann sie verraten hat. Bild: © Christian Schulz

Ab 7. April zeigt das Österreichische Filmmuseum eine Christian-Petzold-Retrospektive. Gezeigt wird das Gesamtwerk des deutschen Regisseurs. Petzold wird in dieser Zeit in Wien zu Gast sein, für eine Masterclass in Kooperation mit dem Drehbuchforum Wien und mehrere Publikumsgespräche zur Verfügung stehen, und eine Lehrveranstaltung am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien halten.

Als das Filmmuseum Christian Petzold eine erste Retrospektive widmete, war er gerade mit seinem Kinodebüt „Die innere Sicherheit“ aus dem Jahr 2000 „vom Geheimtipp des deutschen Gegenwartskinos zu einem seiner wichtigsten Vertreter avanciert“ – eine Einschätzung, die seither mehrfach bestätigt wurde. Preisgekrönte Arbeiten wie „Gespenster“, „Yella“ und „Jerichow“ rückten ihn immer stärker ins internationale Rampenlicht, während er seinen unverwechselbaren Stil perfektionierte.
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Christian Petzold. Bild: © Hans Fromm

Christian Petzold. Bild: © Hans Fromm

Petzold arbeitet an Phantombildern der deutschen Gegenwart, gespeist aus einer cinephilen Passion, die nicht am bloßen Zitat, sondern am (Ein-)Gemachten des Kinos interessiert ist. Und er beschwört gern Claude Chabrol als Referenzgröße, vor allem, was die Rolle der découpage betrifft: Die filmische Erzählung entsteht nicht so sehr am Schreib- oder Schneidetisch, sondern in der bewussten und präzisen Wahl von Blickpunkten, Bildgrößen und Kamerabewegungen.

Zwischen den Trugbildern eines „dokumentarischen“ Naturalismus und einer demonstrativ ausgeschilderten „Message“ setzt Petzold auf eine entschlackte Idee von Künstlichkeit. Nicht schöne Oberflächen oder auffällige Erzählexperimente sind das Ziel, sondern die filmische Konkretisierung dessen, was im jeweiligen Stoff – und in der Gesellschaft – latent vorhanden ist: „Das Kino entdeckt diese Dinge ja nicht, sondern es kennt sich nur wahnsinnig gut aus im Bereich der Träume und der Verdrängung. Hier findet das kollektive Unbewusste Bilder und Töne, hier geht es um Menschen, die an den Verhältnissen zerbrechen und die sich dagegen zur Wehr setzen.“

Zuletzt hat Petzold zwischen erfolgreichen TV-Ausflügen die Erforschung des Unbewussten um historische Sujets erweitert: Die DDR-Geschichte „Barbara“ und der Nachkriegs-Psychothriller „Phoenix“ wurden weltweit seine größten Publikums- und Kritikererfolge. Nur in Deutschland stieß „Phoenix“ auf wenig Gegenliebe – wohl ein Beleg für die Ausnahmeposition, die sich Petzold, in Zusammenarbeit mit seinem 2014 verstorbenen Lehrer und Dramaturgen Harun Farocki, erkämpft hat: Als wäre sein Kino zu filigran, zu vielschichtig, zu intelligent für „Aufreger“-Debatten im Feuilleton, weshalb es sich in Oberflächlichkeiten verbeißt, statt den subtilen Reichtum dessen zu würdigen, was durch bloße Andeutung wirkt.

Dreharbeiten zu "Yella" mit Nina Hoss und Devid Striesow, 2006. Bild: © Christian Schulz Honorarpflichtig + 7% Mwst Christian Schulz Bankverbindung:Sparkasse Berlin Kto 640188842 Blz 10050000

Dreharbeiten zu „Yella“ mit Nina Hoss und Devid Striesow, 2006. Bild: © Christian Schulz

Seit seinem Hochschul-Abschlussfilm, dem Road Movie „Pilotinnen“ aus dem Jahr 1995, hat Petzold so gründlich wie gelassen deutsche Wirklichkeit mit mythischen Entwürfen fusioniert, insbesondere mit jenen des heißgeliebten Krimi-Genres, beispielsweise wenn er „The Postman Always Rings Twice“ vor dem Hintergrund des Afghanistankriegs zu „Jerichow“ umschreibt.

