Bohemian Rhapsody

Oktober 30, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und kein Brandstifter

Rami Malek als Freddie Mercury. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

„Das Einzige, das noch außergewöhnlicher ist als ihre Musik, ist seine Geschichte“, verheißt der deutschsprachige Trailer in großen Lettern. Allein, so stellt es sich nicht dar. Weder über Queen noch deren genialen Frontmann Freddie Mercury erfährt man in Bryan Singers Biopic „Bohemian Rhapsody“ Tiefergehendes bis tief Ergreifendes. Um dies hier nicht falsch zu verstehen, das ist kein Ruf nach Voyeurismus.

Aber der morgen in den Kinos anlaufende Film verhält sich zur Band- und Mercurys persönlicher Geschichte so beiläufig, als würde man gelangweilt seine alte Plattenkiste durchblättern. Rami Maleks sublime Performance als Freddie Mercury und der wie am Schnürchen abgespulte Greatest-Hits-Soundtrack können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch, erst von Peter Morgan, dann übernahm Anthony McCarten, zu handzahm ist. Ein Umstand, der übrigens, glaubt man Branchenblättern, sowohl Singer – auch er knapp vor Drehschluss ausgetauscht und durch Dexter Fletcher ersetzt – als auch dem erstgenannten Freddie-Darsteller Sacha Baron Cohen sauer aufstieß. Aber die Masterminds Brian May und Roger Taylor wollten offenbar was Familienfreundliches, Altersfreigabe ist jetzt ab sechs, und das haben sie bekommen. Die Bandmitglieder kommen rüber wie Oberbuchhalter, alles Biedermänner, keine musikalischen Brandstifter. Hoffentlich ist ein Rockstar-Leben nie so unglamourös fade, wie’s in „Bohemian Rhapsody“ ausschaut.

Rami Malek als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Bryan May. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Rami Malek als Freddie Mercury, Gwilym Lee als Bryan May und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Am Unverzeihlichsten ist, dass der Film so ambivalent mit der Darstellung von Mercurys sexueller Zerrissenheit umgeht, aus der wohl sowohl seine Einsamkeit als auch seine Exaltiertheit resultierten. Zwar hat sich der Sänger nie offiziell zu seiner Bisexualität bekannt, und das war auch nicht notwendigerweise laut auszusprechen, hat er doch weder in Songtexten noch in der Art seiner Auftritte je ein Geheimnis darum gemacht.

Doch Mercurys Familiengeschichte und Vaterkonflikt, seinen barocken Partys und seinem Hereinfallen auf falsche Freunde, seinem Liebeskummer und den deshalb oft handfesten Streitereien, seiner Flamboyanz und Exzentrik, wird weniger Raum gegeben als seiner Hingabe für seine Katzen. May und Taylor wollten es sichtlich geschönt, geglättet, auch historisch hin und wieder feingeschliffen – et voilà.

Montreux fehlt ganz, auch David Bowie oder Montserrat Caballé, die München-Episode gibt‘s kurz und ohne Barbara Valentin, und als Mercury seine Band-Familie über seine HIV-Diagnose informiert, und eine Welt in sich zusammenbricht, steht das Drehbuch dieser Tragik so hilflos gegenüber, als hätte es „The Show Must Go On“ nie gegeben.

Das legendäre Band-Aid-Konzert 1985 im Wembley-Stadion, Beginn- und Schlusspunkt des Films, wirkt seltsam kleiner als das Original. Gute Momente immerhin hat „Bohemian Rhapsody“. Einen im rohen Look britischer Sozialdramen, als ein selbstbewusster Farrokh Bulsara mit seinem improvisierten Vorsingen auf einem Autoparkplatz May und Taylor von seinen Qualitäten überzeugt. Eine eskalierende Pressekonferenz, auf der die Journalisten nur an „faggoty Freddie“ interessiert sind, May jedoch über Musik reden will. Einmal, als im Studio gezeigt wird, wie May, einen Fußballfansong im Ohr, auf das Stampf-Stampf-Klatsch von „We Will Rock You“ kam. Und natürlich die Aufnahme von „Bohemian Rhapsody“, die Ben Hardy als Roger Taylor ein immer höheres „Galileo“ abverlangt. Wiewohl er nicht so hübsch ist, wie das Original einst war, leistet Hardy ganze Arbeit.

