Volksoper: Carousel

März 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss was zum Mitsummen

Das Ensemble der Volksoper liefert gesanglich und darstellerisch eine Glanzvorstellung. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Es ist kein Leichtes, Rodgers‘ und Hammersteins „Carousel“ auf die Bühne zu bringen. Weder für Darsteller noch für Publikum. Gesang geht nahtlos in Textpassagen über, deren gibt es vor allem im zweiten Akt so ausufernde, dass man meint, hier würde aufs Singen ganz vergessen. An der Volksoper, wo man sich unter der Direktion Robert Meyer hohe Kompetenz in Sachen klassisches Musical angeeignet hat, ist die Übung nun aber gelungen. Zumindest über weiteste Teile.

Der einzig mögliche Einwand allerdings wiegt mittelschwer, nämlich, dass die Sprechstrecken so gestelzt und aufgesetzt daherkommen, wie es heute am Musiktheater wahrlich nicht mehr sein muss. So überzeugt das „Carousel“ in erster Linie musikalisch. Joseph R. Olefirowics als Mann am Pult weiß sowohl die lyrischen wie auch die temperamentvollen Stellen gekonnt zu dirigieren. Der Chor tut wie stets das Seinige, dass der Abend ein Vergnügen ist. Inszeniert hat Henry Mason – er ist auch für die deutschsprachige Fassung verantwortlich, die ein, zwei Mal (zum Beispiel bei „Wär‘ es Liebe) über die Noten holpert – ohne viel Schnickschnack, eine Zeitreise ins vorvorige Jahrhundert, deren Bühnenbild von Jan Meier Geschmackvolles zeigt: einen Jahrmarkt, eine Landschaft am Meer, den Sternenhimmel. So erzählt sich die von Ferenc Molnárs Drama „Liliom“ übernommene Geschichte so ziemlich kitschbefreit.

Als Billy Bigelow, heißt: Liliom, kann Daniel Schmutzhard mit seinem schönen Bariton ideal bestehen. Der Opernsänger meistert seine erste große Musicalrolle auch darstellerisch, gibt den Kraftlackel und Aufschneider, der die Jahrmarktsmenge im Griff hat, bevor er beim Monolog/„Soliloquy“ Billys sanfte, verletzliche Seite offenbart. Nichts desto trotz bleibt sein Karussellausrufer ein Unangepasster, eine verlorene Seele in Spießertown. Das bevölkern: Mara Mastalir als brave Textilarbeiterin Julie Jordan, die darstellerisch tatsächlich so etwas wie einen Hauch Naturalismus aufkommen lassen möchte. Ein Bravo hierfür! Johanna Arrouas, die alles aus ihrer Carrie Pipperidge herausholt und auf der ganzen Linie überzeugt, sowie Jeffrey Treganza als ihr biederer Enoch Snow.

Christian Graf als Jigger Craigin und Johanna Arrouas als Carrie Pipperidge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow und Mara Mastalir als Julie Jordan. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Christian Graf ist ein fabelhafter, cooler Bösewicht, der seinen Jigger Craigin zur Charakterstudie macht, Regula Rosin eine gute Mrs. Mullin, Nicolaus Hagg ein souveräner Bascombe, Atala Schöck eine schön solide Nettie und Robert Meyer ein köstlich-kauziger Sternwart – mit langem weißen Herrgottsbart und Arbeitsoverall eine Art Himmelshausmeister. Ganz großartig ist Astrid Renner als Julies Tochter Louise Bigelow. Sie meistert die Balletteinlage nach dem Original von Agnes de Mille, das Francesc Abós wie alle De-Mille-Tänze neu einstudiert hat, fabelhaft. Fein auch, die wie Solistinnen und Solisten tänzerisch in jeder dafür notwendigen Szene mithalten. Zum Schluss ertönt noch einmal „You’ll never walk alone“ – längst bekannt als die Fußball-Hymne des FC Liverpool – als Chorversion. Perfekt, um mitzusummen nach einer fast perfekten Aufführung.

www.volksoper.at

  1. 3. 2018

Volksoper: Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen

Februar 25, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Show wie aus den Swinging Sixties

Diese Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 21. Februar.

