Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

Projekttheater im Werk X: Foxfinder

November 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Fuchs

Der Foxfinder nistet sich auf dem Bauernhof der Coveys ein: Marc Fischer, Martina Spitzer und Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

„Es gibt hier keine Situation“, sagt Marc Fischer als Farmer Samuel Covey zu Anfang. Welch ein Irrtum. Die Situation, wie künstlich auch immer kreiert, wird ihn nämlich mit sich reißen, auch seine Frau, die Nachbarin, bis schließlich … Das Vorarlberger Projekttheater ist endlich wieder in Wien, und zeigt im Werk X seine fulminante Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder“. Regisseurin Susanne Lietzow hat die groteske Parabel der britischen Autorin in Szene gesetzt.

Diese eine Dystopie über Totalitarismus und Überwachungsstaat, Entsolidarisierung und das Schaffen von Feindbildern. In einem postapokalyptisch anmutenden England geht es den Menschen nicht gut. Das Bauernehepaar Samuel und Judith Covey hat wegen der Überschwemmung der Felder mit einer Missernte zu rechnen. Aber sie lassen die Arbeit ohnedies schleifen, nach dem Ertrinkungstod des vierjährigen Sohnes und der darob „Erkrankung“ des Mannes. Da platzt der Foxfinder William Bloor in die bescheidene Welt der beiden – und er hat den Feind sozusagen im Handgepäck: Der Fuchs ist an allem schuld, er verseucht die Höfe, macht das Wetter schlecht, manipuliert den Verstand, tötet die Kinder. Der Fuchs ist das Böse, „die Bestie“, die allerdings noch niemand, auch der Foxfinder nicht, zu Gesicht bekommen hat.

Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal hat für diese aberwitzige Ausgangssituation ein so atemberaubend schönes wie beklemmend düsteres Bild erdacht, in dem sich die Darsteller bewegen, als würden sie sich durch einen Albtraum tasten: eine Sumpflandschaft, morastig und wehmütig, dahinter der mystische Wald von Markus Orsini-Rosenberg, in Bahnen abgehängt wie Altarbilder, inmitten all des Wassers, wie eine gottverlassene Insel, die Stube. Martina Spitzer und Marc Fischer als die Coveys, Maria Hofstätter als Nachbarin Sarah Box und Rafael Schuchter als Bloor gestalten in diesem Setting ihr Spiel.

Aus Freundinnen werden Verräterinnen: Maria Hofstätter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Auf der Jagd nach dem Fuchs trifft es die Kaninchen: Marc Fischer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Gegenstände gibt es keine. In einer beeindruckend präzisen Choreografie, dies der erste von vielen Aha-Effekten fürs Publikum, werden das Rücken von Tellern, Suppe schöpfen, Türen öffnen, das Ticken seiner Taschenuhr, sobald Samuel den Deckel aufschnappen lässt, ausschließlich zu deren Geräuschen ausgeführt. Einziges Requisit ist ein Gewehr, und wie man von Tschechow weiß: Wo eine Waffe ist, wird geschossen werden …

Förmlich-höflich stellt sich der Foxfinder vor. Rafael Schuchter zeigt ihn mit seiner ruhigen, tiefgründigen Art als einen pedantischen Menschen, der aber bald im Befehlston zum unangenehmen Fragensteller wird. Immer wieder deckt Schuchter neue Schichten an diesem Charakter auf. Von Kindheit an in einem geheimnisvollen „Institut“ indoktriniert, ist Bloor dessen Glaubenssätzen soldatisch hörig. Alles deutet auf eine pseudoreligiöse Sekte hin – vor allem, als sich der Foxfinder als Flagellant enttarnt -, deren oberste Maxime Wirtschaftswachstum ist, weil „die Nation nur mit vollem Magen marschiert“. Den Lebensmittelproduzenten, heißt: Bauern, wird bei Nichterfüllung vorgegebener Quoten mit Enteignung und Zwangsarbeit in Fabriken gedroht.

