Landestheater NÖ: Lichter der Vorstadt

April 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Collage aus Kaurismäki-Filmen

Bild: Alexi Pelekanos

Im antikapitalistischen Protestcamp fordert ein Hard-Chor lautstark „Ein bisschen Frieden“. Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

Arbeitsplatzpoker: Wer die falsche Spielkarte gezogen hat, fliegt in der Sekunde aus dem Job. Bild: Alexi Pelekanos

Zu Beginn wird ein Arbeiterchor zur Maschine. Er macht vor, wie der Film beginnt. Das Schälen der Baumstämme, die danach in Bänder geschnitten werden und dann in Streifen. Viele Anlagen und ein langes Band sind nötig, bis die Streichhölzer in der Schachtel landen, alles geht automatisch; der Mensch hat sich dem System unterworfen, selbst, wenn er isst, klingt es wie Industrielärm. Später werden aus diesem Chor Büroangestellte, allesamt Anzugträger, die um ihren Arbeitsplatz zittern. Wer die falsche Spielkarte zieht, das falsche Los, der fliegt. Am Schluss rockt dann im antikapitalistischen Protestcamp ein Hard-Chor „Ein bisschen Frieden“.

Alexander Charim zeigt am Landestheater Niederösterreich seine Collage aus Aki-Kaurismäki-Filmen. „Lichter der Vorstadt“ heißt der Abend, wiewohl dies so ziemlich das einzige Werk des finnischen Filmemachers ist, das nicht vorkommt. Trotzdem, die Reverenz an Großmeister Charlie Chaplin zieht sich natürlich durch Charims Inszenierung, sind doch auch hier alle Protagonisten gleichsam der Tramp. Gutherzige in einer gefühlskalten Umgebung, Empathiebegabte und Überlebensakrobaten, denen die Welt an sich und die Mitmenschen im Besonderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Emotionell wie materiell. Dabei sind die Figuren bei weitem keine Sympathieträger, sondern karstig und wortkarg. Diese Schicksale im Sinkflug, sie werden ohne Sentiment vorgetragen, als Satire, Kaurismäki verbietet sich und anderen jede „Gefühlsduselei“.

In St. Pölten hat man die Kraft des gesamten Ensembles aufgeboten, um das darzustellen, und, jeder Darsteller in mehreren Rollen, welch eine Kraft. Es scheint, als wäre das Haus diese Saison von Produktion zu Produktion exzellenter geworden, und nun fast an deren Ende auf dem schauspielerischen Höhepunkt.

Charim montierte für seine Arbeit: „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die Geschichte von Iris, die keiner mag, bis sie sich ein rotes Kleid kauft, doch das Kleid wird ihr Verhängnis und sie greift zu Gift. „I Hired a Contract Killer“ über den lebensmüden, weil eben entlassenen Henri Boulanger, der einen Auftragsmörder engagiert, sich just im selben Moment verliebt und nicht mehr sterben will. „Wolken ziehen vorüber“, in dem das Ehepaar Ilona und Lauri zeitgleich die Jobs verliert, aber nicht den Mut, und mit dem Restaurant „Arbeit“ neu durchstartet. Und nach der Pause „Der Mann ohne Vergangenheit“, eine Erzählung über einen Reisenden, der überfallen und auf den Kopf geschlagen wird und sein Gedächtnis verliert; als anonymer M versucht er sein Leben zu rekonstruieren und findet statt sich selbst eine Frau …

