Burgtheater: The Party

September 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das linksliberale Idyll kippt aus der Balance

Gesundheitsministerin, ade: Während Janets Wahlkampf ging Bills Liebe flöten: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

„Bill krank. Zwischen uns aus.“ So knapp, per SMS, werden heute Beziehungen beendet. Es ist Janet, die diese Kurznachricht in ihr Handy klopft, an wen diese adressiert ist, wird noch der Clou des Abends werden und die Feierlaune im Freundeskreis endgültig zunichte machen. Regisseurin Anne Lenk, eines der vielen neuen Gesichter, die Martin Kušej in Wien präsentiert, brachte gestern am Burgtheater Sally Potters Stück „The Party“ zur deutschsprachigen Erstaufführung.

Die britische Filmemacherin hat ihr tragikomisches Kino-Kammerspiel aus dem Jahr 2017 mit Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz und Timothy Spall (www.theparty-derfilm.de) selbst für die Bühne adaptiert, zum hörbaren Amüsement des Publikums, Lenk und Dramaturgin Sabrina Zwach sich neun Tage vor der Nationalratswahl naheliegende Querverweise auf österreichische Politquerelen jedoch erspart. Man belässt’s bei very british, und dass die Inszenierung auch so zündet, hat wohl in erster Linie mit den hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern zu tun, bis auf Christoph Luser alle „alte Mann/Frauschaft“, und damit, dass Brexit-Boris Johnson auch hierzulande medial allgegenwärtig ist.

Die Story, die Sally Potter erzählt, ist eine grausame, zeigt sie doch, wie schnell das liberale Idyll „of what is morally right and politically left“ aus der Balance kippen kann, wenn Persönliches beginnt, das Politische zu unterminieren. Die Zuschauer sind zu Gast auf einer Party zu Ehren von Janet, die eben zur Gesundheitsministerin des sozialdemokratischen Schattenkabinetts gewählt wurde (die im Englischen gegebene Ambiguität „Party = Fest + Partei“ geht im Deutschen verloren), und in deren Verlauf drei von vier Paaren ihre Beziehung in Schutt und Asche legen werden.

Eingeladen haben Janet und ihr Ehemann, der Antikenexperte Bill: Janets längst gediente Freundin April, die seit Studientagen revolutionären Aktionismus dem Parlamentarismus vorzieht, und ihren Lebensgefährten, den esoterisch angehauchten Lebenscoach Gottfried; das lesbische Ehepaar Jinny und Martha, von denen erstere gerade erfahren hat, dass sie dank In-virto-Fertilisation mit Drillingen schwanger ist – mit ausschließlich Buben; sowie den ein wenig aus der Labour-Art schlagenden Slim-Fit-Banker Tom und seine Frau Marianne, die eben erst zu Janets engster Mitarbeiterin avanciert ist. Diese Marianne allerdings wird in den gesamten 90 Minuten Spielzeit nicht physisch auf der Bildfläche erscheinen, denn …

Das großartige dreigeschossige Bühnenbild: Regina Fritsch, Markus Hering, Peter Simonischek und Barbara Petritsch im Wohnzimmer, oben: Katharina Lorenz auf dem Weg zur Wohnungtür. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Partykrise: Barbara Petritsch, Dörte Lyssewski, Peter Simonischek und Regina Fritsch, oben: Christoph Luser in der Küche. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Fürs nun Folgende hat Bühnenbildnerin Bettina Meyer eine grandiose Kulisse erdacht, das Innere eines bereits Gebrauchsspuren aufweisenden Hauses auf drei Ebenen, unten das Wohnzimmer mit Bills wandfüllender Vinylsammlung und ein schwarzgekacheltes Badezimmer, in der Mitte die Küche und ein Ankleideraum, oben der Flur, der zum Eingang führt. In diesem Setting ist es eine originelle Idee von Anne Lenk, beispielweise April auf Etage zwei die Haustür öffnen zu lassen, während Jinny aber auf Etage drei eintritt, oder Tom ins imaginäre Bad auf Etage drei zum Koksen zu schicken, obwohl er sich eigentlich im Waschraum Etage eins befindet. Derart sind nicht nur fast filmisch schnelle Schnitte möglich, sondern werden die Situationen, denen Sally Potter ihre Figuren aussetzt, auch auf witzige Weise miteinander verbunden.

