Volkstheater: Wer hat meinen Vater umgebracht

November 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Blaumann über die Gelbwesten debattieren

Eddys Abrechnung mit dem Vater wandelt sich bei Édouard zur politischen Anklage: Sebastian Klein, Peter Fasching, Julia Kreusch, Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies zum ersten Jahrestag der Gelbwestenbewegung zu schreiben, ist wohl einer jener Zufälle, die es bekanntlich nicht gibt. Gestern erst standen die Gilets jaunes, heißt: deren Darsteller, auf der Bühne des Volkstheaters, heute wartet Frankreich gespannt darauf, ob sich die Wut der Westen neu entfacht. Nichts nämlich hat sich im Macron’schen Machtbereich zum Besseren entwickelt, seit Édouard Louis vergangenen Dezember öffentlich erklärte „Wer eine Gelbweste beleidigt,

beleidigt meinen Vater“, und die Xeno- wie Homophoben in den Protestreihen damit entschuldigte, dass sie „etwas Richtiges und Radikales verkörpern“ und es dank ihres Mouvement endlich eine Kraft gebe, die der herrschenden Klasse Angst einjage. In der entsprechenden Theaterszene sagt Louis diese Sätze in einer Talkshow, von deren Moderator mit blödsinnigen Fragen terrorisiert, währenddessen von den Geistern seiner Vergangenheit drang- saliert. „Schwuchtel“ und Schlimmeres raunen ihm die Strichmännchen-Masken gefährlich zu, ein Flashback im Fernsehstudio, der aus dem zum Bestsellerautor avancierten Édouard wieder den verspotteten, verprügelten Eddy Bellegueule, aus dem Pariser Intellektuellen wieder den Prekariatssohn aus der Picardie macht.

Es sind Regisseurin Christina Rast und Dramaturgin Heike Müller-Merten, die unter dem Titel „Wer hat meinen Vater umgebracht“ Louis‘ gleichnamiges Essay mit dessen Debütroman „Das Ende von Eddy“ unterfüttert haben, und derart die autobiografische Auseinandersetzung Eddy/ Édouards mit dem Vater zwischen der aggressiven, von Abscheu geprägten Abrechnung des Erstlings und der politisch scharfsinnigen Gesellschaftsanalyse der 70-Seiten-Schrift pendeln lassen – die so entstandene Collage nunmehr am Freitag mit Louis‘ Segen zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht, die Produktion mit ihrem sozialkritischen Ansatz, Politisches sei gleich privat und umgekehrt, perfekt fürs Haus und von dessen Publikum bei der Premiere auch heftig akklamiert.

„Wäre dieses Buch ein Theaterstück, würden ein Vater und ein Sohn in einem großen, leeren Raum stehen, mit einigen Metern Abstand zwischen ihnen. Sie sehen sich kaum an, bisweilen berühren sich ihre Körper, aber sie bleiben voneinander isoliert. Der Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters, für die der Vater keine Worte hat.“ Louis‘ Text beginnt mit diesen Zeilen, die sich Rast zum Leitfaden ihrer Inszenierung erkoren hat. Die Figur des Eddy/Édouard verteilt sie auf fünf Schauspieler, Peter Fasching, Sebastian Klein, Julia Kreusch, Sebastian Pass und Birgit Stöger, die gemeinsam die diversen Puzzleteile von Louis‘ Persönlichkeit zu seinem Ganzen machen.

Birgit Stöger mit Vaterpuppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sebastian Pass in Pailletten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Mutter. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gibt Klein mehr den sensiblen Denker, Fasching eher den kopfgesteuerten Künstler, ist Kreusch eindeutig Eddy aus kindlicher Perspektive, spielt Stöger den Polit- und Pass den Schwulenaktivist, dies alles hier zu einfach formuliert und im Spiel nie so simpel transportiert, ergeben sich daraus dennoch die verschiedenen Annäherungsversuche an den Vater. Dieser ist zu verstehen als omnipräsente Großbaustelle, als Leerfläche für die psychologische Projektion – und bei Rast umgesetzt als riesige Puppe, ein Arbeiterklassenkollektivkörper, ein gigantischer Sandsack, der am ebensolchen Tisch mutmaßlich volltrunken zusammengesunken ist und später nur mit Mühe herumgeschleppt werden kann.