Charims Arbeit ist im ersten Teil zwingend und dicht, von hohem Tempo und hoher Intensität; sie changiert zwischen tragikomisch und brutal grotesk und ist unter ihrer spleenigen Oberfläche lauernd gefährlich. Der Regisseur schiebt die Szenen ineinander, bringt die Working Class Zeros aus mehreren Storys gleichzeitig auf die Bühne, hinten Ilona und Lauri im neuen Lokal, vorne Henri und Margaret beim Rendezvous, das ist so fein verwoben, so fantastisch austariert, dieses Requiem für Aki Kaurismäkis Alltagsantihelden, dass im zweiten Teil der Leistungsabfall fast folgen musste.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ erschließt sich einem nicht, auch wenn klar ist, was Charim meint: Alle sind hier M, die werktätige, gesichtslose Masse, austauschbare Nummern statt Namen, weil es mehr als einen Zahlencode fürs Bezahlen von Steuern und Sozialversicherung nicht braucht. Dann allzu abrupt aus, und verrätselt schön und gut, aber irgendwie fügte sich dieses Stück nicht in die anderen; die Frage ist, ob der Wachmann im Vorstadt-Einkaufscenter nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Aber Charim suchte wohl einen versöhnlicheren Ausgang als es für diesen gibt. Aufgeben, sagt er zum abwesenden Koistinen, ist keine Option. Geh‘ den Weg gefälligst weiter als bis zur nächsten Biegung.

Tobias Voigt, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller, Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Vorne „I Hired a Contract Killer“: Tobias Voigt, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller; hinten „Wolken ziehen vorüber“: Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ in der unguten Stube: Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

Für all das hat Ivan Bazak einen drehbaren Kubus erdacht, der parallel die abgehauste Wohnstube von Iris‘ Eltern und eine grindige Kantine sein kann, als Bühnenprospekt eine hyperrealistisch glückliche Familie, die wie zum Hohn den Existenzen davor beim Scheitern zusieht. Matthias Jakisic und „Sofa Surfer“ Wolfgang Schlögl interpretieren mit Geige, Slide-Gitarre und Akkordeon einwandfrei den finnischen Tango. Charim erzählt sehr „filmisch“, in knappen Sequenzen, lässt neben den Dialogen einen Zwischentext wie Regieanweisungen vortragen und die Charaktere streckenweise gänzlich sprachlos sein … auch dies eine Verbeugung an das schwarze Schaf im Zahnradgetriebe. Die modernen Zeiten haben alle schwer erwischt.

Magdalena Helmig und Lukas Spisser, der Südtiroler ist seit Herbst am Haus und ein echter Gewinn, überzeugen anrührend als Ilona und Lauri, die von Staat und Banken im Stich gelassen beweisen, dass der Starke am mächtigsten zu zweit ist. Schön wie sie zeigen, wie man im größten Schlamassel, als Spielball einer „Unternehmenspolitik“, seine Würde wahren kann, und ist diese Episode der Suomi-trilogia auf Verbundenheit aufgebaut, folgt für Spisser mit Swintha Gersthofer als Iris pures Verlangen, eine beinah kunstturnerische Sexszene. Gersthofer gibt die junge Naive peinlich bis zum Fremdschämen, doch Vorsicht!, irgendwann wollen die working poor, will der Mensch nicht mehr Material sein, dann wird das Lämmchen zum Reiß-Wolf.

Tobias Voigt ist fabelhaft als tollpatschiger Todeskandidat Henri, der Beruf über privat stellt, bis ihn der Beruf vor die Tür setzt. In der zum Glück Lisa Weidenmüller als trotzig-rotzige Margaret steht, eine Aufrüttlerin, wie gemacht für den Durchhänger. Michael Scherff gibt mit großer Spielfreude den mutmaßlich traurigsten Killer der Theatergeschichte. Voigt erlaubt sich noch ein Kabinettstückchen als Hund Hannibal. In den brillanten Darstellerreigen fügen sich Marion Reiser und Helmut Wiesinger unter anderem als Iris‘ Eltern, Christine Jirku, Pascal Groß und Othmar Schratt als Ilonas Kollegen, und Jan Walter als Containerdorfbewohner oder Snack-Bar-Gast. Alle zusammen spielen sie noch, scharfkantig und trocken, Abteilungsleiter und Arbeitsvermittler, Steuerprüfer und Obdachlose und – M.

