Raimundspiele Gutenstein: Brüderlein fein

Juli 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch als Choleriker mit sensibler Seele

Im Kampf mit seinen Dämonen: Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Joachim Kern

Ferdinand Ochsenheimer, Schiller-Star, Bühnenbösewicht, gefeiert am k. k. Hoftheater zu Wien, war also das große Vorbild. Lernt das Publikum unter Lachen, wenn Johannes Krisch ochsenheimerisch grimassiert, outriert, den Körper einmal um die eigene Achse schraubt – doch sein Ferdinand Raimund trotzdem nicht ans Burgtheater engagiert wird. Einige Szenen später, da ist Raimund schon die Wiener Volkstheater-Berühmtheit, den zu sehen

die Leute um die Häuserblocks Schlange stehen, wird er seinen Schauspielern jedes Extemporieren, jedes übertriebene Agieren verbieten. Der Dramatiker war nicht nur der beste Darsteller seiner Werke, sondern auch ein moderner Regisseur, der Disziplin und Texttreue einforderte. Dies nur eines der Dinge, die man in Felix Mitterers Raimund-Bioplay „Brüderlein fein“ über den Zauberpossen-Dichter erfährt, dessen Uraufführung Donnerstagabend bei den Raimundspielen Gutenstein mit Standing Ovations für Autor, Inszenierung und Ensemble endete. Intendantin Andrea Eckert hatte Mitterer als ausgewiesenen Experten fürs Historisch-Biografische mit dem Stück beauftragt, das nun chronologisch entlang Raimunds Leben und Schaffen verläuft, unterfüttert von Stück-im-Stück-Sequenzen und auch allerhand Zauberhaftem.

Auf den durch den Zuschauerraum wandernden Zuckerbäckerlehrling, der im Burgtheater in den Pausen Brezeln verkauft, und dort sein theatrales Erweckungserlebnis hat, folgen derart Fee Rosalinde und Nymphe Lidi – Figuren aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ -, die das Jungtalent mit allen Begabungen segnen, die es sich ersehnt. Mitterer erzählt im Zeitraffer von den wichtigsten Momenten, der Lebensliebe zur Kaffeehausbesitzerstochter Toni Wagner, der Ehe mit Schauspielkollegin Luise Gleich, die ihm ein Kind des Fürsten Kaunitz unterschob, zeigt Probenarbeit und Aufführungen und das Durchfallen von „Moisasurs Zauberfluch“ im Theater an der Wien. Der Name Nestroys irrlichtert durchs Geschehen, der große Rivale, der es hellhörig verstand, auf den Zug der Zeit aufzuspringen, schließlich das Hobellied statt des Pistolenschusses. Mitterer, seines Zeichens selbst Volksstückeschreiber, fährt seinen bewährten Mix aus Gelehrigkeit und Geschichtswissen auf, sein Drama wie immer durchsetzt von heiteren Episoden, und wenn der Tiroler über den Wiener sagt, er wäre ihm ein Bruder geworden, so glaubt man das aufs Wort.

Genialischer Dritter im Bunde ist Johannes Krisch, der Burgtheaterschauspieler auf Landpartie, der Ferdinand Raimund als den „leidenden Humoristen“ darstellt, als den ihn Zeitgenosse Carl Ludwig Costenoble einmal bezeichnete, Costenoble, der 1832 über Raimund in seinem Tagebuch vermerkte: „Der wird noch toll oder bringt sich um.“ Krisch, mit Hund Ariel als wuschelige Handpuppe, gibt den Komödianten, der so gern Tragöde sein wollte, in all seinen Extremen. Egal, ob ihm gerade rührselig ums Herz oder der Sinn nach kindlichem Überschwang ist oder „da Gache“, heißt: der Jähzorn, mit ihm durchgeht, gelingt Krisch das Psychogramm eines manischen Fieberkopfs, eines Cholerikers mit sensibler Seele, dessen Abstürze in die Depression, ins Hypochondrische für alle Beteiligten verheerend sind.

Liebeswerben bei Toni Wagner: Anna Rieser und Johannes Krisch mit „Hund“ Ariel. Bild: © Joachim Kern

Mutter Wagner ist darob nicht erfreut und erteilt „Trottoirverbot“: Eduard Wildner. Bild: © Joachim Kern

Therese Krones als „die Jugend“: Lisa Schrammel und Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Landpartie mit dem Freund Johann Landner: Johannes Krisch und Gerhard Kasal. Bild: © Joachim Kern

Nach der Pause zunehmend von Raimunds Dämonen getrieben, läuft Krisch zur Hochform auf, und eine schöne Idee ist, dass ihm Ariel im Zwischenmenschlichen als warnendes Gewissen zur Seite steht. Am Ende wird dieser Raimund, überzeugt, sich mit Tollwut infiziert zu haben, von Fabelwesen mit Hundsköpfen umzingelt werden … Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin stellen all das mit wenigen Mitteln auf die Bühne, Versatzstücke, ein Fenster, ein Alkovenbett, eine Gefängniszelle, werden rasant rein- und rausgeschoben, die Kostüme sind mit Reif- und Gehrock angedacht biedermeierlich. Tommy Hojsa begleitet die Handlung auf dem Akkordeon.

Aufgerieben wird Krischs Raimund zwischen den beiden Polen Luise Gleich und Antonie Wagner. Larissa Fuchs spielt erstere durchtrieben und berechnend, sie umgarnt den Dichter mit ihrem sinistren Plan der Eheschließung und ist gleichzeitig ebenfalls Opfer, des Fürsten Kaunitz, aus dessen Fängen es kein Entrinnen gibt. Krisch hat mit Fuchs starke Szenen. Wenn ein ganzes – imaginäres – Publikum ihm unter Buh-Rufen „G’heirat‘ wird!“ befiehlt, wenn er die untreue Gattin später während einer Vorstellung quer durch den Theatersaal jagt und würgt, da verbinden sich Verzweiflung und Furor und Volksstückewitz aufs Feinste. Fuchs hat zum Schluss noch einen feinnervigen Auftritt, als heruntergekommene Akteurin, die den Ex vergebens um ein Engagement anfleht.

Anna Rieser ist eine anrührende Toni Wagner, verständnisvoll, verzeihend, zu Raimunds Leidwesen kein Naturkind, sondern insektophobisch, was Rieser mit großem Vergnügen ausspielt, auch Raimunds Stimme der Vernunft, die ihn mahnt, künstlerisch bei dem zu bleiben, was er am besten kann und was sein Publikum schätzt – eine Einmischung in seine Belange, die sich der Egomane von der „Sitzkassiererin“, wie er sie schimpft, verbietet. Dennoch werden die beiden einander vor der Mariensäule in Neustift am Walde statt des dem Geschiedenen verbotenen Eheversprechens einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schwören. Lisa Schrammel bleibt als Therese Krones, diese immerhin die gefeiertste Schauspielerin ihrer Zeit, deren exaltierter Lebensstil ihr einen frühen Tod bescherte, zu sehr im Hintergrund, singt aber als „Jugend“, Krones‘ berühmte Hosenrolle in „Der Bauer als Millionär“, im Duett mit Krisch glockenklar das „Brüderlein fein“.