Mit dem Ensemble des Burgtheaters ist es naturgemäß ein Leichtes, aus Potters übertrieben holzschnittartig entworfenem Personal dreidimensionale Charaktere zu formen, Menschen zwischen Eigensinn und Eigennutz, über deren mit trockenem Humor vorgebrachte kleine Heucheleien und mittelgroße Lügen man in Komplizenschaft lachen kann. Zur nicht und nicht aufkommen wollenden guten Laune, kann man nur sagen: Stimmung geht anders! Aber die Anwesenden sind allesamt zu intellektuell, zu vernunftgesteuert für Ausgelassenheit, diese bourgeoisen Bohemiens, die gern gutbürgerlich leben, alldieweil sie im linken Gedankengut schwelgen.

Als ultimativer Partycrasher erweist sich Bill mit seiner schockierenden Feststellung, todkrank zu sein und die ihm verbleibenden Monate mit seiner Geliebten verbringen zu wollen. Peter Simonischek spielt Bill als geistesabwesenden Schallplattenaufleger, dessen Herzenswärme für Janet im Zuge ihrer Wahlkampftour, bei der er ihr – welch emanzipatorischer Traum! – den Rücken freigehalten hat, vollends erkaltet ist. Köstlich, wie er Janets machtstreberische Suaden schon auswendig kennt und die Worte hinter ihr nachäfft. Wenn aber Simonischeks Bill etwa bedauert, dass Janet „seit Jahren nichts mehr an mir bemerkt“, dann sind das die Momente, an denen Gags und Situationskomik zurücktreten, und der Spaß auf Messers Schneide steht.

Durch Bills und sich plötzlich aneinanderreihende weitere Geständnisse gerät das Geschehen aus den Fugen. Konflikte brechen auf, Ängste tauchen auf. Die Partygäste sehen auf einmal ihre Korrumpier- und philanthropische Haltbarkeit verhandelt, mit verheerender Feuerkraft – und, apropos: es befindet sich eine Pistole auf der Bühne – treibt man einander zum Äußersten, wobei man in Höchstgeschwindigkeit die drängenden Themen der Zeit durchdekliniert, die Krisen des Sozialstaats, vom schleichenden Demokratieverlust des Westens über Fehler im Gesundheitswesen bis zu Heuschreckenbanken und dem frauenpolitischen Stillstand. „Manchmal muss man so tun als ob“, konstatiert Janet. „Das hat für die Partei und für dich als Person nicht funktioniert“, erwidert Martha.

Lebenscoach Gottfried will Bill unterstützen: Markus Hering und Peter Simonischek, hinten: Katharina Lorenz. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Katharina Lorenz und Barbara Petritsch als lesbisches Ehepaar Jinny und Martha. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Tom kämpft mit einem Geheimnis und seinem schwachen Magen: Christoph Luser mit Dörte Lyssewski und Regina Fritsch als April. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dörte Lyssewski gestaltet die Janet mit Merkelscher Topffrisur und hart am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hin- und hergerissen in ihrer frauenschicksalhaften Doppelfunktion als Ministerin und Hausmütterchen wechselt sie flugs zwischen dem Belegen von Brötchen und dem Zu-Papier-bringen von Parteireden. Dass ausgerechnet ihr Ehemann zu einem Privatarzt gegangen ist, weil der alle Tests „zack, zack, zack“ erledigt hat, der Kassenarzt hingegen erst in zwei Wochen den ersten freien Termin gehabt hätte, ist für Janet ein schwerer Schlag, fürs Publikum ein mit Applaus bedachter Scherz.

Lange vor den Figuren selbst, sieht dieses deren Fassaden in sich zusammenfallen. Die Doppeldeutig- wie Doppelzüngigkeit häuft sich, der Rauch der im Ofen verbrannten Pasteten durchzieht das Haus, und Regina Fritsch als nie um einen zynischen Spruch verlegene April nennt Martha im Streit „eine erstklassige Lesbe, aber eine zweitklassige Denkerin“. Das kann Barbara Petritschs Martha, diese eine Professorin für Gender Studies, so freilich nicht stehen lassen, doch ist sie zu sehr mit der dauerkotzenden Jinny beschäftigt, und ihrer Furcht davor, ihre Zweierromanze zum fünfköpfigen „Kollektiv“ aufzustocken, um sich eine gepfefferte Replik überlegen zu können.

Der Eskalation ist noch nicht Genüge getan, es wird noch eine Champagnerflasche über einen Schädel gezogen und die Pistole gezückt und mit ihr geschossen werden. Die Gewaltspirale schraubt sich höher, als sich herausstellt, dass Bill seine Schäferstündchen in Marthas Appartement absolviert hat – hysterischer Ausraster Janet. Dies ein Liebesdienst in alter Verbundenheit, waren doch Bill und Martha auf der Uni kurz Sexpartner – aggressiver Ausraster der von Katharina Lorenz als kindlich wirkende, aber ein Kraftweib seiende verkörperten Jinny, weil „in Martha schon einmal ein Mann war“.