Leichenweiß, die Augen blinde X-e, der Mund mit vier Stichen zugenäht, dokumentiert die Puppe des Vaters Leben als ein langsames Sterben. In der Fabrik zum schwerkranken Wrack geschuftet, wird er arbeitslos und zum Alkoholiker, ein von andauernden Schmerzen geplagter Sozialhilfeempfänger, wird ein Teil des politischen Systems Armut. Im erst symbolträchtig „gewalt“-igen Elternhaus, dann vorm Flaschenzug-Gerüst, das Bühnenbild von Franziska Rast, die Kostüme von Sarah Borchardt, ereignet sich weniger Handlung, als ein Anschlagen von Thesen, die Pose ein Hessel’sches „Empört euch!“, auch wenn sich Louis bevorzugter auf seinen Freund und Philosophen Didier Eribon oder den Soziologen Pierre Bourdieu rückbezieht – bei seinem Aufzählen der Vatermörder: Chirac, Sarkozy, Hollande, Hirsch …

„Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller“, heißt es an einer Stelle. Dabei hält das Ensemble Politikerporträts hoch, und wie sich die Bilder bis Österreich gleichen. Blaumann tragen die Darsteller nun allesamt, und schildern, was es mit der von Sarkozy erfundenen Allocation d’aide au retour à l’emploi auf sich hat, die den invaliden Vater zu einem Job als Straßenkehrer zwingt, „buckeln trotz ruinierter Wirbelsäule“ nennt das der Sohn, oder was Macrons Kürzung der Wohnbeihilfe um „nur“ fünf Euro für deren Bezieher bedeutet. Und weil Édouard Louis‘ Eltern die Fronten vom sozialistischen Proletariat zu Le Pens Front National gewechselt haben, bekommt auch die Linke Schelte ab, nämlich ihre ureigenste Klientel mitten im Klassenkampf im Stich gelassen, Louis wörtlich: „verrraten“, zu haben.

Birgit Stöger beklagt das Opfer aus der Arbeiterklasse. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kränzewerfen beim imaginären Begräbnis. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Talkshow: Sebastian Klein, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Gelbwesten gehen auf die Straße. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bemerkenswert ist, wie Rast und Team die Kurve vom Pamphlet zur Bühnentauglichkeit kratzen. Mit teils surrealen Albtraumsequenzen, teils comichaft witzigen Episoden, mit poetischen Momenten, bitterem Spott und picksüßer Ironie macht Rast Louis‘ Text theatral. Da singt Sebastian Pass in Pupurpailletten gewandet Celine Dions „Parler à mon père“, Birgit Stöger mit französischem Schmelz in der Stimme Charles Aznavours „Du lässt dich gehen“, klettert Peter Fasching in Mutters Fatsuit-Schürze auf Vaters Schoß, bevor Stöger sie zur schrill kreischenden Furie umfunktioniert, werden Trauerkränze im Kreis geworfen, will der Bruder den Vater totprügeln, weil er der Mutter verboten hat, ihrem Ältesten weiter Geld für Drogen zuzustecken.

