Landestheater NÖ: Jens Harzer in „Ende einer Liebe“

Dezember 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiel ohne Netz und doppelten Boden

Marina Galic und Jens Harzer Bild: Armin Smailovic

Marina Galic und Jens Harzer
Bild: Armin Smailovic

Das Landestheater Niederösterreich setzt diese Saison seine Reihe hervorragender Gastspiele fort. Diesmal war das Hamburger Thalia Theater mit Pascal Ramberts „Ende einer Liebe“ eingeladen. Der Autor ist auch der Regisseur seines Stücks; Rambert „tourt“ seit der Uraufführung in Avignon 2011 durch die Lande, hat seine Arbeit schon in Moskau, Zagreb, New York, Modena und Tokio mit immer wechselnden Schauspielern gezeigt.

„Ende einer Liebe“ ist eben ein universelles Thema; am Thalia, nun am Landestheater dargestellt von Jens Harzer und Marina Galic. Zwei Monologe für ein auseinanderbrechendes Ganzes, ein Paar, das sich Verachtung und Hass an den Kopf wirft. Beide präsentieren dem jeweils anderen die nackte Existenx, nackt auch in dem Sinne, dass die Bühne leer, die Schauspieler in Shirts und Hosen unaufwendig gekleidet, und Aktionen auf ein Minimum beschränkt sind. Was bleibt, ist reine Schauspielerkunst auf höchstem Niveau. Und in dieser steht Galic dem großen Harzer um nichts nach. Um nicht zu sagen, sie übertrumpft ihn. „Ende einer Liebe“ ist (auch eine künstlerische) Selbstentfleischung.

Harzer spuckt, wie in letzter Zeit vermehrt, seinen Ekel über die Welt an sich und ihre Insassen im Besonderen über die Bühne, ist aber für seine Begriffe verhältnismäßig ironiefreie Zone. Fast ohne Gestik trägt er seine Anklage vor; „Die Messe ist gelesen“, sagt er, der mit der Liebesaufkündung kommt, und tatsächlich klingen seine Worte wie eine Litanei, jeder Satz geschmiedet für dieses Konzept einer narzisstischen Kränkung. „Dieser Ausdruck passt zu dir“, giftet er, während sie keine Miene verzieht. „Hör‘ mir zu“, fordert er immer wieder und immer aggressiver. Er ist ein Defensiv-Randalierer, schwankend zwischen Enttäuschung und Entgleisung, zwischen der Verweigerung, so weiter zu machen, und der Verzweiflung über das eigene Beziehungsversagen. Von „Krieg“ und „nicht nachgeben“ spricht Harzer und spielt beherrschte Wut. „Dieses Wir ist jetzt wo?“, fragt er.  Es ist der Qualität der Inszenierung zuzurechnen, dass man sich selbst auf Harzers Seite schlägt, während der männliche Theatergeher wünscht, sie hätte in der Handtasche tatsächlich eine Waffe. Was sie nicht hat. Harzer vergleicht einen Angriff mit dem Bajonett mit ihrem ersten gemeinsamen Sex.

Rambert spielt mit Geschlechterrollen. Lässt aber an manchen Stellen das Denken darüber zu, welches Frauenbild hier eigentlich vertreten wird. Ein typisches, möchte man meinen. Ein passives, vögleinhaftes. Harzer rennt gegen eine schweigende Wand, während Galic still den Tod einer Idee beweint. Sie reagiert körperlich, krümmt sich manchmal, atmet heftig, schluckt schwer verletzt das schwer Erträgliche, hört sich an, sie sei in Streitereien ja immer „Tragödin“. Und selbstverständlich muss sie High Heels tragen, die antiemanzipatorische Männerfantasie, die Frauen die feste Bodenhaftung nimmt, die einen gesundheitsschädigenden Zehenstand verlangt, der einen umso leichter aus den Schuhen wirft. In einer Ehe kann man einmal zu oft ans Ende gehen. Das endet dann in Diskussionen um den Sessel mit den rosa Stickereien. „Wären hier Menschen, die uns zusehen, wäre jetzt die geeignete Zeit zu sagen, gehen Sie, ich fange gerade erst an“, sagt Harzer. Ein kurzes Lachen im Publikum.

Und dann sie. Nach dem Auftritt eines Kinderchors. Galic hat all die Härte und Klarheit, die er ihr abgesprochen hat. Sie findet für seine Logorrhoe den richtigen Ausdruck: „Scheiße!“. Nichts ist hier mehr Vöglein, wenn sie seine Theatermetapher aufgreift: „Einer spricht, ein anderer tritt vor und sagt: Ich bin nicht einverstanden“. Auf einer Metaebene scheint zunehmend die Auseinandersetzung eines Dramatikers mit seiner Dramaturgin, über die Kunst und das Leben, durchzuscheinen. Ihre Sätze zersplittern wie Schrapnelle, wie Schläge prasseln ihre Worte auf ihn ein, zu lang schon ertrinkt sie in seiner erkalteten Liebe. Natürlich hat nun und nur sie recht! Und da spielen sie sie wieder, die Geschlechterrollen. Er sprach von sich, damit sie jetzt von ihm reden kann. Rambert verpasst Harzer, dem selbstgefälligen Dozierer, das Prinzip Vernunft, während Galic die Emotion ist. Immerhin, weil seine Vernunft sie zur Weißglut treibt, kann sie sich darstellerisch in die Höhe schrauben. „Hier wohnte das Dasein und dir ist nichts aufgefallen“, lässt sie ihn wissen, dass seine erotischen Eruptionen über ihrem Körper nicht so gottgleich waren, wie er gern denkt. Der gemeinsame Blick, er ist ihnen verlorengegangen. Die „Tragödin“ wird Furie, der Mann bekommt Angst.

Vieles an diesem Abend ist französisch. Wenn hier schon Stereotype bemüht werden wollen. Auf Deutsch würde wohl kaum jemand in dieser Wortwahl streiten. Könnte sich Rambert von seiner Metaphernverliebtheit und dem Gedankenmäandern verabschieden, er wäre die grausamere Yasmina Reza. Würde jemand, der nicht mehr liebt, so viel Geschrei darum machen? Die Hoffnung, man versteht … Doch Rambert sagt, ja. Sein „Ende einer Liebe“ erzählt an ihren schmerzhaftesten Stellen eigentlich von deren Anfang. Von Kinderwunsch und dem Traum vom gemeinsam Altwerden. Die Kinder sind jetzt schon Scheidungsgeiseln. Harzer und Galic spielen ohne Netz und doppelten Boden. Werden mit verdient großem Applaus verabschiedet. „Das Herz ist herausgerissen. Ich kann nicht mehr“, sagt Harzer. Das „Ende einer Liebe“ kennt jeder. Irgendwie.

www.landestheater.net

Wien, 5. 12. 2015