Akademietheater: Ludwig II.

Oktober 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Meyer brilliert als Bayernkönig

Das Ende im Starnberger See: Markus Meyer ist als Ludwig II. ganz großartig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und immer noch großes Kino ist „Ludwig II.“ am Akademietheater. Fast ein Jahr nach der Uraufführung hat die Inszenierung nichts an Kraft eingebüßt. Kraft, Bastian, der Regisseur des Abends, hat den Monumentalfilm von Luchino Visconti in einer reduzierten, komplexen Fassung auf die Bühne gebracht. In der Titelrolle überragend ist Markus Meyer. Das Dreamteam, das schon mit „Dorian Gray“ glänzte, macht aus einer ausgeklügelten Multimediaversion des Historiendramas eine beklemmende Psychostudie des Bayernkönigs und gleichzeitig ein Porträt seiner Zeit und Zeitgenossen.

Neben Meyer agieren Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner ganz großartig. Allesamt sind sie Majestäten in weißen Roben mit langen weißen Schleppen. Den 1973 erst von den Produzenten von vier auf drei Stunden gekürzten, dann von der Zensur verstümmelten Film über den „Märchenkönig“ fürs Theater zu adaptieren, ist an sich eine unlösbare Herausforderung. Kraft gelingt die Übung in weniger als zwei Stunden  – und wie.

Weder verzichtet er auf Viscontis Opulenz, wenn auch in anderer, heutiger Ästhetik, die Protagonisten und ihre Dekadenz in gleißendes Licht getaucht, während rund um sie Finsternis ist (Bühne: Peter Baur), noch auf die etwa zwei Dutzend Schauspieler, die der italienische Filmtitan für sein Opus Magnum bemühte. Auf der Bühne braucht er nur drei Darsteller, um Krönung, Wahnsinn und Fall Ludwigs zu illustrieren, auf der Leinwand aber ist Meyer als sein gesamter Hofstaat, Mutter, Bruder, Beichtvater … zu sehen. In wunderbaren Masken entwirft er das Kaleidoskop einer Gesellschaft, die ihrem Herrscher nicht nur Gutes wollte.

Unter einem schräg über der Spielfläche hängenden, riesigen Spiegel tritt Markus Meyer als der soeben gekrönte König auf. Ganz in weiß gewandet besteigt er ein weißes Podest und ergibt sich gerade einmal 18-jährig seiner neuen Aufgabe: „Von heute an gehört dein Bild nicht mehr dir selbst. Es gehört der Welt“. Diesen so wahren, wie resignativ gesprochenen Satz wird Kraft am Ende noch einmal unterstreichen, indem er in Sekunden-Geschwindigkeit alle möglichen Szenarien, Vorstellungen und Vorurteile, die „mediale Spiegelung“, die Abbildung einer ganzen Epoche stellvertretend auf den Körper des Königs projiziert. Da war dieser schon nackt und auf dem Weg in den Starnberger See, wie schnell könnte alles gesagt sein, doch davor gilt es das Psychogramm eines sensiblen, an Politik wenig interessierten Monarchen zu erkunden, der ein von Verfolgungswahn geplagter, von seiner Regierung in die Enge getriebener und schließlich zum Selbstmord bereiter Wahnsinniger wird.

Markus Meyer mit Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In ihrer Exzentrik einer des anderen Spiegelbild: Regina Fritsch als Elisabeth, Markus Meyer als Ludwig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zu Meyers exzeptioneller Performance gibt Regina Fritsch eine kühle, verhärmte, bisweilen intrigante Kaiserin Elisabeth, die im jungen König dennoch zarte Gefühle entfacht, einer des anderen Spiegelbild in ihrer Exzentrik, und Johann Adam Oest einen durchtriebenen, geckenhaften Richard Wagner, der seinen ergebenen Gönner um viel Geld und Verstand bringt. „Das Leiden an der Welt gehört zu Ihnen“, sagt er an einer Stelle und fordert sein Opernhaus. Bayreuth.

