Viennale 2017: Licht

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen heißt nicht mehr gesehen zu werden

Interessierte an Mesmers Methode beobachten Resis Therapie: Christian Strasser, Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Die Augen bewegen sich unstet hin und her, der Blick ins Leere, unmöglich, sie unter Kontrolle zu halten, ebenso wie die Gesichtszüge, die entgleisenden, die mal Hochgefühl bis zur Ekstase, mal den in der Musik empfundenen Schmerz ausdrücken. Maria Theresia Paradis spielt Klavier. Und die Wiener feine Gesellschaft ums Jahr 1770 findet das „magnifique!“, „extraordinaire!“, kurios, diese Kuriosität, die ihnen da vorgeführt wird wie eine Jahrmarktsattraktion.

Andere, tuschelt’s hinter vorgehaltener Hand, beherrschten die schwarzweißen Tasten zwar besser, aber: Die sind nicht blind! Barbara Albert hat Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ verfilmt. „Licht“ heißt ihre Produktion, die bereits mit großem Erfolg bei der Viennale lief, und am 10. November in die Kinos kommt. Die Autorenfilmerin, erstmals in Zusammenarbeit mit einer Drehbuchautorin, Kathrin Resetarits, erzählt darin die Geschichte des real existiert habenden blinden Wunderkindes Resi Paradis zu Zeiten Maria Theresias. Die Kaiserin, die dieses Talent sogar mit einer Gnadenpension bedachte. Die Berühmtheit dank Begabung samt Beeinträchtigung.

Der Motor hinter Resis bestaunten Auftritten sind die Eltern. Von Ehrgeiz zerfressen, bemüht, aus dem familiären Unglück wenigstens was rauszuholen, der Vater (fabelhaft: Lukas Miko) ein ewig Unzufriedener, die Mutter (Katja Kolm enervierend gut als „Eislaufmutti“) rüscht derweil Resi mit überbordender Pracht auf. „Sie tanzt sogar“, führt sie ihre Tochter einem Beäuger zu. Dieses Wesen, dem man fast schon die Würde genommen hat. Das auf seine Selbstständigkeit verzichtet hat. In jeder Beziehung. Verzichten musste.

Die Mutter gibt Anweisungen für die Klaviervorführung vor höchsten Kreisen: Katja Kolm und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

In Mesmers Haus: Resi (Maria Dragus) in ihrem Element. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Ins Leben der Paradis‘ tritt Franz Anton Mesmer, Wunderheiler. „Animalischen Magnetismus“ nannte er selbst seine Methode, heute würde man vielleicht Energetiker sagen. Jedenfalls ist er gerade sehr im Schwange, will ehrlich helfen – und bei Erfolg bei Hof Fuß fassen. Er nimmt die Resi, der Behandlungen bisher nur versengte Kopfhaut und Haarausfall eingebracht hatten, unter seine Fittiche, er befreit von Perücke und – dies natürlich das Bild – vom Korsett. Und siehe da: unter Mutters Tand und Vaters Tadel und der Gesellschaft Tralala – ein Mensch …

Den die junge Schauspielerin Maria Dragus exzellent darstellt. Ihre Körpersprache und ihr Mienenspiel geben dem Film maßgeblich die Form. Allein, wie sie konzentriert das „Nicht-Sehen“ durchhält, ist große Kunst. Allmählich kommt neues Selbstbewusstsein durch neue Einflüsse. Im Haushalt der Mesmers erfährt Resi nämlich erstmals so etwas wie persönliche Freiheit. Dragus wandelt das Mädchen Resi zur jungen Frau, die anderen werden ihr jetzt vieles infrage stellendes Verhalten aber nur „störrischer“ finden.

