Afonso Reis Cabral: Aber wir lieben dich

August 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sex & Drugs & Elendsmenschen

„Im Saal wurde ihr Name gebrüllt, sie hörte ,Gisberta, komm raus! Gisberta, wir lieben dich!‘ Als Gi mir das erzählte, zitterte sie. Alle riefen, begehrten sie. ,Das war schön, Junge.‘ Sie beugte ihre Schultern zu einer Pose, eine Erinnerung an Momente, niemals würde sie vergessen, wie das Publikum sie mit den Augen verschlang, wenn sie Marilyn war, mehr als die echte Marilyn. My heart belongs to daddy. … Erschöpft zog sie am Ende ihr Kleid aus, ließ es hinabfallen bis zu den Füßen, wie einen umgekehrten Heiligenschein. Und dann sahen sie ihr Haar über die nackten Schultern fallen, ihre wohlgeformten Brüste, ihre schmale Taille, die breite Hüfte. Und dann die enthaarte Scham und den Penis zwischen ihren Beinen. Yes, my heart belongs to daddy. … Erst als sie mir ein altes Foto zeigte, sah ich, dass meine Gi heute nur ein erbärmlicher Abklatsch war, von der damals auf der Bühne.“

In seinem jüngsten Roman „Aber wir lieben dich“ greift der portugiesische Autor Afonso Reis Cabral einen echten Kriminalfall auf. 2006 wurde in der Küstenstadt Porto die Transfrau Gisberta Salce Júnior von Jugendlichen aus einem Erziehungsheim mit sadistischer Brutalität erschlagen.

Erst gab es landesweit große Aufregung, dann passierte – nichts. Der Minister sprach von einem Einzelfall, die Justiz verhängte Jugendstrafen, immerhin: die „Jugendhilfeanstalt“ Oficina de São José wurde geschlossen, als der Prozess die dortigen Gewaltorgien und den sexuellen Missbrauch offenbarte.

Afonso Reis Cabral beleuchtet die Hintergründe des Verbrechens mit den Mitteln der schriftstellerischen Fantasie. In einer fiktionalen Vorbemerkung trifft er den nunmehr 29-jährigen Rafael Tiago, einen der Täter, der ihn in einem Brief um ein Buch über die Geschehnisse gebeten hat. Der Autor, so weit, so wahr, studiert Prozessakten und Presseberichte, interviewt Gisbertas Trans-Freundinnen, macht schließlich den 12-jährigen Rafa zum Ich-Erzähler – und entdeckt auf seiner Spurensuche „den Zusammenstoß zweier prekärer Welten, den Konflikt aller Beteiligten, die Folgen der Armut, dieses Wort, dass man nicht mehr benutzen will, aber weiterhin verwendet, die Balance zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Nichts Besonderes also …“

Den Postkartenansichten des pittoresken Altstadtviertels Ribeira zum Trotz, beschreibt Afonso Reis Cabral die „Dreckslöcher“ abseits der Touristenidylle, Stadterweiterungsgebiete, für die der Kommune das Geld ausging, Betonskelette aus rohem Zement neben Bauruinen, Schutt, Abfall, „verbotene Orte“, wie Nélson sie nennt. Derart ist die Gang schnell vorgestellt: der sein Kindheitstrauma mittels Rebellion gegen alles und jeden bekämpfende Rafa, der zerstörungswütige, sich abgebrüht gebende Nélson, der Schläger Fábio und Samuel, die sensible Künstlerseele, der die zerrüttete Welt der Jungs auf Papier festhält, Samuel, das Prostituiertenkind, denn Mütter haben die Fürsorgezöglinge allesamt, bettelarme, überforderte, drogensüchtige. „Mutterschaft war für sie ein steter Quell ungenießbaren Dreckwassers“.