Und während Fritschs April den von Markus Hering dargestellten gutmütig-hilfsbereiten Tropf Gottfried in Permanenz disst, egal ob’s um seinen spleenigen Tanzstil oder seine Glaubenssätze von der Wahrheit als Lebenskonzept geht, bevor sie ihm eine Heirat anbietet, weil’s ihnen beiden mit ihrer Beziehungskiste immer noch besser geht, als dem Rest der Gruppe, hat Christoph Lusers Tom seine Nase endlich aus dem weißen Pulver gezogen. Er offenbart vor Anspannung schwitzend und von Weinkrämpfen geschüttelt, dass Bills Pantscherl seine Frau Marianne ist. Allein, Bill ist nicht der einzige mit dem Marianne eine Affäre hat …

„The Party“ in Anne Lenks Regie ist nicht zum Schenkelklopfen lustig, sondern eine satirisch auf pointierte Zwischentöne setzende Abhandlung darüber, wie schnell als liberal verbuchte Zivilisationsgewinne verpuffen, wenn’s den moralisch hochgetunten handelnden Personen ans Eingemachte geht. Die bös-stichelnde Aufführung am Burgtheater ist ein sinistres Vergnügen, bei dem es angesagt ist, einmal die eigenen Überzeugungen zu belächeln. Eine unterhaltsame Abwechslung zu den irrwitzigen Nachrichten, die Europa gewiss schon morgen wieder aus London zu erwarten hat.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Beale Street

März 7, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Liebesfilm als Statement gegen Rassismus

Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James) sind verliebt, doch der junge Bildhauer muss bald ins Gefängnis. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Nicht allüberall war Freude darüber, dass die so genannte Antirassismus-Komödie „Green Book“ den Oscar für den besten Film bekam, ungeteilt war hingegen jene für Regina King, die als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde – nachdem sie für ihre Rolle als Sharon Rivers bereits bei den Golden Globes und den Independent Spirit Awards zur Preisträgerin auserkoren worden war. „Beale Street“ heißt der Film, in dem sie spielt, ab 8. März im Kino.

Und, nachdem sich Regisseur Barry Jenkins 2016 mit „Moonlight“ von Null auf 100 als starke, schwarze Leinwandstimme etablierte, dessen aktuelle Adaption eines Romans der von der „Black Lives Matter“-Bewegung  der Vergessenheit entrissenen Schriftstellerikone James Baldwin. Baldwins Roman „If Beale Street Could Talk“ erschien im Jahr 1974. Darin schildert er die Geschichte des jungen Liebespaares Tish und Fonny aus Harlem, deren Glück grenzenlos scheint, bis Fonny der Vergewaltigung einer Frau aus Puerto Rico beschuldigt wird. Eine Tat, die der 22-jährige Bildhauer nicht begangen haben kann, weil er zu der Zeit gar nicht vor Ort war – doch Hauptsache, Polizei und Staatsanwaltschaft können einen Schuldigen präsentieren. Umso einfacher, wenn der schwarzer Hautfarbe ist. Als Fonny ins Gefängnis kommt, das vermeintliche Opfer ist längst nach Hause geflüchtet, stellt Tish fest, dass sie schwanger ist. So macht sich Tishs Mutter Sharon auf nach Puerto Rico, um die Fonny anklagende Frau zu suchen.

Tish gibt als Erzählerin den Ton vor, ihre Off-Kommentare passen sich gefühlvoll der subjektiven Prosa der literarischen Vorlage an. Die Atmosphäre ist der Blues, Original-Schwarzweiß-Bilder eines Gordon Parks oder Jack Garofalo aus dem Harlem der 1970er-Jahre kontrastieren mit den Filmaufnahmen, wobei die Kamera von James Laxton die bis zur Kindheit zurückreichenden Rückblenden in helleres Licht taucht, während er über die Gegenwart dunkle Schatten legt. Dies Hin und Her funktioniert perfekt, wenn Tish sich korrigiert oder etwas verdeutlichen möchte, etwas, das sie zuvor vergessen hatte, zu erwähnen.

Tishs Eltern tanzen in Vorfreude aufs Enkelkind: Sharon (Oscar-Preisträgerin Regina King) und Joseph (Colman Domingo). Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Sharon (Regina King) fliegt nach Costa Rica, um das Vergewaltigungsopfer zu suchen und um eine neue Aussage zu bitten. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Barry Jenkins hat einen bedächtigen Film geschaffen, James Laxton die radikale Schönheit und die überbordende Musikalität Baldwins in hypnotische Bilder übertragen. Wie der Roman im Rhythmus an ein komplexes Jazzarrangement erinnert, so ist auch der Film subtil, eindringlich, konzentriert. Und ganz ohne gängige Empörungsmuster bedienen zu müssen, gibt Jenkins ein kraftvolles Bekenntnis gegen staatliche Willkür ab. Die Themen Rassenhass und Diskriminierung sind allgegenwärtig, auch in Nebenfiguren wie Daniel, der zwei Jahre wegen Autodiebstahls einsitzen muss, obwohl er nachweislich nicht fahren kann.

