Das Burgtheater kommt ins Wohnzimmer

April 3, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die besten Inszenierungen aus 60 Jahren

Bild: pixabay.com

Das Burgtheater baut sein Onlineprogramm aus: Ab Karfreitag bis zum Ende der Corona-Maßnahmen werden Inszenierungen aus der Edition Burgtheater und damit aus den letzten 60 Jahren zu sehen sein. Die Lesung des Romans „Die Nacht, als ich sie sah“ von Drago Jančars geht am 5. April online. Beteiligt ist das Burgtheater-Ensemble auch an einem internationalen Projekt, das Geschichten aus Boccaccios „Decamerone“ in verschiedenen Sprachen präsentiert.

Hundert Tage lang geht täglich um 9 Uhr eine neue Folge online. Fortsetzen und weiter ausbauen wird auch das Burgtheaterstudio sein digitales Angebot: Jeden Dienstag von 17 bis 18 Uhr ist das Publikum eingeladen, online live am Theater-WorkshopFormat „Action“ teilzunehmen. Anmeldung auf der Webseite.

Den Auftakt aus der Reihe Edition Burgtheater machen Schönherrs „Glaube und Heimat“ in der Inszenierung aus dem Jahr 2001 von Martin Kušej am Karfreitag und Schnitzlers „Anatol“ aus dem Jahr 1961 in der Regie von Ernst Lothar am Ostermontag. Weitere Inszenierungen von Claus Peymann, Georg Schmiedleitner oder George Tabori werden folgen. Diese Aufzeichnungen werden jeweils am Freitag und am Montag ab 18 Uhr für 24 Stunden unter www.burgtheater.at abrufbar sein.

Ab dem 5. April, 18 Uhr, werden Roland Koch, Michael Maertens, Barbara Petritsch, Katharina Pichler und Branko Samarovski in einer digitalen Lesung von Jančars „Die Nacht, als ich sie sah“ via Webseite zu erleben sein. Vor knapp einer Woche war die Auszeichnung des Autors mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur verkündet worden.

Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Der französische Theatermacher und Regisseur Sylvain Creuzevault hat Schauspielerinnen und Schauspieler aus der ganzen Welt eingeladen, Novellen aus dem „Decamerone“ von Boccaccio aufzunehmen. In hundert Tagen entsteht so eine Serie von Hörspielminiaturen – auf Französisch, Deutsch, Englisch und in anderen Sprachen. Zwölf Mitglieder des Burgtheater-Ensembles sind an der Aufnahme beteiligt.

Texte eingelesen von Norman Hacker, Katharina Pichler und Markus Scheumann sind bereits zu hören, folgen werden Elma Stefanía Ágústsdóttir, Mehmet Ateşçi, Bardo Böhlefeld, Norman Hacker, Maria Happel, Sabine Haupt, Mavie Hörbiger, Katharina Pichler, Felix Rech, Markus Scheumann, Florian Teichtmeister und Andrea Wenzl. Die Links dazu finden sich ebenfalls auf:

www.burgtheater.at

3. 4. 2020

Das TAG in der Saison 2019/20

September 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein schöner Mann und ein wildes Weib

Dorian Gray. Die Auferstehung. Bild: © Anna Stöcher

Oscar Wilde, Euripides, Franz Grillparzer, endlich einmal Arthur Schnitzler und noch immer Gerhart Hauptmann und Anton Tschechow. In der startenden Saison widmet sich das TAG programmatisch wieder den großen Texten, überarbeitet, neugeschrieben und radikal neu gedeutet von gewieften und bewährten Theatermacherinnen und Theatermachern. Dazu kommen die bewährten Impro-Formate und erneut eine hochkarätig besetzte Konzertreihe.

Die erste Premiere der kommenden Saison ist Dorian Gray – Die Auferstehung in der Inszenierung von Mara Mattuschka am 19. Oktober. Gernot Plass widmet sich dem Stoff der Medea ab 30. November. Ein neuer Reigen wird von Thomas Richter (Text) und Dora Schneider (Regie) in Szene gesetzt, Premiere ist am 11. Februar.  In Kooperation mit der MUK feiert am 13. März Nach Hause nach Borchert Premiere. Am 25. April steht eine weitere Premiere auf dem Programm, die auf die politische Situation, die sich im Herbst neu konstituiert, reagieren wird. Wieder auf dem Spielplan sind Die Ratten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32655) und Kirschgarten – Eine Komödie ohne Bäume (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31734).