Als Pass‘ Eddy wie eine Diva discotanzt und der Vater ostentativ wegschaut, outet ihn Stögers Mutter als früher ebenfalls „heiße Sohle“, seinen Männlichkeitswahn als letzte verzweifelte Selbstbehauptung, seinen Arbeiterstolz als erste Bekundung seiner Scham. Dass frauenfeindliche oder rassistische Sprüche, wie finanziell unabhängige Frauen seien ganz sicher frigide und lesbisch oder alle Araber bevorzugten perverse Sexpraktiken, unwillkürlich zum Lachen verleiten, liegt im hohen Maß am fabelhaften Spiel der beiden. Der Schluss ist auf der Bühne so versöhnlich wie im schmalen Band, indem sich der Vater beim Sohn entschuldigt, er, der Jahrzehnte lang Ausländer und Homosexuelle für alles Faule im Staate Frankreich verantwortlich machte, hinterfragt jetzt die eigenen Werte. Er akzeptiert das politische Engagement des Sohnes, sogar dessen Schwulsein und erkundigt sich ernsthaft interessiert nach dessen Lebenspartner.

Eine Gefühls- und Gesinnungswende um 180 Grad mit Vaters abschließendem Satz: „Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution“. Ein kluger, aufwühlender und nachdenklich stimmender Theaterabend mit einem glänzend agierenden Ensemble. Diese Aufführung ist eine Sternstunde fürs Volkstheater.

www.volkstheater.at

TIPP: Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ am Schauspielhaus Wien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36095

  1. 11. 2019

Volkstheater/Bezirke: Der Weibsteufel

September 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den „Blut-und-Boden-Dichter“ endgültig enterdet

Katrin Grumeth als „Aufpulverin“, die sich emanzipiert. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

„Wenn ich ein Vogel wär …“ singt das Weib zu Beginn. Was sie dann tun würde, ist deutlich: auf und allen Zwängen ihres Geschlechts davonfliegen, in eine Zukunft möglichst ohne Aufpasser, Antreiber, Ausbeuter, Männer nur, wenn zum Zwecke des Sex selbst gewählt. Dass dies zumindest zu Textende gelungen scheint, weiß, wer Karl Schönherrs Drama „Der Weibsteufel“ kennt.

Das Volkstheater eröffnet seine Bezirketour 2018/19 damit, und Regisseurin Christina Rast hat die alpine Dreiecksgeschichte des als „Blut-und-Boden-Dichter“ reklamierten Dramatikers mit ihrer reduzierten Inszenierung, mit ihrer minimalistischen Interpretation von Schönherrs wuchtigem Stück, endgültig enterdet. Auf spartanischer Bühne – wiewohl die Einfassung aus schwarzen Bändern von Rast und Stella Krausz szenisch eine Menge leistet – lässt Rast ihre Sicht des Spiels ablaufen.

Ein Geschäftsmann steht da, einer, der einem gehörten Gerücht folgend seine Frau veranlasst, seinem Konkurrenten gehörig den Kopf zu verdrehen. In der Darstellung von Lukas Holzhausen gibt sich der „Kapitalfuchs“ als Manager eines Großschmuggelunternehmens, geht’s nach seinem Willen, hat er fürs Leben lapidar nur das eine Wort: „Passt!“ Die Schwächlichkeit des Mandls stellt Holzhausen nicht allzu sehr aus, dafür dessen Schläue. Mit der will er den „Gimpel“ Grenzjäger in die Falle locken. In einer albtraumhaften Szene tritt das Trio infernal denn auch mit Vogelköpfen auf – die Frau als Geier, der Grenzjäger als Adler, der Mann als Rabe.

Der Kampf heißt Kopf gegen Kraftlackel. Der schmiedet seinerseits ein Komplott, um sich „sein Sterndl“ zu verdienen, Christian Clauß spielt ihn als Harte-Schale-weicher-Kern-Kerl, der sich nach Liebe, Nachwuchs und seiner Pfeife sehnt, alles Wünsche, die ihm der Weibsteufel auch allzu schnell zu erfüllen bereit wäre. Denn die in muffiger Ehestube eingesperrte Frau wittert das Testosteron wie ein wildes Tier seine Beute. Es folgt beinah akrobatischer Beischlaf.