Die wahre Leistung der Inszenierung ist die Ausführung des restlichen Personals: Hier liefern Markus Meyer und Kostümbildnerin Dagmar Bald gemeinsam mit dem für die Videozuspielungen zuständigen Jonas Link ein veritables Wunder ab: Meyer in nicht weniger als einem Dutzend Rollen – von Wagners späterer Frau Cosima über Ludwigs Kurzzeit-Verlobter Sophie bis hin zu Graf Dürckheim oder Josef Kainz (diese Szene, für die sich Meyer unter die Zuschauer begibt, besonders eindrücklich, der Burgstar in Bedrängnis, der schizophrene König, der einen „Romeo“ und keinen Menschen erleben will) -, die wahlweise auf den riesigen Spiegel oder die weißen Schleppen der Schauspieler projiziert werden und somit als bedrohliche Über-Ichs die Handlung vorantreiben. Ein Kniff, der staunen macht und sich über den gesamten Abend nicht abnützt.

Auf Film als Ludwigs gesamter Hofstaat – Beichtvater, Minister, Mutter, Bruder: Markus Meyer (Hintergrund) mit Regina Fritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aus Viscontis Vorlage übernommen hat Kraft hingegen die Vernehmungsszenen von Ludwigs Umfeld, die im Film wie auf dem Theater dessen geistigen Verfall zu Protokoll geben. Die Spielfilmhandlung wird nämlich mehrfach durch Momente unterbrochen, in denen Darsteller vor einem schwarzen Hintergrund direkt in die Kamera blicken und über König Ludwig und sein Verhalten wie bei einer Zeugenaussage sprechen.

Hierzu hat Kraft eine Metaebene eingebaut, die mit wenigen Worten auch die komplizierte Entstehung und die Rezeptionsgeschichte des Films miteinbezieht. „Ich habe diesen Film wieder und wieder gesehen“, heißt es da, oder „Der Film hat zwölf Millionen Deutsche Mark verschlungen“ – in den 1970er-Jahren noch eine Unsumme.

Am Ende bleibt Ludwig in diesem Spiel mit all seinen Reflexionsebenen ein Geheimnis. Man sieht ihn in Großaufnahme beim Abschminken. Die Höflinge, Verwandten und Diener – alles nur Fassade. Unter all den Masken war ein blasser, scheuer, unglücklicher Mensch verborgen. Entblößt umarmt, besteigt er eine überlebensgroße, weiße Ludwig-Statue, hängt ihr den inzwischen von der Tinte seiner irren Dekrete und wahnwitzigen Entwürfe befleckten Mantel um, um dann im See – einem winzigen Viereck – unterzugehen, langsam, im Spiegel zu sehen, bis schließlich auch der Haarschopf verschwindet. Ein eindrucksvoller Schluss, der einem buchstäblich den Atem raubt.

www.burgtheater.at

30.10.2017

Burgtheater: Liebesgeschichten und Heiratssachen

April 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Schweinsgalopp durchs Nestroy-Stück

Nicht nur Ex-Fleischhauer Stefan Raab hat ein fahrbares Sofa: Regina Fritsch als Lucia Distel und Gregor Bloéb als Florian „von“ Fett. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach der Jubel-Trubel-Heiterkeit beim Schlussapplaus zu urteilen, hat sich das Burgtheater mit dieser Aufführung einen sicheren Publikumsliebling geschaffen. Regisseur Georg Schmiedleitner inszenierte Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ – und der Abend ist wirklich saukomisch. Die Wortwahl sitzt wie der berüchtigte Bolzen im Kopf, ist der Protagonist der Biedermeier-Posse doch ein ehemaliger Fleischselcher, der sich zum reichen Particulier emporgeschlachtet hat:

Florian Fett, neuerdings mit einem „von“. Aus diesem Umstand kann Schmiedleitner beinah drei Stunden lang Gags, Klamauk und Kalauer produzieren. Da ist eine Situation saugefährlich und ein Brief – Schriftstücke werden per rosa Plüschferkel befördert – natürlich mit Sauklaue geschrieben. Da kurvt der Hausherr mit einem fahrbaren Sofa durch sein Schloss, weil auch Stefan Raab war, bevor er endgültig privatisieren konnte … na? … na? – richtig, ein Metzgergeselle. Im Schweinsgalopp geht’s so durchs Nestroy-Stück.

