Christoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen

Februar 1, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Auschwitz-Erinnerungen als literarische Erzählungen

„Ich heiße Bermann, ich bin Magda Bermann, ich habe es laut gesagt, damit ich mich selber höre. Die Frau hat mich gemustert von oben nach unten, dieses dürre Stück Mensch, das da vor ihr stand und das so wenig in die Welt und zu diesem Haus gepasst hat wie eine Tote an einen Kaffeetisch. Sie war so siegessicher, so hämisch und giftig, als sie gesagt hat: Da könnte ja jeder kommen und an der Klingel reißen. Seien Sie froh, dass ich nicht nach der Gendarmerie rufe. Und jetzt ist Schluss mit dem Theater. Gehen Sie dahin, wo sie hergekommen sind.“

So beschreibt Magda Bermann ihre „Heimkehr“ aus A., jenen Ort dessen Namen sie nie mehr aussprechen wird, ins Land der Arisierer. „Das leere Haus“ heißt diese erste von drei Erzählungen, die Christoph Heubner in „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ zu einem Buch zusammengefasst hat. Heubner ist Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Pfarrerssohn, Kriegsdienstverweigerer, Schriftsteller, Bewahrer der Geschichten der Überlebenden. Im eigentlich zuerst zu lesenden Nachwort kommt Heubner auf die unzähligen Begegnungen mit ihnen zu sprechen. Von Stéphane Hessel bis zum „weißhaarigen Gabor in Budapest“.

Auch auf die mit Simone Veil, der strengen, hellsichtigen Kämpferin für Frauenrechte und für ein Europa des Miteinanders und der Toleranz, der ersten Präsidentin des Europäischen Parlaments, die Heubner kurz vor ihrem Tod 2017 die Verpflichtung auferlegte: „Ihr müsst unsere Geschichten weiterschreiben, ihr müsst euch die Fakten und unsere Erinnerungen aneignen und künstlerische Wege finden, unseren Emotionen eure Emotionen hinzuzufügen.“ 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ ein Buch, dass die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen literarisch erfahrbar macht.

Jedes der darin geschilderten Schicksale steht für sich und doch sind sie miteinander verbunden, weil sie sich auf den gleichen Schreckensort beziehen und dieselben Empfindungen bergen, Verlorenheit, Empörung, die Daseinsschuld „danach“, das Heraufbeschwören von Bildern ermordeter Familienangehöriger – und immer wieder die Worte Halt, Achtung, Appell, Schornstein, Rauch, Arbeit Macht Frei. „Die Überlebenden“, schreibt Heubner, „werden diese Worte nicht los, sie haften in ihnen bis zum Ende ihrer Tage und Nächte.“

Der fiktive Bericht von Heubners erdachter Figur Magda Bermann ist somit einer sehr nah an der Realität, ihre Stimme stellvertretend für Millionen. Wenn sie auf ihrem Marsch nach Kassel, denn wohin sonst?, von Menschen spricht, die „mich wütend anstarrten“. Und ihren Arm, „wo der Tätowierer in Birkenau sich extra bemüht hatte, die fünf Ziffern schön groß hinzubekommen“. Wenn sie zwischen der Freude über die Trümmerberge, die Welle der Zerstörung, die endlich auch jene getroffen hatte, und ihrem Mitleid mit den darin nach letzten Habseligkeiten wühlenden Frauen und Kindern schwankt. Bis sie von einer hört, dass „solchen wie Ihnen“ in der Jägerkaserne geholfen werde. Wohin sie sich eilig verfügt. „Eine deutsche Stimme, ein Befehl …“

Als Zwiegespräch von Gedanken einer „Sie“ und eines „Er“ gestaltet Heubner die zweite Erzählung „Ein Stück Wiese, ein Wald“. Ein Grüppchen aus Kaposvár wurde auf einer Lichtung zurückgelassen, während die Uniformierten andere, Kinder, Kranke, Alte, nackt ausziehen hießen und mitnahmen. Zur Desinfektion vor dem Arbeitsdienst? Die Kinder? Noch schwelgt Sie in Erinnerungen an Hausmusik, Er denkt an seinen Holzhandel, Sie summt leise das Grimm’sche Kinderlied „Hänsel und Gretel“, Er denkt: „Pstttt! Ja, bist du denn jetzt ganz meschugge geworden? Verliefen sich im Wald, verrückte Alte, wir sind im Wald, aber sie haben uns hergebracht.“

