Rund um die Burg 2020: Das Literaturfestival geht online

April 30, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Stars wie T. C. Boyle und Stewart O’Nan lesen live

T. C. Boyle, © echo medienhaus

Das #Corona-Virus und seine bekannten Auswirkungen hat auch vor dem traditionsreichen Literaturfestival „Rund um die Burg“ nicht Halt gemacht. Dennoch findet das Lesefest auch dieses Jahr statt – und zwar online. Mit wie gehabt zahlreichen nationalen und internationalen Stars der Literaturszene geht der 24-Stunden-Lesemarathon heuer am 8. Mai eben über die virtuelle Bühne.

Nicht weniger als 45 Autoren – und damit mehr als doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren – lesen ab 10 Uhr auf rundumdieburg.at aus ihren Werken. Und das nicht nur am Veranstaltungstag: Alle Beiträge können auch danach noch gestreamt werden.

Mit dabei sind Superstars wie T. C. Boyle, dessen Zuschaltung aus Santa Barbara, Kalifornien, um Mitternacht Ortszeit läuft, Rafik Schami mit „Vom Überlisten“ um 11 Uhr, Stewart O’Nan, dessen Lesung aus Pittsburgh aus „Henry Himself“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37172) ab 13.20 Uhr läuft, Hilary Mantel aus dem Süden Englands, die ab 16 Uhr den Abschluss ihrer Cromwell-Trilogie „The Mirror and the Light“ vorstellt (Rezension Band I „Wölfe“: www.mottingers-meinung.at/?p=153, Rezension Band II „Falken“: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), John Stralecky, der um 20 Uhr aus seinem Bestseller „Auszeit im Café am Ende der Welt“ liest, und Raoul Schrott um 0.40 Uhr mit „Eine Geschichte des Windes“.

Monika Helfer, © echo medienhaus

Rafik Schami, © echo medienhaus

Stewart O´Nan, © echo medienhaus

Eröffnet wird mit Fernseh-Legende Hugo Portisch, der ab 10 Uhr in seiner Wohnung aus seiner Autobiographie „Aufregend war es immer“ vorträgt. Michael Köhlmeier erzählt zuhause in Hohenems ab 21 Uhr seine beliebten Märchen (Rezension „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“: www.mottingers-meinung.at/?p=30974) und spätnachts ab 0.20 Uhr liest Monika Helfer, deren Roman „Oskar und Lilli“ von Arash T. Riahi unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt wurde und eigentlich bereits im Kino sein sollte www.einbisschenbleibenwirnoch.at, aus ihrem jüngsten Werk „Die Bagage“.

Lesen werden außerdem Georg Biron, Erika Pluhar, „Superheldin“ Lisz Hirn, Stefan Slupetzky aus „Bummabunga“, Steirerkrimi-Autorin Claudia Rossbacher, Tex Rubinowitz www.mottingers-meinung.at/?p=33292, Gerhard Nechyba Liobelsberger aus „Alles Geld der Welt“, Eva Rossmann, Joesi Prokopetz, ORF-Wetter-Moderatorin Eser Akaba aus „Sie sprechen ja Deutsch!“, Chris Lohner sowie the one and only Erich Schleyer.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=l2Y0Z0uSnpg           rundumdieburg.at

30. 4. 2020

Hilary Mantel, © echo medienhaus

Raoul Schrott, © echo medienhaus

Michael Köhlmeyer, © echo medienhaus

John Strelecky, © echo medienhaus

Der junge Karl Marx

März 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Erfinder des Kommunismus

Stefan Konarske als Friedrich Engels, August Diehl als Karl Marx: Bild: Filmladen

Es ist eine gute Idee von Regisseur Raoul Peck, seinen Film mit einer Szene anzufangen, in der zerlumpte Gestalten im Wald Äste und Zweige zum Beheizen ihrer Behausungen sammeln. Doch das Holz, natürlich, es hat einen Besitzer – und so wird das ärmliche Volk von Berittenen gejagt, geschlagen, einige getötet. Karl Marx schrieb darüber einen frühen Artikel in der Rheinischen Zeitung von 1842 – „Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz“.

