KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

www.kosmostheater.at

  1. 10. 2017

Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Juni 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Solidarität mit der Schildkröte

Der Mensch braucht mehr als nur das Notwendigste: Die „High Heels Phantasma“-Szene. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Eine der schönsten Szenen nennt sich „High Heels Phantasma“. Da bittet eine deutlich Bessersituierte zur Manolo-Blahniks-Verteilung, weil der Mensch, vor allem die Frau, braucht mehr als nur das Notwendigste. Und während die linksgedrehten NGO-Damen mit den Hilfscontainer-T-Shirts protestieren: „Der Stöckelschuh ist die Burka des Westens!“, greifen die Flüchtlinge zu und tanzen in ihren Neueroberungen.

Und die Bessersituierte erzählt, im KZ hätte sie sich jeden Tag die Lippen rot gemalt. Mit Ziegelsteinen oder ihrem Blut. Als ein Zeichen, dass sie nicht das Tier ist, zu dem man sie machen wollte. Der Mensch braucht Kultur – und da gehört Schminke dazu. Dies Phantasma ist nicht so fantastisch. Etwas Ähnliches hat es sich im Sommer 2015 tatsächlich zugetragen. Recht erinnert, hat sogar das Fernsehen darüber berichtet. Nun ist die Bühnenfassung davon zu sehen: „Traiskirchen. Das Musical“. Im Volkstheater Wien. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant, bekannt als „Die Schweigende Mehrheit“ und für ihre von Identitären gestürmte Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im AudiMax, haben aus den Ereignissen von vor zwei Jahren eine abgedrehte Musikrevue gemacht, haben es tatsächlich geschafft, das Surreale dieser Tage ins Skurrile zu überhöhen – und aus einem tonnenschweren Thema einen (über weite Strecken) leichtfüßigen Abend zu gestalten.

Dazu bedienen sie sich aller Mittel der leichten Muse. Gesang, Tanz, Klamauk; Traumsequenzen sind Slapstick in Zeitlupe, die Dialoge sind irr/witzig, denn immer wieder bricht die Handlung, um doch festzuhalten, dass vieles, was da passiert ist, lächerlich, aber nicht zum Lachen ist. Die Musik stammt unter anderem von Texta, Eva „Gustav“ Jantschitsch, Bauchklang, Imre Lichtenberger Bozoki, dem musikalischen Leiter der Aufführung, Jelena Popržan, Sakina Teyna, Mona Matbou Riahi oder Leonardo Croatto. Der „Hauptdarsteller“, der rote Faden, ist das Lager Traiskirchen. Wie in den guten, alten 1980er-Jahre-Musicals, in denen ein Protagonist nach dem anderen vortritt, um seine Geschichte zu erzählen, so ungefähr funktioniert es auch hier.

Der Bösewicht ist Journalist: Dariush Onghaie spielt und singt den Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Das Krähengericht (hi.) muss über einen Fall von Folter entscheiden: Shureen Shab-Par spielt die Kurdin, die glaubt ihren Peiniger erkannt zu haben. Bild: Verena Schäffer

Dazwischen gibt es verbindend Komisches, Running Gags wie etwa Moussa Thiaw als Moses, der statt seinen ORS-Pflichten nachzukommen, lieber mit seinem Schatzi telefoniert, drei Love Storys über alle Grenzen hinweg, und hinreißende, mitreißende Ensembleszenen. Dreiviertel der Darsteller sind diesmal Profis, 30 Menschen aus 19 Herkunftsländern, ausgebildete Sänger, Tänzer, Schauspieler … Sie alle kennen Traiskirchen von innen, manche waren schon vor Jahren als Kinder dort, andere erst kürzlich. Geschont wird in dieser Inszenierung niemand. Weder die Traditionalisten noch die Willkommensrassisten, weder die Islamisten noch die selbstverliebten Weltverbesserer.

„Traiskirchen. Das Musical“ zeigt einmal mehr, dass sich am meisten hasst, was sich am ähnlichsten ist. Im „Parolenbattle“ versucht jede Partei die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die hasten hin und her – und finden sich am Ende bei Geiz ist geil. Beim Integrationsshopping sozusagen. Die zum Spendenselbstopfer hochstilisierte Zivilgesellschaft muss sich genauso persiflieren lassen wie die überforderte Politik, ein Dschihadist (gespielt von Jihad Al-Khatib), der Medikamente, die er braucht, auf religiöse Reinheit prüft, wird ebenso durch den Kakao gezogen, wie der letzte Christ (Amin Khawary stellt ihn dar), der versucht mit Hardrock auf seine Kirche aufmerksam zu machen.