Inhaftiert hinter Stacheldraht: Frauen und Kinder im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Bild: pixabay.com

Felix Nussbaum: Angst, 1941, Felix-Nussbaum-Haus im MQ Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Fotograf: Christian Grovermann

Eine Fototafel in der Gedenkstätte erinnert an die 1,5 Millionen Opfer der Nationalsozialisten. Bild: pixabay.com

In knappen Zeilen, einfühlsam und nachhallend, entwirft Heubner zwei Existenzen, den Großvater, dessen hartes Herz nur die kleine Enkelin Gilike erweicht, die Mutter, die sich um Schwestern, Nichten und Neffen sorgt. Um Tochter Magda, der sie zum Nationalfeiertag ein rot-weiß-grünes Kostüm genäht hatte, und der die Lehrerin ins Ohr zischte: „Das kommt dir nicht zu. Ihr seid gar keine Ungarn.“ Natürlich wissen wir Nachgeborenen, was Stacheldraht und Schlot und die scharfgemachten Hunde bedeuten, die dunklen Rauchsäulen, der graue Staub und der Gestank, der die Atemluft zerquetscht. Wissen, dass die Hoffnung, „sie waren mager, die Menschen, aber sie waren am Leben“, sich für die wenigsten erfüllen wird.

Natürlich kann man sagen, man hätte vieles wissen können, „wenn sie alle miteinander marschiert sind in ihren schwarzen Joppen“, die Pfeilkreuzler und ihr Pater Kun mit seinem Befehl „Im Namen Christi – Feuer!“. „Das brütete nicht nur in der Politik, das steckte in den Menschen. Ich habe den Hass in ihren Augen gesehen, sie haben gewartet, dass sie von der Kette kommen“, so Er. „Die Vorstellung, dass Menschen andere Menschen, unter ihnen Frauen und Kinder, töten und verbrennen, nur weil sie Juden oder Sinti und Roma waren, erschien vielen, die in die Lager abtransportiert wurden, völlig verrückt“, schreibt Heubner. „Ich habe begonnen die Leute zu zählen, als sie in die Wagen geklettert sind. Ich habe versucht, sie zu zählen. Aber irgendwann sind mir die Zahlen gestorben, es waren zu viele, es war von allem zu viel“, so Er.

Mit Viehwaggons und an die Wände geschobenen Toten endet auch der dritte, titelgebende Text, „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“, die von Heubner imaginierten Tagebücher des Künstlerehepaars Felix Nussbaum und Felka Platek, deren künstlerisches Vermächtnis heute im von Daniel Libeskind erbauten Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück ausgestellt ist (www.museumsquartier-osnabrueck.de/ausstellung/sammlung-felix-nussbaum/), das neben mehr als 200 Exponaten von Felix Nussbaum mit zwei Ölgemälden und 28 Gouachen auch die weltweit größte Felka-Platek-Sammlung besitzt.

Am 31. Juli 1944 wurde von den Nationalsozialisten der letzte Deportationszug im belgischen Durchgangslager Mechelen abgefertigt. In diesem waren auch die beiden Maler, die man zusammen in ihrem Versteck in der Brüsseler Rue Archimède verhaftet hatte. Felkas Weg endete unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern, der von Felix verliert sich wenige Monate später. Heubner begleitet die Warschauerin und den Osnabrückner mit seinen Eintragungen vom Hurrapatriotismus des Ersten Weltkriegs über Marschall Józef Pilsudski und dessen Hang zu Pogromen, ihr Kennen- und Liebenlernen und auch ein wenig Kollegenneid während des Studiums in Berlin bis ins Exil. Aus überbordender Lebens- und Schaffensfreude wird Entsetzen über den Antisemitismus, Verstörung über die Demütigungen und den Vernichtungswillen der Nazis.

