Viennale 2017: Valeska Grisebach über „Western“

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Welch schöner, eleganter Mann“

Meinhard Neumann steht als „Meinhard“ zwischen Dorf und Bautrupp. Bild: © Komplizen Film

Mit „Western“ stellte die deutsche Filmemacherin Valeska Grisebach ihr neuestes Werk bei der Viennale vor. Inhalt: Eine Gruppe deutscher Bauarbeiter macht sich auf den Weg auf eine Auslandsbaustelle in der bulgarischen Provinz. Das fremde Land und die raue, wenig erschlossene Landschaft wecken die Abenteuerlust bei den Männern.

Gleichzeitig sind sie mit ihren eigenen Vorurteilen und ihrem Misstrauen konfrontiert. Das nahe gelegene Dorf wird für zwei der Männer zur Bühne eines Konkurrenzkampfs um die Anerkennung und die Gunst der Dorfbewohner. Kinostart ist am 3. November. Valeska Grisebach im Gespräch:

MM: Sie sind bekannt bevor, dass Sie an Ihren Projekten sehr lange feilen, bis es dann tatsächlich losgeht. Wie lange hat’s diesmal gedauert und wo war der Ausgangspunkt Ihrer Reise?

Valeska Grisebach: Diesmal hat’s lange gedauert, aber ich habe mir tatsächlich Zeit gelassen, weil das Leben zwischen den Filmen auch schon ist. Weil ich meine Tochter bekommen habe, weil ich bei einem anderen Projekt mitgearbeitet und auch unterrichtet habe, aber auch, weil „Western“ eine längere Anlaufphase gebraucht hat. Ich habe lange über das Thema nachgedacht, bis ich das Buch geschrieben habe. Der Ausgangspunkt war meine Faszination für den Western, die herrührt aus der Zeit, als ich noch ein kleines Mädchen war und aus dem Fernsehzimmer meiner Großeltern, wo ich mit meinem Vater Western geguckt habe.

MM: Und?

Grisebach: Dieser Faszination wollte ich als erwachsene Frau auf die Schliche kommen, und diesen männlichen-melancholischen, einsamen Helden auf meine Art verhandeln. Auch die Inszenierung eines Gesichts, das keine Gefühle zeigt, mit jeder Menge Gefühl dahinter. Ich fand das interessant, dass Western viel mit Konstruktion von Gesellschaft zu tun haben, welche Spielregeln gelten – Mitgefühl oder Empathie oder einfach das Gesetz des Stärkeren. Dieser Blick hat mich beschäftigt. Dann habe ich mich über eine assoziative Recherche, die parallel zum Schreiben verlaufen ist, in dieses Projekt begeben. Und war sehr glücklich, als sich für mich diese Situation von diesen Deutschen, die sich mit ihren großen Maschinen und ihrem Wissen nach Bulgarien gehen, die mit Neugier und aber auch Misstrauen dort ankommen, entwickelt hat. Ich bin dann nach Bulgarien gereist – und damit ging auch die Reise dieses Filmes los.

MM: Die Vorurteile funktionieren in Ihrem Film von beiden Seiten. Die bulgarischen Dorfbewohner haben nicht weniger als die deutschen Bauarbeiter.

Grisebach: Das ist klar, weil jede Figur mit einem historischen Subtext auftritt, eine Geschichte und eine unterschiedlich verlaufende Geschichtsschreibung mitbringt. Auf meinen Reisen hat mich das am Anfang fast irritiert, wieviel Respekt mir als Deutsche entgegengebracht wurde. Man wird erstmal fast überhöht, was mit der Geschichte der Bulgaren an der Seite der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Die Leute sagen, die Deutschen haben das alles überwunden, und stehen jetzt 1A in der Welt da. Das müssen wir auch schaffen, wir brauchen den deutschen Stiefel, um unsere Trägheit zu überwinden. Das sind allerdings alles auch Spielregeln eines ersten Kontaktes, ich habe gelernt, solche Sätze als solches zu bewerten.

MM: Sicherlich auch spannend für Drehbuch und Film …

Grisebach: Ja, weil ich mich so fragen konnte, was diese beiden Männer, Meinhard und Vincent, beide Mitte 40/Anfang 50, nicht nur antreibt, sondern, was ihnen auch begegnen wird. Die wollen noch ein Abenteuer, ein Erlebnis, die wollen, weil ihnen eben so viel Respekt entgegengebracht wird, das Dorf als Bühne für ihren Konflikt benutzen. Wer ist der, der hier ankommt? Der Anführer ist? Der vielleicht eine Frau bekommt?

MM: Ein typisches Western-Motiv: Der Anführer der Gruppe gegen den Desperado.

Grisebach: Wobei sich Meinhard und Vincent gar nicht so unähnlich sind in dem, was sie eigentlich wollen. Sie haben eine sehr unterschiedliche Weise, damit umzugehen, der eine aggressiv, der andere, der auf sanfte Art und Weise in Kontakt tritt.

