Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018

TAG: Johanna. Eine Passion

November 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Heldin, Heilige, Hirnverbrannte, für manche sogar Hure …

Verkauft für ein Butterbrot, wird Johanna der Prozess gemacht: Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Jens Claßen. Bild: ©Georg Mayer

Friedrich Schiller kommt vielleicht auch vor. „Der die Verwirrung sandte, wird sie lösen! /Nur wenn sie reif ist, fällt des Schicksals Frucht!“, ist das nicht vom alten Fritz? Es ist nicht so leicht, aus Christian Himmelbauers Textcollage die eine oder andere Stimme herauszuhören. Was auch nie im Sinne des Erfinders war.

Der Autor, Regisseur und Leib-und-Seele-Dramaturg Himmelbauer legt am TAG mit „Johanna. Eine Passion“ so ziemlich jede Interpretation der Jungfrau von Orléans vor, der er irgend habhaft werden konnte. Jeanne d’Arc, das Bauernmädchen aus Domrémy, das in den Hundertjährigen Krieg aufbrach, um für den Dauphin die Briten und Burgunder zu besiegen und ihn als Karl VII. krönen zu lassen, ist Heldin, Heilige, Hirnverbrannte, für manche sogar Hure. Geschickt montiert Himmelbauer medizinische, psychoanalytische, religiöse und schriftstellerische Spekulationen zu einem tatsächlich als solches funktionierenden, wenn auch ein wenig aseptischen Stück.

Er greift zurück auf „Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431“, einem Hörspiel von Anna Seghers aus dem Jahr 1937. Und natürlich Voltaire. Dessen erotisch-spöttische Persiflage in 16 Gesängen „La Pucelle d`Orléans“ wird von den Darstellern genussvoll vorgetragen. Ein nicht Lächerlich-, aber Lachen machen über den Mythos. Wie Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert da als sexbesessener Kronprinz, Flagellanten, gestrenge Richter und Nicholas gar als luziferischer Mönch über die Bühne hopsen, das ist ein mitunter recht zotiges Kasperletheater. Übersprungshandlungen, mag man vermuten, männlich motivierte, wenn die Herren der Schöpfung das ewig Weibliche nicht zu fassen kriegen. Was jenseits ihres Wissenshorizontes liegt, was weder erfass- noch erfahrbar ist, muss klein, kleiner gemacht, vernichtet werden.

Voltaire, ein Engel und der Dauphin: Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert. Bild: ©Georg Mayer

Der Brief an die Engländer: Echt oder gefälscht? Georg Schubert, Raphael Nicholas und Jens Claßen. Bild: ©Georg Mayer

Im Gegensatz dazu steht sie da wie ein Steinmarterl, aufrecht, klar und kühn, trotz aller Fesseln stark und standhaft, Lisa Schrammel als das Symbol gewordene Menschenkind. Ihre Johanna spricht in dieser Produktion ausschließlich mit den historisch überlieferten Originalaussagen, die sie in ihrem Prozess von sich gegeben hat. Am Ende war trotzdem der Scheiterhaufen. Aber es erstaunt zu hören, wie klug sich diese einfache Frau gegenüber 60 Inquisitoren, Juristen, Theologen, Scholastikern, detailversessenen Haarspaltern verteidigte.

Auf die Fangfrage „Johanna, seid Ihr gewiss, im Stande der Gnade zu sein?“ antwortete sie „Wenn ich es nicht bin, möge mich Gott dahin bringen, wenn ich es bin, möge mich Gott darin erhalten!“ Jede andere Antwort wäre ihr als ketzerische Anmaßung ausgelegt worden. Schrammel, sehr vehement in ihrem Spiel, ist mit derlei Sätzen, Johannas heute so zu nennender emanzipatorischer Rede, so gar nicht eingeschüchtert oder einzuschüchtern, Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Die Himmelbauer in einen steril-weißen Gerichtssaal mit immer näher rückenden Pulten verlegt hat.

Dahinter eine Vidiwall für Großaufnahmen; jene Männer, die ihr den Tod bringen werden, sind auch die Einflüsterer, Johannas „Stimmen“. In diesem Setting ist, was er erzählt, die Schilderung eines weiblichen Kampfes, des weiblichen Aufbegehrens gegen das vorherrschende Dikat. Denn was der Löwenherzin vorgeworfen wird, dockt in seiner Totalheit an die verquere Jetztzeit an: 1. Die Kleidung. 2. Das Handeln. 3. Der Sieg. ER kann nicht gewollt haben, dass das Weib sich wie ein Mann gebärdet, und weiß sie denn nicht, dass sie diesem damit die Männlichkeit raubt, mit ihrer Vermischung der Geschlechter?