Das Moment! 2019 Impro-Festival geht Anfang Oktober im TAG über die Bühne. Workshops und tägliche Shows mit hochkarätigen Kapazundern der internationalen Improvisations-Theater-Szene in der offiziellen Festival-Sprache: Bad English! Weiter auf dem Spielplan sind die Impro-Formate Sport vor Ort, die Impro-Aufdecker-Show Fake Off!, verschiedene Impro-Workshops, der Dauerbrenner TAGebuch Slam sowie die erfolgreiche Konzertreihe. Die diesmal mit den Highlights eines Leonard-Cohen-Tributes und Bauer to the People! von Helmut Bohatsch & LSZ (Löschel, Skrepek, Zrost) aufwarten kann.

Fake Off! Die Aufdeckershow von Zieher & Leeb. Bild: © Rupert Pessl

Bauer to the People: Helmut Bohatsch & LSZ. Bild: © M. Pleesz

Zum Schluss eine kurze Rückschau: Die vergangene Spielzeit im TAG war überaus erfolgreich. 16.500 Besucher entsprachen einer Auslastung von 74 %. Die Eigendeckung lag bei 23 % und dennoch, die finanzielle Situation des TAG ist prekär: „Es gibt keine nachhaltige Kulturpolitik. Das Wiener Kulturbudget steigt, aber wo ist das ‚neue’ Geld? Nicht bei den mittleren städtischen Bühnen. Dort lässt man die Zeit vergehen und die Inflation, die sich exponentiell aufbaut, ihr schleichendes Zerstörungswerk anrichten. Bis den Betrieben sprichwörtlich die Luft ausgeht, sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr halten können oder sie sich gezwungen sehen, je nach charakterlicher Disposition der jeweiligen Leitung, diese durch unbezahlte Mehrarbeit auszubeuten. So geht es aber nicht weiter! Irgendwann schrammt auch ein noch so erleichtertes Schiff auf Grund, weil das Wasser immer flacher wird“, spricht Gernot Plass, künstlerischer Geschäftsführer des TAG, die Finanzmisere an.

dastag.at

2. 9. 2019

Landestheater NÖ: Das Programm der Saison 2019/20

September 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Highlights der startenden Spielzeit

Präsentierten das Programm der Spielzeit 2019/20: Ludwig zur Hörst, Julia Engelmayer, Marie Rötzer und Olivia Khalil. Bild: Franziska Liehl

Eröffnet wird die vierte Spielzeit von Marie Rötzer am Landestheater Niederösterreich am 12. September im Großen Haus mit der Premiere von Friedrich Schillers Der Parasit. Der große klassische Dramatiker Schiller erweist sich auch in dieser Komödie als Meister des Spannungsaufbaus und der Figurenzeichnung. Die Handlung des Stücks stammt aus der Feder von Louis Benoît Picard. Bei Schiller ist der Parasit auf den mittleren Sprossen der Karriereleiter zu finden.

Dort siedelt er im gehobenen Beamtenmilieu sein furioses Lustspiel an, das mit feinstem Komödienbesteck die Winkelzüge des titelgebenden Parasiten Selicour und die Mechanismen von Manipulation und Machtgewinn filetiert. Der junge Schweizer Regisseur Fabian Alder inszeniert die überraschende, in „schillernder“ Sprache verfasste Komödie als Koproduktion des Landestheaters Niederösterreich und des Stadttheaters Klagenfurt. Als Gäste im Ensemble sind unter anderen Heike Kretschmer und Tobias Voigt zu sehen.

Am 27. September steht im Großen Haus die Premiere von William Shakespeares Hamlet auf dem Spielplan. Der junge Prinz erlebt seine Wirklichkeit wie einen bösen Traum, in dem sämtliche Regeln und Gesetze außer Kraft gesetzt sind. Denn wie kann es anders sein, wenn seine Mutter den Mann heiratet, der seinen Vater ermordet hat? Und Claudius, nun der Stiefvater Hamlets und neue König, den Mord tief und fest verleugnet? Wie kann Gerechtigkeit herrschen, wenn die Welt auf Lügen aufgebaut ist? Der junge britische Regisseur Rikki Henry war Teilnehmer des Marstallplan-Festivals 2018 für junge Regie am Residenztheater München und früherer Mitarbeiter der Theaterlegende Peter Brook. In seiner ersten Arbeit am Landestheater Niederösterreich inszeniert er Shakespeares rätselhafte Tragödie als modernen Mythos über Macht und Moral.