Der Wald steht unter Wasser: Rafael Schuchter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Der Foxfinder fügt sich gern selbst Ungemach zu: Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Die Coveys sind ein einsilbiger, in sich gekehrter Menschenschlag. Marc Fischer spielt Samuel verhalten aggressiv, Martina Spitzer die Judith dem Fremden gegenüber um Freundlichkeit bemüht, aber ängstlich. Spitzer ist ganz großartig, so durchscheinend ist ihr Spiel dieser Figur Judith, die in der Beziehung die Starke sein muss, und nicht weniger leidet als Samuel, der mit seiner Schuld am Tod des Kindes hadert. Maria Hofstätters Sarah ist da deutlich resoluter, widerständiger, die Hofstätter in ihrer Darstellung authentisch wie immer.

Bald schafft es Bloor mit seiner krausen Ideologie, mit den „Zeichen“, die er überall wahrnimmt, das soziale Dorfgefüge zu destabilisieren. Die drei von ihm Heimgesuchten werden zu Denunzianten wider Willen und besseres Wissen, aus Freundschaft wird Verleumdung und Verrat, die Nachbarn spielen sich gegenseitig aus, das Misstrauen herrscht. Der Mensch wird des Menschen Fuchs, und einer als Mitläufer im System erscheint sogar fanatischer als der Foxfinder. Mehr und mehr wird unklar, wer dessen Theorien tatsächlich anhängt, wer sich in ihnen verfängt, wer seine Überzeugung nur vorgaukelt. Das Ende ist – überraschend.

Dawn King, und mit ihr das Projekttheater, erzählen eindrücklich davon, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn die Politik wahre Ursachen für Probleme mit Parolen und Phrasendrescherei gegen frei gewählte Sündenböcke verschleiert. Im Staat „Schuld sind immer die anderen“ wird Kings absurdes Drama zur schaurigen Realität. Die Wien-Premiere von „Foxfinder“ wurde mit viel Applaus bedankt.

Zu sehen bis 6. November.

new.projekttheater.at

werk-x.at/

  1. 11. 2018

Schauspielhaus Wien: Spam

Januar 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine irrwitzige Irrfahrt durchs Internet

Noemi Steffen, Sebastian Schindegger Bild: ©Timon Mikocki

Noemi Steffen und Sebastian Schindegger
Bild: © Timon Mikocki

Stifte und Klebezettel zum Notieren von Keywörtern liegen fürs Publikum bereit. Der Mann kann schließlich nicht alles alleine machen. Der hat beim Entschlüsseln der Hinweise so schon Stress, dieser Datenbahndinosaurier, dem die Digital Natives von der Überholspur aus lässig zuwinken. Der Mann ist auf der Suche nach seiner Identität, und eine solche hat man ja heute ohne Internet quasi nicht mehr. Also beginnt für ihn eine irrwitzige Irrfahrt durch die Untiefen der unendlichen wwweiten, durch Phishing-Mails und Skype-Chats, Youtube-Videos und LiveLeak, alles natürlich unter Einfluss des Nonsense stiftenden Google-Translator, auf Chinesisch (vereinfacht): 合理的原因 –  Hélǐ de yuányīn, man ist online bekanntlich international! Sebastian Schindegger spielt im Nachbarhaus des Schauspielhaus Wien „Spam“. Eine deutschsprachige Erstaufführung.