Ein Waterbording-Exorzismus bricht „der Heiligen Mutter ihr Kindchen“: Jens Claßen, Georg Schubert, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: ©Georg Mayer

Geil umkreisen die drei ihr Opfer. Deklinieren Diagnosen durch. Gehirnabszess, Pseudohermaphroditismus, paranoide Schizophrenie, symbolischer Exhibitionismus. Und Himmelbauer mischt noch mehr „Fakten“ in seine Fiktion. Johannes Brief an die Engländer wurde gefälscht. Sie ist in Wahrheit der uneheliche Sohn einer Pariser Adeligen. Auf dem Scheiterhaufen wurde eine andere verbrannt. Sie/er selbst heiratete eine(n) Grafen/Gräfin und zog sich vom Militärdienst zurück …

So prasselt’s über einen herein, und es ist schade, dass ein Text, der freilich keine Antworten geben kann und will, auch keine Fragen stellt und sich nicht kanalisiert. Ein anderer Autor, TAG-Chef Gernot Plass, philosophiert auf dem Programmzettel über die Blackbox Jeanne d’Arc und darüber, „was Frauen und Mädchen in dieser Welt von Männern angetan wird, wurde, und weiterhin angetan werden wird“, „ein monströser Berg von Herrschaft, Gewalt, Ausbeutung und Nötigung“. – „Johanna. Eine Passion“ als erster dramatisierter Beitrag zu #MeToo. Siehe, wie sich nichts geändert hat. Alles ist mehr oder minder more of the same.

Als Claßen, Nicholas und Schubert mit einer Art Waterbording-Exorzismus beginnen, knickt die Jungfrau ein. „Der Heiligen Mutter ihr Kindchen“ überlässt sich dem männlichen Urteil. Schlüpft in Minirock und High Heels, eine Gewandung, die sie 80 Minuten zuvor für sich noch abgelehnt hatte. Ein plakatives Schlussbild. Rauch steigt auf, doch nicht auf der Bühne, sondern im Raum auf der Vidiwall, wo die Männer mittlerweile mit Bier ausgestattet dem Feuerspektakel beiwohnen wollten.

Trailer: vimeo.com/241286356

dastag.at

  1. 11. 2017

 

Albertina: Raffael

September 25, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemälde und Zeichnungen vom Meister der Harmonie

Raffael: Selbstporträt, 1506. Bild: Galleria degli Uffizi Florenz, Gabinetto Fotografico delle Gallerie degli Uffizi

Raffael bildet mit Leonardo da Vinci und Michelangelo das große Dreigestirn der Renaissance. Mit seinen weltberühmten Zeichnungen zählt der jung verstorbene Meister darüber hinaus zu den größten Zeichnern der Kunstgeschichte. Die Albertina widmet Raffael mit 150 Gemälden und Zeichnungen ab 29. September eine groß angelegte Ausstellung. Ausgehend von den bedeutenden Beständen der Albertina und ergänzt um die schönsten und wichtigsten Zeichnungen bedeutender Museen wie den Uffizien, der Royal Collection der britischen Königin, dem British Museum, dem Louvre, den Vatikanischen Museen und dem Ashmolean Museum in Oxford stellt die monografische Schau das Denken und die Konzeption Raffaels ins Zentrum.

Sie reicht von den ersten spontanen Ideenskizzen, virtuose Detailstudien, über Kompositionsstudien bis zu den ausgeführten Gemälden. Ob als Maler in Umbrien, Florenz und Rom oder im Auftrag von Päpsten und Fürsten – Raffael ist ein wahres Universalgenie der Hochrenaissance, stets auf der Suche nach dem Equilibrium zwischen Naturnachahmung und Idealität.