Queens legendäre Live Aid-Performance: Gwilym Lee als Brian May, Ben Hardy als Roger Taylor, Rami Malek als Freddie Mercury und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Ebenso wie, bereits erwähnt, Rami Malek in seiner Anverwandlung des charmantesten Überbisses der Rockgeschichte auf ganzer Linie überzeugt. Joseph Mazzello ist ein glaubwürdiger John Deacon, und vor allem Gwilym Lee übertrifft alle Erwartungen, er hat sich Aussehen und Habitus von Brian May angeeignet, wie es vielleicht noch keinem Schauspieler bei einem Musiker gelungen ist.

Lucy Boynton besticht als Mercurys ehemalige Verlobte und Lebensmensch Mary Austin, Aaron McCusker ist anrührend als Mercurys letzter Lebenspartner Jim Hutton. Komödiantisch ist der Cameo von Mike Myers als Label-Verantwortlichem, der nicht an die Radiotauglichkeit der sechsminütigen „Bohemian Rhapsody“ glaubt. Myers sorgte bekanntlich Anfang der 1990er-Jahre mit „Wayne’s World“ dafür, dass der epische Song wieder in die Hitparaden kam … Alles in allem ist „Bohemian Rhapsody“ ein Film, an dem sich mutmaßlich viele Fans erfreuen, über dessen Ungenauigkeiten sich einige aber sicher ärgern werden. Den erhofften und erwarteten Blick hinter die Kulissen gibt es weder was die Band Queen und deren musikalisches Schöpfen, noch was Freddie Mercury und sein Leben angeht. Dexter Flechter bastelt dieweil schon an seiner nächsten Rockstar-Biografie, dem Elton-John-Biopic „Rocketman“. Man weiß nicht, ob man sich da freuen oder fürchten soll.

www.foxfilm.at/bohemian-rhapsody

Trailer: www.youtube.com/watch?v=2Xw1jDUIACE

  1. 10. 2018

Schauspielhaus Wien: „Queen Recluse“

November 15, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück Emily Dickinson

Barbara Horvath, Gideon Maoz, Steffen Höld Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Barbara Horvath, Gideon Maoz, Steffen Höld
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Wie enttäuschend. Etwa eine Stunde nur hat er gedauert, dann war er schon wieder vorbei. Dieser Theaterabend, der – oh, seltsam seltene Ausnahme – gerne doppelt so lange hätte dauern dürfen, müssen, sollen. (Obwohl im „Nachbarhaus“ des Schauspielhauses Wien ob der Sitze eher früher als später die Region Sitzfleisch, Steißbein, Ischiasnerv „La Paloma“ singt.) Wie beglückend. Dieser Theaterabend, an dem einfach alles stimmt. Der großartige Text, die formidable Inszenierung mit wohl überlegtem „Bühnenbild“, die fabelhaften Darsteller. Autor und Ensemblemitglied Thiemo Strutzenberger brachte sein Stück „Queen Recluse“ zur Uraufführung. Ein Stück Emily Dickinson, ein Versuch, das Wesen der US-Lyrikerin, nein, nicht zu fassen, sondern in ihrem Vorbeigleiten abzubilden. Wie Wildtiere, die Forscher mit verlockendem Futter in eine Fotofalle locken. Klick, ein Bild des kostbaren Geschöpfs. Dickinson (1830-1886 in Amherst, Massachusetts, lebend und sterbend), Politikerkind und -enkelin, war eine Ein-Frau-Demonstration gegen den Puritanismus der Gründerstaaten, eine der ersten Frauenrechtlerinnen, Nonkonformistin, ein hochpolitischer Kopf. Nur marschierte sie nicht Tafeln oder Fahnen schwenkend durch die Straßen, sie agierte von ihrem Haus aus. Emily alone. Seit 1850 hegte sie eine Vorliebe für weiße Kleidung und zog sich immer mehr in die Einsamkeit zurück. Sie empfing nur wenige Besucher und machte selbst selten Besuche. Sie galt als menschenscheu und verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer. My home is my castle. Von dem aus sie an die 1800 Gedichte (posthum veröffentlicht) und unzählbare Briefe in die Öffentlichkeit entsendete. Ihre Stellungnahme zum Bürgerkrieg: Interessiert mich nicht. Punkt. Absatz. Wir befreien versklavte Schwarze aus dem Süden, damit sie in der Nordstaatenarmee als Kanonenfutter dienen … Eine Geisteskrankheit, schöner: eine Erkrankung des Gemüts, wurde der Dickinson auf den Leib geschrieben. Dabei: Was wäre das Gegenmodell zu ihrem Lebensentwurf gewesen? Heirat, lukrativ, in besten Kreisen, am besten mit einem Parteifreund des Vaters, alle Jahr‘ ein Kind, Haushaltsführung, Deckchen häkeln, Kekse backen. Frauen wurde von ihren Ehemännern ohnedies an der Teilnahme an der „korrupten, schrecklichen Welt“ ferngehalten. Dann lieber gleich konsequent „Queen Recluse“. „Die Sprache kennt kein wilderes Wort als Nein“, sagt Dickinson. Und: „Das Ufer ist sicher, nur trotze ich so gern der See.“

