The Sisters Brothers

März 13, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der amerikanische Goldrausch als Kapitalismuskritik

The Sisters Brothers: Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli (John C. Reilly) suchen ihren nächsten Hinzurichtenden. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Nun also ist entdeckt, was die Männer des Westens taten, während sie wochenlang durch die Weiten der Prärie ritten. Sie führten hochphilosophische Gespräche zu Pferd. Zumindest machen das Charlie und Eli Sisters so im Film „The Sisters Brothers“, der am Freitag in die Kinos kommt. Der französische Regisseur Jacques Audiard legt mit seiner Leinwandadaption des zynischen Romans von Patrick deWitt ein Meisterwerk vor, das es versteht, ein Genre bis ins kleinste Detail zu bedienen.

Und gleichzeitig auszuhebeln. Man mag Audiards Blick auf die Welt der Goldschürfer und Kopfgeldjäger, auf deren Schießereien, Saufgelage und Bordellbesuche, einen europäischen nennen, gab’s doch sowohl bei den Césars als auch in Venedig die Auszeichnung für die beste Regie. In den USA indes waren „The Sisters Brothers“ kein Box Office Hit – trotz der Starbesetzung Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, John C. Reilly, Riz Ahmed und Rutger Hauer. Die Zeit ist 1851, der Ritt geht von Oregon nach Kalifornien, und auch an die Final Frontier klopft allmählich hartnäckig die Moderne.

Schon die erste Szene macht die Figuren klar, Charlie und Eli Sisters lassen einem Grüppchen von ihnen Verfolgter die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, in diesem Gefecht werden keine Gefangenen gemacht, denn die Brüder sind Killer im Auftrag eines ominösen Commodore – Rutger Hauer, der nicht immer kurz und mitunter auch schmerzhaft beseitigen lässt, wer ihm im Weg steht. Das ist bei Charlies und Elis nächstem Job der Chemiker Hermann Kermit Warm, der ein Verfahren entwickelt hat, eine schwer ätzende Flüssigkeit, die das Erkennen von Gold im Wasser erleichtert, und die der Commodore natürlich in die Finger kriegen will.

Jake Gyllenhaal als sinnsuchender, melancholischer Detektiv John Morris. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Großartig grindige Westernstadt: Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) reitet in Mayfield ein. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Deshalb hat er bereits den Detektiv John Morris auf dessen Fährte gesetzt, er soll Warm aufspüren, damit die Sisters dann die Formel aus ihm herausfoltern können. Morris und Warm werden jedoch Freunde und Geschäftspartner und setzen sich ab. Charlie und Eli nehmen die Verfolgung auf und verstricken sich auf ihrem Weg in immer blutigere, aber auch skurrilere Händel. Wobei anzumerken ist, dass deWitts Buch um einiges brutaler ist als die Filmbilder, die einem sowohl eine traumatisierende Zahnzieh-Szene als auch den qualvollen Tod eines von einem Bären schwerverletzten Pferdes ersparen.

Bei Audiard darf es eher beiläufig sterben, weitere Schrecken finden in der Ferne, im Halbdunkel oder ganz außerhalb der Leinwand statt. Sehr unamerikanisch für diese uramerikanische Kunstform. Joaquin Phoenix spielt Charlie, John C. Reilly Eli Sisters, beide Outlaws schon etwas angegraut und daher auf der Sinnsuche nach einer Existenz ohne den rauchenden Colts. Für Audiard die perfekte Vorlage, um seine motivgetreue Erzählung mit einer Hinterfragung gängiger Männlichkeitsklischees zu unterfüttern. Was ihm mit einem gewissen Augenzwinkern ausgezeichnet gelingt.

Ist der Aufbruch hartgesottener Machos Richtung ihrer femininen Seite doch schon im Titel festgelegt. Während sich derart der sensible und grüblerische Eli immer mehr nach einem gewaltfreien Leben sehnt, ergibt sich Charlie allzu oft dem Suff und stürzt sich darob in Raufereien. Wie Phoenix den besoffenen, unberechenbaren Psycho gibt, ist freilich eine Glanzleistung, übertroffen allerdings von der Reillys – der es übrigens auch war, der das Projekt gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Produzentin Alison Dickey, angestoßen hat. In einer anrührenden Szene bittet er eine Prostituierte um ein Rollenspiel mit Damenschal, wovor sich das Mädchen erst fürchtet, bevor sie erkennt, wie seelisch angeschlagen das starke Geschlecht, das da vor ihr – naja – steht, ist.

