Theater Nestroyhof Hamakom: Zeck

November 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Kafkas Käfer als parasitärer Künstler

Der Stage Manager besingt den in einen Riesenzeck verwandelten Gregor Samsa: Konrad Rennert und W. V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

„kafkas werk?“, sagt der Stage Manager mittendrin, „opfer einer massenvergewaltigung! durch drei armeen von ,interpreten‘!“ Er zählt sie auf, die soziale, die psycho- analytische, die religiöse, zitiert sogar Susan Sontags Spruch, diese machten Kunst manipulierbar und bequem … Ein fishing for applause, weil: was das Kommod-Sein betrifft, kann man „Zeck“ sicher keiner Schandtat bezichtigen, der vorgeführte Frevel ist ein höchst vergnüglicher, verrückter, und vergeht in einem Karacho, dass sich einem der Kopf dreht.

Komponist Hannes Löschel und Librettist Peter Ahorner haben diese hinterfotzige Paraphrase auf Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ erdacht, ihr Werk eine surreale musikalische Familienaufstellung, dank Ahorners Kollegium-Kalksburg-Kollegen W. V. Wizlsperger dargeboten in breitestem Wienerisch, „Zeck“ – eine Dialekt-Orgien-Oper, die nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt wurde. Wobei Wizlsperger sowohl in die Figur des Gregor Samsa als auch von dessen Vater schlüpft, Mezzosopranistin Anna Clare Hauf die Rollen der Mutter und von Schwester Grete übernimmt, und der großartige, sich in Countersphären singende Konrad Rennert neben dem Stage Manager auch als Inkassant und Generaldirektor auftritt.

Statt alleiniger Ernährer seiner Sippschaft zu sein, ist Gregor anno 2019 allerdings ein erfolgloser Fotograf, der, wiewohl nicht wenig angegraut, nach wie vor mietfrei im Hotel Mama logiert, Kafkas Käfer ein parasitärer Künstler und auf Koks, der arbeitslose Vater ein Alkoholiker, Schwester Grete eine Malerin, nach deren Talenten ebenfalls kein Hahn kräht, während die darob verzweifelnde Mutter versucht, mit ihrem Putzfrauenjob die Mischpoche durchzufüttern – ihr Dienst-Herr Generaldirektor ausgerechnet der ehemalige Arbeitgeber ihres versoffenen Mannes, der, apropos: Dienste und anlassig wie er ist, bald mehr als nur deren saubere verlangt.

Grete und Gregor sind als Malerin wie Fotograf erfolglos: Anna Hauf und W. V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

Gregor findet sein künstlerisches Genie von Gott und der Welt verkannt: W.V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

Derart blickt man verächtlich aufeinander herab, doch durch die Abgründe der anderen gleichzeitig der eigenen Bodenlosigkeit ins Auge. Das Künstlerduo verspottet die Vulgarität des Elternpaars, das Ganze ein Sittenbild über Kunst, im Sinne von: Kunst ma ned an Schilling borgen?, alldieweil Gregor und Grete ihr Wälsungenblut in den Adern kocht. Bis der Bruder eines Morgens zum – O-Ton – „Parasit mit Mordsappetit“ mutiert ist. Ahorner setzt auf calembourleskes Halbsatzgestammel, und vor allem Wizlsperger versteht es prächtig, das Publikum mit dessen gewitzten Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Versen à la „Wen wundert’s, dass

ich tschecher‘, die Alten werden immer frecher“ oder „Mich macht das alles furchtbar fertig, das Leben ist so minderwertig“ zu amüsieren. Löschl hat Ahorners groteske Kasperliade in einen parodistischen Klangteppich gewoben, mal tönt’s nach Volkstümlichkeit und Wienerlied, mal trällert Rennert Fifties-Schlager oder macht auf Zauberer von Oz, mal heißt‘s „Parole parole“, mal „La donna è mobile“. Wozu Wizlsperger nicht nur mit rauer Schnapsstimme singt, sondern auch das Euphonium bläst und auf der E-Gitarre schrammelt, ein falcoesk-arrogantes Enfant terrible, in Wahrheit aber nicht weniger Prolet als der dessen angeklagte Vater.

