Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Burgtheater: Eines langen Tages Reise in die Nacht

April 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Familienzerfleischung vor Felsformation

August Diehl, Alexander Fehling, Corinna Kirchhoff und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Ein Zelebrieren der Langsamkeit ist Andrea Breths Inszenierung von Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Fast vier Stunden dauert der wehmütige, seltsam verwehte Abend, durch den die Darsteller wie somnambul und weißgewandet geistern. Der Breth gelingt damit großes Theater. Präzise seziert sie des Autors Familienzerfleischung – das ist so schmerzhaft wie schön, und entfaltet eine ungeheure Sogwirkung.

Selten zuvor war an dem oft gesehenen Stück spürbar, wie sehr Verletzung durch große Liebe entsteht. Die Morphinistin und ihre beiden Alkoholiker, der Tuberkulosekranke und sein pathologischer Geizhals, die Hysterikerin und die Nicht-mehr-Hinhören-Könner sind hier vier ineinander verzahnte Existenzen. Keiner kann ohne, niemand mit den anderen. Dass sich da unterschwellige Aggressionen an die Oberfläche Bahn brechen, ist klar. Doch kaum hat man sich angepöbelt oder gar gerauft, herrscht wieder eitel Eintracht. Familie ist, sagt Breth, eine lebenslang erdrückende Umarmung, die zum Erstickungstod führen muss.

Dass Edmund am Ende, ein Bild des Friedens, am Meer sitzt, nachdem all die Drogenkonsumenten endlich ins Bett gefunden haben, glaubt man ihm kaum. Aus der Familie Tyrone, wie Breth sie malt, gibt es im Guten wie im Schlechten kein Entkommen. Da hilft kein retrospektiv versöhnlicher Schlussmoment, kein versonnener Blick in die Ferne der Zukunft. O’Neill selbst macht das deutlich, hat er doch seinen autobiografischen Text spät geschrieben und nur zur posthumen Veröffentlichung freigegeben …

Am Burgtheater glänzt ein herausragendes Schauspielerquartett. Sven-Eric Bechtolf gibt den James Tyrone, Corinna Kirchhoff die Mary, Alexander Fehling und August Diehl die Söhne Jamie und Edmund. Andrea Wenzel holt aus ihren wenigen Auftritten als aufmüpfiges Hausmädchen Cathleen alles. Dreh- und Angelpunkt der Aufführung ist Kirchhoffs Mary. Kirchhoff spielt die Süchtige mit enormem Charisma. Mit fahrigen Fingern streicht sie immer wieder ihre Haare zurecht, versichert mit vor vorgegaukelten Emotionen überschnappender Stimme, ihre Sucht im Griff zu haben, bevor sie sich eben wegen dieser wieder in schwatzhaftes Selbstmitleid ergießt.

Sie ist die Manipulative, die größte Egoistin unter den Egozentrikern, und wie sie in ihren Erinnerungen lebt und andere für ihre zerstörten Träume verantwortlich macht, als hätt’s nie gegolten, einen Entscheid selbst zu treffen, das ist großes Kino. Dann, je mehr sie wieder in ihrer Sucht verschwindet, wird diese Mary immer mehr zum jenseitig-empyreischen Wesen. Bis sie schließlich mit hohem Stimmchen und wie abwesend über die Bühne torkelnd ihre Frömmeleien verkündet.

Sven-Eric Bechtolf und August Diehl. Bild: Bernd Uhlig

Corinna Kirchhoff und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Diese hat Martin Zehetgruber als endzeitliche Küste angelegt. Statt in die von O’Neill verlangte Abbildung des elterlichen Sommerhauses, das Monte Christo Cottage in Conneticut, verlegt er die Handlung in eine nebelig düstere Landschaft, in der eine Felsformation einen Wasserlauf säumt, den die Darsteller immer wieder spritzend durchqueren müssen. Im Hintergrund ein Walskelett, das sich endlich nach vorne drehen und Edmunds letzter Begleiter sein wird. So entsteht atmosphärisch dicht eine Situation, die niemandes Zuhause sein kann – wie Mary stets beklagt, in ihrer Ehe kein Heim gehabt zu haben, ein Umstand, den wohl auch die Söhne so empfinden.

