Werk X-Petersplatz: Trümmerherz

Juli 7, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nachkriegsbrutalität in Pastelltönen

Yes, Sir, I Can Boogie: Unfreiwilliger Partnertausch mitten im „Mach koane Dànz!“: Lukas David Schmidt, Anna Zöch und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

„Siehst doch eh wie die Leut hier sind. Die tun: Vergessen. Verdrängen. Lügen. Wo ist hier die Moral? Wo ist hier der Anstand? Den Wiederaufbau schaffen ́s doch nur: Weil’s die frühere Gesinnung in die neuen Häuser miteinbauen.“ – „Du sollst nicht immer von früher reden. Die Mama hat’s verboten.“ – „Ohne früher kein Heut‘. Das wird die Mama auch noch begreifen …“ Mit diesem Dialog lernt man die Schwestern Mitzi und Rudi kennen, erstere von der Nachbarschaft als Ami-Hur‘

gebrandmarkt, will sie doch mit ihrem GI-Johnny in die USA auswandern, zweitere, das Nesthäkchen insofern amerikanisiert, als sie den Boogie-Woogie in den Beinen hat, mithilfe derer sie sich das Preisgeld eines Tanzwettbewerb abholen will. Autor Bernhard Bilek hat diese Mädchen für seinen Text „Trümmerherz“, basierend auf biographischen Episoden aus dem Leben seiner mit knapp 90 Jahren verstorbenen Großmutter, erdacht und ihnen Nachkriegs-österreichische Signature-Sätze in den Mund gelegt. Es ist nicht zu viel zu sagen, dass Bileks 1950er-Jahre-Wien nur ums Eck zur berühmten „stillen Gasse im achten Bezirk“ liegt. Das Milieu, die Charaktere, eine Dreiecksbeziehung, der genretypische Kunstdialekt … alles passt bei dieser jüngsten Hervorbringung der Gattung „neues Volksstück“.

Regisseurin Martina Gredler, gemeinsam mit Bilek Gründerin des Kunst- und Kulturvereins Wiener*innen Wahnsinn, hat mit dem Ensemble Anna Zöch als Rudi, Josefine Reich als Mitzi, Bettina Schwarz als Mama, Felix Krasser als Pepi und Lukas David Schmidt als Moritz die Uraufführung von „Trümmerherz“ zur auslastungsstärksten Produktion am Werk X-Petersplatz in der Spielzeit 2021/22 gemacht. Grandios dazu Komposition und Live-Musik von Nadine Abado, Ausstattung und Kostüme von Moana Stemberger und die Choreografie von Daniela Mühlbauer.

Abado, die den Boogie als hypnotischen Percussion-&-Voice-Sound wispert, was die Tanzenden bei psychischem Fast Forward zur physischen Slow Motion zwingt; Stemberger, deren pastellige Outfits – die Damen in Ballroom-Petticoats, die Herren in Rosé- und Metallic-Silber samt Pailletten, Nagellack in Killerfarbe und blutroten High Heels – die Brutalität der Ereignisse konterkarieren; Mühlbauer, in deren somnambule Bewegungsabläufe die Schauspielerinnen und Schauspieler sich albträumen, wenn die Zweier-, Dreier-, Viererkonstellationen einander mit Worten nichts mehr zu sagen haben. Nach dem großen Publikumszuspruch zur ersten Aufführungsserie ist eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit geplant, über deren Termine www.mottingers-meinung.at informieren wird, wenn sie von der Kulturabteilung der Stadt Wien – MA7 bewilligt wurde.

Können Spielen und Tanzen: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

Lukas David Schmidt, Felix Krasser, Josefine Reich und Anna Zöch. Bild: © Alexander Gotter

Zum Geschlechtsverkehr abgeschleppt: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

So steht also auf Moana Stembergers leerer Nachkriegstristesse-Bühne Anna Zöch als rotzfrech um ihr Emanzipiert-Sein ringende Rudi (Lieblingsfrage ihres losen Mundwerks: „Tätschn?“) von Beginn an zwischen zwei Burschen: dem tölpelig-warmherzigen Pepi von Felix Krasser, der sich das Korsett, in das ihn die Gesellschaft zwängt, tatsächlich um den Leib gelegt hat, und dem draufgängerischen Frauenschwarm und Schwarzhändler Moritz, der sich nimmt, was er will – und das in, für Darsteller Lukas David Schmidt muss man den Begriff erfinden, ungestümer Zeitlupe.

