Howard Jacobson: Pussy

Februar 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist …

Statt mit einem „Es war einmal“ mit einem „Es passiert gerade“ beginnt Kultautor Howard Jacobson sozusagen sein neues Albtraummärchen „Pussy“. In einem „Zornesanfall des Unglaubens“, erzählte er dem Observer hätte er mit dem Schreiben dieses Romans begonnen; der vermerkt dazu: „Wenn Trumps Präsidentschaft irgendetwas Positives bewirkt hat, dann ist es die Tatsache, dass einer der besten Schriftsteller unserer Zeit diese geschliffene und gnadenlose Satire verfasst hat.“

Der Satz steht auch auf dem Buchrücken. Womit die Parameter abgesteckt wären. „Pussy“ ist so überdrüber, dass es der Wahrheit entsprungen sein musste. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist ausdrücklich erwünscht und nicht zufällig. Protagonist des Ganzen ist Prinz Fracassus, dessen Lebenslauf von der Wiege bis zur ersten Wahl zu folgen ist. Er ist Sohn des Herzogs von Urbs-Ludus, einer Wolkenkratzermetropole hinter hohen Mauern, einer Meritokratie, in der sich die Bevölkerung „Bauträger“ nennt.

Fracassus nun, gesegnet mit einem wilden Schopf aus gaggerlgelbem Haar, ist ein rechter Rüpel. Er verachtet Frauen und schikaniert Untergebene, was beides beachtlich ist, angesichts des Umstands, dass er sich eigentlich für nichts und niemanden außer sich selbst interessiert. Sein Sprachschatz umfasst gerade ein paar Worte, die wiederzugeben der Anstand verbietet. Wäre die Frisur nicht sein eigen, müsste man sagen, er ist Toupet mit Tourette. Er ist eine Figur „abzüglich einer zuvorkommenden Art, einer großmütigen Gesinnung, jeglicher Kritikfähigkeit, eines Gespürs für Lächerlichkeit, einer schnellen Auffassungsgabe und eines Händchens für Sprache.“ Dennoch wird er zum Liebling des Wahlvolks.

Die Menschen, die ihm dazu verhelfen, skizziert Jacobson in zahlreichen Details. Man spürt beim Lesen deutlich seine Wut, die Verhältnisse, die schon so sind, xenophob und misogyn und insgesamt ignorant, darzustellen. Da sind zunächst Ex-Model-Mutter und Vater-Fürst mit dem bestechenden Credo: „Eine liebenswerte, kommerzorientierte Jux-und-Tollerei-Plutokratie kann man nicht nach demokratischen Richtlinien führen …“ Zwei Lehrer, die sexyhexy Frau Dr. Cobalt und Professor Probius – Leitsatz: „Eine schlechte Grammatik bringt schlechte Menschen hervor“ -, der wegen „erkenntnismäßigen Herablassens“ aus dem Universitätsdienst entlassen wurde.

Bild: pixabay.com

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Da ist der Führer der Partei der einfachen Leute, Caleb Hopsack, der persönlich auf allergrößtem Fuß lebt. Und Sojjourner, die für die Liberalen antritt, und sich durch großspuriges Blabla aus dem Rennen wirft. Und da ist der großartige Bundesgenosse aus dem Nachbarstaat, der sein Volk in einer es erstickenden Umarmung an die gerne nackt gezeigte Brust zieht und Minderheiten in ihren Arbeitsmöglichkeiten ausblutet. „An den Wänden seines Büros hingen Fotos von Spravchik in Badehose, wie er einen Jeep fuhr, tauchte, surfte … auf einem maß er sich mit einem Eisbären im Armdrücken, auf einem anderen entfernte er vorsichtig einen Stachel aus der Pfote eines Löwen.“

Jacobson ironisiert seine dieser Tage allgegenwärtigen Geschöpfe auch als politische Archetypen. Er stellt ihr Philistertum aus. Er demonstriert seine Verachtung für den Mangel an Stil und Intellekt, der da in die höchsten politischen Kreise (nicht nur) der USA eingezogen ist. Er zeigt einen Krieg, einen Politthriller um die Seelen der Menschen – und er zeigt Vermögen und Unvermögen wahrer Demokratien. Was Jacobson nicht tut, ist Erklärungen auszustellen. Er stellt eben lieber dar. Seine Satire kennzeichnet Geschehnisse, zwischen den Zeilen gelesen überhöht sie sie nicht einmal. Das ist viel, aber gleichzeitig auch alles. Literarische Analysen gibt es nicht.

Derweil wird Fracassus zum Twitter-Star. Seine 140-Zeichen-Botschaften erreichen den Kern der Menschen. Er lernt Steuervermeidung ist nicht -hinterziehung, den Einsatz von Poledance bei wichtigen politischen Fragen und, dass Ideologie in erster Linie Unterhaltung ist. „Flüchtlinge? – Ballert sie ab!“, twittert er – und die Menge lacht über den Scherz. Am Ende wird er der Sieger über alle und alles sein. Es ist ein Sieg der Einfalt. Ein Fernsehsender folgt Fracassus nun rund um die Uhr. Und Brightstar, Internet-„Plattform für nativistischen, homophoben, konspirationsaffinen, völkischen Ethno-Nationalismus“. Von Professor Probius gibt es noch ein Zitat: „So etwas wie Volkes Wille gibt es nicht. Es gibt bloß den Willen derjenigen, die dem Volk sagen, was Volkes Wille sein soll.“

Über den Autor: Howard Jacobson, geboren 1942 in Manchester, zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Booker-Preis. Mit „Pussy“ erscheint Jacobsons neuester Roman auf Deutsch bei Tropen.

Tropen Verlag, Howard Jacobson: „Pussy“, Roman, 272 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.

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