MM: Vincent hat diese Hoppla-jetzt-komm‘-ich-Mentalität, die die Deutschen von der Adria bis zur Costa Brava mäßig beliebt macht …

Grisebach: Ich mag ihn um nichts weniger als Meinhard. Er hat Pflichtbewusstsein, er will für seine Männer nur das Beste. Er muss Stärke zeigen, nachdem er um den Kies betrogen wird. Er macht auch eine Entwicklung durch, wie er dann aus dem Konflikt aussteigt. Aber die ganze Gruppe hat natürlich eine gewisse Grobheit, was für mich auch immer ein Zeichen von Unsicherheit und wenig Selbstbewusstsein ist. Ich habe also nicht wirklich an die Deutschen auf Mallorca gedacht, als ich Vincent geschrieben habe. Dafür habe ich die Jungs dann doch zu gerne. Die Dynamik, die sich in der Gruppe entwickelt, und aus der heraus dann auch Meinhard agiert, ist, dass Angst und Schwäche gar nicht geht.

MM: Ihre Schauspieler sind allesamt Laien. Wie haben Sie die gefunden?

Grisebach: Ich merke immer, dass es so richtig losgeht bei den Proben, wenn ich anfange los zu spazieren und Leute sehe, bei denen ich Herzklopfen kriege, oder denke: Mensch, den will ich kennenlernen. Ich wollte mich am Anfang des Projekts mit Männer und Frauen über ihren Westernmoment im Alltag unterhalten. Über Duelle aus dem Leben. Und hab‘ dann geguckt, mir den Pin-Up-Moment gegönnt, und da landet man für einen Western ganz schnell bei den Jungs auf dem Bau. Wobei ich das altmodische männliche Gefüge von Arbeitern auf dem Bau auch für den Film interessant fand.

MM: Die nun Mitwirkenden …

Grisebach: … hat das Stichwort Western überzeugt. Die waren auch gespannt, wie ich das umsetzen werde, als Frau in einem vermehrt männlichen Ensemble. Das war super, das war für mich eine faszinierende Erfahrung.

Er freundet sich mit Dorfvorsteher Adrian an: Meinhard Neuman und Syuleyman Alilov Letifov. Bild: © Komplizen Film

Und lernt allmählich lächeln: Meinhard Neumann. Bild: © Komplizen Film

MM:  Was haben Sie in den Hauptdarstellern Meinhard Neumann als Meinhard und Reinhardt Wetrek als Vincent gesehen?

Grisebach: Ich habe für die Figur des Meinhard, als die Figur noch gar keinen richtigen Namen hatte, aber Meinhard war dann so bezwingend, ich konnte keinen besseren erfinden, immer einen schillernden Charakter gesucht. Wenn man Meinhard in der Gruppe sieht, denkt man, welch ein schöner, eleganter Mann. Er ist aber auch einer, der gleichzeitig den kleinen Mann in sich trägt, den Untertan, den Opportunisten, der vielleicht eine Lügengeschichte erzählt, wer er ist, der vielleicht auch etwas gut machen muss. Er möchte gleichzeitig aus der Masse herausstechen und in ihr verschwinden. Mich erinnert Meinhard Neumann an Gary Cooper in seinen Filmen. Er ist eine Projektionsfläche, er hat ein unglaubliches Gesicht, wie eine Filmikone, und er ist ein Mann mit Vergangenheit …

MM: Und Reinhardt Wetrek …

Grisebach: … den fand ich einfach so toll, weil er eine andere Körperlichkeit hat, etwas sehr Eindringliches, wie er dasteht und für Meinhard ein Widerstand ist, dann aber wieder etwas ganz Zartes hat. Die Geschichte ist ganz lustig: Er hat beim ersten Mal Casting so ein Blackout hingelegt, was ganz sympathisch war, dass dieser große Schrank dasteht und nicht weiter weiß, dass er fast umgedreht wäre. Er hatte aber seine 12-jährige Tochter dabei, und der wollte er zeigen, dass man im Leben Dinge durchzieht. Er hat sich unheimlich frei gespielt, er ist auch jemand, von dem ich denke, er könnte gut Schauspieler sein, er hat da große Qualitäten. Und er will auch gerne wieder wo spielen.

MM: Sie arbeiten normalerweise nicht mit einem klassischen Drehbuch. Wie war das diesmal? Und haben da die Schauspieler die Möglichkeit, auch „frei Schnauze“ zu sprechen?

Grisebach: Ja und nein. Es gibt einen Text, weil ich finde, was da ist, ist da, er wird aber am Set verhandelt. Ich erzähle Szenen und Dialoge, es ist kein klassisches Improvisieren, sondern ein Moment der Begegnung, und wenn da jemand etwas anders sagen möchte, kann man über alles reden.

MM: Wie war Drehen in Bulgarien?