Für dieses Verwechslungsliebesspiel mit drei Paaren, zwei Vätern und einem schlimmen Schlitzohr hat Volker Hintermeier eine Bühne erdacht, die sich mit den amourösen Eskapaden der Figuren im Kreis dreht. Stätten der Handlung sind ein desolates Salettl/Bar mit rotierendem roten Herz auf dem Dach, in dessen Dachboden die Band haust; der Fett’sche Salon mit Wappensau und jenen Plastikplanen als Vorhängen, die im fleischverarbeitenden Betrieb Hygienevorschrift sind; ein Mobilklo als Zufluchtsörtchen; und ein Plantschpool mit beleuchtbaren Kitsch-Flamingos. Alles atmet hier neureich oder guter Geschmack lässt sich nicht kaufen, ein sarkastisches Augenzwinkern, das Su Bühler bei ihrer Zuckerlfarbwahl und der Ausstattung der Kostüme fortsetzt – und das der Inszenierung insgesamt gutgetan hätte.

Die Wirtin hat Verständnis für die Standesdünkel des Marchese: Elisabeth Augustin und Dietmar König. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Flirt vor Flamingos: Martin Vischer wirbt in Schwyzerdütsch um Stefanie Dvoraks Ulrike. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schmiedleitner nämlich setzt aufs Outrieren als alleiniges Stilmittel. Der laute Vollgas-Lustig-Modus in den er geschaltet hat, überschmettert allerdings die leisen Töne des revolutionsbegabten Autors, seine Zwischenbemerkungen, das Halbgesagte wie das Angedeutete. Was dem Abend fehlt, ist die Nestroy’sche Doppelbödigkeit, die spöttische Subtilität, mit der der große Wiener Dramatiker seine abgeschriebenen Plots verfeinerte.

Die in die Blödheit eines Fett eingeschriebene Bösartigkeit, die lauernde Gefährlichkeit eines Nebel, das beunruhigende Unbehagen darüber, dass Intriganten, Emporkömmlinge, Wirtschaftsliberalisten … in dieser Welt das Sagen haben. Und dass sich daran von 1843 bis heute nichts geändert hat.

Was die Nestroy’schen Figuren betrifft, so gestaltet sie hier jeder nach seiner Façon und seinen Fähigkeiten in der Farce. Die Charaktere werden manchen zur Karikatur, manchmal zur Knallcharge. Gregor Bloéb ist eine – pardon, aber im Zusammenhang passend – Rampensau. Er weiß, wie er sich die Lacher abholt, wenn er seinen Florian Fett im goldenen Protzanzug mit einem vulgären Zu-Viel-An-Allem versieht.

Oder den selbstverliebten Tölpel im Versuch, alles französisch auszusprechen, nicht nur gestelzt daherreden, sondern auch wie auf Stelzen stolzieren lässt. Als Fett lässt sich’s freilich gut aufgesetzt agieren, mit einem Wort: Bloéb rockt die Burg! Regina Fritsch überzeichnet die Fett-Verwandte Lucia Distel noch stärker. Die Brille-Locken-Pillbox-Kombination, die ihr Su Bühler verpasst hat, gehört eigentlich verboten, harmoniert aber perfekt mit dem von der Vornehmheit in einen Proletenslang kippenden Ohrenschmerzorgan, wenn etwas nicht nach dem Distel’schen Willen geht.

Marie-Luise Stockinger und Stefanie Dvorak sind als Fanny und Ulrike zwei richtige Trutschn ohne besonderen Tiefgang, nur Alexandra Henkel darf als Kammerkätzchen Philippine einen eigenen Kopf und Mut zur Koketterie haben und beides auch einsetzen. Elisabeth Augustin bleibt als Wirtin zum Silbernen Rappen weitgehend unauffällig, und warum Peter Matić als ihr Wirt als tätowierter Punk-Rocker auftreten muss, hat sich, seiner Darstellung nach zu urteilen, auch ihm selbst nicht erschlossen.

