The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Januar 22, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Gosse in die Gunst der Königin

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Queen Anne hinkt verstimmt durch ihren Palast, Prunkraum um Prunkraum, vorbei an einem livrierten Lakaien, und diesen, noch ein halbes Kind, herrscht sie ohne Vorwarnung an: „Hast du mich etwa angesehen?“ Der Diener schaut scheu zu Boden und schüttelt seinen Kopf. Doch die Königin ist nun in Rage: „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Er blickt betreten hoch – und bekommt eine schallende Ohrfeige. „Wie kannst du es wagen, mich anzusehen!“

Eine Szene aus Yorgos Lanthimos‘ jüngstem Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, der am Freitag in den Kinos anläuft, und eine, die die Atmosphäre der Historienfarce, deren Färbung wohl tragische Ironie zu nennen ist, bestens beschreibt. Ebenso wie Lanthimos‘ beständiges Wechselspiel zwischen der Willkür der Adelsklasse und jenen Untertanen, die dieser ausgeliefert sind – bis eine erscheint, die zum Gegenangriff antritt. Die Figur der Königin Anne, erste Monarchin des United Kingdom, letzte aus dem Hause Stuart, wird dargestellt von der grandiosen Olivia Colman, von Venedig bis London, zuletzt mit dem Golden Globe, bereits ausgezeichnet. Zu Recht zählt „The Favourite“ auch zu den Oscar-Favoriten.

Dass, während das Publikum sich über die messerscharf geschliffenen Dialoge prächtig amüsieren kann, Domestiken der Krone im frühen 18. Jahrhundert nicht viel zu lachen haben, erfährt gleich zu Beginn Abigail, Baronesse Masham, als solche aufgrund der Spielsucht ihres Vaters tief, und als sie am St James’s Palace eintrifft, als erstes in einen der Kothaufen, die das Volk dem Hof vors Tor scheisst, gefallen. Angereist ist sie, um ihre entfernte Cousine Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough, um eine Anstellung zu bitten. Deren Ehemann John Churchill, der Duke, ist nicht nur oberster Feldherr, sondern auch begnadeter Ränkeschmied, doch Sarah läuft ihm diesbezüglich leicht den Rang ab, ist sie doch mehr als Annes Dame des Herzens die regierende Mätresse, heißt: dass statt der einfältigen, infantilen Anne Sarah die Staatsgeschäfte führt.

Emma Stone. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Nicholas Hoult. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Abigail aber ist gekommen, um Karriere zu machen. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, von der Gosse in die Gunst der Königin aufzusteigen, lässt sie nichts unversucht, Sarah schachmatt zu setzen. Was in der Folge zu höchst unterhaltsamen Intrigen, Irrungen und zunehmendem Irrsinn führt. Lanthimos inszeniert diese gefährlichen Liebschaften stilistisch brillant und inhaltlich bissig.

Zwar ist die Handlung in den historischen Kontext der Schlachten gegen Frankreich im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs gebettet, doch lässt Lanthimos der real existiert habenden MachtMénage à trois, über deren sexuelle Seite anhand erhalten gebliebener Briefe freilich nur spekuliert werden kann, genug Raum, um über sie frei erzählen zu können. Tatsächlich ist „The Favourite“ im Vergleich zu seinen hermetischen Werken wie beispielsweise „The Lobster“ oder „The Killing Of A Sacred Deer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27854) erstaunlich gut zugänglich.

Mit den im Wortsinn Epoche machenden Sets von Fiona Crombie, der verschwenderischen Kostümfülle der dreifachen Oscar-Preisträgerin Sandy Powell und der raffinierten Kameraarbeit von Robbie Ryan erschafft der Arthouse-Kinomann Bilder wie Gemälde, Tableaux Vivants, in denen sich die Opulenz der Dekadenz feiert. Wobei es Ryan versteht, sowohl in der Düsternis von Kerzenlicht als auch mittels Weitwinkeloptik die Charaktere als Gefangene dieses Pomps sowie jedweden politischen Kalküls zu zeigen. Druckventil dafür sind seltsame Rituale wie Entenrennen oder eine Art Völkerball mit Orangen auf nackten Mann  – während die Küchenmägde, eine von ihnen anfangs Abigail, aus Platzmangel in den Katakomben des herrschaftlichen Gebäudes im Knäuel schlafen.