Der Parasit: Heike Kretschmer, Tobias Artner, René Dumont und Tobias Voigt. Bild: Alexi Pelekanos

Hamlet: Tim Breyvogel übernimmt die Rolle des dänischen Prinzen. Bild: Alexi Pelekanos

Scharfsichtig und mit witzigen Dialogen spiegelt Ödön von Horváth in seiner abgründigen Komödie Italienische Nacht die politischen Verhältnisse der 1930er-Jahre und ihre Folgen. Noch während die Proben zur Uraufführung in Berlin liefen, sprengten im Februar 1931 Nationalsozialisten eine Versammlung der Sozialdemokraten. Horváth war Zeuge der Massenschlägerei, die 26 Verletzte und mehr als 100 kaputte Bierkrüge hinterließ. Nach „Das goldene Vlies“, „Dantons Tod“ und „Ödipus / Antigone“ inszeniert die spanische Regisseurin Alia Luque erneut einen hochpolitischen Theaterstoff am Landestheater, Premiere ist am 30. November.

Am 30. Jänner findet im Großen Haus die Uraufführung von Figaros Hochzeit (Aber nicht die Oper!) – Die Geschichte eines revolutionären Friseurs nach Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte statt. Gemeinsam mit seinem Schauspiel-Ensemble begibt sich der Regisseur Philipp Moschitz lustvoll auf eine musikalisch-theatrale Entdeckungsreise in die unbekannten Regionen des Mozart’schen Kosmos. Moschitz hat in der vergangenen Spielzeit mit seiner Inszenierung der Komödie „Um die Wette“ für Begeisterung gesorgt und wurde damit zum renommierten internationalen Regie-Festival „Radikal jung“ in München eingeladen.

Es ist die Zeit der weltpolitischen Krisen und gesellschaftlichen Verunsicherungen am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als Thomas Mann mit Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull seinen erfolgreichsten Roman beginnt. Mit der ihm eigenen Ironie und Doppelbödigkeit schildert er seine „Helden des Zeitalters“, die gespaltenen Figuren, die am Widerspruch zwischen Schein und Sein, zwischen äußerer Geltung und innerer Einsamkeit leiden. Regisseur Felix Hafner, der zuletzt sehr erfolgreich am Landestheater Stefan Zweigs „Flucht ohne Ende“ inszeniert hat, nimmt die Geschichte des gerissenen Kriminellen und Phantasten zum Anlass, um die Frage „Will die Welt betrogen werden?“ neu zu stellen. Premiere ist am 14. März in der Theaterwerkstatt.

Als der Entdecker und Seefahrer Christoph Kolumbus 1492 in See sticht, um die Weststrecke nach Indien zu erkunden, befindet sich Europa mitten in extremen Umbrüchen. Es ist der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, zum Beispiel, dass die Erde keine Scheibe ist, verändern den Kontinent in all seinen Gewissheiten. Was für die einen den Weltuntergang bedeutet, ist für die anderen der Weg in eine strahlende Zukunft. Der kroatische Dramatiker Miroslav Krleža, 1893 in Zagreb geboren, gilt als einer der großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In seinem 1917 entstandenen Stück Christoph Kolumbus verdichtet er die Ideale des Sozialismus mit der Botschaft aus der katholischen Heilsgeschichte.

In starken, expressionistischen Bildern erzählt Krleža von Kolumbus’ abenteuerlicher Seefahrt und zieht Parallelen zwischen der Epoche der Renaissance und der revolutionären Aufbruchsstimmung Kroatiens vor dem Ersten Weltkrieg. Der kroatische Regisseur Rene Medvešek hat das Kolumbus-Projekt bereits 2014 in Zagreb als großes, formstarkes Musiktheater mit Schauspielern inszeniert. Mit den Ensembles des Landestheaters Niederösterreich und der Vereinigten Bühnen Bozen kommt es nun zu einer Neuinszenierung, deutschsprachige Erstaufführung ist am 20. März.