Mesmer setzt tatsächlich einen Heilungsprozess in Gang. Devid Striesow brilliert als vielschichtiger Charakter, ein Mann von Einfühlungsvermögen und großer Mitmenschlichkeit, der trotzdem seine eigenen hochfliegenden Ziele verfolgt. In seinen „Séancen“, in denen er Resi samt seinen Praktiken den Wichtigen von Wien vorführt, sind um nichts weniger ein Begaffen als bei ihrem Klavierspiel. Als sie erste Schemen erkennt und Gegenstände im Wortsinn begreift, heißt es „Wie eine Amerikanerin aus dem kanadischen Urwald!“ und „Ganz unverbildet!“. Und Mesmer, der nach offizieller Anerkennung ringt, lässt es zu. Am Ende wird er mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt werden, doch das erzählt der Film nicht mehr.

Sondern vielmehr von zwei Versuchen, sich selbst zu befreien, der Visionär vor der Borniertheit der Schulmediziner (immerhin billigt ihm der Kaiserin Leibarzt Anton von Störck sehr goethe’isch zu, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als sich mit unseren Mikroskopen fassen lässt“), die Blinde aus der Geiselhaft des Elternhauses und der Absurdität ihres dortigen Daseins. Zweiteres wird gelingen, wenn auch anders als gedacht, der Freigeist Mesmer wird auch aus Resi einen gemacht haben, sie wird eine Entscheidung treffen zwischen Klavier und Augenlicht. Je mehr sie wahrnimmt, umso kläglicher wird ihr Spiel.

Eine öffentliche Demonstration von Resis Heilung: Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit dem Verlust der Blindheit ginge aber auch die gesellschaftliche Sonderstellung samt Gnadenpension verloren. Es hieße sehen, um nicht mehr gesehen zu werden, dieser Konflikt die einzig wesentliche Dramatik im Film. Und Vaters Satz „Alles ist besser als das da“, mit Fingerzeig auf sein Kind, wandelt sich in ein „Wenn sie nichts kann, zählt sie nichts“ …

Die Schattenseiten des neuen Lichts haben Albert und Resetarits und Kamerafrau Christine A. Maier in vielerlei Facetten gestaltet. Mittels Lochoptik erzeugt Maier impressionistische Bilder, die Resis erste Sehversuche illustrieren. Dazu ein immer wieder sehnsüchtiger Nicht-Blick in den blauen Himmel über Baumwipfeln. Resis Welt ist im Wesentlichen dunkel, eine Augenbinde gibt sogar Sicherheit, als Kontrast der beinah schon grotesk-bunte Rokoko-Putz von Kostümen und Kulisse.

Doch nicht nur das Wiener Bürgertum des 18. Jahrhunderts wird in „Licht“ ausgestellt, sondern auch jenseits jedes Historienkitsches die Unsichtbaren der Zeit. Als Gegensatz zur Mesmer’schen Therapiegruppe aus psychisch Angeschlagenen und überspannten Hysterikern, die Dienstboten im Haushalt, angeführt von Stefanie Reinsperger als Küchenmagd und gewürzt mit Cameoauftritten wie dem vom Nino aus Wien als Stallbursche. Die Klassen sind klar getrennt, doch auch Resis Kammerzofe Agi, sie spielt die wunderbare Nachwuchshoffnung Maresi Riegner, träumt von einer helleren Zukunft. Dass die beiden jungen Frauen sich anfreunden können, zeigt, dass Resi aufgrund ihrer sie von der Welt fernhaltenden Blindheit die Unterschiede zwischen „oben“ und „unten“ gar nicht wahrnimmt. Dass für die unten Tod und Vertreibung näher ist, als für die oben, wird der Film aber noch drastisch zeigen.

Barbara Albert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26995

mademoiselle-paradis.com

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  1. 11. 2017

Volx/Margareten: Philoktet

Mai 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stefanie Reinsperger im Superlativ

Stefanie Reinsperger brilliert als Philoktet. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Sozusagen vor ihrer Abreise nach Salzburg macht Stefanie Reinsperger dem Wiener Publikum noch ein Geschenk. Im Volx/Margareten spielt sie Heiner Müllers „Philoktet“, und sie ist in dieser Rolle grandios, gewaltiger als alles, was man bisher von ihr kennt; sie wird im Laufe des Abends überlebensgroß, wächst über ihr Schauspielerinnenmaß hinaus – Steffi Reinsperger im Superlativ.

