stadtTheater Walfischgasse: Zweifel

Januar 15, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Diese „Sister“ agiert beinhart

Anita Ammersfeld, Alexander Rossi, Johanna Withalm Bild: Sepp Gallauer

Anita Ammersfeld, Alexander Rossi, Johanna Withalm
Bild: Sepp Gallauer

Für ihre letzte Rolle am stadtTheater Walfischgasse wählte Intendantin Anita Ammersfeld eine, in der sie brilliert, wie in keiner tragischen  am eigenen Haus bisher. Sie zieht alle Register ihres schauspielerischen Könnens, ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung, verkörpert eine Figur, über die man sich ärgern kann, aber auch lachen – und vor allem Verständnis haben muss. Eingeschnürt, wie sie ist, ins Korsett der katholischen Kirche. Klug ausgesucht!

Gegeben wird „Zweifel“ von John Patrick Shanley. Pulitzer-Preis-, Drama-Desk-Award- und Tony-ausgezeichnet. Verfilmt mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman. Der Inhalt: St. Nicholas in der Bronx, New York. Der charismatische Pater Brendan Flynn versucht die strengen Sitten einer katholischen Schule auf den Kopf zu stellen, die mit eiserner Hand von Direktorin Schwester Lukas (Ammersfeld) geführt wird. Doch der Wind des politisch liberalen Wandels weht durch die Gemeinde und so nimmt die Schule ihren ersten schwarzen Schüler auf. Aber dann berichtet die naive Schwester James der autoritären Direktorin, dass Pater Flynn dem neuen Schüler zu viel private Aufmerksamkeit widmet. Messwein ist im Spiel. Und ein Knabenunterhemdchen. Unverzüglich sieht sich Schwester Lukas zum Handeln gezwungen – mit verheerenden Folgen. Das Stück ruft unweigerlich die Missbrauchsfälle in Erinnerung, die die katholische Kirche in den letzten Jahren erschütterten …

Schwester Lukas ist keine „Sister Act“. Sie urteilt streng, agiert beinhart, betet ihre Regeln wie den Rosenkranz. Zufriedenheit ist das Laster Einfältiger. Zu denen gehört in ihren Augen Lehrerin Schwester James (Johanna Withalm), die den Glauben an das Gute im Menschen noch verinnerlicht hat. Lehrer, rügt sie sie, hätten von Gott Herz UND Verstand bekommen. Ersteres hat warm zu bleiben, Zweiterer muss kühl sein. So sehr unterdrückt die Direktorin ihre Gefühle, bewahrt sie stets Haltung, dass sie die anderer (möglicherweise?) missdeutet. Dabei  ist sie trotzdem mit trockenem Humor ausgestattet. Anita Ammersfeld spielt das fabelhaft und weiß den Publikumsjubel auf ihrer Seite.

Regisseurin Christine Wipplinger inszeniert das so straight, so auf „Minustemperatur“, so versteinert, wie die Gesellschaft, die sich im „steineren“ Bühnenbild von Walter Vogelweider bewegt. Ausschließlich wird hier um den heißen Brei herumgeredet. Wobei Shanleys Anliegen durchaus klar werden: „Zweifel“ erzählt vom äußerst schmalen Grat zwischen Überzeugung und Ungewissheit und von der veränderten Wahrnehmung unter den Vorzeichen eines Verdachts. Es hält die Schuldfrage über das Ende hinaus geschickt in der Schwebe und deutet die moralischen Abgründe auf beiden Seiten der Frontlinie an. Jeder Dialog dynamisiert die Handlung, doch keiner davon lässt für den Zuschauer eine letztgültige Schlussfolgerung, was richtig und was falsch ist, zu. Die „Wahrheit“ wird nicht einmal auf dem Nachhauseweg zu finden sein. Zu sehr kann man Fürs und Widers abwägen.

Denn der großartige Alexander Rossi, der unkonventionelle Priester und Lehrer Vater Flynn, bleibt ein undurchschaubarer Januskopf. Hält salbungsvolle Predigten, gibt sich allein im Kirchengarten seinen Wutausbrüchen hin, gibt für den schwarzen Schüler Donald, der vom eigenen Vater verprügelt wird, eine Art Ersatzvater, tauscht mit Schwester Lukas verbale Ohrfeigen aus. Dies die besten Szenen: der Machtkampf zwischen Direktorin und Lehrer, zwischen Priester und Nonne – in einer Funktion er ihr, in der anderen sie ihm unterstellt -, da wird sogar ausgefochten, wer in Besprechungen auf welchem Sessel sitzt. Rachelle Nkou wird als Donalds Mutter vorgeladen. Wütend spielt Nkou diese Mrs. Miller. Man möge sie doch bitte in all das nicht hineinziehen. Für ihren Sohn ist ihr lieber der „Klassenaufstieg“, die gute Schule, gefolgt vom besseren College, als die Frage, ob es da „Annäherungsversuche“ gegeben hätte. Auch das eine starke, aus der Warte der Figur fast verständliche, Aussage.

