Theater Nestroyhof Hamakom: Zu ebener Erde und im tiefen Keller

Dezember 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Freizeitgesellschaft für alle Workaholics

Der französische Sozialist Paul Lafargue mit seiner Ehefrau und Karl-Marx-Tochter Laura beim Tango de la mort: Hubsi Kramar und Jaschka Lämmert. Bild: © Marcel Koehler, 2019

Während das Publikum noch zwischen vorweihnachtlichem Negroni oder doch dem klassischen Glas Rotwein schwankt, sich vielleicht auch über den ausgesprochen zuvorkommenden Service freut, laufen auf den Videowänden schon erste Filme schwer schuftender Menschen. Traditionell im Dezember hat sich das Theater Nestroyhof Hamakom wieder in Sam’s Bar verwandelt, und einer deren freundlicher Keeper ist selbstverständlich Schauspieler Florian Haslinger.

Der einem beginnend mit Zitaten von Oscar Wilde über Sully Prudhomme, seines Zeichens französischer Lyriker und Philosoph und erster Literaturnobelpreisträger, bis Boris Becker Sinn und Zweck des Abends beibringt. „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ heißt die von Hausherr Frederic Lion erdachte Inszenierung, eine Gegenüberstellung des Prinzips Arbeit mit der Abscheu vor ebendieser, ein buchstäbliches Gegeneinander-Ausspielen von Adam Smiths Schrift „Wohlstand der Nationen“ aus dem Jahr 1776 versus Paul Lafargues Spottpamphlet „Das Recht auf Faulheit“ von 1880. Zwei visionäre Texte – und auch zwei fantastisch verstaubte Sackgassen, deren Abschreiten einen durch die gesamte Architektur des Hamakom führt.

Wobei bei dieser performativen Bildbeschreibung dem Kapitalismus nur das Parterresein, dem Kommunismus hingegen nur noch die Katakomben bestimmt sind. Und so erklimmt Haslinger als sozusagen Adam Smith die Bühne, und versucht als deklarierter „Vater der Nationalökonomie“ wie ein Evangelist des Liberalismus und per Balken- und anderen Grafiken seine Theorien zu erklären. Die da wären, den Ursprung allen Wohlstands in der menschlichen Arbeit zu sehen, weshalb durch Anheizen der Produktivität auch dieser ansteigen werde. Heiß und kalt überläuft es einen, wenn der schottische Aufklärer vorrechnet, wie ein Hackler kaum mehr als eine Nadel pro Tag fertigen könne, aber bei Arbeitsteilung … und ruckzuck ist der Wettbewerbler bei schwindelerregenden 48.000 Stück und schnell steigen einem nicht nur die Grausbirn‘ auf, sondern auch Fließbandbilder, die eintönig vorbeirasenden „Modern Times“.

Das Schlagwort von der „unsichtbaren Hand“ hat Smith postuliert, und während Darsteller Haslinger gerade ausführt, der Mensch sei seinem Wesen nach träge, denn „der Mensch trödelt gewöhnlich ein wenig“, versagt der freien Marktwirtschaft die Technik, stockfinster wird’s im Saal, bis eine Handvoll mit Stirnlampen ausgerüstete Performerinnen und Performer die Zuschauer aus der misslichen Lage erlöst. Sie sind aus dem Augustin-Team, sind über dessen 11% K.Theater zur Kultur gekommen und schreiben wie das Ehepaar Traude und Rudi Lehner für die Rubrik „KulturPASSage“, oder wie Christian Sturm im „Dichter Innenteil“. Es ist tatsächlich der schönste Teil der Aufführung, nach dieser mit den Augustin-Akteuren ins Gespräch zu kommen, ein Gedankenaustausch über Lebenspläne und Werdegänge und die Umleitungen, auf die man geschickt wird.