Rachel Weisz als Sarah und Emma Stone als Abigail schenken sich nichts, allerdings bleibt es vorerst bei tödlichen Blicken und spitzzüngigen Bemerkungen. Weisz‘ Sarah ist ihrer Herrscherin eine strenge Herrin, auch eine geübte Schützin auf Tauben, denen noch nicht die Silbe „Ton-“ vorangestellt ist, skurril diese Sequenz, wenn „Wurf!“ gerufen und ein lebender Vogel in die Luft geschleudert wird, und sie hat absolut den Willen zur Macht und zur Durchsetzung der Marlborough-Interessen. Stones Abigail scheint gegen die Härte dieser Frau liebenswert, integer, eine mit Herz – und wird sich doch als durchtriebenes Biest entpuppen. Als eine, die ihre körperlichen Geschütze in Stellung bringt, während Sarah inmitten all der höfischen Heuchelei, wenn nicht sympathisch, so zumindest ehrlich ist. Auch wenn sie der Queen sagt, mit ihrer Schminke sehe sie aus wie ein Dachs.

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Die Vielschichtigkeit, die Abgründigkeit, die Hinterlistigkeit, mit der Weisz und Stone ihre Rollen ausstatten, wird nur übertroffen von Olivia Colman, die der mit ihrer Lächerlichkeit und ihrer Schwäche durchaus ringenden, vor Gichtschmerzen schreienden, Selbstmordversuche unternehmenden, inmitten der sie umringenden Höflingsmassen einsamen Anne eine große, tragische Würde verleiht.

Erwähnenswert ist auch die Leistung von Nicholas Hoult als Robert Harley, Anführer der Tory-Opposition, äußerlich ein Geck mit Puderperücke und aufgemaltem Schönheitsfleck, in Wirklichkeit aber ein gewiefter Strippenzieher hinter den Kulissen. Als politischer Gegner der Whigs und damit der Machenschaften der Marlboroughs, will er den Krieg und die damit einhergehenden permanenten Steuererhöhungen für die von ihm vertretenen Großgrundbesitzer beendet sehen.

Und so bildet er eine Allianz mit Abigail, die derweil, begleitet vom wuchtigen Soundtrack Händels, Vivaldis und Bachs, von der Küche bis in die Gemächer der Königin aufgestiegen ist. Um dort zum Eigennutz, aber auch im Auftrag Harleys, man erpresst und bedroht sich gegenseitig, die Ohren offen zu halten. Bald steigert sich zwischen Sarah und Abigail der Ehrgeiz zum Killerinstinkt, wird auch vor Giftanschlägen und arrangierten Reitunfällen nicht zurückgeschreckt, ist die Königin immer mehr Spielball beider Angelegenheiten. Doch wird die Siegerin schließlich erkennen müssen, dass sie auch auf ewig deren Sklavin, ausgeliefert ihren Launen und Schrullen und den siebzehn Kaninchen, die sich im Schlafzimmer tummeln, sein wird …

„The Favourite“ besticht mit überbordender Optik und mit exzellentem Spiel, mit hoher Theatralik und einem Witz, der very british ist. Dass Lanthimos keine seiner Figuren bloßem Spott und boshaftem Gelächter aussetzt, sondern stets versucht, ihre Beweggründe plausibel zu machen, zeichnet diesen Film aus. Derart gelingt es ihm, seine historische Fiktion nah an die Gegenwart zu rücken. Günstlingswirtschaft, unfähige Staatsoberhäupter und machthungrige Emporkömmlinge sind ja beileibe kein Phänomen von gestern.

www.fox.de/the-favourite          www.foxsearchlight.com/thefavourite

  1. 1. 2019

Edwyn Collins tourt wieder

November 5, 2013 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit Rachel Sermanni unterwegs in Österreich

Edwyn Collins Bild: release

Edwyn Collins
Bild: release

Er hatte im Sommer 1995 mit „A Girl Like You“ seinen größten Hit. www.youtube.com/watch?v=nkKxGzm98AU Zehn Jahre später, in einem Radiointerview am 18. Februar 2005 sagte Edwyn Collins, er fühle sich nicht wohl, führte sein Übelkeits- und Schwindelgefühl allerdings auf eine Lebensmittelvergiftung zurück. Zwei Tage später wurde er in das Royal Free Hospital in London gebracht, nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte. Nach einem zweiten Schlaganfall unterzog er sich einer Operation mit anschließender, langwieriger Rehabilitation. Nun ist der schottische Musiker zurück. Und tourt gemeinsam mit Rachel Sermanni durch Österreich. Konzerte, auf die man gespannt sein kann!