Am unbehaust Umherziehen der Familie Tyrone trägt natürlich deren Oberhaupt James die Schuld. Sven-Eric Bechtolf gibt den Ein-Stück-Schauspieler mit Hang zur ausladenden dramatischen Geste. Stets ist an seinem James deutlich, dass er die Vaterrolle auch „spielt“, wenn er zwischen Eigensinn und echter Sorge um seine Frau und seinen Sohn, gefangen in seinen Zwängen und Ängsten, und zwischen Großsprecherei und Kleinmut changiert. Bechtolf brilliert in seinem intensiven Auftreten. Wie Alexander Fehling, der als Jamie die Krankheiten des James‘ geerbt hat und wie er zwischen Selbstverteidigung und -anklage pendelt.

Berührend, wie er vom Kraftlackl im ersten Teil zum betrunkenen Häufchen Elend wird. In einer Saufszene mit Edmund legt Breth ihr Konzept deutlich dar, dass hier alles gesagt und getan wird, weil Menschen in übergroßer Zuneigung einander zu viel abverlangen … Bleibt Edmund, des Autors Alter Ego, August Diehl. Der hat sich den zwar ebenso Desillusionierten, aber immer noch Familienfreundlichen wie eine zweite Haut angezogen. Herzerwärmend, wie er, als es schon längst die Diagnose Schwindsucht gibt, den anderen bei ihren Selbstsüchteleien noch zuhört und zusieht. Alles in allem überzeugt Diehl am meisten durch seine Wahrhaftigkeit. „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ am Burgtheater ist ein überragend gelungener Theaterabend, streckenweise larger than live, den man nur empfehlen kann.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2018

Circus Roncalli: Reise zum Regenbogen

September 17, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen, was Sie noch nie gesehen haben!

Paolo Carillon hüllt die Welt in sanft schillernde Seifenblasen. Bild: Circus Roncalli

Paolo Carillon hüllt die Welt in sanft schillernde Seifenblasen. Bild: Circus Roncalli

Roncalli, das ist Gesamtkunstwerk auf dem Rathausplatz, das sind Fantasiewesen und skurrile Geschöpfe, die das Publikum schon lange vor dem Einlass abholen und in ihre Welt entführen, das ist der Kindheitsgeruch nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Roncalli, das sind die Clowns, die Pierrots, die Colombinen, die dummen Augusts, sie wie immer das Herz der Show.

„Reise zum Regenbogen“ heißt die, die Roncalli-Gründer Bernhard Paul zum 40-Jahr-Jubiläum seines Circus erdacht hat, und bis man endlich drinnen ist im Zelt, ist man dort längst angekommen, längst verzaubert, längst im Zirkusfieber. Minutenlang werden sie mit Applaus bedacht, der Herr Direktor und sein Spektakel. Beide sind sie Wiener. Beide nun bis 16. Oktober in Wien zu sehen. Für das hochkarätige Programm, durch das Clown-Conférencier Gensi und seine Kollegen Anatoli Akerman und Ramon, der sich mit seiner spaßigen Art durch die Nummern crasht, führen, hat Bernhard Paul sich sozusagen neu erfunden. Die Nostalgie früherer Shows ist natürlich da, das Sentiment und die leise Melancholie gehören zur Roncalli-Melange. Etwa, wenn Paolo Carillon und seine verrückten Maschinen mit sanft schillernden Seifenblasen jede harte Realität weichzeichnen. Oder das Duo Pykhov. Seiltänzerin Yana, die auf einer von ihrem Mann sanft geschaukelten Mondsichel, Richtung Himmel schwebt.

