Baumschlager

September 18, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Stipsits als schürzenjägerischer UNO-Soldat

Drei Engel für Baumschlager: Meyrav Feldman, Moran Rosenblatt, Thomas Stipsits und Sólveig Arnarsdóttir. Bild: © Dor Film

Der Name ist Baumschlager, Werner Baumschlager, und der hat in 100 Minuten Film mutmaßlich mehr Sex als James Bond in 55 Jahren Kinogeschichte. Er hat’s beruflich aber auch einfacher, ist er doch kein Superspion, der beständig gegen Welteroberer oder -zerstörer kämpfen muss, sondern führt das beschauliche Leben eines österreichischen UN-Soldaten an der blauen Linie, der Grenze zwischen Israel und dem Libanon.

Dass er dort so viel Chaos anrichtet, dass sich die Blauhelme schließlich aus der Pufferzone auf dem Golan zurückziehen (tatsächlich verließ das Austrian Battalion, seit 1974 ununterbrochen mit dem größten Truppenkontingent vor Ort im Einsatz, im Wahljahr 2013 überstürzt die Waffenstillstandszone), ist aber ein böswilliges Gerücht … Harald Sicheritz‘ hinterlistige Satire „Baumschlager“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. In der Titelrolle, seiner ersten Kinohauptrolle: Kabarettist und Schauspieler Thomas Stipsits.

Der gerät als patscherter Bundesheer-Hauptmann im Nahen Osten in die Bredouille, teils in eine selbstverschuldete, teils wird er zum Spielball der sich gegenüberstehenden Generalstäbe und ihrer friedensfeindlichen Pläne. Denn mit der Waffenruhe hat hier niemand so richtig Freude, weder die UN-Kräfte (Baumschlagers Untergebene müssen mit dem Abzug ihre lukrative Hanfplantage aufgeben), noch das israelische oder das libanesische Militär. Mit „Baumschlager“ ist Sicheritz ein schwarzhumoriges Lustspiel gelungen, das gewieft die tagtäglichen Verhältnisse in einer der langlebigsten Krisenregionen dieser Erde darstellt; die dortigen komischen Verhältnisse hatten eine solch komödiantische Darstellung längst verdient.

Das Drehbuch dieser österreichisch-israelischen Koproduktion stammt von der jungen israelischen Autorin Maayan Oz, die die von ihr beschriebenen absurden Situationen vermutlich aus dem Effeff kennt, und daher den Figuren auch noch im größten Aberwitz zutiefst menschliche Züge verleihen konnte. Gleichzeitig zeigt Oz eine klare, wenn für den Film auch zugespitzte, Haltung zu Militär, der UNO – und Kriegsprofiteuren aller Seiten. Seien sie Gauner oder Geschäftsleute oder die Schnittmenge aus beidem. Der Film ist vielsprachig und als solcher zu empfehlen, mit sehr geglückten Untertiteln – aus „Shut up“ beispielsweise wird ein sehr einheimisches „Gusch, jetzt“ -, es gibt aber auch eine rein deutschsprachige Fassung. „Baumschlager“, das hat auch etwas verweht Nostalgisches, weiß auch nicht wie, aber irgendwie muss man an Heinz Conrads denken, der in seiner 1970er-Jahre-Sonntagmorgensendung im Radio immer auch „unsere Burschen auf den Golan-Höhen“ grüßte …

Ranias zukünftiger Ehemann liebt Kriegsspielchen …: Shadi Mar’i und Thomas Stipsits. Bild: © Dor Film

… genauso wie die israelische Soldatin Sigal: Thomas Stipsits und Meyrav Feldman. Bild © Dor Film

Apropos, Lust-Spiel: Werner Baumschlager ist der Typ Mann, der nach dem Sex höflich fragt, ob’s eh gefallen hat. Als Soldat mit hohem Pflichtbewusstsein und einem gerüttelt Maß an Akkuratesse ausgestattet, will er privat nur eines: alle um sich glücklich machen – und natürlich auch sich selbst. So kam’s wohl, dass er in eine Doppelliebesaffäre gestolpert ist, eine bilaterale noch dazu, ist doch die eine Geliebte die israelische Soldatin Sigal (Meyrav Feldman als „die Harte“) und die andere die libanesische Generalstochter Rania (Moran Rosenblatt als „die Zarte“).