„Die Arbeiterklasse kennt kein Vaterland“, sagt eine der Figuren an einer Stelle. Das ist freilich eine Zuspitzung, aber: Finnland ist faktisch überall. Kaurismäkis Themen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Einsamkeit sind so individuell wie universell. Doch das kleine Glück und die letzte Hoffnung müssen doch zu verteidigen sein, daran glaubt der Filmphilosoph fest. Alexander Charim hat aus seinen kurzen Geschichten, aus als solche empfundenen und tatsächlichen Katastrophen, ein im Vergleich zu den Originalen opulentes, auch erkennbar politischeres Gesellschaftspanorama entworfen, das Phänomene beleuchtet, die das Hierzulande betreffen. Nicht nur in diesem Sinne ist sein Abend allemal sehenswert. Schließlich: was will man schon groß?, mehr oder weniger alle dasselbe. Sing mit mir ein kleines Lied …

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BUCHTIPP: Willy Vlautin: Die Freien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18508

Wien, 23. 4. 2016

Landestheater Niederösterreich: Ernst ist das Leben

Oktober 12, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fabian Krüger hat St. Pölten bunburysiert

Pascal Lalo, Fabian Krüger Bild: Christian Husar

Pascal Lalo, Fabian Krüger
Bild: Christian Husar

Es ist alles sehr schräg, das Leben eine Rutschpartie, während der man auf dem glatten Parkett der Gesellschaft schnell in eine schiefe Lage kommen kann. Am Landestheater Niederösterreich hatte die bereits in der Sommerarena Baden gezeigte Produktion „Ernst ist das Leben (Bunbury)“ von Oscar Wilde Premiere. Die Inszenierung der niederländischen Regisseurin Maaike van Langen ist auf ihrem Weg in den Herbst etwas kürzer und damit noch kompakter geworden. Der Abend ist tatsächlich very british. Subtil und sehr amüsant. Was heißt, dass das Ensemble die Irrungen, Wirrungen, Wortwitze und Intrigen mit geschmeidigem Understatement präsentiert.

Der Ton ist wohltuend wohltemperiert. Die bissigen Bonmots von Wilde-Übersetzerin Elfriede Jelinek gleiten so geschliffen runter wie ein Messer durch die Butter. Bühnenbildner Moritz Müller erfand als Spiel-Platz einen multifunktionalen Raum, eine Bretterhügellandschaft, die alle Stückln spielt, aber nicht von dem Spitzbubenstück ablenkt, dass sich Jack Worthing und sein Freund Algernon im Verlauf der Handlung leisten werden. Van Langen legt den Fokus auf die Darsteller. Eine gute Entscheidung, denn die sind durch die Bank brillant.

Allen voran die beiden Gäste: Burg-Publikumsliebling Fabian Krüger und der französische Schauspieler Pascal Lalo. Krüger verkörpert den Dandy par excellence, erlaubt sich den Scherz seinen Algernon bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei van Langen generell ein doppeltes Spiel -, bleibt süffisant, auch wenn er sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. Krüger ist, man braucht es nicht zu erwahnen, der geborene Komödiant. Ein Poser in bester Wilde’scher Manie, ein Zyniker, der Fleisch gewordene Ennui, der personifizierte Un-Ernst. Wie er lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihm die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt. Krüger hat St. Pölten bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der hiesigen Upperclass ist er Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke aufs Ver-Sprechen. Lalo ist ihm ein ebenbürtiger Partner, sein verschmitzt verlegenes Dauerlächeln weist einen aus, der wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen.

Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Marion Reiser und Lisa Weidenmüller. Weidenmüller gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Weidenmüller ist fabelhaft; es macht von Produktion zu Produktion mehr Freude, sie zu sehen. Schön, dass Landestheater-Intendantin Bettina Hering sie auch diese Saison mit etlichen Aufgaben betraut hat. Reisers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern. Reisers Interpretation vor Augen fängt der Kopf unwillkürlich an Henry Higgins‘ „Lass‘ ein Weib an dich heran“ zu summen: … und du bist schutzlos ohne Schild …

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Cornelia Köndgen als Gouvernante Miss Prism und Babett Arens als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Michael Scherffs Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s denn doch noch zu Tortenschlacht und Slapstick, zur ländlichen Orgie in deren Verlauf sich Butler Pascal Gross gendert und zu Algernons Entzücken nun als bärtige Blondine in Highheels und Hot Pants auftritt. Der, nun im Abendkleid auf dem Höhepunkt der Décadence, macht dieser Neuentdeckung keine geringeren Avancen als der ihm nun doch schon seit Stunden sattsam bekannten Cecily. Zu einer glücklichen Ehe gehören schließlich meist mehr als zwei Personen …

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Wien, 12. 10. 2015

Landestheater Niederösterreich: Die schmutzigen Hände

Februar 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Juergen Maurer in Sartres Partei-Satire

Juergen Maurer, Pascal Groß  Bild: Nurit Wagner-Strauss

Juergen Maurer, Pascal Groß
Bild: Nurit Wagner-Strauss

Die Partei frisst ihre Kinder. Oder: Nicht nur Geschichte, auch Partei wiederholt sich. Oder … Illyrien, das war einmal. Am Landestheater Niederösterreich inszenierte die Niederländerin Maaike van Langen Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ in einer Neuübersetzung von Eva Groepler und gibt mit ihrer Arbeit das Stück von 1948 zur Neubesichtigung frei. Es herrscht Bunkerstimmung bei den Linken. Soll man sich mit dem Regentensohn und dem faschistischen „Pentagon“ verbünden (1x links + 2x rechts = ??? Siehe die SP-Annäherungen an https://www.facebook.com/pegida.at bzw. https://www.facebook.com/pages/Pediga/1579663822267240) Der Realo sagt Ja, die Fundis sagen Nein. Zur Bunkerstimmung hat Raimund Orfeo Voigt ein Bunkerbühnenbild geschaffen. Graue, drehbare Wände, die zum Konferenzraum, zum Schlaf- oder Arbeitszimmer, zur Straße werden. Sie werfen Personen aus dem Rahmen, fegen neue hinein.

Politik ist ein Ringelspiel. Politik dreht sich. Immer um die eigene Achse: Markiert durch seine bourgeoise Herkunft bleibt der junge Hugo ein kleines Rädchen in der Kommunistischen Partei. Doch es herrscht Krieg und Hugo, der Intellektuelle, der an die reine Lehre, sprich die Diktatur der Partei glaubt, ist bereit für seine Ideale zu kämpfen und zu sterben. Wer nichts getan hat, ist niemand. Als Beweis seiner Entschlossenheit soll nichts Geringeres als ein Mord dienen. Er bietet sich an, den Parteisekretär Hoederer, der wegen der aktuellen politischen Situation eine Allianz mit reaktionären Kräften anstrebt, um den Krieg und die deutsche Okkupation heil zu überstehen und am Ende die Macht zu ernten, zu töten. Zusammen mit seiner sexy Frau Jessica, die den Zögerlichen zu einer Tat, egal welcher, bewegen will, wird Hugo (Deckname: „Raskolnikoff“) als Sekretär bei Hoederer eingeschleust. Anfänglich zu seinem Auftrag fest entschlossen, zieht ihn dieser aber mehr und mehr in seinen Bann – der geplante Mord wird immer weiter aufgeschoben. Schließlich vollzieht er den finalen Auftrag. Nach Jahren in Haft pocht Hugo darauf, Partei-Befehle ausgeführt zu haben. Allein die Situation hat sich mittlerweile verändert, Hoederer ist rehabilitiert und Hugo zur Persona non grata erklärt. Die Partei ist auf Hoederers Linie umgeschwenkt … und für Hugo rollt die nächste Kugel im Roulette. Der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.