Ai'Moko bezauberte das Publikum mit dem Cyr-Rad. Bild: Circus Roncalli

Clown-Akrobat Ai’Moko bezaubert das Publikum mit dem Cyr-Rad. Bild: Circus Roncalli

Jongleur Ty Tojo hebt eine alte Kunst auf eine völlig neue Stufe. Bild: Circus Roncalli

Jongleur Ty Tojo hebt eine alte Kunst auf eine völlig neue Stufe. Bild: Circus Roncalli

Doch diesmal sorgen auch viele junge, vielfach bereits preisgekrönte Artisten mit ihren temperamentvollen Nummern für Tempo und modernes Flair. Schauen heißt Staunen, und Stimmung ist vom ersten Moment an. Neben der Poesie der Bilder besticht auch die akrobatische Leistung. Sehen Sie, was Sie noch nie gesehen haben! Etliche Darbietungen in dieser Form tatsächlich zum ersten Mal. Ty Tojo, der 18-jährige Amerikaner mit japanischen Wurzeln, in Monaco bereits mit dem Newcommerpreis ausgezeichnet, hebt die Kunst der Jonglage auf eine neue Ebene. Scatman Robert Wicke beweist, dass man Beatboxen, Singen und Kekse essen gleichzeitig kann – und freilich fordert der Comedian die Zuschauer auf, es ihm gleich zu tun. Ohne mitzumachen kann man bei Roncalli nicht dabei sein.

Vivi Paul begeisterte das Publikum im Luftring. Bild: Circus Roncalli

Vivi Paul begeistert das Publikum im Luftring. Bild: Circus Roncalli

Lili Paul zeigte zum ersten Mal ihre Kontorsionsakrobatik. Bild: Circus Roncalli

Lili Paul zeigt Kontorsionsakrobatik. Bild: Circus Roncalli

Und mitten drin die beiden Töchter. Vivi Paul als Harlekina mit keckem Hütchen am Luftring und Lili Paul mit ihrer Kontorsionsakrobatik. Die Erstgeborene präsentiert sich mit Anmut und einem Augenzwinkern, ganz „alte Häsin“, das 17-jährige Nesthäkchen der Familie zeigt seine Kunst zum ersten Mal in der Manege. Nach dem Schlussapplaus zu schließen der Liebling des Publikums ist das Wunderwesen Ai’Moko, eine Erfindung des venezolanischen Clown-Akrobaten Aime Morales, das im surrealen Raum eines Cyr-Rads lebt und mit diesem einen anmutigen Konflikt um die eigene Daseinsberechtigung austrägt. Was der bereits hoch dekorierte Künstler da zeigt, ist etwas auch für Zirkuserfahrene völlig Neues.

Gleich dem Foucault'schen Pendel schwebt Lift durch die Luft. Bild: Circus Roncalli

Gleich dem Foucault’schen Pendel schwebt Lift durch die Luft. Bild: Circus Roncalli

Das Duo Pykhov balanciert auf der Mondsichel. Bild: Circus Roncalli

Das Duo Pykhov: Yana balanciert auf der Mondsichel. Bild: Circus Roncalli

Ebenso wie die Darbietung des fliegenden Quartetts namens Lift. Gleich einem Foucault’schen Pendel schwingen die beiden Herren ihre Partnerinnen durch die Luft, lassen sie, selbst nur von einem Hüftgurt gehalten, bis unter die Kuppel abheben. Das kanadisch-südamerikanische Kleeblatt hat mit dem Porteur Parallele ein neues Genre entwickelt und wurde dafür beim Paris Nachwuchszirkusfestival mit Silber belohnt. Die vier sind ein rasanter, ein atemberaubender Schlusspunkt der Show. Zu Recht bejubelt, bevor sich die Zuschauer mit bunten Luftballons beschenkt glücklich nach Hause träumen.