Eli ist es auch, der dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ist. „Musstest du dieses Gespräch jetzt so ins Banale ziehen?“, fragt er einmal den Bruder. Dann wieder startet er einen ersten Versuch mit Holzzahnbürste und Zahnputzpulver, allein, wie er das mysteriöse Instrument im Gemischtwarenladen entdeckt und bestaunt, spielt Reilly komödiantisch großartig, auch, wie er die mit Zeichnungen versehenen Instruktionen zum Gebrauch studiert. Später begeistert er sich im Sündenbabel San Francisco über ein Wasserklosett – „ein bisschen Komfort in unsicheren Zeiten“, stellt er dazu fest. Und während sich als Settings von Schlamm verschmutzte Städte, eigentlich Ansammlungen enger Bretterbuden, und einer wuchtigen, wilden Landschaft abwechseln, sieht man in einem Albtraum Elis den sadistischen Vater, dem schließlich Charlie den Garaus machte. Revolverhelden mit grauenhafter Kindheit also.

Shootout Showdown: John Morris (Jake Gyllenhaal), die Sisters Brothers (Joaquin Phoenix und John C. Reilly) und Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Dieser gebeutelten Familienbande stellt Audiard ein nicht minder als krisenhaft gezeigtes Paar gegenüber: Jake Gyllenhaal als melancholischer Schöngeist John Morris, auch er ein Sinnierer übers Dasein an sich und seines im Besonderen, der sich mit dem eigentlich auszuliefernden Hermann Kermit Warm in Diskussionen über die ideale Gesellschaft begibt. Will Warm doch mit dem zu erwartenden Gewinn eine basisdemokratische Enklave in Texas finanzieren.

Der britische Schauspieler Riz Ahmed, dessen Eltern aus Karatschi nach Großbritannien gekommen sind, verkörpert Warm, der „Fremde“ im Wortsinn ein warmherziger Mensch, dessen Vorstellungen eines sozialistisch geprägten Landes staunen machen. Eine sehr zeitgemäße Kapitalismuskritik, die Audiard noch verstärkt, als die Sisters Brothers am Claim von Warm und Morris eintreffen, und Charlie, von der Gier übermannt, die finale Katastrophe auslöst …

Jacques Audiards Charakterdrama mit komischen Einsprengseln (an dieser Stelle sei noch Rebecca Root als mörderische(r) Mogul in dem nach ihm/ihr benannten Kaff Mayfield erwähnt) und wunderbarem Dialogwitz ist das Beste, das dem Western seit Langem passiert ist. Hervorragend inszeniert und gespielt, in den ausgestellten Themen nahe am Heute. Dass es ausgerechnet der Utopist, der politische Visionär mit den gepflegten Umgangsformen ist, der mit seinem Beitrag zum Goldrausch das Gute will und dabei das Böse schafft, gibt einem zu denken. Der idealistische Vertreter eines Demokratieverständnisses, Gegner von im übertragenen Sinne Globalisierung und Konzerntyrannei, muss anno 2019 naturgemäß scheitern.

www.wildbunch-germany.de/movie/the-sisters-brothers

  1. 3. 2019

Volksoper: Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit

Juni 13, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hohepriester des Glamrock

Drew Sarich als Antonio Vivaldi und Morten Frank Larsen als Kardinal Ruffo mit dem Jugendchor der Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist schwer, etwas zu schreiben, wenn ringsum alles ständig in frenetischen Jubel ausbricht. Aber ehrlich, „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“, das ist, als wäre die Wallgasse explodiert, und große Brocken davon hätten die Währinger Straße applaniert. Die Neuerfindung BaRock-Oper ist nicht einmal ein One-Hit-Wonder, einfach, weil nicht einer drin ist. Christian Kolonovits hat einen wabernden Soundteppich komponiert.

Achtziger-Jahre-Glamrock-Bombast, aus dem ab und zu ein Stückl Vivaldi hervorlugt. Die vier Jahreszeiten, meist der – Achtung, doch ein Ohrwurm – Frühling, weil der ja aus Werbung und Fahrstühlen bestens bekannt. Dazu hat Angelika Messner ein Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Libretto verfasst. Es ist ein Glück, dass es in Brocken oft edle Einschlüsse gibt, und als ein solcher entstieg Drew Sarich der musikalischen Tonnenlast und brachte die Volksoper zum Funkeln.