Und über alles und allen schwebt die Mater Dolorosa in der Kittelschürze, „Mitzi-Mama“ Bettina Schwarz, die sich ans Mantra klammert, der Papa und der Onkel wären als Kommunisten im Konzentrationslager ermordet worden (weshalb sie von den Russen die kleine Wohnung zugeteilt bekommen hätte) – Mamas Liebling Pepi dazu, während er sich noch ein Stück ihres Guglhupfs reinschiebt: „Das Leben ist zu kurz, um für eine Partei zu sterben.“ Seine Mama hätt‘ seinem Papa halt immer was zum Essen in den Mund gestopft, wenn er politisieren wollte. Während Moritz die Widerständler-Glorifizierung mit einem „Die waren doch selber Nazis!“ entherrlicht, bevor das Publikum verbale Schlagabtausche später erfährt, er könnt‘ ebenso gut den eigenen Vater zu verspäteter Rechenschaft gezogen haben.„Wir haben alle nichts gelernt. Entweder waren wir zu früh dran, oder zu spät“, schreit dieser Moritz die Rudi an, als sie ihn wegen seines sinistren Broterwerbs zur Rede stellt.

Und unwillkürlich denkt man die Zukunft der Generation CoV-19 und ans Ausarten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, dessen Grausamkeit den Geflüchteten und folgenden Generationen wie hier nach 1945 blutig in die Körper eingeritzt ist. Rudi hat/hatte von Moritz ein Kind, Anni, das mit zwei Jahren verstarb. Ob dessen bösartige Großmutter mit diesem Ableben zu tun hat, erfährt man nicht, wie Bilek und Gredler überhaupt vieles in der Schwebe halten. Geldknappheit, ein verlorenes Kind und das bedrückende Schweigen, das Wien für die Nachgeborenen in einen undurchdringlichen, grauen Schleier hüllt, ein Kuss an falscher oder gar richtiger Stelle. Man taumelt durch Kriegstraumata, stilisiert sexuelle Gewalt, quer zu lesende queere Geschlechterverhältnisse, österreichische Verdrängungskultur, heißt: Zeitgeschichte, wie’s Huhn übers Möbiusband.

Gluckhenne Mitzi-Mama (M.) und ihre Küken: Anna Zöch, Bettina Schwarz und Josefine Reich. Bild: © Alexander Gotter

Lieber noch dem Joker als ihm einen Luftballon abgekauft: Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Ami-süchtige Sisters in Crime: Josefine Reich als Mitzi und Anna Zöch als Rudi. Bild: © Alexander Gotter

Geschlecht? Spielt keine Rolle: Lukas David Schmidt und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Hochspannend ist das, wie der Boogie-Woogie inszenatorisch zum Ringkampf wird. Hip Bump Flirt, American Spin, Whip, Let Loose, Ladies Solo, Fallaway Throwaway, schließlich der „Todessprung“, im Englischen „Birth of a Baby“ genannt. Im Wechselschritt meint man den Rückwärtsgang eingelegt zu haben, Rudi, eben noch den Tod ihres Töchterchens beklagend, ist jetzt hochschwanger …, jedenfalls ist‘s, wie’s kommt, eine Drehung senkrecht nach unten. Wie Mitzi Rudi aus Moritz‘ Umklammerung befreit, wie Moritz den Pepi diesmal nicht heraus-, sondern auffordert. Intensiv performen das die Vier. Selten war ein Turniertanz so ein „Mach koane Dànz!“