„Einer für alle, alle für einen!“ Diese Losung war eine politische Proklamation, denn die berühmte Soldatentruppe der Musketiere kämpfte im frühen 17. Jahrhundert mit ihren schnellen Degen im Dienst des französischen Königspaares Ludwig XIII. und Anna von Österreich. 200 Jahre später, im Jahr 1840, verband Alexandre Dumas die historischen Ereignisse mit erfundenen Geschichten rund um den jungen Gascogner Soldaten D’Artagnan. Entstanden ist mit Die drei Musketiere eines der berühmtesten Abenteuerepen über Treue und Tapferkeit, Liebe und Freundschaft. Eingebettet in einen stimmungsvollen Hintergrund, inszeniert Regisseur Robert Gerloff den Mantel-und-Degen-Stoff mit viel Humor, Live-Musik und packenden Kampfchoreografien für Jung und Alt. Premiere ist am 10. Juni.

Alex, ein junger Vater, erzählt von seinem privaten Familienglück, den alljährlichen Urlaubswochen in Südfrankreich, von einem idyllischen Sommertag. Schwimmen im Meer, Tauchen zu den Unterwasserklippen an der Steilwand, Sonnenbaden am Strand. Völlige Harmonie – bis das Entsetzliche passiert und eine kleine Unachtsamkeit Alex’ Leben für immer erschüttert. Simon Stephens, einer der wichtigsten britischen Dramatiker der Gegenwart und vielfach ausgezeichnet, stellt in Steilwand die universale Frage nach Schuld und Erlösung. Tim Breyvogel, seit 2016 Ensemblemitglied am Landestheater Niederösterreich, wird den dichten Monolog nicht nur schauspielerisch, sondern mit einem rhythmisch-klangvollen und vielstimmigen Sound aus seinem DJ-Pult als multimediales Erlebnis an unterschiedlichen Orten und Plätzen in St. Pölten auf die Bühne bringen. Die Orte und Termine werden noch bekannt gegeben.

Caligula: Ben Becker. Bild: Christina Baumann-Canaval

Schiller Balladen: Philipp Hochmair. Bild: Heike Blenk

An Gastspielen sind unter anderem angekündigt:

Schiller Balladen mit Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes. Feinste deutsche Lyrik meets Elektro-Beats: Philipp Hochmair und seine Band verwandeln Schillers berühmte Balladen in ein exzessives Rockkonzert. Die mehr als zweihundert Jahre alten Verse sind dem Schauspielerstar absolutes Lebenselixier, sie haben für ihn nichts mit Schulzwang und Bildungsbürgertum zu tun, sondern mit Techno, Industrial und Ekstase. Am 23. November. Mit Konfrontation!

NT Gent: Black/The Sorrows of Belgium I: Congo. In seiner Trilogie „Black“, „Yellow“ und „Red“, den belgischen Nationalfarben, verarbeitet Regisseur Luk Perceval die Geschichte und Identität Belgiens. Der erste Teil „Black“ befasst sich mit dem kolonialen Erbe im Kongo. Bei der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 wurde dem belgischen König Leopold II. der Kongo als Privatbesitz zugesprochen. Damit begann für die Bevölkerung des rohstoffreichen Landes ein Martyrium schrecklichen Ausmaßes: mit ungeheurer Brutalität wurde die gesamte Bevölkerung für die Kautschukernte herangezogen. Leopold II. war verantwortlich für grausamste Menschenrechtsverletzungen. Im Mittelpunkt der bildstarken und musikalischen Inszenierung steht der afroamerikanische Missionar William Henry Sheppard, der dies dokumentierte und Aufmerksamkeit schuf für ein Verbrechen, das in Belgien bis heute weitgehend verdrängt wird. Österreich-Premiere ist am 14. Februar.

Salzburger Landestheater: Caligula von Albert Camus. Die Sehnsucht nach dem Amoralischen treibt diesen tyrannischen Herrscher an – und der Wunsch, einmal den Mond zu besitzen. „Caligula“ ist die Tragödie maßlosen Machtwillens. Der vom Drang nach dem Absoluten besessene Caligula glaubt, die Treue zu sich durch die Untreue gegen die anderen gewinnen zu können. Caligula ist kein brutaler Despot, sondern ein raffinierter, intellektueller Verbrecher, der seine Untertanen immer weiter treibt, wie in einem Experiment, um zu prüfen, was sie alles erdulden. Als er endlich unter den Dolchen der Verschwörer zusammenbricht, sind seine letzten Worte: „Ich lebe. Ich lebe.“ Eine Paraderolle für Ben Becker, Inszenierung John von Düffel und Marike Moiteaux. Gastspielpremiere ist am 22. April.

