Akademietheater: Der Henker

Dezember 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nichts anderes als die Pflicht getan

Itay Tiran changiert als Mörder zwischen Psychopath und posttraumatischer Belastungsstörung. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Fast scheint es, als hätte Maria Lazar, als sie 1921 ihren Einakter „Der Henker“ veröffentlichte, eine dysto- pische Vorahnung gehabt auf all jene, die diese Welt noch heimsuchen werden, all jene, die ihre Taten mit dem Erschlagwort vom „Nichts anderes als die Pflicht getan zu haben“ zu kaschieren trachten. Denn darum dreht sich’s im ersten Theatertext der Wiener Autorin, hinter einer „Arbeitsmoral“, die das Ums-Leben-Bringen eines Menschen ermöglicht, die ethische Haltung des

Durchführenden zu entdecken. Lazars Fazit liest sich wie eine visionäre Antizipation der „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt anhand des Eichmann-Prozesses, auch der Spediteur in den Tod laut Eigendefinition lediglich ein Pflichterfüller, einer Maschinerie braver Befehlsempfänger und Bürokraten zuschrieb, die ohne groß nachzudenken Anordnungen bis zum Äußersten ausführen. Leicht macht es einem Lazar nicht, ist doch der Mann, der in ihrem Stück auf seine Hinrichtung wartet, ein verurteilter Mörder. Ein Verbrecher, der darauf besteht, den Scharfrichter sprechen zu dürfen, sein letzter Wunsch, zu überprüfen, ob da tatsächlich einer ohne Emotion, Inbrunst, Hass, Genugtuung, seinem Handwerk nachgehen kann.

Die Nestroypreisträger Regisseurin Mateja Koležnik und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt, die Hausdebütantin und ihr Lieblingsausstatter, gehen am Akademietheater der Frage nach den Abscheulichkeiten im Allzumensch- lichen nach. Lazar, Jüdin, Jüngerin der Wiener Moderne, der Kunstszene rund um Loos, Canetti, Kokoschka, verheiratet mit Strindberg-Sohn Friedrich, im Exil mit Brecht und Helene Weigel, schließlich schwedische Staatsbürgerin und schlussendlich in den Suizid gegangen, setzt sich in ihrem Werk mit der politischen Beweglichkeit eines Bürgertums auseinander, das aus Angst vor links rechtsautoritäre Strukturen in Kauf nimmt.

Koležniks Inzenierung verleiht dem scharf formulierten, radikal expressiven Dramolett eine surreale Sinnlichkeit. Im Bunde mit Voigt nähert sie sich dem Kammerspiel mit einem hyperrealistischen Minimalismus, macht aus Lazars Gesellschaftsstudie gleichsam einen Psychothriller, der die Trivialität dämonischer Abgründe entlarvt. Nicht zu viel soll verraten sein. „Der Henker“ ist ein Reigen fataler Begegnungen des Mörders mit Staatsanwalt und Priester, einer Prostituierten, aus dem Gefängnis wird eine Bluttat befohlen, die freilich misslingt, aber eine andere nach sich zieht. Koležnik beginnt die Aufführung mit einem albtraumhaften Vater unser des Henkers, Martin Reinke im Halbdunkel, bevor Itay Tiran in Voigts klinischem Grau-in-Grau mit dem Staatsanwalt rechtet.

Gunther Eeckes als Priester und Itay Tiran. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Itay Tiran und Sarah Viktoria Frick als Dirne. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Itay Tiran und Martin Reinke als Henker. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Das hat durchaus Galgenhumor, wie Hans Dieter Knebel als ebendieser versucht, telefonisch eine höhere Instanz im Ministerium zu erreichen, um nur ja jede Verantwortung an den im Wortsinn „Apparat“ abzugeben, doch als Antwort nur das Freizeichen ertönt. Itay Tiran, der sein Burgtheater-Engagement als Regisseur der „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508) antrat, changiert als Mörder zwischen Psychopath und posttraumatischer Belastungsstörung. Er macht aus Lazars Antihelden, der ihren Namen sogar auf die Finger „tätowiert“ hat, einen maliziösen Charismatiker, einen manipulativen Charakter, von dem bewusst im Ungenauen bleibt, ob er selbst Opfer eines solchen Systems ist.

