Werk X-Petersplatz streamt: Feed the Troll

Juni 12, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikalfeministische Rückeroberung der Datenwelt

Sonja Kreibich, Aline-Sarah Kunisch und Anna-Eva Köck. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

„Tausend Mal addiert, tausend Mal ist nix passiert“, uminterpretieren die Performerinnen Anna-Eva Köck, Sonja Kreibich und Aline-Sarah Kunisch den alten Klaus-Lage-Song. Jahaha, von wegen! „Irgendwo im Schatten zwischen Null und Eins haben wir den Fokus verloren“, mag sich Regisseurin Klara Rabl eingestehen. Was kein Wunder wäre, wurde doch die Premiere von „Feed the Troll“ Kulturlockdown-bedingt gleich zweimal verschoben.

Bis das Projekt zum One-Shot-Bühnenfilm wurde, vom Verein für gewagte Bühnenformen in Kooperation mit WERK X-Petersplatz nunmehr koproduziert, 2022 für den 54. Fernsehpreis der Erwachsenenbildung nominiert – und ab 13. Juni, 13. Uhr, auf der Werk-X-Webseite werk-x.at kostenlos zu streamen.

Was also kein Wunder wäre, tatsächlich aber das erste satirische Augenwinkern dieser Produktion ist. Den Fokus verloren, das haben die Protagonistinnen wohl auf ihrem Weg vom Theater vor die Kamera, auf ihrer Irrfahrt zwischen Skylla Fake News und Charybdis Filterblase. Dabei wollten die drei doch dastehen wie die Erinnyen des Internets, die Augen rotumrandet vom vielen Bildschirmschauen und als sozusagen Kriegsbemalung. Lang war man im finstren Darknet unterwegs, hatte alle Breit- und Schmalband- und Mobilverbindungen gekappt, um:

Eine cyberfeministische Geheimwaffe zur radikal digitalen (Rück-)eroberung der world wide Datenwelt zu entwickeln, ein hypermediales Kampfstück zur Gründung einer neuen aktionistischen Counter Speech-Bewegung – und was ist daraus geworden? Ein kaleidoskopisches Mäandern durch die Untiefen des Virtuellen Raum und Zeit. Letztere soll zwar bekanntlich alle Stückentwicklungen heilen, aber hier geht’s erst einmal heiß her: „Hat denn niemand meinen Text fürs Programmheft gelesen?“ – „Tschuldigung, Sie hatten sich das sicher spannender vorgestellt …“ – „Keine Textflächen, nichts Chorisches? Das ist kein gutes Stück!“

Zwischen Sarkasmus und Selbstironie schwankt der ans Publikum herangetragene Disput der denkbar Unvorbereiteten, wenn einem Aline-Sarah Kunisch tief in die Augen schaut, wenn pseudo-interaktiv Schrifttafeln abzulesen sind, wenn Sonja Kreibich den Nestroy-Preis in der Kategorie „zweimal fix nicht aufgeführt“ fordert. „Das Internet ist ein breites Thema!“ und „Das ist aber schon performbar!“, beschwichtigt Kunisch. Bis Anna-Eva Köck den überhitzten, überstrapazierten Diskurs mit ihrer Coolness löscht.

Kamerafrau A. Braschel. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Kunisch als Rudy Stadler. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Die bedeutsamen Nicknames Hopper/Kreibich, Lava/Kunisch und Meta/Köck haben sich die Darstellerinnen gegeben, in deren wildem Wechsel von cypertheoretischer Prosa und Fehlercode-Poesie ein Chipchen Wahrheit steckt. Nämlich, dass es gelte, die soziodigitalen Machtstrukturen zu verändern, da sich „die alten Hierarchien nicht in Clouds auflösen“ würden – das world wide Sagen haben „reiche, weiße Cis-Männer und Mansplainer“.

„Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. In der Realität ist er ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt“, sagt Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology (Rezension „Robolove“: www.mottingers-meinung.at/?p=41806)

Und auch dem Kapitalismus geht man spielend leicht auf den Online-Leim. Einen „Wertschöpfungskreislauf ohne Wertschöpfung“ rechnet die süffisante Zynikerin Meta vor: Von Amazon degradiert zur „Userin“ gibst du aus, was allein Jeff Bezos verdient, denn die Fabrikarbeiterinnen in China, die ihre Arbeitskraft in deine Jogging-App stecken, sind nicht mehr als ausgebeutete Internet-Ressourcen.

Von der über jede Timeline erhabenen Ada Lovelace und ihrer Anwendung der „Analytical Engine“ im Jahr 1843 – die Mathematikerin war der erste Programmierer und die Informatikpionierin – geht’s zur „industriellen Revolution“, der ersten ohne echte Machtverschiebung, zur digitalen Zivilisation, in der das eigene Selbst aufhört und das hyperreale Ich anfängt, zur Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von Perry Barlow anno 1996, die nicht weniger als den digitalen Garten Eden versprochen hatte.

Anna-Eva Köck beherrscht’s Rickrolling – „Never Gonna Give You Up“, und philosophiert wird über vogelfreie Memes und jene Internetunkultur, die die Wikinger 2020 zum Sturm aufs Kapitol blasen ließ – was von einem US-Untersuchungsausschuss nun als „Höhepunkt eines Putschversuchs“ durch Donald Trump gewertet wird. Die Schauspielerinnen spielen Tweet und Instagram, ihre kämpferische Ansage an die digitale Niedertracht ist eine irrwitzige Fantasie ohne Schnitt und Aber, in der sich vor der Kamera um Kopf und Kragen geredet wird. Das geht so weit, dass die Webkriegerinnen ihre eigene Agenda gleich mitverarschen und die abgegriffenen Phrasen ihrer cybercriminellen Fight-Club-Regeln bissig runterbeten. Eine Schelmin, die da an Anonymous denkt.

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Highlight des Ganzen ist die Verwandlung von Lava/Kunisch in den Troll „Rudy Stadler“, der im Standard-Forum sein Unwesen treibt – und jede, die schon mal mit Hate-Speech konfrontiert war, kann bei dieser Persiflage hoffentlich herzhaft lachen. Bei Posts über „die ach so aufgeklärten Emanzen, die mit konstruktiver Kritik nicht umgehen können“, die am „Patriarchat in ihren Köpfen“ leiden, denn: „Ich bin für Gleichberechtigung, glaube aber, dass es wichtigere Themen als das Gendern gibt …“ – Das ist: „Voll die Zumutung!“

Kamerafrau Alexandra Braschel von C’QUENCE bannt das Stück übers Internet fürs Internet auf Film. Das symbolträchtige Bühnenbild aus Jalousien und Müllsäcken, die Grafiken und Projektionen sind von Sophie Tautorus, fürs Musikvideo Apollonia Theresa Bitzan, Laura Stromberger, Nadine Auris Kunisch verantwortlich – Klara Rabl hat ein komplett weibliches Team zusammengestellt, wie sie im Anschluss an den Film im Gespräch mit Werk X-Petersplatz-Leiterin Cornelia Anhaus und Moderatorin Mascha Mölkner schmunzelnd sagt: „Als Beweis, dass wir Frauen uns formieren können.“

Den Abend als abgefilmtes Diskurstheater, als Ab- und Verhandlung übers Internet zu begreifen, greift zu kurz, dazu ist zu viel Spaß an der Sache. Im Gigabyte-Tempo fliegen einem die Kalauer um die Ohren, manches aus diesem Netzjargon/Leetspeak, der Buchstaben und Ziffern scheint’s willkürlich zu Abkürzungen mixt, muss man hernach nachschlagen: 1337 = 2F4U, A/N

Im plotlosen Wortgedränge kulminiert’s, als Hopper/Kreibich ankündigt, ihr wäre der Einsatz der Geheimwaffe bereits geglückt, mittels Generalmobilisierung aller Onlinerinnen hätte sie „die Bot“ entwickelt, die alle männlich-hässlichen Chatbots per permanenter Counter Speech ihrer Argumente beraube. Test, Test … funktioniert! Oder war’s nur ein Fake unter Frauen? Aus Euphorie wird Eskalation. „Und ihr sitzt alle da, als wär‘ überhaupt nichts passiert.“ – „Ja, so ist das im Internet …“ „Feed the Troll“, welch eine 6r0ß4r716 digitale (Selbst)-Inszenierung!