Felix Nussbaum: Saint Cyprien (Gefangene in St. Cyprien), 1942, Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Fotograf: Christian Grovermann

Sagte der Vater 1929: „Hitler – Ein Spuk!“, schreibt Heubners Felka 1934: „Was geschieht mit den Deutschen, diesen ewigen Vorzeigepuppen für Fortschritt, Kunst und Kultur?“, notiert später: „Immer wieder die Sorgen um die gültigen Papiere, um das nötige Geld“. – „Wir sind Flüchtlinge, die nach Schutz und Sicherheit suchen“, ergänzt Felix. Auch mit diesen kurzen, aktuell anmutenden Sätzen, derzeit sind weltweit 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht, jede Minute 25 neue, jeden Tag müssen 37.000 ihre Heimat verlassen (Quelle: www.unhcr.org), gelingt es Heubner zwei komplexe Biografien aufzuzeichnen. „Was für ein Hohn.“, so Felka 1940. „Die belgische Polizei hat den jüdischen Flüchtling Felix Nussbaum als reichsdeutschen Bürger verhaftet, der für Belgien eine Gefahr darstellt.“ Felix: „Zusammengepfercht hinter Stacheldraht. Das Lager heißt Saint Cyprien. Dreck, Ungeziefer, es stinkt nach Angst und ungeheurer Hoffnungslosigkeit. Einige beten in der Lagersynagoge. Hört Gott zu?“

Dies dabei nur der erste Schritt in einen Raum ständiger Bedrohung, wo die Häftlinge jeden Tritt, jeden Ton ihrer Mörder mit hypersensiblen Sinnen aufsaugten, um der Mordmaschine längstmöglich zu entgehen. „Hass, Populismus, Aggressionen gegen Minderheiten: Auschwitz hat nicht in Auschwitz begonnen, sondern überall, wo man Menschen ausgegrenzt und gejagt hat“, so Christoph Heubner im Interview über bis heute Gültiges. „Vielen scheint Demokratie mittlerweile eine selbstverständliche Bettdecke, die ihnen eine sanfte Ruhe beschert. Doch diese Ruhe ist trügerisch. An der Demokratie wird gerüttelt.“ Symbol dazu sind die Schießhunde, die in allen drei Geschichten zugegen sind.

Seine Magda Bermann schickt Heubner schließlich in die USA, Pittsburgh, wo sie ihren späteren Ehemann trifft. Am 28. Oktober 2018 will die mittlerweile 93-Jährige zur Tree-of-Life-Synagoge. „Als ich auf den Parkplatz fuhr, habe ich schon seine Stimme gehört, ich hörte, wie er (Robert Bowers, Anm.) brüllte: „Alle Juden müssen sterben“. Und dann die Schüsse in der Synagoge. Elf von uns waren tot … Vier Minuten, es waren vier Minuten. Und mir war, als hätte ich am anderen Ende des Parkplatzes meine Mutter gesehen. Sie war so jung wie damals, als sie uns abgeholt haben und schrie: Vier Minuten, ist es nie zu Ende?“

Über den Autor: Christoph Heubner, geboren 1949, ist Schriftsteller und Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Steidl Verlag, Christoph Heubner: „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen. Nach Auschwitz – drei Geschichten“, 104 Seiten.

steidl.de           www.auschwitz.info/de           www.museumsquartier-osnabrueck.de

1. 2. 2020

Patrick Marnham: Schlangentanz – Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters

August 26, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Geister, die wir riefen …

zoom_berenberg_book_46157325779cEs ist eigentlich kein Sachbuch und auch kein Roman. Patrick Marnhams Buch „Schlangentanz“ ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und gegen alle, die noch immer glauben, die Kräfte der Kernspaltung und -fusion beherrschen zu können.
Der Autor begab sich mit einem Filmteam auf die Spur des Urans, das für die Atombomben in Los Alamos/New Mexico gebraucht wurde und hunderttausenden Menschen das Leben gekostet hat beziehungsweise heute noch immer kostet. Seine Reise beginnt in einer Mine im damaligen Belgisch-Kongo, nahe der Stadt Lubumbashi im Süden des Landes, wo Uran von der einheimischen Bevölkerung abgebaut wurde (ohne zu wissen, welche todbringende Kraft in diesem chemischen Element mit der Ordnungszahl 92 steckt), führt über Los Alamos bis nach Japan, wo die Bomben am 6. und 9. August 1945 in Hiroshima und Nagasaki ihre Ziele fanden. Doch die Reise geht noch weiter. Sie führt zu den Atomreaktoren in Fukushima, wo die 2011 entfesselte (Kern)Kräfte zeigten, was sie auch heute immer noch anrichten.

Marnham erzählt auch eine Geschichte von Missgeschicken und ehrgeizigen Plänen von Männern, die die Menschheit an den Rand der Vernichtung geführt haben. Einige erkannten, was sie angerichtet hatten, andere nicht und entwickelten noch fürchterlichere Waffen. Und so stellt sich die Frage: Gibt es für die Wissenschaft Grenzen? Gibt es ethische Limits? Welche Verantwortung haben Wissenschaftler? Edward Teller, der „Vater der Wasserstoffbombe“ und vehementer Befürworter der Kernenergie, war der Überzeugung „Das Wichtigste in jeder Wissenschaft ist, die Dinge zu machen, die machbar sind.“ Er sah nicht ein, warum Experimente, auch wenn sie die Menschheit und die Wissenschaft auslöschen können, nicht gemacht werden sollten.
Aber es gab auch kritische Geister, wie Harold Urey, Direktor der Uran-Anreicherungsanlage Oak Ridge in Tennessee, der 1944 von seinem Posten zurücktrat, als er erkannte, dass das Manhattan-Projekt (mit dem Ziel der Herstellung der Atombombe) nicht mehr dazu diente, ein Atombombenmonopol der Deutschen zu verhindern. Oder Leo Szilard von der Wissenschaftlergruppe in Chicago, der das 1942 erfolgreiche Experiment der ersten Kettenreaktion als „schwarzen Tag in der Geschichte der Menschheit“ bezeichnete.

Der weit gereiste BBC-Korrespondent, Biograf und Schriftsteller Marnham bezieht Stellung und hinterfragt die Entscheidungen, die zum Bombenbau geführt haben, was viele der Mitarbeiter am Manhattan-Projekt nicht beziehungsweise zu spät getan haben. Akribisch genau beschreibt er den Weg von der Entscheidung zum Bau der Atombombe bis zu ihrem Einsatz: Er erzählt die Geschichte von der Gründung des Manhattan-Projekts 1942, den Werdegang von dessen skrupellosen Direktor Leslie Groves, und von unzähligen Wissenschaftlern und Nobelpreisträgern wie Enrico Fermi und Otto Frisch, die für das Projekt gewonnen werden konnten.
Der Autor erzählt von einem Kernphysiker namens Robert J. Oppenheimer, der zum führenden Wissenschaftler des Manhattan-Projekts in Los Alamos wurde, und alles für seine Verwirklichung tat, und vom Ungarn Edward Teller, der mit der Wasserstoffbombe eine Waffe schuf, deren Sprengkraft und vernichtende Wirkung, die der in Hiroshima und Nagasaki eingesetzten Kernspaltungsbomben, um ein Vielfaches übersteigt.
Ausführlich hinterfragt Marnham auch die Rolle der Verantwortlichen in der US-Regierung am Manhattan-Projekt. Seine Kernaussage: „Nachdem sie (Anm. die amerikanische Regierung) zwei Milliarden Dollar hineingesteckt hatte, hatte das Projekt eine solche Eigendynamik entwickelt, dass es getestet werden musste – und zwar am Menschen.“ Nach der Entwicklung zweier verschiedener Atomwaffen (Uran- und Plutoniumbombe) brauchte man auch zwei bewohnte Ziele. Das Experiment sollte genaue Erkenntnisse über die jeweiligen Leistungsfähigkeiten der Waffen erbringen – von thermischer Strahlung, Fallout bis hin zu Ganzkörper-Strahlendosen. Denn als die Bomben einmal fertig waren, musste sie auch eingesetzt werden, obwohl beim von Oppenheimer genannten „Trinity-Test“ am 16. Juli 1945 (die erste Plutoniumbombe wurde in New Mexico gezündet), die meisten wissenschaftlichen Beobachter über die Wirkung der Atomwaffe entsetzt waren.