Geld regiert die Welt: Florian Haslinger erklärt Adam Smiths ökonomische Theorien. Bild: © Peter Katlein

Die Lafargues vor dem gemeinsamen Selbstmord: Jaschka Lämmert und Hubsi Kramar. Bild: © Peter Katlein

Laura Lafargue mit der Grammophonstimme ihres Mannes: Jaschka Lämmert. Bild: © Marcel Koehler, 2019

Der Kommunist im Keller: Hubsi Kramar als Paul Lafague auf der Publikums-Borschtsch-Tafel. Bild: © Peter Katlein

Zuvor freilich geht’s vom Jugendstilsaal in den Backsteinkeller, an hoher, langer Tafel wird Borschtsch serviert, der Alkohol braucht schließlich eine Unterlage, also Eintopf schlürfen und aufmerksam lauschen. Wenn Hubsi Kramar und Jaschka Lämmert als Paul Lafargue und dessen Ehefrau und Karl-Marx-Tochter Laura seine Ideen exemplifizieren, die mitwirkenden Augustinerinnen und Augustiner in diesen Szenen das Salz in der Suppe. Wunderbar, wie sie zu Lukas Goldschmidts Akkordeonklängen den Tango als Totentanz schwofen, Kramar und Lämmert ohnedies auf Leiche geschminkt, denn die Lafargues werden sich mittels Selbstmords von dieser Welt verabschieden. In einer hinterlassenen Notiz steht zu lesen: „Gesund an Körper und Geist, töte ich mich selbst, bevor das unerbittliche Alter mir eine nach der anderen alle Vergnügungen und Freuden des Daseins genommen und mich meiner körperlichen und geistigen Kräfte beraubt hat …“

Auf dem Höhepunkt derselben allerdings ist Kramars Lafargue kämpferisch, der französische Sozialist und Konsumkritiker, der Schwiegervaters Marxismus in seiner Heimat zur Parteigründung verhalf, der auf Kuba geborene, „Mulatte“ geschimpfte Manifesthalter, der die kapitalistische Ideologisierung des Begriffs Arbeitsmoral ablehnte, als dessen Grundübel er die Überproduktion sah. Es hat etwas Bemerkenswertes, wenn der Mitstreiter der Ersten Internationalen vor dem aufgepinseltem Antlitz des „bärtigen und sauertöpfischen Gottes“ – meint er den Allmächtigen oder den Arbeiterbewegten? – die Bergpredigt Christi zitiert: Sehet die Lilien auf dem Felde … Es wirkt absonderlich, wenn Laura/Lämmert am Grammophon Frauenrollen runterkurbelt, die Qualwahl zwischen entweder naturverbunden-gesunde Gebärmaschine oder hohlwangig-ausgelaugte Fabrikarbeiterin.

„O jämmerliche Fehlgeburt der revolutionären Prinzipien der Bourgeoisie!“, so Lafargue in seinem „Recht auf Faulheit“, und ist der philosophischen Auseinandersetzung im Hamakom eins vorzuhalten, dann dass einem Frederic Lion die weibliche Perspektive vorenthält. Ob nun Laura Lafarge tatsächlich keine eigenständige Meinung hatte oder ihr keine zugebilligt wurde, auch Marxisten sind Machos, so ist Wien doch die Stadt des Erdarbeiterinnenaufstands, der ersten Frauendemonstration in Österreich, der am 23. August 1848 in der sogenannten „Praterschlacht“ blutig endete.

Traditionell im Dezember wird der Jugendstil-Theatersaal umfunktioniert zu Sam’s Bar, wo’s außer Programm auch Cocktails und Snacks gibt. Bild: © Nick Mangafas