Von 13. Juni, 13 Uhr, bis 17. Juni, 17 Uhr, auf werk-x.at/premieren/feed-the-troll/ kostenlos verfügbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=igi8BaGUzkY           werk-x.at           feedthetroll.at

12. 6. 2022

Werk X-Petersplatz streamt: Feed the Troll

April 23, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikalfeministische Rückeroberung der Datenwelt

Sonja Kreibich, Aline-Sarah Kunisch und Anna-Eva Köck. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

„Tausend Mal addiert, tausend Mal ist nix passiert“, uminterpretieren die Performerinnen Anna-Eva Köck, Sonja Kreibich und Aline-Sarah Kunisch den alten Klaus-Lage-Song. Jahaha, von wegen! „Irgendwo im Schatten zwischen Null und Eins haben wir den Fokus verloren“, mag sich Regisseurin Klara Rabl eingestehen. Was kein Wunder wäre, wurde doch die Premiere von „Feed the Troll“ Kulturlockdown-bedingt gleich zweimal verschoben.

[Von Mai 2020 auf April 2021, bis das Projekt mit der gestrigen Premiere zum One-Shot-Bühnenfilm wurde. Vom Verein für gewagte Bühnenformen in Kooperation mit WERK X-Petersplatz, nunmehr koproduziert und uraufgeführt von Okto TV – und in der Oktothek sowie auf der Werk-X-Webseite werk-x.at kostenlos zu streamen.]

Was also kein Wunder wäre, tatsächlich aber das erste satirische Augenwinkern dieser Produktion ist. Den Fokus verloren, das haben die Protagonistinnen wohl auf ihrem Weg vom Theater vor die Kamera, auf ihrer Irrfahrt zwischen Skylla Fake News und Charybdis Filterblase. Dabei wollten die drei doch dastehen wie die Erinnyen des Internets, die Augen rotumrandet vom vielen Bildschirmschauen und als sozusagen Kriegsbemalung. Lang war man im finstren Darknet unterwegs, hatte alle Breit- und Schmalband- und Mobilverbindungen gekappt, um:

Eine cyberfeministische Geheimwaffe zur radikal digitalen (Rück-)eroberung der world wide Datenwelt zu entwickeln, ein hypermediales Kampfstück zur Gründung einer neuen aktionistischen Counter Speech-Bewegung – und was ist daraus geworden? Ein kaleidoskopisches Mäandern durch die Untiefen des Virtuellen Raum und Zeit. Letztere soll zwar bekanntlich alle Stückentwicklungen heilen, aber hier geht’s erst einmal heiß her: „Hat denn niemand meinen Text fürs Programmheft gelesen?“ – „Tschuldigung, Sie hatten sich das sicher spannender vorgestellt …“ – „Keine Textflächen, nichts Chorisches? Das ist kein gutes Stück!“

Zwischen Sarkasmus und Selbstironie schwankt der ans Publikum herangetragene Disput der denkbar Unvorbereiteten, wenn einem Aline-Sarah Kunisch tief in die Augen schaut, wenn pseudo-interaktiv Schrifttafeln abzulesen sind, wenn Sonja Kreibich den Nestroy-Preis in der Kategorie „zweimal fix nicht aufgeführt“ fordert. „Das Internet ist ein breites Thema!“ und „Das ist aber schon performbar!“, beschwichtigt Kunisch. Bis Anna-Eva Köck den überhitzten, überstrapazierten Diskurs mit ihrer Coolness löscht.

