TAG: Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik

November 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amüsante Misere der Medienmenschen

Jens Claßen, Lisa Schrammel, Monika Klengel und Georg Schubert. Bild: Anna Stöcher

Die politische Utopie ist tot, die untote Vergangenheit lebt. Auf diesen Punkt bringt am Ende einer der Protagonisten die Situation der Nation, wenn nicht der Welt, und es wäre ein allzu deprimierendes, wäre man nicht zuvor zwei Stunden lang im TAG gesessen. Dort hat sich einmal mehr Ed. Hauswirth mit seinem Grazer Theater im Bahnhof unters Wiener Ensemble gemischt.

Diesmal mit dem Ansinnen entlang Boccaccios „Il Decamerone“ eine aberwitzige Farce über die heimische Politik- und Medienlandschaft zu entwickeln. Ja, „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ befasst sich tatsächlich mit dem Journalismus. Da fühlt man sich ein wenig auf den Nabel geschaut, schon TAG-Chef Gernot Plass‘ Aufsatz auf dem Programmzettel kann man gleichsam nur schuldbewusst abnicken – als selbsternannte Meinungsmacherin, und wenn man im vollen Zuschauerraum diejenige ist, die an diversen Stellen am lautesten lacht, dann wegen: naja, Auskennerin eben. Wie immer haben Hauswirth und Team den Text nach geführten Interviews entwickelt, und da müssen einige Kolleginnen und Kollegen niedergeschmettert von der eigenen Branche aus dem Nähkästchen geplaudert haben, so absurd, so traurig, aber wahr ist der Abend, der daraus entstanden ist.

An diesem versammeln sich acht „publizierende Persönlichkeiten“ in einer Mäzenatenvilla am Semmering, das macht man seit ewig so, zum Ausspannen vom harten Kampf um die Aktualität, diesmal allerdings scheint die Zusammenkunft mit einer biedermeierlichen Realitätsflucht zu tun zu haben. Handys werden weggesperrt, Cocktails gemixt, die Frauen gehen joggen, die Männer kochen, über der von Johanna Hierzegger sparsam gestalteten Spielfläche kann das Publikum auf zwei Monitoren verfolgen, was drinnen in den Zimmern und draußen in der Natur vor sich geht. Die Laune ist zunächst bestens, die Musik laut, dazu wird sich zum Wettnageln nackig gemacht.

Raphael Nicholas und Beatrix Brunschko. Bild: Anna Stöcher

Beatrix Brunschko und Lorenz Kabas. Bild: Anna Stöcher

Doch man hat eben über die Jahre miteinander nicht nur geflirtet, gesungen und Sex gehabt, man hat auch miteinander gearbeitet, geschrieben und einander bis weit über die Schmerz- und Schamgrenze ausgenützt. Wo Alkohol ist, ist Auseinandersetzung, und so geraten die Kumpane alsbald aneinander. Monika Klengel spielt dabei Linde, eine in ihrem Glauben an sich selbst unerschütterliche Ex-Chefredakteurin, die einst mit einem Wochenmagazin spektakulär scheiterte, und dabei etliche von ihr angeheuerte Freunde mit in AMS-Gefilde riss.

Weil man dort für die schreibende Zunft keine Jobs, sondern nur ein Kopfschütteln übrig hat, arbeiten die Fifty-Somethings nun allesamt als „Freie“. Passé ist das Angestelltendasein, perdu sind die 15 Monatsgehälter, man hält sich mit Bücher- und Reden-Schreiben, mit Podcasts und Blogs mehr schlecht als recht über Wasser, aber immer noch den Kopf oben, denn man hat sie noch – seine Integrität. Die zu beschädigen tritt Markus an. Lindes ehemaliger Praktikant ist der einzige, der es geschafft hat, er ist nun „geschäftsführender Chefredakteur“ eines Boulevardblatts.

Dieses offenbar ein veritables Krawallmachermedium, das den rechtspopulistischen Regierungskurs hochjubelt. Raphael Nicholas gestaltet die Art affektierten Teflonmann, dessen sleeke Selbstverliebtheit aus allen Poren tropft, und dass dieser Markus etwas Mephistophelisches hat, zeigt sich auch dann, wenn er am Schluss zur scheinheilig-reuigen Fußwaschung der gewesenen Verbündeten antreten muss.