Nach Wien ab Oktober in Graz und ab November in Innsbruck.

www.roncalli.de

Wien, 16. 9. 2016

Simon Pegg und Toni Collette in …

August 19, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

Hector (Simon Pegg) Bild: © 2014 Egoli Tossell Film

Hector (Simon Pegg)
Bild: © 2014 Egoli Tossell Film

Am 22. August läuft in den heimischen Kinos Peter Chelsoms Verfilmung von François Lelords Bestseller „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ an. Inhalt: Der Londoner Psychiater Hector ist vielleicht ein bisschen exzentrisch, aber im Grunde einfach liebenswert. Nur ein Problem wird er nicht los, dabei gibt er sich wirklich die größte Mühe: Seine Patienten werden einfach nicht glücklich. Eines Tages nimmt Hector all seinen Mut zusammen und beschließt, London, seine Praxis und seinen Alltag hinter sich zu lassen, um sich nur noch dieser einen Frage zu widmen: Gibt es das wahre Glück? Und das auch für ihn? So begibt er sich schließlich auf eine weite, gefährliche, aber vor allem auch sehr lustige und emotionale Reise um den ganzen Erdball.

Herz und Seele der Produktion ist Simon Pegg als Hector. Der einstige Stand-up-Comedian, der mühelos zwischen Low-Budget-Ereignissen und Hollywood-Blockbustern (er ist der Computerspezialist Benji Dunn in „Mission: Impossible“ und „Star Treks“ neuer Bordingenieur Scotty und in beiden Rollen saukomisch) wechselt, zieht auch hier alle Register seines Könnens. Er lässt Hector zwischen kindlicher Neugier, augenzwinkerndem Schalk und philosophischer Ernsthaftigkeit so wunderbar wahrhaftig changieren, fährt Gefühlsachterbahn – und nimmt das Publikum auf diese Reise mit. In China, Afrika und Amerika hofft er, das Geheimnis des Glücks zu lüften, und erlebt dabei glaub- und unglaubwürdige Abenteuer. Mit einem gestressten Investmentbanker in Shanghai (Stellan Skarsgård), einem südamerikanischen Drogenbaron (Jean Reno), mit afrikanischen Warlords, einem Arzt ohne Grenzen, einer verflossenen Liebe (Toni Collette, derzeit in ORFeins in „Hostages“ zu sehen, runtergehungert auf Albtraumfabrik Size Zero, keine Spur mehr von der starken „Muriel“), Veronica Ferres als Hellseherin, die nicht hellsehen kann, und einem Glücksforscher (Christopher Plummer). Bald wird Hector klar: Glück ist das, was man sich selbst erschafft …

Chelsom hat das alles zu einem Sackerl knallbunter Bonbons zusammengeschnürt. Wie in diesen Zuckerlshops, wo man mit der Schaufel in die klebrigen Köstlichkeiten fährt und erst beim Wiegen feststellt, das man sich zu viel des Guten aufgeladen hat. So in etwa hat sich der Regisseur dem Prädikat Feel-Good-Movie verschrieben und Probleme der von Hector bereisten Länder außen vor gelassen. Hier ist eben einer, der die Welt durch die rosarote Brille sehen will. Und das gelingt Simon Pegg mit seinem tollpatschigen Charme allemal.

http://hectorsreise.derfilm.at/

Wien, 19. 8. 2014

Patrick Leigh Fermor: Die unterbrochene Reise

Oktober 22, 2013 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein langer Weg geht zu Ende

FermorBrokenRoad-US-2.inddPatrick Leigh Fermor brach im Dezember 1933 zu seiner Wanderung quer durch Europa von Hoek van Holland nach Konstantinopel auf. Er war 18 Jahre alt und von verschiedenen Schulen geflogen. Was in drei Bänden entstanden ist, ist Literatur auf höchstem Niveau. Seine beiden berühmten Bände „Die Zeit der Gaben“ und „Zwischen Wäldern und Wasser“ berichten von dieser großen Wanderung, der letztere Band endet mit den Worten „Fortsetzung folgt“ am Eisernen Tor, dem Ende Mitteleuropas. „Die unterbrochene Reise“, der dritte und letzte Teil der Wanderung, an dem Paddy, wie ihn Freunde und Fans nannten, bis wenige Monate vor seinem Tod arbeitete, wurde zur Legende. Das Reisetagebuch setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Den ersten Teil bildet das unvollendete Manuskript. Der zweite Teil besteht aus dem erhaltenen sogenannten „Grünen Tagebuch“ des 20-jährigen Patrick Leigh Fermor, der darin seine Tage auf dem Berg Athos festhielt, wo seine Reise endete und mit dem Satz „Wann ich wohl wieder hier sein kann?“.