Kamerafrau Alexandra Braschel. Bild: © Apollonia T. Bitzan

Aline-Sarah Kunisch als Rudy Stadler. Bild: © A. T. Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Die bedeutsamen Nicknames Hopper/Kreibich, Lava/Kunisch und Meta/Köck haben sich die Darstellerinnen gegeben, in deren wildem Wechsel von cypertheoretischer Prosa und Fehlercode-Poesie ein Chipchen Wahrheit steckt. Nämlich, dass es gelte, die soziodigitalen Machtstrukturen zu verändern, da sich „die alten Hierarchien nicht in Clouds auflösen“ würden – das world wide Sagen haben „reiche, weiße Cis-Männer und Mansplainer“.

„Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. In der Realität ist er ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt“, sagt Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology (Rezension „Robolove“: www.mottingers-meinung.at/?p=41806)

Und auch dem Kapitalismus geht man spielend leicht auf den Online-Leim. Einen „Wertschöpfungskreislauf ohne Wertschöpfung“ rechnet die süffisante Zynikerin Meta vor: Von Amazon degradiert zur „Userin“ gibst du aus, was allein Jeff Bezos verdient, denn die Fabrikarbeiterinnen in China, die ihre Arbeitskraft in deine Jogging-App stecken, sind nicht mehr als ausgebeutete Internet-Ressourcen.

Von der über jede Timeline erhabenen Ada Lovelace und ihrer Anwendung der „Analytical Engine“ im Jahr 1843 – die Mathematikerin war der erste Programmierer und die Informatikpionierin – geht’s zur „industriellen Revolution“, der ersten ohne echte Machtverschiebung, zur digitalen Zivilisation, in der das eigene Selbst aufhört und das hyperreale Ich anfängt, zur Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von Perry Barlow anno 1996, die nicht weniger als den digitalen Garten Eden versprochen hatte.

Anna-Eva Köck beherrscht’s Rickrolling – „Never Gonna Give You Up“, und philosophiert wird über vogelfreie Memes und jene Internetunkultur, die die Wikinger zum Sturm aufs Kapitol blasen ließ. Die Schauspielerinnen spielen Tweet und Instagram, ihre kämpferische Ansage an die digitale Niedertracht ist eine irrwitzige Fantasie ohne Schnitt und Aber, in der sich vor der Kamera um Kopf und Kragen geredet wird. Das geht so weit, dass die Webkriegerinnen ihre eigene Agenda gleich mitverarschen und die abgegriffenen Phrasen ihrer cybercriminellen Fight-Club-Regeln bissig runterbeten. Eine Schelmin, die da an Anonymous denkt.

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Highlight des Ganzen ist die Verwandlung von Lava/Kunisch in den Troll „Rudy Stadler“, der im Standard-Forum sein Unwesen treibt – und jede, die schon mal mit Hate-Speech konfrontiert war, kann bei dieser Persiflage hoffentlich herzhaft lachen. Bei Posts über „die ach so aufgeklärten Emanzen, die mit konstruktiver Kritik nicht umgehen können“, die am „Patriarchat in ihren Köpfen“ leiden, denn: „Ich bin für Gleichberechtigung, glaube aber, dass es wichtigere Themen als das Gendern gibt …“ – Das ist: „Voll die Zumutung!“

Kamerafrau Alexandra Brasche von C’QUENCE bannt das Stück übers Internet fürs Internet auf Film. Das symbolträchtige Bühnenbild aus Jalousien und Müllsäcken, die Grafiken und Projektionen sind von Sophie Tautorus, fürs Musikvideo Apollonia Theresa Bitzan, Laura Stromberger, Nadine Auris Kunisch verantwortlich – Klara Rabl hat ein komplett weibliches Team zusammengestellt, wie sie im Anschluss an den Film im Gespräch mit Werk X-Petersplatz-Leiterin Cornelia Anhaus und Moderatorin Mascha Mölkner schmunzelnd sagt: „Als Beweis, dass wir Frauen uns formieren können.“