Grisebach: Für mich toll, weil ich oft so jemand bin, der sich nicht festlegen will. Mich irritiert das eher, wenn alles so fix durchgeplant ist, da habe ich immer das Gefühl, ich muss mal kurz Verwirrung stiften. Für mich ist das das Gegenteil von inspirierend. In Bulgarien habe ich gemerkt, dass die Leute eher irritiert sind, wenn man vier Wochen im Voraus was planen wollte. Da ruft man eine halbe Stunde vorher an und sagt ich brauche bitte das, das und das. Und dann klappt das irgendwie. Und wenn nicht, sind die Bulgaren Meister im Improvisieren. Die Leute waren abenteuerlustig und haben sich auf uns eingelassen. Für mich war das eine schöne Erfahrung, auch ein Kontrollverlust, eine Reise ins Unbekannte, und immer wieder Überraschungen. Ich habe im besten Sinne eine Grenz-Erfahrung gemacht.

MM: Die Bewohner des Dorfes spielen sich auch selber?

Grisebach: Nur wenige. Wir haben auch in Bulgarien ein Casting gemacht, und die Leute kommen alle aus einer Region, aber aus einem größeren Umfeld. Trotzdem war das Dorf präsent mit jeder Art von Hilfestellung. Syuleyman Alilov Letifov, der den Adrian spielt, hat in Wirklichkeit Geschäfte für Autobedarf und auch einen Steinbruch.

MM: Lassen Sie uns über das visuelle Konzept reden.

Grisebach: Wir haben uns auch damit beschäftigt, wie man Western optisch umsetzt, wir wollten nicht die ganze Zeit Cinemascope zitieren, sondern mehr über die Inhalte gehen. Aber es ist schon spannend, Westernräume aufzumachen, den Dorfplatz, die Veranda der Kneipe, oder auch die Landschaft, die vermeintliche Wildnis, die es ja nicht ist. Denn hinter dem nächsten Hügel ist ja was, aber für die Deutschen ist es eben ein Abenteuerland. Es war uns wichtig, nicht zu viel Butter aufs Brot zu schmieren, damit unsere Inszenierungen immer noch Effekt haben.

Als Vincent mit Meinhards Hengst ausreitet, passiert das Unglück, das die Männer entzweit: Reinhardt Wetrek. Bild: © Komplizen Film

MM: Wie geht es aus? Ich vermute, Meinhard bleibt.

Grisebach: Ich weiß es nicht, ich könnte es so nicht sagen. Aber er setzt sich zum ersten Mal etwas aus, seinen Gefühlen, und damit wird etwas in Gang gesetzt werden.

MM: Die Viennale hat Ihnen auch ein Special gewidmet, eine Werkschau verbunden mit einer Carte Blanche.

Grisebach: Mich hat Hans Hurch kontaktiert, was mich wahnsinnig gefreut hat, und was mich jetzt so berührt, dass ich ihn nie so richtig persönlich kennengelernt habe. Mir bedeutet das sehr viel, dass gerade in Wien, wo ich studiert habe, meine Filme „Mein Stern“ und „Sehnsucht“ gezeigt wurden – auch in Verbindung mit der Carte Blanche.

MM: Von den von Ihnen ausgewählten Filmen ist heute noch „Gunfighter“ von Henry King zu sehen – siehe da: ein Western.

Grisebach: (Sie lacht.) Ich freue mich so, den auf der Leinwand zu sehen. Es geht um einen lonely Gunfighter, der älter geworden ist, und zurück will in den Ort, aus dem er kommt, zurück zu der Frau, die er liebt. Aber Gunfighter sein, ist ein Fluch, den er nicht loswird, weil ein jeder, dem er begegnet sich mit ihm messen will. Seine Nachfolger warten nur darauf, sich mit ihm anzulegen … Das ist die Ambivalenz am Western, die mich interessiert: raus und frei sein und dennoch ein Zuhause haben.

MM: Ein Lieblingswestern?

Grisebach: Mmh. Vielleicht „Wincester `73“ von Anthony Mann. Den mag ich sehr gerne, weil James Stewart wie mein Bautrupp so ein normaler Mann ist, der in eine unmögliche Situation gerät. Er hat auch dieses Anständige und muss quasi auf Rache aus sein. Und „One Eyed Jack“ mit Marlon Brando mag ich auch sehr.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26959

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  1. 11. 2017

Viennale 2017: Western

Oktober 27, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mann auf dem weißen Pferd ist nicht immer der Gute

Meinhard findet in der Nähe der Baustelle einen weißen Hengst und reitet ihn zu: Meinhard Neumann. Bild: © Komplizen Film

Eine Gruppe Outlaws hat sich unweit eines kleinen Städtchens mitten im Nirgendwo niedergelassen. Sie drangsalieren die Dorfbewohner, vor allem gegenüber deren Frauen benehmen sie sich schlecht. Der Bande angeschlossen hat sich ein schweigsamer Desperado, ein Mann, so scheint es, ohne Vergangenheit.