Geht Pepi wirklich in diese Art von Herrenetablissements, wie Moritz behauptet? Und gibt ihm dies das Recht, Rudi zwecks Kindszeugung von der Tanzfläche im Wortsinn abzuschleppen? Ist das geschehen oder wird es erst passieren? Rudis Antwort auf Baby und Pepis Bi+Stereotypisierung: „Besser einer, der sich kümmert, als …“ Anna Zöch überzeugt als stur-zerbrechliche Rudi, Bettina Schwarz als Hart-aber-herzlich-Mama und Lukas David Schmidt ist sowieso des Werk X-Petersplatz‘ Antwort auf „Elvis the Pelvis“, doch obliegt es Felix Krasser seinen Pepi in grausige Abgründe zu entwickeln, im Prater als Luftballonverkäufer in dragqueenigen Zwölfzentimetern und einem sinistren Lächeln als wäre er ein Joaquin-Phoenix‘-Joker-Lookalike.

„Trümmerherz“ ist ein ungeschönt authentisches, aber von Bernhard Bilek gleichwohl liebevoll gestaltetes Sittenbild einer Familie, wie es zahlreiche gab und gibt, die sich im Chaos zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine rosige Zukunft erträumen. Dass Regisseurin Martina Gredler die Realität des Textes nicht „bebildert“ hat, sondern ihr Ensemble in choreographisch-tänzerischer Körperarbeit ausleben lässt, ist der Clou der Aufführung. Vor allem aber: Danke, Oma Bilek, dass du als Zeitzeugin uns alle über deinen Enkel an deinen Erinnerungen teilhaben lässt …

Bernhard Bilek. Bild: © Matthias Heschl

Über den Autor: Bernhard Bilek wurde 1982 in Wien geboren. Er studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Germanistik an der Universität Wien. Während seines Studiums wurde er zum Theaterautor am Burgtheater und Schauspielhaus Wien in den von Andreas Beck initiierten Schreibklassen unter den Leitungen von David Spencer, Wolfgang Stahl und Bernhard Studlar ausgebildet. Zusätzlich ließ er sich postgradual am Institut für Kulturkonzepte in Kulturmanagement schulen. Er arbeitete als Kommunikations- und Kulturmanager im Theaterverein „Ich bin OK”, im Nachtclub „Flex” und in der Filmproduktionsfirma „evolver film” (dort auch als Script Consultant). Von 2019 bis 2021 leitete er Presse- und Kommunikation am Theater Werk X.

2020 gründete er mit Martina Gredler den Theaterverein „Wiener*innen Wahnsinn“, um Projekte von Frauen, queeren und nicht-binären KünstlerInnen zu fördern. Die Uraufführung seines Theaterstücks „Trümmerherz“ in der Inszenierung von Martina Gredler ist das erste Projekt des Vereins.

werk-x.at           werk-x.at/premieren/truemmerherz

7. 7. 2022

Trailer: © Clemens Schmiedbauer

Belvedere 21: Henrike Naumann. Das Reich

September 22, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschwörungstheorien anno 1990

Henrike Naumann: „Anschluss ’90“, 2018: Ausstellungsansicht beim Steirischen Herbst. Bild: Mathias Völzke, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlinann0 1990

Ab 26. September versetzt Henrike Naumanns Rauminstallation im Belvedere 21 die Besucherinnen und Besucher ins Jahr 1990 und skizziert ein fiktives Szenario, in dem sich politische Verschwörungstheorien mit persönlichen Schicksalen und den Brüchen der deutsch-österreichischen Geschichte verbinden.

Henrike Naumann wuchs in Zwickau auf, als das politische Ende der DDR nahte und der Staat schließlich in einem wiedervereinten Deutschland aufging. Die Erfahrungen ihrer Jugend zwischen Hedonismus, Konsumkultur und erstarkendem Rechtsradikalismus verarbeitete sie in mehreren Ausstellungen zu Installationen. In einer Archäologie der Zeitgeistigkeiten untersucht sie die Wechselwirkungen zwischen Ästhetik und Ideologie und macht sie in begehbaren Raumsituationen erfahrbar.