Sein Jähzorn bringt Ferdinand Raimund ins Gefängnis: Johannes Krisch, Tommy Hojsa, Eduard Wildner als Fürst Kaunitz, Reinhold G. Moritz als Josef Gleich, Larissa Fuchs als Luise Gleich. Bild: © Joachim Kern

Neun Rollen teilen sich drei Schauspieler: Gerhard Kasal ist unter anderem als Soproner Theaterdirektor Christoph Kunz und als Johann Landner zu sehen, Raimunds Freund und lebenslange Stütze. Reinhold G. Moritz spielt den schlitzohrigen Theatermacher und Schwiegervater Josef Gleich, den sterbenden, seinen Sohn verfluchenden Vater Raimund und brillant den für seine Spontaneinfälle berüchtigten „Agent aller heiteren Charaktere“, wie ihn Adolf Bäuerle einmal nannte, Friedrich Korntheuer.

Eduard Wildner erscheint zum Gaudium des Publikums als übellaunige Mutter Wagner und erteilt Raimund „Hausverbot, Fensterverbot, Trottoirverbot“; Wildner gibt gefährlich jovial auch den Fürsten Kaunitz, wegen dessen sexueller Lust auf Kinder ihm Luise Gleich vom Vater „als Gespielin verkauft worden“ war. Ein Schicksal, das, so stellte sich heraus, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog, 200 andere minderjährige Mädchen mit ihr geteilt haben.

Zum Ende eben „Der Verschwender“, Hobellied, und Mitterers Hommage an den Uraufführungs- und Raimunds Sehnsuchtsort, wenn er den Todgeweihten sagen lässt: „Begrabt‘s mich in Gutenstein, ja nicht in Wien“. Das ist freilich allemal einen Extra-Applaus wert. Mit „Brüderlein fein“ ist Felix Mitterer eine kitsch- und klischeefreie Vita-Verdichtung Ferdinand Raimunds gelungen, die zwischen plastischen Szenen und poetischen Passagen changiert, und Hauptdarsteller Johannes Krisch alle Register seines großen schauspielerischen Könnens ziehen lässt. Neben Mitterer galt ihm vor allem, der sich in gekonntem Alt-Wiener Dialekt in einen rappelkopfschen Wahn hineinwütet, der Jubel. Den die beiden Arm in Arm genossen.

Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=33961

www.raimundspiele.at

  1. 7. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Intendantin Andrea Eckert und Autor Felix Mitterer im Gespräch

Juli 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch spielt Ferdinand Raimund in der Mitterer-Uraufführung „Brüderlein fein“

Andrea Eckert. Bild: © Janine Guldener

Kein Stück von, sondern eines über Ferdinand Raimund zeigen die Raimundspiele Gutenstein dieses Jahr. Intendantin Andrea Eckert hat keinen Geringeren als Autor Felix Mitterer um dies Stück gebeten, das das tragische Leben des großen Dramatikers und Schauspielers zum Inhalt hat. Uraufführung von „Brüderlein fein“ ist nun am 11. Juli – und das Publikum kann versichert sein, unbekannte Seiten Raimunds kennenzulernen. Den Dichter spielt der auch unter der Direktion Martin Kušej dem Burgtheater erhalten bleibende Johannes Krisch. Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch:

MM: Wie kam es zu Ihrer Überlegung, in Gutenstein dieses Jahr kein Stück von Ferdinand Raimund zu spielen, sondern eines über ihn zu initiieren?

Andrea Eckert: Der Gedanke kam mir sehr bald, nachdem ich bei den Raimundspielen als Intendantin begonnen hatte. Ich finde es wunderbar, dass es diese eindeutige Widmung der Spiele, sich ausschließlich mit Raimund-Werken zu befassen gibt, daran halte ich auch hundertprozentig fest, aber die Anzahl der Stücke ist begrenzt. Nicht nur deshalb dachte

ich mir, es wird Zeit, einmal über ihn zu erzählen, sondern auch, weil ich das Leben von Ferdinand Raimund zutiefst bewegend, bestürzend und ergreifend finde. Die wenigsten Leute wissen Genaueres darüber – kennen nur seinen spektakulären Selbstmord. Wenn ich von Raimund als Schauspielstar spreche, der die Wiener Theater füllte und für den Zuschauer um die Häuserblocks Schlange gestanden sind, um ihn auf der Bühne zu sehen, ein Mensch, der so leidenschaftlich und gleichzeitig so trostlos war, bekam ich nur ein „Ah so?“ zurück.

MM: Und so begann die Suche nach einem Dramatiker?

Eckert: Ich habe intensiv nachgedacht, wer das sein könnte, und da ich Felix Mitterer vom Dorothea-Neff-Stück „Du bleibst bei mir“ am Volkstheater kannte, da ich auch viele seiner anderen Stücke, zum Beispiel seinen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ an der Josefstadt gesehen hatte, war ich entschieden: Ich frag‘ ihn! Er war damals quasi mein Nachbar, weil wir im Weinviertel ein Haus haben. Er war anfangs zurückhaltend und hat liebenswürdiger Weise andere Kollegen vorgeschlagen, die’s schreiben sollen, ich habe allerdings nicht nachgelassen, bis er endlich Ja sagte. Er hat in erstaunlich kurzer Zeit eine Rohfassung geschrieben, und ich war von Anfang an begeistert, weil ich gemerkt habe, was er mir später auch bestätigt hat, dass er eine tiefe Beziehung, fast eine Seelenverwandtschaft, zu Raimund gefunden hat. Man merkt dem Stück an, dass hier eine Begegnung zwischen zwei Dichtern stattfindet, und ich bin glücklich, aber auch sehr aufgeregt, denn natürlich ist diese Uraufführung ein Experiment, ein, wie ich finde, für die Raimundspiele Wesentliches.

Felix Mitterer: Ja, nach der Dorothea Neff ist der Kontakt zwischen Andrea Eckert und mir aufrecht geblieben, wir haben uns in Niederösterreich auch öfters gesehen. Als sie mich wegen des Stücks gefragt hat, kannte ich von Ferdinand Raimund nur die Zauberpossen, die halt so gespielt werden, aber dann habe ich mich mit seiner Biografie beschäftigt und hab‘ ihn liebgewonnen, und dachte mir, das Leben dieses Mannes muss unbedingt auf die Bühne – und so habe ich zugesagt.

MM: Wie haben denn die Gutensteiner auf dieses Ansinnen reagiert?

Mitterer: Gut, glaub‘ ich. Ich bin ja immer wieder draußen und schaue mir Inszenierungen an, ich habe auch alles besichtigt, was mit Raimund zu tun hat, bis zum Grab auf dem Bergfriedhof. Na, und jetzt bin ich selber da gelandet, in einem Sommerfrischegebiet, so schön und lieblich, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte, sag‘ ich als einer, der aus den schroffen Tiroler Alpenhöhen kommt.