Strutzenbergers Text ist ein Versuch über das sehr öffentliche Verschwinden, die Verweigerungstaktiken und Rückzugsgefechte der Dichterin. Er verbindet Originalzitate mit dutzendweise vorhandener Erklärsekundärliteratur mit eigenen Überlegungen. Er paraphrasiert und variiert die Theorien über Emily Dickinson. Das Stück ist eine Farce, ein Reinheitsdiskurs, eine bizarre Komödie um Verwechslungen und Missverständnisse, ein Rollen- , ein Vexier-, ein Verwirrspiel um ständig wechselnde Identitäten (- denn Emily Dickinson ließ, wenn sie der anderen müde war, was immer war, ihre Schwester Lavinia oder ihre Schwägerin Susan als sie auftreten). Strutzenberger, der Sprachspieler. Inklusive Versprechern zwischen den Karln May und Marx. Martin Schmiederer hat den Text in Szene gesetzt, auf einem von duftig transparenten Vorhängen umrahmten Podium (Bühne und Kostüme: Christian Tabakoff), um die ein Hauch von Emily schwebt. Mit heiligem Ernst werden die Stoffbahnen von den Schauspielern immer wieder neu arrangiert. Hinter ihnen kann „Emily“ Barbara Horvath Gespräche „mit ihr“ und über sie belauschen. Sie spielt die Dickinson spröde, unversöhnlich, majestätisch, versponnen wäre das falsche Wort: in sich gekehrt in sich das Antibanale suchend. Ihr Denken tickt so laut, im „Flatterstil“ von Dickinsons Briefen, dass es die Außenwelt gut übertönen kann. Es herrscht Geschlechtergleichheit. Gideon Maoz gibt die Geschwister, sowohl Rechtsanwaltsbruder Austin als auch Stellvertreterinschwester Lavinia. Jeder „tritt“ hier auf. Nur nicht als er selbst. Maoz verkörpert als Austin den Herrn seiner Zeit, ganz Mann, ganz Herrscher im Haus, frühstückt er die geliebte, leider über Gott an sich und die Welt im Besonderen philosophierende Gattin ab. Mann hat noch zu arbeiten … Strutzenberger streift mit „Susan“ Myriam Schröder auch Dickinsons mutmaßlichen Gefühle zu ihr. Schröder und Horvath klären auf über die Erotik eines Bleistifts, den die Dichterin stets im Munde führt. Steffen Höld spielt Literaturkritiker T. W. Higginson, ein Frauenrechtler, der Dickinson zeitlebens von einer Veröffentlichung ihrer Gedichte abrät, um die Aufgabe nach ihrem Tod zu übernehmen. Er ist auch Erzähler ihres Lebens, Erklärer ihrer Kunst, wird angeschossen, an der Nase herumgeführt, hat fast was mit Susan, diskutiert mit Lavinia – und ist von seinem Irrtum nicht abzubringen: „Warum nennen Sie die Frau XXX, das ist doch Emily.“ Tatsächlich sagte er: „Ich habe Emily Dickinson drei Mal getroffen. Glaube ich zumindest.“ Höld ist bezaubernd als waidwunder Bewunderer, der mit steifer Hüfte kniefällig um Erhörung fleht … „A Letter always feels to me like immortality because it is the mind alone without corporeal friend.“ Emily Dickinson in einem Brief an T. W. Higginson, Juni 1869