Eine beeindruckende, eine bestechend starke Darstellung, umso mehr an ihrem „schwächsten“ Moment in der endgültigen Konfrontation mit dem Henker, die de facto keine ist, weil sich die Reinke-Figur als ohne alle Freude am Beruf erweist, und statt in die Rechtfertigung für ihr Tun zu verfallen, ins Plaudern gerät – über den Vorgarten, die Ehefrau und irgendwas mit Vogerlsalat. Im Interview mit der Bühne spricht die in Slowenien geborene Koležnik über Balkankrieg und Paramilitär und Grenzbarrieren, sie nennt Lazars Szenario „retrofuture“, heißt: eine zeitgeschichtliche Version der nahen Zukunft, und wirklich wirkt es, als wolle Koležnik via Lazar ausweisen, dass die Unheilanrichter und Urteilsvollstrecker stets die austauschbaren, unscheinbaren Jedermänner sind.

Nicht nur agieren Knebel und Reinke annährend sprachident, Voigt lässt die kalt-neonbeleuchtete Todeszelle samt sargähnlicher Schlafnische und aseptischer Edelstahltoilette in einer Art waagerechtem Paternoster-Prinzip am Publikum vorbeiziehen, dazu eine gespenstische Hinter-Gitter-Geräuschkulisse, der immer gleiche Raum, die immer selben Szenen, die sich von lapidar zu leidenschaftlich dehnen, die Spielweise der Schauspieler dabei von Durchfahrt zu Durchfahrt anders differenziert – fantastisch, wie Koležnik den Text derart zur Parabel über Zucht und Ordnung, Gesetz und Sitte erweitert, und auch, die fabelhaften Akteure bei der Detailarbeit zu sehen.

Die grauen Herren: Itay Tiran als Mörder, Tilman Tuppy als Kerkermeister, Hans Dieter Knebel als Staatsanwalt und Gunther Eckes als Priester. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Am feinsten ist die von Sarah Viktoria Frick, die die Dirne mal als Schnitzler-süßes Mädel, mal als verhuschte Zwangsprostituierte, mal Kaugummi-kauend als abgebrühte Hure, die gunstgewerblerisch nach Hosentürln grapscht, gibt. Gunther Eckes lugt als bigotter Priester ab und an durch die sich beständig verschiebenden Kerkeröffnungen. Mit Tilman Tuppy als Kerkermeister liefert sich Itay Tiran einen Infight der Augen, ein Hide-and-Seek von Bespitzeln, Belauern und Beobachtetwerden.

Etwa, wenn der Mörder Fuß für Fuß den ihm verbliebenen Freiraum abmisst, im Wissen die zwischen- menschliche Beziehung zu seinem Bewacher ist allein dem unmenschlichen Strafrecht geschuldet. „Der Henker“, wie ihn Mateja Koležnik zeigt, ist das bis dato herausragendste Ereignis der ersten Spielzeit Kušej, die gesellschaftspolitische Botschaft nicht mit dickem Pinsel aufgetragen, sondern subtil und tiefsinnig ausgelotet, gespielt von einem Ensemble, das es versteht, die Intentionen der Regie Schicht für Schicht – und so die Spannung steigernd – offenzulegen. Bravo.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019

Burgtheater: Mephisto

September 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer bergauf auf dem Beförderband

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen, Sylvie Rohrer als Dora Martin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Lady Gaga gibt den Ton an. Im Wortsinn. Ihr Song „Applause“, von Sylvie Rohrer als Dora Martin auf vier Mal unterschiedlichste Weise interpretiert, ist der musikalische Leitfaden durch Bastian Krafts Bühnenfassung von Klaus Manns Roman „Mephisto“. Eine fulminante Aufführung ist das geworden, mit einem überragenden Ensemble, allen voran Nicholas Ofczarek in der Rolle des Hendrik Höfgen. Alias Gustaf Gründgens. Einer, der der Macht verfällt, und dabei so brutal wie buckelnd agiert.