Chuzpe! J. Pierrepont Finch wickelt den Chef mit Verve um den Finger: Peter Lesiak und Robert Meyer als J. B. Biggley. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Und wieder einmal ist es Volksoperndirektor Robert Meyer gelungen, im abgegrasten Musikfeld Musical eine Rarität zu entdecken, in der sein Ensemble glänzen kann. „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ heißt das gute Stück. Und weil man als Frau ja gern drübersteht, wenn die Protagonistin über ihre Ehepläne ohne emanzipatorisches Augenzwinkern preisgibt: „Ich halt‘ ihm gern sein Essen warm“ – und zwar mit „Küchencharme“, ist ein Guter-Laune-Abend garantiert.

Dafür verantwortlich ist ein Team, das dem Haus schon mit „Sweeney Todd“ eine Erfolgsproduktion beschert hat: Dirigent Joseph R. Olefirowicz, Regisseur Matthias Davids und Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau. Entstanden ist eine schmissige Show, die ganz dem Geist der Swinging Sixties verpflichtet ist. Die Musik schwappt zwischen jazzig bis schnulzig, Olefirowicz lässt das Volksopernorchester dafür wie eine Big Band klingen, die Kostüme von Judith Peter kreischen in knalligen Grafikdesigns oder sind von einem betulichen Doris-Day-Pastell, Melissa Kings fabelhafte Choreografie zitiert Modetänze anno Chubby Checker. Die Inszenierung atmet wie ein ganzes Jahrzehnt.

Die Story ist die vom amerikanischen Traum. Der Fensterputzer J. Pierrepont Finch steigt dank eines Karriereratgebers bis in die höchste Etage eines „Wobbel“ erzeugenden Unternehmens auf, deren Sinn und Zweck sich bis zum Ende nicht entschlüsselt. Den Leitfaden zum Lebenslauf hat es tatsächlich gegeben: Shepherd Mead veröffentlichte 1952 das Büchlein „How to Succeed in Business Without Really Trying“ Der Verfasser hatte wie der spätere Musicalheld ganz unten in einer großen Firma angefangen und sich zu deren Vizepräsidenten hochgearbeitet.

Knapp zehn Jahre später nahm sich Broadwaykomponist Frank Loesser des Werks an und schuf gemeinsam mit seinen Buchautoren Abe Burrows, Jack Weinstock und Willie Gilbert eine brillante Parodie, die in Folge mit acht Tony-Awards und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. In Wien war der Kassenschlager einmal zu sehen – 1965 mit Harald Juhnke und Theo Lingen, in deren Fußstapfen nun Peter Lesiak als Finch und Robert Meyer als Big Boss J. B. Biggley treten.

Panik! Der Kaffeeautomat ist leer: Julia Koci als Smitty, Marco Di Sapia als Bud Frump, Wiener Staatsballett und Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ärger! Zur Firmenfeier erscheinen alle im selben Kleid: Sulie Girardi als Miss Krumholtz, Ines Hengl-Pirker als Hedy LaRue, Julia Koci als Smitty. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak ist ein ganz bezaubernder Blender, dessen Erfolgsrezept eine Mischung aus ehrlichem Interesse für seine Mitmenschen und ein bissl Einschleimen ist. Wie dieser Finch seine Kollegen und Vorgesetzten dusselig quasselt, um ans Ziel zu gelangen, das ist zu komisch. Dazu Robert Meyers Biggley, um nichts weniger Schlitzohr und noch dazu Seitenspringer, aber hilflos gegen die Chuzpe und die Charmeattacken seines neuen Angestellten. Vor allem, wenn dieser vorgibt, das gleiche Hobby zu haben: Biggley strickt gegen den Bürostress – Herrenpullover. Doch noch jemandem sticht Finch ins Auge: Vorzimmerdame Rosemary hört bei seinem Anblick die Hochzeitsglocken läuten, sie sieht sich schon als Heimchen an seinem Herd. Lisa Antoni präsentiert sich in dieser Rolle als patentes Mädl zum Pferdestehlen stimmlich und schauspielerisch stark.