www.landestheater.net

2. 9. 2019

TheaterArche: Das Programm der Saison 2019/20

Juli 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Crowdfunding für „MAUER“ und „HiKiKoMoRi“

MAUER: Eszter Hollosi, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Jakub Kavin, Nagy Vilmos, Ivana Nikolic, Andrea Novacescu, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak und Ivana Veznikova. Bild: Jakub Kavin

Nach der fulminanten Eröffnungsproduktion „Anstoß – Ein Sportstück“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31865) im Jänner dieses Jahres hat sich das Team der TheaterArche für seine erste komplette Saison 2019/20 einiges vorgenommen. Geplant sind vier Eigenproduktionen, ein einwöchiges Festival und zahlreiche Gastspiele, wie zuletzt der gefeierte Čechov-Abend von Arturas Valudskis und seinem „Aggregat“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33317).

MAUER ist der Titel der ersten Eigenproduktion, die am 7. November – anlässlich des Falls der Berliner Mauer vor 30 Jahren – uraufgeführt wird. Jakub Kavin, künstlerischer Leiter der TheaterArche, hat die Textcollage nach einem Stück von Thyl Hanscho erdacht, und um autobiografische Berichte von Vaclav Havel, Schilderungen des Grenzsoldaten Jürgen Fuchs von der Grenze zwischen den USA und Mexiko, Erzählungen eines ehemaligen Auftragskillers, zahlreicher Flüchtender aus Lateinamerika sowie diversen anderen autobiografischen Erinnerungen ergänzt.

Proben zu MAUER: Regisseur Jakub Kavin mit Schauspieler Bernhardt Jammernegg. Bild: Jakub Kavin

Proben zu MAUER mit Andrea Novacescu und Maksymilian Suwiczak. Bild: Jakub Kavin

Wie stets wird die Inszenierung in kollektiver Forschungsarbeit entwickelt. Kavin: „Wir wollen die physischen wie psychologischen Mauern die Menschen umgeben, voneinander trennen, einsperren oder auch beschützen, untersuchen. Der Abend wird eine theatrale Reise rund um die Welt, vom ehemaligen Osteuropa, nach China, bis zur Mauer, die Donald Trump errichten möchte. Es geht also um Mauern einst und heute, in den Köpfen und in der Realität.“

Umgesetzt wird das Projekt von zehn Schauspielerinnen und Schauspielern, Eszter Hollosi, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Jakub Kavin, Nagy Vilmos, Ivana Nikolic, Andrea Novacescu, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak und Ivana Veznikova, in sechs Muttersprachen – Deutsch, Polnisch, Rumänisch, Serbisch, Tschechisch und Ungarisch. Die Musik kommt von Jammernegg, Jost und Suwiczak.

Für „MAUER“ läuft wieder ein Crowdfunding, wobei mehr als zwei Drittel bereits finanziert sind. Für die restlichen knapp 5000 Euro bleiben 37 Tage Zeit, um sich ein Premierenticket samt Sekt, ein Saison-Abo, eine Wohnzimmerlesung oder Schauspielunterricht zu gönnen – oder das Theater für einen Tag zu mieten.

Video: www.youtube.com/watch?v=fkG2C6GpWlE           Crowdfunding: wemakeit.com/projects/mauer

Nach der österreichischen Erstaufführung von NITTEL – BLINDE NACHT, einem Drama von Simon Kronberg über ein Pogrom in der Weihnachtszeit 1941, am 19. Dezember in der Regie von Christoph Prückner, folgt am 19. März als nächste Eigenproduktion HIKIKOMORI, ein Theaterstück nach einer Idee von Jakub Kavin, ein „schizophrener Monolog“, geschrieben im dialogisch-schriftstellerischen Ping Pong von Sophie Reyer und Thyl Hanscho, den Koloratursopranistin und Schauspielerin Manami Okazaki (www.manami-okazaki.com) mit Klavier und Saxophon als Spielpartner performen wird.