Eines ihrer Quartiere, das die zum Sozialfall geborenen Jugendlichen täglich durchforsten, ist der Rohbau eines von den Investoren aufgegebenen Einkaufszentrums, „Pão de Acúcar“, also „Zuckerhut“, das, so Rafa, „zum Wohnheim für Menschen wurde, die in der Baustelle ihr eigenes Schicksal wiedererkannten“. Obdachlose, Junkies, Nutten – und mittendrin haust in einem elenden Verschlag ein bis auf die Knochen abgemagertes, androgynes Wesen, HIV-krank, geschwächt, schmutzig und mittellos, das jedoch mit brasilianischem Akzent, denn Gi kommt aus Übersee, die wunderbar traurigsten Geschichten erzählen kann.

Rafa ist abgestoßen und angezogen zugleich. Bringt Essen, Decken, was immer er selbst entbehren kann, repariert mit Gi ein weggeworfenes, reichlich ramponiertes Fahrrad, schrubbt sich danach im Wohnheim unterm heißen Wasser fast blutig vor Ekel – und ist doch morgen wieder da, um Gis Glamour-Storys von den Cabarets in São Paulo zu hören. Die Rückblicke auf ihre Glanzzeit helfen ihm einen tristen Tag nach dem anderen runterzubiegen, vielleicht, wer weiß?, fühlt er bei ihr so etwas wie erstmals Mutterliebe? „Bevor ich sie kennengelernt hatte, dachte ich, der ganze andere Scheiß sei das, was mich ausmachte und mit dem sich erklären ließe, was ich sei, aber dann trat Gi dort hinein, wo ich vorher gar nicht gedacht hatte, dass dort eine Lücke war, und machte mich zu einem anderen.“

Die Kalvarienberg-Stationen, zu denen die Kapitel aus Gisbertas Leben werden, kreuzen sich mit Rafas Bericht, zwei Beichten sind das, so nah entlang der Realität geschildert, die Frage, was der Mensch ist und was er zum Menschsein braucht, dass es einem so tief unter die Haut geht, wie die Nadeln, die Gi sich bald setzt. Von der Bühne geht’s ins Bordell, wo sie, als selbst da ihre Tage als zweigeschlechtliche Schönheit gezählt sind, mit der Kraft des Mannes den Rausschmeißer für lästige Freier und mit der Zuneigung einer Frau die „Tante“ für die Kinder der Kolleginnen macht.

Bild: pixabay.com

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In einer Art Besitzerstolz beschließt Rafa seine neue Freundin der Gang vorzustellen, und dann ist da Samuel, dessen Mutter Gi aus Zimmer 102 kannte, und ihn bereits als Baby. „Irgendwann strich ihm Gi mit der Hand über den Kopf, und er ließ diese Zärtlichkeit mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu, wie ich es niemals gekonnt hätte. Wie es nur jemand kann, der den Umgang mit Transvestiten von klein auf gewohnt ist. Mich traf es wie eine Pfeilspitze in den Kopf: So gestreichelt zu werden, war mehr, als die meisten vom Leben verlangen konnten.“

Das Glück, jemanden gefunden zu haben, für den man zählt, die Erfahrung, auch selbst etwas geben zu können, wird von Rafas Eifersucht zernagt. Hin und her gerissen zwischen Zuneigung und Verachtung, gebeutelt von Geltungsdrang und Gruppenzwang, gleitet Rafa ohne es zu merken in eine Abwärtsspirale des Bösen. Zurück zu den Wurzeln von Gewalt erzeugt wieder Gewalt. Denn der irre Fábio und sein Schlägertrupp treten an, um „das Unnatürliche“ auszumerzen. „,Zieht ihr die Hose runter, dann sehen wir, ob sie ein Mann oder eine Frau ist‘, sagte Fábio. Er zielte, versetzte ihr einen Tritt in den Magen und sagte: ,Es ist ein Typ!‘“

Gisberta überlebt das mehrtägige Martyrium nicht. Rafa und Samuel können ihr nicht helfen und treten unter dem Druck der Horde sogar selbst ein paar Mal zu. Afonso Reis Cabral schreibt dies nieder, ohne auf eine Zartbesaitetheit der Leserinnen und Leser Rücksicht zu nehmen. „Aber wir lieben dich“ ist ein grausamer Lesestoff, den man in seiner Intensität aushalten muss – und am Ende wird der, der Gi am meisten liebt, ihr den Gnadentod geben.