Strutzenbergers Stück gewährt nicht mehr und nicht weniger als einen Blick unter den Glassturz, in dem Emily Dickinson war. Wertvolles darf man weder Licht noch Luft aussetzen. Nur schnell schauen und gut ist’s. Und sehr poetisch. „Wenn mir buchstäblich ist, als würde mir die Schädeldecke entfernt, weiß ich: Das ist Poesie. Nur so erkenne ich sie. Es gibt keine andere Möglichkeit.“ Sagt Emily Dickinson. Ohne „Queen Recluse“ gekannt zu haben.

www.schauspielhaus.at

www.mottingers-meinung.at/thiemo-strutzenberger-im-gespraech

www.emilydickinsonmuseum.org

Wien, 15. 11. 2013

Thiemo Strutzenberger im Gespräch

November 6, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schauspielhaus Wien: „Queen Recluse“

Bild: © Matthias Herrmann

Bild: © Matthias Herrmann

Thiemo Strutzenberger, bekannt als Darsteller am Schauspielhaus Wien, hat ein Stück über die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson geschrieben. „Queen Recluse“ wird am 14. November im „Nachbarhaus“ uraufgeführt. Kaum ein Dutzend jener fast 1800 Gedichte, die ihr radikales Lebenswerk darstellen, ließ Emily Dickinson, die postum zu einer Ikone des Feminismus avancierte, zu Lebzeiten publizieren. Abgesehen von den Briefen, mit denen sie Kontakt zur Außenwelt hielt, schrieb sie praktisch nur für sich selbst, zurückgezogen in ihr Zimmer, das sie nur noch in Ausnahmefällen verließ. Diesen historischen Umstand macht sich Thiemo Strutzenberger in seiner Dramatisierung dieses Künstlerinnenlebens zunutze und lässt deren Schwester und Schwägerin immer wieder als Dickinson auftreten. Queen Recluse erzählt von Rollenzuschreibungen und Identitäts-Vexierspielen: In gleichsam spiralförmiger Bewegung nähert sich Strutzenberger mit einer Fülle an kulturhistorischen Materialien und literarischen Bezügen der Psyche einer mutig in die Domänen des Männlichen eindringenden Frau, deren Rückzug ins Private keineswegs als innere Emigration zu lesen ist. Es spielen Barbara Horvath, Steffen Höld, Gideon Maoz und Myriam Schröder. Regie führt Martin Schmiederer.

Ein Gespräch mit Thiemo Strutzenberger:

MM: Ich kam erstmals mit Emily Dickinson in Berührung, als ein einstmals Abgewiesener mir eines ihrer Gedichte als Adieu schickte:

Proud of my broken heart since thou didst break it,

 

  Proud of the pain I did not feel till thee,

 

Proud of my night since thou with moons dost slake it,

 

  Not to partake thy passion, my humility.  

Wie, warum, wo sind Sie ihr begegnet? Woher kommt das Interesse an Emily Dickinson?

Thiemo Strutzenberger: Danke, das zu teilen. Meine Begegnung mit ihr war vielleicht eine kühlere, weniger persönliche. Über einen Aufsatz von Diana Fuss, der „Interior Chambers“ heißt, bin ich auf sie gestoßen, als ich gerade eigentlich in eine andere Richtung gearbeitet habe. Die Perspektiven, die dieser Aufsatz aufmacht, müssen mir extrem gefallen haben, sie gefallen mir immer noch. Ich schwenkte dann um und es ging um Dickinson. Im Stück bleibt ihre Lyrik aber eigentlich außen vor.

MM: Es gibt nicht viele Worte, die zu Emily Dickinson passen. Unerhört, unerschrocken, skandalös, originell – das sind Beschreibungen, die man ihr anprobiert hat. Keine trifft wirklich auf sie zu. Sie nennen Ihr Stück „Queen Recluse“, wohl wegen Dickinsons zurückgezogenen Lebensstils; sie teilen ihre Figur auf mehrere Schauspieler. Ein Kunstgriff. Wie kamen Sie darauf? Erklären Sie bitte ein wenig von Ihrem dramatischen Konzept…