Den Abend als abgefilmtes Diskurstheater, als Ab- und Verhandlung übers Internet zu begreifen, greift zu kurz, dazu ist zu viel Spaß an der Sache. Im Gigabyte-Tempo fliegen einem die Kalauer um die Ohren, manches aus diesem Netzjargon/Leetspeak, der Buchstaben und Ziffern scheint’s willkürlich zu Abkürzungen mixt, muss man hernach nachschlagen: 1337 = 2F4U, A/N

Im plotlosen Wortgedränge kulminiert’s, als Hopper/Kreibich ankündigt, ihr wäre der Einsatz der Geheimwaffe bereits geglückt, mittels Generalmobilisierung aller Onlinerinnen hätte sie „die Bot“ entwickelt, die alle männlich-hässlichen Chatbots per permanenter Counter Speech ihrer Argumente beraube. Test, Test … funktioniert! Oder war’s nur ein Fake unter Frauen? Aus Euphorie wird Eskalation. „Und ihr sitzt alle da, als wär‘ überhaupt nichts passiert.“ – „Ja, so ist das im Internet …“ „Feed the Troll“, welch eine 6r0ß4r716 digitale (Selbst)-Inszenierung!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=igi8BaGUzkY

Bis 30. April  ist „Feed The Troll“ als Video-on-Demand auf werk-x.at/premieren/feed-the-troll/ kostenlos verfügbar sowie in der Oktothek zu finden. TV-Wiederholung Film & Gespräch auf Okto am 24. 4. um 21.10 Uhr.

werk-x.at           feedthetroll.at            www.okto.tv           www.okto.tv/de/oktothek/episode/607fe7ed8012a

  1. 4. 2021

Der Dschungel Wien setzt sich für Menschenrechte ein

September 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ab sofort gibt es sogar Theater für Babys ab 6 Monaten

Die Legende von Schillers Räubern Bild: © Ani Antonova

Die Legende von Schillers Räubern
Bild: © Ani Antonova

Heute Vormittag präsentierte Direktor Stephan Rabl gemeinsam mit seinem Team das Programm für die Saison 2015/16 im Dschungel Wien. Als Thema im Mittelpunkt stehen noch deutlicher als bisher die Menschenrechte. „Das Recht auf Kunst ist ein Kinderrecht und in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben. Diesem Grundsatz wollen wir für die ganze Stadt Wien und ihren Kindern und Jugendlichen gerecht werden“, so Rabl, der damit auch den Standort des Hauses auf dem Platz der Menschenrechte rund um das Marcus-Omofuma-Denkmal betonte. „Es geht darum, den Kindern die Welt nicht vorzuenthalten, sondern ihren Blick zu schärfen und ihnen Lösungswege für ihre Fragen anzubieten. Ihre Ängste ernst zu nehmen und die Möglichkeiten des Lebens zu zeigen. Ihre Individualität zu unterstützen, aber nicht Egoismus zu säen. Theater kann eine Möglichkeit bieten, um dies zu erfahren.“

Eng zusammenarbeiten will man deshalb mit Shams Asadi, der bei der Programmpräsentation anwesenden neuen Menschenrechtsbeauftragten der Stadt Wien.  Warum? „Kinder sind besonders von Menschenrechtsverletzungen betroffen. Deshalb befasst sich Wien bei der Umsetzung der Deklaration zur Menschenrechtsstadt derzeit vor allem mit Kinderrechten. Ihre Einhaltung ist ein Barometer für die Gesellschaft“, erklärt Asadi. „Gerade in diesem Zusammenhang ermöglicht der Dschungel Wien als Drehscheibe und als Ort für Dialoge einen Zugang zu Kunst und Kultur für junges Publikum“. Mit dem aktuellen Programm werden aktuelle Themen wie Migration und Rassismus aufgegriffen. Durch Stücke wie „schwarzweißlila“ über das elfjährige Mädchen Lila mit einer weißen Mutter und einem afrikanischen Vater, den sie nicht kennt, für Kinder ab zehn Jahren. Oder „La Linea – der Traum vom besseren Leben“ über Geschwister, die von Mexiko in die USA wollen, für Jugendliche ab 13 Jahren.

