Niedermair: Hosea Ratschiller – Ein neuer Mensch

September 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und ein besseres Brot gib uns heute …

Charmant, charismatisch, gfeanzt: Hosea Ratschiller präsentiert sein aktuelles Programm „Ein neuer Mensch“. Bild: Ernesto Gelles

Sich in etwas „einetheatern“ bedeutet so viel, wie sich in eine Sache sinnlos verbeißen, sich ohne Maß und Zeil reinzusteigern. Kabarettist Hosea Ratschiller, bekennt er, hat ein Talent dafür. Der Kurator und Conférencier der – seit zwei Jahren sogar vom ORF gepowerten – „Pratersterne“ im Fluc, die er monatlich als die besten Shooting-Star-Comedians vorstellt, lud gestern zur Premiere seines neuen Programms „Ein neuer Mensch“ ins Niedermair.

Nun ist es Ratschillers Art, ein unaufgeregter Erzähler zu sein, chillig, charismatisch, charmant, doch kann den aufmerksamen Zuhörer dies Timbre nicht über den Tenor des Gesagten hinwegtäuschen. Ratschillers Samtstimme schnurrt nämlich vor Sarkasmus, wenn er unters scheinbar Private das Politische mengt, seine Kritik am Zustand ebendieser, am Anarcho-Kapitalismus, an der sozialen wie gesellschaftlichen Kälte loslässt. Dass das alles auch noch zum Lachen ist, zeigt die Größe des Kleinkünstlers: Ratschillers fein gesponnener, leis‘-melancholischer Humor ist einer, der verhindert, dass einem der Kragen platzt.

Der Bogen, den er diesmal spannt, ist weit. Von Gott und der Welt bis zu Kinderzimmer und Kosmos, aber nie reißt ihm dabei der Faden, schon gar nicht der Gedulds-, wenn’s ums Patscherte, ums Hoppertatschige, also ums Allzumenschliche geht. Da ist er eher der erste, der sich in eigenen Angelegenheiten um Anteilnahme anstellt. Derart switcht er von seinem Dasein als Familienvater „zack, zack, zack“ zum Aufstieg des Homo Sapiens vom „rattenartigen Schadnager“ zum Slim-Fit-Messias, wobei das mit dem „Sapiens“ …, bevor er kurz über Drahtzieher, Hintermänner, Mitläufer referiert.

„Räum‘ dein Zimmer auf!“ ist der Stehsatz von Ratschillers philosophischen Betrachtungen, die Aufforderung an die zehnjährige Tochter, deren Pfft! darauf beruht, dass der verbissen um Coolness ringende Papa der noch ärgere Messie ist. So schwinden dem Haushaltschaoten die erzieherischen Argumente; wenigstens am Staubsauger- roboter findet er sympathisch, dass auch die künstliche Intelligenz ihre Grenzen hat. In diesem Fall, dass sie nicht unters Bett oder in die Zimmerecken fahren kann. Und, apropos, Bett: Keiner sonst kann sich so elegant die eheliche tote Hose schönreden wie Ratschiller, hat er zufällig keine Elternpflichten, weil das Kind bei der Oma weilt, ergo er mit der Ehefrau allein daheim: „Da heißt es, nicht die Nerven verlieren! Parole: Gute Nacht!“

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Die Großmutter übrigens hat ihrem „Hoseale“ das als Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben: „Tiefe brauchen nur Menschen, die keine Breite haben“, ein Sinnspruch, mit dem er die harte Arbeit, sich sein Außenseitertum abzusichern, zwar nicht erklärt, aber eine Gestimmtheit, die schon zur Schulzeit mit einem Zwei-Schwammerl-speiben-sich-an-Motivpullover begonnen hat. Klar, ist Ratschiller einer, der im Urlaub prinzipiell krank wird, und mit Freunden darüber debattiert, ob uns China oder antibiotikaresistente Keime zuerst den Garaus machen werden.

Fast meint man’s zu sehen, wie Ratschillers Gehirn beim Schreiben dieses Textes Kapriolen schlug, wenn er vom Grönlandhai, dem im Polarmeer 400 Jahre Leben vergönnt sind, zum Bert Brecht’schen Zähnezeiger kommt, oder seine Unfähigkeit ausstellt, als Österreicher Kitsch von Kunst zu unterscheiden. Oder einen direkten ideologischen Zusammenhang vom Essen mit Besteck zum Nationalsozialismus herstellt, weshalb das Verwenden von Stäbchen eine Art „kulinarischer Entnazifizierung“ sei. Rastschillers Nonsense, in Szene gesetzt von Regisseurin Petra Dobetsberger, die es versteht, die Gabe ihres Protagonisten zum Gesichter-Ziehen, auszuspielen, hat immer einen Hintersinn. Der Satiriker grimassiert sich vom gefährlich grinsenden Knorpelfisch zum hingebungsvoll gläubigen Hosea, irr‘ witziger Blick beide Male inklusive.