Calle Fuhr legt mit der Inszenierung seine erste große Arbeit am Haus vor; er setzt auf ein ästhetisch klares, asketisches Konzept, setzt aufs Wort als Waffe, seine Bühne ist ein leerer Raum mit einigen gerahmten Leinwänden, auf denen sich die Schatten der Menschen wie ein Gespensterreigen drehen. Fuhr bezieht Müllers Text auf seinen Ursprung zurück, die Zeit des Mauerbaus, derart Verschanzungen entstehen ja gerade weltweit wieder, und so weitet er – ohne großartig gekünstelten Fingerzeig – Müllers spitzfedrige Analyse des DDR-Regimes ins 21. Jahrhundert aus.

Dessen drei Protagonisten stellt er exemplarisch vor: Odysseus, den Systemstrategen, Neoptolemos, den Moralisten, der zum Mörder werden muss, und Philoktet, das vom Wollen und Wirken der Masse zerschundene Individuum. Der Typus Funktionär und die Typen, die fürs Gemeinwohl funktionieren, das sind seine Wiedergänger, ersterer die Art politisch Untoter, die nach jeder Krise nur umso länger zu leben und desto stärker geworden zu sein scheint, zweitere Mitläufer, weil ihnen der Mut zum Davonlaufen nicht reicht. Dass Fuhr den Philoktet von einer Frau darstellen lässt, kann man als Reverenz an Müllers (zweite von vier) Ehefrau und wichtige Mitautorin Inge lesen, die sich 1966 das Leben nahm …

Dass das Ganze nicht im Akademischen bleibt, ist neben der Reinsperger ihren fabelhaften Kollegen Sebastian Klein und Luka Vlatković zu danken. Sie alle zeigen sich der Satzkaskaden, die es hier 90 Minuten lang zu bewältigen gilt, mächtig, zeigen das, was Dimiter Gotscheff (er 2005 ein „Philoktet“ in eigener Inszenierung) einmal über seinen Freund und Weggefährten sagte: ”Die Sprache Heiner Müllers fährt mir direkt in die Gedärme.“

Der lange Schatten des Odysseus fällt auf Neoptolemos: Luka Vlatković. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der erste Profi in Sachen Politpropaganda: Sebastian Klein als Odysseus. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

„Kein Platz für Tugend hier und keine Zeit jetzt“, braust Odysseus gegen Neoptolemos auf. Sebastian Klein legt ihn als sleeken Manager im Casual-Friday-Outfit an, als Phrasendrescher und Feindbildschaffer, sein Odysseus ist ein Spötter, ein Spieler, ein Teflonmann, und mit schneidender Stimme – der Erfinder der Politpropaganda. So, wie er dasteht, könnte er heute Nachwuchshoffnung jeder neoliberal-bürgerlichen Partei sein. Den Sohn des Achill macht er sich mit Schokoriegeln gefügig, und der, Luka Vlatković als Neoptolemos, wirkt wie ein eingeschüchterter Praktikant, der grad begreift, dass er seine Uni-Ethik im Geschäftsleben einpacken kann.

Im Wortsinn hemdsärmelig steht er da, die Schultern trotzig hochgezogen, so ein Schlamassel, in den es da geraten ist, das Halbgottheldensöhnchen, das an der Front keiner für voll nimmt. Und dann findet Philoktet das Schokoladepapierchen. „Willkommen in der Narrheit, Grieche“, grüßt er es, und schon ist klar, hier ist einer vom Wahnsinn angesprungen. Die junge Frau, die den alten Mann gibt, das ist eine Spielart, die eine eigene Sogwirkung und eine eigenartige Sinnlichkeit entwickelt.