Nicht ein Klischee aus der Arbeitswelt hat Loesser ausgelassen und Matthias Davids setzt sie in seiner Aufführung mit sichtlichem Spaß an der Sache und ohne Angst vor Stereotypen um: Die Sekretärinnen sind entweder Zerberusse oder Sexy-Hexys, die Abteilungsleiter allesamt von der Furcht um ihre Posten gebeutelte Wadlbeißer. Ist der Kaffeeautomat im Pausenraum leer, breitet sich unter den Mitarbeitern blitzschnell Panik aus; schlimmer ist es nur, als zur Firmenfeier alle Schreibkräfte im selben, natürlich als Einzelstück erstandenen Kleid erscheinen …

Lust! Biggley stellt sein Gspusi als Sekretärin ein: Robert Meyer und Ines Hengl-Pirker als Hedy LaRue. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebe! Sekretärin Rosemary angelt sich den ausgefuchsten Aufsteiger Finch: Peter Lesiak und Lisa Antoni. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Ensemble sprüht in diesen skurrilen Szenen vor Witz – und auch ein wenig Wahnsinn. Allen voran Marco Di Sapia, der als intriganter Neffe vom Chef, als garstiger Bösewicht des Stücks, sein Komödiantentum voll ausspielen kann. Ines Hengl-Pirker ist Hedy LaRue, Biggleys Gspusi, dem er in der Firma einen Versorgungsposten verschafft. Nur leider sind Hedys einzigen Qualitäten 99-56-96 und ein Herz aus Gold; Hengl-Pirker gestaltet die Rolle hinreißend, als rothaarigen Blondinnenwitz mit Hüftschwung und Quietschstimmchen.

Julia Koci macht als Sekretärin Smitty auf resolut und burschikos. Nicolaus Hagg und Gernot Kranner schmieden als Finchs Kollegen eine Kabale, um den unliebsamen Konkurrenten zu Fall zu bringen. Der Fall tritt denn auch tatsächlich ein, Finch fliegt auf, doch tritt kurz bevor er rausfliegt Axel Herrig als Aufsichtsratsvorsitzender ex machina auf … Die Herren besorgen sich also ein Happy End und brechen vor Glück in einen Song über den Mann-hilft-Mann-Verein aus. Dies der traurige Moment, an dem der Abend endlich am Heute andockt. Denn an dieser tiefschürfenden Wahrheit über Männerseilschaften bis an die Bürospitze hat sich wenig bis gar nichts geändert. Was hat sich der Feminismus daran nicht schon wundgegendert. Und was macht die Frau 2017? Das Essen warm …

www.volksoper.at

Wien, 22. 2. 2017

Kabarett Simpl: Hypochondria

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MARTIN R. NIEDERAUER

Zauber-Comedy mit Tricky Niki und seinen Puppen

Bild: © by Felicitas Matern

Was haben wir gelacht? Diese Frage wird dem einen oder anderen Premierengast beim Morgenkaffee am Tag nach der Premiere von „Hypochondria“ durch den Kopf gegangen sein. Nur worüber haben wir alle gelacht?

In seinem dritten, abendfüllenden Soloprogramm stellt Tricky Niki seine Bazillen- und Bakterienphobie in den Mittelpunkt und versucht damit einen Bogen zwischen Zauberkunststücken und Bauchredner-Nummern zu spannen – mit einem tiefen Griff in die Mottenkiste. So beschäftigt Tricky Niki das Publikum mit der Frage nach dem Gebrauch von WC-Papier als Knödler, Falter oder gar Wickler, lässt sich mit Stichworten zu gnadenlos stereotyper Improvisationscomedy animieren und wird nicht müde im Minutentakt seine Hände „berührungslos“ mittels gesponsertem Hightech-Gerät in kabarettistischer Unschuld zu waschen.