Sagt Lion darauf angesprochen, politische Theaterabende können nicht jede rundum glücklich machen, so fordert alldieweil Kramar als grau gepuderter Untoter Lafargue den Drei-Stunden-Tag und Zeit für flotten Müßiggang für des Tages Rest, und weil Smith davor die Leistungsstärke der Maschine gelobt hat, fällt einem zum Computerzeitalter ein, dass vor allem wichtig, dass die Workstation werktätig ist, der Mensch an der Tastatur hastet schon irgendwie hinterher.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagen die Bibel und August Bebel, sagen Adolf Hitler und die Stalin-Verfassung, wer’s aber tut, belohnt sich mit von eben jener Wirtschaft, die er mit seiner Arbeitskraft befeuert, künstlich erzeugten Konsumbedürfnissen. Hinauf und zurück in Sam’s Bar, wo zwischenzeitlich die Titanic wie der Teufel an die Wand gemalt worden ist, ein Symbol für den gemeinsamen Schiffbruch aller Klassen, und man fragt sich, wie eine Lafargue’sche Freizeitgesellschaft der Smith’schen Workaholics funktionieren kann, prognostizieren Zukunftsforscher doch erstere, bei gleichzeitiger unternehmerischer Erwartung, der Arbeitnehmer möge via Neuer Medien twentyfourseven erreichbar und einsatzbereit sein.

Derart gibt einem „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ zu denken, die Nestroy-Paraphrase im Nestroyhof, die Localposse, in der auch der Volksdichter zeigt, wie schnell ein Schiff sinken und man von der Beletage im Souterrain landen kann.

www.hamakom.at           augustin.or.at

  1. 12. 2019

Hunger.Macht.Profite.

Oktober 29, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Filmtage zum Recht auf Nahrung

Food Speculator Bild: VPRO.nl, Backlight, Kees Brouwer

Food Speculator
Bild: VPRO.nl, Backlight, Kees Brouwer

Sechs Bundesländer – 16 Veranstaltungsorte – 28 Filmvorführungen mit drei Filmbrunchs und einer Sneak Preview – mehr als 60 ImpulsgeberInnen bei den Filmgesprächen: Am 6. November starten in Wien, Vorarlberg, Niederösterreich, Kärnten, Steiermark, Oberösterreich die Filmtage zum Recht auf Nahrung „Hunger.Macht.Profite.6“.Aus Essen lässt sich reichlich Profit schlagen – die Zocker an den Rohstoffbörsen werden immer erfinderischer, treiben für ihren Profit Nahrungsmittelpreise drastisch in die Höhe und damit Menschen in den Hunger. Gleichzeitig verschärft sich der Preiskampf im Lebensmittelhandel, die Profitmargen der ErzeugerInnen schwinden, der Druck auf die ArbeitnehmerInnen steigt.Die Filmtage Hunger.Macht.Profite. zeigen im November 2013 zum 6. Mal kritische Filme über unser Agrar- und Ernährungssystem, die Ungerechtigkeiten und Profiteure sichtbar machen. Die Auswirkungen sind für alle klar zu sehen, die sehen wollen. Der Profit, der mit diesen Ungerechtigkeiten gemacht wird, ist versteckt.

Zum Programm: www.HungerMachtProfite.at

Die Filme:

The Food Speculator

von Kees Brouwer, Backlight – VPRO (Niederlande 2011, deutsch untertitelt)

Regisseur Kees Brouwers begibt sich selbst in die Rolle eines Lebensmittelspekulanten. Eine Forschungsreise, die uns an Plätze wie die Straßen von Tunesien und an die Rohstoffbörse von Chicago führt.

Kurzfilm Nahrungsmittelspekulation

Wie wird mit Nahrungsmitteln spekuliert, welche Gefahren birgt es und was deshalb geschehen muss.

The Carbon Rush

von Amy Miller (Kanada 2012,  deutsch untertitelt)

„Grüne“ Projekte in Honduras, Panama oder Indien erhalten Emissionszertifikate für die Aufrechnung von Schadstoffbelastungen, die sonstwo erzeugt wurden – mit welchen Auswirkungen?