Eckert: Der Bürgermeister von Gutenstein, Michael Kreuzer, ist auch der kaufmännische Direktor der Raimundspiele. Ich habe meinen Plan mit ihm besprochen, er denkt natürlich kaufmännisch und erwartet sich einiges. Und es ist ja auch etwas Spektakuläres, es ist eine Welturaufführung, sie wird vom ORF aufgezeichnet. Darüber bin ich auch sehr glücklich, denn das ist für die Raimundspiele schon etwas Besonderes. Und wie der Kartenvorverkauf zeigt, folgt uns unser Publikum auf diesem Weg, etwas Neues zu sehen.

MM: Felix Mitterer hat seinem Werk den Titel „Brüderlein fein“ …

Mitterer: „Brüderlein fein“, obwohl er’s gar nicht fein mit sich selbst hatte.

MM: … nach dem berühmten Lied aus „Der Bauer als Millionär“ gegeben, in dem „die Jugend“ auftritt und „das hohe Alter“. Handelt das Mitterer-Stück auch „von der Wiege bis zur Bahre“?

Eckert: Nicht von der Wiege an, aber von seinen Anfängen, er kam ja aus sehr armen Verhältnissen, die Eltern sind früh gestorben, und so hat er als Bub Brezeln im Burgtheater verkauft, so hat er seine Leidenschaft fürs Theater gefasst. Das ist keine Anekdote, sondern das war so. Mit einem Brezelverkauf im Publikum beginnt auch unser Stück, dann geht’s weiter mit der Liebe und den Leidenschaften, mit den Erfolgen und Misserfolgen – chronologisch bis zum Ende.

Mitterer: Ich behandle die wichtigsten Ereignisse seines Lebens. Das beginnt mit dem Anbieten von Desserts und Limonaden aus der Manufaktur des Hofzuckerbäckermeisters Jung auf der Freyung, wobei er am Burgtheater sein Erweckungserlebnis hatte, geht weiter wie Raimund von der Fee Rosalinde aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ seine literarische Begabung erhält, bis zu den bekannten Erfolgen. Die große Tragödie des Ferdinand Raimund war ja, dass er immer der große Tragöde sein und am Burgtheater aufgeführt werden wollte. Er war kein glücklicher Mensch, ein Hypochonder, der sich selbst aber als solchen erkannt hat, und je erfolgreicher, je depressiver. Mein Stück ist aber keine Tragödie, sondern eine Tragikomödie, und ich hoffe so, wie der Raimund es heute auch geschrieben hätte. In trockener Verzweiflung und als Liebeserklärung an die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Felix Mitterer. Bild: © Joachim Kern

MM: Herr Mitterer hat als Regieanweisung vorgegeben, „man möge sich an der damaligen Ausstattungspraxis orientieren“. Wie tun sich Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin damit?

Eckert: Die Mittel, die es zu Raimunds Zeiten gegeben hat, bringen Gutenstein jedes Jahr in die Bredouille. Wir sind finanziell kein reiches Festival, wir haben nicht einmal eine Drehbühne, geschweige denn eine Versenkung, wir können Raimund auch keine feuerspeienden Vulkane auf die Bühne stellen, wie er es in seinen Regieanweisungen schreibt. Wir arbeiten also mit dem, was uns zur Verfügung steht, und zu meinem großen Glück machen wir das mit einem künstlerischen Team, das sehr viel Fantasie hat.

Mitterer: Geh, man muss doch nur mit Papier und Pappendeckel hantieren, so wie damals. (Er lacht.)

Eckert: Nicole Claudia Weber und Vanessa Achilles-Broutin haben jedenfalls einen wunderbaren Weg gefunden, wie man rasche Verwandlungen ohne großen Aufwand, größtenteils durch die Darstellung der Schauspieler verwirklichen kann, ohne, dass unser Theater „Armes Theater“ wird. Die Inszenierung wird ästhetisch sehr speziell sein und alle Notwendigkeiten des Stücks bedienen.

MM: Denn die Darsteller sind fast alle mehrfach tätig, sowohl als eine real existiert habende Person als auch als Raimund’sche Bühnenfigur. Das heißt, Sie zeigen streckenweise Theater auf dem Theater?

Eckert: Stimmt. Das Ensemble spielt ja in Raimunds Stücken, es werden auch Proben gezeigt, während derer man sieht, welch moderner Regisseur Raimund auch war, einer, der unglaublich auf Text gehalten hat, und sehr streng mit seinen Schauspielern war. Es gibt sogar das Gerücht, dass er tätlich wurde, wenn’s ihm nicht gepasst hat. Er war ein sehr jähzorniger Mensch.

Mitterer: Der Raimund hat jede zweite Woche ein neues Stück geschrieben und rausgeschossen, weil ihm die von den anderen zu schlecht waren. Er war Schauspieler und übernahm auch die Regie, er war der erste, der darauf Wert legte, dass die Darsteller mit gelerntem Text auf die Probe kommen, das war damals gar nicht üblich, aber seine Strenge hat ihm recht gegeben, die Leute sind ins Theater g’rennt.

MM: Apropos, Gerüchte: Es gibt eine Polizeiakte, in dem festgehalten ist, er hätte seine Ehefrau Luise Gleich „auf eine wahrhaft unmenschliche Art“ misshandelt.

Eckert: Ferdinand Raimund war ein Künstler, und in seinen Lieben so extrem wie im Theater. Er konnte mit Betrug sehr schlecht umgehen, das kann ich verstehen. Er wurde von den Damen mitunter nicht gut behandelt. Schön finde ich es nicht, aber ich gestehe ihm zu, dass er mitunter ausgerastet ist. Man muss auch nicht alles glauben, was im Polizeiakt steht. Tatsache ist, dass er im Foyer der Josefstadt einmal einer Geliebten, die ihn betrogen hat, mit einem Stecken nachgerannt ist und damit zugeschlagen hat, und dann auch ins Gefängnis gekommen ist.

Mitterer: Mitten während der Vorstellung hat er sie quer durch den Zuschauerraum verfolgt und auf sie hingeprügelt.

Eckert: Trotzdem war er seiner großen Lebensliebe Toni Wagner bis zu seinem Ende in gewisser Weise treu.

Mitterer: Er war ein Fieberkopf, er hat sich immer bis zur Raserei verliebt. Und die Luise Gleich ist ihm ja schwanger untergeschoben worden. Die war von ihrem Vater dem Alois von Kaunitz wegen dessen sexueller Lust auf Kinder „als Gespielin verkauft worden“. Das erfuhr Raimund aber erst 1822, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog. Jetzt muss man sich vorstellen, er stand mit dieser Soubrette, seiner Braut auf der Bühne, und wurde ausgepfiffen, weil das Publikum von ihm verlangte, zu heiraten. Die Toni Wagner war Kaffeehaustochter und ihre Eltern komplett gegen die Beziehung, weshalb die beiden auch nur vor der Mariensäule in Neustift am Walde einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schließen konnten. Toni war auch bei Raimunds Selbstmord Zeugin, er wollte noch testamentarisch für sie sorgen, aber sie ist später völlig verarmt gestorben.