Schwester Lukas siegt, Vater Flynn wird versetzt. Ohne tatsächliche Beweise. Die „Zweifel“ bleiben also. Nur nicht daran, dass dies ein außergewöhnlicher Abend ist. Und der Wiener Theaterspielplan ohne das stadtTheater um eine spannende Spielstätte ärmer sein wird.

www.stadttheater.org

Wien, 15. 1. 2015

Das TAG: Torvald

November 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Rollenspiel, ein Mann zu sein

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Man hat sie auf so viele Weise ihren Mann verlassen sehen. Frei und emanzipiert. Ehehafen und Kinder zurücklassend. Von den Wiener Festwochen bis Tokio richtete sie auch schon eine Waffe gegen sich. Dabei hat’s Ibsens „Nora“ in ihrem Puppenheim immer nur gut gemeint. Geld vom miesen Krogstad geliehen, um ihrem Torvald die teure Sanatoriumsgenesung zu finanzieren – und blieb am Ende immer über. Angeklagt vom eigenen Mann.

Der darf nun im TAG in der Uraufführung von „Torvald“ seine eigene Medizin kosten. Rachelle Nkou, Tänzerin, schweizerische Wahlösterreicherin mit Wurzeln in Kamerun, und ihre Gruppe DAS GUT, haben in ihrer Version Ehemann Torvald ins Zentrum gestellt. Am Zenit seiner Karriere als Bankdirektor verliert er plötzlich die Bodenhaftung in seinem Leben und gerät im Spannungsfeld zwischen männlicher Identitätskrise und Bournout-Syndrom ins Schleudern. Ibsens Figuren-Tableau ist verrutscht und der Kampf so herzzerreißend wie aussichtslos. Das Bekannte, das von den Vätern noch Gelebte, driftet ihm sukzessive immer weiter weg. Konfrontiert mit einer Vielzahl neuer Anforderungen und  Bedingungen, sieht er zumeist nur schemenhaft neues Land.  Wie’s der Grönemeyer singt: Wann ist ein Mann ein Mann? Als hätten Frauen heute viel mehr Lebensmöglichkeiten, als der Indianer, der immer noch keinen Schmerz kennen darf.

In einer postmodernen Leistungsgesellschaft, in der alle blond sind und graue Anzüge tragen, leben Torvald (Alexander Braunshör) und Nora (Birgit Linauer) den perfekten Power-Wellness-Jetset-Lifestyle. Kapitalismus pur, auf der Bank wie im Bett ist von Torvald männliche Härte gefragt. Nkou inszeniert rasant, ironisch, mit verfremdeten Popsongs und einer steifen Prise Dystopie. Und mit hervorragendem Ensemble. Alle bewegen sich zwischen Kaufrausch und Konsummüdigkeit, ein Erschöpfungsfuror, ein Marktbeschleuniger, für den es keinen Bremsschuh gibt. Selbstausbeutung mündet in Entlassungsangstgesängen. Mantraartig wird rezitiert, was im Leben wichtig ist: Fleiß und Arbeit und dabei Fröhlichkeit. Instant-Tipps für alle Lebenslagen gibt „Studio Linde, die Empfangsdame deiner Seele“ – eine elektronische Seelsorgerin mit Telefonschleifenstimme (Johanna Orsini-Rosenberg). Kein Wunder, dass Krogstad (Julian Loidl) kein sinistrer Obskurant mehr ist, sondern eine Art Weihnachtsmann. Lauf, lauf, kauf, kauf. Die Funktion der fünften Figur, Rank (Martin Bergmann) benannt, bleibt unklar.

Am Ende ist Torvald am Ende. Die Puppe, die in sich zusammensackt. „Das Mannsein ist mir unerträglich.“ Und man fragt sich, ob M(m)an(n) so agieren muss. Torvald Helmer war immer eine hoch interessante Figur, meist ein wenig unter- beziehungsweise fehlbelichtet. Und es ist schön, dass gerade eine Frau sich des männlichen Egos annimmt. Doch noch ist es der weibliche Part in Familien, Kinder und „Karriere“ zu schaukeln, noch schneidet die Einkommensschere tief ins Frauenfleisch. Das soll weder Nkous Arbeit schmälern, noch ihr den tosenden Schlussapplaus missgönnen. Aber: Realität sieht anders aus. Oder (böse!): Torvald tut sich halt so leid, wie sich Männer gerne leid tun … Der Arme.

www.dasTAG.at

Trailer: http://vimeo.com/112493842

Wien, 26. 11. 2014

KosmosTheater: Contractions

Mai 9, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles für einen sicheren Arbeitsplatz

Bild: Judith Stehlik

Bild: Judith Stehlik

Ab 14. Mai zeigt das KosmosTheater „Contractions (Nachwehen)“. Wie weit, fragt Autor Mike Bartlett in dem  radikalen Zwei-Frauen-Stück, sind wir bereit, für einen sicheren Arbeitsplatz zu gehen? Weit, viel zu weit, zeigt die verstörende Antwort. Denn Firmen fordern heute nicht mehr nur die Arbeitskraft, sie verschlingen den ganzen Menschen.