Auch Geistergeschichten sind ihm nahe: Die RAF-Vergangenheit spukt durch „Die innere Sicherheit“, die ökonomische „Einverleibung“ des deutschen Ostens durch „Yella“, die Gespensterwelt des Holocaust durch „Phoenix“ – als Variante von Orpheus und Eurydike mit Schlaglichtern von Fassbinder-Melodramen, Franju-Horror und allumfassender Noir-Ambivalenz. Nicht zuletzt beweist „Phoenix“ sehr konsequent, dass Petzold-Filme erschütternde Liebesfilme sind. Noch so ein Kino-Kernmythos.

Zur Retrospektive gibt es eine „Carte blanche“:

Die aus 21 Werken bestehende Schau vertieft Christian Petzolds Wahlverwandtschaften im Kino; es sind Filme, wie er sie gemeinsam mit Crew und Schauspielern zur Vorbereitung sichtet. „Kino ist ein Kollektiv, man muss sich ja verständigen, das ist wie bei einem Bankraub.“ Erbeutet werden dabei auch neue Perspektiven: „Der Film wird ein anderer, wenn man ihn mit zwei verschiedenen Darstellern schaut.“ Zu sehen sind unter anderem „La stanza del figlio“ von Nanni Moretti, „Klute“ von Alan J. Pakula und „Thief“ von Michael Mann, „Les Voleurs“ von André Téchiné oder „La femme infidèle“ von Claude Chabrol.

Das Verhältnis zwischen Petzolds eigenen Filmen und denen, die er ausgewählt hat, ist nur zum Teil thematisch begründet. István Szabós „Bizalom“ etwa korrespondiert mit „Phoenix“ durch sein Weltkriegssujet, aber vor allem im Porträt einer Paarbeziehung, in der „Spiel zu Gefühl“ wird. An der Noir-Perle „Phantom Lady“ von Robert Siodmak aus dem Jahr 1944 faszinieren Petzold die „schwachen Männer“, aber auch der Irrwitz der Plot-Komplikationen. Eine starke Frau wie Petzolds „Beischlafdiebin“ findet ihr Echo in einer Nebenfigur von Don Siegels Gangster-Geniestreich „Charley Varrick“. Auch Bewegungsformen des Kinos bieten Anknüpfungspunkte: Wie man langes Gehen filmt in „Gespenster“ und in „La Fille seule“ von Benoît Jacquot oder Bilder für „herumfahrende Gespenster“ findet, wie in „Die innere Sicherheit“ und Kathryn Bigelows „Near Dark“. Und wie die Titelheldin in „Yella“ sich verkauft, haben es die Titelfiguren der Richard-Gere-Blockbuster „American Gigolo“ und „Pretty Woman“ getan – unter jeweils spezifischen historischen und sozialen Bedingungen. Christian Petzold stellt seine Filme diesen Werken gegenüber, um zu zeigen, was und wie er selbst erzählen will: eine, seine, wahre Geschichte Deutschlands und was es heißt, darin zu leben.
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Wien, 1. 4. 2016

Künstlerhaus: Valentin Oman Retrospektive

März 15, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Auch die Kärntner Dolmetschkabine ist in Wien zu sehen

Valentin Oman vor seiner Arbeitsmauer Bild: Ferdinand Neumüller

Valentin Oman vor seiner Arbeitsmauer
Bild: Ferdinand Neumüller

Valentin Oman zählt zu den renommiertesten Künstlern des Landes. Sein Gesamtwerk wurde bisher in keiner größeren Museumsausstellung präsentiert. Die längst überfällige Retrospektive, die anlässlich seines 80. Geburtstages initiiert wurde, macht nun – nach der ersten Präsentation im Museum Moderner Kunst Kärnten – im Künstlerhaus in Wien Station, wo sie ab 18. März zu sehen ist. Danach wandert sie in das Božidar Jakac Art Museum, Kostanjevica na Krki in Slowenien.