Die Reinsperger, in einmal High Heel, einmal Socke eine hinkend-androgyne Amazone, ist von einer schmerzhaften Intensität, wenn sie Zwiesprache mit dem faulenden Bein hält. In schrullig-freundlichem Stakkato versucht sie in Neoptolemos einen Verbündeten zu finden, im nächsten Augenblick gilt ihr ganzer Furor dem Verräter Odysseus. Ihr Philoktet schreit vor Schmerz, weint vor Wut – doch im Sarkasmus des Besiegten läuft sie schlussendlich zur Höchstform auf, Reinsperger, die Meisterin von Vers und Tempo. Das Ende kommt rasch, unvermittelt, beinah sieht man nicht, wie Vlatkovićs Neoptolemos es herbeiführt, und auf, auf jagt ihn Odysseus zu neuen Taten. Fast möcht’ man sagen: zum nächsten Meeting. Die Leiche wird er für seine Manipulationen noch zu nutzen wissen, im Abgang feilt er schon an der diesbezüglichen Rede. Der Unschuldige hat sich schuldig gemacht, nur so kann Macht Struktur gewinnen. Doch letztlich sagt Heiner Müller, sagt Calle Fuhr, kann es im Krieg der Weltanschauungen keine Gewinner geben. Der tote Körper, schwer, unhandlich, erweist sich als nicht transportierbar …

Ein bemerkenswerter Abend, der da im intimen Spielraum im 5. Bezirk zu sehen ist. Nächste Station für Stefanie Reinsperger ist nun die Buhlschaft, und im Hinausgehen flüsterte es jemand: „Den Jedermann könnte sie auch.“

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Wien, 8. 5. 2017

Volkstheater: Kasimir und Karoline

März 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bananen, Geplärr und Banalitäten

Big Karoline is watching you: Rainer Galke als Kasimir, Birgit Stöger und Stefanie Reinsperger auf der Lichterkettenleinwand. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater hatte Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer Inszenierung von Philipp Preuss Premiere, und das Erstaunen daran ist, dass einen die Aufführung seltsam unberührt lässt. Preuss, der in der Regel für einen Aufreger, zumindest für einen Kopfschüttler gut ist, schafft es diesmal nicht über die Echauffiertheitshürde – ja, nicht einmal über die Aufmerksamkeitsschwelle. Mit Kasimir möchte man nur eins sagen: Das ist mir wurscht.

Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist es die abgepauste Ästhetik des Abends, zum anderen sind es die Banalitäten und das Geplärr, die einen die Scheuklappen dichtmachen lassen. Auf der Bühne herrscht vor allem Trubel, ein Tohuwabohu, in dem die leiseren Horváth-Töne untergehen. So kann man diesem Autor nicht beikommen, so plakativ, so wenig subtil. Schreien statt Inhalt ist keine Lösung, das ist auf der Bühne wie im Leben so.

Denn derart bleibt nichts von Horváths scharfer Analyse des durchökonomisierten menschlichen Zusammenlebens, nichts von seinem Bericht über die Arbeit als Statussymbol und die Not derer, die keine mehr haben – oder was immer Preuss aus dem übervollen Themenkonvolut des Volksstücks zu erzählen nicht gelungen ist.

Dass fortwährend die urbayrische Oktoberfestkost Bananen gefuttert wird, macht die Sache nicht besser. Preuss hat das Stück ganz nach Horváths Vorgabe „in unserer Zeit“ angesiedelt. Die Krise ist dem Kapitalismus systemimmanent, was 1932 galt, gilt 2017 noch immer, nur das Wiesnzelt ist einem Karussell aus Lichterschnüren gewichen. Einem Multimediaspektakel mit Videos und kitschigem Soundteppich, erdacht von Ramallah Aubrecht, Konny Keller und Richard Eigner, das zum Labyrinth für die Darsteller wird. Davor und vor allem darin nämlich tummelt sich die Spaßgesellschaft, die Herrschaften und das Volk. Im Innern spielt sich’s ab, dem Außen bleibt nur das Cinemascope. All das sieht man bei Castorf (oder auch bei Pollesch) schon seit Jahrzehnten so – dass wichtigste Teile der Handlung in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfinden und nur per Livekamera ins Publikum transportiert werden.