Für den Mann „Passt!“ noch alles: Lukas Holzhausen und Katrin Grumeth. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Doch schon lauert der Grenzjäger auf seine Chance: Christian Clauß und Katrin Grumeth. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Was Christina Rast jedoch tatsächlich erzählt, ist die Geschichte einer Emanzipation. Und so ist ihre „Weibsteufel“-Aufführung auch der Abend der Katrin Grumeth. Wie eine Urgewalt sprengt sie die männlichen Konfliktzonen, entledigt sich der ihr zugedachten Projekte und Begierden, dreht den Spieß einfach um, wird von der „Aufpulverin“ zur Manipulatorin. Eine fulminante schauspielerische Leistung, in der Grumeth eine subtile Sinnlichkeit durch die Sprödheit ihrer Figur blitzen lässt.

Aus Geplänkel wird Gefahr, wunderbar, wie Holzhausen, Clauß und Grumeth all die falschen Töne richtig treffen, wie sie, durch Männerfantasien entfesselt, in die Hitze gerät, wie die Männer einander lauernd umringen, um die Chance zum Zuschlagen als jeweils erster wahrzunehmen. Bald wird den beiden klar, dass sie hier Kräfte entfesselt haben, die sie nicht bezähmen können. Aus stoischer Überlegenheit wird zunehmend schiere Verzweiflung.

Dieweil kleidet Grumeth die Bühne mit Plastikplanen aus. Denn Blut wird fließen, einer tot sein, einer im Gefängnis, und sie das schmucke Haus am Marktplatz erben. Schnell zieht sich das Weib die grünen Putzhandschuhe an, bevor sie’s an die Wand sprayt: Passt!

www.volkstheater.at

  1. 9. 2018

Christina Rast im Gespräch

April 17, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schauspielhaus Graz:

Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

Bild: Lupi Spuma

Bild: Lupi Spuma

Am 30. April hat am Schauspielhaus Graz Oliver Klucks Stück zur gleichnamigen Autobiografie von Andreas Altmann
Uraufführung. Eine Geschichte aus der beschaulichen Provinz, voller Misshandlungen, Demütigungen, rabiater Pfarrer und verkappter Nazis. Eine Kindheit der Nachkriegszeit im idyllischen Wallfahrtsort Altötting. Doch die Geschichte, die Andreas Altmann erzählt, handelt weder von Gnade noch von Wundern, sondern von brutaler Gewalt und Schrecken ohne Ende. Schonungslos blickt Altmann zurück: auf einen Vater, der als psychisches Wrack aus dem Krieg kommt und den Sohn bis zur Bewusstlosigkeit prügelt, auf eine Mutter, die zu schwach ist, um den Sohn zu schützen, und auf ein Kind, das um sein Überleben kämpft. Erst als Jugendlichem gelingt Altmann die Flucht. Die schreckliche Erfahrung aber kann ihn nicht brechen. Sie wird vielmehr der Schlüssel für ein Leben jenseits des Opferstatus. Ein Leben, in dem er seine Bestimmung als Reporter findet: „Hätte ich eine liebliche Kindheit verbracht, ich hätte nie zu schreiben begonnen, nie die Welt umrundet …“ Andreas Altmann erzählt aus seiner Kindheit und Jugend und davon, wie am Ende aus einem hilflosen Opfer ein freier Mensch wurde. Mit 19 Jahren floh er aus seinem Elternhaus. Arbeitete als Chauffeur, Buchclubvertreter, Parkwächter. Heute gehört Andreas Altmann  zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren und wurde unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Säume-Literaturpreis und dem Reisebuch-Preis ausgezeichnet. Altmann lebt in Paris. Seine Autobiographie ist beim Piper Verlag erschienen. Sie war Vorlage für den Text von Oliver Kluck. Er selbst nennt den Text einen Versuch und merkt an, dass es sich bei diesem Versuch weder um ein Stück, noch um eine Bearbeitung handelt, sondern ausschließlich um eine Betrachtung. Es spielen: Thomas Frank, Sebastian Klein, Florian Köhler und Franz Solar.

mottingers-meinung.at sprach mit Regisseurin Christina Rast.