Durch die Filmsequenz gewinnt sein Artikel soziale Anschaulichkeit. An dieser Schnittstelle von Biopic, Thesenfilm und Agitationskino bewegt sich Pecks Arbeit „Der junge Karl Marx“, die am 24. März in die heimischen Kinos kommt. Peck zeigt einen widerständigen, vor viriler Kraft strotzenden Karl, der so gar nicht ins bekannte Bild des besonnenen Rauschebartträgers Marx passt. Er zeigt den späteren Vater des Kommunismus als hingebungsvollen Familienvater und liebevollen Freund. Dass der Regisseur und Drehbuchautor bei seiner Darstellung der historischen Figur punkto Sympathiewerte das eine oder andere Auge zugedrückt hat, kann man in der Literatur nachlesen.

Der Film bewegt sich in der Zeitspanne zwischen 1843 und dem Revolutionsjahr 1848. Und er beleuchtet in erster Linie das Zusammenfinden der großen materialistischen Denker Marx und Friedrich Engels. Zeigt, wie sie die Hegel’sche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellten, zeigt zwei, die die Welt nicht länger im Stile der Philosophen interpretieren, sondern verändern wollten. Wäre diese Begegnung nicht wahr, man hätte sie nicht besser erfinden können, hie der notorisch bankrotte Gesellschaftstheoretiker, da der dandyhafte Fabrikantensohn, der in den Familienwerken auf das Leid der Arbeiterklasse stößt, hie der „atheistisch-jüdische Sozialist“, wie ihn seine Gegner nannten, der die adelige Jenny von Westphalen heiratet und mit ihr Kind um Kind (insgesamt sieben) zeugt, da der Gutsituierte, der in geheimer Ehe mit der Baumwollspinnerin und frühen Suffragette Mary Burns lebt.

Fabrikantensohn Friedrich liebt die Arbeiterin Mary Burns: Stefan Konarske mit Hannah Steele. Bild: Filmladen

Nicht nur Genossen, sondern auch Freunde: Stefan Konarske und August Diehl. Bild: Filmladen

Bei seinen Hauptdarstellern weiß Peck diese Protagonisten in guten Händen. August Diehl gestaltet einen flamboyanten und arroganten Mann mit Zylinder; er hechtet sozusagen vom Glück des Ehebetts Richtung Schreibtisch, um dort Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“ mit seinem Traktat „Elend der Philosophie“ zu vernichten. Er brüskiert die oberen Einhundert, berserkert in Vorträgen vor dem Volk, ist absolut glaubhaft als einer, der „endlich mit Keulen, statt mit Nadelstichen kämpfen“ will. Der Anecker und der Ausgleicher: Stefan Konarskes Engels ist dagegen der Geschmeidigere, Diplomatischere.

Und so ist es kein Wunder, dass er Marx’ Sprachrohr wird. Man hat leere Kassen, aber die mit Stil. Man lebt durchaus bourgeois – Familie Marx sogar mit Kindermädchen. Peck und seine Schauspieler haben die Charaktere fein gezeichnet, der überlebensgroße „Kapital“-ist und seine Mitstreiter sind mehr als menschlich und ergo widersprüchlich und Peck liebt sie sichtlich in all ihren Gegensätzen. Optisch hat er seinen Film an jene dekorativen Historienspektakel angedockt, wie man sie vor allem aus dem britischen Kino kennt. Er stellt die Armut und das Elend opulent aus.

