Wiener Festwochen reframed: Versuch über das Sterben

September 11, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Boris Nikitin redet über den Tod seines Vaters

Bild: Donata Ettlin

Von der „Fähigkeit, sich öffentlich zu äußern, sich vor anderen körperlich oder verbal zu exponieren, sich sichtbar und angreifbar zu machen, sich zu outen, soziale und letztlich politische Teilhabe auszuüben und dabei die eigene alltägliche Angst, und sei es auch nur ein bisschen, zu überwinden“, schreibt der Basler Regisseur und Autor Boris Nikitin Anfang Juni im Standard. Im Getriebe um die Pandemie nennt er das Teilen von Verwundbarkeit die Grundlage aller Solidarität.

„Vulner-ability“ ist der Begriff, den Nikitin dafür geprägt hat: „Nur wenn die einen von sich erzählen, können andere sagen: So geht es mir auch.“ Sagt er. Und zeigt bei den Wiener Festwochen reframed – nach „24 Bilder pro Sekunde“ zu Beginn der Woche – nun sein Solo „Versuch über das Sterben“, beide Abende basierend auf einer schmerzlichen persönlichen Erfahrung, dem qualvollen Tod seines Vaters, der 2016 an der neurologischen Erkrankung ALS verstarb.

Unheilbarkeit, körperlicher Verfall bei klarem Bewusstsein, es ist Schreckliches, mit dem Nikitin sein Publikum, und dieses Teil einer Gesellschaft, die den Tod nicht mehr in ihre Mitte lässt, ja dessen Existenz so lange es irgend geht negiert, konfrontiert, die Versuchsanordnung minimalistisch, nur er, der Text, ein Sessel. Was „Versuch über das Sterben“ ausmacht, ist die Zärtlichkeit, die bescheidene und doch nachdrückliche Intimität, mit der Nikitin berührt. Nikitin nimmt einen mit in sein Nachdenken, derart gestaltet er seine biografische Bruchstelle zum existenzphilosophischen Essay.

Die Krankheit hat kurzen Prozess gemacht, von der Diagnose bis zum Tod dauerte es knapp ein Jahr. Früh schon äußert sich der Vater über einen assistierten Suizid, er sucht den „Exit“. Eine Aussage, die alles ändert. Nikitin verbindet des Vaters Outing mit seinem eigenen Coming-Out als schwuler Mann vor zwanzig Jahren.

Monat um Monat verschiebt der Vater die Einnahme des finalen Medikaments. Sein und Nichtsein zugleich. Erste Sätze von „Versuch über das Sterben“ entstanden, als sich Nikitin gerade mit dem „Hamlet“ beschäftigt. Ausgerechnet. Die Geschichte eines Sohnes, der um den Vater trauert. Nikitin entwirft sie als sehr eigenwillige Vision über Identität, Krankheit und Wirklichkeit. Seit „F wie Fälschung“ tut er das, Wirklichkeiten verhandeln, die der Mensch herstellt, weil er sie darstellt. Immer sind seine Arbeiten auch Porträts der Performerinnen und Performer, jetzt: Seitenwechsel. Nikitin verhandelt sich selbst.

Betont beiläufig macht er das. Betritt die Halle G im MQ, steuert sein einziges Requisit an, setzt sich, liest, sachlich: was der Vater nicht mehr konnte – essen, was er noch konnte – den Kopf drehen, sehr langsam, Nikitin zeigt es vor. Sterben, sagt Nikitin, ist das Letzte, was ein Körper alleine kann. Dann der Tod. Das erste Textblatt fällt. Mehr Inszenierung ist nicht. Zumindest nicht sichtbar. Doch ein Hamlet’scher Zorn auf die Krankheit, „die Angst vor sich selbst“, „die Konditionierung im Kopf“, heißt: wenn dem Gehirn das Verlernen misslingt, das Aufbegehren gegen gesellschaftlich verhängte Schamgrenzen, hängen im Raum. Nikitin teilt den Zuschauern das Unausgesprochene mit. Dies ist seine „Vulner-ability“.