Als Intellektueller im Zweiten Weltkrieg selbst von aktiven Sabotageakten im Widerstand gegen die Nazis ausgeschlossen (die Kommunisten, die nach dem Verbot von 1939 schon eine Widerstandsorganisation im Untergrund aufgebaut hatten, und die 1941 mit Attentaten auf deutsche Soldaten begannen, hielten ihn für einen anarcho-linken bürgerlichen „Dichter und Denker“, der für direkte Aktionen ähnlich unbrauchbar war wie seine spätere Figur Hugo), verarbeitet Nobelpreisträger und Philosoph Sartre seine Erfahrung in der Partei-Satire. Mit diesem Politthriller geht er aber auch der universelleren Frage nach der Unvereinbarkeit von politischer Praxis und moralischer Integrität nach, zeigt, wie abhängig Ideale und Überzeugungen von der Tagespolitik und auch von privaten Emotionen gemacht werden. Die ideologie ist vom Individuum nicht zu trennen. Man staunt, wie tief Menschen ihre Hände in Blut und ihre Hirne in Lügen tauchen können. Ein Glück. Van Langen hat Sartre verstanden und macht die Farce dort sichtbar, wo sie eine ist. Es ist, ja tatsächlich, zum Lachen. Die Regisseurin gewährt nicht nur den Schlüssellochblick in die neoideologistische, postdemokratische Jetzt-Zeit, sondern lässt auch eine Hintertür in den Humor offen. Der ist, wenn sie „spazieren“, marschieren, und man trotzdem … Nach dem „Wir kämpfen für …“ steht bei Van Langen nur noch ein Leerzeichen. Das trifft den Nagel – pardon für das Wortspiel – gerade am heutigen Tag auf den Kopf. Worte sind geladene Pistolen.

Das St. Pöltener Ensemble hat sich als Gast Juergen Maurer eingeladen. Er gibt den Hoederer zwischen gütigem Herrscher, Anschläge fürchtendem Angsthasen und lauerndem Raubtier. Alles in allem ist er aber ein desillusinierter Melancholiker, der zwar die Revolution von innen anstrebt, ein Überzeugungstäter, der für seine Überzeugungen stirbt, aber sich lieber einen hinter die Binde gießen als auf Polit-Parabel machen möchte. Doch mit der Hoffnungslosigkeit beginnt der wahre Optimismus. Pascal Groß ist als sein Mit- und Gegenspieler Hugo großartig. Im weißen „Intelligenzler“-Rollkragenpullover ist er hin- und hergerissen zwischen den Wahrheiten, die ihm aufgetischt werden. Ein trotziger Trotzkist. Doch was bringt ein Arbeiterrat, wenn der Arbeiter keinen Rat mehr weiß? Das steigert erst HugosVerzweiflung, dann die Wut, die ihn Richtung Hoederer abdrücken lässt, am Ende die Resignation. Loyalität, erkennt er, wird in dieser Welt nicht belohnt. Marion Reiser als Olga; Wojo van Brouwer, Tobias Voigt und Jan Walter überzeugen in verschiedenen Rollen. Höhepunkt des Abends ist aber Swintha Gersthofer als Jessica, die in verschiedenen „Edeloutfits“ und Perücken Hugos „Luxus“ gibt. Ein Weibchen, von dem man nie weiß, ob es spielt, „spielt“ oder mit dem Spiel gerade ernst macht. Sie will. Sich durchsetzen, Hoederer zwischen den Schenkeln, das Mannsbild im Bilde gegen das Männlein, das meist im Walde steht, austauschen. Auch sie wird scheitern.

Am Landestheater Niederösterreich wird wieder einmal Theater gemacht, wie man es sich nur wünschen kann. Intendantin Bettina Hering beweist einmal mehr nicht nur ein Händchen bei der Spielplangestaltung, sondern auch bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Eine Ausnahmeproduktion. Empfehlenswert. Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.