Er wird sich zwischen die Einheimischen und die Fremden stellen, wird ins Duell mit deren Anführer gehen. Eine Frau kommt vor, und ein weißes Pferd. Und der Mann auf dem weißen Pferd wird nicht immer der Gute sein … Der Film dieses Inhalts heißt, wie es klingt: „Western“. Es ist der neue Spielfilm von Regisseurin und Drehbuchautorin Valeska Grisebach, und hat seine Österreich-Premiere bei der Viennale am 29. Oktober, danach Kinostart am 3. November. Die Viennale widmet der deutschen Filmemacherin außerdem ein Special.

Grisebachs „Western“ ereignet sich in Osteuropa, in Bulgarien. Ein deutscher Bautrupp soll in tiefster Provinz ein Projekt umsetzen, doch wurden sie von einem ansässigen Schottergrubenbesitzer gerade um den Kies betrogen. Die Arbeit stagniert, die Männer langweilen sich. Grisebach stellt zwei von ihnen gegenüber: Vincent, den Vorarbeiter, der mit aller Macht und deutscher Gründlichkeit und vor allem, wird sich zeigen, um jeden Preis, auch um den eines Lebens, versucht, was weiter zu bringen. Und Meinhard, den Neuen, der viel vom Job versteht, aber irgendwie seltsam ist.

Meinhard findet in der Nähe der Baustelle einen weißen Hengst. Er geht ins Dorf, um zu fragen, ob er das Tier reiten darf. Er darf, und kommt immer wieder, leise Freundschaften entwickeln sich, vor allem zum Dorfvorsteher Adrian. Die beiden verstehen einander, ohne die Sprache des anderen zu können. Meinhard hilft den Männern Zäune auszubessern, den Frauen Tabak zum Trocknen aufzuhängen, doch die „Kumpels“ folgen ihm ins Dorf. Die Konflikte, davor war nur eine deutsche Flagge, die die Arbeiter über ihrem Lager gehisst hatten, um die „Dorfis“ zu ärgern, heimlich gestohlen worden, brechen offen aus.

Vorarbeiter Vincent versucht den Bautrupp bei Laune zu halten: Reinhardt Wetrek (Mitte). Bild: © Komplizen Film

Wenig diplomatisch hissen die Männer über ihrem Lager die deutsche Fahne. Bild: © Komplizen Film

Deren schlimmster ist ein Streit um Trinkwasser. Es gibt in der Gegend nicht genug davon, also an der Pumpe an der Quelle einen Hebel, der das Wasser einmal Richtung Dorf, einmal Richtung Lager fließen lässt. Vincent will alles Wasser allein für seine Männer und sich, er wird das weiße Pferd nehmen und zur Pumpe reiten, und ein Unglück wird passieren. Und Meinhard wird es rächen, indem er sich die Frau nimmt, in die Vincent sich verguckt hat …

Es ist großartig, wie Grisebach alle Momente des Western-Genres bedient, ohne in ihnen jemals plakativ zu werden, ohne überkompensieren. Zum Stil im Sinne der beiden Sergios trägt maßgeblich die Kameraarbeit von Bernhard Keller bei, der unter gleisender Sonne eine karge, staubige Landschaft so fotografiert, dass sie fast schon wie abstrakte Malerei wirkt. Inszeniert ist das alles mit einer unruhigen Handkamera, deren Bilder mit langen, statischen Einstellungen wechseln: Wälder, Wege, Unwegsamkeiten –  in Gestalt einer Sisyphos-Arbeit.

Dazwischen werden auch optisch Westernräume aufgemacht, etwa, wenn offene oder geheime Blicke gewechselt werden, und Keller in die für Duelle übliche Schuss-Gegenschuss-Perspektive wechselt. Auch die Darsteller sind mit viel Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt. Allen voran Meinhard Neumann als Meinhard, dessen stoische Präsenz die Kamera gekonnt auffängt. Der Schauspieler, hauptberuflich Schausteller, Trödelhändler und Arbeiter in der Automobilindustrie, gibt den Anti-Helden wie aus dem Buche. Ein großer, gebeugter und doch irgendwie eleganter Mann, dem man in seiner Körpersprache, denn gesagt wird im Film ja wenig, durchaus auch Narzissmus unterstellen kann. Einmalig sein Gesicht, das übers Nicht-Zeigen der Gefühle zeigt, wie viele dahinter stecken.

Es arbeitet unablässig in diesem Gesicht, die Angst es zu verlieren, dass die Züge entgleisen und die Kontrolle auf der Strecke bleibt. Denn der Mann, der sich anfangs so klein macht, den alle für einen Loser halten, der augenscheinlich mehr als andere eingesteckt hat, hat natürlich ein Geheimnis. „Legionnaire“, entfährt es ihm einmal, als Adrian fragt, was er früher gemacht hat. Gelächter auf deutsch-bulgarischer Seite, keiner glaubt’s, bis sich Meinhard im Zweikampf – dies ja auch eine berühmte Eastwood-Angelegenheit – enttarnen muss.

