Rabenhof: Das Programm der Saison 2020/21

Juni 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Vitásek spielt „Der Herr Karl“

Keine Angst!: Katharina Straßer, Hanna Pichler, Erich Buchebner, Bernhard Egger und Geri Schuller. Bild: Ingo Pertramer

„Weida!!!“ hat Rabenhof-Chef Thomas Gratzer als Motto für die kommende Spielzeit ausgegeben, und die verspricht nicht weniger als Live-Porno, Dancing Star-Festspiele, gestrige und heutige Blockwarte, Outback-Erfahrungen, eine Babyelefanten-Schlachtung, ein Jukebox-Musical, Polit-Corona-Party-Satire und Literaturpreziosen. „Wir haben Ischgl überlebt und starten, trotz verschärfter Situation, mit gewohnter ironisch-schräger Vorstadtattitüde in die Gemeindebautheater-Saison 2020/2021“, so Gratzer launig, bevor er ernst wird:

„Die Covid-19-Krise und der damit einhergehende ,Shutdown‘ haben unser Haus besonders hart getroffen, da wir mit einem Eigendeckungsgrad von 65 % sehr stark einnahmenabhängig sind. Das heißt, dass die kommende Saison 20/21 und möglicherweise auch noch die erste Hälfte der Saison 21/22 sehr stark der wirtschaftlichen Stabilisierung gewidmet werden müssen, um unsere derzeitige #Corona-bedingte Schieflage wieder auszugleichen.“ Die Saisonauslastung betrug zum Zeitpunkt der Schließung 91,43 % bei bis

dahin 52.000 Besucherinnen und Besuchern in 195 Vorstellungen. Und auch während des Lockdowns war der Rabenhof mit Albert Camus‘ „Die Pest“-Lesemarathon und der TV-Show „Abgesagt? Angesagt!“ äußerst aktiv. Ersteres Projekt konnte in einer Woche 150.000 Zuseherinnen und Zuseher erreichen, auf zweiteres gab es pro Sendung 70.000 bis 80.000 Zugriffe. Gratzer: „Nach der letzten Sendung am 4. Juli  werden wir in 15 Shows knapp 100 Künstlerinnen und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten und solide Gagen geboten haben.“ Kein schlechtes Ergebnis in einer Zeit, wo „Live“-Kunst eigentlich gar nicht möglich war.

Ab dem Herbst bleibt das Rabenhof Theater selbstverständlich dem Zeitgenössischen verbunden und natürlich hat das polit-satirische Element auch weiterhin eine zentrale Stellung im Spielplan des Hauses. Mit den „Big Playern“ der Satire-Szene wie den Staatskünstlern, Maschek sowie den äußerst erfolgreichen „Newcomern“ Michael Nikhbash und Klaus Oppitz will man dem Publikum die dringend nötigen politisch-ironischen Post-Corona-Betrachtungen liefern. Mit „Der Herr Karl“ begibt sich Kabarett-Legende Andreas Vitásek in die ultimative Horror-Show der österreichischen Grauslichkeiten. Noch immer so aktuell wie bei der Uraufführung.

Schauspieler, Musiker, Theaterintendant – und im Herbst auch Dancing Star – Christian Dolezal hat gleich zweimal Premiere. Ebenso wie Rabenhof-Urgestein Christoph Grissemann, der auch als Barock-Wüstling in der „Samuel Pepys Show“ zu sehen sein wird. Mit dabei: Komponist und Musiker Manfred Engelmayr. Eine Austropop-Hommage gibt’s am 10. November von Publikumsliebling Katharina Straßer unter dem Titel „Keine Angst“, außerdem die Welturaufführung eines noch unveröffentlichten pornografischen Textes von Felix Salten mit dem Titel „Albertine“ am 7. April. Im Literatursalon wird Kultautor und Sänger Sven Regener Kafkas „Das Schloß“ lesen, Rocko Schamoni kommt endlich auch wieder einmal, Thomas Raab holt seine Buchpräsentation nach und des Rabenhofs Lieblingsbobo Manuel Rubey präsentiert sein Erstlingswerk.