Ein Kabinettstück, wie er den Einkauf beim „Bäcker mit dem besseren Brot“ als heilige Messe zelebriert, vom ungeduldigen Gerangel der Jünger in der Warteschlange, wo bald das Recht des Reicheren regiert, übers Stammeln der laibhaftigen Wünsche im Angesicht der himmlischen Herrlichkeiten – bis zur Erkenntnis, dass dem Sterblichen kein Stahl gegeben ist, scharf genug, um sich im verzweifelten Klingen-Kreuzen mit der Kruste auch nur eine Kante vom Paradies abzuschneiden. Ja, die Existenz steht immer auf des Messers Schneide, weiß Hosea Ratschiller, und das Leben hält selbst für den Frohgemutesten die Rückschläge stets griffbereit. Dass die zweite Silbe im Wort Wehmut auf die Courage verweist, die es nicht zu verlieren gilt, ist an dieser Stelle doch ein super Schluss. Fand wohl auch das Niedermair-Publikum und entließ den Künstler erst nach entsprechend langem Applaus.

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25. 9. 2019

Harri Pinter Drecksau

Dezember 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Absolut sympathische Loser-Komödie

Harris Herzblut – Juergen Maurer schlägt mit der U12-Eishockeymannschaft des KAC ein. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Von den „Mighty Ducks“ bis zum „Miracle“ – Filme über Eishockey stehen auf der persönlichen To-do-Liste nicht besonders weit oben. Nicht einmal Paul Newman und „Slap Shot“ konnten daran etwas ändern. Nun aber „Harri Pinter Drecksau“: hinreißend, supersympathisch, eine warmherzige Loser-Komödie, die den Kinobesuch lohnt, noch bevor der Film ins Fernsehen kommt (ist er doch die dritte „ORF-Stadtkomödie“).

Ein wenig  zaghaft wagte man sich erst nur an eine Veröffentlichung in Kärnten, nun ist „Harri Pinter Drecksau“ dank des dortigen Erfolges seit Freitag österreichweit in den Kinos. Der Inhalt: Harri Pinter, 46, hat seine beste Zeit schon hinter sich, nicht nur optisch: in den 1980er-Jahren holte die berüchtigte „Drecksau“ – dies ein Ehrentitel, bei dem das Ohrlapperl eines „Russen“ eine Rolle spielte – dem KAC den Meistertitel.  Erfolge, die der nunmehrige Fahrlehrer und Trainer der U12-Mannschaft beim Bier mit seinen Haberern gerne aufwärmt. Als aber Dauerfreundin Ines mit ihrem Uniprofessor den Absprung probt, gerät Harris Welt- und Selbstbild gehörig ins Wanken. Und als ihm auch noch der Trainerposten weggenommen wird, versteht er gar nichts mehr …

Nach „Die Werkstürmer“ ist „Harri Pinter Drecksau“ die neue turbulente Komödie von Andreas Schmied. Und sie besticht, wie schon die vorherige, durch die großartigen Darsteller. Juergen Maurer ist die Idealbesetzung für den einfach gestrickten Kraftlackel Marke „raue Schale, weicher Kern“, der bei seinen Eishockeykids sogar batzweich wird. Sein Harri ist mehr armes Würstl als Macker, weit weniger testosterongesteuert, als er’s gern hätte, und stets peinlich bemüht seinen Freunden etwas zu beweisen.

Mit einem Blick wie ein gescholtener Rottweiler bewegt sich dieses so hilflos naive Mannsbild durch die Gegend. Wunderbar, wie er alle Frauen in seiner Umgebung nach dem neuen, sensiblen Gegenmodell fragt, zu dem er sich für die Ines entwickeln möchte. Die unbequemen Wahrheiten, die er dabei zu hören bekommt, lassen nur einen Schluss zu: „Die Weiba stehen auf so halbschwule Sachn.“ In einer der witzigsten Szenen versucht er mit à la 80er Jahre aufgekrempelten Sakkoärmeln in der Disco einen Stich zu machen. Sehr fein auch, dass in der Kantine nicht Tischfussball, sondern Tischeishockey gewuzzelt wird.