In einen Rahmen hat Kraft sein durchchoreografiertes Spiel vom Glanz und Elend des eitlen Mimen gespannt. Ein schlanker Mann im weißen Anzug tritt aus dem Dunkel und an die Schreibmaschine, er, der Schriftsteller, als Gegenpart zum bulligen Schauspieler, den er erdacht und doch nicht erdacht hat, Sebastian Bruckner, Klaus Manns Alter Ego. Fabian Krüger gestaltet die Figur feinnervig und nobel, er ist Erzähler, Kommentator, aber auch Souffleur und sogar Requisiteur. Bruckner/Mann ist da schon im Exil, in Paris, später Südfrankreich, drischt er auf die Tasten und damit auf das NS-Regime ein.

Sabine Haupt als Nicoletta von Niebuhr, Fabian Krüger als Sebastian Bruckner, Nicholas Ofczarek und Dörte Lyssewski als Barbara Bruckner. Bild. Reinhard Werner/Burgtheater

Simon Jensen als Julien. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Vischer, Simon Jensen, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bruckners Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Schwager Höfgen, Krüger vs Ofczarek, wird zum gewitzten Disput darüber, wie Mensch sich angesichts von Totalitarismus und Staatsterror positionieren soll. Ofczarek gibt den Höfgen mit gewaltiger Intensität, gibt mal den teuflischen Verführer, mal den in tiefste Abgründe Gelockten, gibt sich im Zweikampf mit dem gewesenen Freund mal sanft säuselnd, mal metallisch donnernd. „Seine Falschheit ist seine Echtheit“, charakterisiert Bruckner den faustischen Höfgen.

Und der Karrierist und Opportunist sucht gutes Gewissen darin, dass er einen Juden, Hans Dieter Knebel als Garderober Böck, und seinen schwulen Liebhaber, Simon Jensen als Julien – die originale Homoerotik von Kraft anstelle der erfundenen Juliette Martens eingesetzt, vor der Gestapo gerettet hat. Beim kommunistischen Kollegen Otto Ulrichs/Hans Otto, ihn stellt Peter Knaack dar, hat er es immerhin versucht, den Parade-Nazi Miklas, Martin Vischer, hat er ohne viel Federlesen aus dem Ensemble entfernen lassen.

Ge- und befördert vom „Ministerpräsidenten“ und seiner Ehefrau, Martin Reinke und Petra Morzé liefern als Göring und dessen überspannte Gattin eine gekonnte Farce auf Hinterlist und Heimtücke, arrangiert sich Höfgen mit den neuen Herrschenden. Peter Baurs phänomenales Bühnenbild stellt den steilen Aufstieg mittels stetig emporgeschraubtem Laufband dar, darauf Ofczarek mit ausholendem Schritt, die Arme zackig mitgeschwungen, eine Hanswurstiade mit schwarzweiß-gestreifter Hofnarrenkappe, wiewohl’s immer schwerer wird, die nächste Klippe zu erklimmen.

Den fabelhaften Cast runden ab: Dörte Lyssewski und Sabine Haupt als Frau Höfgen eins und zwei, Barbara Bruckner und Nicoletta von Niebuhr, sarkastisch-scharf die eine, klug-berechnend die andere, und Bernd Birkhahn, der unter anderem als „der Professor“/Max Reinhardt wesentlich zu Höfgens Aufstieg beiträgt.

Auf vier Videotürme lassen Kraft und Baur Ofczareks Gesicht mit einer Live-Kamera projizieren. Da ist dessen Hendrik Höfgen längst zum Gruselclown mutiert. Die charakteristisch steilen schwarzen Augenbrauen, der blutrote Mund verschmiert. Wen immer er damit küsst, der ist besudelt. Eines von vielen starken Bildern. Am Ende eine Spiegelung des Publikums, vom Burgtheater 2018 ins Preußische Staatstheater 1936. Etliche der gefallenen Sätze sind so, wie man sie gerade wieder hört.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018

Burgtheater: Schlechte Partie

Oktober 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Puppenstube mit Pistole an der Wand