Henrike Naumann: „Das Reich“, 2017. Ausstellungsansicht im Berliner Herbstsalon. Bild: Ladislav Zajac, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin

Der Ausgangspunkt ihrer Ausstellung im Belvedere 21 ist das Jahr 1990: Die Reichsbürgerbewegung erkennt die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik Deutschland nicht an und übernimmt nach der Wiedervereinigung kurzerhand die Kontrolle. Österreich schließt sich dem wiedererrichteten Deutschen Reich bald an. Dieses fiktive Szenario skizziert Henrike Naumann in einer immersiven Rauminstallation aus Möbeln, Wohnaccessoires und Videos.

Die Reichs(-bürger-)kanzlei, inszeniert als germanisches Stonehenge, trifft hier auf Homevideos des nationalsozialistischen Untergrunds und von Feiernden auf Ibiza, ein 1990er-Jahre-Möbelhaus und allerlei Finca-Chic. Das Reich lässt sich als Psychogramm einer alternativen Weltanschauung lesen, die dem realen Gedankenkosmos heutiger rechtsextremer Strömungen bedrohlich ähnelt.

www.belvedere.at           www.henrikenaumann.co

22. 9. 2019

Wiener Festwochen

Februar 8, 2013 in Bühne

Sie füllen Handkes abstraktes Textgemälde mit Leben: Dörte Lyssewski und Jens Harzer bezaubern mit ihrer großen Lust am Schauspiel
16.05.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/5

Handke-Stück: Papierenes ist jetzt lebendig

Ein Füllhorn voller Fantasien: Luc Bondy brachte bei den Festwochen Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ zur Uraufführung.

Wenn sich zwei Schauspieler voller Leidenschaft diesem Stück hingeben, dann wird das ein großer Theaterabend. Schrieb vor einiger Zeit ein Rezensent des Mitte März bei Suhrkamp erschienenen Handke-Textes „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Ein Glück.
Es kam genau so.

Festwochen-Chef Luc Bondy legte höchstselbst Hand an Handke. Und goss ein Füllhorn szenischer Fantasien über den 69 Seiten langen Augenlidbeschwerer. Bei der Uraufführung im Akademietheater wurde sogar gelacht. Sacre bleu! Wo der Dramatiker doch so bemüht ist, jeden seiner kunstvoll gedrechselten Weltsichtsätze zitatenschatztauglich abzufassen. Aber da darf halt kein Jens Harzer einen Doppel-D-BH quer über die Bühne schnalzen.

Hart am Slapstick

Harzer als „Der Mann“ und Dörte Lyssewski als „Die Frau“ schenken Handke sein Stück zurück. Mit ihrer großen Lust am Spiel, an Spielereien bis zum Slapstick. Mit  Gänsehautstimmen. Ob’s  ihnen der Dichterfürst dankt, sei dahingereimt. Beim Schlussapplaus fehlte er. Obwohl das Bühnenbild von Tochter Amina Handke stammt. Die sich gern und mehrmals verbeugte.

„Die schönen Tage von Aranjuez … sind nun zu Ende“ ist der erste Satz aus Schillers „Don Carlos“.  Handkes danach benannter „Sommerdialog“ ist ein steriles Doppelmonologisieren.

Er, während  er sich selbst in Naturbetrachtungen ergeht, fragt sie über ihre Liebschaften aus. Sie erzählt dann vom Vollzug wahlweise auf Vogelkot (im Garten) und Menschenexkrementen (nicht fragen: es war in einer stillgelegten Saline!). Er outet sich als Johannesbeerenfetischist. Die „Explosion von deren Säure und gleichzeitiger Süße“ auf seinem Gaumen stilisiert Handke zum orgiastischen Höhepunkt seines Werks.

Bondy bricht diese Pathos-Poesie. Frech und schamlos. Macht aus einem Fast-Nichts ein Fast-Alles.

Gedankenfreiheit

Und bleibt doch ganz beim Ausgangsthema. Bei spanischem Mühlsteinkragen, Brustharnisch, Herrenstrümpfen, großem Kleid – in der Modefarbe schwarz. Als ob Königin Elisabeth und Marquis Posa (das ist der mit dem berühmten: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“-Satz) zum Geheimtreffen antreten.  Selbst, dass sich Harzer zum Schluss nach einem Schuss mit einer Tube Theaterblut besudelt, passt da ins Bild.