Zuvor aber bietet dieser Markus dem einen, nicht unbedingt ebenso dem anderen einen Schreibtisch in seinem Medienimperium an. Und weil die Lage der Angesprochenen prekär genug ist, wird nun überlegt: „Schreibende Nutte für ein Drecksprojekt“ werden? Sich vom Geld korrumpieren lassen und eine Kolumne über Volkskultur verfassen? Prinzipien, aber in der Tasche den letzten Cent haben? Fronten brechen auf, und die Pest wütet nicht weniger als im „Decamerone“. In dieser Stimmung entfalten Hauswirth und Mitstreiter nun ihre Kritik am System und an sich selbst, kriegt doch in erster Linie das kollektive linksintellektuelle In-Ohnmacht-Fallen angesichts herrschender Verhältnisse eins aufs Dach.

Georg Schubert, Juliette Eröd, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Fassungslos stehen die Figuren vor dem Fakt, dass ihre gut eingeübten gesellschaftlichen Diskurse nichts mehr gelten und plötzlich die ideologische Gegenseite die öffentliche Hegemonie beansprucht. Politiker machen sich via Twitter ihre Nachrichten selber, Plattformen regieren über Blattformen. Und während man sich an Markus anbiedert oder sich ihm gegenüber abweisend verhält, wird gestritten, geprügelt, gejammert, entgleist.

Wird Faschismus-Fantasien und solchen über Bürgerwehr und Blasmusik, Reaktion und Ressentimentkultur freier Lauf gelassen. Das alles könnte konzentrierter sein, vor allem in der letzten halben Stunde zerfasert die Aufführung von der brisanten Pointiertheit doch in die Beliebigkeit, gerät die Zankerei zunehmend zäh.

Nichtsdestotrotz sind die Schauspieler gewohnt großartig: Beatrix Brunschko als feministischer Freigeist Barbara, Juliette Eröd als esoterisch angehauchte Dora, die noch dazu frischen Trennungsschmerz zu verwinden hat, Jens Claßen als verbrauchter, ausgeschriebener Frank, den seine junge, noch an das Gute im Journalismus glaubende Geliebte Birgit, Lisa Schrammel, unbedingt zum Vater machen will, Georg Schubert als Harry, dieser seit seinem Absturz Lohnschreiber in SPÖ-Diensten. Lorenz Kabas schließlich gibt den gutmütigen Querdenker Clemens, er als Standesvertreter einer bedrohten Art zweifellos der Sympathieträger des Abends. Weshalb ihm in einer der zahlreichen surrealen Szenen, zu einer endlosschleifigen, in Englisch gehaltenen Kanzler-Kurz-Rede, auch der beste Satz gehört, nämlich: „Ignorieren Sie diese Stimme!“

Trailer: vimeo.com/300373630

dastag.at

  1. 11. 2018

Wien Museum: Der erkämpfte Republik

Oktober 21, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Als 1918 der Acht-Stundentag eingeführt wurde

Die Ausrufung der Republik am 12. November 1918. Bild : Richard Hauffe © Wien Museum

Wien, 12. November 1918: Hunderttausende waren auf die Wiener Ringstraße gekommen, um das Ende der Habsburger Monarchie und den demokratischen Neubeginn zu feiern. An diesem Tag wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Die Ausstellung „Die erkämpfte Republik“ erzählt ab 25. Oktober im Wien Museum davon, wie der neue Staat entstand und welche Folgen die Wendezeit 1918/19 hatte. Zwölf dramatische Monate in faszinierenden historischen Fotodokumenten: Der Zerfall des Habsburgerreiches und das Kriegsende, die Rückkehr der Soldaten, Hunger und Not.

1918/19 markiert aber auch den Beginn einer neuen demokratischen Ära: Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, Zensur und Versammlungsverbote wurden aufgehoben, der Acht-Stundentag eingeführt. Diese Errungenschaften kamen nicht von selbst – sie waren hart erkämpft. Einerseits von den demokratischen Kräften im Land, andererseits von Teilen der Bevölkerung, die in einer beispiellosen politischen Aufbruchsbewegung für einen Neuanfang auf die Straße ging. Schauplatz der Massenkundgebungen und revolutionären Proteste war die Ringstraße.