Der Gewinner des Till-Lindemann-Lookalike-Contests: Markus Meyer als Nebel, Peter Matic (hi.) gibt den Rappen-Wirt als Punk-Rocker. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Vielleicht soll er ja in der Aufmachung zu Markus Meyer passen, dessen Zechpreller und Heiratsschwindler Nebel daherkommt, wie der Gewinner eines Till-Lindemann-Lookalike-Wettbewerbs. Der Nebochant Nebel, das ist bei Nestroy der Distel-Umgarner, der Fett-Um-den-Finger-Wickler, der Spielmacher und Drahtzieher – und gerade in dieser doch eigentlich Paraderolle bleibt der stets so großartige Markus Meyer seltsam blass. Ja, er macht gekonnt den Blender und Poser.

Und schrammelt auch auf der E-Gitarre. Doch weder kommen ihm die aphorismenhaften Aussprüche seiner Figur geschmeidig über die Lippen, noch scheint er am ohnedies auf zweimaligen Einsatz beschränkten Coupletgesang Freude zu haben. Martin Vischer als Kaufmannssohn Anton, Christoph Radakovits als dessen adeliger Freund Alfred und Dietmar König als wiederum dessen Vater, Marchese Vincelli, und Robert Reinagl in den Rollen diverser Bedienter sind immerhin fürs eine oder andere Kabinettstückchen gut. Der Basler Vischer probiert’s erst gar nicht mit einem ihm fremden Dialekt, sondern bleibt beim vertrauten Schwyzerdütsch. Er gibt einen herrlich korrekt-verklemmten Eidgenossen, während Radakovits das blaue Blut vor Leidenschaft in den Adern kocht.

Königs Marchese ist über die misera pleps, aus deren Klauen er seinen Sohn befreien zu müssen glaubt, ausschließlich eines – mit Taschentuch vorm Mund – angewidert. Und wenn der Vornehme stolpert und stürzt, oder ihm ins Gesicht gefurzt wird, oder seine Kehle wegen des Hausbrand des Wirten in Flammen steht, dann toben die Leut‘. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, alles dreht sich, alles bewegt sich – Zuschauer, was willst du mehr? Irgendwas mit Sinn – Tief-, Hinter-, Fein-? Na alsdann!

www.burgtheater.at

Wien, 14. 4. 2017

Raimundspiele Gutenstein: Der Diamant des Geisterkönigs

Juli 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Prinzipalin Eckert zeigt Volkstheater vom Feinsten

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Ein gütiger Geisterkönig: Karl Ferdinand Kratzl mit Annette Isabella Holzmann, Alexandra-Maria Timmel und Christoph Moosbrugger. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Wie Karl Ferdinand Kratzl den Longimanus spielt, so möcht‘ man sich den lieben Gott vorstellen. Gutmütig, solang es nach seinem Willen geht, rechthaberisch grausam, wenn nicht, ein absolutistischer Senior und nur so weit senil, dass er doch noch im rechten Moment die richtige Entscheidung trifft, was die Menschen auf den ersten Blick freilich so nicht sehen … Mit einem Wort: Kratzl ganz in seinem bekannt skurrilen Kabinettstückchen-Element.

Prinzipalin Andrea Eckert hat für das erste Jahr ihrer Intendanz bei den Raimundspielen Gutenstein dessen Zauberposse „Der Diamant des Geisterkönigs“ gewählt und zeigt damit Volkstheater vom Feinsten. Bereits im prächtigen Bleichgarten beginnt das Sommerspektakel für Leib und Seele, Picknickkörbe, Gedichte aufsagende Kinder und Blasmusik. Mit klingendem Spiel wird das Publikum ins von Edgar Tezak neu gestaltete Zauberzelt geleitet, drinnen hat Eva-Maria Schwenkel für die magischen Momente gesorgt.

Eckert legte nicht nur die Gestaltung des Bühnenbilds in weibliche Hände, sondern auch Regie, Kostüme und Maske. Während dafür Nina Ball und Regina Tichy zuständig sind, hat Cornelia Rainer inszeniert. Und zwar mit viel Gespür für Tempo und Timing. Rainer hat den Diamanten präzise geschliffen, sie setzt auf Spaß, wenn sie die Raimund’schen Figuren den Wortwitz ihres Schöpfers allzu wörtlich nehmen lässt, vergisst aber bei all dem Happysound nie auf dessen melancholische Baseline. So gelingen dem Ensemble, das mit viel Spielfreude bei der Sache ist, die lauten wie die leisen Töne.