Flasch gewährt Harri seine „5 minutes of fame“: Juergen Maurer und Andreas Lust. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Harri begleitet Dörki auf seinem schweren Weg zu Miri: Juergen Maurer und Hosea Ratschiller. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Flankiert wird Harri von Andreas Lust als Unsympathler vom Dienst, Flasch, der beim KAC auf Funktionärsebene große Karriere bis zum Vereinspräsidenten machen will, und Hosea Ratschiller als Dodl von der Vereinszeitung, Dörki, der unsterblich in die Kantinenkraft verliebt ist. Julia Cencig spielt die Ines, Dominik Warta ihren Uniprof – und alle beherrschen sie den Kärntner Dialekt aus dem Effeff.

Am Ende, eh klar, wird Harri zum Hero. Durchschaut alle Machenschaften und erkennt, dass Dörki sein einziger echter Freund ist. Entdeckt hinter Helm und Brustschutz seine perfekte Mischung aus Macho und Schmusebär. Das Dilemma moderner Männer. Doch gerade, weil Harri an allem (ver)-zweifelt, ermannt er sich. Schließlich gilt es ein Spiel und die Frau fürs Leben zu gewinnen …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=56&v=1V-adkDjncI

  1. 12. 2017

Hosea Ratschiller: Der allerletzte Tag der Menschheit. Mit Cartoons von Stefanie Sargnagel

November 29, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Karl Kraus in die Gegenwart herüber gespürt

„Natürlich ist auch bei uns nicht alles optimal gelaufen“, antwortete Karl Habsburg angesprochen auf den Ersten Weltkrieg. Diese Worte des Kaiserenkels inspirierten den Humoristen Hosea Ratschiller zu einer lustvollen Schmierenkomödie über den allerletzten Tag der Menschheit. Aus Notwehr hat er Karl Kraus´ Opus Magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ in die Gegenwart herüber gespürt und eine feierliche Gala zu Ehren der hervorragenden Gegenwart vorbereitet: „Der allerletzte Tag der Menschheit“.

Das Kabarettprogramm wurde 2016 mit dem Österreichischen Kabarettpreis und 2017 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Nun liegt der Text als Buch vor, aufgepeppt mit witzigen Cartoons von Satire-Kollegin Stefanie Sargnagel. Ein Protokoll über den allerletzten Tag der Menschheit: Österreich an einem heißen Sommertag. Das nahende Ende liegt in der Luft und das von Karl Kraus beschriebene „österreichische Antlitz“ zeigt sich in seiner Vielfalt und in seiner Hässlichkeit.

Weil, eine Boulevardzeitung hat einen neuen Weltkrieg ausgerufen. In den darauffolgenden Verwirrungen begegnen einem der Kommunismus im Altersheim, ein Bundeskanzler, der für sein Abendessen autorast, und dem Glücksspiel verpflichtete Selbsthilfegruppen nahe der Sezession: „Nur ein Beispiel: Das Gebäude, wo wir unser Kulturforum rein getan haben, wunderschön, direkt gegenüber von der Secession, kennt man. ,Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit‘. HA! Nein, wirklich wunderschön, Art Deco, alles da. Ich war so glücklich, wo wir es gekriegt haben. Aber dann klopft der Chef von meiner Compliance und sagt: In dem Gebäude war in der sogenannten Nazizeit ein Reisebüro, ganz normales Geschäftsmodell, Fahrkartenverkauf, Detail, für Fahrten in Konzentrationslager. Ja. Schauen Sie mich nicht so an. Die deutsche Reichsbahn hat auch nix zum Verschenken gehabt …“

Ein Waffenhändler philosophiert bei den Salzburger Festspielen: „Was mit einem Land geschieht, dass sich zur falschen Zeit weigert, Eurofighter zu kaufen, das könnt ihr gerade in Griechenland beobachten. Da is nix mehr mit ,queerfeministisches  Tanztheater auf Kosten des Steuerzahlers‘. Da ist jetzt nur mehr Überlebenskampf. Und ich darf schon erinnern: Österreich war ganz oben mit dabei, in der Liste der Pleitekandidaten. Mafia, aufgeblähte Verwaltung, Korruption, besser könnte man Österreich doch kaum beschreiben. Aber der Grieche, der war eben zusätzlich noch bockig beim Eurofighter, und jetzt muss er die Kröte schlucken. Das sagt man doch so? Ach, ich liebe Österreich“.