Im Anhang zitiert der Autor aus seinem Quellen. Der Público schrieb damals über die Leiche des toten Mannes und triefend vor Ignoranz gegenüber der LGBT-Community: „Was sich tatsächlich in dem verlassenen Haus abspielte, ist nach wie vor alles andere als aufgeklärt. Manche Zeugen berichten, es habe oft Streit mit dem Opfer gegeben. Einer der an der Tat Beteiligten bezeichnete ihn trotzdem als seinen Freund.“ Es sind diese blinden Flecken in der faktischen Wahrnehmung, die Afonso Reis Cabral mit der verstörenden Wucht seiner Fiktion füllt. Wobei er die Täter niemals mit einem Opfermythos verklärt, sondern ihrem Machtwillen als Mittel zum Überleben, zum Sich-seinen-Platz-Sichern in einer barbarischen Umgebung, ihrem Glauben an das Recht des Stärkeren durchaus Raum lässt.

Mit „Aber wir lieben dich“ ist Afonso Reis Cabral ein vielschichtiger Roman gelungen. Was auch eine simple True-Crime-Story hätte sein können, ist aus seiner Feder ein bewegendes Drama geworden, vor allem aber eine beunruhigende Parabel über die Abgründe der menschlichen Natur.

Über den Autor: Afonso Reis Cabral, 1990 in Portugal geboren, studierte Portugiesisch und Fiktionales Schreiben. Er veröffentlichte bereits im Alter von 15 Jahren seinen ersten Gedichtband. Für seinen Debütroman „O Meu Irmão“ (Mein Bruder) wurde er 2014 mit dem Prémio LeYa ausgezeichnet. Bei Hanser erschien 2021 sein zweiter Roman „Aber wir lieben dich“, für den er 2019 den wichtigsten portugiesischen Literaturpreis, den Prémio José Saramago, erhielt.

Hanser Verlag, Afonso Reis Cabral: „Aber wir lieben dich“, Roman, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Michael Kegler.

www.hanser-literaturverlage.de

Screening-Tipp: September Mornings/Manhãs de Setembro

Einfühlsam und dabei vollkommen pathos- und kitschbefreit erzählt die fünfteilige brasilianische Mini-Serie von der Transfrau Cassandra, die in São Paulo ihrem großen Traum nachhängt. Tagsüber unterwegs als Botenfahrerin für eine Service-App, verwandelt sie sich nachts in einen Club-Star, eine Sängerin, die vor allem den Songs ihres Idols Vanusa, einer brasilianischen Sängerin der 1970er-Jahre, frönt.

In Ivaldo hat sie einen so leidenschaftlichen wie treu ergebenen Lover gefunden, der um ihre Geschlechtsumwandlung weiß, eben bezieht sie ihre erste eigene Wohnung. Da steht eines Tages, gleich einem Gespenst aus der Vergangenheit, Leide vor der Tür, ein jugendsündlicher One-Night-Stand, nein, nicht von Cassandra, sondern deren früherem männlichen Ich Clóvis – und mit ihr der gemeinsame Sohn Gersinho. Leide ist obdachlos, unstet, ob ihrer Not eine Kleinkriminelle, und Cassandra sieht das alles. Doch wird sie das Herz haben, die Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen?

Manhãs de Setembro: Singer-Songwriterin Liniker als Transfrau Cassandra. Bild: © Amazon Studios

Cassandra wird zum Vater wider Willen: Mit Gustavo Coelho als Sohn Gersinho. Bild: © Amazon Studios

Lover Ivaldo weiß von Cassandras Vergangenheit als Mann: Thomas Aquino. Bild: © Amazon Studios

In Brasilien längst Superstar: Liniker, die Kämpferin gegen Gender-Diskriminierung. Bild: © Amazon Studios

Die Produktion für Amazon Prime Video ist ein wahres Fundstück, getragen nicht zuletzt von Singer-Songwriterin Liniker, die mit ihrem rauen, seelenfängerischen Timbre, dann wieder rekurrentem Falsett das Publikum in ihren Bann zieht. Liniker ist Transfrau, und hat sich neben dem als Musikerin auch einen Namen als unermüdliche Kämpferin gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung gemacht.