Um schließlich doch wieder bei der Toilette zu laden: „Was Generationen von Frauen nicht geschafft haben, ist dem Smartphone gelungen. Endlich setzen sich Männer beim Pinkeln hin!“

Zu Höchstform läuft Tricky Niki nur dann auf, wenn er sich seinen wahren Leidenschaften zuwendet: Dem Bauchreden und der Zauberei. Beinahe liebevoll neckt er mit seiner Bauchstimme im Synchroneinsatz vorzugsweise Damen aus dem Publikum, ohne diese Kabarett-Opfer vorzuführen oder der Lächerlichkeit preiszugeben. Seine Kartentricks sind verblüffend, von internationalem Format, laufen jedoch Gefahr über all dem Bazillen-Toiletten-Geschwätz schlichtweg unterzugehen. Am schnellsten lässt sich das Publikum begeistern, wenn der begnadete Bauchredner „seinen“ Emil zum Leben erweckt und selbst zum Opfer seiner markigen Sprüche wird. Dann wird auch Tricky Niki locker, wird zum Comedian in bester deutscher Fernsehtradition und in diesem Moment möchte man ihm sogar erlauben, sich als Entertainer zu bezeichnen.

Weitere Vorstellungen bis 26. Februar im Kabarett Simpl.

www.trickyniki.com

Wien, 23. 2. 2017

Über den Autor:

Martin R. Niederauer, Gastronom, Journalist und Buchautor. Journalistische Stationen im Kurier, Kronenzeitung, Die Presse und Bühne mit den Schwerpunkten Gesellschaftsberichterstattung und Kultur. Gestalter im Format „Seitenblicke“ des ORF. Autor diverser Bücher, zuletzt „Jazz Gitti – Ich hab gelebt“ (Kremayr & Scheriau), Mitglied der Geschäftsführung eines gastronomischen Betriebes in der Wiener Innenstadt.

Erwin Steinhauer im Gespräch

September 24, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hand auf’s Herz“ in den Wiener Kammerspielen

Hand_aufs_Herz1Vom großen Erfolg ihres ersten gemeinsamen Musikprogramms FEIER.ABEND ermutigt (mehr als 100 Vorstellungen in ganz Österreich), begeben sich nun Erwin Steinhauer und seine Lieben  auf große Fahrt und stechen ab 16. Oktober, ausgehend von den Wiener Kammerspielen, in See. „Hand auf’s Herz“ ist eine musikalisch-satirische Odyssee mit wahren und beinahe wahren Lied-Geschichten, voller Humor und Poesie, über menschliche Schwächen, Intoleranzen, über unsere Lieben und die Scherben, die wir hinterlassen. Erzählt von einem Sänger, der zum Lachen und zum Weinen bringt: Bandleader Erschy Heart kreuzt mit seiner legendären Combo „Die Lieben“ auf dem Kreuzfahrtriesen SM Alcatraz quer durch die Weltmeere. Zwischen Nordsee und Karibik überzeugt man das routinierte Kreuzfahrt-Publikum sowohl mit Coverversionen bekannter Hits, als auch mit neuen Liedern und ruft zum Tanz in eine heile Welt, die es längst nicht mehr gibt.„I sag’ immer: das Leben is heart“ Es ist das leidenschaftliche heiße Herz des „alten Hasen“, in dem das Geheimnis eines gemeinsamen, fröhlichen Neubeginns pocht …

Idee: Deinboek/Rosmanith/Steinhauer

Buch: Heli Deinboek

Liedtexte: Heli Deinboek, Heinz R. Unger

Kompositionen: Otto Lechner, Klaus Trabitsch, Joe Pinkl und die Band

Erwin Steinhauer: Gesang, Gitarre, Ukulele

Georg Graf: Saxophone, Klarinetten, Gitarre

Joe Pinkl: Keyboard, Posaune, Tuba

Peter Rosmanith: Perkussion, Hang

MM:Wie kam’s zu der Idee, nach FEIER.ABEND auf Kreuzfahrt zu gehen? Und wofür steht diese Kreuzfahrt?

