Buch Wien 15: Die Lesefestwoche startet am 9. November

November 4, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Ratgeber durch den Messedschungel

Buch Wien Bild: © LCM Richard Schuster

Buch Wien
Bild: © LCM Richard Schuster

Freunde sucht man sich sorgfältig aus. Das gilt auch für Bücher. Denn Bücher sind Freunde und lebenslange Wegbegleiter. Bei der Buch Wien 15 vom 11. bis 15. November hat man die Gelegenheit, Autorinnen und Autoren live zu erleben, wenn sie aus ihren aktuellen Romanen und Sachbüchern lesen, bei den mehr als 350 Ausstellern in alten und neuen Büchern zu schmökern oder das umfassende Rahmenprogramm (auch für Kinder und Jugendliche) zu nutzen. Mehr als 450 Lesungen, Diskussionen und Performances stehen bei Österreichs größtem Bücherfestival auf Programm.

Wie in den vergangenen Jahren besteht die Buch Wien aus drei Eckpfeilern: Der Internationalen Buchmesse vom 12. bis 15. November in der Halle D der Messe Wien, der Langen Nacht der Bücher am 11. November (19.30 bis 24 Uhr) ebenfalls in der Halle D und der Lesefestwoche vom 9. bis 15. November an 39 Veranstaltungsorten in ganz Wien.

Neu: Auf einem Gemeinschaftsstand der Antiquare kann man sich von der Leidenschaft für antiquarische Bücher anstecken lassen. Alle am Stand ausgestellten Objekte sind verkäuflich. Man kann aber auch die eigenen Bücherschätze mitbringen, vor Ort beraten  erfahrene Antiquare, ob sich ein Verkauf lohnt (Do. bis So. von 15 bis 17 Uhr). Ein Schwerpunkt der Buch Wien 15, die von Adolf Muschg eröffnet wird, ist der Verständigung zwischen den Kulturen und dem Bereich „politisches Sachbuch“ gewidmet. Von Colin Crouch und Tomáš Sedláček bis hin zu Orlando Figes, Ahmad Mansour und Jörg Baberowski diskutieren internationale Stars über aktuelle Fragen der Zeit. Im Rahmen des Festivals wird der mit 10.000 Euro dotierte Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels 2015 an den Autor und Historiker Doron Rabinovici verliehen.

Sechs Tipps, die Lust aufs Lesen machen:

Feridun Zaimoglus Siebentürmeviertel führt ins Istanbul der 1930er Jahre und mitten hinein in eine fremde, faszinierende Welt, in der sich ein deutscher Junge behaupten muss. Eine Familiensaga der besonderen Art (10. 11., 19 Uhr, Literaturhaus Wien). Alexander Nitzberg liest aus dem von ihm übersetzten Buch Das fahle Pferd von Boris Sawinkow, einem zum Tode verurteilten Terroristen, der unter anderem für die Ermordung des zaristischen Innenministers Plehwe 1904 mitverantwortlich war (10. 11., 19 Uhr, Literaturbuffet Lhotzky). Drago Jančar greift in seinem Roman Die Nacht, als ich sie sah einen zeitgeschichtlichen Stoff auf. In einer Nacht, kurz nach Neujahr 1944, führt eine Gruppe von Tito-Partisanen Veronika Zarnik und ihren Mann aus einem slowenischen Schloss ab, von da an verliert sich die Spur der beiden (12. 11., 19 Uhr, Alte Schmiede).

Im dritten Band seiner Trilogie über die Suche nach dem einzig Gerechten beschreibt der ukrainische Autor Andrej Kurkow in Die Kugel auf dem Weg zum Helden mit absurdem Witz und unerwarteten Wendungen die Aufbaujahre einer fantastischen Sowjetunion. Er erzählt von geplatzten Träumen, unbeugsamen Menschen, enttäuschtem Fortschrittsglauben, unhinterfragten Heldenmythen – und von ganz großen Abenteuern (13. 11., 19 Uhr, Hauptbücherei am Gürtel). Der britische Historiker Orlando Figes legt mit Hundert Jahre Revolution eine informative Geschichte Sowjet-Russlands vor – von den Wurzeln des Bolschewismus bis zum Putsch gegen Gorbatschow 1991. Seine zentrale These: Die Wirkung der Russischen Revolution erstreckt sich von 1917 über die Jahrzehnte der Diktatur bis in die Gegenwart (13. 11., 19 Uhr, Diplomatische Akademie Wien. Reservierung notwendig.). Alaa al-Aswani, einer der bekanntesten Romanciers der arabischen Welt, erzählt in seinem Roman Der Automobilclub von Kairo von vergangenen Zeiten. Ende der 1940er herrschen im Automobilclub von Kairo Extravaganz und Dekadenz: Paschas und Monarchen gehen aus und ein, auch Ägyptens König zählt zu den Stammgästen. Bis die Dienerschaft des Clubs den Aufstand probt. (14. 11., 16 Uhr, Literaturcafé)

www.buchwien.at

Wien, 4. 11. 2015

Das Volkstheater hat endlich einen Ratgeber

Februar 16, 2013 in Bühne

Erich Schleyer trifft die Gay Community

„Aus der Dunkelheit hab ich mich aufgerichtet, als du aufrecht wurdest.“ (Robert Duncan)