Das unprätentiöse Spiel des gesamten Casts gibt nicht nur einen authentischen Einblick in eine Welt, die sonst meist mit Federboas, Pailletten und „Tunten-Alarm“ gepimpt ist, sondern zeigt auch den täglichen Überlebenskampf der nicht mit Reichtum gesegneten „Paulistanos“. Und bemerkenswert ist, wie normal und ohne Ausrufezeichen die Beziehung zwischen Cassandra und Ivaldo beschrieben wird. Zu streamen in deutscher Sprache oder in Portugiesisch mit englischen Untertiteln. Unbedingt sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O3iE_imB_7s           www.amazon.de

  1. 8. 2021

Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Schauspielhaus Graz: Motel

Oktober 24, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Viktor Bodós neue Arbeit, diesmal aus eigener Feder

Sebastian Reiß, Stefan Suske, Jan Thümer Bild:  (c) Lupi Spuma

Sebastian Reiß, Stefan Suske, Jan Thümer
Bild: (c) Lupi Spuma

Mit einer weiteren Regiearbeit, diesmal aus eigener Feder, kommt Viktor Bodó am 24. Oktober ans Schauspielhaus Graz. Gemeinsam mit András Vinnai untersucht er die Verhältnisse in einem dubiosen „Motel“:  Ein Gasthaus an einer Landstraße und kein Gast in Sicht. Der Rezeptionist löst Kreuzworträtsel – bis der Direktor den Wegweiser zur nächsten Stadt einfach herumdreht. Aus dem leeren Motel wird im Nu ein stark frequentiertes »Fünf-Sterne-Hotel«. Die so zur Übernachtung Gezwungenen sind allerdings fragwürdige Existenzen: darunter drei Auftragskiller, die ihre Opfer schon mehrere Male verwechselt haben, weil ihr Chef Wilson seine Aufträge als Gedichte verfasst, die leicht zu missverstehen sind. Sechs Forscher kommen auf der Flucht vorbei – ihr Experiment ging schief, schwebt seither frei durch die Lüfte und erzeugt kollektive Bewusstseinsspaltung. In der Folge verhalten sich immer mehr Gäste ausgesprochen merkwürdig, nicht nur Udo und Olga, von denen man annehmen könnte, sie seien ein Liebespaar.

Missverständnis, Täuschung und Unwahrscheinliches: Der ungarische Regisseur Viktor Bodó kommt heuer mit einem eigenen Stück ans Schauspielhaus Graz, bei dem Fakt und Fiktion rivalisieren. Für seine spielwütigen und bildgewaltigen Regiearbeiten (u. a. Alice, Die Stunde da wir nichts voneinander wußten, Der Meister und Margarita) mehrfach preisgekrönt, stellt Bodó in Motel nun die Regeln des Theaters und der Vernunft in Frage. Was man zu wissen glaubt, wird immer aufs Neue in Frage gestellt durch aberwitzige Wendungen und rasante Verwechslungsmomente. Inmitten der Verrücktheit dieses Etablissements sitzt ein Autor, der alles, was um ihn herum geschieht, aufschreibt. Oder stand es schon vorher in seinem Manuskript? Wer hat eigentlich die Fäden in der Hand? Und kommt man aus diesem Motel jemals wieder hinaus?

Es spielen Thomas Frank, Pál Kárpáti, Evi Kehrstephan, Dániel Király, Niké Kurta, Katharina Paul, Sebastian Reiß, Stefan Suske, Zoltán Szabó, Jan Thümer, Péter Tóth,  András Vinnai und Franz-Xaver Zach.