Mit sieben Premieren im September startet der Dschungel Wien in die Saison 2015/16. Von und mit Ensemblemitglied Mira Tscherne eröffnet „Höflich wie ein Löwe“ (ab 5 /10. Sep.) die neue Spielzeit. In einem Schauspiel mit Musik werden Themen wie Mut, Höflichkeit und das „Anderssein“ humorvoll behandelt. Dem Witz und der Poesie der Straße verschreibt sich nur einen Tag später das Clowntheater „Totò macht Mittagspause“ (ab 6 / 11. Sep.). Michael Moritz inszeniert ein artistisches, akrobatisches und clowneskes Spiel, in dem er selbst die Hauptrolle spielt. Der noch warmen Jahreszeit entsprechend kommt es an diesem Tag mit „Das Postgirl“ (ab 4 / 12. Sep.) mit Figurentheaterspielerin Myriam Rossbach zur dritten Uraufführung in drei Tagen. Gespielt wird unter freiem Himmel mit dem Dschungel-Fahrrad im MQ-Fürstenhof. Das zum Postfahrrad umgebaute Vehikel birgt dabei so einige Überraschungen. In der darauffolgenden Woche kehrt Breakdance, in der von Ákos Hargitay choreografierten Produktion „Break.out“ (ab 13 / 16. Sep.), an seinen Ursprungsort zurück – auf die Straße. Open air vor dem Theaterhaus treffen ein Hip-Hop-Girl, ein zeitgenössischer Tänzer und ein Choreograf aufeinander, um eine „Show“ aus dem Nichts aufzustellen. Mit dem Schauspielsolo „Titus“ (ab 12 / 23. Sep.) begeht Sven Kaschte sein Debüt als Ensemblemitglied. Der bereits als Klassiker des Jugendtheaters verstandene Monolog eines Jugendlichen von Autor Jan Sobrie wird von Hausregisseurin Julia Burger inszeniert. „Ein Orkan rast durch meinen Schädel“ – unverkitscht, klischeefrei und sensibel zeichnet das Stück Gedankengänge, Nöte und Ängste eines Jungen in der Pubertät nach. Teil einer Abenteuernacht mit Abendessen und Übernachtung im Theater ist am 3. Oktober „Die Legende von Schillers Räubern“ (ab 11).

Mit einer „Babyschiene“ für Babys ab 6 Monaten geht der Dschungel Wien ab Herbst neue Wege. Mit Schauspiel, Tanz, Musik und Objekttheater begeben sich bereits die Allerkleinsten auf eine spannende theatrale Entdeckungsreise. Stephan Rabl selbst zeichnet für Idee und Konzept verantwortlich.

www.dschungelwien.at

Wien, 2. 9. 2015

Dschungel Wien: Unterwegs mit Gulliver

Dezember 2, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Kleiner Mann – ganz groß

Bild: © Dschungel Wien/iStockphoto

Bild: © Dschungel Wien/iStockphoto

Mit zwei Uraufführungen startet der Dschungel Wien am 6. Dezember sein Adventprogramm: Die Weihnachtszeit nähert sich mit immer größeren Schritten und so wächst auch bei so manchen die Vorfreude auf die verschneiten Landschaften, die hellen Lichter und nicht zuletzt auf die bunten Geschenke. Auch Steffi, Protagonistin der neuesten Weihnachtsproduktion Steffis Weihnachten“ (ab 4 Jahren), Uraufführung am 6. Dezember entkommt der Faszination Weihnachten nicht. Die Tanz-Produktion unter der Regie von Stephan Rabl setzt das kindliche Erfahren rund um ein verzauberndes und überraschendes Weihnachten in Szene. Nach drei erfolgreichen Weihnachtssaisonen mit der Produktion „Weihnachtsgeschichten vom Franz“ sorgt dieses Jahr der Wirbelwind Steffi für vorweihnachtlichen Zauber.