Paratow beschenkt Larissa, Karandyschew hat das Nachsehen: Marie-Luise Stockinger, Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, hinten: Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dass Alexander Ostrowskij bei seinen Zeitgenossen beliebter als Tschechow gewesen sei, weil seine Figuren näher an ihrem Leben, das wurde Alvis Hermanis in diversen Interviews vorab nicht müde, als den Grund zu betonen, warum er dessen „Schlechte Partie“ mit nach Wien gebracht habe. Mit seiner Inszenierung am Burgtheater trägt der lettische Regisseur wenig dazu bei, Ostrowskijs Ruhm in die Neuzeit zu retten.

Seine Arbeit ist ein Augenschmaus für theaterhistorisch Interessierte, ein animierter Ausflug in die Vor-Stanislawski-Zeit des russischen Theaters, angenehm betulich und über weite Strecken amüsant, aber … Alexander Ostrowskij trägt er damit nicht Rechnung. Der Dramatiker, einer der Mitbegründer des zaristischen Nationaltheaters und ein begnadeter Komödienschreiber, verstand es in vorgerückten Jahren durchaus, seine Kritik an den Menschen und ihrer mangelnden Moral in seinen Stücken anzubringen. Auch die „Schlechte Partie“ ist zu diesem Spätwerk zu zählen, in dem im Zarenreich nicht alles so golden ist, wie die Kuppeln der Christ-Erlöser-Kathedrale glänzen.

Geht es doch um das so zeitlose wie durchaus wieder moderne Thema des Menschen als Ware. Als „Objekt“ mit zu bestimmendem Marktwert – dies sogar wortwörtlich im Text -, das die, die sich’s leisten, ohne Skrupel zum eigenen Vorteil käuflich erwerben können. Der Stachel sitzt in der Sache, und ihn tiefer ins Fleisch der Zuschauer zu treiben, hätte sich gelohnt. Bei Hermanis aber ist die „Schlechte Partie“ in erster Linie eine Saufpartie.

„Schlechte Partie“ erzählt von der unglücklichen Larissa Dimitrijewna, die im von ihrer verarmten Mutter, der Ogudalowa, geführten Salon, den Herren zu Gefallen vorgeführt wird. Larissa muss tanzen, singen, sich taxieren lassen, und die Ogudalowa lässt derweil die diversen Anbeter Geschenke für die Tochter drei Mal, vier Mal kaufen, um sich Geld zu verschaffen. Vor einem Jahr noch war Larissa mit dem Reeder Paratow verlobt, doch der hat sich, weil durch eine List seiner Verwalter um große Teile seines Vermögens gebracht, erst aus dem Staub, dann an eine Millionenerbin herangemacht.

Larissa verlobte sich daraufhin mit „dem Nächstbesten“, dem Postbeamten Karandyschew, den sie und alle anderen als weit unter ihrem Niveau betrachten. Und dann ist Paratow wieder da, mit dem Plan seinen Junggesellenabschied vor der reichen Heirat im Bett mit Larissa zu feiern. Hermanis lässt das Drama zwischen Blümchen- und Streifentapeten ablaufen. Mit der ihm eigenen Liebe zum verspielten Detail gestaltet er stilecht Puppen- und Wirtsstuben, er drapiert Spitzendeckchen auf Sofas, befüllt Vitrinen mit kostbarem Glas und die Wände mit Bildern. Für sein Bühnenbild griff er auf Originalentwürfe aus der Zeit Ostrowskijs zurück, die Kostüme von Kristine Jurjane dazu passend.

Paratow plant seinen sinistren Junggesellenabschied: Nicholas Ofczarek mit Peter Simonischek, Martin Reinke und Fabian Krüger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Knurow macht der Ogudalowa ein unsittliches Angebot für Larissa: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weniger Aufmerksamkeit als der Ausstattung widmet Hermanis, so zumindest der Eindruck, den Charakteren. Seine Inszenierung wirkt, als hätte er beim Unterrichtsfach Psychologisierung von Figuren in der Schauspielschule gefehlt, oder nun den Gegenstand absichtlich geschwänzt. Das hochkarätige Ensemble wird veranlasst, ganz im Stile der russischen Theatertradition, mit großen Gesten und outrierten Gefühlen zu agieren. Da wäre, wäre man nicht an der Burg, Knallchargigkeit vorprogrammiert, doch dank den Herren Ofczarek, Maertens, Reinke und Simonischek kommt es nicht zum Äußersten.