Zu Adrian entsteht fast eine Freundschaft: Meinhard Neumann und Syuleyman Alilov Letifov. Bild: © Viennale

Westernheldenpose: Meinhard stellt sich zwischen die „Dorfis“ und die Bauarbeiter: Meinhard Neumann. Bild: © Viennale

Der Ostberliner Reinhardt Wetrek, Gerüstbauer und zum „Western“-Casting nur gekommen, weil er seiner 12-jährigen Tochter zeigen wollte, dass er sich traut, ist Meinhards Gegenspieler, ist Vincent, der Bauleiter der Truppe. Auch er ein vielschichtigerer Charakter, als man auf den ersten Blick glauben möchte, zeigt er doch einerseits eine Großmäuligkeit, die Männer seines Schlages alles andere als beliebt macht, doch auf der anderen Seite ist er von Pflichterfüllung und der Sorge um seine Mitarbeiter zerfressen. Er verkörpert die Landnehmermentalität der Menschen aus Industrieländern, er ist ein Pionier, der sich die Wildnis unterwerfen will.

Wetreks Vincent ist um nichts weniger undurchsichtig als Neumanns Meinhard, sein Spiel ebenso eindrücklich, seine Figur ein ebenfalls schwieriger Charakter, seine ständigen Anrufe daheim, ob seine Frau fremd geht, und er wird Meinhard auch nichts schenken. Diesem vermeintlichen oder tatsächlichen Konkurrenten um die Machtstellung in den Bergen.

Die tatsächlich der Dorfobere Adrian, gespielt von Syuleyman Alilov Letifov, hat. Er ist ein Fädenzieher, der auch die Ostmafia und ihren Kies im Griff hat. Lange Zeit fragt man sich, ob die Dorfbewohner die deutsche Baustelle, die letztlich zu ihrem Wohle sein soll, boykottieren. Vorurteile gibt es jedenfalls auch von dieser Seite, beim Kartenspielen kann man die reichen Nemskis ruhig abzocken, und Missverständnisse und Misstrauen. „Western“ – und der Titel dieses klugen und leisen Films von enormer Tiefe ist so ironisch wie korrekt gewählt – zeigt eine Männerwelt, auf beiden Seiten Macho-Gehabe und Hahnenkämpfe, dass das Testosteron nur so von der Leinwand tropft, und in dieser Welt entpuppen sich nicht alle Dorfbewohner als arglos …

„Die Welt ist Fressen und Gefressen Werden“, sagt Meinhard zu Adrian an einer Stelle. In einer der schönen Szenen, in denen die beiden nächtens über Familie und deren Verlust reden. Nach eineinviertel Stunden Film kommt da von Meinhard die erste (und letzte) Emotion.

Valeska Grisebach im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27063

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  1. 10. 2017

Volx/Margareten: Vereinte Nationen

Oktober 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Unentschieden zwischen Untiefen

Martina hat mutmaßlich mehr als nur Himbeeren zu schlucken: Nélida Martinez mit „Vater“ Philipp Auer. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es ist immer noch nicht ausgemacht, ob hier etwas über enigmatische Komplexität und Metaphernhaftigkeit zu raunen oder doch Quatsch zu konstatieren ist. Am Volx/Margareten zeigt das Volkstheater als Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar Clemens J. Setz‘ „Vereinte Nationen“ – und der gefeierte Prosa-Autor macht es mit seinem Debütstück dem Publikum und offenbar auch dem Leading Team schwer.

Hoch drei rückte das Prinzip Gonzo (Holle Münster für die Regie, Robert Hartmann für die Musik, Alida Breitag als künstlerische Mitarbeiterin) in Wien an, um den Text, der schon bei der Uraufführung in Mannheim und einer weiteren Inszenierung in Graz kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte, zu stemmen. Als Resultat präsentiert sich kristallwasserklar die Janusköpfigkeit des Wortes Untiefe. Und zwischen hin und her ein klares Unentschieden.

„Vereinte Nationen“ verhandelt die Deformierungen eines Kindes durch Erziehung. Heißt: Das Ganze ist ein Fake, denn die Eltern Anton und Karin drehen ihr Durchdrehen gegenüber Tochter Martina für Abnehmer im Internet, die Zahl der Perversen, die sich die Obedience-Prüfungen anschauen, steigt täglich. Mit den Freunden Oskar und Jessica haben die Eltern ein Paar Fädenzieher im Nacken, das bei der Vermarktung der Filme hilft, Marktbeobachtung im Netz betreibt, und ergo Ideen für die Umsetzung beisteuert. Es gibt schließlich Publikumswünsche zu erfüllen.