Der Schlepper vom Dienst (verkörpert von Khalid Mobaid) spricht nicht nur wie Jesus beim Letzten Abendmahl, er lässt sich anschließend auch kreuzigen. Gern ist er der alleinig Schuldige, solange seine Kasse stimmt. Uwe Dreysel rennt als ORS-Josef von hie nach da, um zu helfen, aber ach, seine Bemühungen wollen und wollen nicht fruchten. Am Höhepunkt des Trubels wieder Bruch, wieder (Alb)traumsequenz: Das Krähengericht tritt zusammen, weil eine Kurdin (gespielt von Shureen Shab-Par) glaubt, in einem anderen Lagerbewohner ihren einstigen Folterer erkannt zu haben. Doch der hat einen philippinischen Pass – ORS-Moses ist rat- und hilflos …

Stefan Bergmann singt und spielt einen Traiskirchner, der Welcome-Blumen pflanzt, aber alsbald auf Rache sinnt. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Die ORS-Männer sind überfordert: Moussa Thiaw als Chef Moses (am Apparat natürlich Schatzi) und Farzad Ibrahimi als David, die Pfeife. Bild: Verena Schäffer

Während der Peiniger nicht identifiziert werden kann, ist es mit anderen Dramatis personæ ganz leicht. Hanna Binder ist großartig als Betreuungsstellendirektor Stabhüttel, dessen einzige Sorge und Solidarität der aus ihrem Lebensraum Teich verschwundenen Schildkröte (dargestellt von Kung-Fu-Meister Haidar Ali Mohammadi) gilt – „Die haben sicher die Ausländer gefressen!“ – nein, es wird sich herausstellen, sie ist nach Schweden weiter emigriert. Auf alle Sorgen weiß er nur einen Satz: „Des is mei Lager.“ Für Khalid Mobaid haben Lichtenberger Bozoki und Richard Schuberth den „Mikl-Leitner-Blues“ geschrieben, eine sehr sexy vorgestrippte Nummer, in der die Bühneninnenministerin beklagt, wie es ist, „to be the eternal booman, the most misunderstood woman – since Richard Nixon and President Truman.“ Eine Weltklassenummer, in der natürlich der Weltklassesatz fallen muss: „So viele Menschen – so wenig Klopapier.“

Dariush Onghaie darf der Bösewicht des Stücks sein, ein Journalist, genannt der Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Seine Message ist klar: Egal, was er schreibt, „ihr glaubt mir eh alles“. Zwei gute/schlechte Typen sind auch Stefan Bergmann als Traiskirchner, der Welcome-Blumen für die Refugees pflanzt, aber sofort nach Rache ruft, als versehentlich eines der Pflänzchen zertreten wird. Bernhard Dechant gibt den am Bühnenrand herumlungernden und auf seine Chance wartenden Quotensandler, auf den sich die Österreicher immer dann besinnen, wenn ihnen der einheimische Obdachlose lieber ist, als der ausländische – in solch schwachen Momenten, und nur in solchen Momenten wird er dann gehegt und gepflegt.

Drum hasst sich am meisten, was sich am ähnlichsten ist: Die rechten Weltanschauungen des „Orient“ und des „Okzident“ prallen aufeinander. Bild: Verena Schäffer

Futurelove Sibanda schließlich ist Tanzfans ohnedies längst kein Unbekannter mehr. Der vielseitige Solo-Performer ist seit 2009 in zahlreichen Produktionen als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu sehen gewesen – in „Traiskirchen. Das Musical“ spielt er einen Amnesty-International-Mitarbeiter, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Hilfsarmada freilich für einen Flüchtling gehalten wird.

Die geballte Professionalität der Produktion zeigt einmal mehr, welch Potenzial da ist, wenn man über Grenzen hinausgeht. Sie ist ein Feel-Good-Feel-Free-Abend, und die Spielfreude der Akteurinnen und Akteure mehr als ansteckend. Dass Leisch/Dechant manchmal Richtung Erklärstück entgleiten, ist den beiden inne, und wahrscheinlich tatsächlich kann man’s manchen nicht oft genug sagen. Die Standing (hier eigentlich: Moving) Ovations am Ende aber galten den allesamt sehenswerten Performances. Und waren endlich eine Gelegenheit gemeinsam zu tanzen und zu feiern.

INFO: ORF2 bringt am 11. Juni um 13.30 Uhr in „Heimat, fremde Heimat“ einen Bericht von der Premiere. Nach den Wiener Festwochen gibt es Spieltermine in Niederösterreich.

