Volx/Margareten: Vereinte Nationen

Oktober 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Unentschieden zwischen Untiefen

Martina hat mutmaßlich mehr als nur Himbeeren zu schlucken: Nélida Martinez mit „Vater“ Philipp Auer. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es ist immer noch nicht ausgemacht, ob hier etwas über enigmatische Komplexität und Metaphernhaftigkeit zu raunen oder doch Quatsch zu konstatieren ist. Am Volx/Margareten zeigt das Volkstheater als Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar Clemens J. Setz‘ „Vereinte Nationen“ – und der gefeierte Prosa-Autor macht es mit seinem Debütstück dem Publikum und offenbar auch dem Leading Team schwer.

Hoch drei rückte das Prinzip Gonzo (Holle Münster für die Regie, Robert Hartmann für die Musik, Alida Breitag als künstlerische Mitarbeiterin) in Wien an, um den Text, der schon bei der Uraufführung in Mannheim und einer weiteren Inszenierung in Graz kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte, zu stemmen. Als Resultat präsentiert sich kristallwasserklar die Janusköpfigkeit des Wortes Untiefe. Und zwischen hin und her ein klares Unentschieden.

„Vereinte Nationen“ verhandelt die Deformierungen eines Kindes durch Erziehung. Heißt: Das Ganze ist ein Fake, denn die Eltern Anton und Karin drehen ihr Durchdrehen gegenüber Tochter Martina für Abnehmer im Internet, die Zahl der Perversen, die sich die Obedience-Prüfungen anschauen, steigt täglich. Mit den Freunden Oskar und Jessica haben die Eltern ein Paar Fädenzieher im Nacken, das bei der Vermarktung der Filme hilft, Marktbeobachtung im Netz betreibt, und ergo Ideen für die Umsetzung beisteuert. Es gibt schließlich Publikumswünsche zu erfüllen.

Ringkampf um den Fön: Nélida Martinez und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der zerplatzte Luftballon als Zeichen für sexuellen Missbrauch? Nélida Martinez. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die da wären: eine Himbeerüberfütterung und ein Fön-Ringkampf. Das ist als sprachliches Bild nicht viel, als Bühnen-Bild aber wenig. Die Gonzos schaffen es nicht, die Leerstellen zu füllen, die Setz‘ Stück (mit welchen Intentionen auch immer / Furcht vor dem Plakativen?) offen hält. Lässt der Text die Hoffnung auf eine Art Bedeutung immerhin keimen, fehlt der Aufführung des Performance-Kollektivs das Abgründige, eine wie auch immer geartete „Meta-Ebene“ oder ein Andeuten des Schreckens durch Spiel, weitgehend. Und so bleiben Himbeeren halt Himbeeren. Einmal zerplatzt die „kleine Maus“ in ihren Händen einen Luftballon, den „Mann“ ihr geschenkt hat; mit lautem Knall zerbirst das Ding wie ein Kinderleben, das ist das stärkste Bild des Abends. Ein Missbrauchsbild, mag man interpretieren.

Ansonsten werden die nicht näher ausgeführten platten Handlungen der Protagonisten in einer knallbunten Kulisse abgespult, einem Wohnzimmer-Dschungelcamp, die Schauspieler darin allesamt in Adidas-Buxe. Da ängstigte sich niemand von wegen plakativ, und Performance darf natürlich auch sein. Martina ihrerseits übt nämlich Kontrolle über die anderen aus, indem sie sie mit Video-Worten manipuliert. Sie spult das Spiel mit „Fast Forward“ oder „Rewind“ vor und zurück, lässt die Mitspieler mit „Mute“ verstummen oder erschöpft sie mit „Loops“, nur „Play“ sagt sie nie. Es wird sich klären, dass Martina ihr Martyrium aus einer Rückschau berichtet. Zum Schluss steht sie da im schwarzen Businessoutfit als Erwachsene (manche Zuschauer meinten: ihrer Begräbniskleidung) und schmiert sich mit Himbeeren „blutig“ – und da ist man dann doch wieder bei metaphernhaft … und Kindheit, die man nie mehr los wird …

Anton und Karin in der Kulisse ihrer Wohnzimmer-Dschungelshow: Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die Abnehmer der Video-Aufnahmen: Anton Widauer und Emilia Rupperti. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es spielen Studierende des Max-Reinhardt-Seminars. Nélida Martinez gefällt als Martina von der ersten Szene an. Mit riesig aufgerissenen Kinderaugen stopft sie sich einen Schöpflöffel voll der roten Früchte in den Mund, von ihrem Schöpfer – im doppelten Wortsinn: real und virtuell – dabei traktiert wie von einem Drillsergeanten. Eine eindrückliche Szene, mit Philipp Auer als dem Vater, von dem man später erfahren wird, dass er der liebevollere Elternteil ist, der dieses Treiben nur aus menschlicher Schwäche mitmacht.

Martinez‘ in Panik verzerrtes Gesicht setzt ihm so zu, dass er sich vor Selbstekel gleich mit ihr übergeben möchte. Die beiden spitzen diesen Akt der Unterdrückung bis an die Grenze des Unerträglichen an. Wäre der Rest des Abends gleich intensiv geblieben, es wäre eine Freude gewesen.

Doch weder Clemens J. Setz noch Holle Münster haben dem viel nachzusetzen. Clara Schulze-Wegener als Mutter Karin und Emilia Rupperti als Freundin Jessica füllen ihre eindimensionalen Frauenfiguren, die Macherin und Mitmacherin, mit größtmöglichem Leben.