Interview aus dem Programmheft:

MOTEL ist aus einem Stück von Harold Pinter entstanden. Wie ist das passiert?
Viktor Bodó: Zwei Schauspieler wollten ein Stück spielen, sie hatten gerade nichts zu tun und haben mich gebeten, mit ihnen Der stumme Diener von Harold Pinter zu machen. Wir haben mit der Arbeit begonnen, aber irgendwie hatten wir das Gefühl, dass wir noch eine Frau bräuchten, vielleicht eine Putzfrau. Wir haben András dazugeholt, damit er diese Figur dazuschreibt. Dann kam hinzu, dass ich meine Diplomarbeit am Katona Theater machen musste. András hat immer noch mehr Figuren dazugedichtet, und wir haben das ganze Stück Gábor Zsámbéki, dem damaligen Leiter des Katona Theaters, zu lesen gegeben. Der sagte, wir sollten es dort zusammen machen. Als wir das erfahren haben, haben wir noch viele Rollen und Situationen speziell für das Ensemble des Katona Theaters erfunden. András hat damals sehr viel geschrieben. Jedes Mal, wenn ich ihn angerufen habe, hat er entweder gerade geschrieben oder sich dafür vorbereitet, aber vielleicht hat er auch gelogen.
András Vinnai: Ich habe viel gelogen zu dieser Zeit.
VB: Einmal sind wir eine Weile in ein Sommerhaus am Balaton gefahren, um an MOTEL zu arbeiten. András hat seinen Hund mitgebracht und während der ganzen Woche herumgeschrien. Wenn der Hund nun weiter als fünf Meter von ihm entfernt war, hat er sofort nach ihm geschrien.
AV: Weil der See ganz nah war, und der Hund damals noch nicht so gut schwimmen konnte.
VB: Der See war zwanzig Kilometer weit entfernt. Und außerdem hat András Hühnerköpfe gekocht. Im Auto sind die Hühnerköpfe faul geworden. Es hat furchtbar gestunken und ich bin, statt am Stück zu arbeiten, dem Grund für diesen Gestank nachgegangen. Als ich einen Topfdeckel öffnete, haben mich 40 Hühneraugen angeschaut.

Du hast mehrfach erfolgreich Kafka inszeniert, u. a. Das Schloss. Hat MOTEL mit dieser Vorliebe zu tun? Oder andersrum, hat Kafka mit MOTEL zu tun?
VB:
Ja, ich denke schon. András und ich haben zusammen zwei Theateradaptionen von Kafka-Texten erstellt. Diese Kafka-Welt ist ja so reich in vielerlei Hinsicht, dass etwas davon hängen bleibt. Die Tatsache, dass die Dinge nicht unbedingt so sind, wie man glaubt, dass sie sind – dass hinter allem noch eine andere Wirklichkeit liegt, das hat mit Kafka zu tun. Nur machen wir in MOTEL einen Witz daraus, wir lassen es nicht in diese angstvolle Richtung gehen.

András, du hast zu Beginn der Proben gesagt, man sollte dieses Stück nicht nach Bedeutung forschend wahrnehmen. Was hast du gemeint?
AV:
Wir versuchen MOTEL so zu behandeln, als ob das eine Geschichte wäre, die man verfolgen und nachvollziehen kann, als ob sie ein Ziel hätte – aber eigentlich ist es eine Reihe von Betrügen. Was ich nicht mag, ist, wenn die ZuschauerInnen das Gefühl haben, dass sie etwas verstehen sollten, aber nichts verstehen.
VB: Ja, es ist besser, wenn die ZuschauerInnen darüber hinweggehen, wenn sie etwas nicht verstehen. Sie sollten so im Zuschauerraum sitzen, als ob ihnen alles klar wäre, auch wenn das nicht der Fall ist. Denn sonst haben sie einen schlechten Abend und wir wissen: Einen schlechten Theaterabend verzeiht man nie, nicht sich selbst und nicht den Autoren.

In eurem Stück gibt es den Autor Dexter, der alles, was in diesem MOTEL geschieht, geschrieben zu haben scheint. Bis ihm der Rezeptionist Güll ebenfalls ein Skript übergibt, in dem alle Umstände beschrieben sind, einschließlich der Figur Dexter. Es kommt zu einer Art Machtkampf zwischen den beiden, wer Beweger und wer Bewegtes ist, wer über die Wahrheit Bescheid weiß.
VB: Ich weiß, was die Wahrheit ist.
AV: Jetzt spricht der Regisseur aus dir und nicht der Autor.
VB: Meinst du Dexter, wenn du von einem Autor sprichst, oder dich selbst? Bist du Dexter? Hast du dich selbst da reingeschrieben?