Damit nicht genug, wartet im österreichischen Middle of Nowhere Gerti Drassl als brave Ehefrau Martha. Es kommt der Weihnachtsurlaub und, während sich Martha noch freut, dass Werner plötzlich ein paar neue Handgriffe im Bett beherrscht, ohne zu ahnen, dass er sich für die um Kopf und Kragen schnackselt, ein Erpresserbrief: „Go back to Israel and wait for instructions“, steht da zu einigen scharfen Sexfotos von Baumschlager und Sigal. Also zurück an die Front.

Wo sich die turbulenten Ereignisse überschlagen: Die Erpresser entpuppen sich als georgisch-israelisches Vater-Sohn-Gespann (Eyal Rozales und  Kobi Farag), die Baumschlager zwingen, mit Kokain präparierte Orangen aus dem Libanon nach Israel zu schmuggeln, denn er als UN-Soldat werde gewiss nicht kontrolliert. Martha, misstrauisch geworden, beschwert sich in Wien bei Werners Vorgesetzter – die nur bestätigen kann, dass die Erlaubnis für den Heimaturlaub aufrecht ist. Also fliegt Martha in den Nahen Osten, um selber nach dem Rechten zu sehen. Mittlerweile entpuppt sich der „Orangenhändler“, Baumeister Ali, als Ranias zukünftiger Schwiegervater und sein Sohn, der „arrangierte“ Verlobte, als schießwütiger Vollpfosten.

Die UNO ihrerseits, durch Marthas Auftritt aufgeschreckt, setzt zwei Agenten (Sólveig Arnarsdóttir und Bond-Bösewicht Anatole Taubman) auf Baumschlager an. Dessen drei Frauen treffen auf und geraten handgreiflich aneinander. Und während die Militärs auf beiden Seiten (herrlich: der israelisch-arabische Superstar Norman Issa als libanesischer General, ergo Berufszyniker, und Ranias Vater Mussa) überlegen, wie man den Schürzenjäger Baumschlager zum Spion hochstilisieren könnte, damit endlich wieder geschossen werden kann, fressen Ziegen die rauschgiftigen Orangen – oder doch nicht? …

Das Weihnachtsfest in Österreich ist kurz, Baumschlager muss zurück an die Liebesfront: Thomas Stipsits und Gerti Drassl. © Dor Film / Bild: Hubert Mican

Immer wieder überraschende, skurrile, aber durchaus nicht ganz unrealistische Irrungen und Wirrungen nehmen als „Mission Baumschlager“ ihren Lauf. Neben der österreichischen Besetzung Thomas Stipsits und Gerti Drassl, und Gastauftritten von Martina Spitzer als Marthas Mutter und Proschat Madani als Ranias Mutter, bestechen sowohl Meyrav Feldman als auch Moran Rosenblatt.

Stipsits stattet seinen Baumschlager mit dem ihm eigenen tollpatschig-charmanten Schmäh aus, und macht ihn zu einem so grundguten, liebenswerten Menschen, dass er einem fast leid tut in dem Schlamassel, den er mitangerichtet hat. Warum sich die Frauen reihenweise in seinen Werner verlieben, macht Stipsits mit seiner sympathischen Darstellung klar. Dass sich die Militärs angesichts seiner panischen Handlungen fragen, ob „Boomschlager“ ein Idiot ist, ist begreiflich, aber nicht gerecht. Stipsits spielt das herrlich, mit einer beinah stoischen Ruhe und immer alle beschwichtigend, als hätte sein Baumschlager inmitten dieser Riesenintrige gar nicht mehr die Kraft, sich groß aufzuregen.

Gerti Drassl glänzt mit ihrem reduzierten Spiel als so eifersüchtige wie besorgte Martha, die auf der Reise ihren Mann erst spät, vor allem und zuerst aber sich selbst findet. Und obendrein den Beduinen Saud (Zohar Liba) und seine fremd-gefährliche und exotische Welt. Wunderbar etwa die Szene, in der Martha in Sauds stinkertem Auto einen Wunder-Baum aufhängt. Meyrav Feldman und Moran Rosenblatt als Sigal und Rania wiederum benutzen Baumschlager als Türöffner zu ihren jeweiligen Lebensträumen, will erstere doch über ihn bei der UN-Friedenstruppe eingestellt werden, und zweitere mit ihm ihrem verrückten Verlobten Richtung Österreich entfliehen. Anatole Taubman wiederum gibt alles in einer besonders fordernden Rolle: Sein UNO‐Agent Max Lang muss als Geisel im Irak Schlimmes erlebt haben, denn immer wenn orientalische Musik erklingt, muss er sich nackt ausziehen und eine Ziege … naja … beglücken.