In der länderübergreifenden Retrospektive werden Werke aus mehr als fünf Jahrzehnten gezeigt. Omans beeindruckend umfangreiches Œuvre umfasst Malerei, Zeichnungen und Druckgrafiken, Skulpturen sowie Arbeiten im öffentlichen Raum. In seiner unverkennbaren Bildsprache widmet sich Valentin Oman dem Thema der menschlichen Existenz, den Fragestellungen des Seins, nach Vergänglichkeit und Transzendenz. Die Ausstellung versammelt Exponate von den 1960er Jahren bis heute, darunter typische Arbeiten aus den Werkreihen „Ecce homo“ sowie Dokumentationen der unzähligen Arbeiten für den öffentlichen Raum und eine Installation, die sich auf Valentin Omans Engagement für die zweisprachigen Ortsnamen in Kärnten bezieht.

Der Mensch und seine Existenz durchziehen leitmotivisch das Werk von Valentin Oman. Er hat eine unverkennbare Bildsprache entwickelt, in deren Mittelpunkt die menschliche Figur steht. Sie erscheint in abwechselnder Ausgestaltung in der Werkserie „Ecce homo“ auf hochformatigen, schlanken Bildern genau so wie in Wandmalereien, Collagen unterschiedlichster Materialien und in Metall- und Glasskulpturen. Immer abgewandelt und dennoch wiedererkennbar erscheint die Figur als schemenhafter, unscharfer Körper an der Grenze von Materialisierung und Auflösung. Unter dem Eindruck des Krieges auf dem Balkan schuf Valentin Oman Anfang der 1990er Jahr den Piraner Kreuzweg. Vierzehn Kreuzwegstationen auf Holztafeln artikulieren Gewalt, Chaos und Leiden der Menschen. Die Kreuzbilder, zuletzt viele Jahre in der Kirche Tanzenberg/Plešivec in Kärnten zu sehen, werden in ihrer Gesamtheit in der Ausstellung im Künstlerhaus präsentiert.

Darüber hinaus zeigt die Retrospektive frühe Arbeiten, in denen Oman seine typischen Menschenfiguren entwickelt, Collagen und Zeichnungen, Arbeiten in freskoähnlichen Mischtechniken und einige Stelen. Außerdem werden aus den im Laufe der Jahrzehnte entstandenen Reiseskizzen ausgewählte Blätter aus dem Zyklus „Indien“ zu sehen sein.

Valentin Oman hat zahlreiche Arbeiten für den öffentlichen Raum gestaltet, die vor allem die Kulturlandschaft in Kärnten stark geprägt haben. Für Schulen, Kirchen und öffentliche Plätze schuf er Mosaike, Betonreliefs, Seccomalereien oder skulpturale Arbeiten. Allen voran ist die Gestaltung der Kirche von Tanzenberg/Plešivec zu zählen, die als eines der gelungensten Beispiele für eine Intervention im sakralen Raum gilt. Weitere Arbeiten entstanden unter anderem für die Kärntner Sparkasse in Ljubljana/Laibach, das Bundesgymnasium für Slowenen in Klagenfurt/Celovec oder die Pfarrkirche St. Stefan/Šteben in Finkenstein/Bekštanj. Für die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Celovec hat er im Jahr 2000 eine in situ-Arbeit für die Dolmetschkabine erarbeitet. Die Kabine ist mit Schriftbändern der zweisprachigen Ortsnamen Kärntens versehen, ihr ist gemeinsam mit einer Audioinstallation ein eigener Raum in der Ausstellung im Künstlerhaus gewidmet. Die Gestaltung der Dometschkabine ist ein Hinweis auf das nach wie vor unzureichende öffentliche Bekenntnis zur slowenischen Sprache, für die sich Oman stets eingesetzt hat. Seine Haltung hat er auch in politisch schwierigen Zeiten beibehalten und zum Ausdruck gebracht. 13 Jahre lang, bis 2010, verweigerte er eine Personale in Kärnten.