Die Handlung von „Vivaldi“ ist nicht nur ein Mix aus Fakt und Fiktion, sondern gleichsam die Skript gewordene Matrjoschka-Puppe: Es gibt nicht eine Klammer, sondern zwei. Eine venezianische Girl Group kommt nach Wien, wo Vivaldi 1741 gestorben ist, um die Partitur zur mysteriösen „Fünfen Jahreszeit“ zu suchen. Stattdessen findet sich ein Tagebuch von Paolina Girò, Vivaldis Haushälterin und Schwester seiner Muse und großen Liebe Annina. Die Mädchen lesen – und treffen auf einen gealterten Vivaldi, der Goldoni seine Lebensgeschichte erzählt, damit der daraus ein Theaterstück macht. Wirklich war Goldoni zwei Mal Librettist für Vivaldi – und beide Male ging’s nicht ohne Reibereien ab.

Vivaldis Lebensbericht beginnt bei seinen Jahren als Wunderknabe, Priesterweihe, Leitung des Mädchenorchesters des Ospedale della Pietà, die Girò-Schwestern, Ruhm, Hochmut, Fall – weil seine Musik im Laufe der Jahre aus der Mode kam, Rom, Demütigung, Wien in Hoffnung auf den Kaiser, der stirbt erst, dann Vivaldi. Goldoni ist dem Geschehen zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwie abhanden gekommen. Aber die Mädchen! Haben erkannt! „Die fünfte Jahreszeit“ sind … na? na? – genau! Dass sich das Ganze allem Anschein nach bierernst nimmt, macht die Sache nicht besser, eine tatsächlich witzige Szene von halbnackten römischen Kardinalen in der Sauna (in der sich „heiß“ sehr günstig auf „Schweiß“ reimt) wirkt dadurch wie ein Fremdkörper.

Rebecca Nelsen (Annina Girò), Drew Sarich (Antonio Vivaldi). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Pfeifer (Carlo Goldoni / Kaiser), Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Rebecca Nelsen (Annina Girò), Julia Koci (Toni / Paolina Girò), Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der historisch belegte Umstand, dass da ein geweihter Priester jahrelang eine ménage à trois lebte, wird als Reibefläche verschenkt. Ebenso die – nicht belegten – pädophilen Neigungen von Vivaldis Mentor Kardinal Ruffo. Auch der in Rom verlangte Sangeswettstreit Koloratursopran vs Kastrat wird nicht ausgereizt. Seufz. Mehr Steilvorlagen hat der Stoff nicht. Vivaldis Leben, lucky him, ist ungefähr so konfliktbelastet wie eine gutbelegte Quattro Stagioni. Um das wenige, das da ist zu unterstreichen, stürzt sich die Regie auf greifbare Stereotype:

Drew Sarich steigt direkt aus dem Totenkopf-Tank-Top in die Soutane. Huch, welch ein Rebel! Christoph Cremers weitere Kostüme schwelgen in grellen Pink-Gelb-Kombinationen von Minirock und Krinoline, dazu schrille Falco/Amadeus-Perücken.

Wer’s tatsächlich rausreißt, sind die Darsteller. Drew Sarich ist ein sexy Priester-Punk, der sich, wenn recht gehört, bis zum Hohen H emporschraubt. Sein spitzbübischer Charme, mit dem er den Prete Rosso ausstattet, sein Bühnencharisma sind wie immer unübertroffen. Boris Pfeifer brilliert als pfiffiger Goldoni, ein Spielmacher, der über die Bühne turnt – und in Ermangelung des echten, die Persiflage eines Kaisers gibt. Rebecca Nelson und Julia Koci sind schön stimmgewaltig als Annina und Paolina, Koci rockt als Toni auch noch als Teil der Girl Group.

Der Mädchenchor der Volksoper ist musikalisch hinreißend und teenagerzickig sympathisch. Und Countertenor Thomas Lichtenecker als Paradiesvogel-Kastrat Cafarelli holt einen im Wortsinn aus dem Sitz. Schade, dass er nur einen Song hat. Morton Frank Larsen ist als Kardinal Ruffo der sinistre Bösewicht des Stücks, allerdings erscheint die Partie für ihn ein wenig zu tief.