Sein Gregor einer, der die Hauf mit dem Genäsel „Werd‘ ned hysterisch, bleib‘ lieber ätherisch“ an die Wand fährt. Dies, weil diese als Mutter wie als Grete im Streit ums Von-hint‘-und-vorn‘-Bedienen in schrille Spitzentöne kippt, der Generationenkonflikt möglich gemacht durch die Visuals von Johannes Novohradsky, die den Darstellern das Zwiegespräch zwischen Leinwand- und Live-Ich erlauben. Ausstatter Simon Skrepek illustriert die ärmliche Bedürftigkeit der Samsas mit teilgemalter Zimmer-Küche-Kabinett, mit Abwasch, uraltem Tragbar-TV und Festnetztelefon, das Faun-und-Nymphe-Gemälde Gretes eine Arbeit von Raja Schwahn-Reichmann.

„Ein Gliederfüßer ist kein Lückenbüßer“, weiß Gregor noch zu formulieren, als Grete ihm ihre Liebe aufkündigt. Zwar hat ihn der Vater zuvor mit Weihweißwein besprengt, doch hat das trotz aller gesegneten Kraftausdrücke nichts genützt. Und so emanzipiert sich Grete, wie in der literarischen Vorlage, vom uneinsichtigen Egomanen.

Herr Generaldirektor findet Gefallen an der Mutter: Konrad Rennert und Anna Hauf. Bild: © Johannes Novohradsky

„Zeck“, dieses Schimpf- und Trotzwort für Andersdenkende, passt perfekt ins Programm des Hamakom. Am Ende dieses etwas abrupt endenden Abends sparten die Zuschauer nicht mit Applaus, so skurril fanden sie’s, einem echten Wiener beim Untergehen zuzusehen. Selten hat der Begriff kafkaesk besser auf eine Bühnenproduktion gepasst.

www.hamakom.at          www.hannesloeschel.com

15. 11. 2019

Neue Oper Wien: Angels in America

September 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Himmlisch, brillant und hochaktuell

Der Engel steigt herab in Prior Walters Krankenhauszimmer: Caroline Melzer. Bild: Armin Bardel

Als Tony Kushner sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Theaterstück „Angels in America“ schrieb, hatte es in den USA gerade die George-Bush-Stunde geschlagen, es war die Zeit von Operation Desert Shield und den damit verbunden präsidentischen Lügen, und auch, wenn erst Sohn W. die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner per entsprechendem Verfassungszusatz unterbinden wollte, so war das amerikanische Klima in den 1990er-Jahren alles andere als freundlich für die LGBT-Community.

Die Neue Oper Wien brachte nun gestern im Wiener MuseumsQuartier Péter Eötvös‘ auf Kushners Gay Fantasia on National Themes“ basierende Oper zur österreichischen Erstaufführung. Wie die Vorlage ist das musiktheatralische Werk, für das Mari Mezei das Libretto verfasste, gesellschaftspolitisch klugen Inhalts, wenn Eötvös auch statt der im Stück festgemachten Sozialkritik mehr an den Schicksalen der Protagonisten interessiert ist, deren Los, wie in Kushners Zwischen-Himmel-und-Erde-Text, in Halluzinationen, Visionen, Traumwelten widergespiegelt wird.

Mal verursacht durch den Missbrauch, mal durch die Verabreichung von Medikamenten. Das Thema von „Angels in America“ ist AIDS. Und dass dieses nach wie vor hochaktuell ist, belegen die jüngsten Statistiken der AIDS Hilfe Wien: Weltweit leben 36,9 Millionen Menschen mit HIV/AIDS, davon 1,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren. In Österreich liegt die Zahl der Infizierten und Erkrankten bei acht- bis neuntausend, und täglich kommen ein, zwei weitere Fälle dazu. Dass sich außerdem homophobe Angriffe wieder häufen, ist eine erschreckende Tatsache. In einer vor dem Sommer erhobenen Studie der Stadt Wien beispielsweise gaben 28 Prozent der Stadtbewohner mit queeren Lebensmodellen an, 2017 deshalb diskriminiert, lächerlich gemacht und beschimpft worden zu sein, ein Viertel davon war sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt.

Über Eötvös‘ Arbeit sagt Neue-Oper-Wien-Intendant und Dirigent des Abends Walter Kobéra in seinem unbedingt empfehlenswerten Einführungsgespräch: „Das Werk kommt von Herzen. Möge es zu Herzen gehen.“ Und so geschieht es. Eötvös, der sich stets gern vom Lokalkolorit des verwendeten Dramas inspirieren lässt, seien‘s russische Töne bei den „Tri Sestri“ nach Tschechow oder französisch anmutende bei „Le Balcon“ nach Jean Genet, hat diesmal punkto Klangsprache auf die Melodien der großen Broadwaymusicals zurückgegriffen – erkennbar an der Besetzung des amadeus ensemble-wien mit zusätzlich zwei Schlagwerken, Hammondorgel, Gitarre und E-Gitarre, die bei der Begegnung von Louis und Joe eine Art „Doppelkonzert“ geben.