Dass diese Übung romantische Love Story vs gewaltbestimmte Realität gelingt, ist nicht nur dem Respekt des Regisseurs vor James Baldwin, sondern in hohem Maße den Darstellern zu danken. Vor allem KiKi Layne als Tish und Regina King als Sharon verleihen ihren Figuren jenseits jedes Abgleitens in den Pathos eine Integrität, einen stillen Stolz, eine Würde, die einen anrührt. Wenn die Mutter erahnt, was ihr die Tochter sagen will, nämlich, dass sie Fonnys Kind erwartet, genügen den beiden Blicken, um den Betrachter wissen zu lassen, dass sich hier keine Familienkatastrophe, sondern die Freude über ein großes Glück anbahnt.

Wenn Tish von ihrem Job als Parfüm-Mädchen in einem Nobelkaufhaus berichtet, sie sprüht sich den gewünschten Duft auf die Hand, weiße Männer schnüffeln daran, dann ist ihr wohl klar, dass man sie hier als Quotenschwarze angestellt hat. Doch Baldwin, und mit ihm Barry Jenkins, zeigen auch immer wieder Weiße mit Zivilcourage. Dave Franco als jüdischer Hausbesitzer Levy, der als einziger weit und breit bereit ist, an Schwarze zu vermieten. Finn Wittrock als Fonnys Rechtsanwalt Hayward, der den Fall erst gelangweilt übernimmt, bis er, entsetzt über das Fehlen jeglicher Gerechtigkeit, sich geradezu hinein verbeißt. Doris McCarthy als Besitzerin eines kleinen, italienischen Lebensmittelgeschäfts, die Fonny vor einer gefährlichen Rauferei bewahrt.

Fulminante schauspielerische Leistungen zeigen auch Colman Domingo als Tishs Vater, Michael Beach als Fonnys Vater – und selbstverständlich Stephan James als Fonny. Wie er leise verzweifelt die Zerstörung eines Mannes hinter Gittern zeigt, ist beklemmend gut gemacht, im Gesicht die Spuren von Schlägen, Jenkins auch in diesen Sequenzen so fein- wie scharfsinnig, denn darüber zu sprechen, erlauben sich die Protagonisten nicht.

Am Set – Levy will Tish und Fonny ein Loft vermieten: Dave Franco, Stephen James, Regisseur Barry Jenkins und KiKi Layne. Bild: © Tatum Mangus/Annapurna Pictures

James Baldwin liebte das Kino. Und John Wayne. „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“ Dieses Zitat stammt aus Raoul Pecks Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378), der als Ergänzung zu „Beale Street“ sehr zu empfehlen ist. Zeigt Peck doch den kämpferischen Autor, dessen klarsichtige Gesellschaftsanalysen seine Gegner regelmäßig verstummen ließen.

Zeigt den Vorkämpfer der 1970er-Bürgerrechtsbewegung, der seine Homosexualität erstaunlich offen lebte, und wegen beider „Vergehen“ ins Visier des FBI geriet. Bei dtv macht man sich um Baldwin-Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ sind bereits erschienen, ebenso der Essayband „Nach der Flut das Feuer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32270), für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung, ein Buch, in dem Baldwin in unverschlüsselter Deutlichkeit einen schwulen Hauptcharakter etabliert.

Während Raoul Peck seiner Doku aktuelle Fakten beifügt, Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, Ferguson, Baltimore, Charleston …, bleibt dieses Mittel der Fiktion natürlich verwehrt. Und dennoch versteht es auch Barry Jenkins, klarzustellen, woher der Wind immer noch weht. Wenn er als weißer Sturm die Schicksale derer in Trümmer legt, deren einziges Verbrechen es ist, schwarzer Hautfarbe zu sein.

bealestreet.movie

7. 3. 2019

Burgtheater: Hiob

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …

Herr, du schufst den Löwen und das Lamm: Peter Simonischek ist Mendel Singer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Schallplatte im Kopf läuft ständig dieses „Widiwidiwidi widiwidiwidi bum!“, was nicht verwunderlich ist, wandelt sich Mendel Singers „schreckliches Lied“ in der Regie von Christian Stückl doch zur klischeebehafteten Anatevka-Angelegenheit. Das Burgtheater hat den Oberammergauer Passionsspielleiter eingeladen, am Haus Joseph Roths Roman „Hiob“ auf die Bühne zu heben, und der Mann fürs Grob-Religiöse greift dermaßen in die Vollen, von Schläfenlocken über Kippa bis Tallit Katan, dass die Frage nicht ist, ob das sein muss, sondern, ob diese Karikatur ostjüdischen Lebens schlechterdings sein darf.