Begleitet von der Livemusik von klezmer reloaded turnen die Darsteller durch eine gute Stube, die schon einmal bessere Zeiten gesehen hat, eine mit Kästen, Kommoden und Kredenzen vollgestopfte Wunderkammer, denn im Altmöbellager verbergen sich zwei Welten, die der Geister und die der Menschen, von Regisseurin Rainer klug ineinander verschoben und verwoben. Die Geister beobachten, kommentieren, greifen ein ins Geschehen, sie sind es, die die menschlichen Bemühungen befördern oder boykottieren.

Nach dem Tod seines Vaters, des Zauberers Zephises muss Eduard in Begleitung seines Bediensteten Florian dem Geisterkönig seine Aufwartung machen. Zephises hat eine Schatzkammer hinterlassen, nur eine wertvolle Statue fehlt, und die soll Eduard erhalten, wenn er Longimanus ein Mädchen bringt, das noch nie gelogen hat. Nach langem Suchen findet sich Amine, doch einmal gefunden will Eduard sie nicht mehr hergeben. Er hat vor, sein dem Luftherrscher gegebenes Ehrenwort zu brechen. Es folgen Irrungen und Wirrungen …

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Eduard sucht den Zauberschatz seines verstorbenen Vaters: Alexander Meile und Ensemble. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Der böse Koliphonius verwandelt den einfältigen Florian in einen Pudel: Eduard Wildner und Matthias Mamedof. Bild: © Joachim Kern/www.raimundspiele.at

Alexander Meile und Matthias Mamedof geben Eduard und Florian als ein Paar wie Tamino und Papageno. Vor allem Mamedof brilliert als einfältiger Florian, er zeigt sich nicht nur als großartiger Schauspieler und Gstanzlsänger, sondern auch als einwandfreier Akrobat – und Pudel. Zu Recht gilt seiner Leistung der meiste Applaus. Meile macht aus dem Eduard gerade so viel Elegiebürscherl, dass es immer noch sexy ist. Den beiden steht mit Annette Isabella Holzmann eine resolute Mariandl zur Seite, deren Vormachtstellung als Herrin im Haus mutmaßlich von der stolz die Unterlippe vorschiebenden Amina von Lisa Weidenmüller bedroht werden wird.

Alexandra-Maria Timmel ist Longimanus‘ unzufriedener und ergo dem Alkohol zusprechender Adlatus Pamphilius. Eduard Wildner ist erst der böse Zaubergarten-Wächter Koliphonius, dann der zwielichtige Veritatius. In dessen „Land der Wahrheit und der Sittsamkeit“ erfahren Eduard und Florian die Wirkweisen von Spitzelwesen, Staatsgewalt und Xenophobie. Rainer erlaubt sich an dieser Stelle ein paar aktuelle Bezüge, und auch, dass die Zuschauer per Handtest auf ihre moralische Unversehrtheit geprüft werden. Zum Gaudium der jeweils grad nicht drangenommenen.

„Der Diamant des Geisterkönigs“ ist ein weises Stück über die Wahrheit, die keine äußere Form, sondern ein innerer Wert ist. Andrea Eckert selbst hat sich die Rolle der Hoffnung zugeschrieben. Friedliebend und freundlich geleitet sie ihre Schützlinge auf deren Weg. Die Hoffnung, sagte die Eckert vorab im Gespräch mit mottingers-meinung.at, werde in Gutenstein in jeder Hinsicht ihre Rolle sein. Sie hat eine mit Bravour erfüllt, nämlich die auf einen samt und sonders gelungenen Theaterabend.

Andrea Eckert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19848

www.raimundspiele.at

Wien, 22. 7. 2016

Burgtheater: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

März 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen

Die Unschuldigen und "Ich" - Christopher Nell Bild: Monika Rittershaus

Die Unschuldigen und „Ich“ – Christopher Nell
Bild: Monika Rittershaus

Als gleich zu Beginn die Ruine einer Imbissstube oder Bushaltestelle oder Bedürfnisanstalt mit Getöse aus dem Boden fährt, ist klar: Hier wird mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen ans Werk gegangen. Ein Glück. Denn ohne Claus Peymann und seinen Ideenreichtum und die glänzenden Schauspieler des Burgtheaters und des Berliner Ensembles wäre dieser Abend nicht auszuhalten. Auch so fielen ringsum einige Augenpaare zu, wurde die Pause von etlichen zum geeigneten Fluchtzeitpunkt erwählt. „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ ist naturgemäß nicht Peymanns erster Peter Handke. Aber mutmaßlich noch nie musste der gewiefte Theaterfuchs so tief in die Trickkiste greifen, um gegen das autobiografische Therapieschreiben des großen Dichters anzuinszenieren.