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=24999

www.schweigendemehrheit.at

www.festwochen.at

Wien, 10. 6. 2017

Schauspielhaus Wien: Das Gemeindekind

März 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Abend zum Weiterdenken

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Der 1887 veröffentlichte Roman „Das Gemeindekind“ gilt als das Hauptwerk der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). Die adelige Autorin erlangte Bekanntheit durch ihre psychologischen Erzählungen mit gesellschaftskritischem Inhalt, verbunden mit der Forderung nach Emanzipation. Der Titel „Das Gemeindekind“ steht für den energischen Protagonisten Pavel Holub, der der Gemeinde zur Last fällt, weil sein Vater gehenkt und seine Mutter mit Kerker bestraft wird. Thema der Geschichte ist der Einfluss der Erziehung und des Milieus, aber auch des Willens eines Individuums auf seine Entwicklung: Trotz wiederholten Rückschlägen gelingt Pavel der Aufstieg von einem abgeschobenen Gemeindekind zu einem respektierten Gemeindemitglied. Dieser Werdegang widerlegt die Auffassung, dass negative Eigenschaften und Verhaltensweisen vererbt würden. Marie von Ebner-Eschenbach übt mit dem Roman Kritik an der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Kindern aus Problemfamilien, den Vorurteilen, die ihnen entgegengebracht werden und ihrer Zurückweisung oder Abschiebung. Dabei nimmt sie weder Kirche, Adel noch Dorfgemeinschaft von ihrer Kritik aus. Rezensenten sehen in dem Werk große Erzählkunst, verknüpft mit humanitärem Denken und pädagogischer Absicht der Dichterin. Das zeigt sich insbesondere in der authentischen Schilderung sozialer Umstände, einer gedämpften Verklärung und der abschließenden Darstellung einer sich frei entwickelnden Persönlichkeit.

Anne Habermehl (Libretto), Gerald Resch (Komposition) und Rudolf Frey (Regie) versuchten aus der Prosa nun ein Singspiel für fünf Sänger und fünf Instrumente zu machen. Keine Aktualisierung des Ebner-Eschenbach‘schen Werks, keine Adaption des Romans für die Bühne sollte es werden, sondern eine Neudichtung. Der Ansatz ist sehr gelungen, wiewohl er in 75 Minuten unmöglich die Wichtigkeit des Werks entsprechend würdigen kann. Es musiziert das Ensemble PHACE. Es singen und spielen Thiemo Strutzenberger (Pavel), Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Barbara Horvath und Katja Jung. Habermehl, die den Stoff in den Postkommunismus versetzt, schuf ein Konzentrat, ein Lehrbeispiel für mangelndes Vertrauen, fehlende Solidarität und Fremdenfeindlichkeit. Kunovice ist nicht nur heute, sondern überall. Und der Mensch hat Talent darin, die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.

Doch zunächst teilen sich die Frauen das sozial verstörte Gemeindekind auf. „Bildungsarmut ist behandelbar“, teilt die Lehrerin Habrecht (Katja Jung) mit. Sie, die kommunistische Waisenhausleiterin, ist zur Zusammenhängesucherin mutiert. Weniger edel sind die Motive der Virgilova (Barbara Horvath), die nicht mehr als eine gierige Ziehmutter ist, die Pavel in ihrer Bar auf den Strich schickt. Der, gewohnt der Sündenbock zu sein, prostituiert sich gerne. „Geld ist ein verdammt gutes Gefühl“. Und er will seiner angebeteten Vinska (Franziska Hackl) doch so ein Wischdings-Handy kaufen. Doch die rotzfreche Göre, die sich selbst auf dem Marktplatz für die Burschen auszieht, spielt nur mit ihm. Florian von Manteuffel als Stänkerer Peter, der vor lauter Kraft die Beine nicht zusammenbringt, komplettiert das Panoptikum. Pavel ist und bleibt der Sündenbock. Strutzenberger spielt das in trotziger James-Dean-Pose. Trotz aller Bemühungen, sein Benehmen zu verbessern, auf den Ruf zu achten, zeigt sich bei der Mehrheit der Dorfbewohner keine Einsicht, was wiederum Aggressionen in Pavel auslöst und in einer Schlägerei endet. Er liegt in seinem Blut. Die Gemeinde tritt zum Totentänzchen an. Und Pavel geht.

Eine intensive Aufführung – nicht zuletzt dank der Musik von Gerald Resch, einem der wesentlichen Protagonisten der österreichischen zeitgenössischen Musik; „Das Gemeindekind“ ist seine erste musiktheatralische Arbeit. Der man zur Entfaltung mehr Zeit gewünscht hätte. Das sagt man dieser Tage auch nicht alle Tage.

www.schauspielhaus.at

Wien, 6. 3. 2015

Theater Brett: Das Schicksal der Anderen

März 11, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung nach dem Bestseller

„Mellettem elférsz” von Krisztián Grecsó

Bild: © Collegium Hungaricum Wien/ Theater Brett

Bild: © Collegium Hungaricum Wien/ Theater Brett

Am 18. März hat im Theater Brett „Das Schicksal der Anderen“ nach dem Roman des ungarischen Autors Krisztián Grecsó Premiere. Regie führt András Léner; es spielen Nika Brettschneider, Lukas Johne, Jakub Kavin, Sophie Resch, Agnieszka Salamon und Martin Vischer.