Strutzenberger: „Queen Recluse“ ist auch eines der allerdings noch poetischeren Lables, die man ihr aufgedrückt hat. Sandra Gilbert und Susan Gubar, die ein einflussreiches Buch geschrieben haben, „The Madwomen in the Attic“, unternehmen den Versuch überhaupt auf „recluse“ zu verzichten, und nur noch zu sagen: Queen. Was ist, wenn Dickinson eine Dichterin war, der es gelungen ist, die Königin in sich heraus- und zum Tragen zu bringen? Das wäre ein Zugang, der nicht pathologisieren würde, was heißt sie zum Beispiel unter der Perspektive der Depression, der Soziophobie oder der Agoraphobie zu lesen, sondern der sich genauer ansehen könnte, was sie versucht hat, was ihr gelungen ist. Emily Dickinson ist in „Queen Recluse“ aber keine aufgeteilte Figur. Es müsste immer relativ klar sein, dass Barbara Horvath, die eigentliche Emily Dickinson spielt. Dass auch andere Figuren so tun als wären sie Emily ergibt sich aus dem biographischen Umstand, dass Emily Dickinson zum Beispiel ihre Schwester Lavinia beauftragt hat, so zu tun, als wäre sie Emily, damit sie selbst nicht in Erscheinung treten muss. Aber es stimmt, die Figuren treiben ein bisschen ein Verwirrspiel. Sie sagen, diese Beschreibungen hat man ihr anprobiert: Auch das Stück legt seinen Fokus darauf, dass Wörter, Bezeichnungen, Begriffe den Männern und Frauen Kleider anlegen. Auch das Kleid der eigenen Haut, des eigenen Körpers. Auch die Kleider der Wohnungen, Häuser, der Architekturen. Das Stück geht davon aus, dass Materialitäten und Sprachen auf eine bestimmte Art und Weise in einem wechselseitigem Herstellungsverhältnis stehen. Eine Verhältnis, das etwa Judith Butler zu denken und zu politisieren versucht hat.

MM: Sehr schön finde ich, wie Sie die Nonkonformistin herausarbeiten, eine, die vor der lauten, vulgären Welt in die Exklusivität des stillen Kämmerleins flieht, um von dort aus das Weltgeschehen zu kommentieren. Emily Dickinson war, so meine Meinung, bitte zustimmen oder widersprechen ;-), ein hochpolitischer Kopf, ungewöhnlich, das heißt: eher unerwünscht für eine Frau ihrer Tage. Wie sollte eine intellektuelle Frau im Amerika der puritanischen Erweckungsbewegungen und der Sklavenaufstände sein? Was außer Salongeplauder und gelehrten Keksrunden in Bostoner Plüschsesseln hätte sie „draußen“ erwartet?

Strutzenberger: Ich denke, dass sie sich unter der Bedingung des Rückzugs ihrem eigenen In-der-Welt-Sein irgendwie anders als andere stellen konnte. Es ist im vordergründigen Sinn nicht sehr politisch, sich zurück zu ziehen, gerade, wenn man diesen Rückzug als Rückzug ins Private begreift. Der Gewinn wäre dann: Man nimmt weniger Teil an dem, was einem an der Welt korrupt und hässlich erscheint, wie es im Stück heißt. Das Stück stellt aber dazu die These auf, die nicht sonderlich originell sein mag, aber die mir wichtig ist: Dass es sich bei Dickinsons endgültigen Rückzug, um soetwas wie einen Rückzug in die Öffentlichkeit handelt. Um eine emanzipatorische Geste. Deshalb steht für das Stück die Materialität ihres Wohnens im Vordergrund.Ich denke die Rolle der öffentlichen Intellektuellen hat es im nordamerikanischen 19. Jahrhundert schon gegeben, man müsste nachschauen in welcher Form. Genauso Autorinnen, die die Feder erstmalig, soweit ich weiß, für sich in Anspruch genommen haben. Dickinson hätte die Rolle einer öffentlich autretenden Intellektuellen womöglich nie für sich in Anspruch genommen. Geht es ihr nicht um das Kleine? Um das kaum Wahrnehmbare? Um das was verschwindet? Um die Ungeheurlichkeit dessen, was verschwindet? Oder auch um große Glückszustände? Ich weiß nicht. Ich glaube, so wie andere weibliche öffentliche Personen, die es wohl auch gegeben hat, hätte sie schon ‚draußen‘ sein können. Aber sie wollte halt nicht. Es geht dabei vielleicht auch um die Verweigerung des Wechselns des Hauses, des Antretens eines Lebens als Ehefrau und potentielle Mutter, an der Seite eines Mannes in einem anderen Haus, als dem, in dem sie aufgewachsen ist. Der Skandal für andere ist womöglich, dass Dickinson ihr Haus nicht wechselt, dass sie in einem extremeren Sinn ‚zuhause bleibt‘, dass sie eine gewisse Kindheit damit nicht überkommt

MM: Ist Dickinson eine „Vorfahrin“ von Elfriede Jelinek? Der jemand dieses Die-Welt- nur-aus-den-Medien-kennen übrigens kürzlich erst zum Vorwurf machte. Wie finden Sie das denn?

