Das TAG: Torvald

November 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Rollenspiel, ein Mann zu sein

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Man hat sie auf so viele Weise ihren Mann verlassen sehen. Frei und emanzipiert. Ehehafen und Kinder zurücklassend. Von den Wiener Festwochen bis Tokio richtete sie auch schon eine Waffe gegen sich. Dabei hat’s Ibsens „Nora“ in ihrem Puppenheim immer nur gut gemeint. Geld vom miesen Krogstad geliehen, um ihrem Torvald die teure Sanatoriumsgenesung zu finanzieren – und blieb am Ende immer über. Angeklagt vom eigenen Mann.

Der darf nun im TAG in der Uraufführung von „Torvald“ seine eigene Medizin kosten. Rachelle Nkou, Tänzerin, schweizerische Wahlösterreicherin mit Wurzeln in Kamerun, und ihre Gruppe DAS GUT, haben in ihrer Version Ehemann Torvald ins Zentrum gestellt. Am Zenit seiner Karriere als Bankdirektor verliert er plötzlich die Bodenhaftung in seinem Leben und gerät im Spannungsfeld zwischen männlicher Identitätskrise und Bournout-Syndrom ins Schleudern. Ibsens Figuren-Tableau ist verrutscht und der Kampf so herzzerreißend wie aussichtslos. Das Bekannte, das von den Vätern noch Gelebte, driftet ihm sukzessive immer weiter weg. Konfrontiert mit einer Vielzahl neuer Anforderungen und  Bedingungen, sieht er zumeist nur schemenhaft neues Land.  Wie’s der Grönemeyer singt: Wann ist ein Mann ein Mann? Als hätten Frauen heute viel mehr Lebensmöglichkeiten, als der Indianer, der immer noch keinen Schmerz kennen darf.

In einer postmodernen Leistungsgesellschaft, in der alle blond sind und graue Anzüge tragen, leben Torvald (Alexander Braunshör) und Nora (Birgit Linauer) den perfekten Power-Wellness-Jetset-Lifestyle. Kapitalismus pur, auf der Bank wie im Bett ist von Torvald männliche Härte gefragt. Nkou inszeniert rasant, ironisch, mit verfremdeten Popsongs und einer steifen Prise Dystopie. Und mit hervorragendem Ensemble. Alle bewegen sich zwischen Kaufrausch und Konsummüdigkeit, ein Erschöpfungsfuror, ein Marktbeschleuniger, für den es keinen Bremsschuh gibt. Selbstausbeutung mündet in Entlassungsangstgesängen. Mantraartig wird rezitiert, was im Leben wichtig ist: Fleiß und Arbeit und dabei Fröhlichkeit. Instant-Tipps für alle Lebenslagen gibt „Studio Linde, die Empfangsdame deiner Seele“ – eine elektronische Seelsorgerin mit Telefonschleifenstimme (Johanna Orsini-Rosenberg). Kein Wunder, dass Krogstad (Julian Loidl) kein sinistrer Obskurant mehr ist, sondern eine Art Weihnachtsmann. Lauf, lauf, kauf, kauf. Die Funktion der fünften Figur, Rank (Martin Bergmann) benannt, bleibt unklar.

Am Ende ist Torvald am Ende. Die Puppe, die in sich zusammensackt. „Das Mannsein ist mir unerträglich.“ Und man fragt sich, ob M(m)an(n) so agieren muss. Torvald Helmer war immer eine hoch interessante Figur, meist ein wenig unter- beziehungsweise fehlbelichtet. Und es ist schön, dass gerade eine Frau sich des männlichen Egos annimmt. Doch noch ist es der weibliche Part in Familien, Kinder und „Karriere“ zu schaukeln, noch schneidet die Einkommensschere tief ins Frauenfleisch. Das soll weder Nkous Arbeit schmälern, noch ihr den tosenden Schlussapplaus missgönnen. Aber: Realität sieht anders aus. Oder (böse!): Torvald tut sich halt so leid, wie sich Männer gerne leid tun … Der Arme.

www.dasTAG.at

Trailer: http://vimeo.com/112493842

Wien, 26. 11. 2014