Der argentinische Autor Rafael Spregelburd hat diesen Spaß erdacht, 31 Szenen, deren Reihenfolge durch das Los – hier sind’s Glückskekse aus einem Goldfischglas – bestimmt wird, anhand derer eine Biografie rekonstruiert werden soll. Denn der Mann hat einen Schlag auf seine menschliche Festplatte bekommen und leidet nun unter Gedächtnistotalausfall. Nur sein Laptop weiß, wer er ist. Und offenbar eine mysteriöse Cassandra, mit der er in Kontakt steht. Noemi Steffen gibt dem Mann als eine Art allwissendes Elektronengehirn die Anweisungen über den weiteren Browser-Verlauf. Doch schon zu Beginn, diesmal ist es Tag 10 und es geht um Männlichkeit und Größe, nicht die innere, sondern das Junk-Angebot, steht fest: Hier ist alles nur Behauptung. „Ding!“ tönt es, wenn Schindegger sich dem nächsten Tag und dem nächsten digitalen Ereignis zuwenden muss; das Signal „Sie haben Post!“ wird auf dieser Schnitzeljagd nach dem eigenen Schicksal mitunter zur gefährlichen Drohung. Die virtuelle Müllhalde des Mannes ist nichts als eine Kopie seines realen Lebens.

In der Regie von Kathrin Herm agiert Schindegger wie im Escape Room, schwankt von Computer zu Camus‘ „Der Fremde“ und zurück, wandelt sich von verwirrt und zerspragelt zwischen seinen vielen Aufgaben an der Tastatur und den Wandprojektionen über zunehmend von Schwach- und Wahnsinn umzingelt zu am Schluss siegessicher. Schindegger beherrscht die Kunst, die Zuschauer charmant in sein Spiel einzubeziehen; damit gibt der Schauspieler dem Abend eine ihm eigene, feinhumorige Note. Er gibt auch körperlich alles, isst zerbröselte Kekse vom Boden, turnt über Sofa und Stühle, und ist am Ende auf der hohen Stirn von Klebestreifen und Heftpflastern gezeichnet. Während sich die Erkenntnisspirale immer schneller dreht, setzt sich langsam ein Mosaik zusammen, dämmert die Dimension des Geschehenen herauf. Nicht umsonst sitzt der Godfather der Suspense-Situationen, Sir Alfred Hitchcock, als Polster auf einem Podest.

Mehr zu verraten, wäre … nur so viel: Es kommen pervertierte Puppen vor. Und ein Schweizer Taucher. Und die chinesische Mafia. Es geht um Geld, heißt, bankinstitutionalisiertes und organisiertes Verbrechen. Ein langhaariger Linguistikprofessor und ein hipper Lifestyleblogger sind nicht zwingend zwei Männer. Es geht um Sprachversteppung und einen Wortschatzsucher in der wwwüste. Eine Moral hat sie auch, diese Geschichte: Wenn jemand via Mail ein Vermögen anbietet … erachten Sie’s als „Spam“. Das erspart Ihnen einen Kopfschmerz.

Sebastian Schindegger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16648

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1TTsMNavdaU

www.schauspielhaus.at

Wien, 8. 1. 2016

Schauspielhaus Wien neu: Sebastian Schindegger

Dezember 15, 2015 in Bühne

Sebastian Schindegger Bild: Copyright Matthias Heschl

Sebastian Schindegger
Bild: Matthias Heschl

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gespräch über Wiener Widersprüche, Stadttypen und „Spam“

Nach Tomas Schweigens Auftaktinszenierung „Punk & Politik“ stand hier  frech geschrieben, er sei ein Typ, wie von Tschechow erfunden (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15730). Das kann Sebastian Schindegger gelten lassen. Weil er Tschechow mag und, weil er Typen mag. Der gebürtige Wiener ist mit Schweigen als neuem Schauspielhaus-Intendanten in seine Heimatstadt zurückgekehrt (mehr: www.schauspielhaus.at/team/sebastian_schindegger). Und hat hier vielfältige Aufgaben übernommen. Beispielsweise als hiesiger Schmäh-Übersetzer für die Kollegen. Ab 7. Jänner zeigt Schindegger an der zweiten Spielstätte im „Nachbarhaus“ das One-Man-Stück „Spam“ von Rafael Spregelburd. Darin sucht ein Mann nach seiner verlorenen Identität. Sebastian Schindegger im Gespräch:

MM: Sie sind im theatralen Dreiländereck am Schauspielhaus Wien der Wiener. Wo waren Sie all die Jahre?