Harald Sicheritz braucht für seinen Film weder Klamauk noch Slapstick, die Plots sind auch so bizarr genug. Wie er und Drehbuchautorin Maayan Oz eine komplexe politische Situation in die Schwierigkeiten eines einzelnen übersetzen, ist meisterlich. Der Vereinte-Nationen-Mann Werner Baumschlager hat seine eigene Idee davon, wie man die Nationen vereinen kann. Make love, not war. Was den Film „Baumschlager“ betrifft, so kann man sich nur der Meinung von Gerti Drassl anschließen: „Ich finde, es ist eine sehr feine, mannigfaltige Komödie geworden, die auch sehr überrascht!“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=YnKEMwxCCv8

www.baumschlager.derfilm.at

BUCHTIPP:

Heute erscheint bei Ueberreuter Thomas Stipsits erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“. Darin beleuchtet er in 26 Geschichten humorvoll und hintersinnig die Suche nach dem Glück im Leben. Die Geschichten über Menschen von A wie Andreas bis Z wie Zita werden raffiniert miteinander verknüpft und beleuchten als Momentaufnahmen großes und kleines Glück. Denn: Ein Sonnenuntergang am Meer, ein gutes Glas Rotwein oder ein Lotto-Dreier – was Glück für den Einzelnen bedeutet, kann unterschiedlicher nicht sein … (Buchrezension folgt).

Am 19. September gibt Thomas Stipsits ab 18 Uhr in der Buchhandlung Thalia W3 eine Signierstunde. Der Eintritt ist frei.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.thalia.at/shop/home/filialen/showDetails/6411/

18. 9. 2017

ORF: Vorstadtweiber

August 18, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Dreharbeiten zu neuer Gesellschaftssatireserie

Bild: Petro Domenigg

Bild: Petro Domenigg

„Etwas Ungewöhnliches, Unkonventionelles, Mutiges“ – genau darauf darf sich das Fernsehpublikum freuen, wenn Drehbuchautor Uli Brée Geschichten von und um die „Vorstadtweiber“ erzählt, die derzeit in der gleichnamigen ORF-Gesellschaftssatireserie in Wien verfilmt werden. Denn in der titelgebenden „Vorstadt“ ist die Hölle los: So ein bisschen zwischen „Desperate Housewives“ und „Suburgatory„. Schließlich ist auch in einer vermeintlich besseren Gesellschaft nicht alles Gold, was glänzt. Und je höher man einmal ist, umso tiefer dann auch der Fall. Die Besetzung ist exquisit: Von den Burgtheaterschauspielern Adina Vetter und Lucas Gregorowicz über die Josefstädter Gerti Drassl,  Maria Köstlinger und Sandra Cervik bis zu Simon Schwarz, Martina Ebm, Bernhard Schir, Nina Proll, Proschat Madani Juergen Maurer, Xaver Hutter, Gertrud Roll, Johannes Nussbaum und Philipp Hochmair. Regie bei diesen zehn 45-minütigen Folgen führte beim ersten Drehblock Sabine Derflinger. Zu sehen ist die MR-Film-Produktion voraussichtlich 2015 in ORF eins.

Gerti Drassl spielt Maria Schneider, Ehefrau und Mutter eines 16-jährigen Sohnes, die alle gemeinsam mit der Schwiegermutter unter einem Dach leben. Über die Serie: „Es geht stark um Masken innerhalb der Gesellschaft, darum, was ich repräsentieren möchte und wie es mir wirklich geht. Das betrifft auch ganz stark meine Figur, und so muss Maria einen Weg zu sich hin finden. Das zu entdecken und zu spielen ist für mich sehr spannend. Und dabei sehe ich auch vieles, was ich bis jetzt noch nicht gekannt habe, oder etwas, das ich zwar schon gekannt habe, aber nun mit anderen Augen sehe. Das ist auch eine der besonderen Qualitäten dieser Serie, hinter die Fassaden blicken zu können, zu sehen, was man nach außen hin repräsentiert und was man sein will.“