Dass ihm zur Textfassung von Koen Tachelet, die man in Wien schon inszeniert von Johan Simons bei den Wiener Festwochen und Michael Sturminger am Volkstheater gesehen hat, zu diesem so zeitlosen wie schon wieder an der Zeit-igen Weggehen-Müssen und nirgends mehr Ankommen-Können, nichts nennenswert Neues eingefallen ist, ist sträflich. In Stückls archaischer Aufführung suchen Spitzenkräfte der Burg nach ihrer Position, sie ist weder Archetyp noch Menschenwesen, sondern bestenfalls Schablone, holzschnittartig, geritzt mit je einer Eigenschaft.

Derart freilich ist einem Roth, der mit seinem mit Gott hadernden Thoralehrer eine der bewegendsten Figur der österreichischen Literaturgeschichte geschaffen hat, nicht beizukommen. Selbst, wenn ein Ausnahmeschauspieler wie Peter Simonischek all sein Herzblut in seine Rolle steckt – und dafür vom Publikum mit entsprechendem Applaus bedankt wird. Simonischeks Mendel Singer steht von Anbeginn in den Wogen des Schicksals, die Ausstatter Stefan Hageneier als Setting entworfen hat, hinten schon der für die einen Verheißungsschriftzug, für die anderen The Writing On The Wall – „AMERICA“, vorne der offenbar unvermeidliche Kofferhaufen der Diaspora; die Musik von Tom Wörndl natürlich Klezmer-Klänge mit klagender Klarinette. Und er betet, der selbstgerechte Rechtgläubige, memoriert die Heilige Schrift, während sich hinter ihm sein bevorstehender Exodus schon ankündigt. Ein Zeichen der Widduj, ein Schlagen auf die Brust, ein Emporrecken der Arme, ein wenig Schockeln im Takt der Psalmen – Stückl lässt auch punkto Bewegungsmuster kaum eine konnotierte Geste aus.

In einer erschreckenden Szene wollen die Geschwister Menuchim ertränken: Tino Hillebrand mit Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In God’s Own Country wird gern getanzt: Regina Fritsch, Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Immerhin, Simonischek rettet seinen Mendel vorm Unerträglich-Sein, indem er aus ihm einen Unerträglichen macht, einen grantigen, gottergebenen, anderen gegenüber süffisanten Mann, dem man keiner Familie als Vater wünscht, später, von Amerika „zerschmettert“, irregeleitet in dem Hochmut, anzunehmen, er sei der einzige, den der Herr straft – und im nunmehrigen Unglauben so eifrig wie davor im Glauben, so dass er seinen persönlichen Messias gar nicht zu erkennen vermag.

Einiges hätte sich daraus zum Thema Fundamentalismus herleiten, hätte sich über Vaterland und Muttersprache oder übers Verhaftet-Bleiben im Altherbrachten sagen lassen, der Dramaturg Florian Hirsch schreibt im Programmheft unter dem Titel „Losing My Religion“ auch lesenswert über „Heimatverlust und Flucht, uferlose Einsamkeit und die vergebliche Suche nach Aufklärung über die letzten Dinge“, aber ach …

Rund um Simonischek hat man sich aufs Hersagen der Sätze als wären’s Bibelverse verlegt. Regina Fritsch gibt Mendels Frau Deborah als knarzige Alte mit Glasscherbenstimme, zänkisch aus Verzweiflung, Stephanie Dvorak die Tochter Mirjam als personifizierte Hysterie.

Deren psychischer Zusammenbruch schließlich gar nicht mehr verwundert. Christoph Radakovits und Oleg Tikhomirov sind als Söhne Schemarjah und Jonas beziehungsweise Amerikaner Mac – und Stückl hat hier weder auf Cowboystiefel noch Stetson vergessen – anwesend, Hans Dieter Knebel, Peter Matić und Stefan Wieland als diverses Volk und Freunde nicht einmal das. So bleibt es Tino Hillebrand als Menuchim überlassen, sich in Charaktergestaltung zu versuchen. Er tut es mit einigem Geschick, wie eine Puppe, die sich von den Mitspielern bewegen lässt, ein Sprachberaubter, der zu den Seelenverwerfungen der anderen nicht mehr als zucken kann.