MM: Als Theaterkind der mittleren bis späten 1970-Jahre muss ich gestehen, dass ich mit Raimund lange Zeit wenig anfangen konnte. Die Aufführungen waren mir zu lieblich, zu süßlich, zu viele rosa Rüschen, wenn ich das so sagen darf – bis endlich Regisseurinnen und Regisseure herangewachsen sind, die die dunkle Seite seiner Zauberpossen erkannt und bedient haben. Was meinen Sie, hat sich punkto Aufführungspraxis und Rezeption gewandelt?

Eckert: Diese Zauberwelt, die eine ganz große Poesie und sehr viel Humor hat, das finde ich bei Raimund ganz wesentlich, und auch im Stück von Felix Mitterer so schön herausgearbeitet, existiert ja. Trotzdem, wie Sie sagen, gibt es dahinter auch eine genaue Sicht auf die Menschen. „Der Diamant des Geisterkönigs“ beispielsweise ist sogar ziemlich brutal. Auch „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ ist ein in dieser Hinsicht erstaunliches Stück. Raimund zeigt einen Kosmos verschiedenster Charakterzüge, auch die unangenehmen, die grauslichen. Das muss man sehen, aber nicht draufhauen. Insofern hat sich die Aufführungspraxis sicher geändert.

Mitterer: Mir ist es auch so gegangen. Als Tiroler Bub kannte ich Raimund-Inszenierungen nur von Fernsehaufzeichnungen, und die waren mir viel zu zuckersüß. Aber es gab auch Ausnahmen, immer wenn die Hörbigers spielten, das fand ich damals schon gigantisch.

MM: Lassen Sie uns über die Besetzung sprechen: Johannes Krisch ist natürlich der Glücksfall als Ferdinand Raimund. Wie haben Sie ihn gewonnen?

Eckert: Lassen Sie es mich so sagen: ich habe mich sehr um ihn bemüht. Es ist ein ganz wesentlicher Teil meiner Aufgabe, eine Besetzung zusammenzustellen, an die ich glaube. In diesem Fall steht und fällt das Stück mit der Figur des Raimund. Ich habe Johannes Krisch das Stück geschickt, ich habe ihm schon vergangenes Jahr eine Rolle angeboten, aber er hat mich freundlich versetzt wegen Dreharbeiten oder etwas anderem. In diesem Fall hat er mich am nächsten Tag zurückgerufen, und war offensichtlich vom Stück und der Rolle so begeistert, dass er mir zugesagt hat. Das ist großartig, weil er quasi seine sommerliche Drehzeit diesmal uns geschenkt hat.

Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Moritz Schell

Larissa Fuchs als Luise Gleich, Johannes Krisch und Anna Rieser als Toni Wagner. Bild: © Moritz Schell

MM: Die Damen im Ensemble sind …?

Eckert: Anna Rieser ist Toni Wagner. Sie feiert große Erfolge am Landestheater Linz, ist dort ein echter Publikumsliebling, und ich denke, dass sie mit ihrem Charme und gleichzeitiger Herbheit eine ideale Toni ist. Larissa Fuchs ist die Frau von Johannes Krisch und ist besetzt als Raimunds Ehefrau Luise Gleich, die beiden haben am Berliner Ensemble gemeinsam „Liliom“ gespielt, Larissa Fuchs die Julie, das war ganz fabelhaft. Luise Gleich ist bei Felix Mitterer eine extrem vielschichtige Figur, ich finde diese beiden Frauen und wie Raimund zwischen ihnen aufgerieben wird, herzzerreißend. Lisa Schrammel vom TAG spielt Therese Krones und wird das berühmte „Brüderlein fein“ singen.

MM: Edu Wildner ist wieder mit dabei …

Eckert: Natürlich. Er verkörpert nicht nur den Wüstling Fürst Kaunitz, sondern auch die Mutter Wagner, eine wunderbare Rolle. Gerhard Kasal von der Josefstadt spielt Johann Landner, Raimunds Freund und lebenslange Stütze, Reinhold G. Moritz unter anderem den zwielichtigen Vater von Luise Gleich, der, wie schon gesagt, seine Tochter an Kaunitz verkauft hat, und Theaterdirektor und Stückevielschreiber war – ich glaube, es sind mehr als 100.

Mitterer: Die Besetzung ist perfekt. Ich freue mich, dass sie alle das Stück so mögen, und es, wie ich vorhin sagte, mit trockener Verzweiflung spielen. Das macht es komödiantisch, obwohl die Geschehnisse ja nicht komisch sind.

Nachmittagsstimmung. Bild: © Kern Jochi

Das Theaterzelt am Abend. Bild: © Karl Denk

MM: Sie wirken dies Jahr nicht auf der Bühne mit?

Eckert: Nein, es gibt in dem Stück keine Rolle für mich. Ich war die letzten Monate ohnehin mehr als ausgelastet mit meinen beiden Burgtheaterengagements, und diese Uraufführung aus der Taufe zu heben, ist kein leichter Job. Ich bin hier Intendantin und trage letztlich die Verantwortung für das künstlerische Ergebnis. Das nehme ich sehr ernst. Ich sitze bei jeder Probe, mache meine Anmerkungen, manchmal Verbesserungsvorschläge. Ich könnte dieses Jahr gar nicht daneben auch noch spielen. Das wäre fahrlässig. Trotzdem bin ich natürlich während der Festspielzeit präsent, es wird einen Chansonabend mit dem Titel „Damenwahl“ geben, an dem ich Wienerlieder, französische, englische und jüdische Lieder singen werde, begleitet von Tommy Hojsa, Otmar Klein und Lenny Dickson. Den Abend haben wir mit großem Erfolg bereits in Wien gespielt und jetzt freuen wir uns auf Gutenstein. Am zweiten Spieltag der Saison führe ich ein Gespräch mit Felix Mitterer und bin wöchentlich Gastgeberin bei den Literaturprogrammen, zu denen ich Erika Pluhar, Emmy Werner und Michael Köhlmeier eingeladen habe.

MM: Das Ende von Ferdinand Raimund wird sehr dezent abgehandelt.

Eckert: Felix Mitterer war wichtig, dass von Raimund an diesem Abend nicht der Selbstmord, der Schuss in den Mund bleibt, er wollte, dass sein Werk, seine Poesie das letzte Wort haben. Daher endet das Stück mit dem „Hobellied“ – „Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt Ade“ und nicht mit seinem furchtbar traurigen, qualvollen Suizid.