Erwin Steinhauer: Das hat nichts mit: Nimm’ dein Kreuz und wandle … zu tun. Wir haben für einen humorvollen, satirischen Abend eine Geschichte gesucht; wir sind eigentlich vom Scheitern dahin gekommen. Wie viele Leute sind in einem Beruf, den sie nicht wollten und müssen ihn ausüben, um Geld zu verdienen. Das betrifft sehr viele Menschen. Aber noch schlimmer ist, wenn man Künstler werden will, ein toller Musiker ist, ein Beherrscher seines Instruments – und damit kein Geld verdienen kann. Und dann siehst du so ein Plakat: Wir suchen für die Kreuzfahrt auf der SM Alcatraz noch eine Schiffskombo. Dann strandest du in etwas, das in der Nähe deines Traumes liegt, aber kilometerweit entfernt ist von dem, was du machen wolltest.

MM: Also eine Kreuzfahrt im Sinne von Kalvarienberg.

Steinhauer: Sicher. Ich habe einen Geburtstag mit Peter Alexander erlebt, ich glaube, es war der 70., in einem kleinen Restaurant. Da stand ein kleines Klavier und um halb Eins, als wir schon einiges getrunken gehabt hatten, setzt sich der Peter Alexander ans Klavier und spielt Jazzklavier, dass binnen kürzester Zeit alle mit offenem Mund um ihn gestanden sind. Alle sagten: Peter, warum hast denn das nicht gemacht? Das ist doch a Wahnsinn. Und er: Weil ich damit leider kein Geld verdient hätte. Das hat auch mit Scheitern zu tun. Das hat mich so beschäftigt, dass ich sagte, das wäre doch eine wunderbare Handlung. Wir erfinden eine Figur, wie diesen Erschy Heart, Erwin Herz, drum der Titel „Hand aufs Herz“, der an Bord dieses Kreuzfahrtschiffes landet und privat wie beruflich nur gescheitert ist, mehrere Familien hat, auf diversen Kontinenten verstreut, wo eine nix von der anderen weiß, ein fürchterlicher Mann, der nur dem Genuss gelebt hat. Und nun hier gestrandet ist. Das ist die Geschichte rund um zwanzig Lieder, von denen zehn Coverversionen und zehn neue Lieder sind. Heli Deinboek hat sie zum Großteil getextet, Heinzi Unger hat sieben Texte beigesteuert. Otto Lechner, Klaus Trabitsch und Joe Pinkl haben komponiert. Und es spielen wieder „meine Lieben“: Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith.

MM: Welche Qualitäten hat Heli Deinboek, dass Sie immer wieder gerne mit ihm arbeiten? Ihn auch diesmal „an Bord“ geholt haben“?

Steinhauer: Heli ist ein großartiger Texter, ein toller Musiker. Er hat einen unfassbaren Output. Wie schnell der Texte und Satzbrocken zusammensetzt! Von ihm ist ja auch „Puttin’ on the Ritz“ – „Der Putin is a Witz“ aus FEIER.ABEND. Gültig bis heute, wenn nicht sogar gültiger. Ein genialer Kopf! Mit einer unglaublich poetischen Seite. Ein Ausnahmemensch! Beide Programme hätte es ohne Heli nicht gegeben.

MM: Besteht das Programm nur aus Musik?

Steinhauer: Nein. Erschy Heart, der Mann, dem man nicht einmal einen Gebrauchtwagen abkaufen würde, erzählt auch von seinen Erwartungen und Träumen. Erzählt von seinem gescheiterten Leben bis zu den Einflüssen auf unsere Umwelt. Das ist eine kleine Gratwanderung, weil er auch immer wieder in den Erwin kippt, der auch seine satirischen Überlegungen beitragen muss. Wobei wir bitte nicht ins Kabarettladl geschoben werden wollen!