Eine Handvoll Zukunft – Ein Jahr mit der Gartenkooperative ortoloco

von Sonja Mühlemann und Jeanne Woodtli (Schweiz 2012,schweizerdeutsch)

Sie säen, jäten, ernten. Denn sie wollen wissen, woher das Gemüse kommt, das vor ihnen auf dem Teller liegt. Über 100 GenossenschafterInnen zählt die regionale Gartenbaukooperative Ortoloco in Dietikon.

Kleine Bauern – Große Bosse

von Oda Lambrecht und Lutz Ackermann (Deutschland 2013, deutsch)

Viele BäuerInnen klagen über steigende Abhängigkeiten und Verschuldung. Grund ist die gestiegene Konzentration in der Branche, nur wenige Großkonzerne bestimmen den Markt.

Kurzfilm GAP-Video: Die Zukunft unseres Essens steht auf dem Spiel! In diesem Moment wird eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) diskutiert.

Future Farmer Films: Kurzportrait des 26-jährigen Moritz Schäfer, der in Deutschland einen konventionellen Betrieb übernahm und ihn heute biologisch bewirtschaftet.

Land Rush

von Hugo Berkeley und Osvalde Lewat (Mali 2012, deutsch)

Ackerland wird immer knapper. Investoren schauen sich längst nach landwirtschaftlich nutzbaren Flächen außerhalb ihrer eigenen Staatsgrenzen um. Viele Entwicklungsländer stehen vor einem Dilemma.

Nicht gut genug

eine ORF-Am Schauplatz Produktion von Ed Moschitz (Österreich 2012, deutsch)

Ist eine Frucht zu dick, dünn, oder gar unförmig, kommt sie nicht ins Geschäft. So landen tausende Tonnen einwandfreier Lebensmittel, die KonsumentInnen angeblich nicht wollen, im Müll.

Essen im Eimer: Die große Lebensmittelverschwendung

von Valentin Thurn (Deutschland 2010, deutsch)

Die Doku begibt sich auf der Suche nach den Ursachen und findet ein weltweites System, an dem sich alle beteiligen. Die systematische Überproduktion wirkt sich verheerend auf das Weltklima aus. Aber es geht auch anders: Weltweit versuchen Menschen, die irrsinnige Verschwendung zu stoppen.

Sachamanta

von Viviana Uriona (Argentinien/Deutschland 2012, deutsch untertitelt)

In Argentinien betreiben bäuerliche und indigene Gemeinschaften ihre eigenen Radiostationen, schaffen so ein Gemeinschaftsgefühl und stärken den Kampf gegen Landraub und Unterdrückung.

Die Strategie der krummen Gurken – Gartencoop Freiburg

von Sylvain Darou und Luciano Ibarra (Deutschland 2013, deutsch)

Der Film dokumentiert die politischen Motivationen und die Praxis der Kooperative, indem er die AkteurInnen der Gartencoop zu Wort kommen lässt.

Edible City: Grow the Revolution

von Andrew Hasse und Carl Grether (USA 2011,deutsch)

Edible City, die essbare Stadt, ist eine betriebsame Reise in die Good Food-Bewegung. Das Spektrum der porträtierten AktivistInnen, Initiativen und engagierten BürgerInnen zeigt, wie jeder Mensch zum Wandel unseres Nahrungsmittelsystems beitragen kann.

Spielorte und -termine:

Vorarlberg:Filmforum Bregenz im Metrokino,Artenne Nenzing, Spielboden Dornbirn

Wien:Top Kino

Niederösterreich:Purgstall an der Erlauf, Cinema Paradiso St.Pölten, Miniplex Mank, Steinakirchen am Forst

Kärnten:Demeterhof Kraindorf, Alte Burg Gmünd, Filmstudio Villach

Steiermark:Filmzentrum im Rechbauer Kino Graz

Oberösterreich:Moviemento Linz, Local-Bühne Kino Freistadt, Arbeiterkammer Braunau, Kino Ebensee

http://hungermachtprofite.blogspot.co.at/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=uem2ceZMxYk&list=PLA092AA40FEA4D4EA&feature=player_embedded#t=0

Wien, 29. 10. 2013