Die Albertina-Schau zeigt sämtliche bedeutende Projekte des Künstlers: Von der frühen umbrischen Periode bis 1504, über die Jahre des Florenz-Aufenthaltes  von 1504 bis 1508 bis hin zur römischen Zeit 1508 bis 1520, als er sich stark mit der Antike auseinandersetzt, sind beeindruckende Werke aus allen Schaffensphasen zu sehen. Auf universelle Weise bringt Raffael allgemein menschliche Aspekte seiner Geschöpfe, ihren Charakter, ihr Wesen, ihre Gefühle und die Motivation ihres Tuns zum Ausdruck. Wenngleich er sie genau beobachtet, idealisiert er sie und gibt ihnen dadurch allgemeingültige Bedeutung. Seine Figuren treten durch ihre Handlungen in ein Beziehungsgeflecht, in dem Gegensätze und Spannungen geklärt werden, sich auflösen und in einer wundervollen Einheit aufgehen.

Raffael: Die Madonna mit dem Granatapfel, um 1504. Bild: Albertina, Wien

Raffael: Maria mit dem Kind (Madonna Colonna), 1508. Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz. Bild: Jörg P. Anders

Raffael ist ein Meister der Schönheit und der Harmonie, seine Werke sind erfüllt von einer verheißungsvollen Botschaft, die heute noch aktuell ist. Stärker als Leonardo da Vinci oder Michelangelo setzt sich Raffael mit der Kunst seiner Zeitgenossen und Vorgänger auseinander, nimmt sie auf, verarbeitet sie und kommt schließlich zu gänzlich eigenständigen Lösungen. Grundlegend für seine künstlerische Sicht bleibt die Naturbeobachtung, das Studium am menschlichen Modell, an dem er jede Bewegung und jede Haltung seiner Figuren überprüft. Durch die Auseinandersetzung mit dem Ideal der Antike erhalten seine Geschöpfe Monumentalität, Würde und Erhabenheit, und so wird Raffael zu einem der bedeutendsten Historienmaler im großen klassischen Stil.

Raffaels spontane Gedanken und Intentionen sind am unmittelbarsten in den Zeichnungen nachzuvollziehen. Die Betrachtenden glauben geradezu, dem Künstler beim raschen Aufsetzen einer Linie, beim Schraffieren mit Kreide oder Rötel oder beim Korrigieren eines Motivs über die Schulter zu schauen. Raffael zeichnet streng zweckgebunden, immer im Hinblick auf die Ausführung eines Kunstwerks. Er konzipiert dieses in einzelnen Entwurfsschritten, die vom primo pensiero über das Studium einzelner Figuren und Gruppen, den Gesamtentwurf, die Modell- oder Aktstudie bis hin zum Modello und Karton gehen. Dieser systematische Charakter des Entwurfsverfahrens legt Zeugnis davon ab, mit welcher Sorgfalt Raffael seine Werke vorbereitet.
.

Raffael: Kopf- und Handstudie, 1519-20. Bild: Ashmolean Museum, Oxford © Ashmolean Museum, University of Oxford

Vor allem in seiner späten Werkphase ist Raffael durch die Fülle von Aufträgen extrem überlastet: Er befasst sich mit der Ausmalung der Stanzen im Vatikan, schafft Entwürfe für die Teppichserie der Sixtinischen Kapelle und die Loggien und arbeitet in der Villa Farnesina. Nach dem Tod Bramantes 1514 wird er schließlich zum Leiter des Neubaus von Sankt Peter und zum Baumeister des päpstlichen Palastes bestimmt. Seine archäologischen Forschungen gipfeln in dem Vorhaben, einen Plan mit den Gebäuden des antiken Rom zu zeichnen.

Neben den päpstlichen Aufträgen für Fresken und Tafelgemälde häufen sich Arbeiten für geistliche und weltliche Mäzene, von denen der reiche Bankier und Unternehmer Agostino Chigi der bedeutendste ist. Um diesen Verpflichtungen nachzukommen, nimmt Raffael die Hilfe von Schülern und Gehilfen in Anspruch. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert versucht die Forschung, Zeichnungen aus dieser Spätphase den Mitarbeitern zuzuschreiben. Die meisten von ihnen sind jedoch in der Tat Arbeiten Raffaels und einige werden in der Ausstellung wieder für den Meister in Anspruch genommen.