Und noch in einer anderen Sache folgt Horváth-Debütant Preuss dem Altmeister aus Berlin: Er fügt Fremdtexte als inszenatorische Rufzeichen ins Stück ein, Konsumismuskritiker Guy Debords 1967 erschienene „Gesellschaft des Spektakels“, als realsozialistischer Dialog schrill performt von den beiden Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria alias Seyneb Saleh und Nadine Quittner, und einen Auszug aus Horváths prophetischem Antikriegsroman „Ein Kind unserer Zeit“. Luka Vlatkovic tritt blutbesudelt und armamputiert als der Soldat auf, der auf einem Jahrmarkt des Jahrs 1938 die Liebe sucht.

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Rainer Galke, Birgit Stöger und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Und er sitzt und sitzt; im Hintergrund die Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria: Rainer Galke, Seyneb Saleh und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Unter den Darstellern sind es Sebastian Klein als Schürzinger, Kaspar Locher als der Merkl Franz und Birgit Stöger als dem Merkl Franz seine Erna, die am ehesten Horváth spielen, brutal und ungekünstelt und doch mit der vom Schöpfer ihrer Figuren verlangten Überhöhung ins Stilisierte. Birgit Stöger ist überhaupt die Erfreulichkeit des Abends. Wie sie sich stoisch in ihr Schicksal und dem Merkl Franz seinen Schlägen fügt, ist sie die perfekte beschädigte Antiheldin. Thomas Frank sitzt als dämonischer, halbverbrannter Schaustellerkönig wie die Spinne im Neonnetz, kommt aber, da ans unvermeidliche Mikrophon gebunden, darin kaum zum Spielen, Michael Abendroth und Lukas Holzhausen sind verlässlich solide als Rauch und Speer. Ihre Ressentiments über die Jugend rülpsen die beiden übersättigten „Besseren“ ins Publikum. Dies einer der gelungeneren Regieeinfälle des Abends.

Als „Kasimir und Karoline“ hat sich Preuss Rainer Galke und Stefanie Reinsperger auserkoren, zwei klasse Schauspieler – und umso mehr tut’s weh, dass die Regie mit ihnen nichts anzufangen weiß. Das Kraftwerk Reinsperger wird aufs übliche Gestenrepertoire zurückgeworfen; ihre Karoline ist eine Wutbürgerin, und Reinsperger berserkert sich ergo durch die Rolle. Zur resignierten Verzweiflung Kasimirs wiederum ist Preuss nicht mehr eingefallen, als Galke beinah die ganzen zwei Stunden lang regungslos und, so weit durch Striche möglich, schweigsam an der Rampe sitzen zu lassen.

Sein Kasimir ist weder Kleinbürger noch Proletarier im Sinne von „aller Länder vereinigt euch“, und wenn Karoline an ihm einen „Terroristen“ erkennt, so ist dieser hier maximal ein Schläfer. Verschenkte Möglichkeiten allüberall. Immerhin: Mit ihrer Bemerkung, man wäre „zu schwer für einander“, sichert sich die Reinsperger den Lacher des Abends. Einen schmerzhaften. Einen zum Fremdschämen. Andererseits: Auch das ist mir wurscht.

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Wien, 18. 3. 2017

Volkstheater: Medea

November 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon lange nicht mehr war Grillparzer so aktuell

Stefanie Reinsperger als urgewaltige Medea mit den Kindern Phillip Bauer und Nikolaus Baumgartner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger als urgewaltige Medea mit den Kindern Phillip Bauer und Nikolaus Baumgartner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Medea“, Grillparzers atemraubend furioses Dramatisches Gedicht, hat man freilich schon gesehen. Mal pathetisch, mal sperrig, 2004 rührte Birgit Minichmayr an der Seite von Michael Maertens sogar zu Tränen. Doch mutmaßlich noch nie war der letzte Teil dieser der Antike entliehenen Trilogie so aktuell wie diesmal. Das ist zum einen dem Unfug und den Unsitten dieser Tage geschuldet.