Als dann – Tatütata – eine Rettungssirene ertönt, meint er: Der nächste Ambulanzwagen gehöre aber ihm.

Langsam schält Bondy seine Protagonisten aus den historischen Kostümen ins Universelle, ironisiert die von Handke aufgestellten Mann-Frau-Regeln, indem er Harzer mit Indianerhäuptlingsfedern, als patscherten Ober mit Riesen-Moustache oder  Insektenkiller verkleidet.

Noch ein Mann also, der die Seelenausschüttung einer Frau nicht ernst nimmt. Man denkt, dass Harzer zuletzt in „Immer noch Sturm“ als Handkes Alter Ego auftrat. Und der lebenslang kein unkompliziertes Verhältnis zu Frauen pflegte.

Die wunderbare Dörte Lyssewski entzieht sich. Singt „Non, je ne regrette rien“. Aber nur, um gleich darauf zu sagen, dass das auf sie nicht zutrifft.


Fazit: Wie man aus fast nichts fast alles macht

Vorlage
Handkes Theatertext ist wie eine subtile Herausforderung an Regie und Schauspieler: Machen Sie Ihr Spiel!

Verarbeitung
Luc Bondy und seine Darsteller taten es. Und gaben sich dem Rollenspiel voll hin.

Wiener Festwochen

Februar 8, 2013 in Bühne

Im Zug: „Ganesh“ Brian Tilley, Simon Laherty, David Woods (v. li.)
25.05.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/5

Zerreißprobe: „Ganesh vs. The Third Reich“

In dieser Festwochen-Produktion verschwimmen die Grenzen zwischen Proben und Aufführung – Realität und Fiktion.

Sie haben Courage. Sie scheuen keine Konfrontation. Und was sie zeigen, ist bis ins letzte Detail ausgeklügelt. Das „Back to Back Theatre“ aus Melbourne spielt im Wiener Museumsquartier seine Produktion „Ganesh Versus the Third Reich“. Ein Abend, in dem so zahlreich die makaber-schönen Mehrdeutigkeiten stecken, dass es unmöglich scheint, alle aufzuzählen.
Da ist zunächst das „Stück“: Der elefantenköpfige Gott Ganesh reist 1943 nach Nazi-Deutschland, um die indische Swastika zurückzufordern. Sein Vater Vishnu droht, die Welt zu zerstören, weil die Weltzerstörer sein Symbol für Wohlergehen in ihr Hakenkreuz verwandelt haben.
Bevor sich zum Schluss Hitler in Berlin seine Armbinde mit den Worten „Es wird immer meins sein“ abnimmt, landet der „Elefantenmensch“ aber noch zu Versuchszwecken in Auschwitz beim „Gott in Weiß“, Mengele. Erzählt wird dieser Teil der Geschichte in wunderbar märchenhaften Bilder. Als wär’s Wayang, das hinduistische Schattenspiel.

Das Stück im Stück

Eine andere Geschichte ist, dass die Darsteller des „Back to Back Theatre“ – wie sie es selber nennen – „von außen wahrgenommene Behinderungen“ haben: Down- oder Tourette-Syndrom, Autismus.
Und das ist, wovon sie eigentlich erzählen. Ein „Stück im Stück“ über die Proben zu dieser Arbeit. Mit selbstreflektivem, schwarzem Humor machen sie sich darüber lustig, dass sie, die Opfer der „Rassenhygiene“ geworden wären, jetzt auf der Bühne „Herrenmenschen“ sind. Ganz großartig ist da Simon Laherty in der Doppelrolle als Jude Levi und Hitler, oder Brian Tilley als Ganesh und „Stückautor“.
Die Situation entgleist.
Der „Regisseur“ (David Woods als Gast) wird zum großen Diktator, tyrannisiert die Schauspieler, schlägt einen. Die Akteure denunzieren einander im Kampf um die bessere Rolle.
Das Projekt „scheitert“. Realität und Fiktion verschwimmen. Und stehen bleibt die Frage, wie der Mensch mit dem Menschen umgeht.