Mitterer: Raimunds tagelangen Todesqualen wollte ich wirklich nicht beschreiben. Seltsam, diese Angst, an Tollwut zu erkranken! Und dann wurde er von seinem eigenen gebissen und hat ihn erschlagen. Dabei war er ein großer Hundeliebhaber und hat immer einen Hund gehabt …

MM: Zum Schluss gefragt: Frau Eckert, Sie waren, wie Sie vorher erwähnten, nun zwei Mal am Burgtheater zu sehen, als Frau Sidonie Knobbe in „Die Ratten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521) und mit Markus Meyer im Kasino in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33364)

Eckert: … es war für mich wunderschön und wichtig, in dieser Stadt wieder als Schauspielerin vorzukommen, und ich habe gemerkt, dass sich das Publikum freut, mich wieder zu sehen. „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ war innerhalb von zwei Stunden ausverkauft. Insofern waren diese Produktionen ein Heimkommen, und ich kann Karin Bergmann nur tausend Mal danken, dass sie mir beide Rollen anvertraut hat, die großartige Erfahrungen waren, die Arbeit mit Andrea Breth wirklich etwas Besonderes, das Tanzstück, wo ich so gerne tanze … Das alles war einfach ein riesiges Glück.

MM: Aus dem sich Weiteres ergeben hat?

Eckert: Bis jetzt nicht. Das ist kein Problem, mein Beruf lässt mich schon nicht verkommen. Ich bin total entspannt und keine, die wartet, dafür bin ich viel zu ungeduldig. Wenn’s kein Angebot gibt, erfinde ich mir eine Arbeit, drehe einen Film oder gebe einen Chansonabend, mache selber etwas. Im Herbst mache ich einen Kinofilm in Deutschland und komme bei der nächsten Staffel der „Vorstadtweiber“ als „Greta Morena“ ins Fernsehen, eine Dame, die von der Münchner High Society zurück aufs Wiener Gesellschaftsparkett wechselt. Ich habe immer Arbeit, meistens zuviel. Nur nach der Bewerbung um die Leitung des Volkstheaters 2003 und der Nestroy-Gala, bei der ich mich gegen schwarz-blaue Regierung ausgesprochen hatte, gab’s einen Moment, da war’s wirklich kompliziert. Das war beruflich katastrophal, vor allem beim ORF, der über Jahre kein Drehangebot für mich hatte. Aber es ging weiter, und aus dieser Erfahrung schöpfe ich heute die Zuversicht, es ging und es geht sich immer aus.

Mitterer: Ja, so ist es, gell. Ich habe für die Tiroler Volksschauspiele Telfs „Verkaufte Heimat“ geschrieben, das wird am 25. Juli uraufgeführt und ist ein historisches Stück, das im Jahr 1939 spielt, als die Südtiroler die Option hatten, der Musolini- oder der Hitler-Propaganda zu glauben, also italienische Staatsbürger zu sein oder ins Deutsche Reich zu gehen. Das wird in einer der Südtiroler-Siedlungen aufgeführt, die in ganz Tirol sukzessive abgerissen statt als Kulturgut erhalten werden. Dann kommt am 14. August in Schwaz die Uraufführung von „Silberberg“, wo’s darum geht, wie Kaiser Maximilian den Bergbau an die Fugger verkauft hat. Und dann schreibe ich wieder was für die Josefstadt.

MM: Und da nun das Wort Volkstheater gefallen ist, darf ich fragen, ob Sie den designierten neuen Direktor Kay Voges kennen?

Eckert: Nein, ich fand ihn in allen Interviews sehr sympathisch. Ob er die richtige Mischung für das Volkstheater finden wird, werden wir sehen. Ich hoffe es sehr, weil mich der doch oft sehr schüttere Besuch dort bekümmert. Ich finde, das Volkstheater ist ein wunderbares Haus, und ich wünsche ihm von Herzen alles, alles Gute.

www.raimundspiele.at

6. 7. 2019

Theater zum Fürchten: Cena Claudiana

April 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Bruno Max geht’s zu wie im alten Rom

Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer (M.) lädt als Kaiser Claudius zur Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Giftige Pilze gibt es am Ende nur für Claudius, für das Publikum stattdessen Ente in Fischsauce, pikante lukanische Wurst und einen luxuriös mit Garum gewürzten Bohneneintopf. Das Theater zum Fürchten lädt zur diesjährigen Dinner- theaterproduktion, der insgesamt neunten, und diesmal entführt Prinzipal Bruno Max ins antike Rom.

„Cena Claudiana“, das letzte Gastmahl des Kaiser Claudius, heißt die erfolgreiche Aufführung, die nach einer ausverkauften Spielserie am Stadttheater Mödling nun in der Wiener Scala Station macht. Nach Motiven aus Robert Ranke-Graves‘ 1100-Seiten-Roman „Ich, Claudius – Kaiser und Gott“ wird die Geschichte der vier ersten Kaiser Roms erzählt, der Nachfolger Julius Cäsars, Augustus, Tiberius, Caligula und Claudius.

Und wie die erzählt wird. Bei Bruno Max julisch-claudischer Familienaufstellung geht’s zu wie im alten Rom. Mit mehr Sex & Crime als eine Fernsehserie füllen könnte, wiewohl es die weiland mit Derek Jacobi, John Hurt und Patrick Stewart natürlich gegeben hat. So viele Seiten das Buch, so viele widersprüchliche Charakterzüge werden von Claudius überliefert. Der Mann, der, was ihm unter Zeitgenossen durchaus zum Vorwurf gemacht wurde, ausschließlich Frauen liebte, umsichtig und klug regierte und beinah moderne Gesetze erließ, der ein Herz für Sklaven hatte, Freigelassene an die wichtigsten Positionen seines Reiches setzte, Britannien eroberte, stotterte, hinkte, mit dem Kopf zuckte, ein debiler Krüppel, der mit Begeisterung der Folter und Hinrichtung seiner Feinde beiwohnte, verwahrlost, ignorant, böswillig, ein Gelehrter, der maßgebliche historische Schriften verfasste, und der posthum von Seneca in der „Apocolocyntosis“, der Verkürbissung des Divus Claudius, einer der boshaftesten Satiren, die je auf einen Herrscher geschrieben worden ist, verspottet wurde. Bruno Max entschied sich, seinen Claudius zum Sympathiemenschen zu machen.

Eliot Bolch und Franz Weichenberger: Bild: Bettina Frenzel

Kind Claudius, Eliot Bolch, mit Franz Weichenberger als Großvater Kaiser Augustus: Bild: Bettina Frenzel

Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Caligula verspottet die sterbende Livia: Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer schlüpft in die Rolle des Claudius. Er ruft die Zuschauer aus einer fernen Zukunft als Zeugen an, will ihnen seine Version der Historie näherbringen, tatsächlich schrieb Claudius eine achtbändige Autobiografie, die verschollen ist, und so der Nachwelt ein Vermächtnis hinterlassen, das ihn ins rechte Licht rückt: Der wegen seiner körperlichen Behinderung ungeliebte Sohn und Enkel, den es auf den Kaiserthron quasi gespült hat, obwohl er im Innersten überzeugter Anhänger der Republik war. Dafür hat Bühnenraumverzauberer Marcus Ganser die Domus Augustana für all die gezeigten Intrigen und Interessenskonflikte nacherfunden, einen Spiel-Platz, der mit beinah einem Dutzend Podesten von der Palatinvilla bis zur Gladiatorenkampfarena alles sein kann, mittendrin eine Liegestatt und mitten im Geschehen wie stets bei diesen Abenden das Publikum, immer aufmerksam, um gezückten Schwertern und im Zorn geschleuderten Schriftrollen auszuweichen. Welch ein Spektakel, diese spannenden und schwarzhumorigen Geschichtsstunden, mehr als drei sind es, denn es gibt schließlich eine Menge zu berichten. Kammerer wechselt von der Erzählerposition in die Spielhandlung und retour, in einzelnen Episoden erklärt er, was anno 10 vor bis 54 nach Christus geschah.

