Volkstheater: Kasimir und Karoline

März 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bananen, Geplärr und Banalitäten

Big Karoline is watching you: Rainer Galke als Kasimir, Birgit Stöger und Stefanie Reinsperger auf der Lichterkettenleinwand. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater hatte Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer Inszenierung von Philipp Preuss Premiere, und das Erstaunen daran ist, dass einen die Aufführung seltsam unberührt lässt. Preuss, der in der Regel für einen Aufreger, zumindest für einen Kopfschüttler gut ist, schafft es diesmal nicht über die Echauffiertheitshürde – ja, nicht einmal über die Aufmerksamkeitsschwelle. Mit Kasimir möchte man nur eins sagen: Das ist mir wurscht.

Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist es die abgepauste Ästhetik des Abends, zum anderen sind es die Banalitäten und das Geplärr, die einen die Scheuklappen dichtmachen lassen. Auf der Bühne herrscht vor allem Trubel, ein Tohuwabohu, in dem die leiseren Horváth-Töne untergehen. So kann man diesem Autor nicht beikommen, so plakativ, so wenig subtil. Schreien statt Inhalt ist keine Lösung, das ist auf der Bühne wie im Leben so.

Denn derart bleibt nichts von Horváths scharfer Analyse des durchökonomisierten menschlichen Zusammenlebens, nichts von seinem Bericht über die Arbeit als Statussymbol und die Not derer, die keine mehr haben – oder was immer Preuss aus dem übervollen Themenkonvolut des Volksstücks zu erzählen nicht gelungen ist.

Dass fortwährend die urbayrische Oktoberfestkost Bananen gefuttert wird, macht die Sache nicht besser. Preuss hat das Stück ganz nach Horváths Vorgabe „in unserer Zeit“ angesiedelt. Die Krise ist dem Kapitalismus systemimmanent, was 1932 galt, gilt 2017 noch immer, nur das Wiesnzelt ist einem Karussell aus Lichterschnüren gewichen. Einem Multimediaspektakel mit Videos und kitschigem Soundteppich, erdacht von Ramallah Aubrecht, Konny Keller und Richard Eigner, das zum Labyrinth für die Darsteller wird. Davor und vor allem darin nämlich tummelt sich die Spaßgesellschaft, die Herrschaften und das Volk. Im Innern spielt sich’s ab, dem Außen bleibt nur das Cinemascope. All das sieht man bei Castorf (oder auch bei Pollesch) schon seit Jahrzehnten so – dass wichtigste Teile der Handlung in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfinden und nur per Livekamera ins Publikum transportiert werden.

Und noch in einer anderen Sache folgt Horváth-Debütant Preuss dem Altmeister aus Berlin: Er fügt Fremdtexte als inszenatorische Rufzeichen ins Stück ein, Konsumismuskritiker Guy Debords 1967 erschienene „Gesellschaft des Spektakels“, als realsozialistischer Dialog schrill performt von den beiden Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria alias Seyneb Saleh und Nadine Quittner, und einen Auszug aus Horváths prophetischem Antikriegsroman „Ein Kind unserer Zeit“. Luka Vlatkovic tritt blutbesudelt und armamputiert als der Soldat auf, der auf einem Jahrmarkt des Jahrs 1938 die Liebe sucht.

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Rainer Galke, Birgit Stöger und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Und er sitzt und sitzt; im Hintergrund die Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria: Rainer Galke, Seyneb Saleh und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Unter den Darstellern sind es Sebastian Klein als Schürzinger, Kaspar Locher als der Merkl Franz und Birgit Stöger als dem Merkl Franz seine Erna, die am ehesten Horváth spielen, brutal und ungekünstelt und doch mit der vom Schöpfer ihrer Figuren verlangten Überhöhung ins Stilisierte. Birgit Stöger ist überhaupt die Erfreulichkeit des Abends. Wie sie sich stoisch in ihr Schicksal und dem Merkl Franz seinen Schlägen fügt, ist sie die perfekte beschädigte Antiheldin. Thomas Frank sitzt als dämonischer, halbverbrannter Schaustellerkönig wie die Spinne im Neonnetz, kommt aber, da ans unvermeidliche Mikrophon gebunden, darin kaum zum Spielen, Michael Abendroth und Lukas Holzhausen sind verlässlich solide als Rauch und Speer. Ihre Ressentiments über die Jugend rülpsen die beiden übersättigten „Besseren“ ins Publikum. Dies einer der gelungeneren Regieeinfälle des Abends.

Als „Kasimir und Karoline“ hat sich Preuss Rainer Galke und Stefanie Reinsperger auserkoren, zwei klasse Schauspieler – und umso mehr tut’s weh, dass die Regie mit ihnen nichts anzufangen weiß. Das Kraftwerk Reinsperger wird aufs übliche Gestenrepertoire zurückgeworfen; ihre Karoline ist eine Wutbürgerin, und Reinsperger berserkert sich ergo durch die Rolle. Zur resignierten Verzweiflung Kasimirs wiederum ist Preuss nicht mehr eingefallen, als Galke beinah die ganzen zwei Stunden lang regungslos und, so weit durch Striche möglich, schweigsam an der Rampe sitzen zu lassen.