Die Auswahl der beeindruckenden Zeichnungen, die auch alle verwendeten Techniken und Materialien, wie Feder, Kreide, Kohle, Metall- und Silberstift, Weißhöhung und Lavierung, vor Augen führen, und die Vielzahl der Gemälde gibt den Besucherinnen und Besuchern die einzigartige Möglichkeit, Raffaels vielseitige künstlerische Persönlichkeit als Maler und Zeichner zu erleben.

www.albertina.at

25. 9. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Minna von Barnhelm

Juli 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Happy End mit Kriegsversehrtencombo

Minna holt sich ihren Tellheim zurück: Andreas Patton und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Erschöpft und kriegsmüde lungern sie an der rostfarbenen Wirtshauswand, spielen nachlässig ein wenig Telemann und Zeitgenossen, die Teletanten Mienensingers, dieses invalide Quartett rund um Michael Pogo Kreiner. Sie geben die melancholische Baseline des Abends vor. Doch mitten unter ihnen schlägt einer laut und mit Elan die große Trommel, als wolle er mit dem Schlägel die Schicksalsschläge, die seinen Herrn trafen, zu Brei schlagen. Dessen Gespenster allerdings sind schwer zu bannen. Der Trommler ist Just, Tellheims ergebener, ergo streitlustiger Bedienter, das Stück „Minna von Barnhelm“.

Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zeigt Regisseurin Veronika Glatzner ihre Interpretation von Lessings Lustspiel. Sehr präzise hat sie dessen Text in Szene gesetzt, ohne ihn an einer Zeit oder einem Ort festzumachen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter, bewegender Abend mit glänzenden Darstellern, die es verstehen, die Komik zwischen den Zeilen zu bedienen, ohne dass es komisch wirkt. Die Perchtoldsdorfer „Minna“ wird so zu einem subtilen Stück Sommertheater.

Auf beinah schon intime Weise gewährt Glatzner dem Publikum Zugang zum Seelenleben der Protagonisten, sie ziseliert die von Lessing vorbereiteten zwischenmenschlichen Feinheiten. Es sind nur Momente, die alles klären: Minna fasst Tellheim am rechten Arm, merkt, dass der taub ist. Der Major verzieht vor Schreck kurz das Gesicht – und erzählt ist seine Geschichte.

Marie und Paul Sturminger haben für die Irrungen und Wirrungen der Herzen eine Drehbühne entworfen, eine schäbige Herberge – auf der einen Seite Minnas Zimmer, auf der anderen die Wirtsstube -, deren Mittelpunkt ein zugiges, verschachteltes Stiegenhaus ist. Durch dieses stürzen, kriechen, rennen die Menschen treppauf, treppab. Hier wird geflirtet, Trübsal geblasen oder sich versteckt, hier zieht man einander das Geld aus der Tasche und die Verlobungsringe vom Finger. Immer wieder bleibt der eine oder andere Darsteller nach seinem Auftritt in einem Winkel dieser Escher’schen Anordnung Teil der Szene, so dass man ihn in seinem „privaten“ Tun weiter erleben kann.

Nikolaus Barton als loyaler Diener Just tut alles, um seinen Herrn vor weiterem Schaden zu bewahren. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Die teletanten Mienensingers: Petra Staduan, Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas und Judith Prieler. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Marie-Christine Friedrich ist eine hinreißende Minna. Emanzipiert und doch hyperventilierend schmachtend, wenn sie von ihrer großen Liebe Tellheim spricht, klug und doch spitzbübisch fröhlich, wenn sie an den Streich denkt, den sie für ihn ersinnt. Friedrichs Minna ist die praktizierte Aufklärung, ein wenig manieriert im Auftreten, ein bisschen artifiziell in der Gestik, und doch bricht sie das alles sofort wieder mit ihrer köstlich ironischen Mimik. Sie weiß mit der überspannten Logik ihres Verlobten nicht das Geringste anzufangen – und trotzdem versteht sie ihn. Das ist die Kunst der Frauen. Wenn sie erst beschlossen haben, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Seite steht ihr die großartige Anna Unterberger als Franziska. Als resches, puckhaftes Kammerkätzchen agiert Unterberger sozusagen gebremst. Selbst im Beisein ihrer Herrin benimmt sie sich völlig ungeniert und mit Augenmerk aufs eigene Interesse – siehe den minnenden Sölder Paul Werner, den Roman Blumenschein gibt. Mit Friedrich und Unterberger macht Glatzner ihre „Minna“ zum Frauen-Power-Stück.