Sie verstehen „Schlechte Partie“ als die abgründige Tragigroteske, die sie ist, und spielen das auch. (In einer der Puppenstuben nämlich hängen Pistolen, und wo Pistolen hängen wird, so will es das Theatergesetz, geschossen …) Nicholas Ofczarek ist als Paratow zu sehen, der zynisch seine Intrige spinnt, mit der unverhohlenen Aussicht, ein Menschenleben zu zerstören. Denn der Ausgang seines Schäferstündchens muss ihm klar sein. Ofczarek gestaltet in seiner Figur das Aufkommen eines Bürgertums, das antritt, um den Adel vom Sockel seiner Existenz zu stoßen.

Zwar dessen Attitüden annimmt, aber im Gegensatz zu den abgebrannten Blaublütern unverhüllten Materialismus lebt. Ofczareks Paratow ist ein Vorgänger des Lopachin, er spielt ihn allerdings – bildlich gesprochen – mit funkelnd rollenden Bösewichtaugen. Er wird Larissa schließlich von sich schleudern, wie ein benutztes Schnupftuch. Das „Kapital“ vervollständigen Peter Simonischek und Martin Reinke als die Kaufleute Knurow und Woschewatow, ersterer mit weißem Rauschebart noch irgendwie Typ anlassiger Opi, zweiterer mit seiner schneidenden Stimme eindeutiger auf der Lauer nach Larissa.

Wie die beiden um sie eine Münze werfen, wie Knurow dem Mädchen ganz offen anbietet, ihr für Gegenleistungen eine lebenslange Rente zu zahlen (gerade dieser Tage wieder ist ein „Mächtiger“ als Frauenbedränger im Gerede), das ist der Kern des Stücks. Das übrigens, und hieran zeigt sich, wie Hermanis irrt, als einziges von mehr als 50 Stücken Ostrowskijs von seinen Zeitgenossen abgelehnt wurde, und bei den Premieren in Moskau und St. Petersburg durchgefallen ist. In der Figur des „Robinson“ beklagt der Autor das Künstlerschicksal, Fabian Krüger als abgehalfterter, trunksüchtiger Schauspieler, der sich von seinen Gönnern zum Affen machen lassen muss.

Paratow ist am Ziel …: Nicholas Ofczarek und Marie-Luise Stockinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… Karandyschew ist am Ende: Michael Maertens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und dann ist da der zweite Ausgestoßene aus der selbsternannt besseren Gesellschaft: Michael Maertens als Karandyschew. Der kleine Beamte, der ewig Gedemütigte, im Infight mit dem schneidigen Abenteurer Paratow. Wie Maertens den unsympathischen Spießer mit der Großmannssucht mit Tragik und szenischer Wahrhaftigkeit gibt, das ist große Kunst. Sowohl Tränen als auch den Wahnsinn im Auge, heischt er um die Gunst der anderen, lädt zum Essen ein, versteht nicht, dass er Spielball einer immer noch hierarchiesüchtigen „Herrschaft“ ist.

Er wird von Paratow und seinen Spießgesellen betrunken gemacht, um Larissa betrogen – und: reißt die Pistole an sich … Als Larissa wird Marie-Luise Stockinger so lange unter Krinoline, Kokoshniks und Schultertüchern versteckt, dass sie fast nicht zum Spielen kommt. Nur dann, wenn sie die vorgegaukelte Naive abwirft und deutlich macht, dass sie ihre Situation sehr wohl klar sieht, hat Stockinger ihre Momente. Die Ogudalowa will Dörte Lyssewski als schlaues „Weibchen“ gestalten, als Larissas private Puffmutter, die sich in der Männerwelt zu behaupten versucht. Auch sie bleibt aber eher blass.