MM: Dann schiebe ich Sie kurz aus dem Ladl raus. Sie haben in Ihren Kabarettprogrammen Ohrwürmer wie „Bodenlurch“ oder „VIPs“ gesungen. Ist das jetzt ein Neuentflammen der Liebe zur Musik?

Steinhauer: Es hat MICH wiederbelebt. Die Hälfte meiner Kabarettprogramme bestand meist aus Musik, doch ich bin durch Theater und Film ganz davon weggekommen. Jetzt ist der ideale Moment zur Rückkehr. Schuld ist der Peter Rosmanith, der mich vor vielen Jahren angerufen hat, um zu fragen, ob ich zu einem seiner musikalischen Programme lese. So sind wir auf die gemeinsame Liebe H. C. Artmann gekommen und haben „Dracula, Dracula“ gemacht. Und auf den vielen Fahrten von Auftritten zurück, sagte Peter: Warum machen wir nicht ein musikalisches Programm. Und ich: Geh’ bitte, lass’ mich aus. Worüber soll ich singen in meinem Alter? Über die Liebe? Da lachen ja die Leute.

MM: Na, entschuldige …

Steinhauer: Genau das hat der Peter auch gesagt. Und so ist das immer weiter gegangen. Mittlerweile spiele ich wieder fleißig Gitarre – und Ukulele.

MM: Wie Marilyn Monroe.

Steinhauer: Ja, Musik mit der Eing’angenen. Und für die Lyrik, für die Literatur ist der Heinz Unger gekommen, hat ganz tolle Geschichten geschrieben, ganz tolle Gedichte. Ich freu’ mich, ich bin schon heiß drauf.

MM: Sie haben im Leben auch schon einiges hinter sich gelassen. Daher – „Hand aufs Herz“- die Frage: als wievielter verlassen Sie ein sinkendes Schiff?

Steinhauer: Mein Schiff sinkt nicht, ich fahre munter weiter. Ich habe drei Kinder und drei Enkelkinder, daher würde ich mich nicht mehr als Kapitän sehen, aber zum Ersten Offizier reicht’s noch. Der mit der affektierten Backbordmimik: Geht eh alles, braucht’s was? (Er lacht.) Ich halte mein Berufsleben mit großer Disziplin und großer Ernsthaftigkeit in der Waage. Ich überprüfe sehr, was ich mache, weise Dinge von mir, die nichts mit mir zu tun haben – und versuche so Wahrhaftigkeit in allen Rollen anzustreben. www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-die-schuesse-von-sarajevo/ ; http://www.mottingers-meinung.at/tobias-moretti-in-das-finstere-tal/ ; http://www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-macht-feier-abend/ Ich arbeite jetzt bis 1. Februar und warte dann, ob jemand eine Idee hat. Ich bin aus Laden, die funktioniert haben, hurtig herausgesprungen. Ich könnte heute noch Dinge wie „Der Sonne entgegen“ spielen. Aber ich liebe die Abwechslung, die neue Herausforderung, das Risiko, das man auch scheitern kann.

MM: Ist dieses Aussuchen können eine Qualität der Popularität? Oder sitzen Sie auch manchmal verzweifelt über einem leeren Terminkalender?

Steinhauer: Die Existenzangst ist Teil des Berufs. Ich bin ja nirgends fix angestellt – auch nicht an der Josefstadt, sondern kriege per Aufführung gezahlt. Meist ist es so, wenn du dir Termine freihältst für den Film, kommt ein Theaterengagement, das nimmst du an – und dann kommt natürlich ein Film.