Zum anderen Volkstheaterdirektorin Anna Badora zu danken, die mit ihrer Neuinszenierung am Haus neue Maßstäbe setzt. Sie konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Fragen nach dem Anderssein, ergo Ausgegrenzt- und Ausgestoßen sein; fremd ist gleich Frau ist gleich Medea, was die Männerbündler in ihrer Angst vor dem Unbekannten maximal zu sexuellen Übergriffen reizt. Doch auch Heimkehrer Jason findet in Griechenland kein Zuhause mehr, er ist zum Flüchtling geworden, immer unstet, immer unterwegs – und keine Rettung nirgendwo. In Korinth schließlich beginnt die Wertediskussion, „unsere“ Regeln und „deren“ Gebräuche“, Medea wird aufgefordert ihre Kleidung anzupassen, ihre Söhne sind bereits in das eingeführt, was sich Zivilisation nennt. Dabei helfen ein schönerer Teddybär und ein neuerer Ball.

Und während Seinesgleichen noch bereit sind, Jason wieder in ihrer aufgeklärten Mitte aufzunehmen, wird der Wilden, der Unangepassten, der Freiheitsliebenden das Asyl verweigert. Nicht überzeugend genug waren ihre Anstrengungen, sich assimilieren, sich ändern zu wollen. Sie hat ihr Integrationsjahr nicht genutzt, lieber vollverschleiert martialische Tänze aufgeführt, das Urteil lautet daher Verbannung. Badora hat in kühnen Strichen atmosphärisch dichte Bilder gemalt. In Thilo Reuthers Bühnenbildbunker entwirft sie das Grillparzer’sche Schnetzeln und Metzeln als intimes Familientableau, zeigt wie das Politische das Private unter sich zermalmt, Stefanie Reinsperger und Gábor Biedermann in einem Infight, in Zank und Hader wie eine mythologische Version von Martha und George, und einen Boden, Wände, die sich bewegen und drehen, eine Zeit, die nicht mehr aufgehalten werden kann.

Rückblende - ein Albtraum aus der Vergangenheit: Aietes zwingt das Kind Medea den Gastfrend zu töten: Michael Abendroth und Luana Otto. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rückblende – ein Albtraum aus der Vergangenheit: Aietes zwingt das Kind Medea den Gastfreund zu töten: Michael Abendroth und Luana Otto. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Männer verhöhnen die Rituale der fremden Frauen: Anja Herden als Gora, Günter Franzmeier als Kreon, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Männer verhöhnen die Rituale der fremden Frauen: Anja Herden als Gora, Günter Franzmeier als Kreon, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klug verwebt sie die ersten beiden Teile „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“ in die Aufführung. Die wichtigsten Szenen daraus erscheinen wie Albträume, Weissagungen, Rückblenden an den Moment, an dem das Leben auch eine andere Wendung hätte nehmen können. Nicht alle im sehr spielfreudigen und gutgelaunten Ensemble sind gleich versiert darin, Grillparzers komplexe Sprache, seine komplizierten Verse über die Rampe zu bringen. Und so klingt bei den einen nur wie Behauptung, was die anderen gekonnt als Selbstbehauptung kommunizieren können. Dass ganz auffällig „gespielt“ wird, hat seine Berechtigung, hat hier doch beinah jeder jedem etwas vorzustellen, dass er eigentlich gar nicht ist.

Im Zentrum steht, wie Mutter Erde, die Zauberin; Stefanie Reinsperger ist als Medea wie immer eine Urgewalt auf der Bühne, diesmal eine, die ihr altes, gewaltbehaftetes Leben hinter sich lassen will – doch die, die wissen, was falsch und was richtig ist, lassen sie nicht. Ihre Auflehnung gegen eine patriarchalische Welt muss angesichts der männlichen Übermacht verpuffen, sie erkennt – zu spät -, dass sie den habgierigen Vater Aietes nur gegen den egomanischen Ehemann Jason getauscht hat, berührend ist, wie sie dennoch um seine Liebe buhlt und sich dabei beinah selbst aufgibt. Ihre Lösung der äußeren und inneren Konflikte ist bekannt. „Du kennst ihn nicht, ich aber kenn‘ ihn ganz“, wird sie an bezeichnender Stelle sagen.