Andreas Vitásek spielt Helmut Quatingers/Carl Merz‘ „Der Herr Karl“. Bild: Jan Frankl / Rabenhof

Rabenhof-Mastermind Thomas Gratzer geht mit seinen Produktionen ins „Outback“. Bild: Rabenhof / Ingo Pertramer

Und dann gibt’s noch Rabenhof@VIENNA OUTBACK. „Wir bespielen erstmals mit ausgewählten Shows die Häuser der Begegnung in Floridsdorf, Kagran und Liesing“, so Gratzer. „Unter dem Titel Rabenhof@VIENNA OUTBACK gibt’s eine neue Reihe, in der ausgewählte Produktionen und Shows jenseits von Gürtel und Donaukanal präsentiert werden sollen. Denn da beginnen nach Meinung vieler Wienererinnen und Wiener die ,Outbacks‘. Wir rücken diese Bezirke ins Zentrum der Rabenhof Theater-Welt und treten den Gegenbeweis an – in Floridsdorf, Kagran und Liesing spielt die Musi!“ Den Start machen Stermann & Grissemann, Ernst Molden, Katharina Straßer und Maschek.

Die erste Premiere im Dritten bestreiten am 7. Oktober die Staatskünstler mit „Jetzt erst recht! reloaded: Koste es, was es wolle“. Österreichs Nr. 1 an der Satirefront Florian Scheuba, Thomas Maurer und Robert Palfrader mit einem brandaktuellen Update ihrer Erfolgsshow zur Lage der Babyelefanten-Nation. Ab dem 10. Oktober erzählen in „Buh!“ Christoph Grissemann und Christian Dolezal über ihre größten TV- und Theaterniederlagen – ganz nach dem Motto „Jammern auf niedrigstem Niveau“. Dolezal #2 gibt’s am 19. Jänner mit „Herzschlampereien“. „Der Dole“ präsentiert einen sehr persönlichen Soloabend über Liebe und Triebe, erzählt vom Streben, endlich Liebe leben zu können, und dem Scheitern am Weg dahin – aufgrund lächerlichster Unzulänglichkeiten. Und all diese Peinlichkeiten und skurrilen Amourschaften mit der Pferdeliebhaberin, dem Transvestiten und dem Landwirten und der lieben Frau Knechtl haben sich wirklich genau so zugetragen. Dolezal schwört das.

Am 20. Oktober schlüpft Andreas Vitásek in den charakterlosen Qualtinger/Merz-Charakter „Der Herr Karl“. Ob die Wiederauferstehung des Blockwarts im Tarnanzug von Hipster-Bobo-Helikopter-Eltern, Impfgegnerinnen, Kleinwalsertal-Fanboys und -girls, Staatsverweigerern oder Ibizza-Verharmloserinnen – die Liste der österreichischen Grauslichkeiten ist lang und wird immer länger. Gratzer: „Wer wäre passender, um mit seinen Wiener Wurstfingern in den Wunden zu bohren, als ,Der Herr Karl‘ und wer, wenn nicht Andreas Vitásek, sollte den ewigen Denunzianten aus der Quarantäne auf die Vorstadtbühne holen? Auch wenn der Schilling dem Euro weichen musste und Facebook längst den Bassenatratsch ersetzt hat, so fehlt es auch heute nicht an Wendehälsen und Vernaderern – ob im Onlineforum oder bei Pressekonferenzen – Wien bleibt Wien!“

Ergänzt Andreas Vitásek: „So sind wir nicht. Oder doch? Der Herr Karl ist eine bewährte Navigationshilfe bei der Suche nach der österreichischen Seele. Die Zeiten mögen sich ändern, doch manches bleibt. Oder, wie Bertolt Brecht sagte: ‚Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.‘ “

www.rabenhoftheater.com

28. 6. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Rabenhof – Nina Proll: Kann denn Liebe Sünde sein?