Dreizehn Erwachsene und vier Kinder als Schauspieler gestalten mit ihm die Vornehmen des Imperiums. Das vorzügliche Ensemble wird angeführt von Bettina Soriat als Augustus-Gattin und Claudius‘ Großmutter Livia und Randolf Destaller als Claudius‘ Neffe und Amtsvorgänger Caligula. Erstere eine begnadet bösartige Alte, die Spielmacherin, die bis zu ihrem Ableben die Fäden in der Familie in der Hand hat, über Abfall von der Gnade und Verbannung und damit gleichsam über Leben und Tod bestimmt. Eine gruselige, großartige Leistung, die auch zur Lieblingsszene der Aufführung führt: Livia und die Giftmischerin Martina beim Fachsimpeln über unheilsame Kräuter. Zweiterer ein aalglatter, blondgelockter Schönling, der’s mit jedem und jeder tut, heißt vor allem mit Tiberius, wenn es seinen Allmachtsfantasien dient. Bis ihn der Wahnsinn ereilt. Wie er über der sterbenden Livia triumphiert, „überrascht“ und gerührt die Kaiserwürde entgegennimmt, nur um sich später zu Gott Zeus zu erklären – Destaller spielt das mit einem Understatement, mit einer Elegance, die bestechend ist.

Benjamin Ulbrich changiert zwischen der Lichtgestalt Drusus, Claudius‘ Vater, und dem machtgierigen Gardepräfekt Sejanus, der seiner eigenen Verschwörung zum Opfer fällt. Franz Weichenberger ist ein honoriger Augustus, der seine Kinder an sein Herz zieht und danach auf öden Inseln aussetzt, Christian Kainradl ein zunehmend der Last der Verantwortung überdrüssiger Tiberius, Thomas Marchart der von der Verwandtschaft verratene Augustus-Enkel Postumus. Manuel Dragan spielt einen besonnenen Ratgeber Herodes Agrippa, den späteren König von Judäa und Samarien, der gemeinsam mit Claudius erzogen wurde und einer seiner engsten Freunde und Vertrauten war. Neben Livia sind auch die übrigen Frauen mit Marion Rottenhofer als moralisch fast einwandfreier Claudius-Mutter Antonia, Samatha Steppan als Schwammerlaussucherin Agrippina und Carina Thesak als Caligulas inzestuös geliebte Schwester Drusilla die eigentlichen Kaisermacher.

Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Augustus verbannt seine Tochter: Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich: Hier endet die Sejanische Verschwörung. Bild: Bettina Frenzel

Nicht alles, was Ranke-Graves so vor sich hin schildert, hat historisch Bestand, auch ist seine Veröffentlichung aus dem Jahr 1934 in vielen Teilen wissenschaftlich überholt und korrigiert, aber Spaß muss sein. Und für den sorgen in der Scala Jörg Stelling als griechischer Wahrsager, Christoph Prückner als syrische Giftmischerin und der wunderbare Günter Tolar als Sklave Praxis, der sich nicht nur um das Wohlergehen der jeweiligen Kaiser, sondern auch um das der Gäste kümmert, auf dass der Gewürzwein im Becher nicht versiegen möge!, und nicht zuletzt deshalb eindringlich zum Latrinenbesuch in der Pause aufruft.

Zum Schluss wird er als Tourist Guide durch den Palast führen und wissen, dass die Geschichte nach Claudius mit dem seltsamen Sterben seines Sohnes Britannicus und also Stiefsohn Nero als Nachfolger keine bessere Wendung nahm. Entzückend sind die Kinderdarsteller als jugendliche Alter Egos, allen voran Enya Zechner, dem als Kind Claudius die schwere Aufgabe zufällt, dessen Ticks zu gestalten.

So ergeht sich der Stamm mit den zwei Sorten Früchten, den bitteren und den süßen, in der gegenseitigen Schändung und Abschlachtung, Verbündete sind rar, Schmeichler und Spitzel überall, und Thronanwärter sterben schnell. „Spiel‘ so lang du kannst den Idioten.“ Das ist der Rat, den Claudius mehrmals in seinem Leben hört. Er macht ihn zu seiner Überlebensstrategie, laviert sich durch zwischen Geistererscheinungen und grausiger Zauberei, in einer Welt, in der die Frage „Besorgst du es mir?“ entweder Liebe machen oder Gift herbeischaffen meint. „Rom hat dich verdient“, sagen die Prätorianer schließlich, als sie ihm als letztem Verbliebenen der Sippe mehr zum Jux die höchste Würde antragen. Und nach jüngsten Erkenntnissen dürfte dies tatsächlich ein Glück für die ewige Stadt gewesen sein. Verdient lässt ihn ergo Bruno Max einen gnädigeren Gifttod sterben als Zeitzeugen berichten. „Cena Claudiana“ ist einmal mehr ein gelungener Theaterabend für alle Sinne. Und wie jedes Jahr wurde er vom Publikum als Höhepunkt der Scala-Saison mit großem Applaus bedankt. Man darf gespannt sein, was sich das Theater zum Fürchten für die nächste Spielzeit ausdenken wird.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 24. 4. 2016

Landestheater NÖ: Der Himbeerpflücker

Januar 16, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein bitterböser Kasperl und sein zynisches Krokodil

Christine Jirku, Martin Leutgeb, Raimund Wallisch, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller Bild: Lalo Jodlbauer

Bad Brauning, wie es säuft und streitet: Helmut Wiesinger, Christine Jirku, Martin Leutgeb, Raimund Wallisch, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller
Bild: Lalo Jodlbauer

Es beginnt mit Steisshäuptl-Würstln fürs Publikum und Heino singt das Landserlied vom Polenstädtchen-Mädchen. Das Burgerl und der Zagl verteilen die Gaben vom Chef, großzügig gönnerhaft und marktschreierisch, und da kommt gleich zu Anfang Freude auf. Stadl-Stimmung! Die Leut‘ nehmen sie auf, die Pawlatschenbühnen- atmosphäre in die Regisseurin Cilli Drexel das Landestheater Niederösterreich taucht: Hier wird scharfzüngig Volkstheater gemacht, rabiates Grand Guignol. Mit Martin Leutgeb als bitterbösem Kasperl und Raimund Wallisch als seinem zynischen Krokodil. Leutgeb lädt zum Ende noch kornblumenblau auf drei Bier – bevor er dann die Bühne zerlegt. „Schönerer“ kann’s gar nicht sein. Jubel, Trubel und Applaus. Die Drexel hat dem Landestheater nach der „Hexenjagd“ wieder eine frische, freche und hochpolitische Inszenierung geschenkt: „Der Himbeerpflücker“. Es war längst an der Zeit, dass man sich Fritz Hochwälders Farce über Österreichs Ewiggestrige wieder angenommen hat.