Der vielleicht schönste Auftritt in „Vivaldi“ ist der von Annina beim Vorsingen. Da kommt sie „verkleidet“ als große Diva, bis Vivaldi ihr sagt, sie solle die Perücke runterräumen und aus dem Fummel steigen: „Du musst dich von allen Klischees befreien!“ Was soll man sagen? Annina hat’s getan …

www.volksoper.at

Wien, 13. 6. 2017

Volksoper im Kasino: Limonen aus Sizilien

Februar 18, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Auftakt eine famose Aufführung

Eine Freundschaft: Martina Dorak, Morten Frank Larsen und Carsten Süss. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit dieser Spielzeit wird die Volksoper einmal pro Saison mit einer Inszenierung im Kasino des Burgtheaters zu Gast sein. Zeitgenössisches Musiktheater will Direktor Robert Meyer hier herausbringen, kleine Kostbarkeiten und selten gespielte Werke. Zum Auftakt ist dies schon einmal mehr als gelungen. Das Haus zeigt Manfred Trojahns „Limonen aus Sizilien“ in der Regie von Mascha Pörzgen. Das Libretto stammt von Wolfgang Willaschek.

Der hat drei italienische Geschichten zu einem Ganzen verwoben„Der Schraubstock“ und „Limonen aus Sizilien“ von Luigi Pirandello und „Eine Freundschaft“ von Eduardo De Filippo -, hat die unabhängigen Einakter mit einem roten Faden aneinandergeknüpft und so eine neue Erzählung geschaffen. In ihr geht es um die unheilvollen Liebes-, Lust- und Leidverstrickungen der Familien Fabbri und Serra. Giulia Fabbri betrügt ihren Ehemann Andrea mit Antonio Serra. Die Affäre fliegt auf, Klein Micuccio muss den Selbstmord seiner Mutter mitansehen. Herangewachsen ist er in die Opernsängerin Teresina verliebt, deren Studium er vor Jahren finanziert hat. Doch das Wiedersehen ist bitter, sie, mittlerweile Diva, will mit dem kleinen Mann Micuccio nichts mehr zu tun haben. Am Ende schließlich eilt Antonio Serras Sohn Alberto an Micuccios Sterbebett. Der schwer Verwirrte will ihn erst nicht sehen, doch als Alberto sich in Verkleidung Zutritt zum Schlafzimmer verschafft, eröffnet ihm Micuccio eine höchst unangenehme Angelegenheit: Jahrelang hatte er eine Beziehung mit Albertos Frau, er ist der wahre Vater seiner Kinder. Die Rache für den Tod der Mutter ist vollzogen.

All dies ist nicht ausschließlich Drama, sondern auch eine bissige Satire darüber, wie Menschen miteinander umgehen. Trojahns Musik kann tatsächlich Sarkasmus transportieren, kurz und heftig fährt die Dramatik im ersten Teil auf, um im zweiten ruhiger und lyrischer zu sein, im dritten setzt er auf krächzendes Chargieren um die verrückte Handlung zu unterstreichen. Trojahns Musik ist eine Verneigung vor dem Opernland Italien, das er in jungen Jahren bereist hat, eine Nähe zu Puccinis „Trittico“ leugnet der Komponist in Interviews nicht. Die Zitate sind gewitzt gesetzt, und Dirigent Gerrit Prießnitz wird diesem melodisch-humoristischen Ansatz genauso gerecht, wie den dramatisch atonalen Stellen. Ein aus den Musikern der Volksoper zusammengestelltes Kammerorchester macht, seitlich rechts im Spielraum platziert, seine Sache ganz famos.

Überhaupt, der intime, opulent verwahrloste Spielraum ist ein Glück für diese Arbeit. Er atmet Italianità wie ein altehrwürdiger Palazzo. Trojahns Ehefrau Dietlind Konold hat sich mit Bühnenbild und Kostümen befasst, mit wenigen Versatzstücken kommt sie aus, ein Bett, ein paar Stühle, eine Kleiderstange, und lässt so den Sängern Raum zu agieren. In einem Zypressenhain linker Hand tummelt sich ein bocksbeiniger Faun, ein altes Paar tanzt langsamen Walzer. Limonen kommen in jeder Episode vor, werden zu Boden geschleudert, einander an den Kopf geworfen oder geschält, und eine Kasperlhandpuppe als quasi Reminiszenz an die verlorene Unschuld der Kindheit. Trojahn und Konold verstehen sich auf die Poetik von Bildern.