Strutzenberger: Es gibt zumindest in beiden Fällen, auch bei Jelinek, dieses komische Pathologisieren der jeweiligen Scheu. Der Vorwurf ist darüber hinaus nicht zu halten. Der Unterschied zu Emily Dickinson könnte sein, dass Elfriede Jelinek sich das Sprechen der halt vor allem medialen, öffentlichen Welt, falls das überhaupt etwas sagt, aneignet und in dieser Aneignung unterwandert, angreift und über sich hinausgehen lässt. Während Dickinson ihre mediale Umgebung nicht angreift, sondern ihr irgendwo entgeht, überhaupt anders spricht, als alles, was man gewohnt ist zu hören, zu sehen, zu leben. Aber das weiß ich auch nicht genau. Die-Welt-aus-den-Medien-kennen heißt für das nordamerikanische 19. Jahrhundert und das beginnende jetzige wohl etwas radikal Anderes. Öffentlichkeit und Privatheit sind vollkommen anders verteilt. Ich weiß nicht recht, warum man diese zwei Formen künstlerischer Grund- und Lebensentscheidungen vergleichen soll.

MM: Ihr Text, Herr Strutzenberger, und das ist als Kompliment gemeint!, entlehnt nicht nur Dickinson-Zitate („Weißt du nicht, dass die Sprache kein Wort so wild kennt wie Nein?“), sondern auch ihren „Flatterstil“: Die Verrätselung, das Spiel mit Andeutungen, Gedichte, deren Sinn man mehr ahnt als begreift, Briefe, die sich wie Gedichte lesen. Der Gestus  spröde und unversöhnlich, es gibt keine ausgemalten Szenen, keine stofflichen Bilder, kaum Gleichnisse, so gut wie keine Sentimentalität. Eine gewollte Annäherung, oder „passiert“ einem das, wenn man sich mit Dickinson beschäftigt?

Strutzenberger: Es hat vielleicht eher mit dem theoriegeprägten Zugang zu tun. Ich denke, es passiert einem weniger als Imitation von literarischen Techniken von Dickinson selbst, sondern aufgrund eigener dramatischer Prägungen und Dispositionen. Das Stück ist ja schon vor Jahren entstanden und längst fertig. Es ging dabei darum, Zusammenhänge zum Beispiel nicht nur explizt herzustellen und wilder zu springen, als es vielleicht sein müsste. Das Anreißen der Beziehungen, das Skizzenhafte der Situationen, ich denke, das habe ich eher von meiner damaligen Vorstellung her, wie man überhaupt ein Drama schreiben könnte, und da spielten das vordergründig nicht Zusammenhängende, die Möglichkeiten der Montage, des Alogischen eine Rolle, das stimmt.

MM: Liebe kommt vor. Susan. Etwas, das man zu Emily Dickinsons Lebzeiten nicht hätte ansprechen dürfen …

Strutzenberger: Die Frage ist vielleicht, ob man es überhaupt hätte ansprechen können. Es gibt gerade im 19. Jahrhundert einen extrem dichten Kampf, um mögliche Bezeichnungen für gleichgeschlechtliche Liebe und Begehren. Man weiß nie, in welchem Wort sich welcher Hinweis darauf verbirgt. Man hätte gar nicht sagen können: Das sind weibliche Homosexuelle. Oder eine von beiden ist eine weibliche Homosexuelle. Diese Bezeichnung setzt sich parallel gerade erst zeitgleich im europäischen Raum durch, als sogenannte Identitätskategorie, aber auch als sehr undurchsichtiges Bedeutungssystem. Ist es gerade, was Liebe unter Frauen und auch unter Männern betrifft, nicht auch so, dass man es, historisch gesehen, immer auch mit dem „Unsagbaren“ zu tun hat? Etwas das man bezeichnet, indem man es am besten überhaupt nicht bezeichnet, indem man kurz schweigt, weil man kein Wort dafür hat, oder zu viele, oder nicht weiß wieviele und welche es sind? Und nicht weiß, was welche bedeuten? Man hätte es vielleicht gar nicht ansprechen können. Aber Dickinson und ihre Schwägerin und Nachbarin Susan Gilbert haben es womöglich selber ansprechen können, in den Briefen, die sie einander geschrieben haben, zum Beispiel. Vielleicht war ihnen das „Es Ansprechen“ möglich, erlaubt.