Freilich ist der pseudopoetische Text, der drei Stunden lang an sich selbst entlangmäandert, kein ausgewiesenes Alter-Ego-Drama, und doch … eine tiefenpsychologische Nasenbohrung, eine verquatschte Nabelschau. Denn Handke entwirft sein Bühnen-„Ich“ – im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“, entwirft also sich als eine Art Wladimir ohne Estragon, der Gott an sich und der Welt im Besonderen seinen Senf beigibt. Das ist in der ersten Stunde neckisch, dann ein Spiel von der Frage, wie lange das szenisch durchzubringen ist. Peymann hat alles dazu unternommen und viel erreicht. Es ist in diesem neuerlichen Kräftemessen der beiden alten Kampfgefährten so, als würde Peymann eine Seite an Handke (er)kennen, die der selbst gar nicht so sieht: er macht den Moralisten zum Humoristen, zum sanften Satiriker am Menschsein. Und erste Kräfte stehen ihm dabei zur Seite.

Christopher Nell beschreitet als „Ich“ die lebenslangen Kalvarienbergstationen dieses anderen, autorenschaftlichen Ichs. Und er tut das umwerfend großartig. Kein Sommerbrand, kein Winterwind kann ihn aus der von Karl-Ernst Herrmann hell erleuchteten Steilkurve tragen, stets spielt er an der Kippe des Möglichen, sich selbst aufs Spiel setzend. Seine mit Kleinodien aus dem klassischen Zitatenschatzkästchen und Kirchenliedern gespickte Suada weist ihn als geschwätzig altkluges Bildungsbürscherl aus, und diesbezüglich bleibt er kein rarer Vogel, wenn er sich derart zugerüstet in Kapitalismus-, Kulturismus-, wasauchimmer-ismuskritik übt, immer noch stürmisch kollektiv-kärntnerische Erinnerungsarbeit leistet, sich am Mutter-Sohn- und weiteren Mann-Frau-Konflikten abarbeitet. „Nofretete!“ ruft er beim Anblick von Maria Happel, „heißt das nicht: Die Schönheit ist erschienen!? La beauté est apparue. La belleza e aparecida.“ Ein Schelm, wer dabei an sich selbstvergewissernde Hirnwichserei denkt. Dass Nell zu alldem ein Orchester an darstellerischen Instrumenten bedienen kann, mal im Big-Band-Sound, mal wie als Violinsolo die Gemütsregungen eines sich der Öffentlichkeit Aussetzenden durchleidet, ist große Kunst. In seinen schönsten Momente lässt der Schauspieler dessen latent allmachtsfantastische Anwandlungen durchscheinen, alles kontrollieren zu wollen, was an der Landstraße passiert. Das Genie glaubt sich zwischen Wahn und Sinn.

Und wie um nicht an sich selber zu ersaufen gibt’s deshalb Texteinsprengsel à la „Ich meines Mannes um und auf, und er mein Drum und Drauf“ (Happel als kichernd-glucksende „Wortführerin“) oder, und dies der persönliche Favorit, „Die Schnepfe des Lebens schwebt vorbei, nur ein guter Schütze kann sie fassen“ (Regina Fritsch als domina-nte „Unbekannte“). Derlei ornithologische Ausführungen lassen einen doch fassungslos zurück. Peymann zeigt dazu die Unschuldigen als an Handyfonitis leidend, was ältere Herren am heute halt so aufregt. Müsste man in Verzweiflung anfangen in Allegorien zu denken, man könnte das „Ich“ als Autor interpretieren, den „Wortführer“ als dessen Regisseur, quasi Fundi und Realo des Bühnenbetriebs, weshalb zwischen beiden auch eine existenzielle Degenfechterei stattfindet, und die „Wortführerin“, sich anbietend, anbiedernd, verletzt bis zur Vernarbung, als das Theatrale an sich. Dann bliebe für die „Unschuldigen“ die Rolle des unbedarften Publikums, der Part einer von der Künstlergeistesgröße unterstellt ahnungslosen Mehrheitsbewegung, die Masse liebt Dichte, nicht Dichter. Die „Unbekannte“ aber ist das Erklärende, Rezensierende oder zumindest sich daran Versuchende. Nur ein Gedankenspiel, während es an der Rampe more of the same und eine Handvoll Plastikkletten gab …