MM: Wie der ins Auslandsoscar-Rennen geschickte „Das finstere Tal“, in dem Sie den bigotten Pfarrer spielen …

Steinhauer: Ja, wunderbar. Aber ich hab’ dann zwischendurch noch die Konzerttermine, muss für meine Musiker ja Termine blockieren. Das sehen die Filmleute dann wieder nicht so gern, weil man da weg ist … Wie man’s macht … Ich verstehe übrigens die Entscheidung nicht, einen „Western“ nach Amerika zu schicken. Wollen wir denen etwas zeigen, das sie besser können? Wir sollten ureuropäische Stoffe, die sich vom amerikanischen Geschmack total unterscheiden ins Rennen schicken. Filme, wie sie der Haneke macht. Oder der Ulrich Seidl. Das sind Dinge, die’s nur hier gibt, drüben nicht. Damit wir sagen: Hallo, wir sind irgendwie anders!

MM: Um aufs Musikalische zurückzukommen, Opapa. Sind Sie auch gut bei Kinder- und Weihnachtsliedern?

Steinhauer: Sehr! Wird alles gemacht. Wenn auch nicht immer von Erfolg begleitet. Aber wir sind eine hochmusikalische Familie. Meine Tochter Iris spielt Klavier, Matthias hat ja mit Musik begonnen, bevor er Richtung Schauspielerei ging:http://www.mottingers-meinung.at/josefstadt-die-geschichte-vom-fraeulein-pollinger/ ; http://www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-liebelei/ . Wir haben den Mattl anfangs musikalisch gar nicht so gefördert, weil er wie der Stani war: Alles anfangen, aber nichts zu Ende bringen. Der Stani hat E-Gitarre, Schlagzeug, alles begonnen. Er ist sehr musikalisch; da kann also noch was kommen. Mein ältestes Enkelkind, der Leon, der flippt total aus, wenn er Klavier spielen oder mit einer CD mitsingen kann. Die Kinder vom Mattl sind derzeit eher „Kunstturner“, sportliche Typen.

MM: Wie steht’s nun mit Kreuzfahrten? Alfred Komarek hat mir erzählt, er ist ein bissl schwanger mit einem Kreuzfahrt-Polt: Polt und Rehberg auf dem Schiff und klären einen Mord auf. Wissen Sie was davon?

Steinhauer: Nein. Obwohl der Polt und der Rehberg im bis dato letzten Teil ja eine gewinnen. Komarek wird nächstes Jahr 70, da möchte er gerne den letzten machen: „Alt, aber Polt“. Wenn das zustande käme, ginge ich auf Kreuzfahrt, aber privat: Nein. Das ist wie ein schwimmender Gemeindebau. Deshalb heißt’s bei uns ja SM Alcatraz – Sadomaso-Gefängnis. Sich im Bikini zu zeigen, hat bei manchen durchaus mit Sadismus zu tun. Oder ein Mann mit meiner Statur im Lobaufetzerl …

www.erwinsteinhauer.at

www.josefstadt.org

Wien, 24. 9. 2014

Volksoper: „Sweeney Todd“

September 16, 2013 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Gustostückerl für Gruselfans

zum einmaligen Abdruck freigegeben

Robert Meyer (Richter Turpin), Patricia Nessy (Bettlerin), Morten Frank Larsen (Sweeney Todd),
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper,

Samstag  präsentierte sich die Wiener Volksoper einmal mehr als erstes Haus für Musical. Und zwar nicht nur für klassisches à la „My Fair Lady“ oder „Kiss me, Kate“, sondern durchaus auch für Skurriles, Schräges, Schreckgespenstisches. „Sweeney Todd“, der Babier des Grauens aus der Fleet Street, wurde – in Anwesenheit von Komponist und Texter Stephen Sondheim – erstmals an der Volksoper aufgeführt. Und wurde zum Riesenerfolg. Die „Graf von Monte Christo“-für-Ärmere-Story überzeugte mit Schwung und Swing; die Darsteller mit ihrer Sing- und Spielfreude, am Pult der musicalerfahrene Dirigent Joseph R. Olefirowicz, der Sondheims dissonante Parforcejagd, die schrägen Töne und Tempiwechsel von Song zu Song perfekt auf die Bühne hob. Die wurde dominiert vom Bühnenbild Mathias Fischer-Dieskaus, vom Räderwerk der Tötungsmaschine des blutdürstigen, vergeltungssüchtigen Ex-Friseurs, einem Maschinenraum, wie zu Beginn der Industrialisierung Londons im 19. Jahrhundert. Eine Reverenz an Charlie Chaplins „Modern Times“. Kommt doch, so wie der Tramp beim Schraubenanziehen, Mrs. Lovett kaum nach mit dem Pastetchenbacken … In der Inszenierung von Matthias Davids flutschen die Zahnräder jedenfalls wie geschmiert.