Sebastian Schindegger: Ich war 15 Jahre in Deutschland, in Halle an der Saale, Berlin, Frankfurt, Hannover, also vier Städte abgegrast – und jetzt bin ich wieder in Wien. Hier habe ich gerade auch Vermittlerfunktion, was die Mentalität meiner Landsleute betrifft. Das ist mitunter recht lustig, wenn eine Kollegin zu einem Bühnentechniker sagt: Wie geht’s?, er antwortet: Schlecht, wenn i di seh’!, und ich erklären muss, dass das unser berühmter Charme und Schmäh ist.

MM: Der Spruch hat Tradition, stimmt. Wie hingegen hat sich Wien während Ihrer Abwesenheit verändert? Wie wirkt die Stadt auf Sie?

Schindegger: Meine Frau ist auch Österreicherin, vom Land, also waren wir in unserer freien Zeit meistens dort. Nun wieder Wien – wie hat es sich verändert? Die Mieten sind teurer geworden. (Er lacht.) Ich bin im Zweiten aufgewachsen, und das war unheimlich trist. Jetzt ist es ein sehr hipper Bezirk, in dem man sich gut wohlfühlen kann. Wir wohnen in einem richtig angesagten Viertel. Da bin ich doch überrascht, welche neue Lebensqualität diese Stadt hat. Na, Wien gewinnt ja auch immer irgendwelche Preise für Lebensqualität …

MM: Sie sind mit Tomas Schweigen als neues Teammitglied am Schauspielhaus Wien angetreten. Wenn Sie sich beschreiben müssten – was Sie nun müssen: Was macht Sie als Schauspieler aus? Was interessiert Sie am Theater?

Schindegger: Das ist schwierig, weil es tatsächlich oft wechselt. Ich habe unlängst erst darüber nachgedacht. Ich finde die Mischung aus dem Ursprung, also wo man herkommt, mit einer Universalität schön. Mein bestes Beispiel dazu ist Helmut Qualtinger, den mag ich sehr. Ein Wiener mit all seinen Qualitäten und Abgründen. So eine Art Schauspieler zu sein, stelle ich mir vor. Ich mag Typen.

MM: Wenn ich das sagen darf: Sie sind auch einer.

Schindegger: Ja, und da muss man in der Not eine Tugend draus machen. Jeder Spieler ist anders, aber das Publikum geht halt doch wegen Typen ins Theater. Ich finde das auch an Kollegen spannend, gerade, wenn man sich denkt, einer passt nicht auf eine Rolle, wie er die dann interpretiert. Was Stücke oder Spielarten betrifft, das wechselt tatsächlich oft. Es gibt nicht die eine Ästhetik, von der ich sage, die ist hundert Prozent meins. Ich mag, wenn Theater unterhält. Auf viele Arten Unterhaltung, aber Unterhaltung. Ich mag, wenn Theater körperlich wird, wenn was passiert. Nur Gedanken und Text, da steige ich oft aus.

MM: Also, Gedanken und Turnen.

Schindegger: Das ist gar nicht so leicht! Manche Texte eignen sich nicht zur Bebilderung, Text ist sensibel, der lässt sich vom Eindruck auch erschlagen. Wir hier sagen allerdings: Auge geht vor Ohr.

MM: Das Schauspielhaus neu will eine Aussage zu dieser Stadt, zur  Zeit, zur Gesellschaft treffen. Das merkt man schon am Spielplan.

