Landestheater NÖ online: Der Parasit

April 5, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Grand Guignol in Grau

Ein Emporkömmling will hoch hinaus: Petra Strasser, Emilia Rupperti, Tobias Artner als „Parasit“ Selicour, Rafael Schuchter und René Dumont. Bild: © Bild: Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich eröffnete seinen Osterspecial-Stream am Samstag mit Schillers „Der Parasit“ in der Regie von Fabian Alder – und der hat aus des großen Klassikers Beamtensatire ein Grand Guignol in Grau gemacht. Wiewohl freilich eine Aufzeichnung eine Aufführung nicht ersetzen kann, schafft es das mit großer Spielfreude agierende Ensemble aus

St. Pölten und Klagenfurt, die Komödie ist eine Koproduktion mit dem dortigen Stadttheater, auch via Bildschirm „live“ zu wirken. Bemerkenswert auch auf Film ist das Bühnenbild, Thomas Garvies rotierendes Oktagon mit den im Wortsinn Drehtüren, rund um die Amtsstubenpforten ein endlosschleifiger Korridor, auf dem die Staatsdiener zu kakophonischer Drehorgelmusik ihre Runden … naja, äh … drehen. Ihr Suchlauf nach dem Einlass zu Eheglück und Karrierechance dabei ein Monty-Phyton’scher Silly Walk; ihr Katzbuckeln im Ministerium hat sie bürokratisch verformt, das System haftet an ihnen wie eine zweite Haut.

Heißt: Kostümbildnerin Johanna Lakner hat den Pro- wie Antagonisten übergroße Aktenschranksakkos übergezogen, ein kantig-steifer Thorax, der die geistige Unbeweglichkeit als körperliche versinnbildlicht und in dem feststeckend sich die zur Inflexibilität Verdammten in kolossale Gesten flüchten. Trefflich zeigt das die Figur des Ministers Narbonne, ihn spielt René Dumont, der seine Klappmaulpuppenarme nur mithilfe seines Kammerdieners, Raffael Schuchter als Michel, rühren kann. Wodurch sich die Frage stellt, ob sich hier Volk oder dessen Vertreter gebärden.

Dass Alder auf schaumgebremsten Slapstick setzt, macht das Kabale-und-Liebe-Lustspiel umso spaßiger, die Schauspieler wechseln zwischen Schockstarre und Zappelphilipp, Naivlinge treffen auf Narren auf Neider auf Tunichtguts, die Orgel orgelt Queens „We Are The Champions“ zu den Wie-Wahlkampf-Auftritten des Ministers und Michael Jacksons „Smooth Criminal“, zu dem Selicour ein Siegestänzchen aufs politische Parkett legt.

Tobias Voigt, Heike Kretschmer als La Roche und Dominic Marcus Singer. Bild: © Alexi Pelekanos

Petra Strasser als Madame Belmont mit „Charlotte“ Emilia Rupperti. Bild: © Alexi Pelekanos

Den gibt brillant Tobias Artner. Sein Selicour ist ein speichelleckender Blender, ein Bescheidenheitsheuchler, der sich in Narbonnes Ohren geschleimt hat, ein Nach-oben-Buckler-nach-unten-Treter, der seine Pedaltaktik intensiviert, je tiefer er in die Bredouille gerät. Ihm gegenüber baut sich Heike Kretschmer als La Roche auf, ein barscher Bürohengst, der mit Donnerstimme jedes Korruptionsangebot weit von sich weist. Kretschmer gelingt es grandios einen La Roche zu zeichnen, der seine Rechtschaffenheit durch seine andauernde Rage sabotiert. Je mehr er sich erzürnt, umso größer des Ministers Ennui.

Tobias Voigt und Dominic Marcus Singer sind als Vater und Sohn Firmin zwei sich verzagt gegen Selicours Heimtücke sträubende Opfer, Petra Strasser eine hingegen für den Ränkeschmied entflammte Ministersmutter Madame Belmont, die ihre Enkelin, Emilia Rupperti als Charlotte, weil sie selbst ja nicht die Braut sein kann, Richtung Traualtar treiben will. Während man derart mit Vergnügen verfolgt, wie sich der Intrigenspinner im eigenen Netz fängt, weil La Roche aufklärerisch tobend längst die Fäden in der Hand hat, vergisst Alder aufs Gesellschaftskritische nicht.

„Der Schein regiert die Welt – und Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.“ Mit dieser Unfrohen Botschaft endet das Original. Hier nun darf Team Alder, nachdem René Dumont über „kriechende Mittelmäßigkeit“, Schein und Scheinheiligkeit und ein Sich-Schuldig-Machen, duldet man populistisches Agieren und Agitieren, ins Publikum philosophiert hat, den dringenden Appell „Aufpassen!“ an dieses richten.