Ringkampf um den Fön: Nélida Martinez und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der zerplatzte Luftballon als Zeichen für sexuellen Missbrauch? Nélida Martinez. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die da wären: eine Himbeerüberfütterung und ein Fön-Ringkampf. Das ist als sprachliches Bild nicht viel, als Bühnen-Bild aber wenig. Die Gonzos schaffen es nicht, die Leerstellen zu füllen, die Setz‘ Stück (mit welchen Intentionen auch immer / Furcht vor dem Plakativen?) offen hält. Lässt der Text die Hoffnung auf eine Art Bedeutung immerhin keimen, fehlt der Aufführung des Performance-Kollektivs das Abgründige, eine wie auch immer geartete „Meta-Ebene“ oder ein Andeuten des Schreckens durch Spiel, weitgehend. Und so bleiben Himbeeren halt Himbeeren. Einmal zerplatzt die „kleine Maus“ in ihren Händen einen Luftballon, den „Mann“ ihr geschenkt hat; mit lautem Knall zerbirst das Ding wie ein Kinderleben, das ist das stärkste Bild des Abends. Ein Missbrauchsbild, mag man interpretieren.

Ansonsten werden die nicht näher ausgeführten platten Handlungen der Protagonisten in einer knallbunten Kulisse abgespult, einem Wohnzimmer-Dschungelcamp, die Schauspieler darin allesamt in Adidas-Buxe. Da ängstigte sich niemand von wegen plakativ, und Performance darf natürlich auch sein. Martina ihrerseits übt nämlich Kontrolle über die anderen aus, indem sie sie mit Video-Worten manipuliert. Sie spult das Spiel mit „Fast Forward“ oder „Rewind“ vor und zurück, lässt die Mitspieler mit „Mute“ verstummen oder erschöpft sie mit „Loops“, nur „Play“ sagt sie nie. Es wird sich klären, dass Martina ihr Martyrium aus einer Rückschau berichtet. Zum Schluss steht sie da im schwarzen Businessoutfit als Erwachsene (manche Zuschauer meinten: ihrer Begräbniskleidung) und schmiert sich mit Himbeeren „blutig“ – und da ist man dann doch wieder bei metaphernhaft … und Kindheit, die man nie mehr los wird …

Anton und Karin in der Kulisse ihrer Wohnzimmer-Dschungelshow: Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die Abnehmer der Video-Aufnahmen: Anton Widauer und Emilia Rupperti. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es spielen Studierende des Max-Reinhardt-Seminars. Nélida Martinez gefällt als Martina von der ersten Szene an. Mit riesig aufgerissenen Kinderaugen stopft sie sich einen Schöpflöffel voll der roten Früchte in den Mund, von ihrem Schöpfer – im doppelten Wortsinn: real und virtuell – dabei traktiert wie von einem Drillsergeanten. Eine eindrückliche Szene, mit Philipp Auer als dem Vater, von dem man später erfahren wird, dass er der liebevollere Elternteil ist, der dieses Treiben nur aus menschlicher Schwäche mitmacht.

Martinez‘ in Panik verzerrtes Gesicht setzt ihm so zu, dass er sich vor Selbstekel gleich mit ihr übergeben möchte. Die beiden spitzen diesen Akt der Unterdrückung bis an die Grenze des Unerträglichen an. Wäre der Rest des Abends gleich intensiv geblieben, es wäre eine Freude gewesen.

Doch weder Clemens J. Setz noch Holle Münster haben dem viel nachzusetzen. Clara Schulze-Wegener als Mutter Karin und Emilia Rupperti als Freundin Jessica füllen ihre eindimensionalen Frauenfiguren, die Macherin und Mitmacherin, mit größtmöglichem Leben.

Als Story für die beiden kann man zusammenreimen, dass Karin neben dem Wunsch nach Geld auch von dem Wunsch nach Bedeutung getrieben wird. Sie quält ihr Kind, um nicht mehr „die Unwichtigste in der Familie“ zu sein. Jessica sieht und erspürt dies alles, ein Bluterguss am Oberarm weist Oskars Brutalität aus?, und versagt sich daher eigene Kinder. Auch Anton Widauer hat in seiner Rolle als Oscar wenig darstellerische Herausforderung zu meistern. Doch er changiert wunderbar zwischen smartem Businessmann und unterschwellig Grobian. All das darf man selber sagen, weder von Autor noch Regie gibt es sachdienliche Hinweise auf eigenes Wollen und Wirken oder Motivationen der Figuren.