Geografisch und thematisch umspannt die Ausstellung die Dreh- und Angelpunkte im Leben und Schaffen Valentin Omans: Kärnten, Wien und Slowenien sind seit jeher die Regionen und Lebensräume, mit denen Oman eng verbunden ist. An allen drei Orten hinterlässt er seine unverkennbaren künstlerischen Spuren. Die Retrospektive verknüpft nun diese wichtigen Stationen des Künstlers miteinander.

www.k-haus.at

Wien, 15. 3. 2016

Leopold Museum: Sengl Malt. Eine Retrospektive

Oktober 23, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Am Abgrund steht die feine Ironie

Peter Sengl: Tierweihe (Vierzehn), 2013 Bild: Eigentum des Künstlers

Peter Sengl: Tierweihe (Vierzehn), 2013
Bild: Eigentum des Künstlers

Ab 30. Oktober zeigt das Leopold Museum „Sengl Malt. Eine Retrospektive“. Die Ausstellung über den in Wien lebenden und arbeitenden Peter Sengl gibt einen umfassenden, retrospektiven Einblick in das malerische und zeichnerische Werk des österreichischen Künstlers, der in der Schau auch mit neuen Arbeiten überrascht. Sengls Werk ist eines der eigenwilligsten in der österreichischen Gegenwartskunst.

Von Beginn an war es ihm ein Anliegen „eigenartige und unverwechselbare“ Bilder zu schaffen. Als Zeichner und Maler gelang es ihm rasch einen eigenen Stil zu entwickeln, wobei das Figurative vorrangig ist. In spannender Weise verschränkt er in bildnerischer Prozesshaftigkeit das Zeichnerische mit der Malerei, die mit ihrem immer wieder auftauchenden gestischen Charakter eine Vitalität und Intensität des Bildnerischen schafft.

Sengl ist ein fulminanter abgründiger und analytischer Bilderzähler, dem das Wirkliche wirklicher ist als das Traumhafte etwa der Wiener Moderne. Im Erzählen von Leiden ist er ein Seelenverwandter Frida Kahlos, im Albträumen ein Nachfahre Alfred Kubins. Ein riesiger fotographischer Fundus, der über Jahrzehnte entstanden ist, fungiert als Basis für seine collageartigen Bildfindungen. Der thematische Fokus seines Schaffens ist der Mensch im Netzwerk animalischer Natur und von Apparaten bestimmter Existenz. Er verschmilzt Tief- und Abgründiges mit unerwartetem Humor und feiner Ironie. „Sengls Arsenal sadomasochistischer Einrichtungen lässt selbst abgebrühte Naturen nicht kalt, einer expressiv gezeichneten Wirklichkeit hat er die Persiflage hinzugefügt, die Volkskunst mutiert zu austrophiler Pop Art voller Biss und Galle“, formulierte Peter Baum über den Maler. Anklänge an kunsthistorische Werke sind ebenso signifikant wie seine zahlreichen Selbstdarstellungen und die Betitelung seiner Arbeiten, die gleichsam als literarische Miniaturen zum Signum seines Oeuvres geworden sind. Für die Ausstellung im Leopold Museum hat Peter Sengl eine eigene Serie geschaffen, in denen er sich mit Bildern der Sammlung auseinandersetzt.

Über den Künstler:

Peter Sengl wurde im Jahr 1945 südlich von Graz, in Unterbergla / Bezirk Deutschlandsberg geboren. 1963 ging Sengl an die Akademie der bildenden Künste und studierte bei  Sergius Pauser. 1965 lernte der junge Künstler im legendären Café Hawelka Susanne Lacomb kennen, seine spätere Frau. Sie ist für den Künstler nicht nur oft „Modell“, sondern bis heute auch wichtigster Begleiter seines künstlerischen Werdegangs. 1974 wurde Peter Sengls und Susanne Lacombs Tochter Deborah geboren, heute ebenfalls eine erfolgreiche Künstlerin.

www.leopoldmuseum.org

www.petersengl.at

Wien, 23. 10. 2015