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Wien, 2. 2. 2015

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia von Sell ist sensationell

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell Bild: Josef Gallauer

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell
Bild: Josef Gallauer

Die Tonalität stimmt, nur das Verhältnis Konsonanz/Dissonanz ist längst verschoben. Sie ist ganz Diva in goldener Kleopatra-Abendrobe, dann wieder halbnacktes Kleinkind, das vom Sohn mit dem Schwamm gewaschen werden muss. Ihre Auftritte sind theatralisch, durchtrieben, bösartig; man weiß nicht: schmerzt es mehr, wenn sie lakonisch oder tyrannisch ist? Sie schwebt zwischen Sticheleien und Schreierei – alles Zeichen ihrer Depression. Irrsinnig. Julia von Sell ist als Rebekka Weér die Sensation der Inszenierung.

Die besorgte als deutschsprachige Erstaufführung der ungarische Regisseur Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgesetzt wurde: „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis. Die Weér war einmal wer. Budapests gefeierter Schauspielstar, Shakespeares Kleopatra. Als sich ihre Tochter Judit, eine begabte Violinistin, in den Westen absetzt, legt die Partei ihrer Bühnenheldin die Schlange an die Brust. Die lässt ihr Kind sogar pro forma beerdigen – doch Politik ist unerbittlich. Entlassung. Ersetzung durch eine Komparsin. Schmach und Schande. Fünfzehn Jahre selbst gewählte Einzelhaft in der Wohnung. Das heißt: So Einzel- ist die nicht, Rebekka bleibt noch ihr Sohn Andor als Opfer ihrer Launen …

Alföldi – eines der Themen, das er variantenreich durchspielt, lautet: Darf besondere Begabung alles? – und seine Bühnenbildnerin Anni Füzér haben dafür ein Metallgerüst, treppauf, treppab, mit hohen Maschendrahtzäunen, einen Gefängnishof geschaffen. Darin ein samtrotener Thron für die entthronte Königin. Und allerlei Zeug von Frühstücksgeschirr bis mottenzerfressenen Pelzmänteln, die im Laufe der Handlung auch noch das Zeitliche segnen werden. Zu dieser „Realität“ schafft Alföldi (alb-)traumhafte Bilder, Rückblenden, die das Geschehene erklären. Ganz wunderbar, wie er in dem von ihm erdachten Szenario die St. Pöltener Schauspieler und ihre Gäste zu Höchstleistungen führt.

Zunächst natürlich, denn er ist eigentlich die zentrale Figur der Geschichte, Andor, den angehenden Schriftsteller, der den Wahnsinn seiner Mutter zu Papier bringen will. Und zu ihrer Nervenberuhigung sogar falsche Briefe von Judit schreibt. Moritz Vierbooms stumme, stoische Verzweiflung, seine ausdrucksstarke „Ausdruckslosigkeit“ ist große Kunst. Nur manchmal bricht sich bei ihm der Zorn Bahn, aber das ebbt bald wieder ab, das hat er anders nicht gelernt. Er ist der Mann, umgeben von fünf Frauen. In Erinnerungen sieht er Judit (Marion Reiser), sie anklagend, dass sie ihn nicht mitgenommen hat. Sie erzählen einander von einer traurigen Kindheit, lieblos, verwahrlost im Sinne von allein, verlassen, Mauerblümchen gegen den lockenden Lorbeer. Doch die Mutter, die Patriarchin, fordert immer noch Dankesschuld von ihren Abkömmlingen. Wie ein Wiedergänger kommt auch der pragmatische, brutale Funktionär Genosse Fenyö (Michael Scherff) immer wieder vor. Dem alle untertänig entgegenkommen. Als Rebekka sich ihm zur Rettung der Karriere anbietet, spuckt er ihr ins Gesicht: „Bedecken Sie Ihre Brüste.“