Bild: Stefanie Sargnagel

Und Deutschlehrer lernen mittels Döner die türkische Kultur kennen: „Kunde: Ich habe keinerlei Vorurteile. Nie gehabt. Aus diesem Grunde möchte ich nun bei Ihnen einen Döner bestellen, junge Frau. Um genau zu sein einen Döner in Pide. Denn erst der Zusatz ,in Pide‘ stellt klar, dass ich mich für ein Grillfleisch-Sandwich interessiere, wie Sie wissen. Verstehen Sie unsere Sprache? Verkäuferin: Mit Alles? Kunde: Zwiebel, Tomate, Soße. Und über den Grammatikfehler sehe ich galant hinweg. Verkäuferin: Mit Scharf? Kunde: Auch das lasse ich gelten. Der Anatole weiß, aber auch seine Frau weiß es: An heißen Tagen soll man scharf essen. Sie bemerken: Ich bin durchaus bereit, von Ihrer Kultur zu lernen“. „Serbien muss sterbien“ kommt vor, und die Schalek. Sehr böse ist das, dieses Kaleidoskop der Gesellschaft.

Hosea Ratschiller beschreibt in seiner Collage voll Ironie und schwarzem Humor, wie diese letzten 24 Stunden in Österreich verlaufen könnten. Dafür erweckt er 43 höchst unterschiedliche Charaktere zum Leben.

Eine lustvoll-satirische Revue zum Zustand des Wesens „Österreich“, die mit intelligentem Witz, scheinbar spielerisch, die Abgründe in Gesellschaft und Gegenwart aufspürt.

Über den Autor: Hosea Ratschiller, geboren 1981 in Klagenfurt, ist ein österreichischer Schauspieler (derzeit mit „Harri Pinter Drecksau“ in den heimischen Kinos), Kabarettist, Kolumnist und Radiomacher. Ratschiller hat in Wien ein Studium der Geschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft abgebrochen. Anschließend leistete er Zivildienst im Sanatorium der Israelitischen Kultusgemeinde. Seit 2000 arbeitet Ratschiller beim Radiosender FM4 und seit 2009 auch für Radio Ö1.

Holzbaum Verlag, Hosea Ratschiller (Text), Stefanie Sargnagel (Cartoons): Der allerletzte Tag der Menschheit (Jetzt ist wirklich Schluss), Theaterstück, 64 Seiten

www.holzbaumverlag.at

www.hosearatschiller.at

  1. 11. 2017

Hosea Ratschiller: Der allerletzte Tag der Menschheit

November 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Österreichs Bedeutungslosigkeit als Chance begreifen

Hosea Ratschiller und RaDeschnig Bild: Peter Sihorsch

Hosea Ratschiller und RaDeschnig
Bild: Peter Sihorsch

„Natürlich ist auch bei uns nicht alles optimal gelaufen“, antwortete Karl Habsburg, angesprochen auf den Ersten Weltkrieg. Diese Worte des Kaiserenkels inspirierten den Humoristen Hosea Ratschiller zu einer lustvollen Schmierenkomödie über den allerletzten Tag der Menschheit. Aus Notwehr hat er Karl Kraus´ Opus Magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ in die Gegenwart herüber gespürt und eine feierliche Gala zu Ehren der hervorragenden Gegenwart vorbereitet:

„Der allerletzte Tag der Menschheit“. Weil, eine Boulevardzeitung hat einen neuen Weltkrieg ausgerufen. In den darauf folgenden Verwirrungen begegnen einem der Kommunismus im Altersheim, ein Bundeskanzler, der für sein Abendessen autorast, dem Glücksspiel verpflichtete Selbsthilfegruppen nahe der Sezession, ein Waffenhändler bei den Salzburger Festspielen und Tiroler, die mittels Döner die türkische Kultur kennenlernen. „Serbien muss sterbien“ kommt vor, und die Schalek. Sehr böse ist das, dieses Kaleidoskop der Gesellschaft. Zum höllischen Spaß kommen die himmlischen Klänge von RaDeschnig. Die Kärntner Zwillingsschwestern Birgit und Nicole musizieren und singen. Zum Beispiel über den Franz und was der alles auf dem Dachboden hängen hat. Inklusive sich selber. „Der allerletzte Tag der Menschheit“ gibt’s jetzt auf CD. Oder live. Nächster Termin: 27. November im Kabarett Niedermair. Hosea Ratschiller im Gespräch:

MM: Erste Frage: Was erlauben Sie sich? Karl Kraus – geht’s eh?