Als Story für die beiden kann man zusammenreimen, dass Karin neben dem Wunsch nach Geld auch von dem Wunsch nach Bedeutung getrieben wird. Sie quält ihr Kind, um nicht mehr „die Unwichtigste in der Familie“ zu sein. Jessica sieht und erspürt dies alles, ein Bluterguss am Oberarm weist Oskars Brutalität aus?, und versagt sich daher eigene Kinder. Auch Anton Widauer hat in seiner Rolle als Oscar wenig darstellerische Herausforderung zu meistern. Doch er changiert wunderbar zwischen smartem Businessmann und unterschwellig Grobian. All das darf man selber sagen, weder von Autor noch Regie gibt es sachdienliche Hinweise auf eigenes Wollen und Wirken oder Motivationen der Figuren.

Diesbezüglich offenbleibende Fragen über die Banalität des Blöden, über ein Am-Kern-der-Sache-Vorbeischlittern oder einen erstaunlich fehlenden Mut zu Härte und Risiko wurden auf dem Heimweg diskutiert. Dritter Versuch – durchgefallen? Wie wichtig es wäre, dies Stück endlich zu fassen zu kriegen, zeigt ein Telefonmitschnitt aus den USA, der derzeit durch die Medien geht. In dem von der Polizei abgefangenen Gespräch „bestellt“ ein Mann ein Mädchen zwischen neun und sieben Jahren – und checkt mit dem Anbieter aus, was er mit dem Kind alles tun kann. Am Ende die Frage: „Can I kill her?“ – „Yes.“ Das Mädchen ist noch nicht gefunden.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Forum Frohner: Das Prinzip Collage

Oktober 5, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Geklebte Bilder über das Tabuthema Sex

Adrian Marc: Optic Destruction No. 3, 1967 Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA, © Bildrecht, Wien, 2015, Bild: Michael Wolschlager

Adrian Marc: Optic Destruction No. 3, 1967
Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA, © Bildrecht, Wien, 2015, Bild: Michael Wolschlager

Ab 10. Oktober zeigt das Forum Frohner in Krems die Ausstellung „Das Prinzip Collage“. In Adolf Frohners Schaffen spielte die Kombination der Medien eine zentrale Rolle. Obwohl er mit seinem Werk vorwiegend als Maler und Zeichner international rezipiert wurde, zeigt sich heute, dass der Dialog von Zeichnung, Malerei, Plastik und Fotografie mittels Collage und die Integration faktischer Werkstücke seine Bedeutung maßgeblich bestimmte. Er nutzte das Verfahren während seines gesamten Schaffens und erprobte die Variationen dieser Technik anhand spezieller Themenkomplexe. Diese bilden den Ausgangspunkt dafür, dem Prinzip Collage in zeitgleichen österreichischen Positionen nachzuspüren und Impulse bis in die Gegenwart zu skizzieren.

In den sechziger Jahren erlebte das papier collé – Erfindung von Kubismus, Surrealismus und Dadaismus der 1920er-Jahren – im Kontext von Pop-Art und Fluxus international eine Wiederbelebung. Die zweidimensionale Ausweitung der Darstellung durch das Aufkleben, „collé“, wurde zum combined painting und zur Objektcollage erweitert, das Gefundene als direkte Aneignung von Wirklichkeit zum Objekt transformiert. Die Erweiterung der Collage zur Assemblage gilt als zentrale Innovation der 1960er-Jahre. Die Arbeit mit gefundenem Material bietet die Möglichkeit, einen kritischen Umgang mit dem „Realen“ zu entwickeln und dem Illusionismus entgegenzuwirken. Die Beschäftigung mit historischen Prinzipien der Collage stellt dabei einen wichtigen Aspekt dar.

Parallel dazu entstand im Kontext der konkreten Kunst der Versuch, das Subjektive mittels Objektivierung der Bildmittel zu verweigern. Kunst über die Bedingungen von Kunst ist das Motto.  Künstler wie Adolf Frohner, Padhi Frieberger, Otto Muehl, Hermann Nitsch oder Hermann Painitz reflektierten diese Verfahrensweise und entwickelten abseits des Illusionistischen neue Möglichkeiten der Interpretation des Wirklichen. Beispiele dafür sind das Objekt „Hier wohnt Max Ernst“ aus dem Jahr 1964 von Adolf Frohner, bei dem er Schrift, Bild und Gefundenes verbindet und seine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Collage sichtbar wird, sowie Padhi Friebergers combined painting „Für mich gemacht“ aus dem Jahr 1970, bei dem Frieberger Autobiografisches einbringt.

Das kritische Potenzial des Prinzips Collage wird in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Diskursen und politischen Mechanismen deutlich. Durch die Verbindung mit Texten und Schriftfragmenten und die Ausweitung zum collagierten Objekt werden politische Ereignisse mittels Verfremdung reflektiert. Einen Schwerpunkt stellt die Beschäftigung mit Tabubereichen wie Sexualität und Erotik dar, für die neue mediale Ausdrucksformen wie die Typocollage oder die Fotomontage verwendet werden. Besonders für weibliche Kunstschaffende wurde die Auseinandersetzung mit dem Rollenbild der Frau zu einem Anliegen. Sie greifen geschlechtsspezifische Diskurse auf und analysieren das Bild der Frau in Medien und Gesellschaft. Der Blick auf Normatives steht hier im Zentrum.

In der Schau gezeigte Künstler sind unter anderem: Marc Adrian, Alexandra Baumgartner, Franz Beer, Elfriede Mejchar, Otto Muehl, Oswald Oberhuber, Ingeborg Pluhar, Gerhard Rühm, Judith Saupper und Daniel Spoerri.

www.kunsthalle.at/de/forumfrohner/

Wien, 5. 10. 2015