Im Stiegenhaus, wo man sich trifft: Roman Blumenschein, Nikolaus Barton, Anna Unterberger und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Nicht nur mit steifem Arm, sondern auch mit Stiff Upper Lip spielt Andreas Patton den Tellheim. Er suhlt sich geradezu in seinem Unglück, kann formidabel wahlweise trotzig oder betropetzt dreinschauen. Sehr schön, wie er jeden Brief recht umständlich mithilfe seiner Füße oder Zähne aufmachen muss, die Prozedur sein „Ecce homo“.

Patton, diese Saison eine Art Spezialist für gar nicht lustige Lustspielhelden (siehe sein Fernando in der Volkstheater-„Stella“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810), fügt dem in den Wirren des Siebenjährigen Krieges abgewirtschafteten, vergrübelten Major eine nicht oft ausgespielte Facette hinzu. Eine ewiggültig moderne. Er zeigt in seiner Darstellung nicht nur selbstbeschädigenden Stolz und falsch kanalisiertes Ehrgefühl, weshalb er die geliebte Frau vor der Ehe mit einem „Krüppel“ bewahren will, sondern ebenso, wie der Verlust von ökonomischer Freiheit nach und nach das Selbstwertgefühl ermordet …

Nikolaus Barton ist als Tellheims Bedienter Just ein Kraftlackel; misstrauisch, weil eben loyal, lässt er über seinen Herrn nichts kommen. Dominik Warta ist ein naseweiser, neugieriger Wirt.

Den beiden gelten im Wesentlichen die Lacher der Zuschauer. Am Ende reihen sie sich alle auf und singen mit den Mienensingers Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas, Judith Prieler und Petra Staduan Telemanns „Glück“: Als stilvolles Finale einer so poetischen wie unterhaltsamen Aufführung. Viel Applaus und großer Jubel.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2017

TAG: Weiße Neger sagt man nicht

Mai 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGERR

Vom Whitefacing in den Chefsessel katapuliert

Eine Trommelübung soll die Assessment-Center-Teilnehmer auflockern: Jens Claßen, Raphael Nicholas, Elisabeth Veit, Georg Schubert, Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Dass hier niemand viel Wert auf political correctness legt, wusste man schon vor dem Schluss. Da nämlich entpuppt sich die geeignetste Kandidatin eines Assessment Centers als Nichte eines Bananenrepublik-Ministers, mehr noch: als dessen Erbin, die mit seinen „schwarzen“ Millionen den Konzern, von dem in den vorangegangenen 90 Minuten die Spreu vom Weizen selektiert wurde, aufgekauft hat. Darf man das schreiben: Schwarz + Bananen + Selektion?

Aber ja! Lasst uns im Gegenteil noch fröhlich einen (oder mehrere) draufsetzen. Topfenneger, I bin neger, Negerant, Negerkuss, Negerbrot, Mohr im Hemd und Meinl-Mohr und Franz Moor. Woman is The Nigger of the World. Horst Neger in der Wachau verkauft Kracherl, Thomas Neger in Mainz verkauft Metallsysteme, hat sich aber wegen seines Firmenlogos, ein hammerschwingender Schwarzer mit dicken Lippen und dicken Creolen, angreifbar gemacht. Sein Vater, der das Emblem erfand, erfand auch „Humbta tätära“.

So, uff. Der rassistische Witz leistet Rassismusbekämpfung. Am TAG kam diesbezüglich  „Weiße Neger sagt man nicht“ zur Uraufführung, Text und Regie von Esther Muschol, und wenn man einen Lauf wie derzeit das TAG hat, darf man sich auch mal verlaufen. Wie hier geschehen. Denn beim besten Willen geht einem bei dieser Produktion das Herz nicht auf. Muschol beruft sich auf Nestroys „Talisman“, und ja – das zu hörende Hintergrundgeräusch ist dessen Rotieren im Grab, nur hat sie die Haar- zu einer Hautfarbangelegenheit gemacht. Aus dem roten Titus Feuerfuchs wird die Schwarze Titania Coleman, auch sie rittert um einen Job, weil modern: in einem Führungskräfteauswahlverfahren, bis sich die Konstellationen drehen – und allen die schreckliche Wahrheit ins Gesicht gefärbt wird.