Sein Kasimir ist weder Kleinbürger noch Proletarier im Sinne von „aller Länder vereinigt euch“, und wenn Karoline an ihm einen „Terroristen“ erkennt, so ist dieser hier maximal ein Schläfer. Verschenkte Möglichkeiten allüberall. Immerhin: Mit ihrer Bemerkung, man wäre „zu schwer für einander“, sichert sich die Reinsperger den Lacher des Abends. Einen schmerzhaften. Einen zum Fremdschämen. Andererseits: Auch das ist mir wurscht.

www.volkstheater.at

Wien, 18. 3. 2017

Volkstheater: Romeo und Julia

Januar 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zu viel Makeup auf dem nackten Menschsein

Nadine Quittner, Katharina Klar, Stefanie Reinsperger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz, Thomas Frank Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hier wird geheiratet: Nadine Quittner, Katharina Klar, Stefanie Reinsperger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz und Thomas Frank.
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zwei hätten genügt. Vorzugsweise Stefanie Reinsperger und Thomas Frank. Reinsperger vor allem. Man sieht auch so, welche Figur sie kreieren hätte können, welchen Charakter formen, hätte man sie denn eine Rolle spielen lassen. Doch Regisseur Philipp Preuss hatte eine Idee. Eine Idee ist noch keine Inszenierung, ein Konzept aber schnell zum Selbstzweck geworden. So geschehen bei „Romeo und Julia“ am Volkstheater.

Preuss tripliziert die Protagonisten. Auch Nadine Quittner und Katharina Klar sind Julia, auch Kaspar Locher und Nils Rovira-Muñoz sind Romeo. Warum das so sein muss, erschließt sich nicht. Der sehr bemühte Alain Badiou und sein „L’éloge de l’amour“ bleiben nämlich unauffällig. Dass Liebe Risiko und Abenteuer ist, und wie das gesellschaftliche Individualereignis größtmögliche, also universale Folgen nach sich zieht, versteht sich auch so. Kuss führt zu Katastrophe führt zu Katharsis. Seit 1597. Wird das Private als Globe-al enttarnt. Es ist bedauerlich, dass Preuss Shakespeare so wenig vertraut. So bleibt ein verhaltensauffälliges Teenagertrüppchen, der Romeo und seine Haberer, die Julia und ihre BFF, in rotziger Revoluzzerlattitüde; die Gefühlslage ist hysterisch bis Plärr! Dass die terreur einer amour fou auch leise, zarte, hilflose Zwischentöne braucht, geht im Getöse unter.

Immerhin Reinsperger und Frank retten ein paar davon ins Jenseits, sie verstehen es auch den Witz im Liebeswahn darzustellen. Das Sechserpack, die Julias eingesetzt als Damensprintstaffel, die Romeos steigen sich auf engstem Raum auf die Zehen, ist nichts als der laut gewordene innere Monolog. Die Stimme im Kopf als Person vervielfältigt. Szenen werden wiederholt und wiederholt, doch das Déjà-vu bringt keine tiefere Erkenntnis. Keine Darstellung ist dafür ausreichend differenziert; der kleine, der mittlere und der große Stanislaus waren da ja nuancierter. Damit das Wimmelbild nicht überwabert wurden Figuren gestrichen. Auch wichtige, wie beispielsweise der Mercutio. Aber bis er auftreten hätte können, hatte Preuss ohnedies längst den narrativen Faden verloren. Und dies die größte Sünde: Preuss erzählt keine Geschichte. Alles, was einen heute noch an „Romeo und Julia“ interessieren kann, hat er seiner Modeerscheinung unterworfen. Alles wirkt wie nach einem Theater-heute-Cover geschielt.

Was natürlich bedeutet, dass der Abend flasht. Im doppelten Wortsinn – die deutsch-englische Fassung stammt von Frank Günther. Preuss hat Live-Kameras und Rampenmikrophon, grausliche Kleistermasken und neun (!) Klaviere samt deren Spieler auf der Bühne. Der Sound von Kornelius Heidebrecht ist wuchtig, die Bilder im Bühnenbild von Ramallah Aubrecht sind stark und schwarz. Das ist viel Makeup über dem nackten Menschsein, zu viel Schminke für Shakespeares Daseinsarchetypen, ein Lärm ums nichts. Preuss setzt auf Gags und Gimmicks. Steffi Krautz macht Lady Capulet per Augenaufschlag zur Amme, für die mit viel trockenem Humor gesegnete Schauspielerin eine Win-Win-Situation. Stefan Suske ist zu sehr Profi, um sich als Papa Capulet vom Rundherum irritieren zu lassen. Christoph Rothenbuchners Paris altert mit wachsendem Bart und immer welker werdenden Blumen während seines Liebeswerbens wie ein Abbé Faria. Am Ende wird er von den Romeos mit Himbeerwasserblut zu Tode geschlatzt. Sebastian Kleins Tybalt kann sich in eben diesem schon vorher brausen gehen. Rainer Galke spielt als Mönch Lorenzo sehr schön und wortdeutlich Shakespeare.

Preuss‘ gruppendynamischer Versuch war von vornherein als Wagnis postuliert. Die inhaltliche Spannung, die dieses Experiment mit sich hätte bringen können, schaffte es aber nicht einmal aus den Startlöchern. „Ausstattung“ allein garantiert halt noch keine rasante Abfahrt durchs Tal der Leidenschaften, und dass „Romeo und Julia“, dieses reinste Sinnbild der Liebe, als reines Bild keinen Sinn macht, galt es nicht zu beweisen. Ein vergebener Sieg, hier wurden einfach zu viele Chancen liegen gelassen.

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Wien, 24. 1. 2016