Hermann Scheidleder und Hans Dieter Knebel als Wirtspersonal Gawrilo und Iwan komplettieren das Ensemble nach der Devise: „lustige Elemente“. Zum Schluss macht sich eine Figur durch ihren Tod vom Objekt zum Subjekt. Da leuchtet noch einmal auf, wie viel in der „Schlechten Partie“ Gutes steckt. Hätte sich Hermanis nicht entschlossen, verschroben-altvaterische Tableaux vivants auf Perserteppichen zu arrangieren, dies dreieinhalb Stunden lang, denn bei der Premiere überzog er schamlos um eine halbe, statt Satire zu inszenierten.

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  1. 10. 2017

Akademietheater: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Mai 6, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe

Markus Hering und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … ein Tanz zwischen Nähe und Distanz: Markus Hering und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Es ist so, wie wenn Nord- und Südkorea ihre Grenzen öffnen würden, sagt der Mann zu seiner an Gedächtnisverlust leidenden Frau. Und erklärt ihr damit die Liebe. Beziehungsweise die Abwesenheit, weil prinzipielle Unmöglichkeit derselben. Das ist in Szene 15 von 19, und der Allerwerteste tut bereits weh, und man kriegt allmählich genug vom Gleichen, man liest ja auch nicht anderthalb Dutzend Kurzgeschichten auf einen Satz, und sogar Zuschauer X in Reihe y wird nun verstanden haben, worum’s hier geht. Akademietheater. Joël Pommerat. Die Wiedervereinigung der beiden Koreas. Ah!

Nach Yasmina Rezas simpel gestricktem „Bella Figura“ ist dies der zweite Glücksfall aus Frankreich, noch ein Stück, in dem das Ensemble glänzen kann, und wie es das tun, nie gab’s daran auch nur den leisesten Zweifel. Ihre „Libido“ sei es nicht, das Publikum mit sperrigen Arbeiten vor den Kopf zu stoßen, sagte Burgtheater-Chefin Karin Bergmann kürzlich im profil-Interview: „Ich brauche die Sicherheit, dass unser Stammpublikum die Inszenierungen annimmt.“ Na dann. Mission erfolgreich erfüllt.

Aufs erste Reinfühlen lässt sich gar nicht beschreiben, wie fabelhaft, vielschichtig und facettenreich das alles ist, jede Formulierung muss wohl oder übel zu kurz greifen. Neun Schauspieler gestalten zweiundfünfzig, in Zahlen: 52!, Rollen, die Prostituierte und den Priester, den Boss und seine Büroangestellte, Putzfrauen, Psychiater, hetero- und homosexuelle Paare, alle in Abhängigkeits- oder andersartig abartigen Verhältnissen, alle in ihren Beziehungen am Point of no Return angelangt, und ein Schelm, wer dabei an Klischees denkt. Bei Szene 7, „Hochzeit“, kichert das Publikum vergnügt in sich hinein, weil so was von klar ist, dass der Bräutigam mit allen vier Schwestern der Braut vorab … wasn Spaß.

Den übrigens Peter Wittenberg, nach der Ära Peymann erstmals als Burgheimkehrer tätig, inszeniert hat. So zwischen Sarkasmus, Skurrilitätenschau und Sentiment. Die Bühne von Florian Parbs ist so leer wie die Herzen der Figuren, die sie bevölkern. Für Auskenner dürfen die sonst ungern gesehenen, weil übergroß den Bildhintergrund befüllenden Heizkörper nun mittels Bodydoubles die Ausstattungshauptrolle spielen. Nach jeder Episode fährt ein raumfüllendes Kopiererleuchtkreuz von einer Seite zur anderen. Als Symbol für den Ablauf des sich selbst erklärenden Abends offenbar.