Hochwälder, Jude und Sozialist, 1938 durch den Rhein schwimmend in die Schweiz geflüchtet, in den 1950er Jahren quasi Hausautor des Burgtheaters, berichtet aus dem gar nicht so fiktiven Dorf Bad Brauning. Dort trauern die Honoratioren der für sie „guten, alten Zeit“ nach, haben sie sich im Dritten Reich doch alle bereichert. Nicht zuletzt mithilfe des Himbeerpflückers, so genannt, weil der Scharführer Gefangene aus dem Lager „zum Himbeerpflücken“ in einen Steinbruch führte, um sie dort zu erschießen. Nun soll der Kriegsverbrecher auf der Flucht, also „Kriegsflüchtling“, und auf dem Weg nach Bad Brauning sein. Soll man ihn vor der „alttestamentarischen Rache“ schützen oder zweiterepublikstreu agieren? Während man sich um Tourismuszahlen und Zahngold sorgt, taucht ein vielen vermeintlich noch ziemlich gut bekannter Fremder auf …

Drexel tanzt mit der alpenländischen Identität Rock’n’Roll. Ihre Arbeit hat Tempo und Temperament; Hochwälders Blut-und-Boden-Panoptikum muss, Tür auf, Tür zu, durch eine Klipp-Klapp-Komödie hudeln, um den Anschluss an den dazugehörigen Mythos nicht zu verlieren. Man schwankt zwischen Generalamnestie und Generalamnesie, was den rechten Arm aber nicht an Ausreißern nach oben hindert.  „Heimat, bist du großer Väter, lauter Opfer, kane Täter“ sangen Helmut Qualtinger und Kurt Sowinetz, das berühmteste Steißhäuptl-Zagl-Duo, in ihren „Moritaten“. Der Atem der Geschichte stinkt zum Himmel, doch Drexel hat auch die Töchtersöhne nicht vergessen, für manche sind tausend Jahre ja nur ein Tag, und spickt den Text. „Das nenne ich ordentliche Beschäftigungspolitik.“ – „Asyl ist kein Menschenrecht.“ – „Wir sind die neuen Juden.“ So grauslich verfolgt fühlt man sich von den „linkslinken Gutmenschen“, dass man mit seiner Gesinnung in den Keller gehen muss – hierzulande bekanntlich the place to be -, von wo ein Live-Stream den Kampf der Kameraden gegen die „Überfremdung“ auf die Bühne überträgt. In bester Tradition wird zwischen „unter der Erde“ und „Erdgeschoß“ verhandelt, wenn’s um Günstlingswirtschaft, Postenschacherei und andere Arten von Parteinahme geht.

All diese Disziplinen beherrscht der Steißhäuptl aus dem Effeff. Martin Leutgeb verleiht dem Wirt und Bürgermeister wuchtige Gestalt. Er gibt das Bild dieser Art von Politiker so perfekt, man möchte ihn nicht zur Wahl vorschlagen. Er ist Despot und untertäniger Diener. Ist Lamm und Berserker. Hängt staatstragend seine Fahne in den Wind. Kann pathetisch fluchen und populistisch brüllen. Leutgeb zeigt sich als begnadeter Komödiant, ein Tiroler Michel Galabru, der auch gekonnt mit dem Publikum spielt. Und morgen die ganze Welt. „Und wer sollte nicht einverstanden sein?“  Ein Blick über die Rampe. Mit breitem Siegergrinsen sucht er das Einvernehmen mit dem Saal. Aber da ist er nicht der einzige. Raimund Wallisch als Zagl tut’s ihm gleich. Und auch nicht. Er steht als personifizierter Sarkasmus in der allgemeinen HHHektik, ein Fels in der Brandung, weil NS-Mitläufer aus Überzeugung, nicht aus Geldgier, und daher in der Konsistenz seines Selbstkonzepts nicht bedroht. Als Pendant zum braunen Bürgermeistersanzug trägt er eine feldgraue Pagenuniform. Wallisch wirkt wie dem Hotel Savoy entsprungen, ein stiller, sinistrer, gefährlicher „Schläfer“. Die beiden Gäste am Landestheater haben die österreichische Verfassung in den zwei Gruselclowns erstklassig zusammengefasst.  Fast eine Million Stimmen können nicht irren. „Wir können wählen, wen wir wollen, aber innerlich sind wir doch geblieben, wer wir waren“, sagt Steißhäuptl.

Doch nicht nur er und sein untreuer Diener beherrschen Heimtücke und Intrige. Auch der Rest der Angepatzten ist diesbezüglich auf der Höhe. „Euthanasie-Arzt“ Helmut Wiesinger, „Rechtsanwalt“ Tobias Voigt, der wieder einmal seine Wandelbarkeit unter Beweis stellt, „Baumeister“ Michael Scherff, „Fabrikdirektor“ Christine Jirku, Lisa Weidenmüller, als Steißhäuptl-Tochter Sieglinde ein pampertes frühreifes Früchtchen, und „Postenkommandant“ Christoph Kail zeigen sich als vergangenheitsbewältigende Gemeinschaft von ihrer darstellerisch schlimmsten besten Seite. Da hat es das Burgerl von Magdalena Helmig nicht leicht. Die „dumme Gretel“ ist aber bald als satirische Spielmacherin am Zug. Helmig springinkerlt sich durch die Szene, die von der Schönheit links liegen gelassene Außenseiterin ist Steißhäuptls Dienstmädchen, macht Faxen und Grimassen, und wird am Schluss dem Ort ordentlich die Leviten lesen. Wenn sich nämlich der Himbeerpflücker als Kleinganove Kerz entpuppen wird. Reinhold G. Moritz gibt das mit seiner Halbseidenen, Eva Maria Marold, angereiste Schlurferl überzeugend, ein müder, abgetakelter Einsteiger, der hofft, die Dorftrottel abzocken zu können. Bis er erkennt, mit wem man ihn verwechselt. Da wird der Gauner zum einzigen ehrlichen Mann. Geht lieber ins Häfn denn als hofierter Holocaust-Verbrecher durchzugehen.

Fritz Hochwälder schrieb 1964 vom „ungebrochen faulen Zauber“ der „Hoch-Zeit“, von der Sehnsucht vieler nach dem neuen/alten Heilsbringer, vom Traum „die Welt der eigenen Minderwertigkeit zu unterwerfen“. Aus diesem Schoß kann’s wieder kriechen. Dagegen gilt es ein Theater zu machen. Und Politik. Cilli Drexel hat es getan: Einfach dem Schrecken in sein schimmliges Wiedergängergesicht gelacht.