Maria Köstlinger spielt die aus altem Adel stammende Waltraud Steinberg: „Die Walli, Waltraud, ist eine unendlich direkte Person, die immer das sagt, was sie denkt, das auch sehr frech, manchmal sogar unter der Gürtellinie. Sie ist eine, die sich auch alles nimmt, wenn sie es braucht, sich nichts schenkt – und auch wirklich davon überzeugt ist, dass man so durchs Leben gehen kann. Mit ihrem Mann führt sie eine recht eigene Beziehung, einen Machtkampf, der, wenn man hinschaut, vielleicht nicht ganz so nett aussieht – und trotzdem eine anscheinende gewisse Anziehung für beide hat.“ Ob es im Leben Extremsituationen braucht? „Ich befürchte, dass es viele Dinge gibt, die im Leben passieren müssen, um wirklich über sich selbst hinaus wachsen zu können. Ich glaube, dass der Mensch so strukturiert ist, dass immer erst etwas passieren muss und die Alarmglocken läuten müssen. Und bei den ‚Vorstadtweibern‘ ist es offensichtlich auch so.“

Nina Proll über ihre Rolle: „Ich spiele Nicolette Huber, eines von den ‚Vorstadtweibern‘, die eigentlich die Einzige ist, die als Boutiquenbesitzerin einen wirklichen Beruf ausübt, die selbstständig und nicht von einem Mann abhängig ist. Sie hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, und ihr großes Thema ist, die erste Frau im Leben dieses Mannes zu werden und nicht die Zweite zu bleiben.“ Ob Druck tatsächlich nötig ist, um über sich hinauszuwachsen? „Man braucht Extremsituationen, um sich selbst kennenzulernen, das glaube ich schon. In Extremsituationen erfährt man etwas über sich, über seine Ängste, sein Können, seine Fähigkeiten. Manchmal wächst man dann über sich hinaus. Manchmal scheitert man daran.“

Wie sich das Frauenbild in dieser Gesellschaftssatire zusammenfassen lässt? „Natürlich sind diese Frauen, die wir darstellen, Klischees. Alles ein bisschen überzeichnet, aber Klischees entstehen ja auch oft aus einem bestimmten Grund, weil es einen Kern von Wahrheit gibt. Und ich glaube, dass es diese Art von Frauen, die sich stark über den Mann definieren, immer gegeben hat und auch immer geben wird, dass jede Frau ein bisschen davon in sich trägt und man sich diese Identität als Frau erkämpfen und bewahren muss. Das ist für Männer offenbar viel selbstverständlicher als für Frauen.“

Martina Ebm spielt Caroline Melzer, das Nesthäkchen unter den „Vorstadtweibern“: „Die Caro ist eine Frau, die sehr bodenständig ist, und weiß, was sie will. Gut verheiratet und gleichzeitig auch sehr umtriebig. Sie ist noch sehr jung und hat einen Mann, der einiges älter ist. Das ist nicht immer leicht für sie.“ Ob es Ähnlichkeiten zwischen Rolle und Person gibt? „Man sucht natürlich immer etwas, das einen mit der Figur verbindet, aber es ist auch spannend, die Figuren zu spielen, die nichts mit einem selbst gemeinsam haben – und da finde ich auch sehr viele Anknüpfungspunkte.“ Was sich die Zuseher erwarten dürfen? „Die Serie ist sehr witzig, spontan und modern – auf eine ganz eigene Art.“

Adina Vetter über ihre Rolle der von ihrem Ehemann verlassenen, mittellosen Sabine Herold: „Ich bin eines der ‚Vorstadtweiber‘ – oder eher ein ehemaliges ‚Vorstadtweib‘. Ich komme wieder dazu, weil ich ausgestoßen wurde. Rausgeschmissen vom Ehemann, weil er eine Neue hat, kein Geld, weil ich keinen Ehevertrag gemacht habe. Ich habe ja aus Liebe geheiratet – das macht man nicht. Und jetzt stehe ich da mit einem Koffer und ein paar Schuhen.“

Proschat Madani, die derzeit auch für die dritte Staffel der ORF-Serie „CopStories“ vor der Kamera steht, spielt die Anwältin Tina. Was sich das Publikum von den „Vorstadtweibern“ erwarten darf? „Schräge Figuren, eine sehr komplexe und spannende Geschichte mit vielen Wendungen, vielen Überraschungen, vielen Geheimnissen und viel Unterhaltung, Spaß und Humor. Diese große Kunst des Drehbuchs und die Figuren, die eigentlich ziemlich schreckliche und grausige Dinge machen, die man aber trotzdem mag. Man erkennt sich sicher auch in einigen wieder. Und das ist, glaube ich, das Spannende daran.“ Ähnlich sieht das auch Sandra Cervik in der Rolle der Haushälterin Helga Pariasek: „Jeder von uns hat Geheimnisse.“