Dieses mittels Blackfacing, weil, wer Karriere machen will, dient sich auch dem gerade kräftigsten Teint an, beziehungsweise Whitefacing, denn offenbar wird der/die AfrikanerIn nur als Bleichgesicht zum Big Boss. Das Existenz bedrohende Feind- und Schreckensbild aller Populärrechten: der qualifizierte Schwarze. Lustig? Halb-! Was als Sarkasmus über den Bewerbungswahnsinn im Seminarraum Erzherzog Johann ein Feuerwerk an Esprit und Eloquenz hätte sein können, zündet nicht richtig. Die Alltagsrassismussätze über Fremdsein, „andere Welten“ und Verhaltensmuster sind zu wenig speziell, zu wenig ausgefeilt, die Figuren verrecken als Stereotype. Hoamatliada werden gesungen, und alle sind wie ein Herrgottsschnitzer-Holzschnitt.

Die Demütigungsspielchen treiben den einen beinah in den Herzinfarkt, …: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

… den anderen zwecks „Fleischbeschau“ in die Nacktheit: Raphael Nicholas mit Michaela Kaspar und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Das TAG stolpert diesmal über seine eigene Vorgabe der Neu- und Überschreibung von Klassikern, hat doch nichts an dieser Aufführung irgend mit Nestroy zu tun. Nicht einmal „sehr frei nach …“. Es fehlt das Hinterfotzige, das G’feanzte, das Poetisch-Subtile des unerreichten Vorbilds; plakativ, bösartig, je abstruser desto besser, ist ja ganz gut – aber Doppeldeutigkeit, bitte? Muschol ergeht sich in Pfefferkörnergleichnissen (die schwarzen lassen sich besser zermahlen, die weißen springen vollemanzipatorisch aus der Mühle), Busch-/Trommelübungen und Demütigungsspielchen, die mehr mit S/M als mit der berüchtigten Briefkastenübung zu tun haben.

Dass das Ensemble erschreckend gut gelaunt ist, nimmt dem Abend diesmal fast die Schärfe. Jens Claßen ist wie so oft der dienstbeflissene Piefke, Georg Schubert wie so oft der hemdsärmelig-herzliche Prolet, Raphael Nicholas ist als geschwätziger Schnösel natürlich ein Journalist im zweiten Verbildungsweg. Immerhin: Michaela Kaspar brilliert als beflissene Vorzugsbewerberin, und Elisabeth Veit gelingt ein Kabinettstück als in die Privatwirtschaft zurückgeschasstes, ehemals niederösterreichisches Pröll-Parteikind.

Keiner (besser: fast keiner) von ihnen ist tatsächlich Rassist (vor allem nicht Kaspar als Amelia, die Titania ihr naturgemäß viel zu helles Make-up leiht), und alle ergeben sich Nancy Mensah-Offei, wenn sie als ebendiese das Feld von hinten aufrollt und die Herrschaftsverhältnisse alsbald umkehrt. Sie ist großartig als undurchschaubare Aufsteigerin und zynische Rächerin. Nun gilt es für die „Weißen“, denn eigentlich sind wir doch rosa, ihre „Negerqualitäten“ unter Beweis zu stellen und sich als gute Sklaven (samt der sprichwörtlichen Sklavenmentalität) zu erweisen. Für die African Queen wird ein Thron errichtet, alle singen eine Chumbalaya-Weise, ein Gewehr taucht auf, und – alte Theaterregel: Wo eine Waffe ist, wird auch geschossen.

Hat dieses Make-up die falsche oder die richtige Farbe? Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Mit der Enttarnung Titanias nimmt der Abend tatsächlich endlich Fahrt auf, und wo er sagt, Anbiederung ist Rassismus in grauslichster Form, ist er am stärksten. Ansonsten machen viele nette Ideen noch keine Inszenierung, die Summe der einzelnen, mit Blackouts unterbrochenen Teile hätt’s vielleicht getan. So aber wirkt das Ganze szenisch unentschlossen.

Wie die Aufführung die üblichen Verdächtigen, Karrieristen aller Länder vereinigt euch! als arme Würschtln entlarvt, das hat viel mit Wirtschaftssatire zu tun – hätte aber auch ohne Schwarzweißmalerei funktioniert. Derart bereitet sich einem in der Gumpendorferstraße diesmal nur ein ungewohnt durchschnittliches Vergnügen. Naja, nur nicht schwarz sehen, die nächste Premiere folgt bestimmt.

Trailer: vimeo.com/215383618

dastag.at

Wien, 9. 5. 2017