Schindegger: Ja. Wir sind angekommen und die Stadt- und die Weltpolitik waren voll im Gange. Dazu muss man Stellung nehmen. Ich habe mit Tomas schon in Frankfurt und Hannover gearbeitet, das waren immer gute Sachen. Er möchte ausprobieren, experimentieren, das hat mich total gereizt nach Wien zu kommen. Nichts ist schlimmer, als wenn Theater erstarrt ist. Wir versuchen uns an Formaten, an Stoffen, mal sehen, wie das wird. Es soll natürlich – ja, politisch ist immer so ein komisches Wort, wenn man’s formuliert -, aber es soll politisches Theater sein. Ich habe in den vergangenen Jahren gemerkt, dass es mich immer weniger befriedigt, die großen Klassiker „vom Blatt“ zu spielen, ausführendes Organ einer Intendanz zu sein. Man sollte als Theatermacher eine Haltung zu Themen entwickeln und sein Team einbeziehen. Das macht Tomas ganz stark. Es gibt sehr flache Hierarchien, weshalb sich jeder für alles verantwortlich fühlt. Fürs Gelingen und fürs Scheitern. Das ist eine neue Erfahrung, aber auch eine gute.

MM: Sie sind in der ersten Produktion „Punk & Politik“ noch bis Ende des Jahres zu sehen. Ein Stück, das in gemeinsamer Autorschaft entstanden ist. Es geht um die Verantwortung des einzelnen für das Ganze. Hat sich der Abend seit der Uraufführung weiter entwickelt?

Schindegger: Auf jeden Fall. Wir haben das ziemlich genau inszeniert, es wirkt sehr improvisiert, ist aber total auf den Punkt, selbst die Pausen, die scheinbaren Hänger sind ziemlich genau getimt. Aber das Publikum variiert sehr. Es mischt sich ein. Es gibt seine Meinung dazu ab. Das muss man als Spieler aushalten, da sagt man dann über Körpersprache: Es ist ja nur gespielt. Manchmal amüsieren die Leute sich königlich, manchmal herrscht Unverständnis. Darauf muss man auf der Bühne eingehen.

MM: Es gibt zu diesem Abend ein Europamanifest.

Schindegger: Wir unterstützen eine EU-Initiative, für die haben wir hunderte Unterschriften gesammelt. Ich habe mich nie so mit dem europäischen Thema auseinandergesetzt. Ich bin in die Produktion so do-it-yourself hinein und muss sagen, dass ich auch für mich etwas gelernt habe. Das ist einer der Vorteile meines Berufs, dass man sich mit Dingen beschäftigen kann und dann mehr mitnimmt, als ausschließlich einen neuen Rollentext gelernt zu haben. So kann ich mich mit meiner Arbeit und mit einem Haus mehr identifizieren. Momentan lerne ich total viel über Spams. Unglaublich, welchen Schrott es im Internet gibt!

MM: Wobei wir beim aktuellen Thema sind: „Spam“ von Rafael Spregelburd, Ihre Premiere im Nachbarhaus am 7. Jänner.

Schindegger: Genau. Da erwacht ein Mann in einem Hotelzimmer auf Malta und kann sich an nichts mehr erinnern. Er findet einen Laptop und über die Verlaufsgeschichte des Browsers versucht er seine Geschichte zu rekonstruieren. Wir werken gerade daran, Regisseurin Kathrin Herm und ich, und ich habe vor, den ganzen Raum zu bespielen, also keine Bühnensituation zu gestalten. Es wird eine Installation, es wird Projektionen von Internet-Unsinn, von Mails – Spams natürlich – und Videos mit mir dazu geben. Die Videos drehen wir derzeit.

MM: Das Stück hat 31 Szenen, die per Losentscheid gespielt werden?

Schindegger: Es ist wirklich ein sehr verwirrendes Stück. Sehr kryptisch.

MM: Das ist der Satz für den Kartenvorverkauf.

Schindegger (lacht): Nein, es ist großartig. Die Verwirrung ist ja seine große Qualität. Es werden 31 Tage im Leben dieses Mannes beschrieben. Es beginnt bei Tag zehn, nachdem er einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, und dann werden willkürlich Tage raus gezogen, vorherige, spätere, die ich dann darstelle. Für mich ist das auch eine Überraschung. Und eine Herausforderung. Es gibt eine Frau, Kassandra, von der er dubiose Nachrichten findet. Da überlegen wir gerade, ob sie da sein wird, oder nur in seinem Kopf existiert, und – ja, mehr mag ich eigentlich nicht verraten. Lassen auch Sie sich überraschen!