Juergen Maurer, der den Immobilienmakler Georg Schneider und Marias Ehemann spielt, über die Produktion: „Das Spannende an der Serie ist, dass es etwas Neues ist in der österreichischen Fernsehlandschaft, dieses satirische Bild auf ein anderes, soziales Segment, als es bis dato in solchen und ähnlichen Formaten bedient wurde. Nicht ‚Kaisermühlen Blues‘ und nicht ‚Ein echter Wiener geht nicht unter‘, sondern tatsächlich zwei, drei Etagen drüber. Die Hautevolee, die oberen Zehntausend und ihre Abgründe in privaten wie beruflichen Belangen. Lüge, Betrug, Korruption. Finster, ganz finster. Aber die Figuren sind alle auf eine Art und Weise Sympathieträger, weil sie zutiefst menschlich sind mit ihren kleinen und großen Krawallen, die sie haben. Sie sind fehlerbehaftet, wie wir alle – und außerdem zutiefst korrupt. Bis auf die Knochen. Aber wir siedeln auch in einem etwas höheren sozialen Segment an, und da soll es das ja geben.“ Doch einmal bei den oberen Zehntausend angekommen, ist die Fallhöhe auch umso größer: „Es geht moralisch ganz runter. Es wird kriminell, es geht politisch und geschäftsmäßig bis in die allerbösesten Korruptionskanäle. Und Georg Schneider ist ein Seiltänzer über einem sehr hohen Abgrund, der sich eine Situation gebaut hat, die derartig riskant und brisant ist, dass man geneigt ist, sich wegzudrehen und sich zu fragen ‚Um Gottes willen, wo soll das hinführen?‘. Und da geht es dann auch schnurgerade in die Katastrophe.“

Bernhard Schir steht als Bankdirektor Hadrian Melzer und Carolines Ehemann vor der Kamera: „Ich glaube, das Schöne an diesen zehn Folgen ist, dass es ein kleines Sittengemälde ist. Mit sehr viel Humor, mit sehr viel Boshaftigkeit, Zynismus, kaputten Paaren – und trotzdem mag man die alle.“ Ähnlich sieht das auch Simon Schwarz, der Josef Steinberg, Ministerialrat und Waltrauds Ehemann, spielt: „Mir gefällt es sehr gut, weil es sehr böse ist, weil alle böse sind. Aber nein, so korrupt und ständig korrupt ist meine Figur nicht. Unmoralisch vielleicht, bis zu einem gewissen Grad, und vielleicht einmal korrupt. Da muss ich die Figur in Schutz nehmen. Und unmoralisch ist Josef Steinberg auch nicht mehr als seine Frau. Das hält sich die Waage.“

Regie beim zweiten Drehblock führt nach Sabine Derflinger nun Harald Sicheritz: „Ich glaube, dass die ‚Vorstadtweiber‘ ein sehr gelungenes Sittengemälde sind. Von der Zeit, in der wir leben, von dem Moralgebäude, in dem wir leben. Und insofern macht es großen Spaß, weil ich denke, dass Humor, schwarzer Humor, und Satire die besten Waffen gegen Misanthropie sind. Und ich glaube, dass es jedem Menschen guttut, einen Spiegel vorgehalten zu kriegen – genau das versuchen wir hier. Dass man sich entrüsten kann über Dinge, die man selber lebt. Das ist ja was Charmantes, finde ich. Und die Botschaft ist ganz sicher, dass Moral und menschliche Würde gar nicht so leicht zu erreichen und zu erhalten sind.“

Drehbuchautor Uli Brée, der übrigens selbst als Anwalt vor der Kamera steht, erzählt: „Wir erzählen sehr brüchige, keine konventionellen, linear gebauten Figuren. Der Böse ist nicht der Böse – und der Gute ist nicht der Gute. Der Böse hat schöne und schlechte Seiten und der Gute genauso. Jeder ist gut und schlecht. Und jeder ist bemitleidens-, liebens-, bedauerns- und verachtenswert. Für mich ist es gerade das Spannende, Figuren zu entwickeln, die Ecken und Kanten haben, die auch Dinge tun, die nicht nachvollziehbar sind, denn wenn wir ehrlich sind, machen wir das auch oft. Das hängt nur davon ab, aus welcher Perspektive heraus man es betrachtet. Und ich will Menschen zeigen, die all diese Farben und Facetten in sich tragen.“

wien.orf.at/news/stories/2663233/

Wien, 18. 8. 2014

Kurt Palm: Kein Spaghetti-Western

Januar 10, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sein neuer Roman im Residenz Verlag:

Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini

cover_1681_lNach dem großen, mittlerweile verfilmten Erfolg von „Bad Fucking“ erscheint am 16. Jänner im Residenz Verlag Kurt Palms nächster Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini. Kein Spaghetti-Western“.