EDWYN COLLINS & RACHEL SERMANNI
13.11.2013 Dornbirn, Conrad Sohm, Tickets: www.conradsohm.com
14.11.2013 Innsbruck, Treibhaus, Tickets: www.treibhaus.at
15.11.2013 Linz, Posthof, Tickets: www.posthof.at
16.11.2013 Wien, Porgy (Blue Bird Festival 2013), www.porgy.at

www.release.at

www.edwyncollins.com

www.rachelsermanni.net

Wien, 5. 11. 2013

„To The Wonder“

Mai 31, 2013 in Film

Terrence Malicks jüngstes Filmpoem

Ben Affleck, Javier Bardem Bild: Photo courtesy of Magnolia Pictures

Ben Affleck, Javier Bardem
Bild: Photo courtesy of Magnolia Pictures

Huch, der Mann ist zum Workaholic mutiert. Kaum wurde er für „The Tree of Life“ 2011 in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt, legt er schon seinen nächsten Film vor: „To The Wonder“. Das ist deswegen erstaunlich, weil Terrence Malick, hauptberuflich Bildästhet und erst an zweiter Stelle Kinoregisseur und demnächst 70-jährig, in seinem Leben erst sieben Filme (inklusive des Kurzfilms „Lanton Mills“) vorgelegt hat. „To The Wonder“ läuft ab 31. Mai in den heimischen Kinos.

Malick ist so etwas, wie das Phantom der Leinwand, lässt sich nicht fotografieren – zumindest nicht freiwillig -, lässt sich vertraglich zusichern, keine Interviews geben zu müssen, lässt seine Biografie im Dunkeln (angeblich war der Vater iranischer Geologe, aber wer weiß das schon?), hat sich nicht einmal seinen Goldwedel selber abgeholt. 1973 fiel er erstmals auf. Mit dem Roadmovie „Badlands“ über den Serienkiller Charles Starkweather – seine (dem schmalen Budget geschuldet) bisher „schlankste“, geradlinigste Arbeit. Es folgte 1978 „In der Glut des Südens“, ein Dreieckskrimimelodram, bei dem Malick schon beschloss, nur „in den magischen Stunden vor Sonnenuntergang“ zu drehen und die Produzenten damit in den Wahnsinn zu treiben – Nebensatz: Der studierte Philosoph übersetzte Heidegger. Als nächstes machte Malick zwanzig Jahre lang – – – nichts.

Nun also „To The Wonder“. Und wie immer bei ihm geht es um das ewige Warum, die ganz großen Fragen, die naturgemäß unbeantwortet bleiben. Diesmal: Wo geht die Liebe hin, wenn sie geht? Wie lässt sich die Sehnsucht nach ihr stillen? Und Malicks Dauerthema: Wieso zerstört der Mensch seine Mutter, die Erde? Die brillant fotografierten Probleme beginnen diesmal in einem Kaff in Oklahoma, in dem es im Grundwasser Giftrückstände gibt. Der Mann (Ben Affleck), der die Sache untersuchen soll, hat dafür einen Paris-Trip mit seiner Partnerin (Olga Kurylenko) unterbrochen, findet aber in the middle of nowhere seine Jugendliebe (Rachel McAdams) wieder. Die beinah sakrale Suggestivkraft der Bilder spiegelt sich im mexikanischen Priester (Javier Bardem), ebenfalls in Liebensqualen, und zwar in solchen zu Gott. Weshalb sich mit weniger zufrieden geben, als mit Glaubensfragen? Diese exquisite Schauspielstatisterie bevölkert nicht nur die traumhaften Aufnahmen – immer wieder streichelt die Kamera Gräser und Gewässer, verklärt Bisons und Pferde in untergehenden Sonnen -, sondern untermalt auch die Musikauswahl von Bach bis Gorecki, von Berlioz bis Wagner. Dazwischen wird viel geflüstert und geraunt, eine Stimme aus dem Off liest leicht theatralisch Tagebucheintragungen vor.

Es ist, wie es ist: Rudimentär und doch irgendwie überfrachtet. Kino für den Kopf hat das Recht verkopft zu sein. Und so ist alles perfekt choreografiert, ernst und konzentriert, statisch, meditativ. Die Figuren halten einen auf Distanz, ihre Emotionen – wabernd wie in einem Nebel – sind wohl ihre Sache. Aber alle und alles schaut sehr schön aus. Malick ist für den einen ein Ereignis. Für den anderen ein fataler Irrtum. Der Film ist einer, auf den man sich einlassen muss.

www.magpictures.com/tothewonder

Von Michaela Mottinger

Wien, 31. 5. 2013