Ausdrucksstarkes Spiel: Tino Hillebrand als Menuchim mit Regina Fritsch als Deborah. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mendel Singer schwört mit brennendem Eifer Gott ab: Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist eine von drei nennenswerten Szenen, wenn Hillebrands Menuchim, als „Krüppel“ nicht in God’s Own Country gelassen, geheilt und zum berühmten Komponisten geworden, den Vater aufsucht – und statt Wiedersehensfreude die Distanz der Jahre, der Geschehnisse, der Kontinente zwischen den beiden steht, so dass man sich nicht einmal zu umarmen weiß. Auch am zweiten starken Bild hat Hillebrand Anteil, unerwartet und schockierend, als die Geschwister den behinderten Bruder ertränken wollen. Und schließlich Simonischek in einem Moment der Heiterkeit, wie er im Neuen Jerusalem – New York kurz à la Satchmo singt.

Joseph Roth schrieb seinen „Hiob“ 1929 in Paris, wo er sich zehn Jahre später zu Tode getrunken hatte. Und wenn er in seiner unsentimental-sublimen Sprache über bevorstehende Pogrome und Soldatenschrecken schreibt, dann hat der Pazifist, Moralist, Antifaschist die Zukunft Europas gewohnt luzide vorweggenommen. Von diesem Geist ist an der Burg kaum etwas zu spüren. Bleibt zum bitteren Ende, das Buch Hiob zu zitieren: „… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …“

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  1. 2. 2019

Akademietheater: Die Glasmenagerie

Februar 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großes Schauspielertheater ohne allen Schnickschnacks

Statt possierliche Glastierchen bizarre Flaschenwesen: Sarah Viktoria Frick als Laura. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Tennessee Williams, das ist immer ein wenig Mondlicht und Magnolien. Die verblühten Südstaatenbelles in ihren duftigen Kleidern, umweht von einem Hauch Limonenlimonade, die sie herbeisinniert zuvorkommenden Verehrern kredenzen. Ein Schicksal, so unwillkommen wie unumgänglich – und kein Ausgang nirgendwo …

Nicht so spielt die aktuelle Inszenierung der „Glasmenagerie“ von David Bösch am Akademietheater. Wenn hier etwas weht, dann der Atem des Neorealismo. Bösch zeichnet ein „Tatsachenbild“ im besten Sinne André Bazins; er holt Tennessee Williams in die Gegenwart ohne ihm irgend Gewalt anzutun, diese Wirkung auch ein großes Verdienst der Stückfassung von Jörn van Dyck, doch er lässt ihm seinen Nostalgiezauber dort, wo es in seiner Arbeit auch noch Sinn macht.

Austragungsort der Familienkonflikte ist eine heruntergekommene Mansarde, ein schäbiger, grauer Dachboden, kaum möbliert (Bühne: Patrick Bannwart). Man hat hier nicht schon „bessere Zeiten“ erlebt, man befindet sich tatsächlich in ärmlichsten Verhältnissen, die Mutter, die ihren Vergangenheitstraum träumt, die verkrüppelte, arbeitslose Tochter und der Lagerarbeiter-Sohn, den es zwecks Weltflucht ins Kino zieht. Die Glasmenagerie besteht nicht aus possierlich-filigranen Tierchen, sondern ist aus Flaschen und Flügeln derb-hässlich zusammengeschraubt. Und damit fast so bizarr wie ihre Besitzerin.

Bösch zeigt großes Schauspielertheater ohne allen Schnickschnacks. Er gibt seinem vierköpfigen Ensemble Platz, sich zu entfalten, und das nutzt ihn reichlich. Regina Fritsch gibt die Amanda Wingfield weniger gluckenhaft-versponnen als eine, die die Fäden beisammen halten möchte. Wie sie ihre erwachsenen Kinder bis hin zum Essen maßregelt, macht deutlich, wer in dieser Runde die Beherrschende ist. Und geht’s einmal nicht nach ihrem Willen, schnappen Stimme wie deren Besitzerin am Abschlag über. Ihre absichtsvolle Theatralik ist Mittel zu Tyrannei und Terror.

Ein Kartenspiel sagt mehr als tausend Worte: Sarah Viktoria Frick als Laura, Regina Fritsch als Amanda Wingfield und Merlin Sandmeyer als Tom. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Dem entziehen können sich weder Sarah Viktoria Frick als Tochter Laura, noch Merlin Sandmeyer als Sohn Tom. Immerhin Erzähler Tom ist ein Aufbegehren möglich, bevor er in die Fremde ziehen wird. Sandmeyer versteht in diesen Momenten sehr schön, das Schicksal seiner Figur präsent zu halten, wiewohl es doch deren vorgesehene Aufgabe ist, hinter dem der Frauen zurückzutreten. Frick ist als Laura eine Bösch’sche Idealbesetzung, und so ganz anders als erwartet.