MM: Martin Schmiederer wird Ihr Stück im „Nachbarhaus“ zur Uraufführung bringen. Barbara Horvath, Steffen Höld, Gideon Maoz und Myriam Schröder teilen sich fünf Rollen. Dazu habe ich zwei Fantasien: Entweder Ihre Kollegen sitzen auf Stühlen regungslos aufgereiht oder „wurschteln“ sich auf der Enge der Bühne im Spiel aneinander vorbei. Beides passt zum Titel „Queen Recluse“. Verraten Sie schon was dazu?

Strutzenberger: Ich hoffe sie wurschteln. Aber dazu kann ich nichts sagen. Es ist Martins Inszenierungsarbeit. Ich greife ich ihm dabei nicht vor. Ich greif auch nicht ein.

MM: Mitzuagieren wäre ein No Go?

Strutzenberger: Ja, für mich schon.

MM: Als Ensemblemitglied des Schauspielhauses Wien ist man alles andere als unterbeschäftigt. WANN schreiben Sie noch?

Strutzenberger: Ich schreibe kaum noch Stücke. Vielleicht gibt es mal wieder mehr Zeit.

MM: Sie sind derzeit in „Die Wohlgesinnten“ und „plebs coriolan“ zu sehen. Das Ausnahmeprojekt „Der seidene Schuh“ war nicht zuletzt wegen Ihrer Leistung als Don Rodrigo (vom romantisch-verzweifelten Liebhaber zum Eroberer-Despoten zum einbeinigen, desillusionierten Alten) für den Nestroy-Spezialpreis nominiert. Sie scheinen auch als Schauspieler gern „die Herausforderung anzunehmen“? Haben Sie’s gern schwer?

Strutzenberger: Ja, das kann schon sein. Zumindest kompliziert hab ich’s gern.

MM: Als nächstes spielen Sie mit Nicola Kirsch „Konstellationen“ von Nick Payne. Premiere ist zwar erst am 31. Dezember, trotzdem schon am Üben fürs Silvesterprogramm?

Strutzenberger: Wir üben schon, ja.

ZUM AUTOR: Thiemo Strutzenberger, geboren 1982 in Kirchdorf/Krems (Oberösterreich). Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien sowie Studium der Philosophie, Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien, wo er auch den Masterstudiengang für Gender Studies belegte. Während seiner Schauspielausbildung spielte er in René Polleschs Liebe mich irgendwie, nein lieber doch nicht, wofür er 2004 den Vontobel-Preis beim Theatertreffen Deutschsprachiger Schauspielstudierender Hannover gewann. Neben seiner Ausbildung war er zwischen 2002 und 2005 am Burgtheater Wien engagiert, wo er u.a. in Hamlet von William Shakespeare (2002, Regie: Klaus Maria Brandauer) und Ernst ist das Leben/Bunbury von Oscar Wilde/Elfriede Jelinek (2005, Regie: Falk Richter) spielte. Zwischen 2005 und 2007 folgte ein Engagement am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wo er u.a. in Die Krönung Richards III von Hans Henny Jahnn (2005, Regie: Sebastian Nübling) mitwirkte. In der Spielzeit 2008/09 arbeitete er am Theater Neumarkt in Zürich bei Barbara Weber und Rafael Sanchez. Zuletzt spielte er die Hauptrolle in Local Heroes, einem Kinofilm von Henning Backhaus (2012). Dramatikerstipendium des Bmukk, Dramatikerstipendium der Literar-Mechana (beide 2010), Teilnehmer am Forum-Text-Lehrgang des Dramaforum der uniT Graz (2011-13). Am Schauspielhaus Wien spielte er in der Spielzeit 2007/08 in der Uraufführung von wohnen. unter glas, seit 2010/11 ist er fixes Ensemblemitglied. In der Saison 2008/09 nahm er am Autorenförderprogramm stück/für/stück teil, für sein dabei entstandenes Stück Hunde Gottes erhielt er den Publikumspreis. 2010 wurde am Schauspielhaus sein Stück X. The Zofen Suicides im Rahmen der Serie Die X Gebote uraufgeführt.

Wien, 6. 11. 2013