MM: Der Titel des Stücks ist ja schon sehr vielsagend: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“. Wie viel Distanz braucht man, um so viel Leid zu inszenieren?

Christina Rast: Wir beschäftigen uns auf den Proben grade mit der Frage, wie man sich diesem Stoff  –  diesem Leben – annähern kann. Andreas Altmanns Autobiografie wurde von Oliver Kluck sehr klug bearbeitet. Schwerpunktmäßig „trockener“, nordischer, fragmentarischer, während Altmann verschwenderischer in der Sprache ist. Dadurch entsteht automatisch eine gewisse Distanz. Kluck nähert sich dem Stoff, indem er ihn betrachtet, und so begreifen wir auch unsere Arbeit: als schrittweise und respektvolle Annäherung an eine Biographie. Altmanns Buch ist ja auch nicht nur Tragödie und Leid, sondern auch eine Emanzipations- und Erfolgsgeschichte und ein Befreiungsschlag. Es geht um ganz grundsätzliche Themen: Wie jemand sich seinen Platz in der Welt erkämpft, in der er nie willkommen war. Es geht um die Suche und Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Um Schuldgefühle, Scham, Einsamkeit, Nicht-Kommunikation, Verrat, Ausübung von Macht und die Wut auf dieses Machtsystem, was einem unwiderruflich etwas geraubt hat. Das sind große Themen, an denen wir alle andocken können und die uns alle betreffen.

MM: Altmanns Leben wird nicht nur bestimmt vom Elternhaus, sondern auch von der katholischen Kirche. Das ist in Bayern offenbar eine Allmacht, an der sich viele Künstler abarbeiten müssen. Sie sind Schweizerin. Wie geht’s Ihnen damit?

Rast: Die katholische Kirche steht bei Altmann für ein System der Machtausübung, das den Vater, den „Rosenkranzkönig“, dazu ermächtigt, sein eigenes totalitäres Regime aufzubauen und ihn moralisch dazu legitimiert, Gewalt an der eigenen Familie auszuüben. Die Diskrepanz zwischen gepredigter Nächstenliebe und Ausübung von Gewalt, zwischen vermitteltem Inhalt und angewendeter Praxis ist groß. Mir ist das brachial-barock Katholische nicht fremd, weil ich aus Luzern komme, dem Kernstück der katholischen Innerschweiz. Ich habe als Kind viel Zeit bei meiner Großtante verbracht und mit ihr sonntags die Messe besucht. Ich erinnere mich sehr gut an den Geruch von Weihrauch, das Gruseln beim Betrachten der Folterbilder, das Unheimliche, was in der kindlichen Vorstellung hinter den Vorhängen in den engen, düsteren Beichtstühlen wohl verborgen lauern könnte, die albtraumhafte Beklemmung bei dem Gedanken, sich da mit einem anderen Menschen rein quetschen zu müssen um von seinen Sünden zu erzählen, die donnernden Predigten von der Kanzel, die Gesänge und das Knien – alles sehr dramatisch und merkwürdig unheimlich. Die katholischen Rituale sind ja bildgewaltig, sinnlich und unglaublich theatral. Ich glaube, dass diese Erlebnisse meiner Kindheit jedenfalls zum Teil mein Interesse am Theater geweckt haben und ich sowohl daraus schöpfe als auch was abzuarbeiten habe.