Diesbezüglich offenbleibende Fragen über die Banalität des Blöden, über ein Am-Kern-der-Sache-Vorbeischlittern oder einen erstaunlich fehlenden Mut zu Härte und Risiko wurden auf dem Heimweg diskutiert. Dritter Versuch – durchgefallen? Wie wichtig es wäre, dies Stück endlich zu fassen zu kriegen, zeigt ein Telefonmitschnitt aus den USA, der derzeit durch die Medien geht. In dem von der Polizei abgefangenen Gespräch „bestellt“ ein Mann ein Mädchen zwischen neun und sieben Jahren – und checkt mit dem Anbieter aus, was er mit dem Kind alles tun kann. Am Ende die Frage: „Can I kill her?“ – „Yes.“ Das Mädchen ist noch nicht gefunden.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Max Reinhardt Seminar: Liebe und Information

Dezember 3, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Wird 2015 auch am Akademietheater gezeigt

Luka Vlatkovic, Ricarda Bistram Bild: Foto Forster

Luka Vlatkovic, Ricarda Bistram
Bild: Foto Forster

Auf der Neuen Studiobühne des Max Reinhardt Seminars hat am 5. Dezember „Liebe und Information“ von Caryl Churchill Österreichische Erstaufführung. Regisseurin Esther Muschol arbeitet in dieser Inszenierung mit Studierenden des dritten und vierten Jahrgangs. Eine wunderbare Gelegenheit, die kommende Generation an SchauspielerInnen zu erleben!

Ein Geheimnis, das die junge Liebe aufregend und gefährlich macht. Eine Entlassung per E-Mail, die alle Illusionen über Respekt zerstört. Die absurde Lüge eines Prominenten, der sich von den Medien bedrängt fühlt. Ein Kind, das keinen Schmerz empfindet. Ein einsamer Gedächtniskünstler. Das Klima. Gottes Stimme. Ein chinesisches Gedicht. In kurzen, alltäglich wirkenden Szenen entwirft Caryl Churchill ein Bild unserer Welt, die offensichtlich aus dem Gleichgewicht geraten ist. Leichtfüßig zeigt sie die Widersprüche auf, in denen wir täglich selbstbewusst durchs Leben marschieren. Tief empfundene Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit prallt schmerzhaft auf die Sucht nach brandneuen Informationen. Erfindungen und Spekulationen entwickeln ihre Eigendynamik und verändern in Sekunden unser Zusammenleben radikal. Liebe befindet sich selten im angemessenen Verhältnis am richtigen Ort. Für die Produktion forschen, ermitteln und überführen Studenten des Max Reinhardt Seminars in der Regie von Esther Muschol in der Causa . Es wird Täter und Opfer geben. Liebende und Fragende. Wissende. Sterbende. Und Geliebte.

Regisseurin Esther Muschol erklärt dazu: „Mit ,Liebe und Information‘ ist mir eine Rarität in die Finger gekommen. Ein Theatertext, der pointiert und zeitgemäß unser Leben und Zusammenleben verhandelt, das sich in ständiger Beschleunigung befindet. Außerdem wie geschaffen für eine Arbeit mit Studenten, die sich an brennenden Inhalten, formalen Kriterien, philosophischen und gesellschaftlichen Fragen kreativ aufreiben wollen. Und ich bin sehr glücklich, an dem Ort, der für mich zahllose prägende Theatererinnerungen birgt, wieder junge Menschen anzutreffen, die leidenschaftlich, aufmerksam und neugierig die Welt beobachten. So entsteht gerade eine erfrischende Auseinandersetzung über die Frage „Worum geht es denn eigentlich?“ Im Stück, im Theater, im Leben.“

Regie: Esther Muschol

Ausstattung: Agnes Hamvas

Musik: Rupert Derschmidt

Regieassistenz: Simon Dworaczek

Ausstattungsassistenz: Tatjana Schinko

Mit Ricarda Bistram, Josephine Bloéb, Michaela Pircher, Johanna Prosl, Michael Köhler, Luka Vlatkovic, Marvin Weiß und Meo Wulf

Vorstellungstermine: 5. (Premiere), 6. und 9. Dezember 2014, jeweils 19:30 Uhr, Neue Studiobühne im MRS

Frühling 2015: Gastspiele im Akademietheater

Karten: T. 01 55-2802, mrs@mdw.ac.at

Preise: 12 Euro / erm. 4 Euro

Vita Esther Muschol

geboren 1976 in München, studierte am Max Reinhardt Seminar Regie, war anschließend als Regieassistentin am Burgtheater engagiert und ist seit 2005 freischaffend als Regisseurin tätig. Sie brachte zahlreiche Österreichische Erstaufführungen auf die Bühne, unter anderem „Luzid“ von Rafael Spregelburd am KosmosTheater Wien, „Blackbird“ von David Harrower am Burgtheater Wien und „Der Kaktus“ von Juli Zeh am Theater Phönix, wofür sie mit der Prämie des BMUKK ausgezeichnet wurde. Außerdem inszenierte sie regelmäßig am Landestheater Detmold, arbeitete u.a. für Volkstheater Wien, Neuköllner Oper Berlin, Theater Erlangen und in der freien Szene. Im Frühjahr 2015 wird sie mit „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow zum ersten Mal am Schauspielhaus Salzburg inszenieren.

www.maxreinhardtseminar.at

Wien, 3. 12. 2014

Berliner Theatertreffen: Zement

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Vermächtnis des Dimiter Gotscheff