Der Schraubstock: Rebecca Nelsen und Carsten Süss. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Limonen aus Sizilien: Rebecca Nelsen, David Sitka und Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das achtköpfige Ensemble weiß deren Angebot für sich zu nutzen. Es präsentiert sich nicht nur stimmlich stark, sondern geht auch mit überbordender Spielfreude ans Werk. Pörzgen hat die Charaktere fein ziseliert, sie kann natürlich im Kasino auf große Gesten verzichten und auf eine subtile Darstellung der Figuren setzen. Dabei wirkt es, als wären die Volksopern-Kräfte durch die Nähe zu ihrem Publikum wie entfesselt. Allen voran Morton Frank Larsen, der erst als feiger Liebhaber Antonio Serra, dann als nicht weniger hasenherziger Sohn Alberto sein großes komisches Talent ausspielt.

Carsten Süss wechselt vom kaltblütigen Gehörnten zu dessen merkwürdigem, ein böses Spiel spielenden Sohn Micuccio. Wenn die beiden in der dritten Episode aufeinandertreffen, geht’s gewaltig zur Sache. Im zweiten Teil ist David Sitka ein so leidenschaftlich wie verzweifelt liebender Micuccio. Rebecca Nelsen, erst als Giulia im Einsatz, verleiht der unterkühlt-distanzierten Teresina Kontur, auch stimmlich überzeugt die Sopranistin auf ganzer Linie. Ursula Pfitzner gibt Teresinas überkandidelte Tante Marta am Rand zur Karikatur.

Manuela Leonhartsberger ist das mitfühlende Dienstmädchen, erst Anna, dann Dorina. Es ist eben diese Anna, Micuccios Kindheitsvertraute, die sich als Verstorbene durch den Wald treiben lässt. Daniel Ohlenschläger lässt als Türsteher Ferdinando seinen Bassbariton erschallen. Martina Dorak interpretiert zum Schluss die Partie der Carolina, Micuccios besorgt-schusseliger Schwester, eine sizilianische Hausfrau mit Brille und Schürze, als wäre sie Eduardo de Filippos Film „Liebe, Brot und Fantasie“ entsprungen. Das Publikum dankte für die Aufführung mit viel Applaus. Die Volksoper hat ihre neue Spielstätte mit Erfolg erschlossen. Man darf gespannt sein, was hier als nächstes kommt.

www.volksoper.at

Wien, 18. 2. 2017

Theater Phönix: Er ist wieder da

November 23, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Harald Gebhartl holt Adolf Hitler wieder nach Linz

Markus Hamele, Simon Jaritz, David Fuchs, Felix Rank und Emese Fáy Bild: © Christian Herzenberge

Markus Hamele, Simon Jaritz, David Fuchs, Felix Rank und Emese Fáy
Bild: © Christian Herzenberger

In den heimischen Kinos ist Burgschauspieler Oliver Masucci zurzeit als untoter „Führer“ zu sehen www.constantinfilm.at/kino/er-ist-wieder-da.html, ab 26. November heißt es auch am Linzer Theater Phönix „Er ist wieder da“. Linz übernimmt die österreichische Bühnen-Erstaufführung nach dem gleichnamigen Debütroman von Timur Vermes. Dieser ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte, das seit seinem Erscheinen die Bestsellerlisten stürmt. Phönix-Chef Harald Gebhartl hat die Fassung geschrieben und führt Regie.

Gezeigt wird der unaufhaltsame „Aufstieg des vermeintlichen Comedians Adolf Hitler“: Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Aber unter Tausenden von Ausländern. Eine gefühlte Ewigkeit nach seinem vermeintlichen Ende strandet er in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere – im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und auch trotz Jahrzehnten der Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und „Gefällt mir“-Buttons. Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? Oder plant Hitler seine Rückkehr an die Macht? Ist er wieder da?

In Gebhartls Inszenierung führt der Siegeszug natürlich nach Linz, in die „fünfte Führerstadt“. Hier entschloss sich Hitler den „Anschluss“ vollständig zu vollziehen, er übernahm sogar die „Patenschaft“ für die Stadt. Hitler, der in Linz die Schule besucht hatte, beabsichtigte, dort einmal seinen Ruhestand zu verbringen. Es folgten Ausbaupläne von Albert Speer und der „Sonderauftrag Linz“, heißt: die Sammlung geraubter Kunstwerke an diesem einen Ort. Gebhartls Dramatisierung hat Timur Vermes offenbar so gefallen, dass der Theatermacher „schon nach zwei Stunden“ eine retourgemailtes Ja bekam, nachdem er dem Autor seine Idee vorgestellt hatte. „Phönix-Dramaturgin Sigrid Blauensteiner und ich sind überzeugt, dass es ein starker Theater-Stoff ist und auch sehr aktuell, was Medien und deren Oberflächlichkeit betrifft. ‚Er ist wieder da‘ ist auch eine Medien-Satire“, sagt Gebhartl im Gespräch mit den Oberösterreichischen Nachrichten.