MM: Wie wird die Inszenierung sein? Es gibt im Klucks Text viele „Ichs“, „Mütter“, „Väter“ in der Mehrzahl …

Rast: Ich habe beschlossen, das Stück mit vier Männern zu besetzen, da größtenteils klar aus der männlichen Perspektive eines Ichs erzählt wird. Über die Viererkonstellation kann ich verschiedene Aspekte dieses Ichs beleuchten. Man kann aber auch den Vater über das Chorische multiplizieren und so die Gefühle von Macht und Ohnmacht verstärken. Da es keine ausformulierten Rollen gibt, haben wir die Möglichkeit, schnell in eine Rolle rein und wieder raus zu schlüpfen. Das Ich muss sich seinen Kosmos ganz alleine schaffen – in dem Elternhaus von Altmann gab es ja ebenfalls nie die Möglichkeit für einen wirklichen Dialog. Die Figuren und Situationen entstehen über das Sprechen und ein unglaubliches Redebedürfnis, eine Sprechwut und ein immenses Bedürfnis nach Kommunikation. Diesen Sprachkörper sinnlich anzufüllen und erlebbar zu machen, ist eine interessante Herausforderung.

MM: Sie arbeiten zum vierten Mal mit Oliver Kluck. Was verbindet Sie?

Rast:  Dass wir total verschieden sind. Ich mag seine Sprachbehandlung und seine Musikalität. Dass ich dazu aufgefordert und gefordert bin, assoziative Bildwelten und Übersetzungen zu erfinden. Er ist genau, schreibt direkt, ehrlich, hat einen klugen Blick auf die Welt, ein Sensorium für Ungerechtigkeiten, die Selbstgerechten und die Zu-kurz-Gekommenen – er selber hat einmal gesagt, dass er über das Verfassen von Beschwerdebriefen zum Schreiben gekommen ist. Ich mag seinen Humor. Mit Andreas Altmann verbindet ihn die Sprach- und Kommunikationswut. Und das Bezugnehmen auf, und Schöpfen aus der eigenen Biographie. Und vielleicht das Anliegen: Wehrt Euch. Befreit euch. Selber denken!

MM: Die Mutter kommt nicht vor. Wie beurteilen Sie deren Part? Eine Gepeinigte, die sich ein eigenes Verließ baut, um dem Vater zu entgehen, die ihre Freiheit aber gleichzeitig aus ihrer Lustlosigkeit am Sex bezieht …

Rast: Da die Mutter schon früh vom Vater aus dem Haus vertrieben worden ist, ist sie bei uns weniger eine reale Figur als eine Projektionsfläche für die Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, Verständnis und Anerkennung. Dadurch wird sie idealisiert, stilisiert. Das Ich muss sich die Mutter selber erschaffen, da sie abwesend ist. Das Bild der Mutter ähnelt der klassischen Opferrolle und ist durch Asexualität, Passivität und Depression gezeichnet – eine unberührte und unberührbare ewig jungfräuliche Braut, die auf Erlösung wartet und selber nicht retten, sondern nur dulden kann – ihre Passionsgeschichte kann durchaus mit der Madonna assoziiert werden. Seltsam und fast schon grotesk ist es, dass der Sohn ausgerechnet mit ihr Gespräche über Sexualität sucht im wiederholten Versuch, sie zu verstehen.

MM: Altmanns Geschichte ist natürlich ein Extrem. Aber wird nicht jeder durchs Elternhaus, durch die Erziehung deformiert?

Rast: Wir sind alle die Kinder unserer Eltern. Und man muss irgendwann seine Eltern vom Sockel stürzen, um sich seine eigene Identität zu schaffen. Und sich im besten Fall als erwachsener Mensch auf Augenhöhe wieder annähern zu können.

MM: Kennen Sie Andreas Altmann?

Rast:  Er las am 8. April in Graz aus seinem neuen Buch „Dies beschissen schöne Leben. Geschichten eines Davongekommenen.“, was die Fortsetzung seiner Autobiographie ist und da ansetzt, wo die „Scheißjugend“ aufhört. Ich war gespannt und freute mich darauf, ihn persönlich kennen zu lernen.