Prior Walter und sein Lover Luis Ironson: David Adam Moore und Franz Gürtelschmied. Bild: Armin Bardel

Krankenpfleger Belize kümmert sich um den „Propheten“ Prior: Tim Severloh und David Adam Moore. Bild: Armin Bardel

Eötvös‘ Komposition ist trotz der Schwere des Sujets erstaunlich zugänglich, leicht und melodiös. Fürs Zwischenmenschliche hat er ein leis‘-poetisches Vokabular erdacht, die Metaebene Himmel illustriert er auf atemberaubend sinnliche Weise. An den schönsten Stellen greift all dies ineinander. Der Inhalt, als solcher nicht leicht zu fassen, hier kurz zusammengefasst: Der Hauptcharakter Prior Walter erfährt, dass er an AIDS erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Auf Erden, heißt: in New York, bedeutet das für ihn, dass sich sein Lover Luis Ironson von ihm trennt, weil er vor dem qualvollen Sterben seines Partners fliehen will.

Vom Himmel herab steigt aber ein Engel, der Prior verkündet, „der Prophet“ zur Rettung der Menschheit zu sein, die er dazu bewegen soll, ihrem Fortschrittsglauben als der Wurzel allen Übels abzuschwören. Aus Salt Lake City ist das Mormonenehepaar Harper und Joseph „Joe“ Pitt neu in die Metropole am Hudson River gezogen. Die psychisch labile Harper ist der Großstadt nicht gewachsen und greift immer öfter zu Valium, da sieht sie in einer Vision Prior, der ihr offenbart, dass Joe schwul ist. Was dieser im Central Park, wo er Männerpaare bespannt, inzwischen selbst feststellt. Joe trifft Luis, die beiden gehen eine Beziehung ein, während im Spital Krankenpfleger Belize verzweifelt versucht, Prior klarzumachen:

Sein Engel war nur eine durchs Morphium ausgelöste Halluzination. Zwei real existiert habende Figuren gehören ebenfalls zum Personal: Roy Cohn, ein Staatsanwalt, der in der McCarthy-Ära zum berüchtigsten aller Kommunistenjäger aufstieg, und der in seiner Eigenbewertung als Präsidentenmacher als letztem Donald Trump das politische Handwerk beibrachte. Der ausgewiesene Schwulenhasser Cohn war selber homosexuell, 1984 wurde bei ihm AIDS diagnostiziert, doch bis zu seinem Tod zwei Jahre später gab er vor, an Leberkrebs zu leiden. In der Oper erscheint ihm knapp vor seinem Ende, um ihn zu verspotten, Ethel Rosenberg, in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Julius wegen Spionage für die Sowjetunion angeklagt. Auf Cohns Betreiben wurde nicht nur er, sondern auch sie, bei der die Beweislage wesentlich dünner war, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Cohn gab 1986 zu, dass die Regierung die Beweise gegen die Rosenbergs „hergestellt“ habe …

Regisseur Matthias Oldag setzt in seiner Inszenierung ganz auf den vom Werk vorgegebenen Dauerdreh von Tragik zu Komik. Nicht ohne Witz ist etwa eine celestische Konferenz der Engel aller Kontinente, in der sie versuchen, mittels steinaltem Röhrenradio Nachrichten von der Erde zu empfangen, dabei angetan wie eben noch die Obdachlosen, die sich in der Bronx um ein Mülltonnenfeuer versammelten. Auftritt „Prophet“ Prior, der zwar nicht das nietzscheeske „Gott ist tot“ verkündet, aber immerhin dessen Davonschleichen vor den Sorgen seiner Geschöpfe. Priors Aufforderung, ihm bei Wiedererscheinen den Prozess zu machen, statt Gottes Gericht – Gott vor Gericht, hinterlässt in Anbetracht seines Zustands beim Zuschauer einen ziemlichen Kloß im Hals.