Hosea Ratschiller: Jaaa. Der Zugang ist eher so, wie sich junge Buben im Prater David-Alaba-Trikots anziehen und sich ein bissel vorkommen, wie der tolle Fußballer. Für mich waren als Bub halt Hörspiele sehr wichtig. Pumuckl und Qualtinger. Seine Aufnahme von „Die letzten Tage der Menschheit“ habe ich sicher hundert Mal gehört, ich finde aber, dass seine Art der Interpretation mittlerweile etwas altmodisch ist, diese Daueremphase, die er da an den Tag legt. Als ich vom Radiokulturhaus den Arbeitsauftrag „Mach’ irgendwas!“ bekommen und daher „Der allerletzte Tag der Menschheit“ geschrieben habe, war’s gerade 2014 und alle möglichen Theater haben „Die letzten Tage …“ ihren schlecht vorbereiteten Inszenierungen ausgesetzt, und ich habe mir gedacht, warum macht man als Satiriker nicht so etwas Ähnliches für die Jetztzeit? Ich hatte das Gefühl, es gibt derzeit in Österreich Themen, die nicht besprochen werden, weil Karl Kraus sich mit ihnen nicht mehr beschäftigen kann.

MM: Für ein übersteigertes Kabarettisten-Ego gibt’s …

Ratschiller: … mittlerweile Tabletten. Das ist ein geklauter Satz, er steht im Stadtsaal. Es ist natürlich ein Akt der fundamentalen Frechheit, aber nicht frecher als zwei Drittel der österreichischen Landestheater sind. Natürlich kann man sich mit Karl Kraus nicht messen. Würde ich das versuchen, würden sich meine intellektuellen Künstlerfreunde von mir abwenden. Mir hat immer schon Kraus’ beißender Humor gekoppelt mit seiner beinharten Recherche gefallen. Mir geht es um die Kombination von Inhalt und Komödie, also: die trockene Form humoristisch aufbereitet. Ich sehe das theatrale Kabarett als Riesenchance für das Theater. Wenn nicht der selbstbewusste Kabarettist auf die Bühne steigt und verkündet so und so ist es, sondern wenn eine Figur da ist, die eine Entwicklung durchläuft, der etwas zustößt, so dass der Zuschauer am Ende sagen kann: Ich habe etwas erlebt, ich habe Theater erlebt. Diesbezüglich habe ich ganz klare Vorbilder von Josef Hader bis Martin Puntigam. Oder Saturday Night Live. Die behandeln Themen tiefgehend, aber weil es lustig präsentiert wird, wird es nicht so ernst genommen.

MM: Die Person, der etwas zustößt, sind bei Ihnen 43 Personen. Wie schizophren wird man da? Wie lebt man mit all diesen Stimmen im Kopf?

Ratschiller: Das sind teilweise Figuren, die mich schon sehr lange begleiten. „Der allerletzte Tag …“ ist eine Reise durch das Land mit verschiedenen Stationen. Und plötzlich titelt eine Zeitung „Kommt jetzt der Weltkrieg?“ Ist es soweit? Also diese sensationalistischen Schlagzeilen. 2014 war das noch mehr ein Witz. Wenn ich es jetzt sage, schlucken die Leute im Publikum ein bisschen. Insofern ist das Programm vielleicht ein Tabubruch. Adorno wurde einmal gefragt: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …? – Adorno: Mir nicht. So ähnlich sehe ich das auch. Wenn man sieht, mit welchem Ausmaß an Unvernunft weite Teile der Welt verwaltet werden, kann einen nicht überraschen in welcher Situation wir sind. „Weltkrieg“ findet heute im Abbau von Rechten und Ansprüchen zugunsten von Pflichten und Almosen statt. Es findet eine Abkehr vom sozialdemokratischen Prinzip statt, hin zu einer gewissen marktwirtschaftlichen Lenkung der weniger Privilegierten. Und aus irgendeinem Grund soll das alles nicht besprechbar sein. Naja. Entlang dieser Schlagzeile jedenfalls zeige ich, wie verschiedene Personen mit dieser Information umgehen. Zum Beispiel eine junge Frau aus gutem Hause, die Auslandskorrespondentin werden möchte, sich aber eigentlich nur für Mode interessiert …

MM: … ah, die dumme Tussi, die den Redewettbewerb der niederösterreichischen Landesregierung, den Er-Win, gewinnt …

Ratschiller: Genau. Die gibt es schon ganz lange. Es beginnt oft mit einer kleinen Beobachtung, und die war in diesem Fall, dass Männer, Kabarettisten, wenn sie Frauen darstellen oft übers Kostüm oder die Stimme in die Karikatur gehen. Ich finde aber nichts lächerlich daran, eine Frau zu sein. Also habe ich versucht eine strunzdumme Person darzustellen, die aber nicht deshalb dumm ist, weil sie eine Frau ist, sondern aus anderen Gründen.