Februar 4, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Blattl vorm Mund genommen

Tschicks are a Girl’s Best Friend: Nina Proll mit den Bandkollegen Herb Berger, dee Linde und Christian Frank. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Tschicks sind also dieses Girl’s Best Friend. „Rauchen Sie, trinken Sie und lassen Sie uns morgen bereuen“, sagt Nina Proll zum Publikum und zündet sich genüsslich eine Zigarette an, und als die Musiker ihre Pausenbrote auspacken: „Esst’s ruhig, das stört mich gar nicht, wenn ich rauch‘!“ „Kann denn Liebe Sünde sein?“ hat die Schauspielerin und Sängerin ihr aktuell im Rabenhof zu sehendes Programm genannt. Eine ironische Betitelung, inspiriert vom Philosophen

Robert Pfaller und dessen Thesen über Interpassivität, Lustvermeidung und den Verlust der Fähigkeit, individuelle Interessen adäquat wahrzunehmen – Merksatz: Aus Verzicht auf Lust wird die Lust auf Verzicht. Dem vorzubeugen stellt sich die Proll auf die Bühne, als eine einzige Provokation, wenn sie’s wagt mit spitzer Zunge über die Erbsünde zu lästern, als Erlösungsmodell Sex vorschlägt oder Emanzipation übers Hinterstübchen der Herren einsinkern lässt. Ganz schön gewitzt weiblich ist das alles. Im Marilyn-Monroe-Outfit Zarah Leander zu singen, das muss sich eine erst trauen, Nazi-Sirene gegen Hollywood’s Siren auszuspielen, aber so weit wurde vermutlich nicht gedacht, sondern mehr in Kategorien aufregend bis aufreizend.

Proll gibt ihrem Publikum an diesem Abend kalt-warm. Ob sie nun die Frage abhandelt, ob ein Orgasmus-Fake ein feministischer Akt oder die Folge toxischer Männlichkeit ist, #MeToo – mit dem Ergebnis Facebook-Shitstorm – als Kollektivsudern verspottet, oder knapp kommentiert: „Wenn dem Gudenus die schwarzen Fußnägel der Oligarchin aufgefallen wären, wären jetzt nicht die Grünen im Parlament“. Da rollt’s bei der Premiere dem einen oder anderen die selbigen auf, man stolpert selber über einen Proll’schen Anti-p.c.-Scherz, aber welcher das war, ist bereits vergessen, weil: sich über Satire-Pointen aufzupudeln stellt einen nur ins Spaßbefreiten-Eck.

Mit der wichtigsten Message geht man ohnedies d’accord: Nina Proll will in den Öffis weiterhin ihr Weckerl essen, wo kommen wir denn da hin? und warum werden nicht Schweißachsel, Mundgeruch und lärmendes Handy-Gelaber verboten? Die polarisierende Philanthropin nimmt sich kein Blatt vor den Mund, die kann sich nicht nur mit Worten wehren, sondern auch ärgerlich mit dem Fuß aufstampfen. „Schlechtes Aussehen ist schlimmer als schlechtes Benehmen“, feixt sie, und diesmal ist der Gag glasklar, stimmt die Singer-und neuerdings-Songwriterin doch danach das von ihr und Christian Frank geschriebene Chanson „Ich bin was ganz Besonderes“ an.

Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Musikchef und Klaviervirtuose Frank begleitet mit Klarinettist und Saxophonist Herb Berger und dee Linde Nina Proll durch die Songs, dee Linde, zuständig für Cello, Bass und Backgroundgesang die eigentliche Sensation bei diesem Auftritt mit bodenständigem Aplomb. Dass die Chemie im Quartett aber so was von stimmt, macht noch den liederlichsten Sager liebenswert. Und apropos, Lieder: Proll interpretiert völlig neu und vollkommen anders. Die Highlights aus den 21: Tom Jones‘ „Sexbomb“ und Beyoncés „Single Ladies“, zu dem Proll unter die Zuschauer spaziert. Von Britney Spears gibt’s ein eingedeutschtes „Ooops, es ist schon wieder passiert“, von Herbert Grönemeyer „Alkohol“, Madonnas „Material Girl“ darf in dem Dress selbstverständlich nicht fehlen.