Dann ist da Susi Stach als Juli, die gute Seele, die sich immer wieder neue Städtenamen für die Briefe ausdenken muss, und als Nutte mit Vogel. Er ist tot und heißt Rebekka. „Ficken“ (vor dem Four-Letter-Word wie vor sehr viel Nacktheit auf der Bühne darf man keine Scheu haben. Ein paar Zuschauer „flüchten“ darob in der Pause und versäumen einen paradiesisch-erbarmungslosen Theaterabend) will Andor sie nicht. So lebt man dahin in seinen Lebenslügen. Wären da nicht noch zwei Frauen: Andors Geliebte Eszter (Lisa Weidenmüller), eine ungarische Jüdin, sich in ihre Historie verbeißend, gleichzeitig sein Manuskript herausbringen wollend – so dringend will sie ihm erfolgsförderlich sein, dass sie sich sogar sein Kind „auskratzen“ lässt. Eine Darstellung, die Respekt verdient, wie Weidenmüller ihrer Figur mehr und mehr Profil abgewinnt. Ein Besuch bei Rebekka, auf dem sie besteht, wird selbstverständlich zum GAU.

Doch es kommt zum Kampf der Titaninnen: Michou Friesz mischt auch noch mit. Als Verlagsredakteurin Éva Jordán, die Andors Manuskript begutachten soll. Und sich darin wiederfindet? Friesz ist elegant, schön, sexy, ganz kühle Fassade. Mit einem bitteren Geheimnis dahinter. Sie will den jungen Autor in ihrem Schoß haben. Kriegt ihn auch. Eine Ménage à trois, wie es sie schon zwischen ihr, Rebekka und dem alten Weér gegeben hat. Die späte Rache einer ewigen Zweitfrau? Da beginnt Andors Zellauflösung, umso mehr als ein Brief vom Roten Kreuz bescheinigt, dass Judit nicht mehr auf dieser Erde, sondern unter ihr … Und er beginnt wieder die Mutter zu waschen … Geschichte ist Wiederholung. Und das Leben kennt kein Entrinnen.

Dem Landestheater Niederösterreich ist mit dieser Produktion eine der besten der diesjährigen Saison gelungen. Wer das nicht gesehen hat, hat was versäumt! Am Landestheater zu sehen bis 10. April.  Am 1. und 2. April als Gastspiel in der Bühne Baden.

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www.buehnebaden.at

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech/

Wien, 30. 3. 2014

Landestheater Niederösterreich: “Hexenjagd”

Oktober 7, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Hering spielt Arthur Millers John Proctor

Swintha Gersthofer, Markus Hering  Bild c Fritz Novopacky

Swintha Gersthofer, Markus Hering
Bild c Fritz Novopacky

Es ist gefahrlich, nicht genormt zu sein. Nicht eines der uniformen Kleidchen zu tragen, die Regisseurin Cilli Drexel ihren Madchen verpasst hat. Es ist gefahrlich, zu denken, noch gefahrlicher, das Gedachte in Worte zu fassen und todlich, auf seinen Rechten zu bestehen. Salem 1692. Hier siedelte Arthur Miller sein Stuck Hexenjagd an. Gedacht als literarische Abrechnung auf  die Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära in den USA, heute transferierbar in jede Diktatur. Ein Statement gegen den Missbrauch politischer und religioser Macht, gegen Massenwahn/hysterie und Denunziation. Dargestellt als Spirale, die sich immer schneller nach unten dreht. 30 Menschen werden am Schluss ihr Leben gelassen haben. Der Richter, Danforth, Stellvertreter des Gouverneurs, ist selbst der Teufel, der einem das Wort im Mund umdreht.