MM: Aber zusammengefasst: Sie befinden sich gerade in den Untiefen des Internets.

Schindegger: Und genau das, was man da an Müll oder Nichtmüll findet, ist die Fragestellung in diesem Stück. Der Mann findet ein Versatzteil aus seiner Vergangenheit und weiß nicht, hat das eine Bedeutung oder nicht. Da gibt es ein paar echt tolle Dinge. Der Titel des Stücks ist halt „Müll“ und wir denken das konsequent zu Ende. Ich hoffe, dass unser Konzept aufgeht. Ich habe von Spregelburd schon mal eine Uraufführung in Mannheim gemacht, das war auch gut, deshalb bin ich jetzt auch guter Dinge. Was wir gerade ausprobieren fühlt sich richtig an. Ich bin aufgeregt, aber gut aufgeregt.

MM: Naturell Rampensau? Eine Monologscheu scheinen Sie ja nicht zu haben.

Schindegger: Immer lieber Dialog als Monolog, weil ich nicht so gern einsam bin. Aber Rampensau schon, muss ich gestehen. Ich gehe gerne nach vorne. Ich mag es, wenn am Theater Konflikte verhandelt werden. Das geht mit einem Spielpartner, und wenn der fehlt, ist das Publikum dran.

MM: Eine gefährliche Drohung. Nein, im Ernst, ich hatte schon bei „Punk & Politik“ das Gefühl, dass Sie keine Berührungsängste haben, dass Sie gut auf ein Publikum zugehen können.

Schindegger: Das stimmt, ich mag das gerne, aber nicht in dem Sinne, dass sich jemand fürchten muss, auf die Bühne gezerrt und vorgeführt zu werden. Ich mag das selber nicht, wenn man am Theater so niederagitiert wird, wenn so Mitmach-Abende entstehen. Das ist mir als Schauspieler unangenehm, wenn ich sagen muss: Jetzt machen Sie mal mit hier. Das ist mir aber auch unangenehm, wenn ich im Publikum sitze. Ich war in zwei Produktionen, einmal musste ich die Leute schon beim Reinkommen anpöbeln, einmal jeden einzelnen Zuschauer herzlich begrüßen. Da ist mir das zweitere lieber. Aber bei Tomas muss man da keine Sorgen haben, weil er gewisse Grenzen diesbezüglich nie überschreitet. Auch das mag ich an ihm.

MM: Was wünschen Sie sich von Wien?

Schindegger: Ich möchte wieder tief in die Mentalität dieser Stadt eintauchen. Und tief in diesen Humor. Der hat mir in Deutschland ehrlich gesagt gefehlt. Dieses Abgründige, Grausliche, aber leider zwischenmenschlich sehr, sehr Wahre. Das Grantige, das Widersprüchliche und das politisch Unkorrekte. Mir gefällt das sehr gut. Da bin ich wieder bei den Typen: Manche trifft man nur mehr in Wien. Das kann einen wahnsinnig machen oder wahnsinnig freuen. Ich möchte mir da einiges aneignen, oder wieder aneignen. Mal sehen, vielleicht kann man dazu auch einmal am Theater etwas machen. Ich hoffe, ich werde in dieser Stadt viel mitmachen. Ich bin hier schon sehr zu Hause.

MM: Ich habe auf Ihrer Webseite gelesen: Bauchtanz. Bär und Bauchtanz?