Auf Gerhard Bronners „Meine Freiheit, Deine Freiheit“ folgt Proll/Franks „Willkommen in der Demokratie“, Lady Gagas „Bad Romance“ in einer bombastlosen und daher prickelnderen Version muss als Zugabe noch einmal ran. Nina Proll ist vor allem eines – authentisch. Wie sie sich mit selbstbewusstem Lächeln gar nicht sooo ernst nimmt, wie sie mit amüsiertem Augenzwinkern ihre „Aufreger“ produziert, das muss man der Streitlustigen lassen, ist sympathisch. Die Februar-Vorstellungen sind ausverkauft; Karten gibt es derzeit für den 23./24. Mai.

Nina Proll – „Ich bin was ganz Besonderes“: www.youtube.com/watch?v=v8mKQQNgRXQ

www.rabenhoftheater.com

15. 1. 2020

Rabenhof: 3 Frauen und 1000 Bücher

Dezember 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold auf dem Höhepunkt

Esra Özmen, Erni Mangold und Sandra Cervik. Bild: © Pertramer / Rabenhof

Erni Mangold, Sandra Cervik und Esra Özmen – die Idee, die Schauspielerinnen und die Musikerin an einem Abend zu vereinen, ist genial. „3 Frauen und 1000 Bücher“ heißt ihr Programm, das gestern im Rabenhof Premiere hatte. Hausherr Thomas Gratzer hat die Kooperation mit dem Theater in der Josefstadt für die Bühne eingerichtet, und da Esra eine Hälfte des Duos EsRAP ist, ist ihr Bruder Enes Özmen selbstverständlich mit von der Partie. Von Arendt, Hannah bis Wollstonecraft Shelley, Mary begibt man sich auf eine literarische Reise.

Mal im Zwiegespräch mit der Dichterin, mal im Dialog mit der Darstellerin daneben, führt der Weg übers Da- als Frausein zur Freiheit zu Feminismus zur Rosa-Luxemburg’schen Familienaufstellung. Und wer nun fragt, was Sappho, Simone de Beauvoir und Valerie Solanas gemeinsam haben, so sind das Wutanfall und Herzenswärme, Aufbegehren und Begehren, Erregung ergo mal zwei, Passion, meint: Leidenschaft, nicht Leiden. Lina Loos gilt es wieder zu entdecken, ihr posthum gefundenes Theaterstück „Wie man wird, was man ist“, und apropos: Elfriede Gerstls „Tandlerfundstücke“ und die Anarchismus-Essays der Friedensaktivistin Emma Goldman.

Ottakring-Kind Esra Özmen rappt Christine Nöstlingers „Iba de gaunz oamen Leit“ und Ingeborg Bachmanns „Ich“ – wie’s für sie typisch ist auf Deutsch, heißt im ersten Fall: Wienerisch und Türkisch. Liest man hier die ZeilenSklaverei ertrag ich nicht / Ich bin immer ich / Will mich irgend etwas beugen / Lieber breche ich … Ich bin immer ich / Steige ich, so steig ich hoch / Falle ich, so fall ich ganz“, hat man ihren Rhythmus sofort im Ohr.

Die Damen mit Sänger Enes Özmen. Bild: © Pertramer / Rabenhof

Enes Özmen kann dazu nicht nur beatboxen, er verkörpert in all der angeklagten toxischen Männlichkeit das – im Wortsinn – Bild von einem Mann, wie es Frauen bevorzugen. Die Hip-Hop-Geschwister haben in dieser phallokratischen Welt die vorgeschriebenen Geschlechterrollen einfach vertauscht. Esra steuert die harten, schnellen Reime bei, während Enes mit seiner feinfühlig lyrischen Stimme die melodischen Vokalparts übernimmt. Enes singt Arabeske vom Feinsten, wonach Erni Mangold und Sandra Cervik zum größten Vergnügen des Publikums nöstlingerisch über das „echd ungerechd“-e Intimverhältnis räsonieren:

„A Mau deaf ruig waumpad sei, es redt eam kana ind Fettn drei. A blada Mau is a schdatlicha Hea und jedazeid guad fian Geschlechdsvakea. A Mau deaf ruig glozad sei, ohne Hoa is sei Zeid no laung ned vuabei. A Glodzn, de zeigd vun guada Bodenz und unhamlich hocha Sexual-Frequenz …“ Zum Höhepunkt kommt die Mangold als Onkel Bill, der – wer die US-Serie aus den späten 1960ern kennt – seine verwaisten Nichten und Neffen aufzieht, und sich bei Elfriede Jelinek von der kindlichen Verwandtschaft gern befingern lässt.

Mit Sibylle Berg wird übers Mittelklasse-Midlifecrisis-Paar Rasmus und Chloe gelästert, der eine Partner vom anderen gehegt und gepflegt, wie eine liebgewordene Zimmerpflanze, mit der queeren Graphic-Novel-Autorin Alison Bechdel die ewige Mutter-Tochter-Beziehungskiste bejammert, und weil Frauen keine Waserln sind, hat diesbezüglich stellvertretend für alle Stefanie Sargnagel einen Kater, den postalkoholischen, nicht das Tier. Ihre bereits berühmten, bachmann-publikumsbepreisten „Penne vom Kika“ sind nach wie vor – Sie wissen schon! – geschmacklos gut.

www.rabenhoftheater.com           www.esrapduo.net                     www.youtube.com/user/karayazi90/videos

  1. 12. 2019

Rabenhof: Monster

November 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zombieball im Hoamatland

Untotentanz beim Monsterball: Christoph Krutzler, Bettina Schwarz, Eva Mayer und Richard Schmetterer, hinten: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Am Rottensee lässt sich’s gut verrotten, wissen die Buchleser längst. Nur logisch also, dass Regisseurin Christina Tscharyiski nun eine Truppe Untoter auf die Bühne stellt, damit diese Kurt Palms bizarre Romanfiguren zum Leben erwecken. Deren Krachlederne und Goiserer blicken tapfer ihren Lumpentagen ins Auge, und apropos: die wiederum sind von schwarzen Lidschatten umrandet und mit Gruselkontaktlinsen bestückt. Die Haut ist fahl und fleckig, die Stutzen sind löchrig.

Und mitten unter den derart liederlichen Leichen singt einer seine Lieder. Heißt: Es handelt sich dabei weniger um -musik, denn um Volksgegröle. „Alles Böse kommt aus dem Ausland herein“, schmettert der skurril-schmierige Schlagerschlurf im Silberanzug – damit das klar ist, denn das „Monster“, gestern erst im Rabenhof vom absurden Trash-Text zum aberwitzigen Theaterabend mutiert, ist keine scheußliche Bestie, sondern der ebensolche Seinszustand der Republik.

Tscharyiski, zuletzt im Erdberger Gemeindebau mit „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ erfolgreich (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), mixt nach Originalrezept Krimisatire, Politgroteske und beißende Gesellschaftskritik. Freilich kann ihre 80-Minuten-Show nur ein Shot zum Palm’schen Giftcocktail sein, sind hier doch die Ereignisse auf ihre Essenz reduziert, aber die verhängnisvollsten Vorkommnisse immerhin so verquickt, dass den diversen Handlungssträngen durchaus zu folgen ist.

Als da wären: Ein aus den Tiefen des Alls heranrasender Asteroid, ein riesiger Nazikillerfisch, seines Zeichens ein dereinst aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, ergo ein im Strandbad angeschwemmter abgebissener Frauenfuß, die irdische Hülle eines tschetschenischen Mädchen- und Organhändlers und ein lesbisches Vampirinnen-Pärchen, das Männer nach dem Aussaugen gern auch ausweidet, eine Innenministerin, die, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins Asylwerberheim gezwungen, von einem afrikanischen Eintopf isst, in dem eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt, ein wählerstimmengeiler Bürgermeister, der ein Seekonzert plant, und der in all diesen Fällen ermittelnde Polizist Alfons Stallinger, der die Katastrophen zu verhindert sucht …