Für die meisten Wissenschaftler war es aber nun nur an der Zeit, die Bombe am „Objekt“ auszutesten. Der vor dem Ende stehende Krieg gegen Japan bot für den Einsatz einen willkommenen Anlass. Der Rest ist traurige Geschichte: In Hiroshima betrug die Opferzahl nach dem Abwurf am 6. August 1945 am 1. September mindestens 70.000, am Ende des Jahres war sie bereits auf 140.000 angestiegen. In Nagasaki starben am 9. August sofort 30.000 Menschen, zum Großteil Zivilisten. Bis Ende des Jahres waren 70.000 Todesopfer zu beklagen, nach fünf Jahren waren es 140.000. Japan kapitulierte am 14. August. Damit konnte weiteres Leid vermieden werden, denn Leslie Groves teilte nach dem 9. August den Verantwortlichen in Washington mit, dass am 18. August auch „Fat Man II“ zum Einsatz gebracht werden könnte. Was wäre das nächste Ziel gewesen?

Natürlich gab es von amerikanischer Seite eine offizielle Erklärung für die Abwürfe von „Little Boy“ (auf Hiroshima) und „Fat Man“ (auf Nagasaki), an der vielerorts noch immer festgehalten wird. Zuerst: Die Waffe sollte verhindern, dass sich Nazi-Deutschland ein Monopol auf Atomwaffen verschaffen konnte (Otto Hahn gab 1939 in Berlin die Entdeckung der Kernspaltung bekannt). Als dieses Argument mit keinen Fakten mehr aufrechterhalten werden konnte – das deutsche Bombenprogramm wurde 1942 faktisch eingestellt –, galt als neue Begründung die Beendigung des Krieges gegen Japan, um den US-Truppen eine verlustreiche Eroberung Japans zu ersparen. Dass das Kaiserreich schon vor den Atombombenabwürfen vor der Kapitulation stand, wurde von den meisten US-Strategen verschwiegen.
Für viele Militärstrategen war die Sowjetunion als Adressat der Abwürfe gedacht. Ihrem Führer Stalin konnte man zeigen, welch verheerende Waffe die USA besaßen. Doch einschüchtern ließ sich der Mann in Moskau nicht. Schon einige Zeit später zündeten auch die Russen ihre erste Bombe. Das atomare Wettrüsten war eröffnet.

„Schlangentanz“ beginnt mit einer zerstörten Kolonie, dem Kongo. Ausgeblutet vom belgischen Kolonialismus bis hin zum Bürgerkrieg im späten 20. Jahrhundert, und endet in Japan, und einer vom explodierten Reaktor in Fukushima verstrahlten Umwelt. Somit schließt sich der Kreis. Der Mensch hat nichts dazugelernt.
Was Patrick Marnham beim Schreiben seines Buches nicht wissen konnte: Vier Jahre nach der Katastrophe ging im August 2015 einer der Reaktoren in Fukushima wieder ans Netz – um den Anstieg der Energiekosten zu dämpfen.
Ein wichtiges Buch!

Über den Autor:
Patrick Marnham, geboren 1943 in Jerusalem, aufgewachsen in England, ist Biograf und vielfach ausgezeichneter Reiseschriftsteller. Als BBC-Korrespondent lebte er in Afrika, dem Mittleren Osten und Zentralamerika. Er veröffentlichte Biografien über Diego Rivera, Georges Simenon, Jean Moulin und Mary Wesley. Er lebt in Oxfordshire.

Berenberg, Patrick Marnham: „Schlangentanz – Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters“, Sachbuch, 376 Seiten. Deutsch von Astrid Becker und Anne Emmert

www.berenberg-verlag.de

Wien, 26. 8. 2015