Dies Wechselbad der Gefühle hat Bühnen- und Kostümbildner Nikolaus Webern für den schnellen Szenenwechsel ausgestattet. Wenige, von den Darstellern bewegte Versatzstücke definieren die diversen Schauplätze, oft sind mehrere zugleich auf der Bühne, vorne Harper allein am Schminktisch, hinten Cohns Büro, in dem er seinen Adlatus Joe herumkommandiert. Auch die Trennungen von Joe und Harper sowie Prior und Luis laufen parallel, dazu ringsum Projektionen – Hochhaussilhouette, Bow Brigde, Star-Spangled Banner und Live-Videos, die die Solistinnen und Solisten überlebensgroß an die Wand werfen. Auf dem Bühnenboden liegt Schnee (oder liegen da doch Engelsfedern?).

Luis und Joseph Pitt kommen sich im Central Park näher: Franz Gürtelschmied und Wolfgang Resch. Bild: Armin Bardel

Die auf sein Geheiß auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Ethel Rosenberg sucht Roy Cohn heim: Sophie Rennert und Karl Huml. Bild: Armin Bardel

Eötvös und Librettistin Mezei haben die in sich verwobene, ihrer Entwirrung harrende Handlung in einen feinen Humor gekleidet, haben daraus ein Spiel mit Geschlechtern und ihren Rollenbildern gemacht, in dem das Ensemble durchwegs brilliert. Caroline Melzer, derzeit an der Volksoper auch als „Gräfin Mariza“ zu erleben, schwebt als weißer, später schwarzer Engel aus den Lüften herab, und trägt mit ihrem wunderschönen Sopran am ehesten das vor, was man „Eötvös pur“ zu nennen vermag – eine Partie, extravagant klingend und extrem fordernd. David Adam Moore weiß seinen lyrischen Bariton gekonnt zu führen, und ist nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch auf der Höhe, ob er sich „der Seuche“ nun leidend hingibt oder aufbegehrend entgegenstellt – oder sich vom Engel zum Orgasmus singen lässt.

Alle weiteren Solistinnen und Solisten sind in jeweils mehreren Rollen zu sehen: So ist etwa Sophie Rennert stark, wenn sie als Harper Pitt begreifen muss, dass Joe in ihr nur seinen „besten Kumpel“ sieht, und dessen als Eheretterin angereister Mutter Hannah gesteht, dass ihr Joes Penis fehlt. Inna Savchenko gestaltet diese Hannah mit perfekt großem Stimmumfang und in der Darstellung eindrucksvoll zurückgenommen, während sie anzunehmen trachtet, was sie bisher abgelehnt hat. Bariton Wolfgang Resch ist als verkrampfter Joe hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Lust, da trifft er Franz Gürtelschmieds Luis, den der als lasziven Verführer gibt, dem es ein Leichtes ist „Klemmschwester“ Joe auf seine Seite des Sex‘ zu ziehen.

Überzeugend ist auch Countertenor Tim Severloh in seiner Rolle als Krankenpfleger Belize, eine ehemalige Drag Queen, die den Glitzerfummel gegens OP-Grün tauschte, und nun Prior und Roy betreut. Wie Severlohs Belize als Reaktion auf die Narreteien ihrer Patienten die Stimme bis zum Schrillpunkt in höchste Höhen schraubt, ist bemerkenswert. Karl Huml schließlich ist als Roy Cohn zu sehen, sein kräftiger Bassbariton wie maßgeschneidert für die Figur des windigen Anwalts, arrogant und zynisch selbst noch in maßloser Angst – in die ihn neben der Diagnose AIDS auch Ethel Rosenberg versetzt, noch einmal gilt es die Leistung von Sophie Renner hervorzuheben, die ihm samt Elektroden-Kopfriemen auf der Leinwand erscheint – unheimlich vor sich hin summend und vor Schadenfreude irre grinsend.

Für Prior steht vor dem Hingang die Hoffnung. Auf mehr Leben, zumindest darauf keinen Tod mehr im Geheimen sterben zu müssen. Er hat sich von den fortschrittsgegnerischen Engeln abgewandt, sein Prophetenbuch abgegeben, kann er doch der Modernität und mithin der Wissenschaft, die seither einiges in der HIV/AIDS-Forschung erreicht hat, nicht abschwören. Er will nun als Mensch sein Leid annehmen. Das macht ihn mehr zur Messiasgestalt als jede Predigt. Und das Ensemble verteilt Red Ribbons ans Publikum, das diesem und dem anwesenden Komponisten mit riesigem Jubel für diese rundum geglückte und beglückende Produktion dankte.

www.neueoperwien.at

  1. 9. 2019