Das Wiener Theater Brett wird in Koproduktion mit dem Balassi Institut–Collegium Hungaricum Wien der Schauplatz einer einzigartigen österreichisch-ungarischen Produktion. Der preisgekrönte Bestseller-Roman des jungen Autors Krisztián Grecsó kommt als Theaterstück in deutscher Sprache unter der Regie von András Léner in hochkarätiger Besetzung erstmals auf die Bühne. Der Hauptdarsteller wird niemand geringerer als Martin Vischer sein,der zuvor im Wiener Schauspielhaus als Princip brillierte und 2014 von Joachim Lottmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Jahrhundertbegabung gepriesen wurde. Die aufwändige Produktion ist eines der Highlights dieses Jahres im Theater Brett, das heuer bereits sein 30-jähriges Bestehen feiert. Das Theaterstück wirkt wie ein vertracktes Märchen von parallelen Lebensgeschichten, basierend auf dem Familienroman von Krisztián Grecsó. Mellettem elférsz.
Dem Werk liegt die Idee zugrunde, dass neben Genen und Bräuchen auch unsere Geschichten und Schicksale weitervererbt werden. Die Taten vergangener Generationen, ihre Fehler und Verdienste, können bis in die Gegenwart nachwirken. Der Protagonist des Theaterstücks lebt im Budapest der Gegenwart. Er wird durch das schmerzhafte Ende einer Beziehung, das Auffinden des Tagebuches seiner Großmutter und durch einen Brief, der das Familienlegendar hinterfragt, zu seinem Weg der Identitätssuche veranlasst. Das Leben und die Geschichte dieses jungen Mannes, der sich selbst sucht, wahrnimmt, deutet, entfalten sich parallel dazu, wie er langsam an immer mehr oftmals geheime, wahre Geschichten der Familie gelangt. Alles, was der Protagonist erlebt und erfährt, sehen wir in parallel ablaufenden Geschichten erzählt, die das generationenübergreifende Leben auf einem Bauernhof und in einer Fabrik in den 1930er, 1960er und 1970er Jahren beleuchten. So erfahren wir etwa von einer sich vertiefenden Freundschaft zwischen zwei Männern im Umfeld einer Hanffabrik. (Später tritt einer von ihnen in einen Kirchenorden ein. Seine Geschichte wird zu einer Art Umkehrung der Jonas-Geschichte.) In den 1950er Jahren verliebt sich ein Bauarbeiter hoffnungslos in ein Mädchen aus dem Bürgerstand. Es entwickelt sich ein stürmisches Liebesdreieck, das von einer alten Dame aus der heutigen Zeit nacherzählt wird. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund liefern die großen Zäsuren des 20. Jahrhunderts: der Zweite Weltkrieg, die Revolution von ’56 und die Wende 1989/90. Die Geschichten, in denen es stets um Liebe, Träume und die Beziehung zwischen Mann und Frau geht, spielen sich vor dem Hintergrund dieses sich wandelnden Osteuropas ab.
Der junge ungarische Autor Krisztián Grecsó begann seine literarische Karriere mit Gedichten, feierteseinen ersten großen Erfolg im Jahre 2001 aber mit seinem skandalösen Novellenband Pletykaanyu (übersetzt: Tratschtante). Seitdem erhielt er zahlreiche Preise und seine debütierende Bühnenarbeit Cigányok (übersetzt: ZigeunerInnen) wird seit vier Jahren mit großem Erfolg im József-Katona-Theater (Budapest) gespielt. Sein letzter Roman, Mellettem elférsz (2012), war monatelang der Spitzenreiter der ungarischen Bestsellerlisten und gleichzeitig auch der Roman des Jahres. In der turbulenten Welt des 20. Jahrhunderts begleitet uns der Autor auf eine Reise durch das Karpatenbecken und darüber hinaus, von Rumänien und Siebenbürgen bis nach Österreich und zu den Alpen. Von der Welt der Dienerschicht in den 1930er Jahren gelangen wir über die Budapester Arbeiterschicht der 1950er Jahre bis zu den Ruinenkneipen der Gegenwart.
Dem Stück gelingt es, das alles nicht bloß aufzuzählen und aufzulisten, sondern genussvoll bei den einzelnen Geschichten zu verweilen: Ehen zerfallen, Liebesgeschichten werden neu entfacht. In seiner Regiearbeit beschäftigt sich András Léner oft mit jenen Fragen, die für alle aktuell und wichtig sind: die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Familie, den Wurzeln und der Geschichte. Die zwei jungen HauptdarstellerInnen des Stücks, die österreichische Sophie Resch und der schweizerisch-ungarische MartinVischer, sind dem Wiener Publikum aus vielen Kurzfilmen, Theater- und Performanceaufführungen bekannt.

Wien, 11. 3. 2014