Es geht stark darum, wer das Spiel in der Hand hat. Doch jedes Außerhalb-des-Spiels erweist sich als weitere Spielebene. Haben wir gar keinen Zugang zum Authentischen?
AV:
Genauso ist es. Es gibt keine Wirklichkeit außerhalb des Spiels.
VB: In dieser Zeit haben wir viel darüber gelernt, wie ein Stück und wie eine Vorstellung sein soll, also dass sie einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben soll. Es gab damals diese Kritik mir gegenüber, dass ich eine Geschichte nicht ordentlich beende, sondern dass es mehrere Enden gibt. Während man ja diese Dreier-Einheit von Anfang – Mitte – Ende beachten müsse. MOTEL war meine Diplomarbeit. Ich habe dann geschrieben, dass wir diese Dreier-Einheit vergessen sollten. Sie ist nicht mehr gültig und dieses Stück beweist warum. Es geht eigentlich gegen alle Dramenkonventionen. Ich erinnere mich, wie András die Kritik zu hören bekam, die Geschichte hätte kein Rückgrat. Da hat er eine Szene geschrieben, in der es noch ein Zimmer gibt, und dort befindet sich ein Rückgrat, das sagt: „Ich bin das Rückgrat der Geschichte.“

András, du hast gemeinsam mit Viktor während der Probenzeit hier in Graz weiter am Text gearbeitet. Was kam neu hinzu?
AV:
Wir haben den Autorenkonflikt, also den Streit darum, wer schreibt, wer der Urheber ist, weiterentwickelt, und es gab auch Versuche, gewisse Dinge abzurunden. Aber das hat immer nur wieder neue Stränge verursacht. Es beginnt sofort zu wuchern. Wir werden wieder etwas rausschmeißen müssen. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, als ob die zehn Jahre, die zwischen den beiden Inszenierungen liegen, einfach weg wären.

Viktor, diese Inszenierung ist deine letzte Arbeit in der Intendanz von Anna Badora am Schauspielhaus Graz. Du hast vom ersten Jahr an hier inszeniert, bist einer der zentralen Regisseure dieser Zeit. In MOTEL kommen einige Zitate aus deinen früheren Grazer Arbeiten vor. Hältst du damit Rückschau?
VB: Ja, es ist ein Resümee. András und ich haben zusammen hier angefangen. Er hat ja damals auch die Adaption von Das Schloss geschrieben. Und jetzt arbeiten wir auch am Schluss zusammen. Es gibt in der Aufführung viele Motive, die für diejenigen interessant sein werden, die alle Inszenierungen von mir hier gesehen haben, denn ich versuche, aus allen meinen Grazer Produktionen Motive in MOTEL einzuschleusen.

Noch sind wir ja hier und die Premiere steht bevor. Aber wenn du zurückblickst: Was ist, was war das Schauspielhaus Graz für dich?
VB: Ich habe viel von diesem Theater bekommen. Hier habe ich begonnen, auf der großen Bühne zu arbeiten. Zu Hause hatte man mich noch nicht auf die großen Bühnen eingeladen, ich habe immer so kleine Studio-Stücke gemacht. Hier habe ich gelernt, wie man mit so einem Budget umgeht, wie man auf der großen Bühne arbeitet. Und es wurde mir hier sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Ich wusste jedes Jahr, dass ich eine nächste Inszenierung in Graz haben werde, das war eine Sicherheit. Und dass wir gemeinsame Produktionen mit der Szputnyik Shipping Company machen konnten, hat dazu geführt, dass wir überhaupt bestehen konnten. Zu vielen SchauspielerInnen des Grazer Ensembles habe ich freundschaftliche Beziehungen, aber auch zu den Leuten von der Technik und in den Büros. Das Grazer Publikum war sehr freundlich. In vielen Situationen hätten wir auch scheitern können. Es war ein gutes Gefühl, dass es hier immer ein Interesse für unsere Arbeit gab und die Menschen neugierig waren. Das wünschen wir uns natürlich auch für MOTEL, denn das wollen wir ja nun spielen!

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 24. 10. 2014