Schindegger: Oh mein Gott, stimmt, mein Bruder hat mir vor Jahren einmal eine Homepage eingerichtet, da steht das drauf. Ja, ich habe einmal ein Stück gespielt, für das ich ein halbes Jahr lang professionell Bauchtanz gelernt habe. Und ich darf sagen: Ich bin sehr gut. Man kann am Theater so viel Quatsch machen, großartig. Ich dachte damals, andere fahren ins Büro, ich zum Bauchtanz – und man kriegt auch noch dafür gezahlt. Frauen bewegen sich natürlich graziler, geschmeidiger, aber ich habe eine Frau gespielt. Ich war eindeutig der beste in der Bauchtanztruppe. Mit super Hüftschwung. Immer noch.

www.sebastianschindegger.com

www.schauspielhaus.at

Wien, 15. 12. 2015

Susanne Lietzow inszeniert in Linz und Feldkirch

September 8, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater Phönix: Leonce und Lena

Projekttheater: Foxfinder

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl
Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Susanne Lietzow ist zurzeit in Oberösterreich und in Vorarlberg als Regisseurin zugange. Am Linzer Theater Phönix bringt sie am 10. September Georg Büchners virtuoses Spiel „Leonce und Lena“ auf die Bühne. Sein 1836 verfasstes einziges Lustspiel ist ein absurd-romantisches Märchen, eine bitterböse Satire über die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Eine Persiflage auf die Weltfremdheit und Dekadenz eines elitären Standes, der es sich leisten kann, sich Langeweile zum Problem zu machen, während das Volk schuften muss, um zu überleben. Das Theater Phönix sieht in Büchners Kritik an der Ausbeutung des Menschen durch den Staat und das Feudalsystem durchaus Parallelen zu den Zuständen unserer Zeit. Es gehe um eine „No-Way-Out-Generation, die sich in einer ausweglosen Situation befindet“, so die Regisseurin. Das Stück habe „sowohl eine romantische als auch eine politische Seite in einer einzigartigen Sprache, die direkt unter die Haut geht.“

Julia Jelinek, die gleichzeitig in den österreichischen Kinos im Film „Der Blunzenkönig“ an der Seite von Karl Merkatz zu sehen ist, wird die Prinzessin Lena verkörpern, die vor der arrangierten Ehe mit Prinz Leonce flüchtet und sich inkognito dennoch in ihn verliebt. Phönix-Stammspieler David Fuchs wird den Prinzen Leonce spielen. Außerdem zu sehen: Rebecca Döltl, Tänzer und Choreograf Daniel Feik, neu im Phönix-Team: Markus Hamele, Klaus Huhle („Ihm laufe ich schon seit vier Jahren nach!“, sagt Lietzow), Sebastian Pass und Felix Rank. „Leonce und Lena“ spielt diesmal auf Kunsteis – und das Schauspielteam auf Eislaufschuhen. Dafür gab es Unterricht vom Linzer Eiskunstlaufverein.

Am 17. September folgt am Projekttheater Susanne Lietzows Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder – Zeit der Füchse“. In ihrem preisgekrönten Stück zeichnet die britische Autorin eine raffiniert-groteske Parabel auf den Überwachungsstaat. Eine aberwitzige Ausgangssituation, überzeichnete Figuren und pointierte Stakkato-Dialoge machen „Foxfinder“ zu einem Stück wie gemacht für das Ensemble des Projekttheaters. Den Menschen geht es schlecht. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Missernte sorgen für Unmut und Verzweiflung in einer ländlichen Gegend irgendwo in England. Ein Feindbild muss her. Der Fuchs. Er verseucht die Bauernhöfe, beeinflusst das Wetter, manipuliert Träume und Verstand und tötet unschuldige Kinder – predigt der staatliche beauftragte „Foxfinder“ William Bloor, gespielt von Rafael Schuchter. Er platzt in die Welt des Ehepaars Samuel (Marc Fischer) und Judith Covey (Martina Spitzer) und der Nachbarin Sarah (Maria Hofstätter). Das Ehepaar Covey, geschockt vom plötzlichen Tod des Sohnes und verzweifelt wegen der schlechten Ernte, wird zur Zielscheibe des Foxfinders. Gespielt wird am magischen Ort der Johanniterkirche Feldkirch.

Im Februar/März 2016 kommt die Produktion als Gastspiel ins Theater Nestroyhof Hamakom.

www.theater-phoenix.at

www.projekttheater.at

Wien, 8. 9. 2015