MM: Darf ich das sagen? Sie ist schichtspezifisch dumm.

Ratschiller: Genau. Deshalb kann man vergessen, dass sie eine Frau ist und sich auf die Texte konzentrieren. Ich habe für sie Verschiedenes geschrieben und geblieben ist ihre „Analyse“ der Situation im Südsudan.

MM: Entwickelt man bei so vielen Figuren einen Liebling, einen Sonderling, einen, den man gar nicht mag?

Ratschiller: Ich spiele sehr gerne diesen Direktor von dem Glücksspielkonzern, den ich nicht beim Namen nennen möchte, weil ich nicht so viel Geld für eine Klage habe, und die klagen alles pro­phy­lak­tisch, auch Journalisten. Er nimmt das Geld von seinen Kunden, den potenziellen Selbstmordkandidaten, und macht damit Kultursponsoring. Er ist quasi der Teufel. Er betreibt Lobbying dafür, dass Familien mit Geld-, statt mit Sachleistungen wie gratis Kindergartenplätzen unterstützt werden, weil er genau weiß, die hauen das Geld in seine Automaten. Und wir treffen ihn in dem Moment, an dem er anfängt das diffuse Gefühl zu entwickeln, dass an seinem Tun irgendetwas nicht stimmt. Ich liebe seine Verblüffung kombiniert mit Verzweiflung und körperlichen Erscheinungen, die er sich nicht erklären kann. Das macht großen Spaß zu spielen.

MM: Verzweiflung und Alkoholismus sind überhaupt zwei Hauptthemen. Ist das das Österreichische?

Ratschiller: Das Österreichische ist für mich die Unvernunft, das Sich-in-der-Situation-Befinden, aber in dieser nicht reflektieren, sondern verblüfft sein, wo man da gelandet ist. Das finde ich sehr österreichisch. Ich erzähle in meinem Post-Donaumonarchie-Programm von dem enormen Privileg, von der Chance, die man als solche begreifen sollte, die das Land durch seine Bedeutungslosigkeit hat. Nach Österreich kommen keine Soldaten in Särgen zurück. Wir haben keine Bündnisverpflichtungen, beispielsweise gegenüber der Nato. Wir entscheiden keine Wirtschaftsstreitigkeiten. Wir haben nichts zu tun mit den brutalisierten Grabenkämpfen, die derzeit stattfinden, wo auf der einen Seite islamistische Terroristen stehen, auf der anderen die rechtsradikale Propaganda, die den Islamismus eins-zu-eins weitererzählt, weil sie alle miteinander junge Männer sind, die mit der Gegenwart nicht zurechtkommen. Wir haben kein Gewaltproblem, wir haben kein sonderliches Integrationsproblem. Wir haben einen reichen Schatz an Kultur- und Geistesleben. Wir könnten Vordenker sein, wir haben den Spielraum dafür. Ich bin ein großer Fan der Bedeutungslosigkeit. Wir sollten den Bedeutungsverlust genießen.

MM: Und was daraus machen?

Ratschiller: Wir sind in der Lage, sowohl vom Reichtum, als auch von der intellektuellen Grundmasse, die Diskussionen, die derzeit hochnotwendig sind, zu moderieren. Darin sehe ich eine große Gelegenheit, zu sagen, wir sehen uns nicht als Schnitzelland, sondern als Land für relevante Debatten. Mir fällt niemand sonst ein, der dafür so geeignet wäre. Österreich sollte mit seinem Friedensdenken eine Plattform für internationale Gesprächskultur werden. Dass man mit der Skandalisierung von Problemen, die Österreich gar nicht hat, aber 30 Prozent der Wählerstimmen gewinnen kann, ist so etwas von erstaunlich, und liegt meiner Meinung nach daran, dass eine Diskussion auf hohem Niveau nicht gewagt wird, und mit den Menschen, die diese 30 Prozent sind, nicht gesprochen wird. Herr Strache hat eine funktionierende Facebook-Seite mit 200.000 Freunden. Wenn man sich dorthin begibt, kann man mit denen reden. Das sind verwirrte Menschen, die Informationen nicht auseinander halten können, die Angst haben aus diesen oder jenen mehr oder weniger berechtigten Gründen. Wenn man da nur einen vernünftigen Satz postet, kriegt man sofort Zustimmung. Der überwiegende Großteil ist Argumenten zugänglich, wenn man einen Diskussionsbeitrag beginnt mit: Ich verstehe deine Sorgen, aber die Antwort kann nicht sein …

MM: Sie orten eine Teilschuld der stattfindenden Verbal-Eskalation bei den Boulevardmedien.