Bekannt wurde der Stoff durch Tim Burtons Verfilmung mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter 2007. Inhalt: Benjamin Barker, glücklich verheiratet und frischgebackener Vater einer Tochter, wird aufgrund einer Intrige des mächtigen Richters Turpin unschuldig angeklagt und verbannt. Benjamins Frau Lucy und die Tochter Johanna geraten unter die Obhut von Richter Turpin. Lucy wird vom Richter vergewaltigt und ist ohne ihren Mann am Ende ihrer Kräfte. Sie sinkt immer tiefer, bis sie schließlich verschwindet. Benjamins Tochter wird daraufhin von Richter Turpin adoptiert. 15 Jahre später kehrt Benjamin Barker als Sweeney Todd, von Not und Elend gezeichnet, in seine Heimat London zurück und trifft dort auf Mrs. Lovett, die Inhaberin des Fleischpastetenladens unter dem ehemaligen Barbiergeschäft von Benjamin Barker. Sie erkennt Todd als Barker wieder und erzählt ihm von Lucy, seiner Frau, die Arsen genommen habe und dass Johanna sich in der Obhut von Richter Turpin befinde. Todd ist verbittert und schwört in seiner Wut und Verzweiflung der ganzen Welt Rache. Er tötet seine Kunden, indem er ihnen beim Rasieren die Kehle durchschneidet, und lässt sie  über eine Falltür in den Backkeller rutschen. Bei Fischer-Dieskau ein kathedralenhafter Raum, der das Sakrale des Werks betont – nur, dass es keine Wiederauferstehung gibt -, wo die Leichen von Mrs. Lovett zu Fleischpasteten verarbeitet werden. In seinem Wahn schlitzt sich Todd durch Freund und Feind. Kurz gesagt: Am Ende ist keiner mehr über.

Mit einem Effektfeuerwerk sorgt das Leading Team der Volksoper dafür, dass Grauen, Gruseln, Gänsehaut zum fröhlichen Abend werden. Morten Frank Larsen spielt den Sweeney adrett-romantisch wie ein Stummfilmstar. Nie war ein Messermassaker charmanter. Stimmlich hat der Opernsänger ohnedies keine Probleme. Hausherr Robert Meyer ist ein großartig dämonischer, unheimlich unsympathischer Richter Turpin. Dagmar Hellberg ist als herrlich komödiantische Mrs. Lovett das skrupellose Herzstück der Produktion. Alexander Pinderak und Anita Götz malen als junges Paar helle, lyrische Farben in dieses düster-schwarze Gesangsgemälde. Volksopern-Debütantin Patricia Nessy spielt die Bettlerin, die Sweeney zu spät als seine ehemalige Frau erkennt. Ein vor Dreck starrendes Juwel! Am Schluss der Aufführung gab’s Standing Ovations und Pasteten. Die Darsteller samt Sondheim genossen das eine, die Zuschauer das andere. Ein rundum gelungener musikalischer Musical-Blutrausch. In Wien und Umgebung dürfte rote Farbe derzeit ausverkauft sein.

www.volksoper.at

Trailer: Werkeinführung durch Christoph Wagner-Trenkwitz: www.youtube.com/watch?v=aEFvb52QeVY

Wien, 15. 9. 2013