Und die Virtuosen üben sich im Virtuossein. Sie spielen, was intensiv bis zur Schmerzhaftigkeit geraten könnte, mit einem heiteren Achselzucken. Die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe. Lebensentscheidendes wird leichthin gesagt, es gibt nur entweder das berühmte Wörtchen zu viel oder zu wenig. Als ob eine Silbe nicht alles verändern könnte. Es gibt kleine Gesten und große Abgänge, Augenzwinkern und dramatischen Augenaufschlag. Jede noch so mickrige Pointe wird bis zur Neige ausgekostet. Seht her, ich bin’s und ich kann’s! „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist eine Katastrophenkomödie über, ein Plauertonrequiem auf die Zwischenmenschlichkeit, auf die Vergeblichkeit des Hoffens und die Vergänglichkeit jedes Harrens.

Eine Raumpflegerin erzählt den anderen, wie sie ihrem Ehemann zurzeit scheidungstechnisch eine reinwürgt, dabei hat sich der längst über ihren Köpfen erhängt. Ein kinderloses Paar engagiert eine Babysitterin, nur um sie zur Schnecke zu machen. Schnitzler, Ibsen, Albee werden beschworen, nur was macht man bei einer Séance, wenn der Geist nicht kommt? Es ist die Szene 13, „Krieg“, Protagonisten: Mutter, Vater, junger Soldat, bei der einem erstmals wieder einfällt, dass der Begriff Liebe auch in „beliebig“ beinhaltet ist.

Daniel Jesch, Frida-Lovisa Hamann und Dirk Nocker. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … ein Hin- und Hergezerre: Daniel Jesch, Frida-Lovisa Hamann und Dirk Nocker. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Daniel Jesch und Sabine Haupt. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … natürlich auch Liebe machen: Daniel Jesch und Sabine Haupt. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe allein reicht nicht. Liebe ist eine Krankheit. Nichts als Körperchemie. Ein surreales Empfinden. Erfährt man. Endlich etwas Neues zum wichtigsten Thema der Theaterwelt. Und dann, aufs zweite Hinschauen, zeigt sich in den Miniaturen der inszenatorische Überhang. Dirk Nocker ist das vierschrötige Sensibelchen, Sabine Haupt die hypernervöse Hysterikerin, Dorothee Hartinger macht auf emanzipiert, ergo hart, Markus Hering gibt den Stadtneurotiker, Petra Morzé die angezählte Sexbombe, Frida-Lovisa Hamann die jugendliche Nicht-mehr-ganz-so-Naive.

Martin Reinke spielt den stillbrütenden Überlebensmenschen und Dörte Lyssewski die exaltierte „Grande Dame“. Auch als Nutte. Ob das alles wirklich so sein muss, und ob Pommerat oder Wittenberg diesen Einheitsbrei angerührt hat, lässt sich von jemandem, der die Vorjahres-Festwochenaufführung in Verantwortung des Autors versäumt hat, nicht sagen. Einzelne Darsteller tänzeln zwischendurch als ein Glitzerwesen, halb böse Fee, halb lasziver Clown, durchs Geschehen, doch verpuffen diese puck’schen Absichten mangels „Zauber“-kraft. Immerhin: Wittenberg hat seinen Schauspielern ein Fest bereitet und die feiern sich und ihre Kunst gehörig.

Und dann doch. Daniel Jesch als Lehrer, der einen Schüler in einer misslichen Lage getröstet hat und sich nun des Missbrauchs bezichtigen lassen muss. Und je gefühlsbetonter er erklärt, wie sehr er seine Arbeit und die Kinder mag, umso empörter reagieren die Eltern und die Schuldirektorin. Und der einzige, der selbstlos liebt, wird gesellschaftlich zerstört werden. Da bekam die Untiefe auf einmal Tiefgang. Mehr davon wäre mehr gewesen. Nun heißt es warten auf Árpád Schillings Europa-Dystopie „Eiswind“.

www.burgtheater.at

Wien, 6. 5. 2016

Im August in Osage County

Februar 28, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Meryl Streep und Julia Roberts im Duell der Diven