Das Landestheater Niederosterreich eroffnet seine neue Saison mit Drexels Interpretation des Stoffs. Ein Trommelwirbel, an dem das Publikum rege teilhaben darf. Nicht nur, weil es als Tribunal rechts und links der Spielflache sitzt, und mittendrin die Schauspieler und deren Zurufe zum Geschehen, nicht nur, weil es von diesen zu Rat und Tat aufgefordert wird und das Werfen von kleinen Meineidzettelchen doch nicht verhindern kann. Sondern, weil Mitdenken der Kern des Abends ist. Niemals wieder. Von Nazi bis Stasi …

Intendantin Bettina Hering hat sich ihren Ehemann Markus Hering als Gast eingeladen. Er spielt den John Proctor, Bauer, absolut hexenunglaubig, aber einer, der furs Fremdgehen bussen muss. Abigail, von seiner Frau Elizabeth, Burgschauspielerin Alexandra Henkel, AbiGEIL genannt, glaubte an wahre Liebe, wo er nur Druck ablassen wollte und fuhrt ob des Betrugs einen wahren Hexentanz auf. Bei Vollmond. Mit den anderen Madchen des Dorfs. Das ruft erst geistliche, dann weltliche Rechtsgelehrte auf den Plan. Ende bekannt. Swintha Gersthofer spielt diese Schlusselfigur grossartig. Sie ist hinterlistig, bosartig, aufsassig, auf eigenes Kommando bigott, fuhrt Gott und seine Stellvertreter auf Erden an der Nase herum, terrorisiert ihre Mitverschworerinnen. Eine fulminante Leistung. Ebenso wie die ihres Gegenubers Lisa Weidenmuller als Mary Warren, die sich der Wahrheit verpflichtet fuhlt und sich schliesslich doch dem Gruppendruck beugt. Dem Namen nach grossere deutschsprachige Buhnen konnten froh sein, zwei so talentierte junge Krafte im Ensemble zu haben!

Ein Solitar naturlich Markus Hering. Aber einer, der die Leistung seiner KollegInnen erst recht zum Strahlen bringt. Ein Teamtier. Sein John Proctor, ein rechter, ein gerechter Mann, ist auch ein Ausweichler, zwischen Hirn und Hoden hin und hergerissen, gesegnet mit der unseligen Gabe, im falschen Moment das Falsche zu sagen. Und sich damit selbstverstandlich Feinde macht. Ich mag den Geruch der Obrigkeit nicht, sagt er unverfroren sarakstisch. Ein Kommunist … Jedenfalls einer, der seine Ehre wiederfindet. Mitten in Habgier, Neid und Niedertracht. Sieh doch mal das Gute in mir, sagt er zu seiner Frau. Die hat die Ehekrise hart gemacht. Unwillkurlich muss man an „Ein roter Luftballon“ von Yves Gilbert und Serge Lama denken.

Ich bin das Kind reeller Leute,
mir wurde nie etwas geschenkt,
bis auf das eine, das mir heute
egal ist, was man von mir denkt.

Ich nehm nichts hin, ich geb nichts her,
das ist genug — es gibt nicht mehr!

Erst angesichts des Todes scheint Versohnung moglich. Daneben gefallen Michael scherff als feiger Reverend Parris, Sven Philipp, St. Poltens Anwort auf Christian Bale, als Aufruhrer Thomas Putnam,Christine Jirku als aufrechte Rebecca Nurse und Helmut Wiesinger als unbeugsamer Giles Corey. Neben den Proctors das zweite Traumpaar des Abend … Tobias Voigt als einlenkender Reverend John Hale, dem der ganze Zirkus zunehmend zuviel wird, und Jan Walter als knallharter Paragraphenreiter Richter Danforth. Uneins sind die beiden in der Frage uber unsichtbare Verbrechen. Denkt man an Dystopien von George Orwells 1984 bis Philip K. Dicks Minority Report, denkt man an world wide monitoring, ist der Grosse Bruder langst ein naher Verwandter. Hexenjagd aus dem Jahr 1953, mehr denn je ein Stuck zur Zeit. Gedanken sind nicht frei, sondern Verbrecher … Sehenswert.

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Wien, 5. 10. 2013