Eine Liebe zum gegenseitigen Verderben: Stefanie Reinsperger als Medea, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Liebe zum gegenseitigen Verderben: Stefanie Reinsperger als Medea, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

An ihrer Seite brilliert Gábor Biedermann als ein Jason, der im lakonischen Tonfall seiner Liebe zwar abschwören kann, doch bis zuletzt die Ekstase, die Passion Medeas in der neuen, schönen, aalglatten Welt sucht. Biedermann, am Volkstheater bis dato immer eine sichere Bank, überzeugt auch diesmal. Und wieder zeigt er neue Seiten seines schauspielerischen Könnens.

Evi Kehrstephan verkörpert als Kreusa die Art Willkommenskultur, die sich spätestens dann zurückzieht, wenn es gilt eigene Interessen zu schützen. Michael Abendroth ist als Medeas Vater Aietes ein habgieriger Intrigant. Anja Herden holt wie stets das Maximum aus ihrer Rolle. Ihre Amme Gora ist von Anfang an die angewiderte Warnerin ob der neuen Umstände in Griechenland, nicht gewillt ihre Herkunft zu verraten, ist sie immer auf der Hut vor dem nächsten Streich der neuerdings über sie bestimmenden Moralwächter, deren Amoral wie nur allzu gern bloßstellt.

Als deren höchster ist Günter Franzmeier ein saturierter, selbstgefälliger König Kreon, einer, der gern mit den Schicksalen anderer spielt und sie in seinen Händen dreht und wendet, bis ihm der Tod das seiner Tochter Kreusa entreißt. Mit zwei starken Bildern beschließt Badora ihren Abend. Kreusas Sterben ist ein archaisches, unter dem Goldenen Vlies wie Herkules in seinem vergifteten Hemd; danach tanzt Medea mit ihren ermordeten Kindern den Walzer, den sie zuvor nicht und nicht erlernen konnte. Am Ende Jason, der wieder liebeswirbt, wie in den „Argonauten“. Die Rückschau als Blick in die Zukunft. Die Menschen, die Erde, die Verantwortung für einander, zwei Hälften, die zusammengehören. Nicht platonisch, tatsächlich.

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Wien, 21. 11. 2016

Volkstheater: Das Narrenschiff

September 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Laufender Probenprozess vor Publikum

Einblick ins Workshoptheater: Bei Dušan David Pařízek symbolisieren Schminktische die Schiffskabinen. Stefanie Reinsperger, Jan Thümer, Sebastian Klein, Katharina Klar, Seyneb Saleh, Anja Herden, Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Einblick ins Workshoptheater: Bei Dušan David Pařízek symbolisieren ein Dutzend Schminktische die Schiffskabinen. Stefanie Reinsperger, Jan Thümer, Sebastian Klein, Katharina Klar, Seyneb Saleh, Anja Herden, Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn diese Inszenierung in ein, zwei, drei Wochen fertig sein wird, ist aus ihr sicherlich eine sehr schöne und spannende Arbeit geworden. Derzeit allerdings ist, was man auf der Bühne des Volkstheaters sieht, noch in mehrerer Bedeutung des Wortes unkonzentriert. Regisseur Dušan David Pařízek zeigt als Saisoneröffnungspremiere des Volkstheaters „Das Narrenschiff“ von Katherine Anne Porter in einer eigenen, tadellos griffigen Textfassung, doch ist, was er zeigt, ein laufender Probenprozess vor Publikum.

Ein Eindruck, der insofern durchaus gewollt sein mag, als Pařízek, wie immer auch fürs Bühnenbild verantwortlich, neben eine Schiffsdeck-Spielfläche ein Dutzend Schminktische platziert, die als eine Art Backstagebereich ist gleich Schiffskabinen dienen, und an denen alle Schauspieler immer anwesend sind. Doch dies „Workshoptheater“ darf nicht Ursache dafür sein, dass die Handlung in alle Richtungen zerfließt, dass sich einem nicht erschließt, welche Geschichte hier eigentlich erzählt – Stoff gäb’s ja genug aus den „Rassen“ und Klassen, von Kapital und Krise bis Sozialismus und Nationalsozialismus – und welchen Sukkus sie haben soll. Diverses versteht man schlicht nicht, und dies nicht im Sinne von enigmatisch, sondern von unverständlich.