„Versuch über das Sterben“ wird so zur Utopie, zum Versuch einer Verletzlichkeit, die kein Makel im Menschsein ist, sondern eine revolutionäre Fähigkeit. Grundlage der Empathie, sagt die Hirnforschung, ist die Selbstwahrnehmung. Je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie die Empfindungen anderer deuten und darauf reagieren. In Tagen, in denen Objektifizierung wieder vielerorts das Mittel der Wahl ist, ist Nikitin, Kind ukrainisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, jenen Zeitgenossen um Lichtjahre voraus.

www.festwochen.at

  1. 9. 2020

Wiener Festwochen reframed: Farm Fatale

September 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Oz-Märchen als Öko-Manifest

Hat von seinen Bauern das Demonstrieren und den Bankraub gelernt: Gaëtan Vourc’h als Aktivistenscheuche Pécoton. Bild: © Martin Argyroglo

Nicht zu leugnen, der erste Gedanke ist: Mike Myers‘ Zombie-Apokalypse. Wie sie da besenstielsteif in den weißen Nicht-Ort stolpern, den Köpfen groteske Masken übergestülpt, die Stimmen zu gruseliger Horror-Höhe verzerrt, aus den lumpigen Latzhosen quillt an Händen, Füßen, Brustkörben das Stroh … Und davon schleppen sie noch mehr herbei, Heuballen, ein lebensgroßes Kunststoff- schwein, auf das ein Hammerklavier geklebt ist … Sie streicheln ein Vetter-It-artiges Fellwesen,

das sich noch als mysteriöser Messias entpuppen wird und lauschen andächtig dem Chor der Vogelstimmen … Und dann, schwupps, gerade dachte man noch: Wie kindisch ist das bitte?, sind sie einem ans Herz gewachsen, die fünf Vogelscheuchen, die die „Farm Fatale“ des französischen Bilderzauberers Philippe Quesne bevölkern – und mit der der Regisseur und Bühnenbildner im Rahmen der Wiener Festwochen reframed im MuseumsQuartier Quartier aufgeschlagen hat. Ein Schmunzeln umfängt die Halle G, ein Gefühl von Empathie und Mildtätigkeit, denn die „Scarecrows“ haben sich zu „Carecrows“ weiterentwickelt, die sich um alles Leben sorgen, von abgestürzten Plastikvögeln bis zu unsichtbaren Insekten.

Was ist passiert? Die Menschen haben’s vermasselt. Klimakatastrophe, Artensterben, Glyphosat, der dieses einsetzende Bauernstand erwies sich als besonders suizidal, allein blieben die Vogelscheuchen zurück. Welch Bild davon, was für den Planeten das Beste wäre, ein (menschen-)leerer Raum, die Erde reframed. Und Philippe Quesnes bizarre Pastorale voll wunderbarem Witz samt einiger eingeösterreicherter Scherzchen, diese 2.0-Version des „Zauberer von Oz“-Märchens deklariert sich derart plötzlich als Ökö-Manifest. Als radikale Geste, die Richtung: Verantwortung, Veränderung, Neuanfang, die Vogelscheuchen dabei die Strohmänner und eine -frau für Philippe Quesnes Philíppika.

Léo Gobin, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Julia Riedler und Gaëtan Vourc’h sind ins Heu geschlüpft, der Vogelgesang, wird klar, kam vom Tonband, die landwirtschaftlichen Schreckgestalten, aufgestellt zur Mehrung der wirtschaftlichen Erträge, vermissen nun schmerzlich, was sie einst verjagt haben. Da geht’s längst nicht mehr um „No birds, no jobs“, wie eine sagt, da geht’s um die Weissagung der Cree: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken …“ Die Vogelscheuche Mensch ist noch nicht solchermaßen am Ende, dass sie ihren Fehler erkennt, die Quesne-Figuren haben im zerstörten Land ihr Denkvermögen gefunden.