Martin Schwab gibt den „Wortführer“ rülpsend und Kaugummifäden ziehend mit Alt-68er-Zopferl. Er ist ein Bedeutungsgläubiger, der die Anklage führt, dass hier weder Antworten noch Informationen geboten werden, und muss sich deshalb als „ewig Heutiger“ schimpfen lassen. Das alles ist der typische Fall, wo einer oberg’scheit vor sich hin salbadert und die, die nix verstehen vorsichtshalber „Ja, ja!“ sagen, um angesichts der Großwortssucht nicht dumm dazustehen. Muss ich mir’s dort dazu denken, wo man mir nichts zu sagen hat? Von der Seite schneit es alte Fahrscheine, Rechnungen, Kinokartenabrisse, Einkaufsgutscheine, Papierschnipsel des Lebens, man kann sie an der Literaturlandstraße auflesen. Explodiert mitten im Handke-Hochamt prätentiös eine Monstranz. Stirbt die Happel mit zuckenden Beinchen den Theatertod, als wär’s eine Reminiszenz an Heinrich Schweiger als Claudius im Brandauer-Hamlet. Als schließlich mit dem Ende kein Ende gefunden werden kann, fühlt man sich in diesem Beliebigkeitskanon an Ressentiments und Räsonierereien endlich aufgenommen, das kennt man, schon die Hände zum Schlussapplaus in die Höh‘ gerungen, und doch kriegt man noch eins drauf.

Unterm Strich also: Hat Peymann Handke von seiner Bedeutungsschwangerschaft entbunden. Hat mit verschmitzter Verspieltheit den verzwickten Diskurs der Prosa/Drama-Queen applaniert. Hat den Abgehobenheitstext des weltflüchtigen nicht Wut-, sondern vielmehr Grummelbürgers geerdet. Dass das aufgrund der mangelnden Kohärenz der Vorlage eine ebenso sinnbefreite Kunstgewerbeübung ist, wie manche meinen, lässt sich so nicht sagen. Immerhin kann man sich von viel Theaterzauber behexen lassen.

www.christopher-nell.de

www.burgtheater.at

Wien, 21. 3. 2016

Akademietheater: Die Präsidentinnen

Oktober 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Entlarvung niederträchtiger Denksysteme

Stefanie Dvorak (Mariedl), Regina Fritsch (Erna), Barbara Petritsch (Grete) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Stefanie Dvorak (Mariedl), Regina Fritsch (Erna), Barbara Petritsch (Grete)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Ein Vierteljahrhundert ist seit der Uraufführung von Werner Schwabs von ihm so genanntem Fäkaliendrama „Die Präsidentinnen“ vergangen. Und keine Theatersaison ohne die drei Schreckschrauben. Zwei-, dreimal im Jahr sogar. Bei Hilde Sochor, Dirk Stermann und Christoph Grissemann war klar, dass die „Seele brennt!“ Auch Lucy McEvil, Roswitha Soukup und Lilly Prohaska als Mariedl waren im 3raum in Hubsi Kramars Regie wunderbare Präsidentinnen. Am Volkstheater wurde Miloš Lolićs Inszenierung zum Griff ins Klo: www.mottingers-meinung.at/?p=7947. Nun also David Bösch mit seiner klugen Arbeit am Akademietheater. In der Wiener Wahlwoche den Ungeist dieser Kleinkrämerinnengespenster zu beschwören, das hat was. Scheiße, wenn man so denkt und wählt – oder wie war der Spruch?