Gar nicht zart und schüchtern und hilfsbedürftig, steht sie bockig in ihren Klumpfußschuhen für ihre Art zu leben ein. Als die Mutter fragt, wie sie sich dieses denn vorstelle, nickt sie mit dem Kopf zu ihrem Glaskarussell. Will da etwa eine ein Glasmenageriegeschäft eröffnen? Es sind derlei kleine Gesten, ein leiser, hintersinniger Humor, mit denen Bösch dem Tennessee-Williams-Text seinen Stempel aufdrückt. Ein pantomimisches Kartenspiel sagt alles über die Konstellationen im Hause Wingfield, eine angedeutete Geschwister-Allianz, ein Einhorn-Schatten wird zum Pegasus und hebt ab, wie auf den Sterntaler regnet’s in einem Glücksmoment durch die offene Dachluke Goldschnipsel auf Laura herab …

Dann Auftritt Jim O’Connor, der Katalysator. Martin Vischer spielt den „netten, jungen Mann“ als solchen, seine Höflichkeit dadurch motiviert, dass Laura ihn noch als Highschoolhelden und dortigen Musicalstar kannte. An der Realität ist dieser Jim nicht weniger gescheitert als alle anderen, doch versteht er es, nach einer poetischen Tanzeinlage à la Astaire, die Reißleine zu ziehen, bevor die Sache mit Laura zu heiß wird. Man ist nicht einmal sicher, ob er die Verlobte Betty dazu nicht auch erfunden hat.

Mit dem Highschool-Jahrbuch: Martin Vischer als Jim O’Connor und Sarah Viktoria Frick als Laura. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Doch Böschs Laura hat sich selbstermächtigt, sie wird sich nicht mehr in ihre Fantasiewelt zurückziehen. Im Regen, der nun durch die Luke strömt, wird sie sich ihr altes Leben abwaschen, und auch wenn sie danach wieder mit Mutter am Kartenspieltisch sitzt, macht ihr Zittern deutlich, dass sich etwas in ihr bewegt. Laura, nicht zerstört, sondern neu, weder der Vergangenheit noch der Gunst von Männern ausgeliefert, sondern im Aufbruch gegriffen. So macht man Tennessee Williams heute.

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  1. 2. 2018

Akademietheater: Ludwig II.

Oktober 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Meyer brilliert als Bayernkönig

Das Ende im Starnberger See: Markus Meyer ist als Ludwig II. ganz großartig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und immer noch großes Kino ist „Ludwig II.“ am Akademietheater. Fast ein Jahr nach der Uraufführung hat die Inszenierung nichts an Kraft eingebüßt. Kraft, Bastian, der Regisseur des Abends, hat den Monumentalfilm von Luchino Visconti in einer reduzierten, komplexen Fassung auf die Bühne gebracht. In der Titelrolle überragend ist Markus Meyer. Das Dreamteam, das schon mit „Dorian Gray“ glänzte, macht aus einer ausgeklügelten Multimediaversion des Historiendramas eine beklemmende Psychostudie des Bayernkönigs und gleichzeitig ein Porträt seiner Zeit und Zeitgenossen.

Neben Meyer agieren Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner ganz großartig. Allesamt sind sie Majestäten in weißen Roben mit langen weißen Schleppen. Den 1973 erst von den Produzenten von vier auf drei Stunden gekürzten, dann von der Zensur verstümmelten Film über den „Märchenkönig“ fürs Theater zu adaptieren, ist an sich eine unlösbare Herausforderung. Kraft gelingt die Übung in weniger als zwei Stunden  – und wie.

Weder verzichtet er auf Viscontis Opulenz, wenn auch in anderer, heutiger Ästhetik, die Protagonisten und ihre Dekadenz in gleißendes Licht getaucht, während rund um sie Finsternis ist (Bühne: Peter Baur), noch auf die etwa zwei Dutzend Schauspieler, die der italienische Filmtitan für sein Opus Magnum bemühte. Auf der Bühne braucht er nur drei Darsteller, um Krönung, Wahnsinn und Fall Ludwigs zu illustrieren, auf der Leinwand aber ist Meyer als sein gesamter Hofstaat, Mutter, Bruder, Beichtvater … zu sehen. In wunderbaren Masken entwirft er das Kaleidoskop einer Gesellschaft, die ihrem Herrscher nicht nur Gutes wollte.