Der Tonfall ist pathetisch, aber er trifft wohl den der ersten Revolutionäre – und auch den späterer Politiker. Dann wieder juxt Peck herum – es gibt komödiantische Verfolgungsjagden mit der Pariser Polizei, Marx und Engels dabei wie zwei erhitzte, übermütige Jünglinge. Eine besondere Rolle in „Der junge Karl Marx“ kommt den beiden Ehefrau zu, und so wandelt sich das dynamische Duo bald zum revolutionsdurchdrungenen, hochintellektuellen Quartett. Vor allem Vicky Krieps als Jenny Marx zeichnet das Bild einer Frau, die sich die Emanzipation nicht auf die Fahnen heften musste, weil ihr Mann sie stets als gleichberechtigte Partnerin im Alltag wie in der gesellschaftstheoretischen Diskussion gesehen hat. Hannah Steele ist als Mary Burns direkter im Angriff und kompromissloser im Ideenaustausch –die beiden werden so zu direkten Gegenparts ihrer jeweiligen Ehemänner.

Mit Marx‘ Ehefrau Jenny: Vicky Krieps mit August Diehl und Stefan Konarske. Bild: Filmladen

Erstaunlich, um nicht zu formulieren erschreckend, ist die Aktualität des Films. Wie wenig hat sich bewegt! Und wenn, dann nur Richtung sogenannter „Dritter Welt“. Peck zeigt eine Zeit, in der sich der Wert des Menschen im Wert seines Besitzes manifestiert – und setzt dagegen das kommunistische Manifest.

Er zeigt, eine Gesellschaft, in der „Das Kapital“ immer an der gleichen Stelle wächst. Er zeigt einen „Markt“, der ja nichts anderes als der Schulterschluss der Wohlhabenden ist, der wie ein Lebenwesen betrachtet wird, das ohne die Verfütterung billiger Arbeitskräfte keinem Profit erbringen kann. Peck zeigt auch, wie Marx und Engels den Bund der Gerechten sprengen, Vordenker wie den Anarchisten Bakunin oder den moderaten Sozialisten Weitling aus ihren Positionen hieven. In einer Schlüsselszene, einer Versammlung, reißen sie das Banner des Bundes von der Wand und heften das ihre an: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es gibt Graben- und Flügelkämpfe und immer wieder den Wunsch, „nicht eine intolerante Religion durch die nächste zu ersetzen.“ Das ist, lässt sich retrospektiv sagen, nicht geglückt.

Am Ende des Films schreibt Karl Marx die berühmten Zeilen „Ein Gespenst geht um in Europa …“ – wie anders das heute klingt, dies „Gespenst“ des Kommunismus, da man weiß, wie Marx’ hehre Ideen vom Ungeist der ausführenden Apparatschiks zu Tode gebracht wurden. August Diehl jedenfalls brilliert als Karl Marx. Und seine prägnante Darstellung macht eines klar: Menschenwürde ist kein Tauschwert auf dem Finanzmarkt der Eitelkeiten. Die Zweifel am kapitalistischen System nehmen dieser Tage wieder zu – und womit? Mit Recht!

www.der-junge-karl-marx.de

Wien, 23. 3. 2017

Theater Scala: Raoul bleibt zum Essen

April 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und die Bratpfanne

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Zugegeben. Die Komödie ist ein wenig aus der Zeit gefallen. Der HI-Virus war noch kein Thema, dafür wurde in den Sixties geswingt, was das Ding hergab. „Schlüsselpartys“ nannte man den Hauptspaß – jede Frau zog aus einem Gefäß den Autoaufsperrer eines (fremden) Mannes und mit dem zog sie dann ab. In diesem Geiste schrieb Paul Bartel seinen Kultfilm „Eating Raoul“, das wohl berühmteste Machwerk, des Andy-Warhol-Woody-Allen-Ed-Wood-B-Horrormovieisten. Ja, es war eine Ära, in der Deep Throat noch nicht der Informant von Bob Woodward und Carl Bernstein, sondern eine Technik von Linda Lovelace war. Und sich alle Welt fragte, ob Long Dong Silver (die Legende spricht von 45 Zentimetern, aber auch von Latex) in bewussten Situationen nicht wegen Blutleere im Gehirn in Ohnmacht fiel. Children of the Sexrevolution.