Regisseur Kavin: „Auf unserer Forschungsreise nach Japan haben wir versucht, uns möglichst tiefgreifend mit dem Phänomen Hikikomori auseinanderzusetzen. Es ist ein Begriff für junge Menschen, die nach Schulverweigerung oder Arbeitsunfähigkeit viele Jahre zu Hause bleiben, ein Syndrom, ein Tabu, eine Volkskrankheit, die in Japan jeder kennt. Laut einer Studie haben sich in Japan 700.000 Menschen, die im Durchschnitt 33 Jahre alt sind, auf diese Weise zurückgezogen. Das bedeutet, es gibt heute bereits 50-Jährige, die seit 35 Jahren zu Hause eingesperrt sind, sich von ihren 80-jährigen Eltern das Essen vor die Tür stellen lassen und nie aus ihrem Zimmer kommen …“

Manami Okazaki performt „HiKiKoMoRi“. Bild: Jakub Kavin

Manami Okazaki wird den Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen, Frustrationen, die diese Rückzugsbevölkerung plagen, mit ihrem Gesang, ihrer Sprache und ihren Instrumenten Ausdruck verleihen, wird vom überspannten Nichtstun zum unkoordinierten Alles-auf-einmal-Machen wechseln, vom Messi zum Putzteufel, von Mager- zu Fresssucht – bis die Absurditäten überhand nehmen …

Auch für diese Produktion, die im Mai kommenden Jahres nach Japan übersiedeln soll, läuft ein Crowdfunding – nur noch sechs Tage werden unter anderem Wohnzimmerkonzerte oder ein Geburtstagsständchen angeboten. Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=hXRz-mtt6UM           Crowdfunding: wemakeit.com/projects/hikikomori

Als vierte Eigenproduktion schließlich stehen im April/Mai entweder DIE SCHAMLOSEN – eine Textcollage von Nagy Vilmos mit Texten von Daniil Charms oder VERSUCHE EINES LEBENS – eine Stückentwicklung von Thyl Hanscho auf dem Programm. „Hier müssen wir noch aus produktionstechnischen Gründen, auf die finale Entscheidung warten, welches Stück schlussendlich im Frühjahr gespielt wird. Das andere Stück folgt dann im Herbst 2020“, so Kavin, der für den Jänner 2020, genauer: 13. bis 19., ein FESTIVAL DER VIELFALT verspricht: „Mit Tanztheater, diverser Musik, Clownerie und Kabarett bereiten wir eine bunte und internationale Woche vor. Dies Festival soll ein weiterer Schritt dazu sein, die TheaterArche als Haus für die vielfältige, spartenübergreifende Freie Wiener Szene zu etablieren“.

Womit die Sprache nun auf die Gastspiele kommt, von denen Kavin seinem Publikum vorerst drei ans Herz legen möchte: von 8. bis 12. Oktober „Blasted“ von Sarah Kane im englischen Original, eine Koproduktion Mental Eclipse Theatre House und Vienna Theatre Project, von 18. bis 20. Oktober „Yogur Piano“ von Gon Ramos aus Madrid und ergo auf Spanisch, und von 5. bis 8. Dezember das surreale Zirkustheater „Picknick For One“.

www.theaterarche.at

  1. 7. 2019

Rabenhof: Das Programm der Saison 2019/20

Juni 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Monster, Nymphen, Rock’n’Roll

„Wir Staatskünstler – Jetzt erst recht!“: Thomas Maurer, Florian Scheuba und Robert Palfrader starten ihre neue Bühnenshow kurz nach der Nationalratswahl. Bild: © Pertramer / Rabenhof

„Das Gemeindebautheater ist und bleibt das Volkstheater der Herzen“, freut sich Thomas Gratzer, künstlerischer Leiter des Rabenhof Theaters bei der Präsentation des Programms für die kommende Spielzeit. Die diesjährige schließt der Hausherr mit 81.556 Zuschauerinnen und Zuschauern ab, bei 312 gespielten Vorstellungen gleichbedeutend mit einer Auslastung von 90,05 Prozent. „Der Mix aus Theater, Politsatire, musik- theatralischen Projekten und Literaturveranstaltungen hat nichts an Attraktivität eingebüßt“, so Gratzer.

Der eine weitere Zusammenarbeit mit den „Big Playern“ der Satire-Szene ebenso verspricht, wie die Dramatisierung und Uraufführung von Kurt Palms Roman „Monster“, „Orpheus in der Unterwelt“ als erste Operette im Rabenhof und ein Gastspiel der großartigen Sophie Rois.