Der politische und gesellschaftliche Umbruch fand erstmals vor den Augen von Fotojournalisten statt. Woche für Woche erreichten die aktuellen Bildberichte in den auflagenstarken Illustrierten ein großes Publikum. Im Mittelpunkt der Schau steht das Werk des Wiener Fotografen Richard Hauffe der besonders eindrückliche Bilder der jungen Republik hinterließ. Ein Teil seines Werkes hat sich im Wien Museum erhalten und wird erstmals gezeigt. Die fotografische Erzählung wird um Wahrnehmungen von Zeitgenossen ergänzt. Neben Journalisten, Schriftstellern, Politikern und Wissenschaftlern wie Stefan Zweig, Alfred Polgar, Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Rosa Mayreder, Sigmund Freud oder Josef Redlich kommen bewusst auch ganz unbekannte Menschen wie etwa die Ziegelarbeiterin Marie Toth oder der Facharbeiter Albert Lang zu Wort, die ihre Erlebnisse in Tagebüchern oder Briefen festgehalten haben.

Manchen erschienen die damaligen Ereignisse unwirklich und schwer fassbar. Zu rasant waren die tagtäglichen Veränderungen, zu unabsehbar die längerfristigen Folgen. So schrieb etwa Stefan Zweig am 27. Oktober in seinem Tagebuch: „In Österreich überstürzen sich die Dinge mit namenloser Geschwindigkeit. Die Lawine rollt rasch: man möchte ihr zuschauen, wie sie stürzt, aber sie hält nicht inne. Es ist furchtbar, diese Eile, dieses rasende Tempo.“

„Hoch die Republik!“ Wahlkampf für die erste Parlamentswahl der Republik, Februar 1919. Bild: Das interessante Blatt, 13. Februar 1919 © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913. Bild: © Kreisky Archiv

„Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ Diese Forderung wurde bereits auf sozialdemokratischen Frauenkundgebungen vor dem Ersten Weltkrieg erhoben – vergebens. Gegen Kriegsende nahmen die Frauen den Kampf erneut auf. Am 24. März 1918 fand im Wiener Rathaus unter dem Motto „Für Frauenwahlrecht und Völkerfrieden“ eine große „Frauentagsversammlung“ statt. Im Sog des politischen Umsturzes ging dann alles sehr schnell, die Konservativen gaben die Widerstände gegen die Gleichberechtigung an der Wahlurne auf. Im neuen Grundgesetz der Republik, das am 12. November 1918 beschlossen wurde, war auch das Frauenwahlrecht verankert. Tage später wurden durch Kooption die ersten Frauen in den Wiener Gemeinderat aufgenommen.

Die Startbedingungen für die Republik waren alles andere als günstig. Der verlorene Krieg lastete schwer auf dem Land, die Stimmung unter den Kriegsheimkehrern pendelte zwischen Niedergeschlagenheit und Revolutionsbereitschaft, schwere Hungersnöte plagten Wien, die Spanische Grippe, Tuberkulose und andere Krankheiten forderten auch noch nach Kriegsende viele Opfer. Dazu kamen die extreme Kohlennot, das Wohnungselend und die schlechte Gesundheitsversorgung.

„Die Männer rauchen, damit ihnen der Hunger vergeht“, schrieb die Wienerin Fritzi Sallaba in einem Brief im Dezember 1918. Und sie ergänzte: „Wie Schatten gehen die Menschen herum.“ Besonders in Wien war 1918/19 die Versorgung mit Nahrungsmitteln katastrophal. Viele Hungernde unternahmen sogenannte Hamsterfahrten auf das Land. Die Großstadtbewohner kauften bei den Bauern der Umgebung Lebensmittel oder suchten in den abgeernteten Feldern nach Essensresten. Frierende Wiener holzten ganze Parks und Grünzonen ab, wobei sich der Wiener Wald als besonders ergiebiges Brennstoffreservoir erwies.

Kriegsheimkehrer auf dem Zugdach, Wien, November 1918. Bild: Wiener Illustrierte Zeitung, 20. Dezember 1918 © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Hunger nach dem Krieg. Frauen und Kinder durchstöbern einen Mistplatz, Wien 1920. Aus: Das interessante Blatt, 3. März 1920. Bild: Josef Perscheid © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Während der ersten Monate der jungen Republik wurden weitreichende Sozialreformen umgesetzt, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen verbesserten. Eine dieser Maßnahmen, die auf Initiative des SPÖ-Staatssekretärs für soziale Fürsorge Ferdinand Hanusch zurückging, war die gesetzliche Verankerung des Acht-Stundentags im Dezember 1918. Sie brachte die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit auf ein erträgliches Maß. Von den überlangen Arbeitszeiten bis zu 16 Stunden und Nachtschichten, beispielsweise zur Produktivitätssteigerung in Fabriken, waren im 19. Jahrhundert nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder betroffen. Diese Belastungen gehörten nun der Vergangenheit an.