Bruno Max und sein Theater zum Fürchten (derzeit wieder in der Scala) haben die rabenschwarze Groteske als „Raoul bleibt zum Essen“ nun für sich entdeckt. Und nichts könnte abgefahrener sein für diese abgefahrene Truppe. Allein das Programmheft ist lesenswert: Von „The Lonely Hearts Killers“ bis zu „The Love Slave Killers“ werden US-Pärchen aufgezählt, die ihre Liebesobjekte auf die eine oder andere unschöne Weise um die Ecke brachten. Und teilweise immer noch in amerikanischen Todestrakten sitzen. Na, wenn das keine Gute-Nacht-Lektüre ist.

Da sitzen also Paul und Mary Bland – kleinbürgerlich, hausbacken, bieder – in ihrem Apartment in Los Angeles und in den Wohnungen rundherum geht, dem Lärm (einer kommt als John Travolta: Saturday Night Fever) nach zu urteilen, die Post ab. Paul und Mary haben einen Traum: ein Landgasthaus, für das ihnen das Geld fehlt. Der Bankberater wird schon ungeduldig. Und dann passiert der Albtraum. Ein Sexmaniac irrt sich in der Türnummer, irrt sich in Mary und rumms zieht ihm Paul eine mit der Bratpfanne über. Und dem Toten 600 Dollar aus der Tasche. Eine Einnahmequelle ist gefunden. Bernie Feit und Selina Ströbele sind als die Blands die Idealbesetzung. Nicht nur, weil die hochgewachsene, dunkelhaarige Schönheit Mary Woronov, bekannt für ihren provokanten Sadomaso-„Peitschentanz“, auch im Original gut eineinhalb Köpfe größer als der halbglatzige Paul Bartel war. Nein, ihre Wandlung ist fantastisch. Da war man ein Leben lang gutmütig bis gutgläubig und „diese Schweine führen ein sorgloses Leben, während anständige Leute wie wir nie auf einen grünen Zweig kommen.“

Man beschließt also die Sexspielchen mitzuspielen. Holt sich Rat bei einer Domina (großartig: Claudia Marold als strenge Herrin am Telefon, in der Wohnung zwischen Bügeleisen und Gehschule), dreht ein Filmchen für den Sexkanal: Ruf-mich-an. Fabelhaft, wie Ströbele wie 180-Grad-Drehung vollzieht, im Wortsinn schlagfertiger wird, mehr Biss kriegt, sich emanzipiert, und Spaß an Krankenschwestern-Feuerwehrfrauen-Nazis-Babys-Minnie-Mouse-Verwandlungen, wie sie in die Rollen wächst. Dass Bernie Feit ein begnadeter Exkomödiant ist, ist bekannt. Wie ein begossener Pudel steht er daneben, zaghafter, zögernder, wunderbar deplaziert im Sexshop, aber knapp vorm Ende immer pfannenfertig. Man will ja das Eheweib schützen. Und der Dollar rollt. Und dann kommt Raoul. Eigentlich vom Schlüsseldienst, eigentlich Einbrecher. Nur entdeckt er statt Wertsachen Leichensäcke. Für den Latin-Macho-Lover kein Problem. Er beteiligt sich am Geschäft. Hundefutter. Sehr schön gibt Philipp Stix den pomadig-schmierigen Selbstverliebten mit mexikanischem Akzent. Als Raoul aber Mary zu nahe tritt, heißt’s Mann gegen Mann. Raoul bleibt zum Essen. Der Bankberater kommt, das Geschäft wird abgeschlossen. Es gibt Hausmannskost.

In diversen Swingerrollen scheuen Robert Notsch, Sybille Kos, Christoph Prückner und Michael Reiter vor keinen noch so peinlichen Dessous zurück. Besondere Anerkennung gilt Marcus Ganser für die genial raschen Bühnenumbauten und Alexandra Fitzinger und Margit Sanders für die Sixities-Kostüme, inklusive der hässlichsten Perücken von überhaupt, vor allem die Vokuhilas.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 2. 4. 2014