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau
Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Festspielintendant Thomas Oberender eröffnete  das 51. Berliner Theatertreffen mit einer Inszenierung aus dem Münchner Residenztheater: Dimiter Gotscheff hatte Heiner Müllers „Zement“ inszeniert – es war seine erste Arbeit am Haus und seine letzte bevor der Regisseur verstarb. Und wenn man eines von Beginn des dreistündigen Abend (der in München übrigens höchst kontrovers aufgenommen worden war) an sagen konnte, dann: Er fehlt. Dieser Theaterberserker, der vor Archaik und Pathos nicht zurückschreckte, der Herz und Hirn in Gleichklang bringt, der es schafft ein Publikum zu berühren und anzurempeln – der „seinen“ Heiner Müller so auf die Bühne bringt, dass man versteht, was einen der Große „von damals“ noch angeht. Und dabei die Schönheit seiner Sprache in den Mittelpunkt stellt. Gotscheff zeigt Müllers dystopisches Revolutionsstück „Zement“ aus dem Jahr 1972, geschickt verpackt zwischen Zeilen und Szenen des Autors und des Regisseurs zwiespältiges Verhältnis zum Arbeiter- und Bauernstaat. Den Sowjet im Sinn, kommt man auf die DDR hin. Müllers Dramatisierung eines Romans von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925 behandelt die Geschichte der russischen Revolution. Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg), Schlosser und kommunistischer Bürgerkriegsheld gegen die weißen Garden, kehrt heim. Das Zementwerk ist stillgelegt, seine traumatisierte und fanatisierte Frau Dascha (Bibiana Beglau) ist erkaltet wie der heimische Herd. Seine Tochter wird im Kinderheim verhungern, sie derweil die Frauenbewegung anführen. Die Revolution frißt ihre Kinder.

Das Ganze: Eine Tragödie griechischen Ausmaßes. Gespielt in einem grauen Betonwürfel, desssen Boden/Podium sich steiler und steiler aufrichtet. Die Kostüme schmutziggrauweiß, ein Chor mit Gesichtsmasken aus Strümpfen, Mützen – die er für einen kurzen Moment, da das Werk wieder läuft, abnehmen wird. Doch dann siegt das Kollektiv über das Individuum. Und sie vermummen sich wieder zur anonymen Masse. Einmal müssen sie sogar die Schreibmaschine sein. Auch Revolution braucht Bürokratie. Sie erschlägt sich mit Papier. Valery Tscheplanowa, das tote Kind, klein und allein, erzählt, singt dazu. Vom an den Felsen geschmiedeten Prometheus, vom trojanischen Krieg, von der Kindsmörderin Medea. Von Gleb und Dascha. Er, ein russigschwarzes Gespenst, dem die Maschinen zuschreien: Mach‘, dass unser Zementwerk läuft. Sie, Frau Oberbolschewikin, hart wie Stein. Vom Feind gefoltert und missbraucht, um den Aufenthaltsort ihres Mannes preiszugeben – der jetzt nach drei Jahren Absenz Sex will. Man ist sich fremd geworden. Und wird sich auch nicht mehr finden. Mit kleinsten Gesten erzählen die Gotscheff-Vertrauten Beglau und Blomberg das. Das Ende der Zwischenmenschlichkeit, den Beginn des Sowjetmenschen. Ein neues Land steht auf in diesem Infight der Protagonisten. Man hat nicht mehr die selben Lebensziele, so endet diese Liebesgeschichte. Beide spielen sie das gestochen scharf und trotzdem mit gebrochenem Herzen. Zwei Verletzte, die sich ihre Wunden nicht zeigen wollen oder können. Beide umkreisen sich mit atemberaubender Körperspannung. Eine großartige schauspielerische Leistung. Ebenso großartig, wie Gotscheff den Chor einsetzt, der einerseits von Politfunktionär, vom Apparatschik bis zum Bürger alle nachahmt, gleichzeitig jederzeit Lynchmob ist. Hauptsache, es gibt jemanden, an den man sich klammern kann. Das Feuer der Revolution hat ihnen die Köpfe enteignet. „Keine Sklaven mehr und keine Herren“, skandieren sie. Ob sie schon wissen, dass es nicht stimmen wird?

Gotscheff schuf großes, wuchtiges Theater. Dargeboten als Weihespiel. Es geht um Politik vs Wirtschaft. Den kategorische Imperativ. Die kampfverliebte Polja (Leitsatz: „An den Gewehren war die beste Zeit!“) und der anerkennungssüchtige, weil aus bourgeoiser Familie stammender Iwagin (Lukas Turtur) – das Gegenpaar zu Gleb und Dascha – stecken sich nach ihrem Parteiausschluss ihre zu Pistolen gekrümmten Zeigefinger in den Mund und versinken im Boden. Gewalt regiert und geschrieen wird viel. Der Kommunismus ist kein Traum, sondern Arbeit. Zeit und Welt sind bei Müller/Gotscheff aus den Fugen. Das ist der Stoff aus dem politisches Theater von und für Heute ist. Ein Menschheitsalbtraumtraumadrama.

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Wien, 5. 5. 2014