Unter einem schräg über der Spielfläche hängenden, riesigen Spiegel tritt Markus Meyer als der soeben gekrönte König auf. Ganz in weiß gewandet besteigt er ein weißes Podest und ergibt sich gerade einmal 18-jährig seiner neuen Aufgabe: „Von heute an gehört dein Bild nicht mehr dir selbst. Es gehört der Welt“. Diesen so wahren, wie resignativ gesprochenen Satz wird Kraft am Ende noch einmal unterstreichen, indem er in Sekunden-Geschwindigkeit alle möglichen Szenarien, Vorstellungen und Vorurteile, die „mediale Spiegelung“, die Abbildung einer ganzen Epoche stellvertretend auf den Körper des Königs projiziert. Da war dieser schon nackt und auf dem Weg in den Starnberger See, wie schnell könnte alles gesagt sein, doch davor gilt es das Psychogramm eines sensiblen, an Politik wenig interessierten Monarchen zu erkunden, der ein von Verfolgungswahn geplagter, von seiner Regierung in die Enge getriebener und schließlich zum Selbstmord bereiter Wahnsinniger wird.

Markus Meyer mit Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In ihrer Exzentrik einer des anderen Spiegelbild: Regina Fritsch als Elisabeth, Markus Meyer als Ludwig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zu Meyers exzeptioneller Performance gibt Regina Fritsch eine kühle, verhärmte, bisweilen intrigante Kaiserin Elisabeth, die im jungen König dennoch zarte Gefühle entfacht, einer des anderen Spiegelbild in ihrer Exzentrik, und Johann Adam Oest einen durchtriebenen, geckenhaften Richard Wagner, der seinen ergebenen Gönner um viel Geld und Verstand bringt. „Das Leiden an der Welt gehört zu Ihnen“, sagt er an einer Stelle und fordert sein Opernhaus. Bayreuth.

Die wahre Leistung der Inszenierung ist die Ausführung des restlichen Personals: Hier liefern Markus Meyer und Kostümbildnerin Dagmar Bald gemeinsam mit dem für die Videozuspielungen zuständigen Jonas Link ein veritables Wunder ab: Meyer in nicht weniger als einem Dutzend Rollen – von Wagners späterer Frau Cosima über Ludwigs Kurzzeit-Verlobter Sophie bis hin zu Graf Dürckheim oder Josef Kainz (diese Szene, für die sich Meyer unter die Zuschauer begibt, besonders eindrücklich, der Burgstar in Bedrängnis, der schizophrene König, der einen „Romeo“ und keinen Menschen erleben will) -, die wahlweise auf den riesigen Spiegel oder die weißen Schleppen der Schauspieler projiziert werden und somit als bedrohliche Über-Ichs die Handlung vorantreiben. Ein Kniff, der staunen macht und sich über den gesamten Abend nicht abnützt.

Auf Film als Ludwigs gesamter Hofstaat – Beichtvater, Minister, Mutter, Bruder: Markus Meyer (Hintergrund) mit Regina Fritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aus Viscontis Vorlage übernommen hat Kraft hingegen die Vernehmungsszenen von Ludwigs Umfeld, die im Film wie auf dem Theater dessen geistigen Verfall zu Protokoll geben. Die Spielfilmhandlung wird nämlich mehrfach durch Momente unterbrochen, in denen Darsteller vor einem schwarzen Hintergrund direkt in die Kamera blicken und über König Ludwig und sein Verhalten wie bei einer Zeugenaussage sprechen.

Hierzu hat Kraft eine Metaebene eingebaut, die mit wenigen Worten auch die komplizierte Entstehung und die Rezeptionsgeschichte des Films miteinbezieht. „Ich habe diesen Film wieder und wieder gesehen“, heißt es da, oder „Der Film hat zwölf Millionen Deutsche Mark verschlungen“ – in den 1970er-Jahren noch eine Unsumme.

Am Ende bleibt Ludwig in diesem Spiel mit all seinen Reflexionsebenen ein Geheimnis. Man sieht ihn in Großaufnahme beim Abschminken. Die Höflinge, Verwandten und Diener – alles nur Fassade. Unter all den Masken war ein blasser, scheuer, unglücklicher Mensch verborgen. Entblößt umarmt, besteigt er eine überlebensgroße, weiße Ludwig-Statue, hängt ihr den inzwischen von der Tinte seiner irren Dekrete und wahnwitzigen Entwürfe befleckten Mantel um, um dann im See – einem winzigen Viereck – unterzugehen, langsam, im Spiegel zu sehen, bis schließlich auch der Haarschopf verschwindet. Ein eindrucksvoller Schluss, der einem buchstäblich den Atem raubt.

www.burgtheater.at

30.10.2017