Kastensystem in Aktenschranksakkos: Madame Belmont beobachtet, wie ein unliebsamer Bittsteller von Selicour unsanft expediert wird. Bild: © Alexi Pelekanos

Die Moral von der Geschicht‘ hat ein Nachspiel, in dem die Darsteller Slogans, Klassenkampf von links, Neokonservatismus von rechts, Kulturpessimismus, Kapitalismus-Schelte, politisch korrekte Pseudopolitik, auf die Zuschauer niederprasseln lassen. „So sind wir nicht“, zitiert der Minister. Und Selicour? Demonstriert, dass man das kastige Sakko nicht nur alleine stehen lassen,

sondern auch darin versinken kann. Mehr und mehr geht der Schwindler im Stoff unter, bis er scheint’s ganz verschwunden ist; „Der Parasit“ wird insektenklein und von Firmin-Sohn wie ein solches zertreten. Dass im Weiteren Emilia Ruppertis Charlotte, statt mit ihrem Karl ins Finale zu entschweben, Dominic Marcus Singer laut schreiend in den Schwitzkasten nimmt, ist schon was für Connaisseurs. „Tell the Truth, Act now“, skandiert sie die Extinction-Rebellion-Parole. Falls sich darauf ein Reim zu machen ist, dann maximal der, dass Frauen durchaus eine bedrohte Art sind. Und nein, das ist kein Bonmot.

Heute noch zu sehen bis 16 Uhr und wieder am 12. April ab 16 Uhr: vimeo.com/360206873

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7IxnEfOnF1k

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Ian McEwan „Die Kakerlake“, eine köstlich-kafkaeske Persiflage auf die aktuelle britische Politik, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37733

5.4. 2020

Forum Frohner: Neue Ausstellung

Mai 17, 2013 in Ausstellung

„Der größte Mugl meiner Kindheit“

Ab 18. Mai sind im Forum Frohner und im Kunstraum Stein zwei neue Ausstellungen zu sehen:

Adolf Frohner: Vier Jahreszeiten: Regen auf die Frauenwelt, 1985 © Land Niederösterreich, Landessammlungen Niederösterreich, 2013 Foto: Christoph Fuchs

Adolf Frohner: Vier Jahreszeiten: Regen auf die Frauenwelt, 1985
© Land Niederösterreich, Landessammlungen Niederösterreich, 2013
Foto: Christoph Fuchs

Adolf Frohner. Psycholandschaften
Der Mensch bildet das zentrale Motiv im Schaffen Adolf Frohners (1934–2007) und begründet seine Position in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Dass Frohner sich auch kontinuierlich mit dem Thema „Natur“ auseinandersetzte, ist jedoch weniger bekannt. Schon während der ersten Arbeitsphase in den 1950er-Jahren taucht das Motiv auf und entwickelt sich in der Folge parallel zu Frohners Variationen des Figürlichen. Bereits in den 1960er-Jahren findet Frohner eine radikale Interpretation der Thematik. In den 1980er-Jahren wandelt sich Frohners Interpretation der Natur. „Die Ahnung“ oder „Psycholandschaft“ zeigen die Landschaft als bedrohliche Projektionsfläche menschlicher Vorstellungen und gehören zu den expressiven Höhepunkten der Naturdarstellungen des 20. Jahrhunderts. Auffallend ist die Wahl des großen Formats. „Der größte Mugl meiner Kindheit“ zählt zu den monumentalen Werken Frohners und eröffnet vielfältige Assoziationen. Landschaftliches und Gegenständliches verschmelzen bei der Arbeit inhaltlich wie formal. Gerade das Motiv der Natur bietet Frohner eine Möglichkeit zum Experiment und erschließt damit einen neuen Aspekt in seinem Schaffen.

Raffael Rheinsberg. Die Seele der Dinge
Der deutsche Objekt- und Installationskünstler Raffael Rheinsberg (* 1943) arbeitet als Spurensicherer mit den Gedächtnispotenzialen, die in physische Materialien eingeschrieben sind. Als feinsinniger und analytischer Beobachter geht er durch die Welt und sammelt nach einer ihm eigenen Systematik Relikte, die Zeugnis ablegen von Geschichte und Geschichten vergangener Zeiten. Meist sind es kleine, unbedeutende, übersehene oder „aufgegebene“ Fundstücke und Gegenstände aus der Alltags- oder Arbeitswelt, denen er in seinen oftmals raumgreifenden Installationen eine Bühne bietet und zu neuem „Sprechen“ verhilft. Rheinsberg agiert in der Überzeugung, dass jedes noch so unscheinbare, vermeintlich nicht erinnerungswürdige Ding über eine Speicherkapazität bzw. ein Arsenal von Erinnerungen verfügt und damit einen Symbolwert besitzt. Die Umgebung von Krems und Stein wird dergestalt zum Territorium für Rheinsbergs Erinnerungskulturprojekt.

www.kunsthalle.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 17. 5. 2013