Ratschiller: Das ist … nein, da muss ich früher ansetzen. Es folgt nun eine Kritik an der Sozialdemokratie: Dieses Regieren mit den Boulevardmedien, dieses Fast-schon-in-Symbiose-Dahinexistieren mag eine machtabsichernde Angelegenheit sein. Ich halte Werner Faymann für einen durchschnittlich geeigneten Bundeskanzler, der das Pech hat, mit Menschen in einer Koalition zu sitzen, die vom Gegenteil dessen, was seine Partei vertritt, überzeugt sind. Er hat auch keine Richtlinienkompetenz, er darf gar keinem Minister sagen, was der tun soll, das ist in der österreichischen Verfassung nicht vorgesehen. Das ist alles nicht leicht. Das entschuldigt aber nicht, dass die Sozialdemokratie – dies nun in Anführungszeichen – ihre „volksbildnerische“ Aufgabe vernachlässigt. Der politische Diskurs wird den Rechten überlassen, die Sozialdemokraten stoßen den öffentlichen Dialog über die brennenden Themen nie an, die reagieren immer nur. Da könnte man deutlich mutiger sein. Ich glaube nicht, wie manche befürchten, dass das Wählerstimmen kosten, sondern Wählerstimmen bringen würde. Aber Boulevardmedien war die Frage: Im „allerletzten Tag“ werden sie immer nur gestreift, die Zeitungen liegen rum, die Schlagzeile wird überflogen …

MM: Was doch der Realität entspricht: Mit markigen Schlagzeilen statt mit Inhalten auffallen. Weil, die Leute lesen eh nicht, was drunter steht.

Ratschiller: Das ist aber kein Vorwurf, den man auf die Boulevardmedien beschränken kann. Das machen auch die sogenannten Qualitätszeitungen, warum auch immer die es für notwendig erachten, sich dieses als Leser eigentlich vorauszusetzende „Qualitäts-“ vorne hinzustellen, siehe die Berichterstattung über Paris. Da wurde alles gemacht, vor dem Experten warnen: Opferzahlen genannt, Namen genannt, Fotos gezeigt. Wie sehr der Kampf um die Auflage sie ihre Qualität kostet, wird von den Qualitätsmedien total unterschätzt. Von Kollegen, die durchaus journalistischen Anspruch haben, hört man dann: Das ist ja nur das Cover. Das machen wir nur, damit die Leute die Zeitung kaufen. Das tun die  dann auch, lesen aber das reißerische Cover, nicht den möglicherweise differenzierten Artikel. Das halte ich für eine unterschätzte Gefahrenquelle.

MM: Haben Sie schon Pläne für nach dem allerletzten Tag?

Ratschiller: Im echten Leben: nein. So eitel bin ich dann doch, dass ich keine sinnlosen Pläne mache. Künstlerisch, was mit dem echten Leben wirklich überhaupt nichts zu tun hat, möchte ich mit humoristisch-theatralem Anspruch weiterarbeiten. Der Beruf des Kabarettisten entwickelt sich Richtung Stand-up, das finde ich auch spannend, das kann man auch sehr gut machen. Vor allem wenn man es nicht komplett trivialisiert. Ich selber würde irgendwann gerne die Form der Sketch-Revue ähnlich faszinierend nützen dürfen, wie das bei Saturday Night Live möglich ist oder bei Gerhard Polts „Fast wia im richtigen Leben“. Man muss halt dann für drei Minuten Sketch so viel arbeiten, wie andere für einen ganzen Abend. Aber das ist es wert.