Mitte 1919 hatte sich die politische Situation in Österreich einigermaßen stabilisiert, wichtige Entwicklungen standen zu diesem Zeitpunkt aber noch an: der Beschluss einer neuen Verfassung im Jahr 1920, die Umsetzung wichtiger Sozialgesetze, der Aufbau eines neuen Berufsheers, die Einlösung mancher Bedingungen des Pariser Friedensvertrags oder die endgültige Festlegung der Grenzlinie in Südkärnten und im Burgenland, um nur einige Beispiele zu nennen. Trotzdem machte sich erstmals zaghafte Hoffnung breit. In der Fotoberichterstattung der Illustrierten kehrte der Alltag zurück.

Im Sommer 1919 lichtete der junge Sportfotograf Lothar Rübelt drei Wurfathletinnen des Damensportvereins Danubia in kurzen Hosen und mit entblößten Beinen ab. In Bildern wie diesen, die vor dem Krieg noch vollkommen undenkbar gewesen waren, kündigte sich eine neue Zeit an.

www.wienmuseum.at

21. 10. 2018

Karlheinz Essl will Sammlung der Republik verkaufen

März 24, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Baumax-Gründer ringt um 4000 Arbeitsplätze

Karlheinz Essl  Foto: Frank Garzarolli, © Sammlung Essl Privatstiftung, 2009

Karlheinz Essl
Foto: Frank Garzarolli, © Sammlung Essl Privatstiftung, 2009

Die angeschlagene Heimwerkerkette Baumax ringt ums Überleben, sogar die berühmte Sammlung Essl steht nun zur Disposition. Das Unternehmen braucht nochmals Kapital, zudem müssten die Gläubigerbanken Schulden nachlassen. Ein Rückzug der Baumarktkette aus der Türkei und Rumänien, wo  Baumax sieben beziehungsweise 15 Standorte betreibt, macht eine neuerliche Kapitalspritze nötig. Dabei fallen immense Schließungskosten an. Die Banken haben im Ernstfall Zugriff auf die Kunstsammlung. In Summe ist von einer Größenordnung von bis zu 200 Millionen Euro die Rede. Weil die Familie kein Kapital mehr aufbringen kann, kommt nun auch die Kunstsammlung ins Spiel. Zwar hat Baumax-Gründer Karlheinz Essl die Sammlung vor zwei Jahren in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht – doch weil die dafür ausschlaggebende Fünfjahresfrist noch nicht abgelaufen ist, würden die Werte auch im Insolvenzfall der Masse zufallen.

Die berühmte Sammlung Essl mit rund 7000 Kunstwerken, seit 1999 in einem Museum in Klosterneuburg untergebracht, steht mit 86 Millionen Euro in den Büchern, der Verkehrswert betrage bis zum Dreifachen. Letztlich wird es für Karlheinz Essl wohl darum gehen, eine Lösung zu finden, die Geld bringt und gleichzeitig die Sammlung erhält. So wurden bereits Kontakte zur öffentlichen Hand geknüpft. Kulturminister Josef Ostermayer lud die Familie Essl, Vertreter der Banken, des Landes Niederösterreich sowie des Sozial- und Finanzministeriums zu einem runden Tisch. Der Termin steht noch nicht fest, die Parole laute aber: So schnell wie möglich!

Karlheinz Essl sprach im Interview von einer „dramatischen Situation“. Er wolle die Sammlung aber nicht „filetieren“, da darunter besonders österreichische Künstler zu leiden hätten. Der Umfang der Sammlung sei so groß, „wie ihn zwei Auktionshäuser in einem Jahr nicht versteigern können“.

www.essl.museum

Essl Museum filmed by Georg Riha: www.youtube.com/watch?v=77oiXN6GTzM

www.mottingers-meinung.at/essl-museum-made-in-austria

www.mottingers-meinung.at/essl-museum-deborah-sengl

Wien, 24. 3. 2014