Zwei weithin bekannte und beliebte Erzählungen, verpackt jeweils in die Form eines Sprech- und Figurentheaters und aufbereitet jeweils für ein junges Publikum ab 6 Jahren, runden neben „Steffis Weihnachten“ den vorweihnachtlichen Uraufführungsreigen ab:  „Unterwegs mit Gulliver“, ab 6. Dezember,  sowie „Die Schöne und das Tier“, ab 12. Dezember. In „Unterwegs mit Gulliver“ legt Holger Schober in Koproduktion mit dem Dschungel Wien den Fokus auf die allzu oft vernachlässigte Originalgeschichte des Romans „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift, einem Meisterwerk der Satire. Die Abendvorstellungen am Sa. 7. Dez. sowie am Sa. 18. Jän. 2014 sind Teil einer Abenteuernacht: Nach der Vorstellung und einem gemeinsamen Abendessen beschäftigen sich Theaterleute und Zuschauer mit den Charakteren und dem Thema der Theaterproduktion, entwickeln diese weiter, erfinden völlig neue Geschichten und probieren diese auch gleich szenisch aus. Um Mitternacht präsentiert man einander was man erarbeitet hat. Die Zuschauer stehen als SchauspielerInnen im Rampenlicht. Danach wird in den Theatersälen geschlafen. Am nächsten Morgen gibt es Frühstück, bevor einen die Eltern bis 10 Uhr abholen.

Mit „Die Schöne und das Tier“ präsentieren Cordula Nossek und Frank Panhans, frei  nach dem gleichnamigen Roman von Leprince de Beaumont, eine mystisch zauberhafte Liebesgeschichte in einem komödiantischen Spiel mit Puppen und Menschen. Nach ihrer erfolgreichen Version von „Faust“ verschreibt sich das Duo Nossek – Panhans dieses Mal einem jüngeren Publikum und philosophiert anhand des alten Mythos der Erlösung durch wahre Liebe ganz nebenbei über eine der wichtigsten Fragen überhaupt: Was ist Liebe?

Bei jeder öffentlichen Vorstellung im Advent öffnet sich für das erste Kind, das an der Theaterkassa sein Ticket in Empfang nimmt, das jeweilige Fenster des Dschungel Wien Adventkalenders. Vorweihnachtliche Geschenke von Sonnentor, Dixi, Playmobil und vielen mehr versüßen nicht nur den Theaterbesuch, sondern verkürzen ganz nebenbei auch die Wartezeit auf das große Fest. Anlässlich der Nikolauspremieren von „Steffis Weihnachten“ und „Unterwegs mit Gulliver“ am 6. Dezember sowie am Heiligen Abend gibt es zusätzliche Aktionen: als Highlight wird dem ersten Kind an der Kassa eine große Spieleburg, zur Verfügung gestellt von Playmobil, überreicht. Zudem darf sich an den beiden Tagen jedes Kind, egal ob erster oder letzter, über ein Geschenk aus dem Dschungel Wien Adventkalender freuen.