Der Himbeerpflücker ist bis 2. 4. am Landestheater Niederösterreich und am 8. und 9. 3. als Gastspiel an der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 16. 1. 2016

Theater Scala: Picknick an der Front

Februar 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hurrapatrioten und andere Idioten

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Die grellsten Erfindungen sind Zitate. Karl Kraus

Dieser Ausspruch des Fackelträgers ist gleichsam das Motto unter das Bruno Max und sein Theater zum Fürchten ihre jüngste Arbeit in der Scala stellen. Wieder ist es eine Dinnertheaterproduktion, die siebente, und nachdem im Vorjahr „Im Schatten der Guillotine“  www.mottingers-meinung.at/scala-ein-dinner-im-schatten-der-guillotine gespeist wurde, lädt der Theatermacher diesmal zum „Picknick an der Front“. Der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wird mit einer Landpartie ins Niemandsland begangen. Auf einer Decke im Rindenmulch und mit einem mit Wein, Obst, Guglhupf und (auch britischen Gurken-)Sandwiches gut gefüllten Picknickkorb sitzt man zwischen Schützengräben und Feldlazarett, zwischen Kriegsversehrten, einem Drehorgelspieler, Krankenschwestern, zwischen Karussell und Kasperltheater. Dessen Attraktion, der Wurschtl, der englische Mr. Punch, der französische Guignol, wird Max, wie es sich für einen echten Narren gehört, als Stimme der Vernunft dienen. Ein Rufer in der Wüste, der ob des Wahnsinns der jeweiligen Befehlshaber kopfschüttelnd resignieren muss.

Bruno Max begegnet den Schrecken des Krieges durchaus mit Humor. Ironie ist, wenn man trotzdem lacht. Und weil nichts entlarvender ist als Zitate besteht seine Textcollage ausschließlich aus solchen. Eine bemerkenswerte Leistung all diese Originalquellen, von Feldpostbriefen und Soldatenliedern bis hin zu Formulierungen literarischer Zeitzeugen, zu einem zusammenhängenden „Stück“ geformt zu haben. Da gibt es Skurriles, wie das Rezitieren eines Inserats für „Diana Kriegsschokolade“, das Nachstellen der Schallplattenaufnahme „Hörbild: Im Feldlazarett“, ein Lustiges Kriegsbilderbuch, in dem die bösen Nachbarsbuben von Franz und Michl verdroschen werden, das Maturathema „Welcher unserer Feinde scheint mir der hassenswerteste?“. Unglaublich, was Max alles ausgegraben und zusammengetragen hat. Da gibt es Berührendes, wie Joan Littlewoods „Weihnachten an der Front“ und die Rede der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst „Women against War“. Und natürlich die Briefe der österreichischen, deutschen, britischen und französischen Soldaten. Einige der englischen Briefe wurden erst 2006 vom britischen Justizministerium den Nachfahren ihrer Empfänger zugestellt. Sie waren von der Zensur neunzig Jahre zuvor als „zu explizit“ beschlagnahmt worden und fast ein Jahrhundert in einem Archiv verstaubt. Da gibt es Hetzerisches von den kriegsverliebten Rudyard Kipling, der der Verteidigung des Empire gegen „die Hunnen“ seinen Sohn opferte, und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Eine unrühmliche Liste großer Literaten, in die sich Emile Zola mit „Weh dir Germania“ und Rilke mit einer Ode an den Kriegsgott einreihen. Gut, dass Erich Kästner mitten im Pauschalhass die Friedensflagge hochhält. Und Karl Kraus. Und Bert Brecht. Und Jaroslav Hašeks Schwejk.

Max lässt zu all dem eine Diaschau – Plakate, Fotografien, Karikaturen – ablaufen, erspart einem aber die ärgsten Gräuelszenen. Die macht ohnedies sein hervorragendes Ensemble Roman Binder, RRemi Brandner, Zeynep Buyrac, Irene Halenka, Markus Hamele , Reinhold Kammerer, Christina Saginth, Leopold Selinger, Jörg Stelling und Patrick Weber im „Bühnenraum“ von Marcus Ganser anschaulich. In jeweils unzähligen Rollen spielen sie die Hurrapatrioten und anderen Idioten, die Parolennachplapperer, die Mütter, die wieder einmal die Gebenden sind, diesmal ihre Söhne nicht ins Leben bringen, sondern in den Tod schicken, die Feldkuraten, die österreichische G’mütlichkeit, die schneidigen Offiziere, denen auch noch der Schneid abgekauft werden wird, den preußischen Drill, die britisch-französische Überheblichkeit. Denn auf diesem Feld, auf dem die Ehre nie zu finden war, gibt es keine Sieger. Nur Menschlein inmitten der Unmenschlichkeit. Angst, Verzweiflung und Leid im Granatenhagel, wegen des nächsten Giftgasangriffs. Der Guglhupf steckt einem da längst in der Gurgel. Die Stimmung kippt. Mit „fliehenden“ Fahnen sind die Soldaten nun unterwegs. Werden verwundet, verrecken im Rindenmulch vor den Füßen des Publikums. Die Darsteller machen Geschichte nicht nur begreiflich, sondern greifbar. Sie spielen sich die Seele aus dem Leib. Schweben schließlich als Tote über ihren Gräbern.

Auch die Lieder, gespielt vom k.k. Prothesenorchester, ändern sich in der Tonart. Hieß es eben noch „Oh It’s A Lovely War“ und „Nach Paris“, freuten sich die USA auf „Over There“, klagt man nun „Bombed Last Night“ oder spöttelt „Ja wo steckt denn der Herr General?“. Das „Chanson de Craonne“, das traurige französische Soldatenlied, war in Frankreich bis 1974 staatlich verboten, da es „die Französische Armee herabsetzt und das Andenken der Veteranen beschmutzt“. Einer der schönsten Momente des Abends ist die Parodie „When this Lousy War is Over“, die in den Sprachen aller Beteiligten gespielt und gesungen wird. Wenn dieser beschissene Krieg vorbei ist … da gab’s noch was. Einen kleinen, verwundeten Soldaten, der die fehlende Moral der Deutschen bemängelt, als ihm der Augenverband abgenommen wird, seinen Schnauzer zum Bärtchen stutzt, die Blindenbinde gegen die mit Hakenkreuz tauscht. Adolf Hitler. „Ich aber beschloss, Politiker zu werden“. Dies wohl die Botschaft von Bruno Max‘ unvergesslichem Abend: Niemals vergessen. „Picknick an der Front“ ist die gespielte Kriegsverweigerung, saftiger als trockene Sachliteratur, anschaulicher als manche Ausstellung, ideenreicher als das x-te Widerkäuen der „Letzten Tage …“ Bravo.

Das letzte Wort hat der später im KZ Oranienburg ermordete Erich Mühsam:

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 16. 2. 2014