Ein Opernkomponist als Westernheld? Mozarts Librettist als Mafia-Pate? Ein Indianer als Ballonfahrer? Kurt Palm verbindet Aberwitz und historische Details zu einer ebenso haarsträubenden wie spannenden Geschichte und lässt den „Wilden Westen“ lebendig werden. Gelangweilt vom Gesellschaftsleben, nimmt Gioachino Rossini eine verrückte Herausforderung an. Sein Onkel hat ihm in Missouri einen Saloon und ein Stück Weideland vererbt, und weder die stürmische Atlantiküberquerung noch die Mühen einer 1700 Kilometer langen Fahrt können ihn abschrecken. Und als sich der Inder Kamalesh, der entlaufene Sklave Ringgold und der Indianer Big Thunder seinem Ein-Mann-Treck anschließen, kann Rossini nichts mehr aufhalten.

Unverschämt gut und unglaublich verrückt. Ein Buch nicht nur für Westernfans, Opernfreunde oder Truthahnfänger.

Lesungen und Buchpräsentationen:
19.01.2014          Wien, Rote Bar im Volkstheater
21.01.2014          Graz, Literaturhaus
23.01.2014          Wien, Literaturhaus
03.02.2014          Linz, StifterHaus
18.02.2014          Saalfelden, Kunsthaus Nexus
19.02.2014          Neukirchen am Großvenediger, Cinetheatro
20.02.2014          Salzburg, Literaturhaus

Zum Autor: Kurt Palm (geb. am 12. April 1955 in Vöcklabruck) ist ein österreichischer Autor und Regisseur. Von 1962 bis 1975 war Palm als Ministrant, Mittelstürmer (TSV Timelkam), Nachtwächter und Autostopper tätig. Das Germanistik-Studium an der Universität Salzburg schloß er 1981 mit einer Dissertation über „Brecht und Österreich“ ab. Seit 1982 arbeitet Kurt Palm als Regisseur, Autor und Volksbildner. Schrieb Bücher über Brecht, Stifter, Joyce, Mozart, Fußball und Palmsamstage. Drehte einige Kinofilme und inszenierte zahlreiche Opern und Theaterstücke im In- und Ausland. 1989 gründete er in Wien die legendäre Theatergruppe „Sparverein Die Unzertrennlichen“ (aufgelöst 1999). Von 1994 bis 1996 inszenierte er 24 Folgen von „Phettbergs Nette Leit Show“. Seit 19. November 1998 ist Palm Mitglied der „Society of Jem Casey“ in Dublin. Er lebt in Wien und Oberranna bei Unterranna bzw. Niederranna und isst vorzugsweise gebratene Forellen. Für „Bad Fucking“ wurde er mit dem Glauser-Preis 2011 für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet.

Ebenfalls im Residenz Verlag erschienen:

Bad Fucking
Sonderausgabe zum Film

Verfilmt von Harald Sicheritz nach dem Roman von Kurt Palm mit Martina Ebm, Proschat Madani, Adele Neuhauser, Wolfgang Böck, Thomas Mraz, Michael Ostrowski, Bettina Redlich, Johannes Silberschneider, Thomas Stipsits, Gerhard Liebmann u. a. Österreichweit im Kino. In Bad Fucking braut sich etwas zusammen: Zuerst liegt Vitus Schallmoser (Sonderling) tot in seiner Wohnhöhle. Dann bekommt Camilla Glyck (Bundeskriminalamt) den Auftrag, nach Maria Sperr (Innenministerin) zu suchen, die als Bauunternehmerin in Bad Fucking quasi nebenberuflich ein Asylantenheim errichten lassen wollte. Und während auf dem Sportplatz von Bad Fucking eine Gruppe Cheerleader trainiert, beschließt Jagoda Dragicevic (Putzfrau), Dr. Ulrich (Zahnarzt) wegen eines Nacktfotos zu erpressen. Unterdessen flüchtet in Wien Ludmilla Jesenská (Einbrecherin) vor ihren Verfolgern: Sie hat in Bad Fucking Fotos von geheimnisvollen Höhlenmalereien gemacht … Das alles (und noch viel mehr) geschieht, während eine Hitzewelle Europa beinahe lahm legt und sich Tausende Aale und ein Mordsunwetter auf Bad Fucking zubewegen.

www.residenzverlag.at

www.palmfiction.net

Wien, 10. 1. 2014