www.dschungelwien.at

Wien, 2. 12. 2013

Ostern im Dschungel Wien

März 25, 2013 in Tipps

Von Shakespeares „Sturm“ bis zum Tanz im Sand

Sand Bild: Christa Bauer

Sand
Bild: Christa Bauer

Mit der Uraufführung der Plaisiranstalt „Sturm“ (für Kinder ab 2 Jahren, Dauer: 35 Minuten) startet der Dschungel Wien in die Osterwoche. Drei Schauspieler begeben sich auf eine außergewöhnliche Reise: Eine märchenhafte Insel mitten im Meer, drei Menschen, die der Sturm an den Strand gespült hat, und zwei Geister – das ist die Ausgangsbasis für eine Reihe von Begegnungen, Verzauberungen und kleinen Geschichten  … Inspiriert durch Shakespeares Stück „Der Sturm“ und dessen Charaktere entfalten sich wunderbare Situationen rund um den Themenkreis „Vertrauen – sich trauen“. Dabei dienen Shakespeares Figuren als Projektionsfläche für Alltagssituationen aus dem Leben der Kinder: Wann vertraue ich fremden Menschen? Wie löse ich mich von meinen Eltern, um neue, eigene Wege zu entdecken und zu gehen? Kann man teilen lernen? Samstag, 23. und Sonntag, 24. März jeweils um 10:30 + 16:30. Weitere Termine: 2. bis 9. Mai.

Die Geschichte einer scheinbar unmöglichen Freundschaft zwischen einem Schaf und einem Wolf wird im Schauspiel „Ein Schaf fürs Leben“ (ab 6 Jahren, 50 Minuten) erzählt: Es ist kalt. Es ist Winter und Wolf ist mordsmäßig hungrig. Wolf muss hinaus und sich was fürs Abendessen besorgen. Und wie es halt so ist, fressen Wölfe nun mal gerne Schafe. Also landet Wolf recht schnell bei Schaf zu Hause, das über die nächtliche Ruhestörung nicht erfreut ist. Da der spitzfindige Wolf aber Schaf zum Fressen gerne mag, lädt er es vorerst zu einer Reise ins Land „Erfahrungen“ ein … Verschmitzt, humorvoll, manchmal grotesk und zugleich sehr rührend, ohne sentimental zu werden, erzählt „Ein Schaf fürs Leben“ die Geschichte einer scheinbar unmöglichen Freundschaft zwischen einem Schaf und einem Wolf. Wie lange geht das wohl gut? Das gleichnamige Buch dieser Eigenproduktion wurde u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die Aufführungstermine sind: Samstag, 23. März und Sonntag, 24. März jeweils um 16:00.

Am Gründonnerstag, dem 28. März um 18:00 präsentiert  der Dschungel Wien die Premiere des Tanztheaters „Herr Jemineh hat Glück“ (ab 5 Jahren, 50 Minuten), in einer Inszenierung von Bert Gstettner. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Heinz Janisch begeben sich zwei DarstellerInnen (Ákos Hargitay und Nora Pider) sowie ein Kinderensemble auf eine Glücksuche der besonderen Art: Herr Jemineh ist ein Glückskind. Beim Mittagessen erzählt er Frau Jemineh die Geschichte seiner abenteuerlichen Reise durch den Alltag und in ihre Arme. Obwohl ihm ständig etwas Unvorhergesehenes passiert, hat er viel Glück dabei. So reiht sich eine wundersame Episode an die andere. Er steigt in ein Fettnäpfchen, aber das Fettnäpfchen ist keines, sondern zum Glück die Eintrittskarte in ein Theater. TänzerInnen, MusikerInnen und fünf Kinder zwischen 7 und 10 Jahren lassen Herrn Jeminehs Glücksreise lebendig werden. Weitere Termine gibt es am Ostersamstag, 30.  und Ostersonntag, 31. März jeweils um 16:30, sowie von 9. bis 12. April.

Am Osterwochenende besteht außerdem die Möglichkeit mit dem Musiktheater und Tanz „Sand“ (ab 2 Jahren, 40 Minuten) eine Regiearbeit von Stephan Rabl, Direktor des Dschungel Wien, zu sehen. Im Zentrum dieser Produktion steht, wie bereits der Titel verrät, das Material Sand mit seinen vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten. Für dieses Musiktheater mit Tanz konnte der Musiker Matthias Jakisic gewonnen werden, der u.a. mit dem STELLA11 – Darstellender.Kunst.Preis für junges Publikum in Österreich ausgezeichnet wurde. „Sand“ zu sehen am Samstag, 30. März um 16:30 sowie Montag, 01. April um 10:30 + 16:30.

www.dschungelwien.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 2o. 3. 2013