Chefinterviewerin Sissi: Julia Riedler mit Stefan Merki und Gaëtan Vourc’h. Bild: Martin Argyrogolo

Die Farm-Band: Léo Gobin, Damian Rebgetz, Gaëtan Vourc’h, Stefan Merki und Julia Riedler. Bild: Martin Argyroglo

Léo Gobin, Gaëtan Vourc’h, Julia Riedler, Damian Rebgetz und Stefan Merki. Bild: Martin Argyroglo

Damian Rebgetz als ehemals kleingärtnerische Dekoscheuche Russell. Bild: Martin Argyroglo

Keine Bange, so philosophisch-ernst wie es Emanuele Coccia in seiner „Bekehrung der Vogelscheuchen“ im Programmheft darlegt, ist das Theaterstillleben nicht. Die fünf sind Quesne’isch tiefenentspannte Radiomacher und zugleich die Band ihres Piratensenders, Damian Rebgetz außerdem ein wundersamer Weißclown namens Russell, der daran zu knabbern hat, dass er „nur“ die Dekoscheuche veganer Kleingärtner war. Auftritt ein Neuankömmling, Gaëtan Vourc’h als Aktivist Pécoton, der seinen Pappschild-Spruch „No Nature – No Future“ als Kampfansage vor sich herträgt, haben ihm seine Bauersleute doch neben dem Demonstrieren auch den Bankraub beigebracht, doch wohl noch nie war Aktivismus so tollpatschig, so bedächtig, so ohne jede Hast.

Freudig wird mit dem Armen gewackelt, wenn etwas gefällt, und wie großartig tragikomödiantisch die fünf spielen, zeigt sich, als sie ein ausgefallenes Headset-Mikrofon in ihre Erzählung einbauen. Atmosphärische Störungen über Wien erklärt Julia Riedler als Sissi, die Chefinterviewerin des Senders, der gemeinsam mit Stefan Merki die schönste Szene geschenkt ist: ein Talk, nachdem das Porträt genmanipulierter Karotten bei der Redaktionssitzung durchgefallen ist, ein Talk mit der letzten lebenden Biene, eine Königin ohne Volk, die nur Schwyzerdütsch spricht, weshalb Merki als Dolmetscher fungieren muss.

So anrührend kann skurril sein, wobei keine noch so aberwitzige Pointe von „To Bee or Not To Bee“ bis „Let It Bee“ verschont bleibt, zum Thema Bee-sexuality verweigert die Royal-Lady die Auskunft … Dazwischen wird musiziert, bis die Scheune brennt, Léo Gobin kann’s aber – auf der E-Gitarre schrammeln. Quesnes kleine Basisdemokratie funktioniert dank/trotz ihres naiven Charmes, mit Sanftmut und Idealismus wird an einer politischen Utopie gebaut, die Idee dem nachbarlichen Industrielandwirt mit Gewalt den Garaus zu machen, denn doch durch musikalischen „Terrorismus“ ersetzt – und wenn Stefan Merki, früher der Stolz bankrottgegangener Biobauern, singt „It’s not easy being green“, dann ist das tagesaktueller als würde einem einer mit Heugabeln und Dreschschlegeln die Botschaft einbläuen. Der surreale Scheuchenstaat hält den realen einen Spiegel vor, in dem sie sich erkennen müssen, wie Dorian Gray sich in seinem Bildnis.

Nach beinah mörderisch wird’s mystisch. Die Vogelscheuchen sind nicht nur die Konservatoren aller Geräusche der Natur, sie sind die Hüter jener Eier, die der mechanisch bewegte Flokati legt, in ihnen die Anlage für unzählige Spezies, die bunt leuchtenden Keimzellen ein Hort diversester Arten, gepflegt mit dem Saft der wertvollen Matsutake Pilze – und schon legt die pelzige Kreatur ein neues … Wie und was bleibt rätselhaft, und gerade das macht den tagträumerischen Reiz des Abends aus. In Oz wünscht sich die Vogelscheuche Verstand, ihre Nachfahren wollen, dass wir den unseren einsetzen.

www.festwochen.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=TeG7sRRCx-0           vimeo.com/327260662

  1. 9. 2020