Zur Person:

Hosea Ratschiller, geboren 1981 in Klagenfurt. Komiker. Seit der Geburt der ersten Tochter gerne Wiener. Die humoristische Laufbahn beginnt 1998 mit der satirischen Wochenrevue „Club Karate“ auf dem freien Radiosender Orange 94.0. Auftritte in Wettcafés, Fußgängerzonen und Diskotheken folgen. Die erste Oper wird am Landestheater Innsbruck uraufgeführt, das erste Theaterstück in einem Wiener Hinterhof. Ratschiller wird 2003 erster österreichischer Meister im Poetry Slam und bald darauf „FM4 Ombudsmann“ – mit bisher rund zweitausend Ausgaben eine der langlebigsten ORF Satire-Sendungen aller Zeiten. 2009 hat das erste Soloprogramm im Kabarett Niedermair Premiere. Wenig später tritt Hosea Ratschiller auf Radio Ö1 mit Maria Hofstätter, Thomas Maurer, Robert Palfrader und Martin Puntigam die Nachfolge des legendären „Guglhupf“ an. „Welt Ahoi!“ löst mit der ersten Sendung den leidenschaftlichsten Publikums-Protest der jüngeren Rundfunkgeschichte aus und entwickelt sich in Folge mit Gaststars wie Georg Schramm oder Lukas Resetarits zur international beachteten satirischen Top-Adresse. 2010 wird die Sendung aufgrund „unterschiedlicher inhaltlicher Auffassungen“ einvernehmlich eingestellt. 2012 wird Ratschiller der Förderpreis zum Österreichischen Kabarettpreis verliehen. Diesen nimmt er dankend an und zahlt seine Schulden bei der Sozialversicherung. Erleichtert tourt er von nun an mit seinen Programmen durch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Hin und wieder schreibt er Bücher (Czernin Verlag, Goldmann Verlag) oder TV-Sendungen (Bösterreich) und moderiert im Wiener Fluc eine Stand Up Comedy Mixed Show. Privat ist er ein eher trauriger Mensch.

www.hosearatschiller.at

Wien, 26. 11. 2015

Stand Up Fluc

Oktober 13, 2014 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Wiens Stand Up Comedy Club mit Hosea Ratschiller

14777860542_382afa35e7_bIm Szenelokal „Fluc“ steigen ab 20. Oktober  regelmäßige Abende mit humoristischen Kurzauftritten. Im Abstand von zwei Wochen treten je 4 – 6 Acts auf. Die Bandbreite wird von Stars der Szene bis zu völligen Newcomern reichen. Von Radio FM4 wird der Open Mike Slot „Kaltes Wasser“ präsentiert, der Gelegenheit geben soll, sich erstmals auf einer Bühne auszuprobieren. Für die künstlerische Linie sorgt Andreas Fuderer, Leiter des Traditionstheaters „Kabarett Niedermair“ und Mit-Betreiber des Wiener „Stadtsaal“.

Durch die Abende führt Hosea Ratschiller, musikalisch begleitet von DJ Al Bird Sputnik (Schnitzelbeat).

Der Ort

Mit einem programmatischen Mix aus intelligenter Popmusik, alternativen Literaturveranstaltungen und diskursiver Kunst hat sich das „Fluc“ als Hotspot der Wiener Subkultur etabliert. Durch seine freigestellte Lage unmittelbar vor dem Riesenrad, bildet es eine kulturelle Landmark der Bundeshauptstadt. Für Österreichs Kabarettszene ist der Sidestep ins „Fluc“ eine hochspannende Frischzellenkur.

 Der Moderator

Hosea Ratschiller, geb. 1981 in Klagenfurt, ist als Komiker für Radio („FM4 Ombudsmann“, „Ö1 Welt Ahoi!“, „BR Radiospitzen“ u.v.m.) und Fernsehen („BÖsterreich“, „Sendung ohne Namen“, „Dorfers Donnerstalk“ u.a.) tätig, schreibt Bücher (zuletzt: „Österreicher erklären die Welt“) und ist als Solokabarettist im deutschsprachigen Raum unterwegs. 2012 wurde er mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet.

Das Line Up

20.10.: mit Christoph & Lollo, Klaus Eckel, Marcel Mohab, Paul Pizzera, Clemens Maria Schreiner,…
3.11.: mit Flüsterzweieck, Gunkl, Günther Lainer, Andreas Rebers, Berni Wagner,…
17.11.: mit BlöZinger, Josef Hader, Nadja Maleh, Stipsits & Rubey, Christoph Straka,…
1.12.: mit Bernhuber & Sarsam, Stefan Haider, Pepi Hopf, Thomas Maurer, Mike Supancic,…

www.fluc.at

www.niedermair.at

Wien, 13. 10. 2014