Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend, skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 190er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Burgtheater: Liebesgeschichten und Heiratssachen

April 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Schweinsgalopp durchs Nestroy-Stück

Nicht nur Ex-Fleischhauer Stefan Raab hat ein fahrbares Sofa: Regina Fritsch als Lucia Distel und Gregor Bloéb als Florian „von“ Fett. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach der Jubel-Trubel-Heiterkeit beim Schlussapplaus zu urteilen, hat sich das Burgtheater mit dieser Aufführung einen sicheren Publikumsliebling geschaffen. Regisseur Georg Schmiedleitner inszenierte Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ – und der Abend ist wirklich saukomisch. Die Wortwahl sitzt wie der berüchtigte Bolzen im Kopf, ist der Protagonist der Biedermeier-Posse doch ein ehemaliger Fleischselcher, der sich zum reichen Particulier emporgeschlachtet hat:

Florian Fett, neuerdings mit einem „von“. Aus diesem Umstand kann Schmiedleitner beinah drei Stunden lang Gags, Klamauk und Kalauer produzieren. Da ist eine Situation saugefährlich und ein Brief – Schriftstücke werden per rosa Plüschferkel befördert – natürlich mit Sauklaue geschrieben. Da kurvt der Hausherr mit einem fahrbaren Sofa durch sein Schloss, weil auch Stefan Raab war, bevor er endgültig privatisieren konnte … na? … na? – richtig, ein Metzgergeselle. Im Schweinsgalopp geht’s so durchs Nestroy-Stück.

Für dieses Verwechslungsliebesspiel mit drei Paaren, zwei Vätern und einem schlimmen Schlitzohr hat Volker Hintermeier eine Bühne erdacht, die sich mit den amourösen Eskapaden der Figuren im Kreis dreht. Stätten der Handlung sind ein desolates Salettl/Bar mit rotierendem roten Herz auf dem Dach, in dessen Dachboden die Band haust; der Fett’sche Salon mit Wappensau und jenen Plastikplanen als Vorhängen, die im fleischverarbeitenden Betrieb Hygienevorschrift sind; ein Mobilklo als Zufluchtsörtchen; und ein Plantschpool mit beleuchtbaren Kitsch-Flamingos. Alles atmet hier neureich oder guter Geschmack lässt sich nicht kaufen, ein sarkastisches Augenzwinkern, das Su Bühler bei ihrer Zuckerlfarbwahl und der Ausstattung der Kostüme fortsetzt – und das der Inszenierung insgesamt gutgetan hätte.

Die Wirtin hat Verständnis für die Standesdünkel des Marchese: Elisabeth Augustin und Dietmar König. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Flirt vor Flamingos: Martin Vischer wirbt in Schwyzerdütsch um Stefanie Dvoraks Ulrike. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schmiedleitner nämlich setzt aufs Outrieren als alleiniges Stilmittel. Der laute Vollgas-Lustig-Modus in den er geschaltet hat, überschmettert allerdings die leisen Töne des revolutionsbegabten Autors, seine Zwischenbemerkungen, das Halbgesagte wie das Angedeutete. Was dem Abend fehlt, ist die Nestroy’sche Doppelbödigkeit, die spöttische Subtilität, mit der der große Wiener Dramatiker seine abgeschriebenen Plots verfeinerte.

Die in die Blödheit eines Fett eingeschriebene Bösartigkeit, die lauernde Gefährlichkeit eines Nebel, das beunruhigende Unbehagen darüber, dass Intriganten, Emporkömmlinge, Wirtschaftsliberalisten … in dieser Welt das Sagen haben. Und dass sich daran von 1843 bis heute nichts geändert hat.