Los geht’s am 4. Oktober mit Wir Staatskünstler – Jetzt erst recht! Thomas Maurer, Robert Palfrader und Florian Scheuba starten kurz nach der Nationalratswahl ihre neue Bühnenshow – und werden gewohnt bissig und schonungslos aufdecken, was bis dahin aus Sebastian Kurz als frischgebackenem Altkanzler und Pamela Rendi-Wagner als altbackener Zukunftshoffnung geworden ist. Unterstützt werden die Herren erstmals von Gerhard Haderer, der ihr Programm mit seinen Illustrationen begleiten wird. Als Nymphen in Not weisen sich ab 6. Oktober Ulrike Beimpold, Angelika Hager, Maria Happel und Petra Morzé aus. Bei ihrer exzentrischen Sonntags-Matinée-Show taucht das Quartett durch die Themen-Gewässer Power Aging, Selbstoptimierung, Botox-Gespenster, neurosengerechter Umgang mit Wutbürgern aller Art, Instagramitis und einer Idiotenbeschäftigung namens Liebe.

Christoph Krutzler in „Monster“. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Am 5. November folgt Monster, Kurt Palms grotesk-komischer Roman als bitterböse Bühnenshow von Regisseurin Christina Tscharyiski und Fabian Pfleger. Inhalt: Ein abgetrennter Frauenfuß und das Hinterbein eines Hundes sind die Auslöser für die verzweifelten Ermittlungen des Polizisten Alfons Stallinger, die ihn vom örtlichen Strandbad über ein Flüchtlingsheim und ein Seebühnenkonzert in die Groteske des heimischen Politsumpfes führen. Vorkommen außerdem ein lesbisches Vampirpärchen und hemmungslose Rockmusik. Den Kiberer gibt Christoph Krutzler.

Mit Premiere am 10. Dezember sind Sandra Cervik, Erni Mangold und Esra Özmen als 3 Frauen und 1000 Bücher unterwegs. Eine literarischen Tour de Force von Stefanie Sargnagel und Lina Loos über Elfriede Jelinek und Joan Didion bis Hildegard von Bingen. Orpheus in der Unterwelt – A Tribute To The 70’s präsentieren Ruth Brauer-Kvam und Kyrre Kvam ab 14. Februar. Drogenrausch, Glam-Rock, Ehekrisen, Lug, Betrug und Eitelkeiten mit Musik von Elvis bis Jim Morrison, von Iggy Pop bis Jürgen Marcus, dargeboten von Salka Weber, Florian Carove, Johannes Huth, Kyrre Kvam, Thomas Mraz und Austrofred. Ab 2. April werden Peter Hörmanseder und Robert Stachel aka Maschek zur Vox Populi, kaputte Medienwelt – Teil II. Die Syncro-Anarchisten starten mit einer neuen Show in ihrer Homebase.

Ihr aktuelles Programm Maschek XX – 20 Jahre Drüberreden (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30120) wird am 24. September wiederaufgenommen, ebenso wie Alles für’n Hugo von Katharina Straßer am 2. Oktober (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32204), Dirk Stermanns und Christoph Grissemanns Gags, Gags, Gags! am 17. Oktober (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24388) und die Georg-Danzer-Hommage Jö schau von Lucy McEvil, Christoph Krutzler, Oliver Welter und Alf Peherstorfer am 19. Oktober (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32987).

Jö schau: Lucy McEvil, Oliver Welter, Christoph Krutzler, Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman

Alles für’n Hugo: Katharina Straßer und Boris Fiala mit ihrer Hommage an Cissy Kraner. Bild: © Rita Newman

Christoph Grissemann und Dirk Sterman haben fürs Publikum wieder „Gags, Gags, Gags!“. Bild: © Udo Leitner

Maschek – Peter Hörmanseder und Robert Stachel: Auf „Fake!“ folgt als Teil zwei „Vox Populi“. Bild: katsey.org

Auch an Gemeindebau-Spezialitäten wird wieder einiges geboten, etwa am 22. Oktober die unglaublich sympathische Institution „Beschwerdechor“ in Zusammenarbeit mit EsRAP, der lässigsten Rap-Formation des Landes, und Mia san mia und de andan olle Gfrasta. Am 30. November und 1. Dezember heißt es Have a cup of tea with Sophie Rois, Songs und Storys über Inzest, Unschuld und Klassenbewusstsein von Ian McEwan und The Kinks. Ab 14. Jänner fragt Nina Proll Kann denn Liebe Sünde sein?, und freilich fehlt auch der Protestsongcontest nicht – Termin: 12. Februar.

www.rabenhoftheater.com

29. 6. 2019