Emma, eine selbstbewusste junge Frau, ist neu in der Firma. Die Karriereaussichten sind vielversprechend. Ihre Vorgesetzte, eine namenlose Managerin, lädt Emma regelmäßig zum Evaluierungsgespräch und macht sie mit dem Unternehmenskodex bekannt. Alles ist präzise definiert, auch das Zwischenmenschliche. Gefühle sind Störfaktoren im betriebswirtschaftlichen Kalkül. Sie können die Produktivität beeinträchtigen und den Profit gefährden. Emma gibt sich rational und verständig. Doch die Natur ist unberechenbar: Emma verliebt sich und der Albtraum beginnt. In zahlreichen Meetings treffen die beiden Frauen aufeinander. Anfänglich kleiden sich die Dialoge in freundschaftliche Leichtigkeit und vermitteln eine positive Arbeitsatmosphäre. Sukzessive werden die Pausen länger, die Sprachlosigkeit macht die Menschen hinter der Fassade sichtbar, und das „Unerhörte“ wird unüberhörbar.

Bartlett erreicht mit seiner Darstellung von absoluter Macht Orwell‘sche Finesse, indem er die Managerin als Repräsentantin eines erbarmungslosen Systems, als pervertiertes Monster enthüllt, die Emma mit verzweifelter Lust von einer Erniedrigung in die Nächste jagt. In unersättlicher Zerstörungswut benutzt sie den Firmenkodex, um Emma systemkonform zu machen. Wie ein Virus dringt das kapitalistische Prinzip schleichend bis in die letzten Winkel der Intim- und Privatsphäre vor. Vom Verlust des Arbeitsplatzes ständig bedroht, verharrt die verunsicherte Mittelklasse in Angstgehorsam. Dieses Szenario treibt Bartlett auf die Spitze.

Es spielen: Rita Dummer und Rachelle Nkou; Regie: Alexander Braunshör.

www.kosmostheater.at

Wien, 9. 5. 2014

„Being Else“ im Kosmos Theater

Juni 10, 2013 in Tipps

Einblick in verwirrte Gehirnwindungen

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Ab 13. Juni zeigt das Wiener Kosmos Theater „Being Else – ein multiples System“, eine Musiktheater-Koproduktion mit DAS GUT nach dem Originaltext  von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“. Schnitzlers Novelle  erzählt vom inneren Kampf einer jungen Frau, die sich im Auftrag ihres in Geldnöte geratenen Vaters an einen wohlhabenden „Freund“ der Familie wenden und sich von diesem einen großen Geldbetrag beschaffen soll. Die unterschwellige Aufforderung zur Prostitution, die Erpressung des Familienfreundes und die eingeforderte Loyalität ihren Eltern gegenüber lösen in Else einen tiefschürfenden Konflikt und einen Prozess der Verzweiflung aus, der sie dem Suizid entgegentreibt. Daraus wird nun der atemlose Kampf einer multiplen Persönlichkeit, die versucht dem Missbrauch zu entrinnen.

„Fräulein Else“ alias “Being Else“ ist gezwungenermaßen „being (somebody) else” – „Andere sein“, um es zu ertragen. Persönlichkeitsspaltung als typischer Moment im Leben eines missbrauchten Menschen. Acht Performerinnen (eine Gesangsrolle, eine Tanzrolle, sieben gemischte Rollen) und die Musik als Teilpersönlichkeiten von Else werden zu einem allmählich immer fataler werdenden Diskurs, dessen Dynamik fortwährend ansteigt und der schlussendlich auf dem Höhepunkt implodiert. „Being Else“ ist ein Blick ins Gehirn, durchsichtig und doch undurchdringlich. In der Regie von Rachelle Nkou spielen Johanna Orsini-Rosenberg, Birgit Linauer, Rita Dummer, Sascia Ronzoni, Eli Veit, Ursula Wiednig, Anna Hein, Rachelle Nkou und Alexander Braunshör.

Die Produktion ist im Finale der World Stage Design 2013  im englischen Cardiff.

www.kosmostheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 6. 2013