Was die Nestroy’schen Figuren betrifft, so gestaltet sie hier jeder nach seiner Façon und seinen Fähigkeiten in der Farce. Die Charaktere werden manchen zur Karikatur, manchmal zur Knallcharge. Gregor Bloéb ist eine – pardon, aber im Zusammenhang passend – Rampensau. Er weiß, wie er sich die Lacher abholt, wenn er seinen Florian Fett im goldenen Protzanzug mit einem vulgären Zu-Viel-An-Allem versieht.

Oder den selbstverliebten Tölpel im Versuch, alles französisch auszusprechen, nicht nur gestelzt daherreden, sondern auch wie auf Stelzen stolzieren lässt. Als Fett lässt sich’s freilich gut aufgesetzt agieren, mit einem Wort: Bloéb rockt die Burg! Regina Fritsch überzeichnet die Fett-Verwandte Lucia Distel noch stärker. Die Brille-Locken-Pillbox-Kombination, die ihr Su Bühler verpasst hat, gehört eigentlich verboten, harmoniert aber perfekt mit dem von der Vornehmheit in einen Proletenslang kippenden Ohrenschmerzorgan, wenn etwas nicht nach dem Distel’schen Willen geht.

Marie-Luise Stockinger und Stefanie Dvorak sind als Fanny und Ulrike zwei richtige Trutschn ohne besonderen Tiefgang, nur Alexandra Henkel darf als Kammerkätzchen Philippine einen eigenen Kopf und Mut zur Koketterie haben und beides auch einsetzen. Elisabeth Augustin bleibt als Wirtin zum Silbernen Rappen weitgehend unauffällig, und warum Peter Matić als ihr Wirt als tätowierter Punk-Rocker auftreten muss, hat sich, seiner Darstellung nach zu urteilen, auch ihm selbst nicht erschlossen.

Der Gewinner des Till-Lindemann-Lookalike-Contests: Markus Meyer als Nebel, Peter Matic (hi.) gibt den Rappen-Wirt als Punk-Rocker. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Vielleicht soll er ja in der Aufmachung zu Markus Meyer passen, dessen Zechpreller und Heiratsschwindler Nebel daherkommt, wie der Gewinner eines Till-Lindemann-Lookalike-Wettbewerbs. Der Nebochant Nebel, das ist bei Nestroy der Distel-Umgarner, der Fett-Um-den-Finger-Wickler, der Spielmacher und Drahtzieher – und gerade in dieser doch eigentlich Paraderolle bleibt der stets so großartige Markus Meyer seltsam blass. Ja, er macht gekonnt den Blender und Poser.

Und schrammelt auch auf der E-Gitarre. Doch weder kommen ihm die aphorismenhaften Aussprüche seiner Figur geschmeidig über die Lippen, noch scheint er am ohnedies auf zweimaligen Einsatz beschränkten Coupletgesang Freude zu haben. Martin Vischer als Kaufmannssohn Anton, Christoph Radakovits als dessen adeliger Freund Alfred und Dietmar König als wiederum dessen Vater, Marchese Vincelli, und Robert Reinagl in den Rollen diverser Bedienter sind immerhin fürs eine oder andere Kabinettstückchen gut. Der Basler Vischer probiert’s erst gar nicht mit einem ihm fremden Dialekt, sondern bleibt beim vertrauten Schwyzerdütsch. Er gibt einen herrlich korrekt-verklemmten Eidgenossen, während Radakovits das blaue Blut vor Leidenschaft in den Adern kocht.

Königs Marchese ist über die misera pleps, aus deren Klauen er seinen Sohn befreien zu müssen glaubt, ausschließlich eines – mit Taschentuch vorm Mund – angewidert. Und wenn der Vornehme stolpert und stürzt, oder ihm ins Gesicht gefurzt wird, oder seine Kehle wegen des Hausbrand des Wirten in Flammen steht, dann toben die Leut‘. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, alles dreht sich, alles bewegt sich – Zuschauer, was willst du mehr? Irgendwas mit Sinn – Tief-, Hinter-, Fein-? Na alsdann!

www.burgtheater.at

Wien, 14. 4. 2017