Warum etwa reist Bulldogge Bébé ohne Herrl Professor Hutten, und wenn man auf den Hund schon wert legt, warum fehlt die Schlüsselszene des Romans, ihre Rettung durch den Zwischendeck-Basken, der dabei freilich sein Leben verliert? Warum ist statt Hutten der sittenstrenge jüdische Kaufmann Julius Löwenthal Schweizer, warum die hyperhysterische Condesa offenbar aus Simmering entsprungen, außer dass Lukas Holzhausen und Stefanie Reinsperger den jeweiligen Zungenschlag beherrschen?

Ein halbes Dutzend Passagiere präsentiert seine Schicksale: Jan Thümer, Gábor Biedermann, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Passagiere gehen an Bord: Jan Thümer, Gábor Biedermann, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth brilliert als Schiffsarzt Dr. Schumann; mit Stefanie Reinsperger als La Condesa. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth brilliert als Schiffsarzt Dr. Schumann; mit Stefanie Reinsperger als La Condesa. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am besten ist der Abend dort, wo Pařízek Porter spielen lässt. Wenn ihn dann ab und an der didaktische Zeigefinger des deutschen Diskurstheaters in die Seite sticht – als kubanisch-spanische misera plebs wird dazu das Publikum angeleuchtet und angesprochen -, dann ist das eben … Volkstheater unter Anna Badora. Zu diesem theaterpädagogischen Ansatz passt, dass der Regisseur wieder seinen obligatorischen Overheadprojektor mitgebracht hat, auf dem die Schauspieler fröhlich Folien hin und her schieben. Das kennt man bereits ebenso, wie die Versuche des Souffleurs einem Düsseldorfer Mimen hiesige Dialekte beizubringen. Siehe „Alte Meister“. Wiener reden zwar vielleicht komisch, können aber übers Jahr durchaus was im Kopf behalten …

Die Momente entstehen aus einzelnen Bildern. Anja Herden als Mary Treadwell und Michael Abendroth als Schiffsarzt Dr. Schumann schaffen in ihren bestechenden Auftritten die Atmosphäre, die man sich für den ganzen Abend gewünscht hätte. Die beiden präzisieren Situationen, die Amerikanerin mit dem Sarkasmus einer Siegernation und jenem Lieber-gar-nicht-wissen-Wollen, das lange die Haltung der USA zum Dritten Reich kennzeichnete, der Deutsche mit einer verweht-nostalgischen Melancholie, die beinah anachronistisch den Untergang alles Guten und die Morgendämmerung des Bösen charakterisiert. Der Kapitän ist abwesend wie Gott, so dass der Teufel seinen Platz einnimmt – Rainer Galke ist als nationalsozialistischer Zeitungsherausgeber Siegfried Reber Agitator, Angstmacher und derart großmäuliger „Piefke“, wie’s der österreichischen Seele ein Stachel in derselben ist. Katharina Klar und Sebastian Klein gestalten mit viel Engagement das On-Off-Liebespaar Jenny Brown und David Scott.

Bei der Todesfiesta nimmt der Dampfer endlich Fahrt auf: Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bei der Todesfiesta nimmt der Dampfer endlich Fahrt auf: Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anderen Darstellern, wie Seyneb Saleh als Lizzi Spöckenkieker, Gábor Biedermann als Wilhelm Freytag, Bettina Ernst als Frau Otto Schmitt oder vor allem auch Jan Thümer als William Denny, wünscht man von Herzen mehr Zeit für ihr Spiel in dieser beinah dreieinhalbstündigen Aufführung. Wie’s werden wird können, zeigt sich nach der Pause, wenn der Dampfer endlich Fahrt aufnimmt und eine Todesfiesta beginnt.

Mit grell geschminkten Totenkopfmasken, mit Sätzen, die wie im Rhythmus der Füße stampfen. Marschiert und gestorben wird immer noch wo, da ist Gestern wie heute. In dieser Szene blitzt Pařízeks inszenatorische Brillanz auf, am Rest kann ganz ehrlich noch gefeilt werden.

Michael Abendroth im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21783

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Wien, 10. 9. 2016