Fermors Texte sind keine Reiseberichte im herkömmlichen Sinn. Er breitet Landschaften bis ins kleinste Detail vor uns aus, er zeichnet Menschenbilder und Lebensverhältnisse. Historisches (ob Nationalismus und viel mehr noch, der in alle Lebensbereiche eindringende Nationalsozialismus/Faschismus) und Erlebtes fließen ineinander und werden zu einem Ganzen. Der Leser bekommt aber auch Einblicke in die längst untergegangene Welt  Fermor ist praktisch Zeuge des Untergangs: „Alle Protagonisten in diesem Buch saßen … auf einem Pulverfass, dessen Lunte bereits unsichtbar brannte; mit allen sollte es in den nächsten anderthalb Jahrzehnten ein unglückliches Ende nehmen.“ Als die „Zeit der Gaben“ erschien, war Paddy quasi der letzte Deutschlandreisenden vor der völligen Zerstörung. In „Die unterbrochene Reise“ ist Fermor wieder Zeuge, Zeuge eines Teils von Europa, der schon bald hinter dem Eisernen Vorhang verschwinden würde.„Die unterbrochene Reise“ ist aber auch der persönlichste Teil der Reise-Trilogie. Fermor gibt viel Privates preis. Er kommt auf seine Eltern zu sprechen. die theaterbegeisterte Mutter und den ihm fast unbekannten Vater, der als hoher Kolonialbeamter fast sein Leben lang in Indien war. Er schwelgt in Begeisterung und verfällt in Depression. Und so ist „Die unterbrochene Reise“ irgendwie auch eine Reise in sich selbst.

Über den Autor: Patrick Leigh Fermor, am 11. Februar 1915 in London geboren, wurde 1932 der Schule in Canterbury verwiesen, weil er sich „in ein Mädchen beim Gemüsehändler verguckte“. Während der Aufnahmeprüfung in die Armee hatte er die fabelhafte Idee, nach Konstantinopel zu wandern. Diesen Plan setzte er auch in die Tat umDrei Jahre lang organisierte er als britischer Agent auf Kreta den Widerstand, konnte 1944 den deutschen General Kreipe gefangen nehmen und wurde ein Held. (Verfilmt wurde diese Begebenheit aus Fermors Leben mit Dirk Bogarde in der Hauptrolle. Titel des Spielfilms: „Ill Met by Moonlight. Fermor reiste in die Karibik, wo der Reisebericht „The Traveller‘s Tree“ und „Die Violinen von Saint-Jacques“, sein einziger Roman, entstanden. Er zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Reiseschriftstellern. Er verstarb am 10. Juni 2011 in Worcestershire, England.

Dörlemann, Patrick Leigh Fermor: „Die unterbrochene Reise“ (engl. „The Broken Road“), 464 Seiten, Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié

Allen Reiselustigen seien auch die beiden ersten Teile ans Herz gelegt:
Die Zeit der Gaben– Zu Fuß nach Konstantinopel
Von Hoek van Holland an die mittlere Donau
Der Reise erster Teil“
Deutsch von Manfred Allié

Zwischen Wäldern und Wasser – Zu Fuß nach Konstantinopel
Von der mittleren Donau zum Eisernen Tor
Der Reise zweiter Teil“
Deutsch von Manfred und Gabriele Allié

www.doerlemann.com

Wien, 22. 10. 2013