US-Autor Tony Kushner, Verfasser des bittereren, erschreckend hellsichtigen Aidsdramas „Angels in America“ (1991) und nun Drehbuchautor von Spielbergs oscarnominiertem Kinofilm„Lincoln“, hat der Welt ein neues Stück beschert: „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ (eigentlich Titel der Dissertation, an der eine der Figuren, Pill, seit 30 Jahren schreibt), wurde Freitag am Volkstheater aufgeführt.

So kompliziert der Stücktitel, so die Namen der Protagonisten.

Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift

Hans Piesbergen, Robert Prinzler
Bild: Armin Bardel

Augusto (Gus) Giuseppe Garibaldi Marcantonio heißt eine, das Familienoberhaupt in diesem Sippensittenbild, dargestellt von Erich Schleyer – pensionierter Hafenarbeiter, ehemals kommunistischer Gewerkschafter, also ein working class hero. Ergo aus dieser Welt des globalen Kapitalismus gefallen. Ein Patriarch, der nicht mehr will. Dessen Selbstmordversuch gescheitert ist, dem aber die Idee an einen solchen im Kopf stecken blieb.

Weshalb der Clan zur „Rettung“ – eine ungemütlichen Familienvereinigung – antritt. Im Laufe des Fast-Drei-Stunden-Abends explodieren die Emotionen verschwiegener Ressentiments.

Denn was Familie Marcantonio zu verhandeln hat, ist nicht alltäglich.

Da ist zunächst Pill (Hans Piesbergen), ältester Sohn und schwul, der von Paul (Ronald Kuste), dem kleinen, dicklichen, glatzköpfigen Mann, mit dem er seit 26 Jahren verheiratet ist und den er aufrichtig liebt, Ausflüge zu Stricher Eli (schön gebaut: Robert Prinzler) unternimmt. Eine Frage der Körperlichkeit. Tochter des Hauses Empty (Claudia Sabitzer) hat ihre lesbische Liebe zu Maeve (Martina Stilp) entdeckt, Ehemann Adam (Patrick O. Beck) aus der gemeinsamen Wohnung aus- und Maeve einquartiert. Adam wohnt jetzt bei Gus im Keller, wo er säuft und wichst und ab und an doch noch seine Exfrau beglückt.

Weil Maeve sich ein Kind wünscht, schläft sie mit Emptys Bruder Vito (Robert Schmelzer), was dessen Frau Sooze (Nina Horvath) auf die Palme treibt – der Schwangerwerden-Versuch gelingt übrigens. Und Gus’ Schwester Clio (Inge Maux) will ausziehen, um schließlich nicht Schuld an Gus’ Suizid zu sein.

Dazwischen wird – man muss dem Stücktitel ja gerecht werden – über Wallstreet-Verbrecher, Terror und Gegenterror Lenins und das innere Leuchten der Jungfrau Maria gestritten.

Währenddessen plagt Gus alle mit seinen Spleens und den Episteln von Horaz.

Worum’s also geht? Und Alles, Nichts, beides? Jedenfalls ist’s laaaang, altvaterisch (jeden Moment wartet man darauf, dass Elia Kazan und Marlon Brando mit der Faust im Nacken um die Ecke biegen) und inhaltlich überfrachtet.

Dass der Frachter nicht untergeht, ist dem fabelhaften Ensemble zu verdanken, das unter der Anleitung des Basler/New Yorker Regisseur Elias Perrig (in dem sich um die eigene Achse drehenden Bühnenbildhaus von Wolf Gutjahr), den genau richtig naturtrüben Tonfall für derlei Familienzusammenkünfte findet. Lakonisch bis ironisch, sarkastisch-grotesk.

Eine fabelhafte Ensembleleistung. Die nur Erich Schleyer mit Größe überragt. Die mit etwas Geduld zum großen komödiantischen Vergnügen wird.

Zum Ende besorgt sich Gus (von Nanette Waidmann) Selbstmordpillen. Da steht Eli in der Tür. Und so wird aus dem Suizid ein Kleiner Tod.

www.volkstheater.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7vURiIAOtLE&list=UUb640SHy2IYBJQ3d3QBhgYQ
Von Michaela Mottinger
Wien, 16. 2. 2013