Julia Roberts und Meryl Streep Bild: Tobis Film

Julia Roberts und Meryl Streep
Bild: Tobis Film

Der Stoff ist bekannt. Alvis Hermanis inszenierte Tracy Letts‘ mit dem Pulitzer Preis (und fünf Tonys für die Broadway-Fassung) ausgezeichnetes Stück 2009 am Akademietheater. Unter dem Titel „Eine Familie“.  Und starbesetzt mit Kirsten Dene, Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski, Barbara Petritsch, Sylvie Rohrer, Martin Reinke, Falk Rockstroh, Dietmar König und Michael König. Nun zieht Hollywood nach. Regisseur John Wells bringt „Im August in Osage County“ – trotz Protesten des Dramatikers und Drehbuchautors nicht in der Original-US-Theaterbesetzung – auf die Leinwand. Als Kammerspiel, in meist abgedunkelten Räumen, ohne Chichi und Trara. Wells will die Bühnenherkunft der bitterbösen Tragikomödie gar nicht verschleiern. Das tut dem Ganzen gut. Er lässt den Vorarbeitern der Traumfabrik Raum. Und die entfalten sich prächtig. Allen voran Julia Roberts  als Barbara und Meryl Streep als Violet. Beide Damen waren für einen Golden Globe nominiert und sind es für einen Oscar.

Violet ist die Matriarchin einer Familie aus Oklahoma. Da ihr alkoholkranker Mann Beverly auf rätselhafte Weise ums Leben kam, finden sich die Familienmitglieder zur Beerdigung zusammen. Man hat einander lange nicht gesehen und diesen Zustand durchaus genossen. Violets herrische Art, ihr Zwang stets sofort auszusprechen, was sie  denkt, macht den Aufenthalt im Elternhaus zur Hölle. Für die Töchter Barbara und Karen, die erstmals mit ihren Lebenspartnern in ihre Heimatstadt reisen. Für Ivy, die bei Violet wohnen blieb. Außerdem kommt Violets Schwester Mattie Fae mit ihrem Mann und ihrem Sohn zur Trauerfeier. Obwohl alle Beteiligten das Ereignis möglichst schnell und friktionsfrei hinter sich bringen wollen, reizt Violets Zynismus schließlich alle zu Aussagen, die pünktlich zum Leichenschmaus allerlei dunkle Familiengeheimnisse ans Licht bringen …

„Im August in Osage County“ ist ein Frauenfilm. Streep, Roberts und Juliette Lewis als Karen sind derart brillant, dass die Kollegen Ewan McGregor (Barbaras Nochehemann Bill; man ist schon mitten drin in der Scheidung, will aber darüber schweigen, was natürlich nicht gelingt), Benedict Cumberbatch (als Mattie Faes problematischerSohn) und Sam Sheperd, ein Rückblenden-Beverly, schwer dagegen ankommen. Wiewohl auch sie fantastisch sind. Meryl Streep gestaltet die tablettensüchtige Violet – die Dene-Rolle – hart am Rande des Abgrunds. Und mit jenem Mut zur „Hässlichkeit“ (im Guck-mal,-nur-schöne-Leute-Business heißt das ja was), den man an der großen Schauspielerin immer wieder bewundern darf. Mit bröckelnder Fassade, Make-up und Perücke gehen im Laufe der Entgleisung verloren, lebt sie ihre seelischen Qualen, lang unterdrückte Begierden aus. Ist immer auf der Suche nach einem neuen Opfer für einen Schlagabtausch. Will verletzen – und verletzt vor allem ihre älteste, Barbara. Die spielt Julia Roberts zunächst noch mit hart erarbeiteter, hochdisziplinierter Zurückhaltung. Doch man merkt schon: Da brodelt’s unter der Oberfläche. Die angestauten Aggressionen brechen sich am Esstisch Bahn; wie Furien fallen die Frauen übereinander her.

Das ist großes Kino. Ein Familienk(r)ampf auf höchstem Niveau. Wie sich hier alles ums Geliebtwerdenwollen und Ungeliebtsein dreht, ist fast wie echt. Verwandte sind eben eine ererbte Krankheit. Mit den übrigen Leuten identifiziert man sich per Zufall.

Zu sehen ab 7. März.

www.augustosagecountyfilm.com

www.imaugustinosagecounty.de

Wien, 28. 2. 2014