Zunächst gibt’s einmal viel zu schauen. Patrick Bannwart hat das scheußlichste Bühnenbild seit Langem entworfen. Schäbig und zugemüllt ist dieses Grusel-Kabinett, an der Rückwand der von einem Kreuz durchbohrte Schriftzug „Fuck Mother“, dazu Kalendersprüche und Fotos – auch eines vom Autor scheint dabei zu sein. Die Wohnküche als Reliquienschrein des Surrealen. Eine Marienstatue passt zu Mariedls schlussendlichem Neonröhrenheiligenschein. Die Atmosphäre atmet ewiggestrige Erbärmlichkeit. Kein Wunder, dass die Weiber hier verkommen, hier an Sprechbrechreiz laborieren. Bösch hält sich an Schwabs Vorgaben. Auch bei den Kostümen. Von Pelzhaube und Kittelschürze bis zu den Bergschuhen. Die Gesichter der Schauspielerinnen sind leichenblass. Die Untoten der Zeitgeschichte drängen in ihr Revier zurück. Schwab schrieb an gegen menschenverachtende Dummheit. Kräftige Auslassung und skurrile Wertverbindung – was kann mehr Heute sein in Österreich? Die Sprache entlarvt die Schurken. Entlarvt niederträchtige Denksysteme.

Die darstellerische Dreifaltigkeit Regina Fritsch, Barbara Petritsch und Stefanie Dvorak hat sich die geniale Sprachpartitur angeeignet. Sie sind jene, die, wie’s im Text heißt, „glauben, alles zu wissen, über alle zu bestimmen“. Leute, die keinen Widerspruch dulden. Deren Meinung in Zement gegossen ist. Sind erst die Gedanken-los, werden die Argumente weggesperrt. Regina Fritsch gibt ihre Erna mit steriler Sparsamkeit. Sinnlich ist ihr nur das Leid: Man muss dem Schicksal und der Sittlichkeit gottergeben sein; ein zwischen Belehrung und Drohung schwankendes Schlachtschiff. Dem entgegen steht die sich die Lebenslust herbeilügende Grete, Barbara Petritsch, mit falschen Perlen behängt wie ein Christbaum, die Wimpern so unecht, wie das Konstrukt, in dem sie sich eingerichtet hat. Grete wurde von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen, zuvor hatte er die Tochter missbraucht. Erna ergeht sich in Lobliedern über ihren dauertrunkenen Sohn Hermann und den papstgleich verehrten Fleischhauer Wottila, ein Analverkehrfetischist. Beide prolongier(t)en Verbrechen, weil sie deren Existenz verleugnen. Bei Fritsch und Petritsch stimmt jeder Ton. Er chanchiert zwischen gewalttätig derb und  frömmlerisch schrill. Ihr Kampf ums Wort muss zur körperlichen Züchtigung werden. Am Ende spricht das Elektromesser.

Da hat die Mariedl ihren Monolog schon hinter sich. Die gütige, reine Reinigungs-Kraft des alpenländischen Aborts. Als Schöpfungsgöttin müsste sie erst Zerstörerin des Alten sein. Doch die Alten rächen sich mordsmäßig. Auf Mariedls Wiedererweckung wird gewartet. Es gibt noch genug braune Würschtln an die oberflächliche Gesellschaft zu befördern. Stefanie Dvorak ist die triumphierende Märtyrerin, die den Schmutz der Welt „auch ohne“ Schutzhandschuhe auf sich nimmt. Dieser Schmerzensfrau in verwaschenrosa Unterbuxe gehören die Dornenkränze gewunden. Himmlisch, wie sich die Dvorak der Hölle auf Erden in die Hände spielt. Bösch hat genug inszenatorische Ideen, um dem Nichts-ist-schlimmer-als-ein-Regieeinfall auszuweichen. Nichts ist vordergründig komisch, alles ist hintergründig. Und weil’s um Exploitation geht, fließt auch noch horrorviel Blut aus der Wand. Radikalwirklich und ewigkeitsverträumt ist dieser Abend. Der offizielle Punkdramatiker Schwab hätt‘ über den Ernst der Sache laut gelacht, der inoffizielle Unglückswerner vielleicht aus Spaß sogar ein wenig geweint.

www.burgtheater.at

Österreichische Autoren und Autorinnen am Burgtheater:

Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“ www.mottingers-meinung.at/?p=14710

Wien, 5. 10. 2015