Es spielen Simon Jaritz (Hitler), das Phönix-Ensemble David Fuchs, Felix Rank, Rebecca Döltl und Markus Hamele und als Gäste Sina Heiss, Sabrina Rupp und Emese Fáy.

www.theater-phoenix.at

Wien, 23. 11. 2015

Susanne Lietzow inszeniert in Linz und Feldkirch

September 8, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater Phönix: Leonce und Lena

Projekttheater: Foxfinder

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl
Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Susanne Lietzow ist zurzeit in Oberösterreich und in Vorarlberg als Regisseurin zugange. Am Linzer Theater Phönix bringt sie am 10. September Georg Büchners virtuoses Spiel „Leonce und Lena“ auf die Bühne. Sein 1836 verfasstes einziges Lustspiel ist ein absurd-romantisches Märchen, eine bitterböse Satire über die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Eine Persiflage auf die Weltfremdheit und Dekadenz eines elitären Standes, der es sich leisten kann, sich Langeweile zum Problem zu machen, während das Volk schuften muss, um zu überleben. Das Theater Phönix sieht in Büchners Kritik an der Ausbeutung des Menschen durch den Staat und das Feudalsystem durchaus Parallelen zu den Zuständen unserer Zeit. Es gehe um eine „No-Way-Out-Generation, die sich in einer ausweglosen Situation befindet“, so die Regisseurin. Das Stück habe „sowohl eine romantische als auch eine politische Seite in einer einzigartigen Sprache, die direkt unter die Haut geht.“

Julia Jelinek, die gleichzeitig in den österreichischen Kinos im Film „Der Blunzenkönig“ an der Seite von Karl Merkatz zu sehen ist, wird die Prinzessin Lena verkörpern, die vor der arrangierten Ehe mit Prinz Leonce flüchtet und sich inkognito dennoch in ihn verliebt. Phönix-Stammspieler David Fuchs wird den Prinzen Leonce spielen. Außerdem zu sehen: Rebecca Döltl, Tänzer und Choreograf Daniel Feik, neu im Phönix-Team: Markus Hamele, Klaus Huhle („Ihm laufe ich schon seit vier Jahren nach!“, sagt Lietzow), Sebastian Pass und Felix Rank. „Leonce und Lena“ spielt diesmal auf Kunsteis – und das Schauspielteam auf Eislaufschuhen. Dafür gab es Unterricht vom Linzer Eiskunstlaufverein.

Am 17. September folgt am Projekttheater Susanne Lietzows Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder – Zeit der Füchse“. In ihrem preisgekrönten Stück zeichnet die britische Autorin eine raffiniert-groteske Parabel auf den Überwachungsstaat. Eine aberwitzige Ausgangssituation, überzeichnete Figuren und pointierte Stakkato-Dialoge machen „Foxfinder“ zu einem Stück wie gemacht für das Ensemble des Projekttheaters. Den Menschen geht es schlecht. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Missernte sorgen für Unmut und Verzweiflung in einer ländlichen Gegend irgendwo in England. Ein Feindbild muss her. Der Fuchs. Er verseucht die Bauernhöfe, beeinflusst das Wetter, manipuliert Träume und Verstand und tötet unschuldige Kinder – predigt der staatliche beauftragte „Foxfinder“ William Bloor, gespielt von Rafael Schuchter. Er platzt in die Welt des Ehepaars Samuel (Marc Fischer) und Judith Covey (Martina Spitzer) und der Nachbarin Sarah (Maria Hofstätter). Das Ehepaar Covey, geschockt vom plötzlichen Tod des Sohnes und verzweifelt wegen der schlechten Ernte, wird zur Zielscheibe des Foxfinders. Gespielt wird am magischen Ort der Johanniterkirche Feldkirch.

Im Februar/März 2016 kommt die Produktion als Gastspiel ins Theater Nestroyhof Hamakom.

www.theater-phoenix.at

www.projekttheater.at

Wien, 8. 9. 2015