Bettina Schwarz. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Christoph Krutzler. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Richard Schmetterer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer, Bettina Schwarz, Christoph Krutzler und Richard Schmetterer betätigen sich in diesem Umfeld als Erzähler und gestalten ein komplettes Kuriositätenkabinett an Charakteren. Vor einem pittoresken Alpenseebild, Kulisse und Kostüme sind von Jenny Schleif, mitten drin im Hoamatland, findet deren Zombieball statt, links ein Steckerlfischstand, der Himmel immer dann blutrot, wenn allerhöchste Gefahr droht. Gespielt wird einfach großartig und alle Geschlechterrollen ignorierend. Christoph Krutzler ist als abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter eine prächtige Bissgurn, ein wunderbar suizidaler Weltuntergangsprophet ist gleich: Astronom auf Teneriffa, und sehr attraktiv als osteuropäisch-sexy Blutsaugerin.

Deren Sarggenossin gibt Richard Schmetterer mit Flittchenblick und gekonntem Hüftkreisen, und weil er schon mit Todesverachtung die Totenblasse mimt, übernimmt er auch gleich den Part des nicht ausschließlich wegen seiner Wasserphobie schreckensbleichen Alfons Stallinger. Spooky Eva Mayer macht unter anderem auf Immobilientycoon Alexander Prix, ein Kapitalisten-Prototyp und in jedem Sinne mit dicker Hose ausgestatteter Koks- und Splatterfan, Bettina Schwarz spielt den bärbeißig-unbelehrbaren Bürgermeister und die beflissene Flüchtlingsheim-Betreuerin der Familie Nkwongu. Zum kessen Grusical gerät das Ganze durch die Kompositionen von Musiker Valentin Eybl und „5/8erl in Ehr’n“-Sänger Robert Slivovsky aka Romantic Slivo.

Meistersinger der hinterfotzigen Heurigenlieder und der gfeanzten Volksmusik: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Romantic Slivo ist ein fantastischer Entertainer, sozusagen das A und O dieser Apokalypse, und legt mit skandalös-hinterfotzigen Heurigenmelodien über die hiesigen Goldenen Herzen und Songs wie „Ohne di / geh‘ i nirgendwo hi'“ die Lunte ans Pulverfass von Patriotismus und Chauvinismus, von Xenophobie und Neophobie. Den gfeanzten volks- dümmlichen Schmachtfetzen bringt Slivo als Volks-Rock’n’Roller Andreas Mastwächter zu Gehör.

Dessen von den Menschenmassen umjubelter Auftritt beim „Rock se Lek“-Konzert wird zum Höhepunkt der Weltuntergangsumtriebe – alldieweil Schwarz als Herr Nkwongu dessen Brief ans neue Vaterland Österreich unter Fanfarenklängen als Fanal für Vielfalt, Fremdenfreundlichkeit und Toleranz vorliest, dem Prix von den feministischen Vampirinnen das Herz aus der Brust gerissen und ausgetrunken wird, die Innenministerin symbolträchtig in einer sumpfigen Lacke versinkt und der Stallinger sich wieder aufs Sockenstricken verlegt.

Unheimlich gemütlich, diese horrible Heimatseligkeit. Als wär’s ein „Austrian Gothic“-Gemälde schleichen Kurt Palms modrige Märchengestalten durch Christina Tscharyiski nationalgroteskes Grand Guignol. Auf Geschunkel, Wertegeschwafel und die rechte Gesinnung folgt der Final Impact, das absehbare Ende, das bei diesem viel zu kurzen Schabernack denn doch plötzlich und unerwartet kommt. Der Schluss natürlich bitterböse, das Publikum in Jubelstimmung, soviel zum monsterhaften Absang einer Aufführung, die sich Freunde des gepflegten Sarkasmus keinesfalls entgehen lassen sollten.

www.rabenhoftheater.com            Romanrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263

  1. 11. 2019