MM: Herr Altmann hat ja noch versucht, seine Mutter zu einem Prozess gegen seinen Vater zu bewegen. Kann man mit Eltern reden? Ist dann nicht eh immer alles ganz anders, nicht wahr gewesen?

Rast: Ich persönlich habe die umgekehrte Erfahrung gemacht. Ich habe vor allem als Erwachsene und mit mehr Distanz mit meinen Eltern sehr direkte Gespräche führen und ehrlich kommunizieren können.

www.schauspielhaus-graz.com

Leseproben: www.andreas-altmann.com/buecher/das-scheissleben-meines-vaters

Wien, 17. 4. 2014

Oliver Baier macht wieder Theater

März 1, 2013 in Tipps

Das stadtTheater Walfischgasse zeigt die

französische Komödie „Der Vorname“

„Das Thema Faschismus langweilt mich kein bisschen, aber ihr habt gar nicht über Faschismus gesprochen. Ihr macht euch einen Spaß draus. Ihr spielt damit wie Kinder. Ja, so wie man Polizei oder Kaufladen spielt. Ihr spielt mit den gesellschaftlichen Problemen wie mit Matchbox-Autos. Was spielen wir heute Abend? Abtreibung, Kopftuch, Leihräder, Streikrecht? Und eure Positionen sind austauschbar.“ (Stück-Zitat)
Der Vorname von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patelliere

Ildiko Babos, Oliver Baier, Michael Rast, Alexander Rossi und Katharina Solzbacher
© Robert Polster

Am 6. März hat in der Wiener Walfischgasse Matthieu Delaportes und Alexandre de la Patellieres Erfolgsstück „Der Vorname“ Premiere. Eine Komödie, geben die Autoren an. Aber manchmal sind die Grundpositionen der Figuren schon zum Verzweifeln …  Apropos, Grundposition: Sie erinnert ein wenig an Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ (ebenfalls im stadtTheater in einer hervorragenden Inszenierung von Werner Schneyder zu sehen. Nächster Termin: 6. April). Erfolgreiche Mitvierziger sind unter sich: Literaturprofessor Pierre und seine Frau Elisabeth haben zum Abendessen geladen. Ein selbstgekochtes marokkanisches Buffet erwartet die Gäste. Aber alles  kommt anders, als erwartet.

Vincent, der Erfolg verwöhnte Bruder von Elisabeth und Freund Claude erscheinen gut gelaunt. Der Abend beginnt entspannt, fröhlich, vertraut. Während man auf Vincents hochschwangere Freundin wartet, macht sich die Runde über den werdenden Vater Vincent lustig. Wie soll denn das Baby heißen? Dessen Antwort? Löst einhellige Entrüstung und schlussendlich einen Eklat aus. Und entlarvt die kleinen Schäbigkeiten, die man an geliebten Menschen so nicht vermutet hätte. Eine Lawine an Gefühlsäußerungen reißt alle gepflegten Umgangsformen talwärts …

In ihrer Geschichte über einen sehr speziellen Vornamen haben die beiden Dramatiker nicht nur pointiert gute Dialoge und einen brillanten Schlagabtausch geschrieben, sondern darüber hinaus eine messerscharfe, entlarvende Gesellschaftskritik. Das ist bissig, lebhaft, böse, sogar blutig. Das Stück wurde nicht nur zu einem Pariser Theatererfolg – es wurde von den beiden Erfindern bereits verfilmt und in Frankreich, Belgien, der Schweiz, Deutschland und Österreich im Kino zum Riesenerfolg.

Im stadtTheater Walfischgasse spielen Oliver Baier (der auch im „Gott des Gemetzels“ mit einer großartigen schauspielerischen Leistung erfreut), Ildiko Babos, Michael Rast, Alexander Rossi und Katharina Solzbacher. Regie führt in bewährter Weise Carolin Pienkos.

www.stadttheater.org

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 3. 2013